17. Sylvia

 

»Da ist er«, sagte Sylvia, als sie Alans Subaru erspähte. Sie beugte sich vor und zeigte über Bas Schulter.

Ba nickte vom Fahrersitz aus. »Ich sehe ihn, Missus.«

»Wir werden ihm zur Praxis folgen und ihn abpassen, bevor er hineingeht.«

Sie hatten Jeffy zur Stanton-Schule gebracht und Sylvia war jetzt auf dem Weg zu Alans Praxis. Sie war entschlossen, mit ihm zu reden, bevor er seinen ersten Patienten empfing.

Sie lehnte sich in den Rücksitz zurück und fragte sich, wie sie das Thema gegenüber Alan anschneiden sollte. Gestern Abend hatte sie beinahe akzeptiert, was Ba über diese heilende Berührung, dieses Dat-tay-vao, wie er es nannte, gesagt hatte.

Jetzt, wo die Sonne an diesem herrlichen Frühlingsmorgen durch das Blätterdach der Allee funkelte, die sie gerade entlangfuhren, kam es ihr grotesk vor. Aber trotzdem wollte sie ihre Entscheidung, mit Alan zu reden, um Bas Warnung weiterzugeben, in die Tat umsetzen. Das zumindest war sie ihm schuldig.

Sie erreichten die Praxis, aber Alan bog nicht auf den Parkplatz ein. Sie sah seinen Wagen kurz langsamer werden, dann nahm er wieder Geschwindigkeit auf. Auf dem Parkplatz standen zwei Limousinen und ein Kombi und ein Mann saß auf den Eingangsstufen.

»Soll ich ihm folgen, Missus?«, fragte Ba, als er den Wagen abbremste.

Sylvia zögerte. Er fuhr nicht zum Krankenhaus – das war die andere Richtung. »Ja. Mal sehen, wohin er fährt. Vielleicht haben wir trotzdem eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.«

Sie brauchten nicht weit zu fahren. Er bog in den Tall-Oaks-Friedhof ein. Ba hielt am Tor und wartete.

Sylvia saß angespannt und schweigsam da, während unsichtbare Eisfinger sich um ihren Magen legten.

»Fahr weiter«, sagte sie schließlich.

Ba lenkte den Graham durch das Friedhofstor und folgte der sich dahinschlängelnden Asphaltspur zwischen den Bäumen hindurch. Sie fanden Alans Auto mitten auf dem Friedhof am Wegesrand geparkt. Sylvia erspähte ihn etwas weiter weg, im Gras einer kleinen Anhöhe kniend.

Verwirrt beobachtete sie ihn einen Moment lang. Sie wusste nicht viel über seine Vergangenheit, aber es war ihr bekannt, dass er nicht aus dieser Gegend kam und hier keine Familie hatte. Spontan stieg sie aus dem Wagen und ging auf ihn zu.

Sie kannte Tall Oaks gut. Zu gut. Es war einer dieser modernen Friedhöfe, auf denen keine aufrecht stehenden Grabsteine zugelassen sind. Statt Grabsteinen gab es nur flache, in den Boden eingesetzte Plaketten, um die Pflege der Anlage zu erleichtern. Die Zeit der altmodischen gruseligen Friedhöfe, mit Mausoleen und verwitterten, abgesackten Grabsteinen, war vorbei. Stattdessen gab es nun dieses offene, mit Gras bedeckte und von Bäumen gesäumte Feld.

Sie schritt von hinten auf Alan zu. Der Boden um ihn herum war mit aufgerissenen bunten Pappschachteln und Blisterpackungen bedeckt. Als sie sah, was er da machte, blieb sie bestürzt stehen.

Er stellte kleine Plastikspielzeugfiguren entlang den Ecken einer Grabsteintafel auf.

Sie trat näher heran, um die Inschrift des Grabsteins zu lesen:

 

THOMAS WARREN BULMER

Tommy, den wir kaum kannten

 

Ihre Kehle zog sich zusammen. Sie machte noch einen Schritt voran, um die Daten unten auf der Bronzetafel zu sehen. Das Geburtsdatum war heute vor acht Jahren. Sie hielt unfreiwillig den Atem an, als sie sah, dass der Todestag nur drei Monate später war.

Oh Gott! Das wusste ich nicht!

Voller Schuldgefühle und Verlegenheit, dass sie ihn in diesem Moment gestört hatte, drehte sie sich hastig um und machte sich daran, die Anhöhe hinunterzulaufen.

»Gehen Sie nicht«, sagte er.

Sylvia hielt an und wandte sich um. Er kniete immer noch, aber sah jetzt zu ihr auf. Seine Augen waren trocken, und er lächelte.

»Kommen Sie und gratulieren Sie Tommy zum Geburtstag.«

Sie ging zurück und stellte sich neben ihn, während er die Spielzeugverpackungen zusammensuchte.

