»Freut mich zu hören«, sagte er. »Gestern sah ihre Freude noch ganz anders aus.«

»Du hast mir nicht gesagt, daß du mit ihr gesprochen hast.«

»Nur kurz. Eine Hymne des Hasses. Nichts Berichtenswertes.«

»Glaubst du noch, daß sie unterschreibt?«

»Bei irgend jemandem schon. Und wir sind führend auf dem Gebiet.«

»Ich hätte sie angesprochen, bei der Stimmung, in der sie ist. Aber sie hat sich eine Drei-Tage-Plakette besorgt.«

»Beste Lösung. Da hat sie Zeit, sich zu orientieren. Und du hältst dich an die Anweisungen. Ich hebe den Charme unseres guten Roderick bis zuletzt auf.«

Danach plauderten wir noch über dieses und jenes. Es war irgendwie ein freundlicher Morgen.

»Hast du ein paar gute Aufnahmen von ihrer Tanzerei?« fragte er.

»Zwei Minuten. Vielleicht mehr.«

»Könnte eine gute Einleitung werden. Vielleicht zum Unterlegen der Titel. Verrückt. Gegen die Kritiker, die uns immer als morbide bezeichnen.«

»Machen sie dir Kummer?«

»Ich dachte eher dir.«

»Das war vorgestern.«

»Ich will nicht fragen, was diese notwendige Umstellung bewirkt hat.«

»So formuliert, beginne ich mich selbst zu fragen.«

Er lachte. »Ihr Künstlertypen seid doch alle gleich. Und ruf mich doch bitte außerhalb der Schlafenszeit an, wenn du wieder mal deine gute Laune verbreiten willst. Wir sind nicht alle mit der goldenen Gabe der Schlaflosigkeit gesegnet.«

Nur Vincent hätte das so formulieren können.

»Gut«, sagte ich und stimmte in sein Lachen ein.

Aber er hatte schon aufgelegt, und mein Lachen war vergeudet. Wenn ich ihn jetzt noch einmal anrief, würde sich sein Telefondienst melden. Ich trat wieder in den hellen Katherine-Mortenhoe-tanzt- auf-der-Straße-Morgen hinaus.

Um halb zehn wurde ich zur letzten Untersuchung in der Klinik erwartet. Da ich also drei Stunden Zeit hatte, überlegte ich mir unerhörterweise, ob ich mal bei meinem Sohn und meiner Geschiedenen vorbeischauen sollte. Wahrscheinlich war Katherine Mortenhoe daran schuld, und der Frühling. Als ich in die Telefonzelle zurückkehrte und eines der für mich noch ungewohnten Taxis herbeirief, dachte ich, daß mein Sohn und meine geschiedene Frau vielleicht noch gar nicht gemerkt hatten, daß Frühling war, und daß sie vielleicht etwas von der guten Laune gebrauchen konnten, die Vincent so aufgeheitert hatte.

Die Vorstadt war wie immer – grüne Rasenflächen und nie verblassender Efeu. Ich wäre am liebsten wieder ins Taxi gestiegen und zu einem fürstlichen Frühstück in einen anderen Stadtteil gefahren. Aber sie lockten mich an – das Tor, das ich an einigen Sonntagen zusammengebastelt hatte, unsere Holographantenne, die einmal die erste in unserer Straße gewesen war. Alle hatten jetzt eine, wie ich sah, mit Ausnahme der Richardsons, die eine seltsame Abneigung dagegen hatten, mit dem Strom zu schwimmen. Ihre Antenne war vermutlich unter dem Dach versteckt.

Tracey kam nach dem zweiten Klingeln an die Tür. Ich hatte sie als bessere Schläferin in Erinnerung. Es war erst sechs Uhr. »Du hast dir ja einen Bart wachsen lassen«, sagte sie. Es war unser erstes Treffen seit gut zwei Jahren. Tracey hält es für ein Zeichen von Schwäche, Überraschung zu zeigen.

»Du nicht.«

»Aber ich habe es lange genug versucht.« Sie lehnte sich gegen die Türfüllung. »Willst du was?«

Ich wollte, daß sie sich den Frühling ansah. Hätte ich das gesagt, hätte sie mir wahrscheinlich die Tür vor der Nase zugeknallt. »Ich bin einsam«, sagte ich statt dessen.

»Da wären wir ja zu zweit.«

»Darf ich mir an deinem einfachen Herd die Hände wärmen?«

»Du wirst doch nie gescheit«, sagte sie. Aber sie trat zur Seite und ließ mich hinein. Ich ging in die Küche und sah mich um. Auf den ersten Blick hatte sich nichts verändert. »Wie geht es unserer kleinen Diskussionsbasis?« fragte ich.

»Ich wünschte, du würdest ihn nicht so nennen. Roddie zwei geht es gut.«

Ich mußte noch einen Anlauf nehmen. Reportergeschwätz war kein Aufhänger für so etwas. »Darf ich mich setzen?«

»Du bezahlst ja die Miete.«

»Bitte, Tracey. Du weißt, daß ich das nicht so meine.«

Sie zog den Gürtel ihres Morgenmantels enger. »Was soll ich denn machen? Du kommst hier hereingeschneit… Sag mir den Text, Roddie. Versöhnung? Liebevoller Vater? Sag mir den Text, vielleicht spiele ich mit.«

»Es gibt keinen Text. Es war so ein schöner Morgen. Ich – ich schlafe nicht mehr sehr viel. Da bin ich einfach gekommen.«

»Typisch mein liebenswerter, impulsiver Roddie.« Sie wandte sich abrupt ab, strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Nein – so habe ich das nicht gemeint. Ich freue mich, Roddie. Wirklich. Aber was nun?«

»Du könntest mir ein paar Eier und eine Tasse Kaffee machen.«

»Verschwinde, Roddie, zieh ab, ehe wir uns wieder anschreien. Ehe Roddie zwei aufwacht und wir alle wieder in der Scheiße stecken.«

Ich wagte mich nicht zu rühren. Eine Bewegung, und ich war draußen.

»Setz dich, Tracey.« Ruhig, ruhig. »Setz dich, und ich mache das Frühstück.«

Sie hätte nun glatt hochgehen können, aber sie tat nichts dergleichen. Sie ging zum Herd und bewegte einige Hebel. Ich sah, daß ein großes Stück von Emaille abgesprungen war; die Stelle war neu.

