Es begann am späten Freitagmorgen.
Der einzige bemerkenswerte Vorfall vorher war der Anruf von Fred Larkin.
Connie stellte das Gespräch durch.
»Dr. Larkin persönlich oder seine Sekretärin?«
Alan wusste bereits die Antwort. Fred Larkin war der Star unter den Orthopäden am Ort, der ungefähr 750.000 Dollar im Jahr verdiente, drei Häuser und eine Luxusjacht besaß. Von seinem Haus zur Klinik fuhr er über Straßen mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h in einem 90.000 Dollar teuren Maserati, der 300 km/h schaffte und ein Nummernschild mit den Buchstaben DR FRED hatte. Alan überwies niemals Patienten an ihn, aber eine Patientin von ihm war irgendwie im Januar unter Larkins Obhut gelandet. Er hatte diesen Anruf erwartet.
»Seine Sekretärin natürlich.«
»Natürlich.« Fred Larkin war nicht der Typ, der sich herabließ, selbst eine Telefonnummer zu wählen. »Legen Sie sie auf die Warteschleife und kommen Sie schnell für eine Sekunde her.«
Als Connie in sein Büro hastete, drückte Alan den Knopf an seinem Telefon und sagte: »Hallo?« Als eine weibliche Stimme am anderen Ende sagte: »Bitte warten Sie eine Minute, Dr. Bulmer«, reichte Alan Connie den Hörer. Sie lächelte und hielt den Hörer ans Ohr. Nach einer kurzen Pause sagte sie: »Bleiben Sie am Apparat, Dr. Larkin« und drückte ihn in die Warteschleife. Kichernd reichte sie Alan das Telefon und eilte aus dem Büro.
Alan zählte langsam bis fünf und übernahm dann das Gespräch.
»Fred! Wie geht es dir?«
»Gut, Alan«, sagte er mit seiner aufdringlichen Stimme. »Pass mal auf, ich will deine Zeit nicht übermäßig in Anspruch nehmen, aber ich dachte, du solltest wissen, was eine deiner Patientinnen über dich sagt.«
»Wirklich? Wer?« Alan wusste, wer, was und warum, entschied sich aber, sich dumm zu stellen.
»Mrs Marshall.«
»Elizabeth? Ich wusste gar nicht, dass sie sauer auf mich ist!«
»Darüber weiß ich nichts. Aber wie du weißt, habe ich im Januar an ihrem rechten Knie eine Arthroskopie durchgeführt, und jetzt weigert sie sich, die letzten zwei Drittel ihrer Rechnung zu zahlen.«
»Wahrscheinlich, weil sie das Geld nicht hat.«
»Na ja, wie auch immer, sie sagt« – er gab ein gezwungenes Lachen von sich – »dass du ihr gesagt hast, sie solle nicht zahlen. Kannst du das glauben?«
»Sicher. In gewissem Sinne stimmt das ja.«
Am anderen Ende der Leitung war es lange still, dann: »Du gibst es zu?«
»Mhmh«, sagte Alan und wartete auf die Explosion.
»Du Hurensohn! Ich habe mir es fast gedacht, dass du sie darauf angesetzt hast. Wie kommst du verdammt noch mal dazu, einem meiner Patienten zu sagen, dass er meine Rechnungen nicht zahlen soll?« Er schrie in den Hörer hinein.
»Zu sagen, dass du zu viel berechnest, wäre untertrieben, Fred. Du nimmst die Leute aus. Du hast dieser alten Dame niemals einen kleinen Hinweis gegeben, dass deine Gebühr für einen Blick in ihre Gelenke plus eine kleine Schnipselei an ihren Knorpeln zwei Riesen betragen würde. Du hast das in zwanzig Minuten in der chirurgischen Ambulanz gemacht – was bedeutet, dass deine Betriebskosten gleich null waren, Fred –, und du hast ihr zweitausend Dollar berechnet! Dann – und das ist die absolute Höhe – dann musste sie zu mir kommen, damit ich ihr erkläre, was du da mit ihr gemacht hast. Du berechnest einen Stundenlohn von sechstausend Dollar, und ich muss die Erklärungen abgeben! Was ich nicht tun konnte, weil du dir wie gewöhnlich nicht die Mühe gemacht hast, mir eine Kopie der Unterlagen zu schicken.«
»Ich habe ihr alles erklärt.«
»Nicht so, dass sie es verstehen konnte, und wahrscheinlich hattest du noch weitere vier Eingriffe in der Warteschlange. Ein paar Fragen zu beantworten, hätte zu viel Zeit beansprucht. Und als sie in deinem Büro sagte, dass Medicare und ihre Zusatzversicherung nur sechshundert Dollar der Rechnung tragen würden, wurde sie informiert, dass das ihr Problem sei. Und weißt du, was sie mir gesagt hat?«
Alan war nun an dem Punkt angelangt, der ihn am meisten aufregte. Er kochte vor Wut. Er versuchte sich zusammenzureißen, weil er wusste, dass er jeden Augenblick unflätig werden konnte.
»Sie sagte: ›Ihr Ärzte!‹ Sie hat mich mit dir über einen Kamm geschoren! Und das macht mich fuchsteufelswild. Das anrüchige Verhalten von Ärzten wie dir, die die Leute nur abzocken, fällt auf mich zurück und das macht mich stocksauer.«
»Erspar mir deine frommen Predigten, Bulmer. Du kannst doch nicht einfach meinen Patienten sagen, sie sollen ihre Rechnungen nicht bezahlen!«
»So habe ich ihr das nicht gesagt.« Alans Geduld war bis zur Zerreißgrenze angespannt, aber er schaffte es, ruhig zu sprechen. »Ich habe ihr gesagt, sie solle dir die Rechnung in Form eines Zäpfchens zurückschicken. Weil du ein Arschloch bist, Fred.«
Nach ein oder zwei Sekunden schockierten Schweigens sagte Larkin: »Ich kann dich jederzeit kaufen und verkaufen, Bulmer.«
»Ein reiches Arschloch bleibt ein Arschloch.«
»Das werde ich vor die Krankenhausverwaltung und die Ärztekammer bringen. Das wird ein Nachspiel haben.«
»Das werden wir ja sehen«, sagte Alan und legte auf.
