Rot-weiße Spielfelder: Wir sind das Plus

Nachlese zur Fußball-Schweiz 2008

Das Fußballjahr 2008 war spannend, sehr spannend. Die Alpen hatten ein Gefühlshoch. In der Schweiz und in Österreich ging es rund. Die Spielvereinigungen Rot-Weiß boten Steilvorlagen für ihre Fans. Jeder gab Anstöße für Geist und Genuss, versprach Doppelpässe zwischen Architektur und Skulptur, entwickelte Befreiungsschläge in Seen und Landschaft und brachte die Marketing-Stürmer gegen den Alpennachbarn gern in Stellung. Medaillenträume hegten weder Schweizer noch Österreicher; sie fühlten sich ganz in der Gastgeberrolle. Beide Alpenländer gehören flächenmäßig zu den kleinsten Ländern Europas, verfügen über Gipfel zuhauf, nicht nur landschaftliche, sondern auch kulturelle. In beiden ist Deutsch Amtssprache. Und die Schweiz lockte: Entdecke das Plus! Die Eidgenossen münzten das nicht nur auf das Kreuz in ihrer Flagge, augenzwinkernd wollten sie auch sagen: »Wir sind das Plus.« Entdeckt uns.

Allein in der Eidgenossenschaft liefen vier Städte monatelang organisatorisch auf Hochtouren: Basel, Bern, Genf und Zürich. Sie rechneten mit jeweils rund fünfzigtausend Besuchern, Schweiz- und Fußballfans. Eintrittskarten gab es schon lange vor dem Anpfiff nicht mehr. Doch es wurde vorgesorgt. An zentralen Plätzen wurden Public Viewings organisiert, teilweise mit Tribünen. Während die Spieler in den Stadien kickten, fanden in den Innenstädten die Partys statt.

In Basel ertönt der Startschuss

Zum Eröffnungsspiel am 7. Juni kickten im St. Jakob-Park die Schweizer Gastgeber gegen die Tschechen in der Gruppe A. Auch die Mannschaften aus Portugal und der Türkei traten hier an. Im größten Stadion der Eidgenossenschaft wurden sechs Spiele ausgetragen, auch Finalspiele. »Mehr als neunzig Minuten«, so der EM-Slogan der Basler. Neunzig Minuten Fußball, die Zeit nach dem Schlusspfiff sollte der Stadt gelten. Und das war kaum genug. Durch die Basler Innenstadt führte eine 3,2 Kilometer lange Fan-Meile nicht nur zu Events, Konzertbühnen und Gourmetstationen, sondern auch zu Schauplätzen von Kultur und Architektur. Allein für das Museum Tinguely und den Brunnen, die Fondation Beyerle, die Kunsthalle, das Architektur-, das Historische, das Papier- und die anderen hochrangigen dreißig Museen sind Stunden, wenn nicht Tage nötig. Basel – nach Zürich und Genf die drittgrößte Metropole der Schweiz–, am Rhein und am Rande des Schwarzwalds gelegen, die Stadt der Chemieriesen, aber auch der Fasnacht, der Musentempel und Architekturmeisterwerke. Klingende Namen wie Herzog & de Meuron und Mario Botta haben Basel designerische Höhepunkte verschafft. Sie glänzen nun neben Überliefertem, aber nicht minder Beeindruckendem: der Altstadt mit dem gotischen Rathaus, dem alles überragenden Münster, den gewundenen Gassen, dem St. Alban-Quartier. Der Tag geht in Basel auch nachts nicht zu Ende: Abends pulsieren die Theater- und die Jazz-Szene.

Bern – Bundesstadt und Welterbe

Im Stade de Suisse wurden die Vorrundenspiele der Niederlande, Italiens, Frankreichs und Rumäniens angepfiffen. Allerdings waren vor dem neuen Wankdorf-Stadion, der Heimat des traditionsreichen Klubs BSC Young Boys, die Zeiger stehen geblieben, auf genau 20:16 Uhr. Wie 1954, als das himmlische 3:2 für Deutschland fiel. »Bern wirkt Wunder«, meinten die Berner. Bern ist die Schweizer Bundeshauptstadt, stets im Schatten von Zürich und Genf. Dem echten Berner macht das nicht viel aus. Er liebt Bescheidenheit und sowieso seine Stadt, die ausgezeichnete Lage auf dem Molassehügel und die extravagante Fluss-Schleife der Aare. Ein Naturbollwerk, ideal für eine mittelalterliche Handelsstadt, deren Kern schon seit 1983 UNESCO-Welterbe ist. Patinagrün schimmern die Barockfassaden der Bürgerhäuser, dazu sechs Kilometer Arkadengänge, der Zeitglockenturm, die Nydeggkirche und viele typische Figurenbrunnen. In Bern sind Patrizier von Adel, und der Bär ist ihr Wappentier. Überall im Stadtbild ist er zu finden, gemütlich und träge wie die Berner selber, sagen sie, vor allem in der Verwaltung. »Nume nid gschprängt«, heißt es auf Bärndütsch, nur nichts übereilen. Auch Humor haben sie.