»Ich weiß nicht, was du willst«, sagte sie, »aber Eier und Kaffee – das läßt sich gerade noch einrichten.«

Ich nahm Platz und stürzte mich in meinen Bericht über die nicht mehr junge Frau, die ich in der Oakridge Street hatte tanzen sehen. Ich erzählte gut, und sie durchschaute mich sofort. Wie ich schon immer gesagt habe, verstand sie mich besser, als ich mich selbst verstehe.

»Diese Frau hat doch einen Namen«, sagte sie. »Du hast ihn mir nicht genannt, aber du kennst ihn. Du wirst sie ausnützen, und du bist jetzt zu mir gekommen, damit ich dir sage, daß das ganz in Ordnung ist.«

»Nein.«

»Doch.«

Sie füllte den Kaffeetopf und setzte ihn auf die Heizplatte. Verrückt und grausam von mir, daß ich gekommen war. Eine so fröhliche, saubere, frühlingshafte Küche.

»Wir haben aufgepaßt«, sagte Tracey. »Roddie zwei und ich. Du bist in den letzten fünf Monaten nicht auf dem Bildschirm gewesen. Du hast doch hoffentlich keine Schwierigkeiten?«

Bis zu diesem Augenblick hatte ich alles vergessen.

Wenigstens hatte ich mir bewiesen, daß das möglich war. Doch jetzt fiel es mir wieder ein, und ich war überzeugter denn je, daß ich gehen müßte.

»Keine Schwierigkeiten«, sagte ich. »Ich habe nur – einen neuen Vertrag ausgehandelt. Künftig werde ich mehr hinter der Kamera arbeiten.«

»Als Regisseur?« Sie wandte dem Herd den Rücken zu, interessierte sich für meine Karriere. »Ob dir das gefällt?«

»Bringt mehr Geld«, sagte ich. Ich wollte ihr alles sagen. Niemandem in der Welt wollte ich es erzählen, nur Tracey. Doch Vincent hinter meinen Augen sagte nein. »Hör mal, ich darf dir jetzt nichts darüber sagen, Tracey. Du erfährst alles, sobald die Werbeabteilung den richtigen Augenblick bestimmt hat.«

Wieder schob sie ihr Haar zurück. Es war länger, zwei Jahre länger.

»Du hast noch ein Stück von deiner Seele verkauft«, sagte sie. »Ich habe mich vorhin, als du das von der Frau sagtest, geirrt, Roddie. Du hast wieder ein Stück von deiner Seele verkauft, und nun soll ich dir Beifall klatschen und dich bejubeln. Du bist gekommen, um mir zu sagen, daß es richtig von mir war, nicht zu erneuern.« Sie kam auf mich zu, beugte sich über den Tisch und versuchte mir in die Augen zu blicken, was ich ihr nicht gestatten konnte. »Warum bist du hier, Roddie?«

Ich stand auf. »Ich gehe wohl besser«, sagte ich. »Es war ein Irrtum zu kommen.«

»Irrtum?« Sie lachte nicht. »Das Wort gefällt mir. Weißt du, Roddie, zwei Minuten lang dachte ich tatsächlich, du wärst zurückgekommen.«

Ich erinnerte sie nicht daran, daß sie nicht erneuert hatte. Ich ging zur Gartentür und schloß sie auf. Wie immer klemmte der Schlüssel ein wenig. »Die Sache mit dem Geld stimmt. Roddie zwei hat einen reichen Papa.«

»Willst du nicht bleiben und mit ihm sprechen?«

»Ich möchte, daß ihr beide euch ein größeres Haus sucht. Damit er ein Feld sehen kann. Vielleicht auch eine Kuh.«

Und noch immer leugnete sie ihre Abneigung. »Komm ins Bett, Roddie.« Sie streckte ihm eine Hand hin. »Wenigstens das hatten wir immer.«

Ich wollte sie lieben. Wir waren sehr gut zusammen. Ich hatte mit ihr zusammen sein wollen, seit sie mir ihre Einsamkeit gestand. Vincent hinter meinen Augen sagte ja. Ja, ja, ja.

Ich brauchte es ihr nicht erst zu sagen. Nach zwei Sekunden senkte sie die Hand. »Ich habe keinen Liebhaber«, erklärte sie. »Wenn du das glaubst.«

Ich fand es ausgesprochen schwierig, durch die offene Gartentür zu gehen. Dabei hatten wir vor zehn Minuten diese Art von Gespräch schon einmal durchgemacht.

»Jetzt gebe ich auf.« Sie hielt die Finger in die Höhe und zählte ab. »Wenn es nicht der Sex ist und auch nicht Schuldgefühle und nicht Roddie zwei oder meine gute Küche, dann muß ich passen.«

Sie begann diese Art Spiel nur, wenn sie beunruhigt war. Ich schloß die Augen und senkte den Kopf, damit sie die Wahrheit nicht sah, ging quer durch das Zimmer und legte die Arme um sie. Ich spürte ihre Schulterblätter unter meinen Händen und ihren Busen an meiner Brust. Sie drückte mich an sich, und ich küßte sie. Ich meinte damit: Warte auf mich.

So standen wir lange Zeit aneinandergeschmiegt, erinnerten uns aneinander, bis der Schmerz hinter meinen Augen zuzunehmen begann und ich das freche Kichern der Bürojungen zu hören glaubte. Schließlich trat ich einige Schritte zurück und öffnete die Augen und wünschte bei Gott und wegen der Bürojungen, sie würde nicht so geküßt aussehen.

»Ich muß gehen«, sagte ich. Und meinte: Warte auf mich.

Aber das war etwas, worauf ich kein Anrecht hatte, was ich ihr nicht bieten, was ich ihr nicht wünschen durfte. Sie sah mich an und blickte in meine geschändeten Augen.

»Ja«, sagte sie. »Das mußt du wohl.«

Ich verließ die Küche und ging hastig um das Haus, ließ Tracey mit dem Kaffee allein, der gleichmäßig auf dem Herd brodelte.

