Kapitel 22
Das ist anderen Männern auch schon passiert«, sagte Peter. »Diese moderne Mata Hari hat Sie also dazu gebracht zuzugeben, daß Sie der Vermögensverwalter von Miss Binks sind. Und dann?«
»Wir haben einige Belanglosigkeiten über die Binks-Saga ausgetauscht, wie sie sich auszudrücken pflegte. Dann hat sie mir gestanden, daß sie mit einem der Geschäftsführer von Lackovites befreundet sei, zweifellos hatte sie wohl schon zu diesem Zeitpunkt ihre eigenen Interessen im Sinn. Von diesem Freund habe sie er-fahren, daß die Firma - äh - sehr erpicht darauf sei, sich die maßgebliche Beteiligung an Golden Apples zu sichern.«
»Mit anderen Worten, sie wollten die Firma einfach schlucken.«
»Äh - so in etwa. Toots ließ durchblicken, daß es sich für mich sehr wohl als lukrativ erweisen könne, wenn ich Miss Binks in meiner Funktion als Vermögensverwalter dazu bewegen könnte, sich von Golden Apples zu trennen. Sobald sie sich zum Verkauf entschlossen hätte, würde sofort ein williger Käufer zur Stelle sein. Diese Person wäre natürlich ein Strohmann gewesen, und ihre Anteile wären umgehend auf Lackovites übergegangen. Die ausdrückliche Weigerung der Compotes, sich auf Geschäfte mit ihren Konkurrenten einzulassen, mache diese List nötig, sagte man mir.«
»Die beiden hatten mit ihrer Entscheidung vollkommen recht«, sagte Winifred. »Ich halte große Stücke auf die Compotes und freue mich zu hören, daß ich mich nicht
getäuscht habe. Hatte Toots' Freund weitere Pläne, was mit meinem Geld geschehen sollte?«
»Ich sollte Sie überreden, die Profite vom Verkauf von Golden Apples in Lackovites zu investieren und außerdem weitere Aktienkäufe zu tätigen. Auf diese Weise hätten die Lackovites-Leute das Geld zurückbekommen, das sie für den Ankauf benötigten, und weitere Investitionen Ihrerseits - beträchtliche, wie man hoffte -hätten geholfen, die Verluste auszugleichen, die das - äh - Abstoßen der Aktien durch diverse vorübergehend enttäuschte Aktionäre, deren Zahl rapide zugenommen hatte, mit sich brachte. Außerdem hätte man dadurch genügend Zeit gehabt, das angeschlagene Firmenimage durch eine massive Public-Relations-Kampagne, die nach dem Erwerb von Golden Apples gestartet werden sollte, wieder aufzupolieren.« »Wie menschenfreundlich von mir!«
»Oh, Ihre Interessen wären selbstverständlich ebenfalls gewahrt worden, Miss Binks. Golden Apples hat bisher nicht viele Gewinne abgeworfen, wie Sie selbst wissen, wohingegen die Lackovites-Aktien nach der Übernahme von Golden Apples enorm gestiegen wären. Sie hätten somit beträchtliche Gewinne gemacht. Zum damaligen Zeitpunkt - äh - schien mir diese Überlegung recht sinnvoll.«
»Ach, tatsächlich? Hat Toots Ihnen diesen genialen Plan auseinandergesetzt?«
»Nein, ich glaube, ihre Rolle bestand hauptsächlich darin, mein - äh - Interesse zu wecken. Die Einzelheiten des Plans wurden mir in verschiedenen Gesprächen mitgeteilt, zuerst traf ich einen Junior-Vizepräsidenten von Lackovites namenj Emory, später den Senior-Vizepräsidenten Mr. Dewey.«
Peter und Winifred schauten sich an. »Doch nicht zufällig George Dewey?« erkundigte sich Peter. »Etwa meine Größe und Statur, mit Vollbart?«
»Ja, genau. Er war sogar so angezogen wie Sie, wenn ich mich recht entsinne. Kennen Sie ihn?«
»Ich glaube, Miss Binks und ich haben beide Herren kennengelernt. War Emory ein blonder, gesprächiger, reichlich überschwenglicher Mann? Glattrasiert, modisch gekleidet, jünger als Dewey? Stets bereit, jedem mitzuteilen, was er zu tun und zu las-sen hatte und wie er es zu tun hatte?«
»Genau. Er hatte eine etwas zu forsche Art und war nicht immer klar in seinen Äußerungen. Ich muß zugeben, daß ich seinetwegen fast nicht auf den Handel eingegangen wäre, da er mir nicht sonderlich vertrauenswürdig erschien. Mr. Dewey war ganz anders, älter, bedeutend verantwortungsbewußter, zurückhaltend im Umgang mit anderen, dabei erfahren und hervorragend informiert.
