Sita

Am nächsten Morgen begann die Fahrt.

Friedlich zog der Heilige mit seinen Begleitern durch die Wälder und ward von allen Klausnern, den freundlichen Wirten dieser weiten Gottesherbergen, voll Ehrfurcht und Gastfreundschaft empfangen. Und an jedem durch fromme Erinnerung geweihten Orte erzählte er seinen aufmerksamen Schülern, was da vor alten Zeiten, im Weltalter der Götter, geschehen war.

Von des Kriegsgottes Skanda Geburt sprach er ihnen und von der Herkunft der Ganga, von König Sagaras hochgemuten Söhnen und von der lieblichen Schri, wie sie den Göttertrank aus den Fluten des Meeres hob. Die Zeit verflog den eifrigen Hörern, als wären sie nur Tage, statt Wochen, unterwegs gewesen.

Wohlbehalten langten die Wanderer endlich in Mithila, der Residenz des Wideherkönigs, an und wurden von Dschanaka und seinem Hauspriester als die vornehmsten Gäste empfangen.

Hier erfuhren die Prinzen auch den Zweck der Opferfeier:

Als König Dschanaka einst den Pflug über sein Land führte, sprang aus der wunden Erde ein kleines Mägdlein und liebkoste den ackernden Helden. Dschanaka nahm das Kind voll Liebe zu sich, nannte es, nach seiner Entstehung, Sita – die Ackerfurche – und erzog es als seine geliebte Tochter.

Sita ward die schönste Jungfrau im Lande, und von allen Höfen eilten Könige und Prinzen herbei, um die Liebliche als Gattin heimzuführen. In dieser Bedrängnis durch stürmische Freier, gedachte Dschanaka eines uralten Erbstückes, des Bogens Schiwas.

Er ließ die riesige Waffe in die Halle seines Palastes schaffen und durch Boten an allen Höfen kundtun, dass Sita nur dem Stärksten, dem, der den Bogen Schiwas spannen könnte, als Gattin folgen wollte.

Bald darauf drängten sich die Freier zu Hunderten in der Halle Dschanakas. Aber da kaum einer darunter war, der die schwere Waffe lüpfen konnte, so konnte keiner versuchen, sie zu spannen.

Zürnend eilten die Getäuschten nach Hause, rüsteten ihre Heere und überzogen Mithila mit Krieg. Aber Dschanakas Heer widerstand den Bedrängern tapfer und schlug sie zurück.

Ein Dank- und Siegopfer sollte nun die Götter ehren. Als die Prinzen bei der Begrüßung aus Dschanakas Munde die Geschichte des Opfers gehört hatten, bat Wischwamitra den Gastfreund, Schiwas Bogen doch auf den Festplatz bringen zu lassen, auf dass der kühne Dämonentöter Rama ihn sehe und vielleicht auch seine Stärke an ihm erprobe.

Dschanaka befahl, den Wunsch des erlauchten Gastes zu erfüllen, und bald schwankte ein achträdriger, von Rindern gezogener Wagen heran, auf welchem die Riesenwaffe des Gottes der Vernichtung lag.

Rama sprang vor, hob mit kräftigem Arme das schwere Gewaffen vom Wagen, und schickte sich an, die schlaffe Sehne zu spannen.

Aber kaum drückte seine gewaltige Faust auf das Ende des Bogens, so sprang dieser mit furchtbarem Krachen entzwei. Das Getöse warf alle Anwesenden, bis auf Dschanaka, den Heiligen und die beiden Prinzen, zu Boden.

Nun bat Wischwamitra den König um Sitas Hand für seinen Zögling Rama.

Und als Dschanaka voll Freude dem Helden die Holde zuführte – als Ramas Auge voll Wonne erglänzte –, da lachte der Heilige aus vollem Herzen.

Während in Mithila eifrig zur Hochzeit gerüstet wurde, gingen ehrwürdige Boten nach Ajodhia, um König Dascharatha mit seinem ganzen Hofstaat zur Feier zu laden.

Voll Stolz vernahm der Vater die Kunde von seines Sohnes Heldenkraft, voll Freude willigte er in seine Vermählung und reiste mit seinen Söhnen, seinen Räten und den stolzesten seiner Recken auf schnellen Elefanten nach Mithila.