»Ja«, sagte sie. »Das mußt du wohl.« Kein Bedauern, keine Freude. Nichts riskierend, Angst vor dem Hineingezogenwerden, Angst vor dem Verletztwerden…

Es war alles, was ich hatte. Da ich aber Tracey kannte, war das viel. Ich lief los. Ich rannte, keuchte und verlangsamte schließlich meine Schritte, kam zu einer Schnellstraße, fand ein Transportmotel und bestellte mir ein riesiges Frühstück. Die Bürojungen sollten glauben, was sie wollten. Wie Katherine Mortenhoe besaß ich das Talent zur Freude.

Sie erwachte um halb neun und erfaßte sofort den vor ihr liegenden Tag. Es sollte ein Tag der Pläne, der Entscheidungen werden. Harry hatte ganz recht gehabt, als er vorschlug, irgendwohin zu verreisen. Je weiter, desto besser. Sie sprang aus dem Bett, sah ihre zerknitterte Kleidung im Spiegel, rieb sie mit einem Glättmittel ein und drehte sich langsam im Kreise, während sie über ihr Aussehen nachdachte. Nicht schlecht für vierundvierzig – und sechsundzwanzig Tage vor dem Grabe. Sie begann nach Harrys Reiseprospekten zu suchen. Komisch, wie sich die alte Denkweise hielt. Sie hatte seit zehn oder fünfzehn Jahren nicht mehr an ein Grab gedacht, an ein richtiges Leiche-und-Sarg-Grab. Sie selbst hatte ihren veränderten Organismus einer medizinischen Schule vermacht; junge Leichen – na ja, Leichen im mittleren Alter – mußten gar nicht so leicht zu finden sein. Sie schaute im Schreibtisch nach und hinter der Uhr und in der Schublade des Küchentisches. Dann versuchte sie es im Schlafzimmer und weckte schließlich Harry.

»Ich kann die Reiseprospekte nicht finden«, sagte sie.

Diesmal wachte er schneller auf. »Da waren Reporter vor der Tür«, sagte er. »Hast du nicht Ärger gehabt, hereinzukommen?« Und als er dann zu sich kam: »Ich bin fast bis zwei Uhr aufgewesen. Wo warst du denn?«

Sie setzte sich zu ihm aufs Bett und erzählte ihm alles. Über Mr. Mathiesson, den Unfall, über ihren frühmorgendlichen Besuch auf der Polizeiwache. Wie immer genoß er diese Schilderung ihres aufregenden Lebens. Keiner von beiden verdarb diesen Augenblick mit Bemerkungen über das unpassende Benehmen des anderen.

»Also haben wir drei Tage Atempause«, sagte sie. »Fluchtzeit. Über die Hügel und Berge – möglichst weit fort.«

»Wird man uns nicht verfolgen?«

»Nicht, wenn wir schlau sind. Wir müssen schlaue Pläne schmieden. Angefangen bei den Reiseprospekten, die du mir gezeigt hast.«

Er kroch ein wenig in sich zusammen. »Du schienst daran kein großes Interesse zu haben«, sagte er. »Ich… Ich habe sie weggeworfen.«

»Macht nichts.« Sie küßte ihn auf die Stirn. »Wir können uns leicht neue besorgen.«

»Ich habe Vincent versprochen, ich würde ihm Bescheid geben, wenn wir die Stadt verließen.«

»Das Versprechen wirst du wohl brechen müssen.«

»Ich habe gewissermaßen auch etwas unterschrieben.«

»Was kann er schon tun, Liebling? Er hat bestimmt nicht die Stirn, dich vor ein Gericht zu zerren.«

Harry fummelte am Bettzeug herum. »Für dich ist es leicht«, sagte er fast unhörbar.

Katherine runzelte die Stirn. Sie hatte es wirklich leicht: In ein paar Wochen war sie aus allem heraus, war sie auch für den längsten Arm des Gesetzes nicht mehr erreichbar. Nicht so der arme Harry. Er würde sich fürchterlich den Kopf zerbrechen. Vielleicht verlangte sie zuviel von ihm.

»Harry…« Sie wußte nicht, wie sie es formulieren sollte. »Harry, Liebling, was hast du eigentlich Mr. Mathiesson erzählt?«

Sie stellte die Frage, obwohl sie die Antwort eigentlich nicht wissen wollte. Er runzelte die Stirn, versuchte sich zu erinnern.

»Welchen meinst du? Es waren so viele Reporter hier.«

»Was hast du ihm über unsere Erneuerung gesagt, Harry: dem Mann von der Morning News?«

»Ach, der. Du meinst den von der Morning News.« Eine lange Pause trat ein. »Glaubst du wirklich, ich würde unsere Erneuerung mit einem Journalisten besprechen, Kate?«

»Ich habe nur überlegt. Er sagte…«

»Reporter sagen alles mögliche. Als ob ich unsere Erneuerung mit einem…«

»Er ist tot. Es kommt also wirklich nicht darauf an.«

»Aber du glaubst ihm. Was hat er gesagt? Erzähl mir, was er gesagt hat.«

Sie stand auf. »Ein widerlicher, kleiner Zeitungsschnüffler. Und es wird Zeit, daß wir frühstücken.«

Sie beendete das Gespräch und verließ das Schlafzimmer, ging durch den Korridor in die Küche.

»Du hättest ihn nicht hochgespielt, wenn du ihm nicht wenigstens zum Teil geglaubt hättest.«

Sie ließ Wasser in das Becken aus rostfreiem Stahl laufen. Hochgespielt… Das war ganz gut formuliert. Bei Mr. Mathiesson konnte es einem wirklich hochkommen. Sie würde nicht zulassen, daß ihr seine Lügen Harry auch nur einen Moment fortnahmen. Harry erschien nackt an der Küchentür.

»Du glaubst anderen Leuten immer mehr als mir«, sagte er selbstquälerisch.

Sie lächelte ihn verzweifelt an; sie wußte nicht, was sie sonst hätte machen sollen. Bis die Türklingel schellte und sie beide rettete. Sie drängte sich an Harry vorbei, ging zur Tür, öffnete das Gitterfenster.

»Sehen Sie den Aufkleber nicht?« fragte sie.

»Briefträger. Bezahlte, persönliche Zustellung.« Er hielt ein Bündel Briefe in die Höhe.

»Ich will sie nicht.«

»Mrs. Mortenhoe! Ich bekomme eine Verwarnung, wenn ich die Briefe nicht zustelle.«

Sie hakte die Kette ein und öffnete die Tür. Der Briefträger reichte die Briefe durch den Spalt.