Er ärgerte sich darüber, dass er ordinär geworden war, aber er konnte nicht leugnen, dass er es genossen hatte.
Er sah auf seine Uhr. Schon halb zehn. Er hatte an diesem Morgen einiges aufzuholen.
Alans Laune verbesserte sich sofort, als er Sonja Anderson im Untersuchungszimmer auf ihn warten sah. Er lächelte die hübsche kleine Zehnjährige an, die er seit drei Jahren kannte, und ging im Geiste ihre Krankengeschichte durch. Sonja war bis zu ihrem vierten Lebensjahr ein normales Kind gewesen, als sie sich bei ihrer älteren Schwester an Windpocken angesteckt hatte. Es war jedoch nicht der normale unkomplizierte Verlauf gewesen. Die Erkrankung entwickelte sich zu einer Hirnhautentzündung und sie behielt ein Anfallsleiden und völlige Taubheit auf dem rechten Ohr zurück. Sie war ein tapferes kleines Mädchen und hatte sich gut entwickelt. Seit einem Jahr hatte sie keine Anfälle mehr und das Dilantin, das sie zweimal am Tag schlucken musste, um die Anfalle zu unterdrücken, zeigte keine Nebenwirkungen.
Sie hielt einen iPod mit superleichten Kopfhörern hoch.
»Sehen Sie mal, was ich bekommen habe, Dr. Bulmer!« Sie strahlte, ihr Lächeln war echt. Sie schien sich aufrichtig zu freuen, ihn zu sehen.
Alan war genauso erfreut, sie zu sehen. Seine kleinen Patienten waren ihm die liebsten. Die Beschäftigung mit einem Kind, egal ob krank oder gesund, verschaffte ihm irgendwie eine besondere Befriedigung. Vielleicht merkten das die Kinder und ihre Eltern und erklärte so den ungewöhnlich hohen Anteil an Kindern unter zwölf Jahren bei seinen Patienten, der bei fast vierzig Prozent lag.
»Wer hat dir das geschenkt?«
»Mein Onkel. Zum Geburtstag.«
»Stimmt ja – du bist zehn geworden, oder? Welche Musik magst du denn?«
»Laute!«
Er beobachtete sie, wie sie die Kopfhörer aufsetzte und anfing, zu der Musik herumzuhüpfen. Er schob den linken Kopfhörer von ihrem Ohr weg und fragte:
»Was läuft denn gerade?«
»Der neue Song von Polio.«
Er zwang sich zu einem Lächeln und war sich deutlich des Generationsunterschieds bewusst. Er kannte die Musik von Polio – eine dumpfe Mischung aus Punk und Heavy Metal. Dagegen hörte sich Eminem richtig gesittet an und das war auch der Grund, warum er den Stapel mit Oldie-CDs in seinem Auto hatte. »Was hältst du davon, das Gerät für einen Moment abzuschalten, damit ich dich untersuchen kann?«
Er überprüfte Herz, Lungen, Blutdruck und ihr Zahnfleisch auf die verräterischen Zeichen der Nebenwirkungen von Dilantin. Alles negativ. Gut. Er schaltete das Otoskop an, befestigte darauf einen neuen Trichter und wandte sich ihren Ohren zu. Das linke Ohr sah gut aus – der Hörkanal war frei, das Trommelfell hatte die normale Färbung und Form und es gab keine Anzeichen für Flüssigkeitseinlagerungen im Mittelohr. Er wandte sich dem anderen Ohr zu. Wie gewöhnlich sah dies genauso normal aus wie das linke. Ihre Taubheit war nicht durch einen Strukturdefekt ausgelöst worden; der Gehörnerv übermittelte einfach keine Reize vom Mittelohr zum Gehirn. Mit Bedauern dachte er daran, dass sie niemals ihre Musikstücke in Stereo hören würde …
Und dann geschah es.
Zuerst ein Gefühl in seiner linken Hand, wo er ihre Ohrmuschel hielt, ein prickelndes pieksendes Vergnügen, das von dort seinen ganzen Körper überflutete und ihn zittern und in Schweiß ausbrechen ließ. Sonja wimmerte und griff mit beiden Händen an ihr Ohr, als sie vom Untersuchungstisch zurücktaumelte und in die Arme ihrer Mutter stürzte.
»Was?«, war alles, was die bestürzte Mutter herausbringen konnte, als sie ihr Kind an sich drückte.
»Mein Ohr! Er hat mir am Ohr weh getan!«
Schwach und mehr als ein bisschen erschreckt, stützte sich Alan gegen den Untersuchungstisch.
Die Mutter verteidigte ihn. »Er hat dich kaum berührt, Sonja!«
»Er hat mir einen elektrischen Schlag gegeben!«
»Das muss vom Teppich kommen. Stimmt doch, nicht wahr, Dr. Bulmer?«
Eine Sekunde lang war Alan sich nicht ganz sicher, wo er war.
»Bestimmt«, sagte er. Er richtete sich auf und hoffte, dass er nicht so blass und angegriffen aussah, wie er sich fühlte. »Das ist die einzige Erklärung.«
Was er gerade gespürt hatte, erinnerte ihn an den Elektroschock, den er am vorigen Abend von dem Penner in der Notaufnahme erhalten hatte. Aber heute hatte es sich eher angenehm und nicht schmerzhaft angefühlt. Ein Moment brennender Ekstase und dann … was? Ein Nachglühen?
