Kapitel 10


Na so was, Peter! Haben Sie denn für heute immer noch nicht genug von uns? Und Helen und Jane sind auch mitgekommen! Was für eine nette Überraschung. Schön, euch zu sehen, ich hoffe nur, es ist kein Pflichtbesuch. Sie können den Hammer ruhig wieder weglegen, Knapweed, die Shandys werden uns sicher nicht angreifen. Knapweed und ich haben eine Art Hausfriedensbruch begangen, Peter, auch wenn ich nicht weiß, als was genau man es bezeichnen sollte. Vielleicht als vorsätzlichen Einbruch und bewußtes Eindringen. Wir wußten, daß wir das Auto eigentlich der Polizei überlassen sollten, doch die kamen und kamen nicht. Schließlich konnten wir es nicht mehr aushalten, haben uns Plastiktüten über die Hände gestülpt, um keine Fingerabdrücke zu zerstören, und uns selbst an die Suche gemacht. Und raten Sie mal, was wir hinter dem Fahrersitz gefunden haben? Ein kleines schwarzes Notizbuch! Es scheint in einer Art Geheimschrift verfaßt zu sein, aber vielleicht liegt das auch nur an unserer Unkenntnis. Möchten Sie es mal sehen?«

»Da fragen Sie noch?« sagte Peter. »Vielleicht ist es genau das, worauf wir die ganze Zeit gehofft haben. Haben Sie beim Umblättern der Seiten die - eh - Tüten anbehalten?«

»Das war gar nicht nötig. Knapweed hatte die glorreiche Idee, sie mit der Pinzette umzudrehen, die er immer für das Ordnen seiner botanischen Prachtstücke benutzt.

Ich kann damit nicht umgehen, aber er benutzt sie wie ein Chirurg sein Operationsbesteck.«

Der junge Stipendiat errötete. »Reine Gewohnheitssache. Labkraut kann verteufelt aggressiv sein. Aber wenn man es erst mal genauer kennt, ist es eigentlich ganz angenehm im Umgang. Tag, Kätzchen.«

Jane, die sich die ganze Zeit an Knapweeds linkem Hosenbein gerieben hatte, nahm die Begrüßung zum Anlaß, an dem freundlichen Bein hochzuklettern. Der junge Mann stellte den Hammer ab, pflückte die Katze von seiner Jeans und nahm sie vorsichtig auf den Arm. »Jane? So heißt du also? Halt mal einen Moment still, ja? Ich würde gern deine Schnurrhaare zählen.«

»Grundgütiger, Helen, er ist einer von uns!« rief Peter. »Ich sollte Ihnen vielleicht erklären, Calthrop, daß meine Frau und ich ebenfalls die Gewohnheit haben, alles zu zählen. Jane hat haargenau - Entschuldigung, Calthrop, ich möchte Ihnen den Spaß nicht verderben, es selbst herauszufinden.«

»Deine Zählung ist wahrscheinlich sowieso nicht mehr auf dem aktuellen Stand, Darling«, meinte Helen vorsichtig. »Gestern habe ich beim Aufräumen ein einsames Schnurrhaar auf dem Wohnzimmersofa gefunden. Ich weiß gar nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe gemacht habe, Mrs. Lomax macht wirklich immer - warum reden wir eigentlich die ganze Zeit über Janes Schnurrhaare? Laß uns lieber einen Blick in das Notizbuch werfen.«

»Versuchen Sie ruhig Ihr Glück«, sagte Miss Binks. »Wir sind nämlich mit unserem Latein am Ende, und Sie sind schließlich eine Expertin, was Schriften betrifft.* Hier, setzen Sie sich. Ist das Licht hell genug?«

»Das Licht genügt vollkommen, aber das hilft mir leider auch nicht weiter. Knapweed, würden Sie bitte die Seiten für mich umblättern? Peter, was hältst du davon? Kurzschrift ist es jedenfalls nicht, oder wenigstens kein System, das mir bekannt ist. Auch keine griechische, arabische oder hebräische Schrift, kein Sanskrit und kein Kyrillisch, kein demotisches Ägyptisch, und Hieroglyphen sind es ganz bestimmt auch keine. Ich denke, wir können ruhig auf das bewährte Verfahren der relativen Häufigkeit für Anfänger zurückgreifen. Ich wünschte nur, ich hätte den fünften Band der Encyclopaedia Britannica mitgebracht.«