»Danke«, sagte er. »Da haben viele Leute viel Geld bezahlt, um Ihnen die Briefe an die Tür zu liefern.«

Sie nahm die Umschläge und schloß die Tür.

»Mrs. Mortenhoe? Was ist denn das für ein Gefühl, Mrs. Mortenhoe? Ich habe über Sie in der Zeitung gelesen, Mrs. Mortenhoe. Im Büro wollten alle meinen Job haben, Mrs. Mortenhoe, aber ich war heute an der Reihe.«

Sie knallte auch das Fensterchen zu und kehrte in die Küche zurück. Aus Rücksicht auf den Briefträger hatte sich Harry ein Handtuch um die Hüfte geschlungen. Sie gab ihm die Briefe, sie wollte sie nicht, und begann Milchpulver für seine Corn-flakes aufzulösen. Zum letztenmal war ihr vor zwei Jahren ein Brief persönlich zugestellt worden – eine Gerichtsladung wegen übermäßigen Wasserverbrauchs. Jetzt waren es plötzlich zweiunddreißig auf einmal.

Harry öffnete sie sorgfältig mit einem Küchenmesser, befummelte den Inhalt und erzählte ihr über jeden Brief Dinge, die sie nicht hören wollte. Das erste Schreiben war von einem Bettenhersteller, der ihr einen Farbkatalog schickte und ihr ein Doppelbett nach Wahl versprach ›für die Zeit, die sie nach menschlichem Ermessen Verwendung dafür hatte‹, plus fünftausend Pfund als Gegenleistung für das Recht, ihren Namen in der Weltwerbung der Firma zu benutzen. Die Entscheidung liege natürlich bei ihr, aber ein Vertreter würde am Nachmittag um drei Uhr vorbeischauen mit mehreren privaten Vorführmodellen, falls sie in ihrer jetzigen Lage abgeneigt war, das nächstgelegene Möbelhaus aufzusuchen.

Andere Firmen waren weniger diskret. Wenn sie trotz ihrer kurzen Lebenserwartung bereit gewesen wäre, ihre verbleibenden Tage mittels eines gewaltigen Angebots an alkoholfreien Getränken, Haartrocknern, Schokoladenmarken, Hi-Fi-Geräten, Sexualhilfepräparaten, nikotinfreien Zigaretten und Spraytapeten voll auszukosten, hätte sie, so rechnete Harry aus, ihren Nachlaß um siebzehntausend Pfund anreichern können. Außerdem bot ihr das Bergerholungszentrum einer Firma, die für ihre ›Himmelswaffeln‹ bekannt war, einen vierwöchigen freien Aufenthalt für sich und ihren Mann plus Einzelzimmer und ausschließliche Benutzung der Hotelkapelle für zusätzliche sieben Tage. All dies für die einfache Aussage, sie wäre sicher hundertzehn Jahre alt geworden, wenn sie die Bergluft – und die Waffeln – nur früher entdeckt hätte. Der Vertreter dieser Firma wollte um halb drei vorsprechen.

Es kamen Broschüren über Rollstühle und geschmackvoll aufgemachte, elektronische Atemgeräte, wobei beide Firmen sofortige Lieferung versprachen, ohne Anzahlungsbedingungen zu nennen; die Vertreter seien bereits unterwegs. Jesus Christus II. schrieb mit orangefarbener Tinte auf purpurnem Papier und bot Geld, verlangte dafür Zugang zur unsterblichen Seele von ›Mrs. Martin Lois‹.

Inmitten von TV- und Zeitungsangeboten kamen außerdem, an Harry gerichtet, doch verräterisch schwarz umrandet, die Offerten mehrerer Beerdigungsunternehmer.

Die Lektüre dauerte während des Frühstücks an, erstreckte sich bis in den Vormittag. Harry lief zu großer Form auf. Zuerst ließ Katherine ihn gewähren. Nach sechs oder sieben Schreiben begann sie das Ganze ungemein lustig zu finden. Er versuchte in ihr Gelächter einzustimmen, legte jedoch weiterhin all jene Briefe sorgfältig auf einen Stapel, die feste Waren- oder Geldangebote enthielten. Das kitzelte ihren Lachreiz noch mehr. Armer, geliebter, vorausschauender Harry… Ihr blieben in erster Linie die vorgesehenen Ankunftszeiten der Vertreter im Gedächtnis. Zwischen zwei und sechs Uhr heute nachmittag wurden siebzehn Repräsentanten erwartet, von denen elf die Hauptzeit zwischen halb drei und vier gewählt hatten. Und keiner würde weiterkommen als bis zum Aufkleber an der Wohnungstür.

»Harry«, sagte sie und lachte plötzlich nicht mehr. »Harry, mein Schatz, wieviel hat Vincent Ferriman dir eigentlich geboten, als du vor einigen Tagen mit ihm sprachst?«

Harry hob den Blick von einem Sargkatalog, den er vor ihr zu verbergen suchte. »Ist doch egal«, sagte er.

»Siebenhunderttausend Pfund?«

»Ich sage dir doch, es ist egal. Ich will keinen Penny von dem verdammten Geld.«

»Aber ich vielleicht, Harry. Wenn sie schnell genug bezahlen, daß ich mir einen Nerz und zwei Cadillacs und all das Zeug leisten kann, das sich Frauen angeblich wünschen.«

»Jetzt bist du vulgär.«

Wie er sich süß aufplusterte! »Ist es wirklich vulgär, wenn man in den letzten Wochen noch ein bißchen gepolstert sein will?«

»Wir dürfen nicht so reden.«

»Ich fürchte doch, Harry.« Sie beugte sich über den Tisch, raffte all das Papier zusammen und häufte es zu einem sauberen Stapel auf, den sie im Schoß hielt. Er hatte recht: Ihr Lachen war vulgär gewesen. Aber schließlich galt für all diese Briefe und Broschüren das gleiche. »Wir müssen uns mal richtig über die Zukunft unterhalten«, sagte sie.

