Charles sah auf und war überrascht, Sylvia zu sehen, die sich in der Mitarbeiterkantine ihren Weg durch die Tische zu ihm bahnte. In dem leuchtend rot-weißen Kleid, das sich eng um ihre Hüften schmiegte und die Schultern freiließ, war sie eine atemberaubende Erscheinung in dieser Wüstenei weißer Laborkittel. Ihr Lächeln war strahlend – aber es schien nicht ihm allein zu gelten – es war für die ganze Welt bestimmt.
»Du bist früh dran«, sagte er und erhob sich, als sie seinen Tisch erreichte. Sie waren erst zwei Stunden später verabredet.
»Ich weiß.« Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Die Worte quollen nur so aus ihr heraus. »Aber es sind schon drei Tage, und ich habe Jeffy vermisst und konnte nicht länger warten. Deine Sekretärin sagte mir, du wärst hier, und beschrieb mir dann den Weg, als ich ihr sagte, sie solle dich nicht anpiepen. Was ist das, was du da trinkst?«
»Tee. Möchtest du auch einen?«
Sie nickte, zog aber eine Grimasse mit Blick auf seine Tasse. »Aber nicht so etwas Heißes, Milchiges wie das da. Geeist, wenn sich das machen lässt. Und durchsichtig.«
Er ging und holte ihr einen Eistee und eine neue Tasse normalen Tee für sich selbst, und war sich bewusst, dass alle Augen ihn anstarrten und sich zweifellos fragten, wo Charles Axford diesen liebreizenden Vogel bisher verborgen gehalten hatte.
Sie nippte prüfend an ihrem Glas. »Der ist gut.« Sie sah sich um und ein schalkhaftes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ich hätte nie gedacht, dass du in die Betriebskantine gehen würdest.«
»Immer wenn mich ein Anflug von Selbstzweifel überkommt«, sagte er mit gespielter Ausdruckslosigkeit, »dann halte ich es für therapeutisch sinnvoll, mich unter die niedrigeren meiner Mitgeschöpfe zu mischen. Das stellt mein Vertrauen in mich selbst wieder her.«
Sylvia belohnte ihn mit einem Lächeln. »Wie geht es Jeffy?«
Sie hatte ihm diese Frage jeden Tag gestellt, seitdem sie ihn am Montag hiergelassen hatte, und er hatte es geschafft, sie hinzuhalten. Aber heute war Donnerstag, und er konnte sich nicht länger drücken. Er musste ihr reinen Wein einschenken.
»Nicht gut. Er retardiert zweifellos. Alle Tests durch die Bank bestätigen das, wenn man sie mit seiner letzten Untersuchung vergleicht. Wir haben sämtliche Tests durchgeführt – ihn mit allen möglichen Mitteln durchleuchtet, wir haben vierundzwanzig Stunden EKGs gemacht und die durch den Rechner laufen lassen. Alles normal. Mit seinem Gehirn ist alles in Ordnung.«
»Das bedeutet, du kannst nichts für ihn tun.«
»Wahrscheinlich nicht. Es gibt da ein neues Medikament, das wir ausprobieren könnten.«
»Keines von den anderen hat angeschlagen, nicht einmal das letzte, wie immer es auch hieß.«
»Dalomin. Es schlägt bei einigen autistischen Kindern an. Aber leider nicht bei Jeffy.«
»Und dieses neue?«
Er zuckte die Schultern. Es hatte den gleichen Wirkungskomplex wie Dalomin, daher würde es Jeffy wahrscheinlich genauso wenig nützen. Aber er wollte ihr Hoffnung machen. »Es kann helfen, vielleicht aber auch nicht. Zumindest wird es ihm nicht schaden.«
»Wie könnte ich ablehnen?«, fragte Sylvia mit einem Seufzer.
»Gar nicht. Ich rufe dich später an und bringe dir die Tabletten dann vorbei.«
Sylvia sah weg. »Vielleicht solltest du wissen … ich habe einen Gast.«
»Wer?« Er begriff nicht, worauf sie hinauswollte.