»Woher hätten Sie wissen sollen, daß Sie ihn brauchen würden?« erkundigte sich ihre Gastgeberin. »Was sollen wir denn jetzt Ihrer Meinung nach tun?«

»Ich glaube, wir sollten das Notizbuch dahin zurücklegen, wo Sie es gefunden haben«, meinte Helen. »Aber vorher kopieren wir es erst mal Seite für Seite durch. Selbstverständlich mit Hilfe von Mr. Calthrops Pinzette, damit wir keine Fingerabdrücke zerstören. Tut mir schrecklich leid, daß ich Sie so ans Arbeiten bringe, Mr. Calthrop.«

»Meine Güte, das macht doch nichts, aber warum nennen Sie mich nicht Knapweed? Das tun alle anderen auch. Jedenfalls alle, die überhaupt mit mir reden. Meinen Sie, es wäre möglich, zwei Kopien zu machen? Ich würde mich gern selbst ein bißchen damit beschäftigen, ich habe noch nie versucht, eine Geheimschrift zu knacken.«

»Ich auch nicht«, sagte Winifred Binks. »Eine hervorragende Idee, Knapweed. Je mehr von uns es versuchen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es einem von uns gelingt. Glauben Sie nicht, Peter?«

Peter wußte nicht, was er glauben sollte und was nicht. Da Knapweed das Notizbuch bereits in die Pinzette genommen hatte und gerade dabei war, es zum Kopierer zu transportieren, sah er wenig Sinn darin, jetzt noch Einspruch zu erheben. Knapweed konnte es sich sowieso jederzeit nehmen und Kopien machen, nachdem Miss Binks zu Bett gegangen war. Peter hatte keine Lust, die ganze Nacht hier draußen mit den Stinktieren und Waschbären zu verbringen und den Leihwagen zu bewachen. Er bezweifelte sehr, daß Fanshaw versuchen würde, sich heimlich herzuschleichen, um damit fortzufahren. Er wäre ein ausgesprochener Dummkopf, wenn er sich noch einmal in die Nähe der Forschungsstation wagen würde, es sei denn, das Notizbuch gehörte ihm und er wollte auf keinen Fall, daß jemand die Notizen entschlüsselte.

»Ich wüßte nur zu gern, wer von den beiden dieses Ding verloren hat«, sagte er zu Miss Binks. »Wir können zwar davon ausgehen, daß Emmerick und Fanshaw gemeinsame Sache gemacht haben, aber woran - eh - zum Teufel haben sie gearbeitet?«

»Gute Frage«, antwortete sie. »Wenn man bedenkt, was Viola heute morgen zugestoßen ist, müssen wir wohl davon ausgehen, daß die Sache noch nicht ausgestanden ist, auch wenn Mr. Emmerick inzwischen nicht mehr unter uns weilt. Was mir am meisten Sorgen macht, Peter, ist die Art und Weise, wie diese Betrüger hier auftauchen. Zuerst schneit Emmerick herein und gibt vor, jemand zu sein, der er in Wirklichkeit gar nicht ist. Dann stirbt Emmerick, Mr. Fanshaw erscheint auf der Bildfläche und weiß anscheinend nicht einmal, daß Emmerick tot ist. Wir schaffen es, ihn sicher hinter Schloß und Riegel zu bringen, da kommt schon wieder jemand und kidnappt Viola. Und schließlich erscheint auch noch dieser Rechtsanwalt und holt Fanshaw aus dem Gefängnis. Ich frage mich allmählich, wie das bloß enden soll!«

