»Hat sie sich umbringen wollen?«
»Was haben Sie für Pläne, Mr. Mortenhoe?«
Harry versuchte sich wieder an Katherines Seite zu kämpfen. »Leiderklärung!« rief er. »Lassen Sie uns in Ruhe…«
Jemand lachte. »Wo ist denn Ihr Abzeichen, Mr. Mortenhoe? Sagen Sie uns bitte, was ist das für ein Gefühl, bald ein Neuer Lediger zu sein?«
Harry senkte den Kopf, schob sich vor und schlug dabei wild um sich. Er stellte sich dabei nicht sehr geschickt an, doch ein Reporter holte sich eine blutige Nase, und eine Kamera wurde fortgewirbelt und zertreten. Die Stimmen, die ihre Rechte kannten, wurden ärgerlich. Jemand stellte Harry ein Bein, und er stürzte. Die Stimmen umringten ihn.
Katherine stand unbelästigt in einem ruhigen Schutzkreis des Gesetzes und sah zu, wie man ihm auf die Beine half. Sah, wie er rein zufällig wieder angestoßen wurde, so daß er erneut hinfiel.
Sie begann zu schreien. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Plump, erniedrigend, schmerzhaft, verabscheuungswürdig – doch etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Sie schrie in gleichmäßigen Stößen, die Hände lose vor dem Leib verschränkt, die Handtasche unter einen Arm geklemmt, durchaus bewußt, wie häßlich sie aussah. Sie hörte sich häßlich an, sie sah häßlich aus. Doch die Aufmerksamkeit der Menge, die sich auf Harry konzentriert hatte, richtete sich nun wieder auf sie.
In der plötzlichen Stille wurden ihre Schreie von der grauen Schloßmauer hinter ihr zurückgeworfen. Nachdem sie erst einmal begonnen hatte, hatte sie keine Mühe, das Geschrei fortzusetzen. Etwas anderes kam ihr an diesem sonnigen, leidhungrigen Vormittag nicht in den Sinn. Harry ging zu ihr, durfte zu ihr gehen. Sein Mantel war zerrissen, sein Haar durcheinander, doch ansonsten schien er unverletzt zu sein. Eine Stille, vielleicht ein Gefühl der Scham, lag schwer über der wütenden Menge. Und Katherine schrie weiter, weil sie nicht aufzuhören wagte.
Taxis warteten, Taxis, die die Reporter und ihre Ausrüstung gebracht hatten. Harry führte Katherine zu einem dieser Wagen – niemand sonst würde es wagen, sie anzurühren –, öffnete die Tür und half ihr hinein. Erst jetzt begann sich die Menge wieder zu bewegen, drängte heran. Er nannte dem Fahrer die Adresse und stieg hinter ihr ein. Er sagte: »Vielen Dank, Kate.«
Sie saß hinten im Taxi und schrie in gleichmäßigen Stößen. Bestimmt würde sich der Fahrer bald beschweren. Als er anfuhr, wogte die Menge heran, versuchte sie zu erreichen, nachdem das nun unmöglich war, und Hände schlossen sich um die Türgriffe, kratzten über die Fenster. Harry sagte: »Es reicht, Kate.«
Er würde sie nie zum Aufhören bringen. Er würde neben ihr sitzen und geduldig wollen, daß sie aufhörte. Er würde sie verabscheuen. Doch er würde sie nicht dazu bringen, aufzuhören. Er war eben Harry. Sie klammerte sich an der Sitzkante fest, sah die Ladenfronten vorbeigleiten und schwieg abrupt, kämpfte das schreckliche Bedürfnis nieder, das ihren Körper weiter erfüllte. Auch ihr Geist, ein Teil ihres Geistes schrie weiter. Harry sagte: »Gut gemacht.«
Sie erreichten ohne weitere Zwischenfälle die Wohnung, ohne weiteres Gespräch. Das Schreien verging. Geschützt durch ihre plakettenbewehrte Tür, standen sie im Flur, und der Schweiß trocknete unter ihren Armen; zugleich verging die Erregung. Harry ließ sie los. »Tut mir leid«, sagte er und tat großzügig so, als sei ein Teil der Ereignisse irgendwie auch seine Schuld.