Er stand auf, und sie sah, daß er noch immer sein lächerliches Handtuch trug. Er ging in der Küche herum und rückte Dinge zurecht, die eigentlich keiner ordnenden Hand bedurften. Er war ziemlich dick. Er brauchte ihren Trost, nicht ihre Fragen, doch sie konnte ihm nicht immer nachgeben. »Wenn ich tot bin«, sagte sie mit fester Stimme und freute sich über ihren Mut. »Wenn ich tot bin, mußt du fortziehen. Du wirst deine Stellung aufgeben müssen. Du brauchst eine neue Arbeit. Du brauchst Geld.«

»Wir haben Geld.«

Und das stimmte. Deshalb war die Wohnung ja auch so klein. Deshalb besaßen sie kein Hologramm und keinen gemieteten Zeitungsempfänger. Sie sparten auf eine alleinstehende Wohneinheit in einer guten Pensionsgegend. Sie sparten für das Alter. Sie versuchte das so komisch zu finden wie die Broschüren, doch es gelang ihr nicht.

»Du brauchst aber viel Geld.«

»Wofür?«

»Du mußt einen neuen Anfang machen.«

»Wozu?«

Kindisches Selbstmitleid durfte sie jetzt nicht von ihrem Ziel abbringen. Ein neues Leben mußte für ihn gefunden werden, in dem er eigenständig Befriedigung fand. Natürlich wollte er nichts davon hören. Er wollte umarmt werden und gesagt bekommen, daß alles gut werden würde. Später wollte sie ihn gern belügen, doch jetzt nicht. Er hätte ihr nicht zeigen dürfen, wie dick er war.

»Du freundest dich nicht so schnell an. Du müßtest ein nettes Heim haben, einen schönen Wagen, gute Kassetten und gutes Essen… Und wie steht es mit der Arbeitsqualifikation? Ich glaube nicht, daß du so einfach eine neue Stellung findest. Für das alles brauchst du Geld. Viel Geld. Und schließlich ist da das Problem einer anderen Frau…«

Er begehrte nicht oft gegen sie auf. Er glaubte selbst, daß sie die Hosen anhatte, und war es zufrieden, sich insgeheim darüber zu ärgern und nichts dagegen zu unternehmen. Er hielt das für Selbstbeherrschung – was nicht stimmte – und gewann daraus ein Gefühl der Überlegenheit. Ab und zu jedoch war die Erniedrigung sogar für ihn zu groß. Er sagte:

»Was mit dir nicht stimmt, ist die Tatsache, daß du nicht an die Dinge zu denken wagst, die wirklich wichtig sind. Statt dessen stopfst du dir den Kopf voll mit Geld und schlechten Witzen, überlegst, was aus mir werden soll und wen du haßt und wen nicht, und wie du die Reporter hereinlegen willst, und… Jedenfalls nicht das, worauf es wirklich ankommt.« Er bewegte die Arme. »Du wirst bald sterben, Kate. Du wirst immer kränker werden und schließlich sterben. Daran solltest du denken. Hack also nicht auf mir herum, Kate. Es gibt Wichtigeres zu tun.«

Er schwieg. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte, doch er hatte sich in der Länge seiner Rede verschätzt. Auf halbem Wege traf er noch ins Ziel: Vier Sätze später hatte sie die mahnenden Worte in seine bleiche Nacktheit gehüllt, dort wo sie beim Sprechen schwabbelte. Wenn er sich weiter so aufregt, dachte sie, fällt ihm noch das Handtuch herunter.

Sie rückte energisch die Papiere im Schoß zurecht. Seinen würdelosen Ausbruch überging man am besten. »Paß mal auf«, fuhr sie fort, »wenn wir heute sowieso nicht zur Arbeit gehen, machen wir einen Ausflug! Wir verschwinden aus der Wohnung. Wenn uns jemand belästigen will, haben wir das Abzeichen. Sehen wir uns das Schloß an. Seltsam, daß man nie die Sehenswürdigkeiten der Stadt besucht, in der man wohnt.«

Sie stand auf, blendete ihn mit ihrem Lächeln und verließ das Zimmer, wobei sie die Briefe und Broschüren mitnahm… Vielleicht war dennoch eine Reaktion, eine Erklärung angebracht. »Du wirst dich besser fühlen, wenn du angezogen bist«, sagte sie über die Schulter, ging ins Wohnzimmer und verstaute die Papiere sorgfältig im Tisch.

Ich traf pünktlich in der Klinik ein, gesättigt von meinem Transportmotelfrühstück und voller Frühling und der altmodischen Freude darüber. Die MEN warteten bereits auf mich. Die Mikro-Elektro-Neurologen. Ihre weißen Plastikhüllen wurden Kleidung genannt, ihre hörbare Verständigung galt als Sprache. Es waren drei: photo-sensitiv, audio-verbunden, taktil-orientiert, mit klickenden Prüfern und fehlerfrei laufenden Programmen – so umschwänzelten sie ihn und verbanden sich mit dem Mechanismus, der zur Nachprüfung zurückgekehrt war.

Ich.

Oder die Teile meines Körpers, die sie interessierten.

Welche, an jenem befreiten Frühling-im-Blut-Vormittag, gar nicht so zahlreich waren.

Sie starrten mich an. »Versuchen Sie nicht zu blinzeln«, sagten sie und blickten durch blinkende Nadeln. Also versuchte ich nicht zu blinzeln und dachte an Reichtum und Ruhm und Vincent und Katherine Mortenhoe. Und an Tracey, die warten würde, bis all dies auf wundersame Weise überwunden war. Bis ich mich wundersam zurückgekauft hatte.

»Verfolgen Sie den Lichtpunkt«, sagten sie. »Sehen Sie den Bleistift an. Schauen Sie auf das Rot und dann auf das Grün. Sehen Sie sich diesen Film an. Sehen Sie sich auch diesen Film an. Jetzt warten Sie auf die Injektion. Jetzt wieder auf den Lichtpunkt schauen. Sehen Sie sich den Bleistift an. Achten Sie auf das Rot und dann auf das Grün. Sehen Sie sich diesen Film an. Warten Sie auf das EEG.«

Einmal fragten sie versehentlich: »Tut das weh?«, was ich mit »Ja« beantwortete, weil es wirklich weh tat. Und ich dachte an Tracey.

