5. Der Senator

 

James McCready ließ seinen Gedanken freien Lauf, als der nächste Arzt – wie war sein Name? Bulmer? – zu sprechen begann. Er hatte schon vor langer Zeit alles gehört, was er über dieses Thema hören wollte.

Er wollte auch gar nicht hier sein. Er fühlte sich müde und schwach. Er fühlte sich alt.

Sechsundfünfzig Jahre, und er kam sich vor wie hundert. Gott sei Dank konnte er jetzt sitzen und sich von der Anstrengung erholen, die es gekostet hatte, von seinem Büro bis hierher zu gehen … und Platz zu nehmen. Wenn die nur wüssten, wie sehr er sich zusammenreißen musste, um sich langsam zu setzen, wo doch jeder Muskel in seinem Körper danach schrie, sich in seinen Sessel fallen zu lassen.

Und dabei ging es ihm morgens noch am besten! Darum hatte er diese Anhörungen so früh angesetzt. Nachmittags ließ sich seine Schwäche kaum noch verbergen. Es kam ihm zupass, dass er in Korea verwundet worden war. Diese alte, fast vergessene Verletzung hatte schließlich doch noch etwas Gutes. Indem er den Kopf ruhig hielt und nur seine Augen hinter der dunklen Brille bewegte, musterte McCready prüfend den Saal. Er hatte angefangen, die dunkel getönten Gläser zu tragen, als seine oberen Lider schlaff herunterzuhängen begannen. Zuerst hatte er befürchtet, die Leute würden sagen, er benähme sich wie ein Filmstar. Stattdessen hieß es immer wieder, damit sähe er aus wie General Douglas MacArthur. Nun, wenn er schon jemandem ähnlich sehen musste, dann gab es bestimmt schlimmere Vorbilder als MacArthur.

Sein Blick blieb auf dem Kongressabgeordneten Switzer hängen.

Vor diesem Mann muss ich mich vorsehen. Er riecht meine Schwäche und bereitet sich auf den Todesstoß vor. Sobald ich einmal ins Straucheln gerate, wird er über mich herfallen. Schau ihn dir an, diesen kleinen heimtückischen Bastard! Hängt an der Schulter seines Schoßdoktorchens und stachelt ihn an. Hat ihn wahrscheinlich wochenlang bearbeitet. Diese Ärzte denken nur dann selbstständig, wenn es um Medizin geht, und selbst dann machen sie meistens Scheiße!

McCready wusste über diese Form von Scheiße bestens Bescheid. Aber er tadelte sich selbst, weil er Switzer sein Schoßdoktorchen missgönnte. Schließlich hatte er selbst einen ganzen Stall davon.

Er konzentrierte sich auf den Arzt. Wie hieß er noch mal? Er sah auf die Liste. Ach ja – Bulmer. Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Armer Dr. Bulmer … wahrscheinlich glaubt er, in Switzer einen wirklichen Verbündeten zu haben. Ob er sich wohl bewusst ist, dass sein Kumpel ihn sofort fallen lassen wird, sobald er ihn nicht mehr braucht?

Er hörte den Arzt die magischen Worte sagen: »Zusammenfassend …« und entschied, besser zuzuhören. Es war nur ein kurzer Vortrag gewesen, und er beendete ihn, solange er noch die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer besaß. Vielleicht war dieser Arzt gar nicht so dumm.

»… dass diese sogenannten Richtlinien eine Kochbuch-Medizin der billigsten Art darstellen. Sie gestatten dem Arzt keinerlei Spielraum beim Zuschnitt einer Therapie auf einen bestimmten Patienten. Der Arzt wird auf die Position eines Fertigungsroboters reduziert und die Patienten zu Fließbandprodukten. Es ist der menschenverachtendste Gesetzesentwurf, von dem ich je das Pech hatte, ihn zu lesen. Er beseitigt diejenigen Ärzte, die sich bei ihrem therapeutischen Ansatz an dem einzelnen Patienten orientieren, und ersetzt sie durch Arzt-Bürokraten, die sich unerschütterlich ausschließlich nach ihrem Formelkatalog richten. Die Medizin wird so menschlich wie die Wohlfahrt, so effizient wie die Post und so erfolgreich wie der Friedensprozess im Mittleren Osten.

Nur eine Gruppe wird langfristig darunter leiden: die Patienten.«

Irgendwo im Saal applaudierte jemand, dann klatschten zwei und dann ganz viele.