»Sie haben vollkommen recht, Winifred.« So, jetzt hatte er es endlich doch noch geschafft! »Ich habe Ihnen zwar erzählt, daß Fanshaw aus dem Gefängnis verschwunden ist, aber nicht, wie. Folgendes ist passiert: Als ich im Gefängnis eintraf, war Fanshaws Anwalt bei seinem Mandanten in der Zelle. Er kam heraus, und Ottermole hatte einen kleinen - eh - Wortwechsel mit ihm, woraufhin der Anwalt verschwand und Ottermole und Dorkin nachschauen gingen, ob Fanshaw vielleicht aufs - eh - kurz seine Zelle verlassen mußte. Ich war die ganze Zeit so sehr damit be-schäftigt, Emmericks Sachen durchzusehen, daß ich nicht weiter auf sie geachtet habe. Nach einer Weile schien es mir jedoch im Gefängnis verdächtig still geworden zu sein, daher beschloß ich, lieber kurz nachzusehen. Ich fand die Käfigtür offen, der Vogel war ausgeflogen, und Ottermole und Dorkin saßen zusammen auf der Pritsche. Sie waren in ein Fadenspiel vertieft und glaubten, sie würden Dame spielen.«

»Wie das?«

Peter zuckte mit den Achseln. »Da bin ich völlig überfragt. Wir haben nur herausfinden können, daß Fanshaw sie hypnotisiert hat, indem er eine Goldmünze vor ihren Nasen hin und her pendeln ließ.«

»Das ist ja unglaublich. Sind Sie ganz sicher, daß die beiden nicht nur so getan haben?«

»Daran besteht kein Zweifel. Ich kenne Fred und Budge gut genug, die beiden waren völlig weg vom Fenster. Es hat mich einige Mühe gekostet, sie wieder wach zu bekommen, und ich befürchte, sie stehen vielleicht immer noch unter dem Einfluß einer Art posthypnotischen Suggestion. So etwas halte ich durchaus für möglich. Das Opfer verhält sich tagelang unauffällig und beginnt plötzlich, auf den Händen zu laufen oder Erbsen mit dem Messer zu essen.«

»Ugh! Was für ein abscheulicher Gedanke. Meinen Sie denn, es war richtig, die beiden allein zu lassen?«

»Das habe ich ja gar nicht. Der Officer, der Nachtdienst hat, ist gekommen, und die beiden sind nach Hause gegangen. Budge Dorkin wollte den neuen Freund seiner Tante treffen, und Ottermole hatte vor, wie jeden Abend mit seinen Kindern Räuber und Gendarm zu spielen. Wir werden einfach abwarten müssen, wie sich die Dinge entwickeln.«

»Genau wie Cronkite Swope mit seinen Fotos.«

»Ein guter Vergleich, Winifred.« Jetzt hatte er es sogar ein zweites Mal geschafft! Diesmal war es schon einfacher gewesen, ihr Name war ihm wirklich sehr viel leichter von den Lippen gekommen. »Ich habe Swope bereits angerufen, aber er hat mir gesagt, daß Fanshaw leider auf keinem einzigen Bild deutlich zu erkennen ist. Entweder er ist unscharf oder hat sich gerade von der Kamera weggedreht.«

»Wie unheimlich!«

»Oder heimlich, je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Meiner Meinung nach muß Fanshaw eine Menge Erfahrung in diesen Dingen haben, sonst hätte er nicht diese Geistesgegenwart an den Tag gelegt. Wie läuft's denn so, Calthrop?«

»Ich glaube, ich bin soweit fertig. Ich schau' das Buch zur Sicherheit nur noch mal durch.«

Der Botaniker war immer noch mit dem Pinzettieren von Seiten beschäftigt, die jedoch alle leer waren, erst auf dem letzten Blatt wurde er wieder fündig. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um rätselhafte Symbole, sondern um die grobe Skizze einer Schale auf einem Fuß, in der sich einige runde Kritzeleien befanden, die man sehr wohl für Äpfel halten konnte.

»Da schau mal einer an«, rief Peter.

»Was sollen wir uns denn anschauen?« verlangte Helen zu wissen. »Na das hier!«

Er zeigte auf die Zeichnung, die Knapweed gerade kopiert hatte. Helen rümpfte die Nase.