Sie rieben sich schließlich die sensitiven multidimensionalen Manipulatoren, simulierten Freude und sagten mir, die Funktion der Implantation entspreche den Erwartungen. Dem widersprach ich nicht. Die Funktion der Implantation hatte den Erwartungen entsprochen, seit die Binden abgenommen worden waren. Und dazu noch in herrlichen Farben. Sie summten und surrten und sagten, sie hätten jetzt nur noch Zweifel hinsichtlich der Wirkung auf die Nervenenden in der Netzhaut. – In meiner Netzhaut. -Krasse Dunkelheit verursache eine Stromkreisüberlastung. Eine Stromkreisüberlastung führe mit der Zeit zum Durchbrennen. Und ein Durchbrennen – wie hübsch ausgedrückt! – verursache eine nachhaltige Zerstörung der Netzhautfunktionen. Nachhaltige Zerstörung der Netzhautfunktionen.

Es war ein aufheiternder Gedanke – nicht neu, doch nie zuvor so kraß formuliert. Ich teilte ihre Sorge. Es wäre ja schrecklich unverantwortlich von mir, zu erblinden – nach all dem Aufwand, den man mit mir getrieben hatte.

Sie sagten, sie freuten sich, das Schlafproblem gelöst zu haben. Das neue Mittel sei doch großartig, nicht wahr? Nicht wahr? Und der Schmerz vor dem Durchbrennen gebe mir rechtzeitig Alarm, falls ich mich mal achtlos in einem verdunkelten Zimmer aufhalten sollte. Vielleicht sollte ich für den Notfall eine Taschenlampe bei mir führen. Und auch eine Karte – sie hatten eine drucken lassen –, die bei einem Unfall neben meinem Blutgruppenausweis und meiner Krankenversicherungskarte steckte. Abgesehen von all diesen Dingen konnte die Energiequelle in meinem Hals gefährlich radioaktiv werden, wenn daran herumgefummelt wurde. Aber ich solle mir keine Sorgen machen. Sorgen führten zu Anspannung, und Anspannung mache Menschen unfallträchtig. Das neue Mittel sei doch herrlich, nicht wahr? Nicht wahr?

Ich versprach ihnen, ich würde mir keine Sorgen machen. Und das neue Mittel sei wirklich großartig. Ehrlich, ich sei kaum noch müde. Aber wie war das mit Tracey?

Sie klopften mir auf die Schulter. Völlige Bewußtlosigkeit sei andererseits kein Problem. Das löse elektrische Ladungen aus, einen Blackout des Sensors. Es regnete Jargon. Ich sagte, ich sei froh, das zu hören, und dankte ihnen. Wenigstens verstand ich nun meinen Sohn ein wenig besser. Vielleicht war es seine Nähe zu mir, prophetisches Seelchen, die ihm seine große Angst vor der Dunkelheit eingeflößt hatte.

Sie befreiten mich aus den verschiedenen Geräten, und ich mußte an mich halten, um nicht zu rennen, als ich aus dem mattschwarzen Trickkasten in die sonnenhellen Untersuchungsräume trat, vor die menschlicheren Fragen der Ärzte. Und nach den Ärzten kam der Psychiater. Während ich doch am liebsten abgehauen wäre und mir die Taschenlampe und einen großen Vorrat Batterien gekauft hätte.

»Mein Lieblingscyborg«, sagte er und stand nicht auf. »Sie müssen mir mal alles darüber erzählen.«

»Worüber?«

Ein gewisses Maß Aggressivität wurde sicherlich von so einem Cyborg erwartet. Nun gut, meinetwegen. Dr. Klausen saß nicht hinter einem Tisch, sondern in einem Abrahams-Schoß-Sessel, der an einer Kette von der Decke baumelte. Drei andere Stühle waren im Zimmer verteilt, und er deutete nicht an, in welchen ich mich setzen sollte. Wahrscheinlich hatte schon meine Wahl der Sitzgelegenheit eine gewisse Bedeutung. Um das Gespräch gleich auf die richtige Ebene zu bringen, suchte ich mir einen harten, aufrechten Stuhl aus, von dem aus ich zum Fenster blickte und Klausen fast als Silhouette seitlich neben mir hatte. Wenn ich verhört werden sollte, na bitte. Nicht daß mir das etwas ausmachte, natürlich nicht.

»Was soll ich Ihnen erzählen?« fragte ich.

»Sie sind ein professioneller Interviewer. Sie wissen, wieviel Zeit verlorengeht, wenn der Befragte so tut, als verstünde er die Frage nicht.«

»Ich weiß auch, wieviel Zeit verschwendet wird, wenn Fragen zu ungenau gestellt werden.«

Ich rechnete damit, daß er seinen Kettenstuhl drehen würde, aber er tat nichts dergleichen. »Wenn Sie Streit wollen, bitte sehr. Sie stehen hier nicht vor einem Auswahlkomitee – das haben Sie vor Monaten hinter sich gebracht. Wenn ich mich damals geirrt haben sollte, ist es jetzt zu spät, meine Entscheidung rückgängig zu machen.«

»Weshalb bin ich dann hier?«

»Typisch – Sie haben mich nie nach Gründen gefragt, warum ich mich für Sie ausgesprochen habe.«

Dieses ›typisch‹ brachte mich auf die Palme. »Und ebenso typisch werden Sie’s mir jetzt bestimmt sagen.«

»Ärgert es Sie, daß Ihre Reaktionen vorhersehbar sind?«

»Nein. Es ärgert mich, daß Sie sich für so schlau hatten, sie vorherzusagen.«

»Wenn sich das so anhörte, möchte ich mich entschuldigen.«

Vielleicht meinte er es sogar ernst. Aber Ärzte dieser Art verhielten sich gern so – es gab einen speziellen Kursus dafür bei ihrer Ausbildung.

»Also gut«, sagte ich großzügig, »sagen Sie mir, warum Sie sich für mich ausgesprochen haben.«

Er war gut vorbereitet. »Weil Sie ein Außenseiter waren. Außerdem waren Sie ungewöhnlich widerstandsfähig.«

»Richtig – heute bin ich jedenfalls ein Außenseiter.«

»Und aus gutem chirurgischen Grund – was für Sie eine Erleichterung sein dürfte.«

»Nein!«

Mein Zorn galt nicht so sehr seiner gemeinen Lüge als der Art und Weise, wie er mich dazu gebracht hatte, sie zu verneinen. ›Ja‹, hatte Tracey gesagt, ›das mußt du wohl.‹ Und sie hatte sich Sorgen gemacht. Etwas – meine Widerstandskraft? – hielt mich, wenn auch knapp, davon ab, ihn körperlich anzugreifen, während er dort reglos und beobachtend am Ende seiner langen, schwarzen Kette saß.