Genf, die kleine Weltstadt

Genf ist international wie keine andere Stadt im Alpenland. Genf liegt dort, wo die Rhône den Genfersee verlässt – eine weltoffene Wirtschaftsmetropole mit einer charaktervollen Altstadt. Calvin und seine Lehre von Puritanismus, Pflichtbewusstsein und Gründlichkeit erklären das. Genf ist der Sitz von zweiundzwanzig internationalen Organisationen, von der UNO, der WHO und auch dem Roten Kreuz. Und Stadt der Uhren, denn nirgendwo sonst in der Eidgenossenschaft gibt es so viele Zeitmesser-Manufakturen. Deshalb wird bei Goldschmieden in der Rue du Rhône auch fließend Arabisch oder Russisch gesprochen. Ansonsten sind die Genfer gnadenlos frankophon, obwohl selbst die Romanen in der Schule ein paar Brocken Deutsch lernen. In der hügeligen Altstadt, in den Parks und am See ist Genève weltoffen und charmant und lebt das Savoir-vivre des französischen Nachbarn. 1992 vertiefte sich bei den frankophonen Eidgenossen der Röschtigraben, eine unsichtbare Sprachgrenze, aus Verdruss über das Nein der Deutschschweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum. Der Blick auf den Montblanc, die Belle Époque am Genfersee und das von Frankreich herübergeschwappte Savoir-vivre haben die Genfer zu Schöngeistern gemacht. Fußball spielt bei ihnen keine Rolle, zumal der beste Klub Servette ein ständiger Abstiegskandidat ist. Im Stade de Genève begegneten einander die Türkei, Tschechien und Portugal.

Zürich, die heimliche Hauptstadt

Im Stadion Letzigrund trafen Frankreich, Italien und Rumänien aufeinander. Hochkarätige Teams und nur drei Spiele, weil Zürichs Bauvorhaben einer neuen Arena durch eine Bürgerinitiative gestoppt worden war. Wer mag der Schweizer Demokratie schon böse sein. Nicht Hauptstadt, nicht Regierungssitz, aber ganz vorn bei Wirtschaftsdaten, Luxusläden und Sprüngli-Pralinés. Und somit die größte und die heimliche Hautstadt Helvetiens. Der Finanzplatz am Zürichsee ist das Zuhause der Diskretion und Drehkreuz für rund ein Drittel des weltweiten grenzüberschreitend angelegten Privatvermögens – wer weiß, wie lange noch. Merkmale sind markante Kirchtürme, verschachtelte Altstadtgassen, Zunfthäuser mit verschnörkelten Erkern und Lokale, die Züri Geschnätzlets und Röschti servieren. Weltoffen nach allen Seiten, Heimat und Exil für Intellektuelle, Dichter, Künstler und Revolutionäre. Die berühmten Namen von Reformator Zwingli, dem Pädagogen Pestalozzi, dem Dichter Gottfried Keller, Professor Einstein oder dem Revolutionär Lenin sind an vielen Fassaden präsent. Zürichs Herz ist einerseits brav und sparsam, der Puls andererseits flippig und schräg. An der Limmat werden für Schweizer Verhältnisse Maßstäbe gesetzt bei Lifestyle, schicken Modetrends und spleenigen Kunstszenen. Züri-West ist das angesagteste Quartier. Wer außer Großstadtluft Natur atmen will, geht an den See, in den unberührten Sihlwald oder auf den Uetliberg, einen der schönsten Aussichtspunkte für die schneebedeckte Alpenwelt.

Ja, die Europameisterschaft ist vorbei. Die Schweiz war recht bald aus dem Fußballhimmel vertrieben. Aber damit hatte man ja gerechnet. Vielleicht nicht so schnell, noch vor dem Viertelfinale. Verletzungen der Spieler, nicht gegebene Elfmeter und Dauerregen: Die Götter waren den Eidgenossen nicht gnädig. Dennoch bewahrte sich der nach der EM ausgeschiedene Nationaltrainer Jakob (Köbi) Kuhn seinen Galgenhumor. Die Schweiz werde wahrscheinlich bestehen bleiben, trotz des Ausscheidens. Und auch das Plus.