Gemietete Claqueure, sagte sich McCready. Aber dann fielen immer mehr ein, bis der ganze Saal – sogar einige Komiteemitglieder! – applaudierte. Was hatte dieser Bulmer gesagt? Er hatte keine Schaubilder oder Tabellen gezeigt, und er konnte nicht viele Fakten und Zahlen präsentiert haben, denn dann hätte McCready eine Menge glasiger Augen gesehen. Also hatte er wahrscheinlich die Nummer »Dr. Aufrichtig« abgezogen. Er ballte eine Faust zusammen. Hätte er doch zugehört!

Nun, egal. Er würde ein wenig Katz und Maus mit ihm spielen und ihn dann in seine Schranken weisen. Er räusperte sich, und im Saal wurde es still.

»Erklären Sie mir, Dr. Bulmer«, sagte er, wobei ihm das ständige Schnarren in seiner Stimme auffiel, »wenn die amerikanische Medizin keine Richtlinien benötigt, wie erklären Sie sich dann die Krise des Gesundheitssystems?«

Bulmer nickte ihm zu. Er schien auf diese Frage vorbereitet zu sein.

»Wer außer Ihnen, Herr Senator, behauptet, dass es eine Krise gibt? Aus einer kürzlich erstellten landesweiten Studie geht hervor, dass nur zehn Prozent der Befragten mit ihrer eigenen medizinischen Versorgung unzufrieden waren, trotzdem hatten jedoch volle achtzig Prozent den Eindruck, dass es in Amerika eine Krise des Gesundheitssystems gibt. Da frage ich mich doch: Wenn neunzig Prozent der Leute mit ihrer eigenen medizinischen Versorgung zufrieden sind und selbst keine ›Krise des Gesundheitssystems‹ in irgendeiner Art spüren, wieso haben sie dann die Vorstellung, dass es eine Krise gibt? Die Antwort liegt auf der Hand: Es wurde ihnen so oft gesagt, dass Amerika in einer Krise des Gesundheitssystems steckt, dass sie inzwischen selbst daran glauben, trotz der Tatsache, dass neunzig Prozent von ihnen mit ihrer eigenen Versorgung keine Probleme haben. Als Eigentümer eines Zeitungsimperiums, Senator, können Sie, glaube ich, besser als ich erklären, wie eine wahrgenommene Krise im Gesundheitssystem produziert werden kann.«

Dieser Bastard!, dachte McCready, als ein spontaner Applaus sofort wieder verebbte. Der Arzt versuchte ihn in die Defensive zu drängen. Er überlegte, ob er darauf hinweisen sollte, dass sich die McCready-Zeitungskette in den Händen eines Verwaltungsrates befand und er dort keine Funktion ausübte, solange er sein Amt bekleidete, entschied sich aber dagegen. Es war besser, diese Bemerkung zu ignorieren – sie nicht einmal einer Antwort zu würdigen. Er wartete, bis die Stille fast unangenehm wurde. Als er schließlich sprach, war es, als habe es Bulmers Bemerkung niemals gegeben.

»Mit der amerikanischen Medizin ist also alles in Butter?«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein, Senator. Ganz im Gegenteil. Die Ärzte im Allgemeinen tun ihre Arbeit nicht so gut, wie sie es sollten oder könnten. Ich spreche dabei nicht von Fachkompetenz – jeder, der sein Examen an einer amerikanischen Universität gemacht hat, kann als kompetent angesehen werden. Ich spreche über die wachsende Kluft zwischen Ärzten und Patienten. Die Erfordernisse und Beschränkungen durch regulierte Pflege sind hier bereits erörtert worden. Aber auch die Technologie, die uns wie nie zuvor erlaubt, Diagnosen zu stellen und Krankheiten zu behandeln, baut eine Mauer zwischen Patient und Arzt auf.«

McCready war sich nicht sicher, ob ihm dieser Verlauf gefiel. Er hatte einige Gemeinplätze erwartet, dass Ärzte auch nur Menschen seien, die das Beste tun, was sie können. Er wusste nicht, worauf Bulmer hinauswollte.

Der Arzt machte eine Pause und fuhr dann fort. »Ich hasse es wirklich, diesen Punkt vor einem Komitee wie diesem vorzubringen, aber nichtsdestotrotz: Als Ärzte müssen wir weiterhin die Menschen berühren, und damit meine ich ein tatsächliches Handauflegen, selbst wenn es nicht notwendig ist. Dadurch wird dem Patienten klar, dass es abgesehen von all dieser Technik da auch noch ein menschliches Wesen gibt, das sie bedient.