»Künstlerisch nicht gerade überzeugend, wenn du mich fragst. Gehe ich recht in der Annahme, daß es sich dabei um eine wichtige Symbolik handelt?«

»Es wird dich sicher interessieren, daß Winifred, wie sie heute erst erfahren hat, die Mehrheitsbeteiligung an einer Firma namens Golden Apples hat, die einem Ehepaar namens Compote gehört und von diesem geleitet wird. Was ich besonders interessant finde, ist die Tatsache, daß ich eine ganz ähnliche Zeichnung zwischen Emmericks Papieren gefunden habe.«

»Du meinst, das läßt daraufschließen, daß Emmerick der Besitzer dieses Notizbuchs war?«

»Ich glaube nicht, daß wir zu diesem Zeitpunkt schon ganz sicher sein können, aber wenigstens ist es ein Anhaltspunkt. Gute Arbeit, Calthrop. Kann ich einen Satz Kopien haben?«

Knapweed reichte sie ihm. »Soll ich das Notizbuch wieder dort hinlegen, wo wir es gefunden haben?«

»Wenn Sie so freundlich sein wollen«, erwiderte Peter. »Am besten fassen Sie es nur mit Ihrer Pinzette an, aber das brauche ich Ihnen sicher gar nicht zu sagen.«

»Aber wenn dieser Fanshaw tatsächlich wieder auf freiem Fuß ist, was sollte ihn dann davon abhalten, herzukommen und es sich wiederzuholen ?«

»Erstens hat das Büchlein ja wahrscheinlich Emmerick gehört, wie wir aufgrund der Kritzelei annehmen dürfen, also weiß Fanshaw vielleicht gar nichts von seiner Existenz. Und falls dies nicht zutreffen sollte, geht er vielleicht zweitens davon aus, daß es sich unter Emmericks persönlichen Habseligkeiten befindet, die er bisher noch nicht durchsuchen konnte. Ottermole hat einiges aus Emmericks Zimmer im Gasthof geholt, und die Staatspolizei hat im Leichenschauhaus die restlichen Sachen aus Emmericks Taschen genommen. Und falls drittens das Notizbuch wider Erwarten doch Fanshaw gehören sollte und er dafür sogar das Risiko in Kauf nimmt, sich herzuschleichen, um es zu holen, wissen wir mit Sicherheit, daß es sich um etwas sehr Wichtiges handelt.«

»Hey, da haben Sie recht! Vielleicht sollte ich heute nacht Wache halten, für den Fall, daß er aufkreuzt.«

»Lieber Sie als ich, junger Mann. Jetzt, wo wir die Kopien haben, wäre es ja nicht mehr so schlimm, wenn Fanshaw sich das Ding zurückholen würde. Wissen Sie, ich frage mich, ob dieser angebliche Code nicht vielleicht in Wirklichkeit so etwas wie eine Kurzschrift für Ingenieure ist, die Symbole sehen genauso aus, als hätte sie ein Rohrleger ausgearbeitet. Ich werde einen unserer Jungs aus der technischen Abteilung bitten, einen Blick darauf zu werfen.«

»Sie könnten vielleicht auch versuchen herauszufinden, ob es nicht eine Art Computersprache ist«, schlug Winifred Binks vor. »Das ist heutzutage meistens so.«

»Wie wahr!«

Peters Antwort wurde von einem Gähnanfall gestört, der so stark war, daß er ihn unmöglich unterdrücken konnte. Helen reichte ihm seinen berüchtigten Tweedhut und seinen geliebten Plaidmantel, den er nach ihrer Ankunft auf einem Stuhl abgelegt hatte.

»Komm schon, Liebling, du kannst dich ja kaum noch auf den Beinen halten. Winifred, Sie sind sicher auch todmüde. Hätten Sie nicht Lust, mitzufahren und bei uns zu übernachten? Sie sind auch herzlich eingeladen, Knapweed, wenn es Ihnen nichts ausmacht, auf dem Wohnzimmersofa zu nächtigen.«

»Vielen Dank, Mrs. Shandy. Ich könnte sogar auf einer Hutablage schlafen, wenn es sein müßte, aber ich denke, ich bleibe lieber hier und halte die Stellung, für den Fall, daß etwas passiert. Außerdem erwarten wir morgen Besuch.«

