Ach Charles, dachte McCready, nachdem Axford gegangen war. Der zweifelnde Charles.
Er lehnte sich in seinem Sessel weit zurück und dachte, wie er es häufig tat, über sein oberstes Schoßdoktorchen nach. Und warum nicht? Ihre Leben waren eng miteinander verbunden und würden es auch bleiben, solange er krank, aber noch am Leben war.
Trotz der Tatsache, dass Charles Arzt war und obendrein ein arroganter Bastard, hatte McCready für den Direktor seiner Forschungsabteilung eine heimlich Schwäche. Vielleicht lag es daran, dass Charles Axford niemandem etwas vormachte. Er machte keinen Hehl daraus, leidenschaftlicher Atheist und überzeugter Materialist zu sein, der grundsätzlich nichts akzeptierte, was sich nicht wissenschaftlich überprüfen ließ. Wenn er etwas nicht beobachten, messen und einordnen konnte, existierte es nicht. Erfrischend frei von Scheiße, sein Charles. Menschen waren für ihn nichts weiter als eine Ansammlung von Zellen und biochemischen Reaktionen. Er hatte McCready einmal erzählt, dass es sein Traum sei, den menschlichen Geist in seine grundlegenden neurochemischen Reaktionen zu zerlegen.
Alles gut und schön, wenn man gesund ist. Aber wenn man das nicht ist und wenn die moderne Medizin einen im Stich lässt … dann sieht man sich nach anderen Möglichkeiten um. Man betet, selbst wenn man nicht an Gebete glaubt. Man interessiert sich für Gesundbeter, auch wenn man kein Vertrauen in sie hat. Die spöttischen und abfälligen Bemerkungen kommen einem nicht mehr so leicht über die Lippen. Man schaut unter jeden Stein und verfolgt jede Spur bis zu der unvermeidlichen Sackgasse. Und dann geht man der nächsten Spur nach.
Hoffnungslosigkeit war etwas Scheußliches.
Er hatte das Vertrauen in die aktuelle Forschung über Erkrankungen der Nerven und der Muskeln verloren – er konnte einfach nicht damit rechnen, dass die in die Richtung ging, die für ihn lebensnotwendig war. Deswegen wurde die Stiftung ins Leben gerufen, mit Charles Axford als ihrem Leiter. Er hatte Axford zum Direktor gemacht, weil er das Gefühl hatte, ihm etwas zu schulden.
Weil der Tag, an dem er Axford kennenlernte, der schrecklichste Tag in seinem Leben war. Er hatte den Verlauf seines Lebens verändert, die Art, wie er das Leben, die Welt und die Zukunft sah. Weil Charles Axford der Erste war, der sagen konnte, was ihm fehlte.
All die anderen Ärzte vor Charles hatten sich geirrt. Unisono hatten sie seine andauernde Müdigkeit »Überarbeitung« und »Stress« zugeschrieben. Das war das allgemeine Schlagwort, wenn ihnen nichts anderes mehr einfiel: Wenn man keine Ahnung hat, was es ist, dann ist es Stress.
McCready hatte es eine Weile geschluckt. Er hatte schwer gearbeitet – er hatte immer schwer gearbeitet –, aber sich niemals so müde gefühlt. Er hatte aufgehört, Steaks zu essen, weil das Kauen ihn zu sehr anstrengte. Sein Arm ermüdete während des Rasierens. Überarbeitung und Stress. Er hatte die Diagnose akzeptiert, weil alle Untersuchungen, Reflextests, Blutbilder, Röntgenaufnahmen und Kardiogramme ein völlig normales Ergebnis aufwiesen. »Sie sind die Gesundheit in Person!«, hatte ihm ein anerkannter Internist gesagt.
Als er das erste Mal doppelt gesehen hatte, machte er, von Panik ergriffen, bei dem erstbesten Neurologen den nächstmöglichen Termin aus. Das war Charles Axford gewesen. Später hatte er erfahren, dass Axford ihn nicht aus ärztlicher Besorgnis über einen Patienten in Not zwischen seine Termine gequetscht hatte, sondern weil er an diesem Nachmittag so gut wie keine Termine gehabt hatte.