Sie wanderte langsam ins Wohnzimmer und ließ sich in einen Sessel fallen. Seine Schuld? Sie schloß die Augen. Wessen Schuld? Wenn sie eine Entschuldigung gehabt hatte, zum Schloß zu fahren – abgesehen von dem offenkundigen Grund, seine Handtuchrede zu stoppen, ihm nicht darauf antworten zu müssen –, dann die Hoffnung, in die Vergangenheit zu schauen, die Dinge im rechten Verhältnis zu sehen. Siebenhundert Jahre, sichtbare und berührbare siebenhundert Jahre würden den Tod richtig und angemessen erscheinen lassen… Es war eine vernünftige Hoffnung. So daß auf eine Weise ihre Nicht-Antwort gegenüber Harry doch eine Antwort war – obwohl er das nie begreifen würde. Und von Schuld gar nicht die Rede sein konnte.
Aber der Blick auf die siebenhundert Jahre, die Berührung mit der Vergangenheit, war ihr nicht gegönnt gewesen. Menschen waren dazwischengekommen. Sie lag mit geschlossenen Augen da und testete schweigend die Beweglichkeit ihrer Hände. Sie konnte die Daumen noch umknicken. Es war also noch ein weiter Weg.
Auf Harry hatten die Ereignisse des Vormittags anders gewirkt, hatten ihn unruhig gemacht, ihn auf Pläne gebracht. Er marschierte im Zimmer herum, machte Vorschläge, nannte Orte, die sie besuchen konnten. Sie lauschte ihm mit einem Gefühl der Zuneigung, sogar Liebe, und fühlte sich dennoch auf ihrer abschüssigen 26-Tage-Bahn allein gelassen. Schließlich mußte sie ihn unterbrechen.
»Wir gehen nirgendwohin«, sagte sie. »Wir bleiben hier. Wir flüstern nur noch und ziehen die Vorhänge zu, damit man uns nicht von Hubschraubern aus sehen kann, und stellen alle Klingeln ab. Wir bleiben hier, an dem einzigen Ort, wo wir sicher sind.« Und gleiten ruhig und allein in den Tod hinüber.
Er blieb stehen. »Was ist mit dem Einkaufen?« Er war geduldig. »Denk dran, daß ich hier im Stadtteil bekannt bin. Wenn ich losgehe…«
»In wenigen Stunden wirst du in allen Stadtteilen bekannt sein. Und wo du nicht bekannt bist, wird man dir folgen. Wir lassen die Sachen liefern.«
»Ich sage das nicht gern, Katherine, aber ich glaube, du überschätzt das öffentliche Interesse an deinem Fall.«
»Wirklich?«
»Ja. In ein paar Tagen sind die Leute bestimmt schon hinter etwas anderem her.«
»Wir bleiben hier«, sagte sie leise. »Hier sind wir sicher.«
Er setzte sich neben sie und ergriff ihre noch immer beweglichen Hände und blickte ihr in die noch nicht halluzinierenden Augen. »Katherine, mein Schatz, wir würden wahnsinnig. Niemand könnte so leben. Wir würden uns hassen. Wir würden durchdrehen.«
Natürlich hatte er recht. »Natürlich hast du recht«, sagte sie. Und erkannte plötzlich, daß sie nur allein ertragen konnte, was ihr bevorstand. »Wir überlegen uns, wohin wir fahren können. Es muß doch eine Möglichkeit geben.«
Sie nahm seine Hände, zog ihn näher heran und küßte ihn auf den Mund und flüsterte: »Es tut mir so leid, mein Schatz«, auf jene intime, vage Art, die keinen Raum für eine Antwort läßt. Er tätschelte sie, und sie küßten sich wieder, während sich Katherine angestrengt fragte, wie sie ihn nur loswerden könne. Die Last, die sie füreinander waren, schien unerträglich.
