Kapitel 5
Was glauben Sie, was er jetzt tun wird?« fragte Miss Binks. Gemeinsam mit Peter hatte sie Ottermole dabei geholfen, den angeblichen Mr. Fanshaw ins Dorfgefängnis zu schaffen. Jetzt waren sie auf dem Heimweg mit der Absicht, Helen von ihren lite-
rarischen Studien fortzulocken und zu einem Mittagessen im >Plucked Chicken< einzuladen, einem ziemlich gepflegten neuen Restaurant, das Bathsheba Monk und ihre Schwägerin Gert dort eröffnet hatten, wo sich bis vor kurzem >Betty's Beauty Barn< befunden hatte.
»Fanshaw?« erkundigte sich Peter. »Der wird nach seinem Anwalt schreien.«
»Ach herrje!« Miss Binks' ohnehin schon langes Gesicht wurde noch länger. »Ich habe heute um halb zwölf einen Termin mit Mr. Debenham - meinem Anwalt, wissen Sie - und einigen Herren von Großvaters Treuhandgesellschaft in meinem Büro. Das war mir vollkommen entfallen. Verständlicherweise, würde ich sagen, aber sie sind sicher schon längst da und fragen sich, wo ich bleibe.«
»Vielleicht haben sie es auch vergessen«, versuchte Peter sie zu trösten.
»Ganz bestimmt nicht. Anwälte lassen keinen Termin platzen, wenn die Mandantin so reich ist wie ich. Das mag zwar ein wenig zynisch klingen, aber genau das sollte es auch. Könnten wir bei Ihnen zu Hause vorbeifahren, damit ich schnell anrufe und Be-scheid sage, daß ich so schnell wie möglich komme? Das heißt, wenn Sie so lieb sind, mich hinzufahren. Vielleicht hat Helen Lust, uns zu begleiten, dann können Sie anschließend zusammen essen gehen. Auf mich brauchen Sie nicht zu warten, Sie wissen ja, wie Anwälte sind.«
Der Gedanke, ihrerseits den Termin abzusagen, kam Winifred Binks überhaupt nicht in den Sinn, stellte Peter fest. Mr. Debenham und die Herren von der Treuhandgesellschaft opferten ihr schließlich ihren Samstag, wo sie doch genausogut draußen Croquet spielen oder zu Hause am Schreibtisch über schweren Rechtsproblemen brüten konnten. Da auch Peter aufgrund seiner Erziehung stets die Pflicht vor das Vergnügen stellte, willigte er ohne Murren ein und fuhr zu dem rosafarbenen alten Backsteinhaus auf dem Crescent, wo er allerdings feststellen mußte, daß seine Frau sich mit einem anderen Mann beschäftigte.
»Freut mich, daß Sie hier sind, Präsident«, log er. »Es hat einige interessante Entwicklungen gegeben. Am besten, Sie tätigen schnell Ihren Anruf, Miss Binks. Sagen Sie den Herren, wir würden uns umgehend auf den Weg machen. Helen, hast du Lust, mit uns zur Forschungsstation zu fahren? Eigentlich wollten wir dich zum Lunch ausführen, aber Miss Binks ist gerade siedendheiß eingefallen, daß sie sich mit ihren Anwälten treffen wollte. Vielleicht könnten wir beide danach ja -«
»Shandy!« brüllte Svenson. »Entwicklungen!«
»Ach so, ja. Kurz gesagt, Emmerick war ein Betrüger. Bei der Meadowsweet Construction Company hat man noch nie etwas von ihm gehört. Als ich Miss Binks heute morgen zurück zur Forschungsstation brachte, ist noch so ein Mensch aufgetaucht. Er nannte sich Fanshaw und behauptete, Emmericks Vorgesetzter zu sein. Als er hörte, daß Emmerick tot ist, wurde er stumm wie ein Fisch, daher haben wir ihn festgenommen und zu Ottermole gebracht.«
»Und ihr habt überhaupt nichts aus ihm herausbekommen?« wollte Helen wissen.