»Alan.«
»Bulmer?« Gottverdammt! Wohin er ging – Bulmer, Bulmer, Bulmer! »Was ist passiert? Hat seine Frau ihn rausgeschmissen?«
»Nein. Sie hat ihn verlassen.«
Charles hielt die Luft an. »Deinetwegen?«
Sylvia blickte verwirrt. »Oh nein. Wegen dieser Wunderheilungen.«
»Er kam dann also zu dir, klopfte mit einer leeren Zuckerdose an deine Tür, oder wie?«
»Charles!«, sagte sie mit einem humorlosen Lächeln. »Ich glaube, du bist eifersüchtig! Was ist mit all deinem Gerede von ›keine Beziehung‹ und persönliche Freiheit? Ich dachte, du hast versprochen, nicht zu klammern, und vor allem, niemals eine emotionale Bindung einzugehen.«
»Ja und nein!«, sagte er. Er war aufgebracht und versuchte, das zu verbergen. Er war eifersüchtig. »Aber ich kenne deine Schwächen so gut wie alle anderen.«
»Vielleicht. Aber so war es gar nicht.« Ihr Gesicht bewölkte sich. »Es war furchtbar.«
Sie erzählte ihm von dem Mob vor Bulmers Haus am Montagabend, wie sie bei ihm eingedrungen waren, wie mitgenommen er gewesen war und dass sie ihm die Klamotten fast vom Leib gerissen hatten.
Charles schauderte bei dem Gedanken, sich in solch einer Lage zu befinden. All diese Menschen, die nach einem griffen und einen anfassen wollten.
Und dann erzählte sie ihm, wie sie die Nachricht erhalten hatten, dass das Haus niedergebrannt war.
»Am Dienstag sind wir hingefahren«, sagte sie weich. »Es war nichts mehr übrig, Charles! Es hatte in der Nacht zuvor wie verrückt geregnet – doch die Asche glühte immer noch. Du hättest ihn sehen sollen – er stolperte wie ein Betrunkener auf dem Grundstück herum. Ich glaube nicht, dass er wirklich überzeugt war, dass das Haus abgebrannt ist, bis er es mit eigenen Augen gesehen hatte. Davor war es nur eine Geschichte, die ihm eine Stimme am Telefon erzählt hatte. Aber als er vor seinem Grundstück parkte, oh, du hättest sein Gesicht sehen sollen.«
Eine Träne stahl sich an Sylvias Wange entlang, und dieser Anblick und das Wissen, dass sie einem anderen Mann galt, war wie ein Säuretropfen, der sich in sein Herz fraß.
»Du hättest sein Gesicht sehen sollen«, wiederholte sie und ihre Stimme wurde lauter. »Wie konnten sie ihm so etwas nur antun?«
»Nun«, sagte Charles, so behutsam er konnte, »wenn man mit dem Feuer spielt –«
»Du bist dir ja so verdammt sicher, dass er ein Schwindler ist, nicht wahr?«
»Ich bin mir absolut sicher.« Charles konnte sich nicht erinnern, sich je in seinem Leben einer Sache so sicher gewesen zu sein. »Krankheiten verschwinden nicht durch die Berührung einer Hand, selbst wenn es sich um die des wundervollen Dr. Bulmer handelt. Er hat eine Menge Gratiswerbung bekommen, eine Menge neuer Patienten, und jetzt geht alles nach hinten los.«
»Du Bastard!«
»Aber, aber!«, sagte er und konnte sich eine Retourkutsche nicht verkneifen. »Ist das die Frau, die geschworen hat, nie wieder eine emotionale Bindung einzugehen?«
»Er ist ein guter Mann und brauchte keine neuen Patienten! Er hatte schon so mehr, als er bewältigen konnte!«
»Dann ist er verrückt.«
Charles hatte eine schlagfertige Antwort erwartet, stattdessen sah er sich schweigender Ungewissheit ausgesetzt. Das bedeutete, er hatte einen Nerv getroffen. Sylvia war sich selbst nicht sicher, was Bulmers geistige Gesundheit anging. Trotzdem hatte sie ihn bei sich aufgenommen. Irritiert stellte Charles fest, dass er sich nicht eingestehen wollte, dass sie tiefe Gefühle für Bulmer empfand. Um einiges tiefer als ihre Gefühle für ihn. Er konnte nicht anders, aber das gefiel ihm nicht.