Katherine Mortenhoes Vater, Clement Pyke, wohnte allein in den alten Docks, an Bord eines umgebauten, ehemaligen Polizeitragflügelboots. Es lag am Ende einer Reihe von dreißig Booten in dümpelndem Unrat. Die Leiter wirkte klapprig, die Elektrizitäts- und Wasserleitungen sehr unzuverlässig. Ich wußte, daß die ganze Gegend in Kürze im Venedigstil saniert werden sollte.
Clement Pyke, der Ende Sechzig sein mochte, trug – wahrscheinlich meinetwegen – einen fleckenlosen, roten Sombrero, ein komisches, fransiges Lederhemd und eine enge, grüne Hose. Seine Stiefel waren rot und mit schweren Messingschnallen belastet. Normalerweise gefallen mir Menschen, die auf ihre äußere Erscheinung achten.
Als er meine Stimme hörte, nahm er den Hut ab und beschattete damit seine Augen. Er hatte einen unnötig schwarzgefärbten Bart und nach vorn gekämmtes Haar, das wie eine Perücke aussah, wahrscheinlich aber echt war.
»Roddie-Junge«, sagte er, ohne zu überrascht zu tun. »Sie sind gekommen. Unbeschädigt. Sie haben unsere beschissene, kleine Kolonie gefunden. Unser rive gauche.«
Er reichte mir die Hand zum bewußt altertümlichen Gruß, und ich tat ihm den Gefallen. »Mr. Pyke«, begann ich, »es ist wirklich sehr nett von Ihnen, daß Sie…«
»Clement, Junge, Clement.« Er hielt meine Hand fest. »Pyke hört sich an, als hätten Sie Angst, daß ich nach Ihnen schnappen würde.«
Pflichtgemäß lächelte ich. Aber er hatte mir etwas das Ziel genommen: Die Vornamen von Fremden gehen mir nicht so leicht ein. Ich löste meine Hand.
»Dies ist kein Interview im Sinne des Gesetzes«, sagte ich, um die Dinge klarzustellen. »Ich bin hier, um…«
»Ich bin schon von allen möglichen Typen interviewt und hereingelegt worden. Belgrad, Tokio, Sydney, ich kenne mich aus. Sie wollen kostenlos Scheiß-Informationen, das wollen Sie.«
»Wenn Sie’s lieber offiziell hätten, kann ich jederzeit…«
Er hob großzügig die Hand. Offenbar würde ich heute nicht viele Sätze zu Ende bringen. »Ich habe Ihrem Sender am Telefon schon gesagt, wie komisch es ist, daß manche Leute durch ihr Leben fürs Fernsehen interessant sind, während andere nur durch die Art ihres Todes berühmt werden.« Er lächelte und wartete auf den Applaus, den nur er hören konnte. »Sie werden schon gemerkt haben«, fuhr er fort, »daß mir die liebe Katherine nicht gerade sehr nahesteht.«
Nach meinem bisherigen Eindruck überraschte mich das nicht, aber ich fragte ihn trotzdem: »Warum nicht?«
»Es ist ein schöner Nachmittag«, sagte er und sah sich um. »Machen wir das Interview, das keins ist, hier oben?«
Ich stimmte zu. Bei meinem Marsch über das Deck hatte ich einen Blick durch ein Luk in das Innere des Bootes werfen können – verrückte Poster und Mobiles und fremdartige Musikinstrumente und reihenweise Bücher, die wahrscheinlich von ihm stammten. Ich hatte das Gefühl, dem Ansturm seiner Persönlichkeit im Freien besser gewachsen zu sein. Er setzte sich auf eine Luke, und ich hockte mich neben ihn. Er war meiner Frage nicht ausgewichen, hatte nur die Spannung geschürt.