»Keinen Ton. Fanshaw fiel aus allen Wolken, als er von Emmericks Tod erfuhr, darauf verwette ich meine Sonntagsstiefel. Cronkite Swope hat ihn fotografiert, wir werden ein paar Abzüge zur Staatspolizei bringen, vielleicht können die ihn identifizieren. Aber das fällt in Fred Ottermoles Aufgabenbereich. Vielleicht sollten Sie ihn auf dem Revier besuchen und nachfragen, ob er schon etwas herausgefunden hat, Präsident.«
Peter hatte sich bereits mit Officer Dorkin in Verbindung gesetzt und nachgefragt, ob sich die Staatspolizei schon gemeldet habe. Dorkin, der am Schreibtisch die Stellung hielt, während sein Chef ein Nickerchen machte, konnte ihm jedoch nur mitteilen, daß der angebliche Emmerick in der Tat durch einen Stich in den Nacken ums Leben gekommen war, was ihnen auch nicht viel weiterhalf.
Peter hatte den Vorschlag hauptsächlich gemacht, um Svenson loszuwerden, doch er hätte eigentlich wissen müssen, daß sich der Präsident so leicht nicht abschütteln ließ.
»Ich komme mit«, knurrte der Hüne. »Vielleicht schnappen wir noch mehr Betrüger.«
»Das kann ich mir kaum vorstellen«, versuchte Peter ohne viel Hoffnung auf Erfolg einzuwenden.
Am Ende beschloß Helen, zu Hause zu bleiben und an ihrem Artikel zu arbeiten, da ihr Lektor allmählich nervös wurde. Miss Binks merkte schüchtern an, sie hoffe, man werde bald losfahren, da die Herren sich bereits seit einer halben Stunde in der Station die Beine in den Bauch standen. Mr. Sopwith und seine Mannen waren ihr zwar ziemlich gleichgültig, doch sie hatte Mitleid mit ihrem Anwalt. Mr. Debenham hatte sie stets respektvoll behandelt, selbst in Zeiten, als sie noch keinen roten Heller besessen hatte.
Thorkjeld Svenson bot an, sie zu fahren, doch Peter setzte sich energisch zur Wehr. »Auf gar keinen Fall, Präsident. Meine Haare fallen auch so schon schnell genug aus. Lehnen Sie sich lieber zurück, und entspannen Sie sich ein bißchen.«
Als sie endlich die Forschungsstation erreicht hatten, konnte Peter recht gut nachempfinden, wie sich der Fahrer eines Reisebusses am Ende eines harten Arbeitstages fühlen mußte, obwohl dieser Tag gerade erst angefangen hatte. Wenigstens waren die Besucher noch da, genau wie Miss Binks prophezeit hatte. Sie ging raschen Schrittes, aber ohne unnötige Hast in den Empfangsraum und hielt sich nicht lange mit Entschuldigungen auf. Danach wandte sie sich an den jungen Calthrop, der an dem langen Tisch saß und mit einer spitzen Pinzette eine exotische Berg-Flockenblume malträtierte.
»Wo ist Viola?«
»Sie hat gesagt, sie hätte Lust auf einen Spaziergang. Wenn sie zurückkommt, will sie die Regenmesser kontrollieren und die Futterhäuschen für die Vögel auffüllen.«
»Gut, das ist auch nötig. Du liebe Zeit, das schreckliche Eichhörnchen steckt ja schon wieder in dem großen Futterspender fest. Am besten, Sie suchen sie und helfen ihr, das kleine Biest zu befreien, bevor es versucht, allein herauszukommen, und dabei alles in Stücke reißt. Also, Gentlemen, worüber wollten Sie mit mir reden? Ich möchte nicht zuviel von Ihrer Zeit verschwenden.«
»Ah, könnten wir vielleicht in Ihr Büro gehen?«
Der Vorschlag stammte von Mr. Sopwith, der erst vor kurzem von seinem inzwischen pensionierten Vorgesetzten die treuhänderische Verwaltung des riesigen Vermögens übernommen hatte, das der verstorbene Jeremiah Binks seiner Enkelin hinterlassen
hatte. Auf Peter wirkte er wie die Sorte Banker, bei denen man eine Goldkette über dem dicken Bauch und die Daumen in den Armlöchern der Weste erwartet. Wie schade, daß er Flanellhosen und ein Sportjackett mit dezentem Karomuster trug. Peter vermutete, daß Sopwith absichtlich in dieser Aufmachung erschienen war, um Miss Binks daran zu erinnern, daß er ihr seinen freien Samstag opferte. Debenham dagegen trug einen dunklen Geschäftsanzug, der den Anzügen glich, die Peter im allgemeinen trug, wenn Arbeitshose und Flanellhemd nicht ganz angebracht waren.