Mr. Dewey hat mich sehr beeindruckt. Er hat mich vollkommen davon überzeugen können, daß das Arrangement niemandem schaden und allen Beteiligten nützen würde.«
»Er ist ein überzeugender Mann«, sagte Peter. »Und worin bestand Ihre Beteiligung an dem Geschäft?«
»Professor Shandy, ich hoffe inständig, daß Sie nicht etwa annehmen, ich wäre so korrupt gewesen, mich bestechen zu lassen?« Nachdem er sich selbst erniedrigt hatte, versuchte Sopwith auf recht pathetische Weise, wieder zurück auf sein hohes Roß zu
steigen. »Ich sollte einhundert Lackovites-Aktien erhalten, sobald es mir gelungen war, Miss Binks zum Verkauf ihrer Golden-Apples-Anteile zu bewegen, und weitere hundert Aktien, sobald das für den Kauf der Firma benötigte Geld in Lackovites-Aktien umgewandelt und an Miss Binks zurückverkauft worden wäre. Weitere Zuwendungen dieser Art hingen davon ab, wie viele weitere Aktien Miss Binks noch erworben hätte. Mit anderen Worten, ich hätte lediglich die Provision eines Verkäufers erhalten. Jedenfalls wurde mir die Sachlage von Mr. Dewey so dargestellt«, fügte Sopwith etwas weniger hochtrabend hinzu, nachdem er den Gesichtsausdruck seiner Zuhörer gesehen hatte.
»Dann haben Sie bisher noch gar nichts erhalten?« fragte Winifred.
»Rein gar nichts«, erwiderte Sopwith bedrückt. »Es gab nur das Gentleman's Agreement mit Mr. Dewey.«
»Verstehe. Dann war meine Entscheidung, die Lackovites-Aktien abzustoßen und den Gewinn in Golden Apples zu investieren, wohl ein schwerer Schlag für Sie.«
»Sie sagen es.«
»Und Ihre mir unerklärliche Weigerung, meine Anordnungen zu befolgen, war in Wirklichkeit nur der verzweifelte Versuch, das vielversprechende Gentleman's Agreement nicht zu brechen.«
»Äh - ähem -«
»Aber dann haben Sie erkannt, daß alles vergebens war, und versucht, sich in den Luftschacht zu stürzen.« »Nein, so war es nicht.«
Da Miss Ledbetter die ganze Zeit schweigend an der Tür verharrt hatte, waren die Anwesenden etwas überrascht, daß sie sich plötzlich wieder bemerkbar machte. »Er hat sich nur an etwas erinnert. Mr. Allerton, der früher in diesem Büro gearbeitet hat, war nämlich ein leidenschaftlicher Pfadfinder.«
»Aha«, sagte Peter. »Das erklärt natürlich alles.«
»Allerdings. Mr. Allerton war stets auf alles vorbereitet, und zu den Dingen, auf die er besonders vorbereitet war, gehörten Brände. Damals durften die Angestellten noch im Büro rauchen, und es ist oft genug vorgekommen, daß jemand den Inhalt seines Aschenbechers mitsamt brennender Zigarette in den Papierkorb gekippt hat, woraufhin der Papierkorb anfing zu brennen. Meistens hat man das Feuerchen mit einer Tasse kalten Kaffees gelöscht oder mit einem Telefonbuch, einem Mantel oder sonst was erstickt. Aber Mr. Allertons Präventivmaßnahmen gingen weiter. Ihn beunruhigte die Vorstellung, es könnte einmal ein Feuer im Vorzimmer außer Kontrolle geraten, und er und seine Angestellten hätten hier im Büro in der Falle gesessen. Er ließ daher unterhalb der Ventilatoren in den Luftschächten Stahlleitern anbringen und veranstaltete jeden Morgen gymnastische Übungen, damit die Angestellten nicht etwa zu dick oder zu schlapp waren, dort hochzuklettern. Nach Mr. Allertons Pensionierung hörte der Drill auf, und Mr. Sopwith ist seitdem in mehr als einer Hinsicht nicht mehr in Form. Sie haben anscheinend die vielen Extrakalorien vergessen, als Sie versuchten zu fliehen, nicht wahr, Mr. Sopwith?«