»Katherine und ich«, verkündete er, »sind wie Öl und Wasser. Ich trauere nicht um ihr Hinscheiden, weil ich nicht das Gefühl habe, daß sie je gelebt hat. Sie hat ihre Nase nie aus der Scheiße erhoben. Es liegt keine Tragödie im Verlust dessen, was man nie gehabt hat, mein Junge.«
Ich war nicht gekommen, um mit ihm zu streiten. »Was meinen Sie – warum ist sie so geworden?«
»Sie meinen, wer daran schuld hat? Ich jedenfalls nicht. Ich habe mein Leben gelebt. Sie müssen wissen, ich habe erst mit vierzig zu schreiben begonnen. Meine dritte Frau hat dieses Talent in mir entdeckt. Davor hatte ich mindestens drei verschiedene und erfolgreiche Berufskarrieren. Seitdem… Na ja, hundertdreißig Bücher sind kein Pappenstiel.«
Ich erkundigte mich nicht nach den ›verschiedenen und erfolgreichen Berufskarrieren‹ – verschiedenartig waren sie bestimmt gewesen, doch kaum das, was man gemeinhin erfolgreich nennen würde. Und sein jetziger Lebensstil sagte mir alles über die hundertdreißig Bücher.
»Sie freuen sich aber doch, daß sich Ihre Tochter auf einem Gebiet hervorgetan hat, das mit der Literatur in Zusammenhang steht.«
»Nein.«
In der knappen Ablehnung kamen sowohl seine absolute Freudlosigkeit als auch Computabuchs Abstand zu allem zum Ausdruck, was er als Literatur erachtete. Ich hatte Lust, ihn nach seinen hundertdreißig Büchern zu fragen… Aber ich war hier, um Informationen über Katherine Mortenhoe einzuholen, und nicht, um die Fehler ihres Vaters vorzuführen. Vincent in seinem schalldichten Vorführraum stimmte mir sicher zu.
»Vielleicht wäre Katherine mit einem Bruder oder einer Schwester glücklicher gewesen«, sagte ich.
Dieser Gedanke schien ihm neu zu sein. Er dachte darüber nach. »Meine zweite Frau hatte Kinder… Soweit ich weiß, hat Katherine sie nicht ausstehen können. Als ich weiterzog, kam sie jedenfalls sehr schnell wieder zu mir.« Er streckte die Beine aus und lehnte sich unschuldig auf die Ellenbogen zurück. »Ich bin immer verdammt jung gewesen, müssen Sie wissen. Aufgeschlossen, voller Begeisterung. Wenn sie Ihnen gesagt hat, sie wäre einsam gewesen – das hätte sie verdammt nicht nötig gehabt.«
»Ich habe noch nicht mit ihr gesprochen.« Clements Ehen hatten nur ein einziges Kind hervorgebracht, und das war Katherine. »Können Sie mir etwas über ihren ersten Mann sagen?«
»Gerry? Ein absoluter Trottel. Das einzig Kluge, was er je fertiggebracht hat, war, schleunigst zu verschwinden. Habe seit Jahren nichts mehr von ihm gehört.«
Gerald Mortenhoe war inzwischen Direktor einer großen Vorstadtschule. Rein äußerlich waren er und Katherine wie füreinander geschaffen gewesen. Ein Vater anderen Kalibers hätte mir sagen können, warum es mit der Ehe nicht geklappt hatte.