Er schaffte es, Sonja wieder auf den Tisch zu locken und die Untersuchung abzuschließen. Er kontrollierte noch einmal ihr rechtes Ohr. Dieses Mal war es kein Problem. Kein Zeichen einer Verletzung. Als Sonja ein paar Minuten später ging, klagte sie jedoch immer noch über Schmerzen im Ohr.
Alan mochte es nicht, wenn er etwas nicht erklären konnte. Aber er schob den Gedanken erst einmal an die Seite. Er hatte einen vollen Terminplan und musste sich beeilen.
Die nächste halbe Stunde verlief reibungslos. Dann erschien Henrietta Westin.
»Ich wollte zur Vorsorge.«
Alan war sofort alarmiert. Henrietta Westin war nicht der Typ, der zu Vorsorgeuntersuchungen ging. Sie war eine wiedergeborene Christin, die ihre drei Kinder und ihren Mann bei den ersten Anzeichen von Grippe öder Fieber in die Praxis schleppte, aber bei allem, was sie selbst betraf, auf den lieben Gott vertraute.
»Etwas nicht in Ordnung?«, fragte Alan.
Sie zuckte mit den Achseln und lächelte. »Natürlich nicht. Ein bisschen müde vielleicht, aber was soll man erwarten, wenn man im nächsten Monat fünfundvierzig wird? Vermutlich sollte ich Gott danken, dass ich bisher immer gesund war.«
Das klang bedenklich.
Alan untersuchte sie. Er fand nichts Bemerkenswertes außer einer leichten Erhöhung des Blutdrucks und des Pulses, wobei das Letztere zweifellos mit Erstem zusammenhing. Sie hatte einen Frauenarzt, den sie regelmäßig »bei Frauenproblemen« aufsuchte; ihre letzte gynäkologische Untersuchung lag vier Monate zurück. Damals war alles normal gewesen.
Alan lehnte sich an den Tisch und sah sie an. Er hatte ihre Handflächen berührt, und sie waren schweißnass. Diese Hände lagen jetzt fest verschränkt in ihrem Schoß, die Knöchel traten weiß hervor. Die Frau stand unter enormer Anspannung. Er beschloss, eine Schilddrüsenuntersuchung anzuordnen, auch wenn das wohl nicht das Problem war, denn ihr Gewicht hatte sich in den vergangenen zwei Jahren nicht verändert.
Er hob ihre Karte auf und deutete auf die Tür seines Sprechzimmers. »Ziehen Sie sich an und kommen Sie dann rüber. Wir werden uns unterhalten.«
Sie nickte. »In Ordnung.« Als er auf die Tür zuging, sagte sie: »Oh, nebenbei …«
Jetzt kommt es, dachte er. Der wahre Grund ihres Besuches.
»… ich habe einen Knoten in meiner Brust entdeckt.«
Er warf ihre Karte wieder auf die Arbeitsfläche und ging zu ihr.
»Hat Dr. Anson Sie nicht untersucht?« Alan kannte ihren Gynäkologen als einen durch und durch gründlichen Arzt.
»Doch, aber da war er noch nicht da.«
»Wann haben Sie ihn zuerst bemerkt?«
»Letzten Monat.«
»Untersuchen Sie Ihre Brust monatlich?«
Sie wandte ihre Augen ab. »Nein.«
Er könnte also auch schon seit drei Monaten da sein!
»Warum sind Sie nicht früher gekommen?«
»Ich … ich dachte, er geht wieder weg. Aber das war nicht so.« Ein vereinzeltes Schluchzen kam durch. »Er ist größer geworden.«
Alan legte sanft eine Hand auf ihre Schulter. »Warten Sie erst mal. Vielleicht ist es ja nur eine Zyste – das ist nichts anderes als ein mit Flüssigkeit gefüllter Beutel – oder etwas anderes Gutartiges. Sehen wir mal nach.«
Sie machte ihren BH auf und zog ihn unter dem Papierumhang aus. Alan hob den Umhang hoch und schaute auf ihre Brüste. Er bemerkte sofort eine kleine Apfelsinenhautstelle links oben, ungefähr fünf Zentimeter von der linken Brustwarze entfernt.
»Welche Brust?«
»Die linke.«
Das wurde immer schlimmer.
»Legen Sie sich zurück.«
In dem Bemühen, das Unvermeidliche aufzuschieben, untersuchte Alan zuerst die rechte Brust. Er begann am äußeren Rand und tastete sich zur Brustwarze vor. Normal. Das Gleiche machte er auf der anderen Seite, fing aber unter dem Arm an. Dort unter der rutschigen Oberfläche aus Schweiß, Deodorant und Achselhaarstoppeln fühlte er drei deutlich ausgeprägte vergrößerte Lymphknoten. Verdammt! Seine Hände bewegten sich weiter zur Brust, wo er unter dem veränderten Hautbereich eine harte unregelmäßige Masse fühlte. Sein Magen zog sich zusammen. Zweifellos bösartig!
Und dann geschah es wieder.
Dieses Zucken, diese Ekstase, der kleine Aufschrei der Patientin, der Moment der Desorientierung.
»Was war das?«, fragte sie und legte ihre Hände über ihre linke Brust.
»Ich … bin mir nicht ganz sicher«, sagte Alan, der nun beunruhigt war. Dies war das zweite Mal in weniger als einer Stunde gewesen. Was war …?