Ein einfaches Beispiel: Ein Mediziner kann die Herztöne abhören, indem er rechts neben dem Patienten steht, den Schalltrichter mit den Fingern der rechten Hand hält, und ihn von da gegen die Brustwand des Patienten drückt – so berührt nur die Membran den Patienten. Oder aber, er kann sich hinüberbeugen und den Patienten stützen, indem er die linke Hand auf den nackten Rücken des Patienten legt. Dadurch hört er zwar nicht besser, aber es besteht ein Kontakt zwischen ihm und dem Patienten. Es ist eine sehr einfache, aber sehr persönliche Angelegenheit. Und aus der Berührung ergeben sich zusätzliche diagnostische Vorteile. Man kann häufig kleine Hinweise dadurch erhalten, wie sich die Haut und das Gewebe anfühlen. Das ist nichts, was man in Lehrbüchern nachschlagen kann, es ist etwas, das man nur lernt, indem man es anwendet. Das ist praktische Medizin, die heutzutage von viel zu wenigen Ärzten ausgeübt wird. Und diejenigen, die sie praktizieren, werden durch die medizinische Richtlinienverordnung ins Abseits gedrängt.«

Im Komiteesaal war es still. Selbst die Reporter hatten aufgehört zu tuscheln.

Sie mögen ihn. Der Senator entschied, dass es besser wäre, Bulmer mit Samthandschuhen anzufassen, statt ihn zu demontieren.

»Das war sehr gut ausgedrückt, Dr. Bulmer«, sagte McCready. »Aber warum zögerten Sie, diesen Punkt vor dem Komitee vorzubringen?«

»Nun …«, sagte Bulmer langsam, offensichtlich seine Worte abwägend. »Die Arbeitsprämisse dieses Komitees ist anscheinend die, dass man tatsächlich Richtlinien für eine gute medizinische Versorgung festlegen kann. Ich wäre also nicht überrascht, wenn meine Aussage zu einer neuen bundesstaatlichen Richtlinie führen würde, die verlangt, dass jeder Arzt jeden Patienten eine vorgegebene Anzahl von Minuten während jeder Untersuchung berühren muss.«

Einige kicherten, dann hörte man andere lachen, und schließlich brach der ganze Saal in schallendes Gelächter aus. Sogar einige Komiteemitglieder grinsten schüchtern.

McCready tobte innerlich. Er wusste nicht, ob man ihn in eine Falle gelockt oder ob Bulmer diese Bemerkung wirklich aus dem Handgelenk geschüttelt hatte. Egal, dieses Würstchen von Arzt machte sich über ihn und das Komitee lustig. Seine Worte waren sorgfältig mit Humor verpackt gewesen, aber der Stachel war unverkennbar. McCready sah kurz zu den anderen Komiteemitgliedern. Ihre Mienen alarmierten ihn.

Bis zu diesem Moment hatte er nicht den geringsten Zweifel daran gehegt, dass seine Gesetzesvorlage Teil der neuesten Bestimmungen über das Programm der Gesundheitsfürsorge werden würde. Diese Anhörung war nur eine reine Formsache gewesen. Nun erlebte er das erste Anzeichen von Ungewissheit. Bulmer hatte einen Nerv berührt, und die Komiteemitglieder zuckten.

Zum Teufel mit ihm!

Diese Gesetzesvorlage musste verabschiedet werden! Das Land brauchte sie! Er brauchte sie! Er musste der Art von ärztlichen Fehlern ein Ende setzen, die die richtige Diagnose bei ihm so lange verzögert hatten. Und wenn die Ärzteschaft das nicht konnte oder wollte, so würde er es für sie tun!

Er musste dringend etwas unternehmen. Als höchste Priorität galt es, diesen Arzt sofort vom Mikrofon weg- und dann aus dem Sitzungssaal hinauszubringen.

Er lehnte sich dicht an sein eigenes Mikrofon. »Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre wertvollen Anregungen, Dr. Bulmer.«

Und dann applaudierte der Saal, und Kongressabgeordneter Switzer klopfte seinem Lieblingsarzt auf die Schulter. McCready beobachtete das Paar hinter seinen dunklen Gläsern. Er musste etwas gegen diesen Switzer unternehmen. Bald. Und Dr. Bulmer … Dr. Alan Bulmer …

Er würde sich den Namen merken.