Sopwith hatte ein kleines, mageres, schweigsames Individuum mitgebracht, das einen unvorteilhaften braunen Anzug und eine unauffällige Krawatte trug. Es handelte sich dabei um einen gewissen Mr. Tangent, den Wirtschaftsprüfer der Gesellschaft. Mr. Tangent trug ein Hauptbuch, mehrere Aktenordner und eine jener farbigen Mappen mit Klarsichthüllen, in denen man wichtigen Klienten gern ihre Unterlagen präsentiert. Miss Binks' Mappe war grün, vielleicht aus Rücksicht auf ihr Engagement in Umweltfragen, vielleicht, um die Größe ihrer Erbschaft zu dokumentieren, vielleicht auch aus Respekt für ihren verstorbenen Großvater. Vielleicht aber auch nur, weil zufällig gerade nur eine grüne Mappe im Büro herumgelegen hatte, dachte Peter, der gern alle Seiten eines Problems beleuchtete.
Apropos Büro, Sopwith' Vorschlag, sich in Miss Binks' Büro zurückziehen zu dürfen, zielte eindeutig darauf ab, Dr. Shandy und Präsident Svenson von ihren weiteren Gesprächen auszuschließen. Doch da kannte er Winifred schlecht. Sie setzte sich an den Tisch vor den großen Fenstern, der normalerweise zum Überprüfen der Bauzeichnungen, Präparieren von Objekten für das Museum, Trinken von Löwenzahnwurzelkaffee, Essen von Taglilienpollen-Muffins und diversen anderen Aktivitäten benutzt wurde, und bedeutete den Männern, ebenfalls Platz zu nehmen.
»Bleiben wir doch direkt hier. Warum sollen wir erst unnötig Stühle hin und her schleppen? Dr. Svenson, Sie setzen sich am besten neben mich und leihen mir ein paar Ihrer Finger zum Zählen. Ich bin ein absolut hoffnungsloser Fall, wenn es um rechnerische Probleme geht. Also dann, Mr. Sopwith, was haben Sie auf dem Herzen?«
»Es geht um Ihr Kapital.«
»Ich dachte immer, daß mit meinen Kapitalanlagen alles in bester Ordnung sei.«
»Im großen und ganzen ist dies auch der Fall«, gab Sopwith zu. »Tangent, zeigen Sie Miss Binks die Aufstellungen.«
Der Buchhalter reichte ihr wortlos die inzwischen geöffnete grüne Mappe. Miss Binks ließ ihren Blick über die Seite mit den Zahlen gleiten und nickte Dr. Svenson zu. »Im großen und ganzen zufriedenstellend, finden Sie nicht auch, Präsident?« meinte sie. »Allerdings gibt es hier ein Objekt, das ich gern sofort abstoßen möchte.«
»Ah ja«, erwiderte Sopwith. »Sie meinen natürlich Golden Apples. Bestimmt erinnern Sie sich, daß ich Ihnen gegenüber vor einiger Zeit erwähnt habe, daß die Firma während der letzten Jahre zwar stabil geblieben ist und eine kleine Dividende ausgeschüttet hat, andererseits ihre Gewinne nicht steigern konnte. Eine sehr bedenkliche Situation, Miss Binks. Ich möchte Ihnen daher raten, Golden Apples unbedingt abzustoßen, bevor das Unternehmen Konkurs anmeldet, und den Erlös in eine Firma zu investieren, die bessere Rendite abwirft.«
»Tatsächlich?« sagte Winifred. »Und an welche Firma hatten Sie gedacht?«
»Nun ja, ich habe mir dieses Problem sorgfältig durch den Kopf gehen lassen. Wenn man bedenkt, daß Golden Apples Nahrungsmittel anbietet und vertreibt, die man als - ah - Naturkost bezeichnen könnte, und wenn man zudem das momentane Interesse für diese Art von gesunder Ernährung in Betracht zieht, würde ich vorschlagen, Ihre Gewinne in ein ähnliches Unternehmen zu reinvestieren, an dem Sie bereits eine relativ kleine Beteiligung haben. Lackovites ist eine jüngere, dynamischere Firma, die Golden Apples während der letzten Jahre weit hinter sich gelassen hat. Zeigen Sie Miss Binks bitte die Zahlen von Lackovites, Tangent.«
Wortlos öffnete der Buchhalter einen seiner Ordner und reichte Winifred Binks eine Bilanz von Lackovites. Sie warf einen kurzen Blick darauf und reichte sie weiter an Svenson.