»Er ist weg!«, schrie Mrs Westin und tastete hektisch mit ihren Fingern über ihre Brust. »Der Knoten – Gott sei gepriesen – ist nicht mehr da!«
»Natürlich ist er da«, sagte Alan. »Tu…« Er hätte beinahe Tumore gesagt. »Knoten verschwinden nicht so einfach.« Alan wusste um die Macht der Leugnung als psychologischer Mechanismus; das Schlimmste wäre nun, wenn sie sich selbst belog und glaubte, dass sie keine Geschwulst in der Brust hätte. »Hier. Ich zeige es Ihnen.«
Aber er konnte es ihr nicht zeigen. Er war weg.
Die Geschwulst, die Apfelsinenhaut, die vergrößerten Knoten – weg!
»Wie haben Sie das gemacht, Doktor?«
»Was gemacht? Ich habe nichts gemacht.«
»Doch, haben Sie. Sie haben den Knoten berührt und er ist verschwunden.« Ihre Augen strahlten ihn an. »Sie haben mich geheilt.«
»Nein, nein.« Er suchte nach einer Erklärung. »Es muss eine Zyste gewesen sein, die geplatzt ist. Das ist alles.« Er glaubte es nicht – Zysten in der Brust platzten und verschwanden nicht während einer Untersuchung –, und nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, glaubte es auch Henrietta Westin nicht.
»Der Herr sei gepriesen, Er hat mich durch Sie geheilt.«
»Nun warten Sie mal!« Die Sache entglitt ihm. Fast hektisch untersuchte Alan jetzt wieder ihre Brust.
Das kann nicht sein! Sie muss da sein!
Aber sie war nicht da. Es gab keine Spur von der Geschwulst.
»Der Herr segne Sie!«
»Nun warten Sie eine Minute, Henrietta. Ich will, dass Sie eine Mammografie machen lassen.«
Als sie sich aufrichtete und ihren BH wieder anzog, hatten ihre Augen immer noch dieses Strahlen. »Wenn Sie es wünschen, Doktor.«
Sehen Sie mich nicht so an!
»Heute noch. Ich werde sofort das Krankenhaus anrufen.«
»Alles, was Sie sagen.«
Alan flüchtete aus dem Untersuchungszimmer zu seinem Schreibtisch. Er nahm den Hörer ab, um die radiologische Abteilung des Monroe-Community-Hospitals anzurufen – und hielt inne. Ein paar Sekunden lang konnte er sich nicht an die Telefonnummer des Krankenhauses erinnern, eine Nummer, die er mindestens ein Dutzend Mal täglich wählte. Dann fiel sie ihm wieder ein. Diese Sache musste ihn mehr aufgewühlt haben, als ihm bewusst gewesen war.
Jack Fisher, der Chef der Radiologie, war von der Idee, eine weitere Mammografie in seinem Terminplan unterzubringen, nicht begeistert, aber Alan überzeugte ihn von der Dringlichkeit dieser besonderen Anfrage, und Jack gab widerstrebend seine Zustimmung.
Alan schaffte es, seine Arbeit bei den übrigen Patienten an diesem Morgen kompetent durchzuführen, obwohl ihm klar war, dass er einige von ihnen kurz abfertigte. Er konnte nicht anders. Es war anstrengend, sich auf ihre Probleme zu konzentrieren, wenn seine Gedanken mit der Frage beschäftigt waren, was mit dem Tumor in Henrietta Westins Brust passiert war. Er war da gewesen! Er hatte ihn gefühlt! Und diese Knoten in der Achselhöhle konnten nur bösartig sein!
Und dann waren sie verschwunden.
Das war verrückt!
Seine Verwirrung hatte aber einen unerwarteten Vorteil: Er bekam kaum mit, wie Mr Bradford wieder seinen üblichen Katalog von Form, Farbe und Qualität jedes Stuhlgangs seit seinem letzen Besuch abspulte.
Endlich war es Mittagszeit. Er machte seine Rückrufe und schickte Connie und Denise zum Essen. Er wünschte, Ginny würde noch hier arbeiten. Sie hatte als seine Sprechstundenhilfe angefangen, als er in das Gebäude eingezogen war, hatte jedoch bald entschieden, dass das nichts für sie war. Vielleicht hatte sie recht. Schließlich arbeitete keine der Arztgattinnen, mit denen sie verkehrte, für den Ehemann.
Er hörte das Telefon auf Connies Schreibtisch klingeln, und sah ein Lämpchen an seinem Telefon aufblinken. Es war die direkte Leitung, die er für das Krankenhaus, Apotheker und andere Arzte reserviert hatte. Er griff nach dem Hörer.
»Hallo.«
»Nichts gefunden, Alan.« Es war Jack Fisher, der Radiologe. »Eine kleine fibrozystische Erkrankung, aber keine Geschwulst, keine Verkalkungen, keine Gefäßveränderungen.«
»Und du hast die Achselhöhle untersucht, wie ich es dir gesagt habe?«
»Sauber. Beide Seiten. Sauber.«
Alan sagte nichts. Er konnte nicht sprechen.
»Alles in Ordnung, Alan?«
»Ja. Ja, sicher, Jack. Und vielen Dank, dass du sie noch unterbringen konntest. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«
»Kein Problem. Manchmal kann man mit diesen Spinnern nur so umgehen, indem man auf sie eingeht.«
»Spinner?«
»Ja. Diese Westin. Sie erzählte hier wieder und wieder, dass du ›heilende Hände‹ hättest. Dass sie seit einem Monat einen Tumor gehabt hätte und dass du ihn mit einer einzigen Berührung zum Verschwinden gebracht hättest.« Er lachte. »Jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte alles schon mal gehört, dann taucht jemand mit einer neuen Geschichte auf.«
Alan schaffte es noch, einigermaßen gefasst das Telefongespräch zu beenden, dann ließ er sich in seinen Stuhl fallen und saß da und starrte die Maserung in der Eichenverkleidung der gegenüberliegenden Wand an.