»Liebst du ihn? Oder ist er nur ein weiterer Streuner, den du bei dir aufgenommen hast?«
»Nein«, sagte sie mit einem plötzlich entrückten Lächeln, das ihn mehr als alles andere störte, seitdem sie Platz genommen hatte. »Er ist nicht nur ein Streuner.«
Charles wurde die ganze Unterhaltung unangenehm und er wollte das Thema wechseln. »Warum gehen wir nicht nach oben in mein –«
Er brach den Satz ab, da er plötzlich bemerkte, dass es in der ganzen Kantine still geworden war. Er sah auf und bemerkte, dass alle im Raum irgendwo auf einen Punkt hinter ihm starrten. Er wandte sich um.
Senator McCready hatte die Kantine betreten und kam auf sie zu.
Als er den Tisch erreichte, erhob sich Charles und schüttelte ihm die Hand – eine formale Geste wegen der anderen Leute in der Kantine. Sie tauschten Banalitäten aus, dann wandte sich McCready mit seinem Politikerlächeln an Sylvia.
»Und wen haben wir hier?«
Charles machte beide miteinander bekannt, und dann fragte der Senator, ob er sich ein paar Minuten zu ihnen setzen könnte. Nachdem er Platz genommen hatte, setzte die normale Geräuschkulisse wieder ein, aber jetzt war das Getuschel erheblich lauter als vorher.
Charles war von McCreadys Erscheinen vollkommen verblüfft. Seit die Stiftung dieses Gebäude gekauft hatte, hatte er sich niemals – niemals! – in der Mitarbeiterkantine blicken lassen. Jetzt hier nachmittags in der Öffentlichkeit aufzutauchen, wenn seine Kräfte nachließen, das war noch nie da gewesen. Charles wusste, wie sehr ihn das anstrengen musste. Was zum Teufel wollte er?
»Woher kommen Sie, Mrs Nash?«, fragte er und tat so, als ob dies einer seiner täglichen Routinebesuche in der Kantine sei.
»Ich komme aus ihrem Wahlbezirk, Senator«, sagte Sylvia mit einem halben Lächeln, das Charles kannte. Es bedeutete, dass sie zwar amüsiert, von McCreadys Anwesenheit aber keineswegs beeindruckt war. »Ich lebe in Monroe. Jemals davon gehört?«
»Natürlich! Tatsächlich fällt mir ein, in der Dienstagszeitung über einen Brand in Monroe gelesen zu haben. Es hieß, das Haus gehörte einem Dr. Alan Bulmer. Ich frage mich, ob es der gleiche Dr. Bulmer ist, den ich kenne.«
Sylvias Lächeln und ihre unbekümmerte Art verflüchtigten sich. »Sie kennen Alan?«
»Nun, ich bin nicht sicher. Es gibt einen Dr. Bulmer, der vor einigen Monaten vor einem meiner Komitees ausgesagt hat.«
»Das ist er. Genau der!«
McCready schüttelte den Kopf. »Eine Schande. Gewitter sind eine launische Sache.«
»Oh, es war nicht das Gewitter«, sagte Sylvia und fing mit ihrer Geschichte über den Mob an. Als McCready beteuerte, nichts über Bulmers Ruf als Heiler zu wissen, setzte sie ihn über das ins Bild, was die Presse darüber berichtet hatte.
Charles verschränkte die Arme über der Brust und versuchte, einen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck zu verbergen. Ihm war nun alles klar. McCready war hier, um Sylvia über Bulmer auszuquetschen.
»Das ist wirklich schlimm«, sagte McCready mit einem langsamen mitfühlenden Kopfschütteln. »Bei den Komiteeanhörungen standen wir politisch auf entgegengesetzten Seiten, aber ich habe seine Integrität und seine offensichtliche Aufrichtigkeit zutiefst bewundert.«
Sylvia hatte plötzlich wieder dieses schiefe Lächeln auf dem Gesicht. »Sicher. Das haben Sie bestimmt.«
Der Senator klopfte mit seinen Fingern auf den Tisch, als ob ihm gerade etwas eingefallen wäre.