»Ich sagte doch bereits, daß ich einen Asthmaanfall hatte!«
»Sie haben viel gesagt, Mr. Sopwith. Sie haben mir beispielsweise aufgetragen, Miss Binks und Mr. Debenham mit jeder Lüge, die mir gerade einfiel, abzuwimmeln, falls sie wieder anrufen und sich nach den Lackovites-Aktien erkundigen sollten.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, schnaufte Winifred. »Mr. Sopwith, Sie sind selbst als Schurke eine Niete.«
»Ich weiß«, murmelte er, jetzt vollends geschlagen.
»Und was sollen wir Ihrer Meinung nach jetzt mit Ihnen anfangen?«
»Mich den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Etwas anderes bleibt Ihnen ja wohl kaum übrig.«
»Ich sähe da einige Alternativen. Mr. Debenham, was meinen Sie? Ist es nicht vernünftiger, bei einem Schurken zu bleiben, den man kennt, als sich auf einen Schurken einzulassen, den man noch nicht kennt?«
»Miss Binks, sind Sie etwa bereit, mit Mr. Sopwith weiterhin geschäftlich zu verkehren?«
»Warum nicht? Da ich mich inzwischen mühsam an ihn gewöhnt habe, sehe ich nicht ein, warum ich mich an jemand anderen gewöhnen soll, zumal wir viel wichtigere Probleme anzugehen haben. Außerdem weiß er jetzt, daß er einen miserablen Gauner abgibt, daher halte ich es für sehr unwahrscheinlich, daß er noch einmal versuchen wird, mich zu hintergehen. Wie denken Sie selbst darüber, Mr. Sopwith? Wären Sie bereit, das Binks-Vermögen weiterhin zu verwalten, allerdings ohne faulen Zauber, oder sollen wir Sie lieber in der Forschungsstation einsetzen? Sie könnten dort beispielsweise Eschen für uns pflanzen.«
»Ich würde natürlich lieber hier bleiben, aber geht das überhaupt noch? Miss Ledbetter-?«
»Sie können sich abregen, Mr. Sopwith«, erwiderte die Sekretärin. »Ich werde den Mund halten. Ich kündige sowieso. Ich wollte mir schon immer eine Stelle als Heizungsinstallateurin suchen, aber meine Mutter hat es mir nie erlaubt. Erst jetzt, dank Professor Binks' beflügelndem Beispiel, finde ich endlich den Mut, die Fesseln der Konvention abzuschütteln.«
»Dann - bin ich wirklich aus dem Schneider? Und kann mein Büro behalten? Ach, Miss Ledbetter! Ach, Miss Binks! Morgen früh werde ich sofort wieder die Gymnastikübungen einführen!«
»Eine weise Entscheidung, Mr. Sopwith«, sagte Winifred, »und Ihnen herzlichen Glückwunsch, Miss Ledbetter. Bevor Sie gehen, möchte ich Sie allerdings noch bitten, den Börsenmakler anzurufen und ihm auszurichten, Winifred Binks wünsche, daß er auf der Stelle sämtliche Lackovites-Aktien verkaufe, ganz egal zu welchem Preis. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob dies dem Firmenimage schadet oder nicht, die Schurken haben eine strenge Lektion verdient. Und Ihnen wünsche ich alles Gute für Ihre zukünftige Tätigkeit, Miss Ledbetter. Ich bin sicher, Sie haben die richtige Entscheidung getroffen. Der wichtige Satz >Nur eines gilt: Dir selbst sei treu!< trifft auf Heizungsinstallateure genauso zu wie auf Bankangestellte, meinen Sie nicht auch, Peter?«
»Zweifellos. Erlauben Sie mir, Ihnen ebenfalls meine besten Wünsche für Ihre Zukunft auszusprechen, Miss Ledbetter. Und was Sie betrifft, Sopwith, jetzt, wo Sie wieder auf der richtigen Seite stehen, lassen Sie uns noch einmal kurz auf Toots zurückkommen. War sie eine kräftige, gesunde Frau, großgewachsen und - eh - ziemlich üppig?«
»Ja, so könnte man sie durchaus beschreiben.« Sopwith erinnerte sich sehr lebhaft an die Dame, wie das kurze Aufflackern in seinen Augen verriet.