Henrietta Westin hatte nun eine gesunde linke Brust, die keinerlei Symptome bei der Mammografie aufwies. Aber das war zwei Stunden zuvor nicht der Fall gewesen.
Er seufzte und erhob sich. Es hatte keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen. Sie würde ihre Brust oder ihr Leben nicht verlieren, das war das Wichtigste. Zu gegebener Zeit würde er versuchen, das Rätsel zu lösen. Jetzt musste er etwas essen, und dann ging es mit den Nachmittagsterminen weiter.
Das Telefon klingelte wieder. Diesmal war es die Patientenleitung. Er hatte den Anrufbeantworter noch nicht eingeschaltet, darum nahm er ab.
Es war Mrs Anderson, und sie schluchzte. Es war wegen Sonja. Wegen ihres Ohres.
Oh Gott! Das fehlte noch.
»Was ist los?«, fragte er. »Hat sie immer noch Schmerzen?«
»Nein!«, schluchzte die Frau. »Sie kann wieder mit dem rechten Ohr hören! Sie kann hören!«
»Wie sehe ich aus?«
Alan kehrte wieder ins Hier und Jetzt zurück. Er hatte den Nachmittag herumgekriegt, ohne dramatische medizinische Fehler zu machen, aber jetzt, wo er zu Hause war, wanderten seine Gedanken ständig zu Sonja Anderson und Henrietta Westin.
Er sah auf. Ginny stand am anderen Ende des Küchentisches und führte eine eng sitzende Hose und eine Bluse in verschiedenen Grüntönen vor. »Du siehst großartig aus.« Das war die Wahrheit. Die Kleider von der Stange saßen bei ihr stets wie angegossen. Das Grün der Textilien passte zu. dem Grün ihrer Kontaktlinsen. »Wirklich gut.«
»Warum muss ich dich dann immer fragen?«
»Weil du immer großartig aussiehst. Du müsstest das wissen.«
»Eine Frau mag es, wenn man es ihr auch mal sagt.«
Vielleicht das hundertste Mal in diesem Jahr – das erste Mal noch in der Silvesternacht – hatte Alan versprochen, sich mehr um Ginny und weniger um die Praxis zu kümmern. Sie hatten kaum noch ein gemeinsames Leben. Auf einen Außenstehenden wirkten sie wahrscheinlich wie das perfekte Ehepaar – es fehlten nur noch zweieinhalb Kinder, und sie wären die ideale amerikanische Familie. Sie hatten oft darüber gesprochen, wie sie ihr Leben wieder auf ein Gleis bringen könnten, aber all ihre guten Vorsätze schienen Vorsätze zu bleiben. Die Praxis forderte immer mehr Zeit von Alan, und Ginny schien sich zunehmend mehr mit dem Club und ihren privaten und krankenhausbezogenen Cliquen zu beschäftigen. Ihre Wege kreuzten sich beim Frühstück, beim Abendessen und gelegentlich zur Schlafenszeit.
Er würde sich mehr um sie kümmern, und sich weniger auf sich selbst konzentrieren. Bald! Aber heute Abend war schon ein Sonderfall, besonders nach dem, was passiert war.
Ginny setzte ihm einen Krabbensalat auf einem Salatbett und einen Laib Sauerteigbrot vor.
»Isst du nichts?«, fragte er, während sie weiter in der Küche herumschwirrte.
Sie schüttelte den Kopf. »Keine Zeit. Was glaubst du wohl, warum habe ich mich so schick gemacht? Heute Abend ist das Guild-Treffen, und ich muss einen Zwischenbericht über die Planung der Modenschau liefern.«
»Ich dachte, die Guild-Treffen wären immer Dienstagabends.«
»Heute Abend ist ein besonderes Treffen, weil die Modenschau am Sonntag ist. Ich habe es dir erzählt.«
»Stimmt. Hast du. Tut mir leid. Ich wollte nur reden.«
Ginny lächelte. »Na gut. Rede.«
»Setz dich«, sagte er und zeigte auf den gegenüberstehenden Stuhl.
»Oh, ich kann nicht, Liebling. Josie und Terrie müssen jeden Augenblick da sein, um mich abzuholen. Kannst du es mir nicht auf die Schnelle erzählen?«
»Ich glaube nicht.«
»Versuch es.« Sie setzte sich ihm gegenüber.
»Okay. Heute ist in der Praxis etwas Merkwürdiges passiert.«
»Hat Mrs Ellsworth ihre Rechnung bezahlt?«
Alan lachte fast. »Nein. Noch merkwürdiger.«
Ginny hob die Augenbrauen. »Das muss ja wirklich etwas Tolles sein.«
»Ich weiß nicht, ob es toll ist oder nicht.« Er holte tief Luft. Es war nicht leicht. »Irgendwie … irgendwie habe ich heute zwei Patienten von einer unheilbaren Krankheit geheilt.«
Nach einer kurzen Pause schüttelte Ginny langsam den Kopf. Sie sah ihn verwirrt an. »Ich verstehe nicht.«
»Ich auch nicht. Weißt du …«
Von draußen ertönte ein Hupen. Ginny sprang auf. »Das ist Josie. Ich muss gehen.« Sie kam um den Tisch herum und gab Alan einen flüchtigen Kuss. »Wir sprechen später darüber, okay?«
Alan brachte ein Lächeln zustande. »Sicher.«
Und dann zog sie ihren Mantel über und war aus der Tür.
Er stach die Gabel in den Krabbensalat und begann zu essen.
Vielleicht war es besser so. Ginny und er kannten beide Arzte, die Allmachtkomplexe entwickelt hatten. Er brauchte nur anzufangen, über das Heilen durch Handauflegen zu reden, und sie würde ihn in ein Sanatorium einweisen lassen.