»Das wusste ich nicht.«

»Woher sollten Sie auch.« Er stand auf und begutachtete die Figuren, die er auf das Grab gestellt hatte. »Wie sieht es aus?«

»Großartig.« Sie wusste nicht, was sie sonst hätte sagen sollen.

»Nun, es wird nicht lange halten. Einer der Friedhofswärter wird sie für seine Kinder mitgehen lassen. Aber das ist in Ordnung. Besser so, als dass sie von den Rasenmähern zermalmt werden. Zumindest einer wird dann damit etwas anfangen können. Ich bin sicher, Tommy hätte Harry Potter geliebt.«

»Wie ist er …?« Sie hielt plötzlich inne. Die Frage bewegte sie seit dem Moment, als sie die Tafel gelesen hatte, aber sie hatte eigentlich nicht danach fragen wollen.

Alan schien es nicht zu stören. »Tommy hatte einen angeborenen Herzfehler: Endokarditisches-Fibrolastose-Syndrom. Einfach ausgedrückt, das Herz war nicht stark genug für seine Aufgabe. Wir haben ihn zu jedem Spezialisten in Manhattan gebracht. Sie haben alles versucht. Aber niemand konnte ihm helfen.« Seine Stimme wurde brüchig. »Und so starb er. Er lernte gerade zu lächeln, als er uns einfach wegstarb.«

Er hob die freie Hand an die Augen, als ihm ein Schluchzer entfuhr. Dann ein weiterer. Er ließ die Verpackungen fallen und schlug beide Hände vor das Gesicht.

Sylvia wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte niemals zuvor einen Mann weinen sehen, und Alans Schmerz war so tief, dass sie am liebsten mitgeweint hätte. Sie legte einen Arm um seine hochgezogenen Schultern. Ihn zu berühren und sein Zittern zu spüren machte aus seinem Schmerz eine körperliche Angelegenheit. Sie wollte ihm etwas Tröstendes sagen … aber was gab es da zu sagen?

Alan gewann plötzlich wieder Kontrolle über sich und wischte sein Gesicht an den Ärmeln trocken.

»Entschuldigen Sie«, sagte er und schaute weg, offensichtlich verlegen. »Ich bin keine Heulsuse. Ich komme am siebenundzwanzigsten Mai immer her, und ich habe die letzten fünf oder sechs Male nicht geweint.« Er schniefte. »Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist.«

Ein Gedanke durchfuhr Sylvia wie die Gewalt einer Explosion. »Vielleicht weil Sie denken, dass Sie ihn vielleicht hätten retten können, wenn er in diesem Jahr geboren wäre?«

Alan starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.

»Ba hat es mir erzählt«, sagte sie.

»Ba?« Es schien fast so, als würde er den Namen nicht kennen.

»Sie wissen doch – der große Vietnamese. Er sagt, er sah Sie auf der Party etwas tun.«

»Die Party«, sagte Alan mit flacher leerer Stimme. »Es scheint schon so lange her zu sein.« Und dann leuchteten seine Augen. »Die Party! Die Platzwunde von diesem Burschen von der MTA! Ja … Ba könnte es gesehen haben.«

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann holte Alan tief und zitternd Luft. »Es stimmt, wissen Sie. Ich kann … Dinge tun, die ich vor zwei Monaten noch als völlig unmöglich abgetan hätte. Ich … ich kann zu bestimmten Zeiten einfach alles heilen. Alles. Aber es nützt Tommy nichts mehr, nicht wahr? Ich meine, was soll das alles, wenn es bei Tommy keinen Sinn mehr hat. Der war schließlich die wichtigste kleine kranke Person in meinem Leben!«

Er biss sich auf die Lippen, ging ein paar Schritte rückwärts und kam dann zurück.

»Wissen Sie was?«, fragte er, etwas ruhiger. »Bevor Sie kamen, habe ich dagesessen und tatsächlich daran gedacht, das Grab zu öffnen, um zu sehen, ob ich ihn wieder zurückholen kann.«

Mit einem Beben der Angst erinnerte sich Sylvia an die alte Geschichte von der Affenpfote.

»Manchmal glaube ich, ich werde verrückt«, sagte er und schüttelte heftig den Kopf.

Sylvia lächelte, um die Situation zu entschärfen. »Warum sollten Sie sich von uns anderen unterscheiden?«

Alan gelang es, das Lächeln zu erwidern. »Sind Sie hierhergekommen, um jemanden zu besuchen?«

Sylvia dachte an Greg, dessen Grabstein am anderen Ende des Feldes war. Sie hatte ihn nahe seiner Heimat beerdigt statt auf dem Militärfriedhof von Arlington, war aber nie zu seinem Grab gegangen.

»Nur Sie.« Er sah sie verwirrt an. »Ba hat Ihnen einiges zu sagen.«

Er zuckte die Schultern. »Lassen Sie uns gehen.«