»Sehr lobenswerte Einstellung, Knapweed«, sagte Winifred. »Vielen Dank für das reizende Angebot, Helen, aber wir bleiben heute nacht wirklich besser unter unseren eigenen flauschigen Federbetten. Wir hatten eigentlich schon heute abend eine Pfadfindergruppe aus Lumpkin Upper Mills erwartet, die hier draußen campieren und ihre eigene Eulenzählung durchführen wollte, aber der Führer hat angerufen und gesagt, es sei ihnen doch zu kalt. Im Klartext heißt das wohl, daß die Eltern Angst haben, ihre Sprößlinge ziehen zu lassen, nachdem die Sache mit Emmerick passiert ist.«

»Kann man ihnen kaum verübeln.«

»Ganz meine Meinung. Jedenfalls wollen sie morgen in aller Frühe herkommen. Ich soll ihnen zeigen, was man tun muß, um die Bitterstoffe aus Eicheln herauszuziehen, danach wollen wir sie zusammen über einem Lagerfeuer rösten. Eigentlich sollten sie selbst Eicheln sammeln, aber Knapweed und ich haben heute nachmittag schon einen ganzen Eimer gesammelt, damit es morgen schneller geht. Ohne einen nennenswerten Zwischenfall, wie ich zu meiner Erleichterung sagen kann. Wir haben sie schon geschält und im Bach ausgewaschen.«

»Viola hat vorhin angerufen, um uns mitzuteilen, daß sie sich wieder besser fühlt und morgen für ein Weilchen herkommen könne, falls wir sie brauchten«, warf Knapweed ein. »Aber wir haben gesagt, wir schaffen es schon allein, daher wird sie sich statt dessen die Haare waschen.«

»Ihr seht also, es ist mehr oder weniger wieder alles beim alten«, sagte Winifred. »Ich würde euch ja gern eine Tasse Kamillentee als Wegstärkung anbieten, aber ihr seht nicht so aus, als ob ihr scharf darauf wäret. Viel Glück mit dem Code oder was immer es auch sein mag, und vielen Dank, daß ihr an uns gedacht habt. Schlaf schön, kleine Jane. Komm bald mal wieder vorbei.«

Peter sagte »Gute Nacht, Winifred«, um in Übung zu bleiben. Jane leckte kurz, aber zärtlich Knapweeds Hand, was ihn sehr beglückte. Helen kramte nach den Wagenschlüsseln und sorgte dafür, daß sie alle sicher nach Hause kamen. Sowohl Peter als auch Jane mußten geweckt werden, als sie auf Charlie Ross' Parkplatz fuhr. Jane machte Anstalten, den kurzen Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen. Helen protestierte.

»Das hast du dir wohl so gedacht, junge Dame. Kommt gar nicht in Frage, daß du mir anfängst, die Straßen unsicher zu machen wie dein Vetter Edmund.«

Edmund war zwar in Wirklichkeit nur ein Vetter um sechs Ecken, aber in Balaclava County war das bereits verwandt genug. Peter beendete die Diskussion, indem er Jane auf den Arm nahm, damit sie ihren Unmut an seinem Mantel auslassen konnte, dem inzwischen sowieso nichts mehr etwas anhaben konnte.

»Jetzt werden wir alle einen schönen, ruhigen Sonntag verbringen«, entschied Helen, als sie hügelan stiegen. »Wir schlafen bis in die Puppen, und ich mache uns ein schönes großes Frühstück, sobald uns nach Essen ist.«

»Schade, daß wir nicht daran gedacht haben, ein paar Eicheln von Winifred zu schnorren«, sagte Peter. »Dann könnten wir im Garten ein Lagerfeuer machen und die Dinger rösten.«

»Wirklich jammerschade, Schatz.« Helen blickte hinauf zum mondlosen, sternlosen Firmament. »Ich befürchte, die Pfadfinder werden morgen auch nicht allzu viele Eicheln rösten, es sei denn, sie setzen sich an das Kaminfeuer in der Forschungsstation. Was immer der Wetterbericht auch vorhergesagt hat, ich bin sicher, wir bekommen morgen einen schlimmen Sturm.«