Und vielleicht hätte sie recht.
Er aß ein paar Krabben, legte die Gabel weg und lehnte sich zurück. Er hatte keinen Hunger. Er aß nur, damit er später keinen Hunger bekam.
Was fiel ihm ein zu denken, dass er irgendwie etwas damit zu tun haben könnte, dass Sonja ihr Gehör wiedererlangt hatte oder dass der Knoten in Henrietta Westins Brust verschwunden war? Wenn man anfing, sich für eine Art magischen Heiler zu halten, ging es schnell bergab mit einem.
Trotzdem blieben da bestimmte Fakten, die sich nicht einfach beiseite schieben ließen. Sonja Andersons Taubheit war immer wieder durch Gehörmessungen bestätigt worden, trotzdem konnte sie jetzt wieder hören. Und Mrs Westin hatte selbst den Tumor gefunden, und er hatte sein Vorhandensein bestätigt, doch jetzt war er nicht mehr da.
Irgendetwas stimmte da nicht.
Und in jedem Fall schien seine Berührung der Wendepunkt gewesen zu sein.
Es gab keine vernünftige Erklärung.
Mit einem Grollen vor Enttäuschung, Widerwillen und Verwirrung warf Alan seine Serviette auf den Tisch und machte sich auf den Weg zur Spätvisite ins Krankenhaus.
Alan fuhr auf dem Rückweg vom Krankenhaus noch einmal in die Praxis. Tony DeMarco hatte ihm eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, dass er ihn treffen wolle – ein glücklicher Umstand, da auch Alan mit Tony sprechen wollte. Er hatte eine Aufgabe für ihn.
Auf dem Weg stellte er fest, dass er doch Hunger hatte, und sah sich nach einer Gelegenheit um, etwas zu essen zu bekommen. Er hätte beinahe an einem Sandwichladen angehalten, fuhr dann aber doch weiter, als ihm wieder einfiel, dass er den Besitzer schon mehrfach wegen verschiedener Geschlechtskrankheiten behandelt hatte – und der bereitete die Sandwiches zu. Stattdessen fuhr er dann zu Memisons und bestellte eine Fischplatte.
Später, als sein Hunger gestillt war und er auf dem Parkplatz des frei stehenden Gebäudes anhielt, das ihm zur Hälfte gehörte, sah er, dass im Anwaltsbüro noch Licht brannte. Auf Alans Klopfen wurde die Tür geöffnet.
»Ah! Alan! Komm rein.«
Alan lächelte den Mann an, der vielleicht sein engster Freund war, sein Partner in dem Bürogebäude, das ihnen gemeinsam gehörte, und den er dennoch kaum sah. Er war kleiner als Alan, mit kurz geschorenen Haaren und einem Schnurrbart. Er war immer noch so mager, wie es in seinem Alter nur ein unverheirateter Kettenraucher sein konnte.
»Ich habe gerade einige Diktate beendet und wollte für heute Schluss machen. Etwas zu trinken?«
»Ja, könnte ich gebrauchen.«
Tony reichte ihm ein Glas mit Dewar’s pur.
Sie tranken, und Alan ließ den Alkohol die Kehle hinunterbrennen. Oh, das tat gut. Er sah sich in dem luxuriös eingerichteten Büro um. Er und Tony waren beide einen langen Weg gegangen von ihren Wurzeln in Brooklyn – es waren nur wenige Kilometer auf der Landkarte, aber vom Einkommen und vom Status her waren sie Lichtjahre weit gekommen.
Sie plauderten, und dann fragte Alan Tony: »Du wolltest mich sprechen?«
»Ja«, sagte Tony, deutete auf einen Stuhl und zündete sich eine Zigarette an, als er sich hinter seinen Schreibtisch setzte. »Zwei Dinge. Erstens – weißt du, was heute für ein Tag ist?«
Alan hatte nicht die leiseste Ahnung.
»Es ist unser achter Geburtstag, du Dumpfbacke!«
Alan lächelte über die Leichtigkeit, mit der Tony wieder in seinen Brooklyn-Akzent und die Straßensprache ihrer Jugend zurückfiel. Alan hatte in seinem Medizinstudium schnell gelernt, dass er mit seinem Brooklyn-Akzent über Baseball oder Hot Dogs oder Zusammenstöße mit den Vertretern des Gesetzes reden konnte, dass man so aber nicht über Medizin reden durfte, weil niemand, der so redete, jemals als Arzt ernst genommen werden würde. Also hatte er sich einen neutralen, dialektlosen Sprachstil angewöhnt, der jetzt zu einem völlig selbstverständlichen Teil seiner Existenz geworden war.
Tony benutzte sein »Anwaltsenglisch«, wie er es nannte, nur, wenn er Anwalt war. Wenn er zwanglos mit Freunden zusammen war, dann war er der alte Tony DeMarco, der Kerl, der von der Straße kam, und der härteste Junge der Gegend.
»Tatsächlich? So lange schon?«
Alan konnte kaum glauben, dass es schon acht Jahre her war, seit er Tonys Namen zufällig in der Spalte Anwälte im Telefonbuch gelesen hatte – sein Büro war damals so gelegen, dass man sich dort praktisch für einen Termin in der Mittagspause verabreden konnte – und er hatte mit Freude erfahren, dass sie nur ein paar Blocks voneinander entfernt in Brooklyn aufgewachsen waren.