»War es Ihr Einfall«, fragte ich und hielt mich an die Tatsachen, »daß Katherine sich mit Computern beschäftigen sollte?«
Er verdrehte die Augen. »Möchte ich bezweifeln. Ich war damals wohl gerade in Rom. Natürlich ist das genau die Art Arbeit, bei der sie sich gut anstellen würde. Kein Fleisch und Blut – wenn Sie verstehen, was ich meine. Keine verdammte Begeisterung.«
»Sie sind viel gereist«, sagte ich. »Haben Sie Katherine oft mitgenommen?«
Ich kannte die Antwort, hoffte jedoch auf einen Grund. Er machte eine große Geste. »Protesttour, immer auf Protesttour… Damals in Rom ging es um die Überbevölkerung. Wir hatten eine schöne, wilde Versammlung vor St. Peter. Und dann eine Reise in Sachen Umweltverschmutzung durch drei Kontinente – dabei konnte man kein kleines Mädchen gebrauchen.«
Wenigstens das hatte er ihr erspart. Ich stand auf und trat an die Reling. »Die Fachleute glauben, sie hat ein ganz besonderes Köpfchen«, sagte ich. »Haben Sie die Anzeichen dafür bemerkt, als sie noch jünger war?«
»Unsinn. Sie dürfen kein Wort davon glauben. Wenn sie wirklich stirbt, dann, weil sie es will. Das passiert bei Millionen von Leuten. Nur sind die einfacheren Methoden verboten.«
Ich blickte über das verseuchte graubraune Wasser. »Dann glauben Sie also, daß sich die Fachleute im Medizinalzentrum irren?«
»Ich weiß verdammt gut, daß sie sich irren.« Er stemmte sich hoch und trat neben mich an die Reling. »An Katherine ist nichts Besonderes. Sie war ein langweiliges Kind und wuchs zu einer langweiligen Frau heran und wird nun langweilig sterben. Und sie wird die Sache in die Länge ziehen – sie hat immer Angst, sich weh zu tun.«
Vielleicht wollte er mich mit dem Bild seiner progressiven, leidenschaftslosen Vaterschaft schockieren. Aber ich konnte mir durchaus vorstellen, daß Katherine kein durch und durch liebenswertes Kind gewesen war.
»Sie stirbt bestimmt, aber nicht an dem verdammten Gordon-Syndrom. Glauben Sie mir, Roddie, sie ist eine durch und durch langweilige Frau. Und wie die meisten langweiligen Leute braucht sie Aufmerksamkeit. Sie würden sich einen Gefallen tun, wenn Sie die ganze Sache vergessen.«
Ich glaubte ihm fast. Bis ich mich an ihr Gesicht in jenem kurzen Augenblick erinnerte, ehe sich der Vorhang senkte. »Und wenn ich statt dessen eine Sendung über Sie machte«, sagte ich. Doch meine Ironie war verschwendet.
»Könnte Ihnen Schlimmeres passieren«, murmelte er. »Hundertdreißig Bücher in gut zwanzig Jahren. Wenn die Science Fiction heute etwas zählt, dann wissen Sie, wem das zu verdanken ist.«
Kurz darauf verabschiedete ich mich. Mein Scooter stand inmitten einer Gruppe neugieriger Randgruppenkinder, die in den umliegenden Lagerhäusern kampierten. Es war kein richtiges Dorf, wie es einige Meilen entfernt in dem alten Containerdepot existierte, sondern eine Gruppe von Leuten, die irgendwohin unterwegs waren und hier Station machten. Ich sagte den Kindern nicht, daß ich von der Presse war; vor einigen Jahren hatten sich die Medien groß mit den Randgruppen beschäftigt, was viel böses Blut gegeben hatte.
Auf dem Rückweg zum NTV-Gebäude versuchte ich mir einzureden, daß der Nachmittag etwas erbracht hatte. Aber das klappte nicht. Ihr Vater hatte mir eine überzeugende Basis für eine egoistische, freudlose, selbstmörderisch veranlagte Frau serviert. Und doch hatte ich sie erst heute früh – Himmel, wie lang meine Tage waren! – auf der Straße tanzen sehen. Und zuvor, im Behandlungszimmer, hatte ich die wütende Verzweiflung einer Frau wahrgenommen, die noch viel erreichen wollte und nun nicht mehr die Zeit dazu hatte. Nichts paßte zusammen. Und ich wußte noch nicht einmal, warum sie sich Mortenhoe nannte.
Als ich ins Büro kam, lag auf meinem Tisch ein Zettel von Vincent – er wollte mich sofort sprechen.
»Ich habe Neuigkeiten für dich, Roddie.« Er reichte mir ein Bündel Fotos. »Die Dinge entwickeln sich glatt. Das Dummerchen hat heute einen Ausflug gemacht, und unsere Freunde sind ihr auf den Pelz gerückt. Wenn die Kerle die Nerven behalten hätten, wäre sie schon reif.«
Die Bilder zeigten eine Art Aufstand: wütende Gesichter, die vertraute Häßlichkeit. Ich schaute näher hin. »Sie ist also entkommen?«
»Sie schrie einfach los. Kannst du dir das vorstellen?