»Sehr beeindruckend, aber ich vermisse darin einen Aspekt, der Ihnen ebenfalls entgangen zu sein scheint, Mr. Sopwith. Golden Apples haben Sie mir gegenüber schon einmal erwähnt. Daraufhin habe ich mich selbst eingehend mit der Materie beschäftigt. Ich habe festgestellt, daß die Produkte von Golden Apples von Ernährungsexperten aufgrund ihrer herausragenden Qualität und ihres exzellenten Geschmacks hochgeschätzt werden. Verpackung, Vertrieb und Marketing der Produkte sind allerdings sehr verbesserungsbedürftig. Das scheint mir daran zu liegen, daß Golden Apples, um das hohe Qualitätsniveau erhalten zu können, nur einwandfreie Zutaten einkauft, die ihre Betriebskosten in die Höhe treiben und ihre Gewinnspanne schmälern, so daß sie nicht die nötigen Mittel haben, um offensiv am Wettbewerb teilzunehmen. Infolgedessen halten sie zwar ihre Stammkunden, gewinnen jedoch nicht genügend neue hinzu.«
»Genau das habe ich ja auch -«
»Lassen Sie mich bitte zu Ende reden, Mr. Sopwith. Lackovites dagegen kann sich extensive Werbekampagnen leisten und besitzt zudem eine hervorragende Verpackungsabteilung und einen extrem offensiven Vertrieb. Die Firma hat sich das wachsende Interesse an Naturprodukten zunutze gemacht, von dem Sie eben sprachen, und zahlreiche neue Kunden gewonnen, verdankt allerdings ihren Erfolg nur der Tatsache, daß die Menschen leider nur zu oft bereit sind, sich von marktschreierischen Methoden einwickeln zu lassen. Doch inzwischen ist man Lackovites auf die Schliche gekommen und hat herausgefunden, daß ein Großteil der sogenannten magischen Geheimzutaten lediglich aus Maisstärke und Sägemehl besteht. Und selbst das Sägemehl ist von niedrigster Qualität.«
»Aber Miss Binks-«
»Kurz und gut, Mr. Sopwith, die Lackovites-Leute sind nichts als ein Haufen von Opportunisten, die einzig und allein auf das große Geld aus sind. Sie locken zwar neue Kunden an, können sie jedoch nicht halten, weil ihre Produkte erbärmlich schlecht sind, und ich schäme mich in Grund und Boden, daß ich jemals etwas mit dieser Firma zu tun hatte. Ich wünsche daher, daß Sie am Montagmorgen als allererstes sämtliche Lackovites-Aktien, die ich noch besitze, abstoßen, bevor der Marktwert fällt, und jeden Penny davon in Golden Apples investieren.«
»Aber das können Sie doch nicht machen !«
Winifred richtete sich auf und blickte ihn genauso herablassend an wie eine Großherzogin einen unverschämten Lakaien. »Und was sollte mich Ihrer Meinung nach davon abhalten?«
»Es ist unmöglich !«
»Miss Binks, ich glaube, Mr. Sopwith meint damit, daß Golden Apples Ihnen sowieso schon mehr oder weniger gehört«, unterbrach Anwalt Debenham. »Die Firma ist nie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, wissen Sie, daher wurde sie auch nie in den Börsenberichten aufgeführt. Vor etwa zwanzig Jahren - das genaue Datum müßte ich erst nachschauen - ist nämlich folgendes passiert: Ein völlig mittelloses Ehepaar namens Compote hat sich mit einer damals ungewöhnlichen Idee an ihren Großvater gewandt. Die beiden wollten eine Firma für Nahrungsmittel gründen, die nur aus natürlichem Anbau stammen und besonders hochwertig und gesund sein sollten. Ich brauche sicher nicht eigens zu erwähnen, daß die Allgemeinheit zum damaligen Zeitpunkt weit weniger an ökologischen Produkten interessiert war als heute und die sogenannte Naturkost meist als Marotte von Spinnern und Eigenbrötlern abgetan wurde.«