Er hatte Tony gefragt, wie er aus seinem Vertrag mit Lou Alberts herauskommen könnte. Persönlich kam er mit Lou gut aus, aber ihre unterschiedlichen Arbeitsweisen passten nicht zusammen. Alan hatte es völlig unmöglich gefunden, mit Lou Schritt zu halten, was acht Patienten in der Stunde an einem durchschnittlichen Tag bedeutete, und zehn oder mehr in der Stunde, wenn es viel zu tun gab. Lous Arbeitsweise bestand darin, das dringendste Problem des Patienten mit einer Injektion oder dem Verschreiben eines Medikaments zu lösen und ihn dann hinauszukomplimentieren, um Platz für den nächsten zu schaffen. Er war ein Arzt, der seine Hand immer an der Türklinke hatte. Bei dem Versuch, ihm nachzueifern, war sich Alan wie ein Fabrikarbeiter am Fließband vorgekommen. Es war keineswegs die Art von Medizin, die er praktizieren wollte.
Aber Alan wollte seinen Vertrag nicht brechen, solange Lou sich an seinen Teil der Abmachung hielt. Bedauerlicherweise ergab Tonys Prüfung, dass Lou alle Verpflichtungen seines Vertrages exakt erfüllte. Aber das wäre kein Problem – Tony könnte ihn jederzeit aus dem Vertrag und insbesondere den wettbewerbsrechtlichen Klauseln herauspauken.
»Ja. Vor acht Jahren hast du mein Leben verändert, als du erklärt hast, du würdest das zweite Jahr aus deinem Vertrag mit Lou Alberts erfüllen.«
»Ach was!«
»Ich meine es ernst, Mann! Ich bot dir ein halbes Dutzend Winkelzüge an, um da rauszukommen, aber du hast dagesessen mit dieser makellosen Weste und gesagt: ›Nein. Ich habe unterschrieben, und das ist es.‹ Weißt du, wie ich mich gefühlt habe? Wie Abschaum! So was hatte noch kein Klient zu mir gesagt! Niemals! Es war dir egal, ob du da auf legale Weise rausgekommen wärst – du hattest dein Wort gegeben und fühltest dich daran gebunden. Ich wäre am liebsten unterm Tisch versunken.«
»Das hast du aber gut versteckt«, sagte Alan, über die Enthüllung erstaunt. Er hätte nie gedacht …
»Von dem Tag an änderte ich meinen Stil. Keine dubiosen Winkelzüge mehr. Ich habe deswegen eine Menge Klienten verloren, aber ich kann jetzt mit dir im gleichen Raum sitzen.«
In diesem Moment wurde Alan plötzlich etwas klar. Er hatte nie gewusst, warum Tony ihn nur einen Monat nach dem ersten Treffen angerufen und gefragt hatte, ob er mit ihm zusammen ein kleines Bürogebäude am anderen Ende der Stadt kaufen wollte, knapp hundert Meter außerhalb des Radius, den das Wettbewerbsverbot in Alans Vertrag mit Lou Alberts vorgab. Sie könnten beide Ihre Büros im Erdgeschoss einrichten und vielleicht sogar das Obergeschoss vermieten.
Seitdem waren Tony und er enge Freunde und Partner. Er wünschte, sie könnten mehr Zeit miteinander verbringen. Er fühlte sich mit diesem hektischen Anwalt enger verbunden als mit irgendeinem seiner Ärztekollegen.
»Tony … mir war niemals klar …«
»Vergiss es!«, sagte er mit einer Handbewegung. »Aber die zweite Sache: Ich habe da heute zufällig eine wirklich merkwürdige Scheiße aufgeschnappt.«
»Was denn?«
»Ich hatte mit einem Kollegen einen Drink, während er auf einen Klienten wartete. Als der Klient kam, nahmen sie in der Sitzgruppe direkt hinter mir Platz. Wie ich da so austrinke, höre ich, wie dieser geschniegelte Dandy, der anscheinend ein Arzt ist, meinem Freund erzählt, dass er einen anderen Arzt verklagen will – einen Burschen namens Alan Bulmer. Später habe ich dann meinen Freund angerufen und auf meine unwiderstehliche Art herausgefunden, dass der Name dieses Arztes Larkin ist.« Er starrte Alan einen Moment an. »Warum wirkst du nur überhaupt nicht überrascht, verdammt?«
Alan erzählte ihm von seiner Unterhaltung mit Fred Larkin am Morgen.
Tony schüttelte den Kopf. »Du kannst manchmal ein richtiger Trottel sein, Alan. Ich habe diesen Larkin kurz überprüft. Er ist ein hohes Tier, hat eine Menge Einfluss auf den Treuhänderausschuss des Krankenhauses. Man kann nie wissen, wann man mal einen oder zwei Freunde in hochgestellten Positionen brauchen kann.«
»Wofür?«, fragte Alan. »Ich habe nicht die Absicht, mich jemals für den Posten des Chefarztes zu bewerben, selbst wenn ich Zeit dazu hätte. Krankenhauspolitik langweilt mich zu Tode.«
»Trotzdem, gute Beziehungen schaden nie.«
»Das ist der Politiker in dir, der spricht.«
»Ah! Nenn mich nicht einen verdammten Politiker!«
»Kratze an einem Anwalt, und darunter kommt ein Politiker in spe zum Vorschein«, sagte Alan lachend.
»Sei nicht so arrogant gegenüber Freunden in hohen Positionen. Wie, glaubst du, hast du es in diesen vornehmen Club geschafft?«
Alan zuckte die Schultern. Lou war damals sein Partner gewesen, und Lou gehörte dem Komitee an, das über die Mitgliedschaften entschied. »Das war nicht meine Idee. Ginny wollte in diesen Club … ich habe mich nur breitschlagen lassen.«
»Ja, aber du bist nur über Beziehungen da hineingekommen.«
Alan zuckte wieder die Schultern. Da seine Praxis ihm wenig Zeit für Tennis und Segeln ließ, ließ er sich da so gut wie nie sehen.