McCready sah sich einem kühlen schroffen Briten mit starkem Akzent gegenüber, der in einem weißen Kittel kettenrauchend am anderen Ende des alten Schreibtisches saß, während er sich McCreadys Symptome schildern ließ. Er stellte ein paar Fragen und sagte dann: »Sie leiden an Myasthenia gravis im fortgeschrittenen Stadium. Ihr Leben wird bald die Hölle sein.«
McCready erinnerte sich immer noch an die Schockwelle des Entsetzens, die wie in Zeitlupe durch ihn hindurchrollte, von vorn nach hinten, wie eine Sturmfront. Er sah nur noch Aristoteles Onassis vor sich, der von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr immer gebrechlicher wurde. Er schaffte es zu sagen: »Wollen Sie mich nicht untersuchen?«
»Sie meinen, auf Ihre Knie klopfen und mit einer Lampe in Ihre Augen leuchten und den ganzen Unsinn? Nicht, wenn es nicht sein muss!«
»Ich bestehe darauf! Ich zahle für eine Untersuchung, und dann verlange ich auch eine!«
Axford hatte geseufzt. »Na schön.« Er kam um den Tisch herum und setzte sich auf die Schreibtischkante. Er hielt McCready beide Hände hin und sagte: »Drücken Sie. Feste.« Nachdem McCready sie gegriffen und gedrückt hatte, sagte Axford: »Noch mal!« Und wieder: »Noch mal!«
Und bei jedem folgenden Druck fühlte McCready seinen Griff immer schwächer und schwächer werden.
»Ruhen Sie sich jetzt ein wenig aus«, hatte Axford gesagt. Nachdem er eine halbe Zigarette geraucht und weiterhin die Luft verpestet hatte, streckte er seine Hände wieder aus. »Jetzt noch mal.«
McCready drückte, so fest er konnte, und mit erheblicher Genugtuung sah er Axford zusammenzucken. Nach einer kurzen Pause war seine Kraft zurückgekehrt.
»Sehen Sie«, sagte Axford und wischte seine Hände an seinem Laborkittel ab. »Myasthenia gravis. Aber um absolut sicherzugehen, machen wir ein EMG.«
»Was ist das?«
»Eine Nervenreizleitungsuntersuchung. In Ihrem Fall wird sich das klassische abnehmende Muster zeigen.«
»Wo kann ich das machen lassen?« Er wollte plötzlich ganz dringend die Diagnose bestätigt oder verworfen haben.
»Fast überall. Aber das Gerät in meiner Praxis hat den meisten Nährwert.« McCready war von dem Briten verwirrt. »Ich verstehe nicht.«
»Die Rechnung, die ich Ihnen stellen werde«, sagte Axford mit der winzigen Spur eines Lächelns, »wird bei mir dafür sorgen, dass auch weiter das Essen auf dem Tisch steht.«
McCready flüchtete aus Axfords Praxis, völlig überzeugt, dass dieser Mann ein Verrückter war. Aber zweite und dritte Meinungen bestätigten die Diagnose des Briten als richtig. Senator James McCready hatte einen besonders bösartigen Fall von Myasthenia gravis, von der er erfuhr, dass es sich um eine unheilbare neuromuskuläre Erkrankung handelt, die durch einen Mangel von Azetylcholin, der Substanz, die Botschaften von Nervenzellen zu Muskelzellen an ihrem Verbindungspunkt übermittelt, verursacht wird.
Aus einem Gefühl der Loyalität heraus ging er bei Axford in Behandlung. Und das war, wie er eigentlich schon Jahre zuvor über so scheinbar noble Gesten gelernt hatte, ein Fehler. Axfords Umgang mit Patienten unterbot, was Sorge und persönliche Wärme anging, jeden Holzklotz. Axford schien sich nicht daran zu stören, wie sich die Medikamente auf seinen Patienten auswirkten – die Muskelkrämpfe, die Zuckungen, die Beklemmungen und die Schlaflosigkeit. Alles, was ihn interessierte, war ein verbessertes Ergebnis auf seinem verdammten Elektromyografen.
Und McCready machte alles mit – wirklich alles. Er ließ sich den Thymus entfernen, wurde vollgepumpt mit Medikamenten wie Neostigmin und Mestinon, dann quoll er aufgrund von Cortison stark auf. Er unterzog sich einer Plasmapherese. Alles ohne Erfolg. Seine Erkrankung schritt langsam, aber unaufhörlich fort, egal, was Axford oder andere Ärzte mit ihm anstellten.
Aber er hatte seine Krankheit niemals völlig akzeptiert, bis zum heutigen Tag nicht. Er hatte von Anfang an dagegen gekämpft und er würde auch nicht aufgeben. Er hatte Pläne für sein Leben und seine Karriere, die über den Senat hinausgingen. Die Myasthenia gravis drohte ihn aufzuhalten. Sie würde es nicht schaffen. Er würde einen Weg finden – über sie, um sie herum oder durch sie hindurch.