»Sie irren sich, Klausen.« Mehr brachte ich nicht über die Lippen. »Glauben Sie mir, Sie irren sich.«

Endlich bewegte er sich; er hob die Füße, so daß der Sitz langsam herumschwang. »Überzeugen Sie mich«, sagte er.

»Warum sollte ich mir die Mühe machen?«

»Weil Sie sich die Mühe gemacht haben, mir überhaupt zu widersprechen. Wir beide wissen: Mein Bericht hat mehr als alles andere dazu geführt, daß Sie den Job bekamen. Wir haben nicht immer gegeneinander gestanden.«

»Wir haben nie dieselbe Sprache gesprochen«, sagte ich, ohne ihm zu antworten.

»Ich bin sicher, Sie wissen, Roddie, daß Ihre Entfremdung im Grunde nicht von anderen Menschen, sondern von Ihnen selbst ausgeht.«

»So steht’s in den Büchern.«

»Bücher haben oft recht.«

Seine pathetische, priesterhafte Selbstgefälligkeit störte mich nun nicht mehr. »Deshalb bin ich also hier? Damit Sie mir sagen können, wie sehr ich mich selbst hasse?«

»Ihnen zu sagen, was Sie bereits wissen, ist eine Sache – Sie dazu zu bringen, es zuzugeben, eine andere.«

Einmal hatte mich dieser unglaubliche Mann hereingelegt. Aber damals hatte er natürlich etwas, das ich brauchte… Ich erwischte mich dabei, wie ich meinen Hintern von einer schwabbeligen Seite auf die andere verlagerte, immer wieder.

»Erkenne dich selbst, sagt der Prophet.« Außerdem war der verdammte Stuhl hart – was wollte er also? »Was interpretiert bedeutet, Klausen, masturbiere, was du kannst.«

Er tat, als habe er das alles schon mal gehört. »Ich bezweifle freilich, daß Sie das noch können, wenn Vincent dauernd zusieht.«

»Der braucht das gar nicht zu wissen. Ich kann den Ton leise stellen und woanders hinschauen.«

Zu spät erkannte ich, daß er zumindest diesen Punkt für sich buchen konnte. Doch er sah großzügig darüber hinweg. »Haben Sie den Ton leise gestellt, ehe Sie hier hereinkamen?« fragte er.

»Ich habe das Gerät gar nicht um. Es mußte für die Ärzte runter, und da hab’ ich’s noch nicht wieder angelegt.«

»Das freut mich.« Er hievte sich aus dem Hängesessel und brauchte jetzt offenbar eine Pause. Er ging zum Fenster. Die Klinik hatte einen Klinikgarten, einen Klinikbrunnen, Klinikbäume. »Ihre Widerstandskraft«, sagte er zum Klinikgras, »wird auf die Probe gestellt werden. Ich wollte Ihnen nur begreiflich machen, in welchem Ausmaß.«

Er erwartete eine Antwort, erhielt jedoch keine.

»Das ist alles, Roddie. Ich wollte, daß Sie verstehen, wie groß die Belastung wird, die auf Sie zukommt.«

Mein Schweigen bemitleidete ihn. Mein Gott, dieser Klausen widerte mich an.

»Ich glaube, Sie wissen ohnehin Bescheid. Sie sind kein Narr, Roddie. Sie verstehen mich sehr gut. Ich hoffe, Sie schaffen es.«

Da er fertig zu sein schien, stand ich auf und zog ab. Es wollte mir scheinen, daß die Punkte zuletzt ziemlich gleichmäßig verteilt waren. Und ich mußte arbeiten, während er anscheinend über viel Zeit verfügte. Nach dem Mittagessen hatte ich eine Verabredung mit Clement Pyke, dem Vater der einzig wahren Katherine Mortenhoe.

Als Katherine zum Schloß kam, war es fast überfüllt mit Kindergruppen und Abendschichtarbeitern, die den sonnigen Vormittag vertrödelten. Innerhalb der Mauern durfte man sich nur im Kielwasser der viertelstündlichen Führungen bewegen. Sie und Harry warteten in der Schlange und schlossen sich dann einer Gruppe an – über die Zugbrücke mit dem Schild ›Zugbrücke‹, durch den Gefängnisturm, als ›Gefängnisturm‹ beschildert, um den abgeseilten und beschilderten Innenhof und in den ebenfalls mit Schildern übersäten, großen Saal. Sie schritten langsam aus und achteten auf einen möglichst großen Abstand zu dem kreischenden Lautsprecher des Fremdenführers.

In der Waffenkammer – als ›Waffenkammer‹ beschildert – hinter dem großen Saal mußten sie lange warten, während die Leute die berühmte Wendeltreppe mit den dreihundert Stufen erklommen. Der Aufstieg war mühsam und die Treppe eng, doch Kate war stolz auf Harry: Er schaffte es bis nach oben, ohne einmal auszuruhen.

Das Schloß stand auf einem steilen, kleinen Hügel mitten in der Stadt, und seine grauen Türme waren höher als die meisten Häuserblocks in der Nähe. Der Führer unterbrach seine Schilderung vergangenen Ruhms und wies auf aktuelle Sehenswürdigkeiten der Stadt hin. Die Menge geriet in Bewegung und versuchte gestikulierend, ihre eigene Wohngegend zu bestimmen. Die Vergangenheit bedeutete Katherine wenig. Sie zerrte Harry in eine Schießscharte mit dem Schild ›Schießscharte‹.

Harry straffte die Schultern. »Stell dir mal vor, du wärst hier oben Wächter in stürmischer Nacht.« Er sah sich besitzergreifend um, klopfte mit seiner Hellebarde auf den Boden und ließ sein Kettenhemd klirren.

Und dann kam unpassenderweise und ohne Vorwarnung die erste Lähmung.