Sie hat einen Riesenaufstand gemacht, und die Burschen haben sie ziehen lassen. Wären das meine Reporter, würden sie sich schon nach einem neuen Job umsehen.«
»Sie hat einen Aufstand gemacht? Sieht Katherine Mortenhoe aber gar nicht ähnlich.«
»Ein guter Versuch, würde ich sagen. Absolut berechnet. Das muß man ihr lassen.«
Ein Foto zeigte eine Brustaufnahme von Harry. Seine Frau stand hinter ihm, mit verkniffenem Gesicht, als erwarte sie, geschlagen zu werden. Auf einem anderen Bild hatte sie den Mund weit aufgerissen und sah sehr unattraktiv aus. Ihre Augen waren kalt – wahrscheinlich schrie sie. Auf einem weiteren Foto sah ich deutlich eine Speichelspur an ihrem Kinn – und ihre Hand war vermutlich auf dem Weg nach oben, um die Nässe fortzuwischen.
»Trotzdem«, sagte Vincent, »war die Szene wohl ziemlich schlimm.«
Ich gab ihm die Aufnahmen zurück. Katherine Mortenhoe und ihre Peiniger waren kaum zu unterscheiden.
Am Spätnachmittag kamen weitere Zustellbriefe. Sie wurden von einem anderen Briefträger gebracht, der jedoch ebenso diensteifrig war. Harry fertigte ihn kurz ab, was ihn enttäuschte, und brachte die Post ins Wohnzimmer, wo Katherine am Fernsehgerät die dritte Wiederholung der Szene vor dem Schloß verfolgte. Geschickte Regie hielt sie selbst vom Bildschirm fern, wie es nach ihrer Leiderklärung Vorschrift war, und ihre Schreie waren überlagert worden. Mit jeder Wiederholung fühlte sie sich weniger betroffen: Diese attraktive, vierundvierzigjährige Mrs. Mortenhoe, wie sie von den Ansagern genannt wurde, war nicht sie, und auch der aggressiv-stämmige Mr. Blount war nicht ihr armer, ängstlicher Harry. Es waren Wesen, die nur die Realität der Bandaufzeichnung hatten. Sie waren ein Teil der Bildmaschine. Auch die Namen waren unkenntlich zwischen den Lippen der Reporter.
Harry öffnete den ersten Brief. Er stammte von einer Spiritualistengruppe. »Sie wollen sich heute in sechs Wochen mit mir treffen«, sagte er.
Sie fragte sich, warum er ihr das alles erzählte. Vielleicht ließen die Briefe die Gegenwart – und deshalb auch die Zukunft – weniger real erscheinen. Es war ein Gefühl, das stärker werden konnte, und das war gefährlich. Vor langer Zeit, vor zwei Tagen, war die Wahl einfach gewesen – ihre Tage voll auszuleben, ihr Buch zu schreiben, ihre Pflicht gegenüber Peregrine zu tun oder sich auf ihre Würde zu besinnen. Jetzt mußte sie kämpfen, wenn es sich überhaupt zu kämpfen lohnte, um wenigstens noch die Möglichkeit der Wahl zu haben. Wenn sie wollte, konnte sie sich in der Bildmaschine verlieren.
Harrys Aufmerksamkeit wurde auf einen Telegrammumschlag mitten im Bündel gelenkt. Er zog ihn heraus, öffnete ihn, las den Text und reichte ihn Katherine weiter. ENTSETZT ÜBER SCHLOSSBERICHTE STOP SCHÄME MICH FÜR UNPROFESSIONELLES VERHALTEN DER KOLLEGEN STOP ERNEUERE ANGEBOT ÜBER VOLLSCHUTZ BALDMÖGLICH STOP FERRIMAN. Sie las den Text zweimal, dann auch das Kleingedruckte auf der Rückseite des Formulars, die Annahmezeit, den Stempel des Annahmeamts.