Wie so oft behielt Helen natürlich recht. Der Sonntagmorgen tat sich äußerst schwer. Der Himmel blieb bleigrau, der Regen schlug wütend gegen die Fenster, trommelte aufs Dach und sickerte zweifellos durch die Schutzwand in den Keller. Doch keiner der drei Shandys ging nachsehen, sie waren alle viel zu sehr mit Faulenzen und Dösen beschäftigt, bis Jane schließlich entschied, daß es Zeit für ein Fresserchen sei, und Helens Verantwortungsgefühl den Sieg davontrug. Peter kam als letzter nach unten. Seine Gattin saß mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch, die Würstchen brutzelten in der Pfanne, und eine Schüssel mit Pfannkuchenteig auf der Anrichte wartete nur darauf, gebacken zu werden. Knapweeds Kopien waren überall verteilt.

»Schon etwas herausgefunden, werte Mrs. Holmes?«

»Leider nicht.« Helen sammelte die Seiten ein, legte sie auf ein Schneidebrett und stellte zur Sicherheit noch eine Dose Katzenfutter darauf. »Ich habe Winifred schon angerufen. Die Pfadfinder kommen nun doch nicht, daher wird sie mit Knapweed zusammen ihr Wohnzimmer tapezieren. Sie hat es die ganze Zeit auf einen Regentag verschoben, und einen verregneteren Tag als heute wird sie schwerlich finden. Sie war schon draußen und hat die Regenmesser kontrolliert, sie zeigten schon anderthalb Zentimeter an. Die beiden hatten auch noch kein Glück mit Emmericks Code. Ich mußte ihr gestehen, daß es uns auch nicht besser gegangen ist. Vielleicht funktioniert mein Verstand besser, wenn ich etwas im Magen habe.«

»Durchaus möglich, mein Herz. Möchtest du, daß ich die Pfannkuchen backe?«

»Nicht, wenn du beabsichtigst, sie in die Luft zu werfen und mit der Pfanne aufzufangen. Du weißt ja, was beim letzten Mal passiert ist.«

»Undank ist der Welt Lohn! Wer hat denn drei Jahre lang gejammert, daß die Decke endlich renoviert werden sollte? Und wer hat schließlich den letzten Anstoß gegeben?«

»Ich gebe ja zu, daß du den letzten Anstoß gegeben hast, aber was war mit dem Herd? Ich habe Mrs. Lomax noch nie so aufgebracht gesehen. Und das war, nachdem wir bereits das meiste von den Kochplatten gekratzt hatten. Schau doch bitte nach, ob die Sonntagszeitung schon gekommen ist, wenn du so darauf brennst, dich nützlich zu machen. Ich hoffe, der Zeitungsjunge hat sie nicht wieder einfach auf die Treppe geknallt und ist weitergeflitzt, wie er es sonst immer macht.«

»Falls er das getan hat, haben wir inzwischen sicher Pappmache«, meinte Peter ahnungsvoll. »Meine Güte, was für ein Hundewetter ! Jane, nimm die Nase aus der Pfanne! Komm lieber mit und hilf Papi bei seinem Kampf gegen die bösen Elemente.«

Jane war anderer Meinung und zeigte ihm ziemlich deutlich, daß ihre vorrangige Aufgabe in der Beaufsichtigung der Würstchen bestand, darum ging Peter allein. Der Schaden war weniger schlimm als erwartet, da die Bostoner Zeitung so dick in Anzeigenteile und Werbebeilagen eingewickelt war, weil jemand die Seiten falsch an- geordnet hatte, daß der Teil mit den relativ mageren Nachrichten und Leitartikeln nur zur Hälfte durchnäßt war. Zu seiner großen Verwunderung entdeckte er außerdem eine weit dünnere und noch dazu knochentrockene Zeitung, die in einer Plastikhülle steckte und an der Eingangstür lehnte.