»Egal, du bist doch mein Freund, oder nicht, Tony?«
»Klar. Aber ich habe nicht das, was man eine hohe Position nennen könnte.«
Alan verspürte das Bedürfnis, Tony zu erzählen, was heute passiert war. Er versuchte, eine Formulierung zu finden, so dass er nicht wahnhaft klingen würde, aber ihm fiel keine ein. Verdammt, das war frustrierend! Er musste mit jemandem darüber sprechen, doch er konnte sich aus Angst darüber, was die Leute denken würden, nicht dazu durchringen. Er wusste, was er denken würde.
Stattdessen lenkte er von sich ab.
»Wie läuft das Geschäft?«
»Großartig! Zu großartig. Ich muss mir eine große Party am Wochenende entgehen lassen, weil ich wegen eines Klientengespräches nach Syracuse fliegen muss. Ich hasse es, eine Party von Sylvia Nash zu versäumen.«
Alan war erstaunt. »Du kennst Sylvia Nash?«
»Sicher. Ich habe für sie einige Abschlüsse hier in der Gegend erledigt. Die Frau weiß entweder wirklich, was man mit Grundbesitz anstellt, oder sie hat einfach Glück. Alles, was sie anfasst, wird zu Gold.«
»Geld landet immer auf dem größten Haufen.«
»Nun, nach dem, was ich mir zusammenreimen kann, hatte sie es nicht immer. Greg Nash kam aus dem Golfkrieg zurück, fing in der Versicherungsagentur seines Vaters an, heiratete Sylvia, schloss Lebensversicherungen bis zur Oberkante Unterlippe für sich ab, und wurde dann in diesem Supermarkt erschossen. Aufgrund von Sonderklauseln in den Verträgen mussten die Versicherungen doppelte Schadensersatzsummen zahlen und so wurde Sylvia über Nacht Millionärin. Inzwischen hat sie ihr Vermögen verdrei- oder vervierfacht. Gute Geschäftsfrau. Bedauerlicherweise wird sie ihrem verrufenen Image aber nicht gerecht.«
»Ach?«, meinte Alan und versuchte, gleichgültig zu klingen.
Tonys Augenbrauen hoben sich. »Interessiert dich, wie?«
»Nicht sonderlich.«
»Nein? Du hättest deine Stielaugen sehen sollen, als ich ihren Namen erwähnte.«
»Ich frage mich nur, wie du sie kennengelernt hast.«
»Ja sicher! Hast du was mit ihr?«
»Du solltest mich besser kennen. Ihr kleiner Junge ist mein Patient, das ist alles.«
»Ja. Ich erinnere mich, wie sie über dich gesprochen hat – als ob du über Wasser gehen könntest.«
»Sie hat eine scharfe Beobachtungsgabe. Aber woher weißt du, dass sie ihrem Ruf nicht gerecht wird?«
»Wir waren ein paar Mal miteinander aus.«
Der Gedanke an Sylvia in Tonys Armen schmerzte Alan. »Und?«
»Ich konnte bei ihr nicht landen.«
Alan fühlte sich schuldig, weil er so erleichtert war. »Vielleicht liegt es an deiner Technik.«
»Vielleicht. Aber ich glaube es nicht. In dieser Frau steckt eine Menge Zorn, Alan. Eine Menge Zorn.«
Beide schwiegen. Alan dachte an Sylvia und dass er sie niemals als zornerfüllt wahrgenommen hatte. Er hatte sie aber auch immer nur mit Jeffy gesehen, und dann war da nur die Liebe für das Kind. Trotzdem – Tony war ein scharfsinniger Bursche. Alan konnte seine Eindrücke nicht so leicht von der Hand weisen.
Schließlich kam er auf das Thema, über das er mit Tony sprechen wollte.
»Tony … könntest du für mich einer Sache nachgehen?«
»Sicher. Was denn?«
»Es handelt sich um einen Patienten, der letzte Nacht in der Notaufnahme gestorben ist.«
»Mögliche Fahrlässigkeit?«
»Das bezweifle ich.« Alan hatte sich an diesem Abend im Krankenhaus den pathologischen Bericht über den Landstreicher angesehen. Er hatte an Lungenkrebs im Anfangs- und an Leberzirrhose im Endstadium gelitten. Er war schon so gut wie tot gewesen. »Sein Name war Walter Erskine – er hatte keine Ausweispapiere bei sich, aber seine Fingerabdrucke« wurden überprüft. Er wurde 1946 geboren, wuchs in Chillicothe, Missouri, auf, und war Ende der Sechzigerjahre Soldat in Vietnam. 1970 wurde er einmal wegen psychischer Probleme im Veteranen-Hospital von Northport behandelt. Das ist alles.«
»Reicht das nicht?«
»Nein. Ich will mehr wissen. Ich will wissen, wie er war, als er aufwuchs, was mit ihm in Vietnam und danach passierte.«
»Warum?«
Alan zuckte die Schultern und wünschte sich, dass er es Tony erzählen könnte. Aber jetzt noch nicht. Er konnte jetzt mit niemandem darüber reden.
»Es ist eine persönliche Sache, Tony. Kannst du mir helfen?«
»Ich denke, ja. Ich werde einen Detektiv anheuern müssen. Das ist aber kein Problem – das mache ich gelegentlich.«
»Klasse. Ich trage alle Kosten.«
»Darauf kannst du Gift nehmen.«
Sie lachten ein wenig darüber, und Alan fühlte sich zum ersten Mal an diesem Abend entspannt. Zumindest hatte er jetzt das Gefühl, dass er etwas dafür tat, um herauszufinden, was da passiert war. Instinktiv spürte er, dass dieser Walter Erskine der Schlüssel war. Er hatte gestern Abend etwas mit Alan angestellt. Alan musste wissen, was das war.