Winifred lächelte. »Aber da Großvater selbst ein Spinner und Eigenbrötler war, ist er sofort darauf angesprungen, genau wie es die beiden klugerweise auch erwartet hatten. Obwohl ich sicher bin, daß er die Idee auch ausgezeichnet gefunden hätte, wenn die beiden genauso verrückt gewesen wären wie er selbst, was aber nun einmal nicht der Fall war.«
Mr. Debenham lächelte zurück. »Vielleicht sollte ich Sie daran erinnern, Miss Binks, daß Ihr Herr Großvater zwar ein wenig -ahm - abenteuerlustig gewesen ist, aber dennoch ein hervorragender Geschäftsmann war. Er hat sich nur unter der Bedingung auf die Finanzierung eingelassen, daß er siebzig Prozent der Anteile besaß. Die restlichen dreißig Prozent behielten die Compotes, jedoch unter der Bedingung, daß sie die Möglichkeit hatten, einundzwanzig Prozent zurückzukaufen, falls sie den Hauptanteil an Golden Apples besitzen wollten. Bisher haben sie von diesem Recht allerdings keinen Gebrauch gemacht.«
»Das könnten sie nicht einmal, wenn sie es wirklich wollten«, brummte Sopwith. »Sie haben nämlich nicht genug Geld.«
»Dazu kann ich nichts sagen«, meinte Debenham. »Es gibt allerdings ein anderes Problem, dessen Sie sich bewußt sein sollten, Miss Binks. Sie und die Compotes haben jeweils das Vorkaufsrecht auf die Anteile der anderen Partei, was bedeutet, daß Sie, falls Sie zu verkaufen wünschen, Ihre Anteile zuerst den Compotes anbieten müßten, was natürlich auch für den umgekehrten Fall gilt. Das könnte zu einem Dilemma führen.«
»Dazu sehe ich keinen Anlaß«, sagte Winifred. »Wir brauchen doch lediglich ein wenig frisches Kapital in die Firma zu pumpen, um den Vertrieb von Golden Apples anzukurbeln und die Verpackung zu verbessern, und können dann selbst ein paar offensive Werbekampagnen starten. In diesem Punkt haben wir einen großen Vorteil gegenüber Lackovites, weil wir nämlich die Wahrheit sagen. Da ich immerhin der Senior-Partner dieser Firma bin, können die Compotes eine Einmischung meinerseits
gar nicht ablehnen, oder? Bitte vereinbaren Sie für Anfang nächster Woche einen Termin mit ihnen, Mr. Debenham, und erklären Sie ihnen, daß ich unser neues Verkaufsprogramm mit ihnen absprechen möchte. Hätten Sie vielleicht Zeit, mich zu begleiten?«
»Aber selbstverständlich, Miss Binks. Sie wissen ja, daß Sie bei mir immer an erster Stelle stehen.«
Rechtsanwalt Debenham war Peter bisher eigentlich eher unscheinbar vorgekommen, bis er das Lächeln sah, das er Winifred Binks schenkte. Der alte Kauz war tatsächlich in sie verliebt, verflucht noch eins! Und Winifred Binks errötete prompt, auch wenn sie so tat, als könne sie kein Wässerchen trüben.
»Sehr freundlich von Ihnen. Dann erwarte ich also Ihren Anruf. Und Sie, Mr. Sopwith, kontaktieren mich bitte sofort, nachdem Sie verkauft haben, und teilen mir mit, wieviel wir für die Lackovites-Aktien bekommen haben, damit ich weiß, was ich sonst noch verkaufen muß, um unsere Werbekampagne zu finanzieren. Gibt es sonst noch etwas, über das irgendjemand mit mir reden möchte? Mr. Sopwith? Mr. Tangent?«
Beide schwiegen.