»Trug sie zufällig Khaki-Shorts und Wanderstiefel?«
»Was für eine merkwürdige Frage, Professor Shandy. Nein, sie trug etwas mit Rüschen, sehr feminin und - äh - enganliegend. Grün, soweit ich mich erinnere. Hellgrün, ungefähr von der Farbe eines nagelneuen Fünfzig-Dollar-Scheins.«
»Und die Farbe harmonierte hervorragend mit ihrem rotblonden Haar?«
»Sehr richtig. Woher wissen Sie das?«
»Grün ist bei Rotschöpfen besonders beliebt. Hatte sie einen blassen oder eher dunklen Teint?«
»Oh, einen dunklen. Sie sah sehr gesund aus, als würde sie den größten Teil ihrer Zeit draußen verbringen. Auf dem Golfplatz, habe ich damals angenommen, oder vielleicht bei der Fuchsjagd. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich sofort zu ihr hin-gezogen fühlte. Außerdem besaß sie eine ausgesprochen herzliche, man könnte sagen überschwengliche Art. Hier in der Bank ist niemand überschwenglich, wissen Sie. Von einem Vermögensverwalter erwartet man, daß er stets eine diskrete Zurückhaltung an den Tag legt und jederzeit Abstand wahrt. Außer am Wochenende natürlich, doch selbst dann müssen wir äußerst vorsichtig sein. Falls die Vizepräsidentin der Vermögensabteilung mich je an einem Sonntag mit den feinen Pinkeln bei der Fuchsjagd erwischen würde, wäre sie schon am nächsten Morgen hier, um die Bücher zu prüfen. Aber ich will mich natürlich nicht beklagen«, fügte Sopwith tapfer hinzu. »Besser ein unterbezahlter, vertrauenswürdiger kleiner Vermögensverwalter als ein verachtungswürdiger, hinterhältiger, steinreicher Handlanger einer korrupten Firma.«
»Eine sehr lobenswerte Einstellung, Mr. Sopwith«, sagte Winifred. »Peter, nach dieser Neuigkeit, die wir gerade erfahren haben, sollten wir besser sofort zur Station fahren.«
»Ganz Ihrer Meinung. Sopwith, Sie kommen am besten gleich mit. Vielleicht brauchen wir Sie als Zeugen. Debenham, könnten Sie uns in Ihrem Wagen nachfahren?«
Debenham konnte später Sopwith wieder zurück nach Clavaton bringen, Peter hatte allmählich die Nase voll davon, den Taxifahrer zu spielen. »Miss Ledbetter, haben Sie die Angelegenheit mit dem Börsenmakler geklärt?«
»Ja, Mr. Shandy. Er sagt, die Lackovites-Aktien seien heute ohnehin schon um acht Punkte gefallen, und der Verkauf der Binks-Aktien könnte ihnen den Rest geben.«
»Hervorragend. Könnten Sie uns vielleicht noch einen letzten Gefallen tun? Wären Sie so nett, in der Balaclava Forschungsstation anzurufen? Falls Mrs. Svenson noch da sein sollte, sagen Sie ihr bitte, wir seien auf dem Weg dorthin. Und Ihnen wünsche ich -eh - fröhliches Installieren.«