Auf der ersten Seite der letzteren Publikation prangte ein exklusives, hochaktuelles Foto, auf dem zwei gepflegte, gutaussehende Männer in Uniformen der Staatspolizei eine Leiche über einen Waldweg transportierten. Ein weiteres Bild zeigte Polizeichef Ottermole, dank Edna Maes liebevoller Pflege sogar noch besser und gepflegter aussehend als seine Kollegen, bei der Festnahme eines mittelgroßen Mannes, der sein Gesicht von der Kamera abgewandt hatte. Peter warf die nasse Zeitung in den Schirmständer und trug die trockene zurück in die Küche.

»Sieh mal, Helen, der Gemeinde- und Sprengel-Anzeyger hat es endlich geschafft, eine Sonntags-Sonderausgabe zu drucken! Ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit! Ottermoles Bild prangt auf der Titelseite.«

»Wann tut es das nicht? Mein Gott, Edna Mae hat bald keinen Platz mehr an ihren Wänden. Bist du auch irgendwo zu sehen?«

»Jessas, hoffentlich nicht. Swope sollte es inzwischen besser wissen.«

»Das halte ich aber für äußerst unfair. Wir haben schließlich auch Wände!«

»Warum hängst du dann nicht das hübsche Bild auf, wo ich auf der Landwirtschaftsausstellung den siebenundzwanzig Pfund schweren Balaclava-Protz in Augenschein nehme, den der alte Kauz aus Outer Clavaton hergeschleppt hat?«

»Ja, richtig, wo du mit dem Rücken zur Kamera stehst und einen Riß hinten in der Hose hast.«

»Aber bloß einen winzig kleinen. Ich saß zufällig bei den Viehgehegen auf einem gesplitterten Holzgatter, an dem ein gelangweiltes Rind herumgeknabbert hatte. Aber du mußt zugeben, daß die Rübe sehr gut getroffen ist.«

»Womit du allerdings recht hast. Bist du so lieb und drehst die Würstchen für mich um? Aber bitte, ohne Theater.« Helen legte zwei weitere Pfannkuchen auf den Stapel, den sie zum Warmhalten in den Backofen geschoben hatte, und gab neuen Teig in die Pfanne. »Am besten, ich brauche alles auf, dann können wir heute nachmittag Crumpets zum Tee essen.«

Bei einem Aufenthalt in Großbritannien hatten Helen und Peter amüsiert festgestellt, daß englische Crumpets den amerikanischen Pfannkuchen so ähnlich waren, daß man den Unterschied kaum bemerkte, und heute war ein guter Tag, um vor dem Kamin stilgerecht britischen High Tea einzunehmen. Sie ließen sich ihr opulentes Frühstück schmecken, lasen sich gegenseitig Ausschnitte aus Cronkite Swopes lebhafter Reportage vor, stellten das Telefon leise, damit sie es nicht mehr klingeln hörten, nachdem sie bereits viel zu viele Anrufe von Nachbarn bekommen hatten, die ebenfalls den Gemeinde- und Sprengel-Anzeyger gelesen hatten, und versuchten, nicht über zu viele der unangenehmen Pflichten nachzudenken, die auch sie seit Ewigkeiten auf einen Regentag verschoben hatten.

Zwischendurch nahm sich immer wieder einer von ihnen das Notizbuch vor und brütete über dem Code. Sie hätten zwar die relative Häufigkeit der verschiedenen Buchstaben aus der »Encyclopedia Britannica« oben in der College-Bibliothek erfahren können, doch das hätte einen Gewaltmarsch durch den Regen bedeutet, und dazu war der Tag wirklich zu scheußlich.

Gegen zwei Uhr nachmittags wagte sich Timothy Arnes mit seinem Cribbage-Spiel unter dem Regenmantel über den Crescent. Sein Haus lag genau gegenüber, eine Distanz, die bei diesem Wetter gerade noch zumutbar war. Tim und Peter spielten Cribbage. Helen zog sich in die Küche zurück und machte Karamelbonbons, nicht weil sie zusätzliche Kalorien brauchten, sondern weil es genau das Richtige für einen Regentag war. Als sie die kleingehackten Nüsse untergerührt hatte und die Karamelmasse langsam fest wurde, nahm sie sich Knapweeds Kopien noch einmal vor.