»Ich sage Ihnen etwas«, sagte er. »Wenn Dr. Bulmer einverstanden ist, stelle ich ihm die Mittel der Stiftung zur Verfügung, um seine angebliche Gabe zu erforschen.«
Charles beobachtete, wie Sylvia überrascht blinzelte. »Das würden Sie tun?«
Charles war jedoch keineswegs überrascht. Das war sicher die ganze Zeit das Ziel des Senators gewesen: diesen Bulmer hierherzuholen, um zu sehen, was an dieser Sache dran war. Jetzt, wo Charles wusste, woher der Wind wehte, lehnte er sich zurück und genoss die Vorstellung.
»Natürlich! Der Daseinszweck der Stiftung ist die Forschung. Was, wenn Dr. Bulmer wirklich eine heilende Gabe hat, die der Schulmedizin bis jetzt unbekannt ist? Wir würden den Zweck der Institution missachten, wenn wir nicht zumindest versuchen würden, diese angebliche Fähigkeit wissenschaftlich zu erforschen. Wenn er etwas hat – wirklich etwas hat –, dann werde ich das volle Gewicht meines Rufes und des Prestiges der Stiftung daransetzen, um ihn vor aller Welt zu rehabilitieren.«
»Senator«, sagte Sylvia mit leuchtenden Augen, »das wäre wunderschön!«
Sie ist wirklich heftig in Bulmer verschossen, dachte Charles. Andernfalls würde sie diesen Mist nicht so ohne Weiteres schlucken.
»Aber seien Sie gewarnt«, sagte der Senator, und seine Stimme wurde ernst und durchdringend. »Wenn sich herausstellt, dass er ein Betrüger ist, werden wir ihn öffentlich als solchen brandmarken und jeden Kranken warnen, sich von ihm behandeln zu lassen, selbst wenn es nur um einen Schnupfen geht!«
Sylvia schwieg einen Moment und nickte dann. »Ein faires Angebot. Ich werde es ihm mit genau diesen Bedingungen übermitteln. Wir setzen uns dann mit Ihnen in Verbindung.«
Charles biss die Zähne zusammen. Wir setzen uns dann mit Ihnen in Verbindung. Sie waren bereits ein Team.
Ich habe sie verloren, dachte er. Diese Erkenntnis fügte ihm einen stechenden Schmerz zu. Er war über seine Intensität überrascht. Er wollte sie nicht gehen lassen. Ihre Beziehung war brüchig geworden, aber sie war nicht tot. Das ließ sich wieder kitten.
»Und ich werde Dr. Axford mit der Leitung dieser Untersuchung beauftragen.« Er blickte Charles an. »Vorausgesetzt natürlich, er ist einverstanden.«
Das würde Charles sich auf keinen Fall entgehen lassen. Alan Bulmer als Schwindler zu entlarven, würde ihm das größte Vergnügen bereiten. Dann würde Sylvia vielleicht anders über ihn denken!
»Natürlich«, sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ich bin hocherfreut.«
»Hervorragend! Warten Sie … heute ist Donnerstag. Die Woche ist fast vorbei. Aber wenn er heute Abend noch kommen kann, dann können wir sofort anfangen. Was meinen Sie, Charles?«
»Wie Sie meinen, Senator.«
»Da ist noch eine Sache«, sagte Sylvia langsam, als ob sie ihre Worte genau abwägte. »Diese Gabe macht etwas mit ihm.«
Macht korrumpiert, meine Liebe, wollte Charles sagen. Sieh dir nur den Senator an.
»Wenn er sich einverstanden erklärt, würden Sie dann auch sein Gedächtnis untersuchen?«
»Gedächtnis?« Charles’ Interesse war plötzlich geweckt. »Warum?«
»Nun, er kann sich deutlich an alles aus seiner Kindheit erinnern. Aber beim Mittagessen hat er vergessen, was er gefrühstückt hat.«
»Interessant«, sagte er und dachte, dass es nichts, genauso gut aber etwas Ernstes bedeuten konnte. Und wenn, dann etwas sehr Ernstes.