»Mr. Debenham? Peter? Dr. Svenson?« »Alles erfundene Zahlen.«
Während die anderen sich unterhielten, hatte Thorkjeld Svenson die Lackovite-Bilanz genau studiert und am Rand in seiner erstaunlich kleinen sauberen Handschrift diverse Berechnungen angestellt. Nun zeigte er Mr. Debenham, was er herausgefunden hatte.
»Das darf doch nicht wahr sein!« rief der Anwalt. »Mr. Tangent, wie konnten Sie diese eklatanten Abweichungen übersehen?«
»Ich - ich hatte nicht genug Zeit, alles genau zu überprüfen«, stammelte der Buchhalter. »Mr. Sopwith - ich meine, ich habe den Ordner erst bekommen, als wir unser Büro verließen. Ich hätte doch niemals - ich kann mir gar nicht vorstellen, warum die Zahlen -« Ein wütender Blick seines Vorgesetzten brachte ihn zum Schweigen.
»Machen Sie sich bitte keine Vorwürfe, Mr. Tangent«, sagte Winifred. »Die Zahlen sind sowieso vollkommen egal, da wir mit Lackovites schon bald nichts mehr zu tun haben werden. Ich hoffe, das überzeugt Sie endlich, Mr. Sopwith, daß ich sehr wohl wußte, wovon ich sprach, als ich die Leute vorhin als einen Haufen Opportunisten bezeichnet habe. Wahrscheinlich wäre die Bezeichnung Schurken noch zutreffender gewesen.«
»Ich - ah -«
»Ja, Mr. Sopwith, ich verstehe Sie sehr gut. Sie sind erst seit der Pensionierung Ihres Vorgängers für die Verwaltung des Treuhandvermögens verantwortlich, und ich bin sicher, Sie mußten eine Unmenge von Papierkram bewältigen, als Sie Großvaters Vermögen auf mich überschrieben haben. Man kann also kaum erwarten, daß Sie jetzt schon mit allen Details vertraut sind. Als nächstes setzen Sie sich am besten gemeinsam mit Mr. Tangent, Mr. Debenham und unserer eigenen Buchhalterin Miss Chilicothe zusammen und überprüfen sorgfältig jeden einzelnen Posten, der zum Treuhandvermögen gehört.«
»Aber das würde mehrere Wochen dauern«, protestierte Sopwith. »Oder noch länger. Vielleicht sogar mehrere Monate. Oder Jahre!«
»Ich bezahle Sie schließlich für Ihre Zeit, Mr. Sopwith«, erwiderte Winifred freundlich. »Ich nehme nicht an, daß Sie es vorziehen würden, wenn ich mit dem Finanzamt Probleme bekäme, bloß weil mir jemand falsche Zahlen untergeschoben hat. Dr. Svenson, ich weiß zwar, daß Ihre Zeit kostbar ist, aber da Sie die Finanzen des Colleges so meisterhaft zu verwalten verstehen und da der Erfolg unserer Forschungsstation momentan von meiner persönlichen Solvenz abhängt, könnten Sie es vielleicht auf sich nehmen, den Vorsitz im Prüfungskomitee zu übernehmen?«
»Mit Vergnügen.«
Selbst wenn er sein liebenswürdigstes Gesicht aufsetzte, sah Svenson immer noch furchteinflößend aus. Sopwith wirkte mehr als verblüfft, Tangent schien sogar zu Tode erschrocken.
Die falschen Zahlen bedeuteten nicht unbedingt, daß die beiden die Bücher frisiert hatten, versuchte Peter sich einzureden. Vielleicht waren sie wirklich unschuldig. Sopwith verdächtigte möglicherweise seinen Vorgänger und befürchtete, die Sache könnte so hohe Wellen schlagen, daß seine Bank das Binks-Vermögen verlieren könnte. Vielleicht war er auch nur ein fauler Mistkerl, der seine Arbeit schlampig ausführte, in der Annahme, daß eine Frau, die nicht an den Umgang mit großen Geldsummen gewöhnt war, sich leicht übers Ohr hauen ließ und alles glaubte, was man ihr erzählte. In diesem Fall hatte er seine Lektion jetzt weiß Gott gelernt. Peter fragte sich, wie viele Überstunden Sopwith und Tangent wohl am Wochenende über dem Konto von Miss Binks brüten würden.