Sie hatte zunächst mit Schüttelfrost und dem Engegefühl im Kopf gerechnet, doch diese Erscheinungen blieben aus. Statt dessen taumelte sie plötzlich gegen Harry, und der besaß die Geistesgegenwart, sie zu stützen. Es war keine schlimme Lähmung, eigentlich nur ein Bein bis zum Knie, doch Katherine war dankbar, daß Harry bei ihr war – und so geistesgegenwärtig. Sonst hätte sie leicht stürzen und sich weh tun können.

Er flüsterte ihr beruhigend ein paar Worte zu, und sie lehnte sich gegen seinen bequemen, gar nicht dicken Körper, versuchte sich zu erinnern, ob sie in den letzten Minuten eine Empfindung gehabt hatte, die sie hätte warnen können. Sie hatte zum Beispiel gehört, daß Epileptiker Sterne blitzen sahen oder seltsame Gerüche wahrnahmen. Alles wäre ihr recht gewesen. Aber sie konnte sich an nichts erinnern… Ein Burgwächter mit dem Mützenschildchen ›Burgwächter‹ drängte sich durch die Menge auf sie zu.

»Nichts da«, sagte er. »Die Schloßverwaltung kann so etwas nicht dulden.«

Harry wurde rot im Gesicht. »Meine Frau fühlt sich nicht wohl, Wachtmeister.« Er entfernte sich von Katherine, ließ sie taumeln. »Sie sehen selbst, daß sie kaum stehen kann.«

Der Wächter beobachtete sie. »Sie befinden sich hier auf dem Territorium der Schloßverwaltung, Kumpel. Wenn sie besoffen oder high ist, muß ich das melden.«

»Sie ist keines von beiden. Sie ist…«

Der Wächter beschirmte die Augen vor der Sonne. »Ich hab’s! Das ist doch diese Mrs. Sowieso, um die soviel Aufhebens gemacht wird. Ich habe ihr Bild in der Zeitung gesehen.«

Er trat näher heran, starrte ihr ins Gesicht. Aus Angst, er würde ihr helfen, wollte ihm Katherine sagen, er solle verschwinden. Ihr Unterkiefer bewegte sich auf und ab. Die Lähmung hatte doch nur ein Bein erfaßt – warum konnte sie dann nicht sprechen? Aber es war schon gut; der Wächter wollte ihr gar nicht helfen.

Obwohl ihr Gesicht auf hundert Millionen Bildschirmen und Titelseiten gewesen war, hatte Katherine die Burg unbemerkt erreichen können. Menschen auf der Straße sahen ihre Mitmenschen nicht an – nur so bewahrten sie ihre geistige Gesundheit. Jetzt jedoch hatte Katherine auf sich aufmerksam gemacht – indem sie sich in einer Schießscharte ungebührlich benahm.

»Zurückbleiben!« rief der Wächter und wies damit die Leute darauf hin, daß es hier etwas gab, dem sie fernbleiben konnten. Also kamen sie immer näher heran.

»Armes Ding. Warum ist sie nicht im Sanatorium?«

»Er hat schuld, bringt sie hier herauf.«

»Natürlich war sie auf den Bildern viel jünger.«

»Er wollte sie wohl runterstoßen.«

»Leidplakette und alles – wofür hält sie sich?«

»Sie hinunterstoßen? Sei doch nicht blöd – der weiß bestimmt, auf welcher Seite das Brot gebuttert ist.«

»Natürlich keine gewöhnliche Frau wie wir.«

»Aber sie ist wirklich sehr bleich.«

»Haben Sie noch nie von Schminke und Puder gehört? Was manche Leute für Geld tun!«

Während hinter der Menge ein Mann ruhig zusah, das graugrüne Jackett wegen der Hitze über die Schulter geworfen.

Katherine schloß vor den schnappenden Mündern die Augen. Und hinter ihr die glatte Steinbrüstung und dahinter der Wind. Als sie wieder sprechen konnte, hatten die anderen nichts mehr zu sagen. Das Gefühl kehrte in ihr Bein zurück, und sie schritt los.

»Und wieder mal viel Aufregung um nichts, wenn Sie mich fragen.«

»Public Relations, meine Liebe. Haben Sie noch nie von Public Relations gehört?«

Der Fahrplan der Führungen war nun ernsthaft durcheinandergeraten. Der Führer hatte nach unten telefoniert und einen Stop in der Waffenkammer bewirkt, doch noch immer standen die Besucher dichtgedrängt auf der Wendeltreppe und riefen ärgerlich durcheinander und fühlten sich nicht gut. Da die Rückkehr eindeutig unmöglich und die Nottreppe nur für ›wirkliche‹ Notfälle da war, mußten Katherine und Harry fürden Rest der vorgesehenen Tour bei ihren aufgebrachten Begleitern bleiben. Der Fremdenführer verkürzte klugerweise seine Ansprache, denn niemand achtete mehr auf ihn, und schleuste die Leute in vierzehn Minuten durch.

»Widerlich. Sie sollte nicht so herumlaufen dürfen, nicht unter gesunden Leuten.«

»Ich will mein Geld zurückhaben.«

Das also war ihr Publikum – die leidhungrige Öffentlichkeit Vincent Ferrimans. Und er hatte natürlich recht: Wenn man ihre Pein filterte, einen Fernsehschirm und die Sensibilität eines Regisseurs dazwischenschaltete, waren diese Leute zu wahrhaftigen Orgien des Mitleids fähig. Nur in unmittelbarem Kontakt hatten sie Angst vor ihr. Nur in unmittelbarem Kontakt hätte die Menge unter einem geeigneten Anführer Katherine in Stücke reißen können.

Vor dem Schloß, auf der anderen Seite der Zugbrücke, wartete eine Schar Reporter. Katherine und Harry hatten sich an die Spitze der Gruppe vorschieben dürfen und gingen als erste durch die Zählstange des Ausgangs. Katherine schritt über die Zugbrücke, auf Harrys Arm gestützt. Bei ihrem Anblick begannen die Reporter zu rufen, eilten vor und machten Aufnahmen. Hinter ihr klickten Leute eifrig durch die Sperre und schoben sie weiter. Die Reporter, die sich mit den Gesetzen auskannten, drängten Katherine zur Seite und umringten Harry.

»Was ist eigentlich geschehen, Mr. Mortenhoe?«

»Haben Sie sie gerettet, Mr. Mortenhoe?«