Und zu diesem Zweck hatte er schon vor Jahren Nachforschungen über Charles Axford anstellen lassen. Er hatte herausbekommen, dass er in einer Arbeiterfamilie in London zur Welt gekommen war. Er hatte sich in seinem Medizinstudium als brillant erwiesen und als einer der Jahrgangsbesten graduiert. Jeder, der ihn aus seiner Assistenzarztzeit in der Neurologie in Manhattan kannte, hielt ihn für brillant, aber auch wenn er fachlich bewundert wurde, galt er menschlich als äußerst schwierig. Nachdem zahllose Anträge auf Forschungszuschüsse und – Stipendien abgelehnt worden waren, hatte er widerstrebend eine Praxis eröffnet, wo er vor sich hin vegetierte. Zwar war er in fachlicher Hinsicht ein Genie, aber im Umgang mit Menschen praktisch ein Idiot.
Zu seinen Problemen kam noch hinzu, dass seine Frau ihn verlassen hatte, um »sich selbst zu finden«, und ihn mit einer chronisch kranken Tochter alleingelassen hatte.
Charles hatte natürlich gegenüber dem Senator nie ein Wort über seine privaten Probleme verlauten lassen. McCready hatte diese Informationen über sein Presseimperium erlangt.
Für McCready wurde klar, dass sie füreinander geschaffen waren: Axford war ein Genie in der Neurologie, und McCready hatte eine neuromuskuläre Erkrankung, die beim gegenwärtigen Stand der Medizin als unheilbar galt; Axford suchte eine Stellung in der Forschung, und McCready hatte mehr Geld, als er ausgeben konnte – der letzten Schätzung zufolge lag sein Privatvermögen bei annähernd einer Milliarde Dollar.
Zwei Ideen wurden damals geboren. Die erste war der Keim des Gesetzentwurfes über die Medizinischen Richtlinien. Ärzte hatten ihm immer wieder erklärt, dass Myasthenia gravis im Anfangsstadium schwer zu diagnostizieren sei. Es kümmerte ihn nicht. Die Ursache seiner Erkrankung hätte schon Jahre, bevor er zu Axford ging, erkannt werden müssen. Diese Ärzte benötigten ein par Lektionen in Demut. Und wenn sie ihre Arbeit nicht anständig machten, dann würde er ihnen schon beibringen, wie das zu tun war.
Die zweite Idee wurde schneller als der Gesetzentwurf verwirklicht. Die McCready-Stiftung für Medizinische Forschung, mit Dr. Charles Axford als Direktor, wurde ins Leben gerufen. Das Projekt war steuerbegünstigt und erlaubte es McCready, direkten Einfluss auf die Ausrichtung der Forschungsarbeiten zu nehmen. Axford schien begeistert – er wurde gut bezahlt und konnte seinen Interessen nachgehen, ohne sich groß mit Patienten abgeben zu müssen.
Durch den Zufluss von Zuschüssen und Spenden wuchs die Stiftung, bis sie mit der Zeit stationäre und ambulante Patienten in ihrem eigenen Gebäude an Manhattans Park Avenue versorgen konnte. Das Haus war ein ehemaliges Bürogebäude aus den Dreißigerjahren, das aussah wie eine kleinere Version des Rockefeller Towers. McCready hatte mit einem Schoßdoktorchen angefangen, nun besaß er einen ganzen Stall von ihnen. Das war der einzige Weg, Ärzte bei der Stange zu halten: Man musste sie besitzen. Wenn man sie finanziell von sich abhängig machte, legten sie ihre Bockigkeit schnell ab. Sie lernten zu spuren, wie alle anderen auch.
Axford zeigte sich in vielen Dingen immer noch bockig, aber McCready schob das auf die Tatsache, dass er seinem Forschungschef sehr viel Spielraum ließ. Eines Tages würde er andere Saiten aufziehen und den Briten tanzen lassen. Aber jetzt noch nicht. Nicht, solange er Axfords Wissen benötigte.
Das würde vielleicht nicht mehr lange dauern. Nicht, wenn auch nur ein Zehntel von dem stimmte, was er über diesen Bulmer gehört hatte. Nach all den Jahren falscher Spuren war es fast zu viel, was man erhoffen konnte. Aber diese Geschichten …
Sein Mund wurde trocken. Wenn auch nur die Hälfte davon stimmte …
Und das, wo Bulmer gerade erst im vergangenen Monat in seinem Komiteeraum gewesen war. Er war ihm nicht wie ein Verrückter erschienen – ganz im Gegenteil.
War es möglich, dass er nur ein paar Meter entfernt von seiner Heilung gesessen hatte und es nicht gewusst hatte?
Er musste es herausfinden. Er musste es wissen! Ihm blieb nicht mehr viel Zeit!