»Wieviel hat dir dieser Mann geboten, Harry?«
Diesmal wich er nicht aus. »Dreihunderttausend Pfund.«
Die Worte vermengten sich in ihrem Kopf mit den ebenso unwahrscheinlichen Geräuschen aus dem Fernseher. Sie hob die Hand und schaltete das Gerät aus. »Mr. Mathiesson hat von siebenhunderttausend Pfund gesprochen.«
»Vermutlich hat er nur geraten. Vincent sagte dreihunderttausend. Ich hab’s sogar schriftlich.«
»Oh, wirklich?« Sie hatte gleich angenommen, daß in Harry mehr steckte, als man auf den ersten Blick sah. »Und das Stück Papier, das du sozusagen unterschrieben hast?«
»Was meinst du?«
»Komm schon, Harry. Du hast ihm versprochen, ihn zu informieren, wenn wir die Stadt verlassen. Er hat doch nicht erwartet, daß du das umsonst tust!«
»Ich – ich habe das Geld für uns genommen, Kate. Keine anderen Bedingungen – nur tausend Pfund auf die Hand, damit wir sofort verschwinden konnten.«
Ein Schauder lief über seinen Körper. Er ließ das Bündel ungeöffneter Briefe fallen und wollte sich nicht sofort danach bücken, um sie aufzuheben.
»Ich weiß, das war dumm. Gedankenlos. Un-, unwürdig. Ich habe damals nicht überlegt, wie sehr dich das aufregen würde.«
Sie wandte sich ab. Sie konnte es nicht ertragen, ihn kriechen zu sehen. Daß ihre Gespräche mit Harry so entsetzlich verliefen, war allein ihre Schuld. Sie machte ihn zu etwas, was er nicht zu sein brauchte.
»Ich habe mich nur am Anfang aufgeregt«, sagte sie. »Seither habe ich eingehend über das Angebot deines Vincent nachgedacht. Alles in allem spricht doch wohl einiges dafür.«
»Meinst du das im Ernst?«
Lieber Harry – vielleicht hatte sogar seine Leichtgläubigkeit ihre Grenzen. »Na ja – nein. Nicht wirklich. Aber heute nachmittag haben wir erlebt, was passieren kann. Ich wüßte nicht, daß wir eine andere Möglichkeit haben.«
Ihn anzulügen fiel ihr schwer. Aber er war bestimmt nicht einverstanden mit dem, was sie vorhatte, würde nie die Erleichterung eingestehen, die es bringen würde. Nein, sie würde an vielen ihrer verbleibenden fünfundzwanzig Tage ohne den Luxus oberflächlicher Wahrhaftigkeit auskommen müssen. Wenn sie wirklich leben wollte, würde sie kämpfen müssen. Also stand sie auf und ging zu ihm, bückte sich und half ihm, seine Briefe aufzusammeln… Es waren nun seine Briefe, was auch auf den Umschlägen stehen mochte. Sie sagte: »Morgen früh suche ich Vincent Ferriman auf. Allein, Harry, solange meine Leiderklärung noch läuft.«
Sie ging aus dem Zimmer, zufrieden mit sich und ihrer Entscheidung. Er sah ihr nach und steckte geistesabwesend die restlichen Briefe hinter die Uhr auf dem Kamin und fragte sich, was sie vorhaben mochte. Sie war launisch, aber das war wohl nur natürlich. Als sie später ihre Handtasche nach dem NTV-Brief durchsuchte, hätte er ihr fast von dem Miniatursender erzählt, den er auf Vincents Anregung hin – zu ihrem eigenen Schutz – ins Futter der Tasche geschoben hatte. Aber schließlich hielt er doch den Mund, denn man wußte nie, ob sie sich darüber aufregen würde oder nicht.
Und unten auf der Straße war der Dienst für den Mann in der graugrünen Jacke zu Ende. Er gab seinen winzigen Peilempfänger an die Ablösung weiter und machte sich dankbar auf den Heimweg. Die Ablösung setzte sich in seinen Wagen und richtete sich auf eine lange und ereignislose Nacht ein.