Dort ward er mit höchsten Ehren empfangen, und die Hauspriester der beiden königlichen Geschlechter bereiteten das Opfer zur feierlichen Hochzeit.

Wasischta, der Purohita der Raghuiden – so hieß das Königsgeschlecht von Ajodhia nach seinem berühmten Vorfahren Raghu – warb für die Brüder Ramas um drei Prinzessinnen aus Dschanakas Haus, und im Palaste zu Mithila wurde das vierfache Fest gefeiert.

Im Blumenschmuck der prächtigen Halle, im Dufte aus den Weihrauchbecken und unter dem Gefunkel der goldenen Hochzeitsgaben nahm der greise Brahmane die Eide ab, ließ die Paare vor dem heiligen Hausfeuer die Hände ineinander legen und sie den rauchenden Altar in sieben feierlichen Schritten nach rechts hin umwandeln.

Segenssprüche und Glückwünsche geleiteten die Neuvermählten bis an das Tor des Palastes. Und dort empfing sie der Jubel des Volkes, fröhliche Weisen und anmutige Tänze und Spiele.

Dascharatha gab jedem der Söhne gar reiche Morgengabe und beschenkte die Opferpriester mit schier unermesslicher Großmut.

Wischwamitra kehrte gleich nach der Hochzeit, verehrt und bedankt, in seine Klause zurück und lebte wieder ganz seiner Gottseligkeit.

Die Gäste aus Ajodhia aber nahmen noch an manchem glänzenden Fest zu Mithila teil, und erst nach vielen Wochen rüsteten sie zur Heimkehr.

Die Karawane war durch die Elefanten, Pferde, Diener und Sklaven der vier Prinzessinnen viel größer als bei der Reise nach Mithila. Sie hatte aber glückliche Fahrt, bis zum letzten Nachtlager vor Ajodhia.

Dort zeigten sich böse Vorzeichen, und am Morgen sperrte der gefürchtete Paraschu-Rama ihren Weg.

Paraschu-Rama oder ›Rama mit der Axt‹ war der Sohn des Brahmanen Dschamadagni. Wüste Kriegsleute erschlugen einst den greisen Priester während einer Andacht, und damals hatte der brahmanische Jüngling der Kriegerkaste furchtbare Rache geschworen.

Mit der Axt, die ihm seine Klause aus dem Walde gehauen hatte, zog er gegen die Kschattrijas zu Felde und vernichtete diese Kaste, wo er sie traf. Wischnu hatte dem starken Brahmanen einen Bogen geschenkt, und fortan war er schier unüberwindlich. Die stärksten Recken fürchteten diesen kriegerischen Priester und wichen ihm aus.

Nun stand der Sohn und Rächer Dschamadagnis im Wege des königlichen Zuges und rief mit schrecklicher Stimme:

»Rama, Sohn des Dascharatha! Du Kriegerlein hast den Bogen Schiwas zerbrochen. Ich, Rama, der Sohn des Dschamadagni, trage den Bogen Wischnus. Vermagst du den zu spannen, so bist du wert, mit mir zu kämpfen; versagt deine Kraft, so soll mein Beil dich mit den Übrigen deiner Kaste fressen!«

»Ich ehre dich als Priester!« rief Dascharathas Sohn dawider, »doch als Krieger will ich dich besiegen! Reich' mir die Waffe:«

Und mit ruhiger Kraft besehnte der starke Prinz den riesigen Bogen, legte einen Pfeil auf und richtete ihn gegen den erstaunten Dschamadagnisohn.

»Jetzt, kriegerischer Priester, bist du in meiner Hand!« sprach er ernst. »Mein Pfeil beendet entweder dein Streifen auf Erden, oder er zerstört deinen Sitz im Himmel. Wähle!«

»Nein!« knirschte der Priester. »Ich will von der Rache auf Erden nicht lassen, lieber noch von des Himmels Seligkeit!«

Da öffneten sich die Wolken über den beiden Ramas, und Götter und Genien jubelten dem Sohn Dascharathas zu.

Der aber hob den Bogen und schoss den Himmelssitz des rachsüchtigen Priesters in Trümmer.

Paraschu-Rama erzitterte. Er neigte sich vor seinem Überwinder und sprach:

»Wahrlich! in dir lebt Wischnu, du starker Feindebezwinger! Die Himmlischen sehen mit Freude deine Taten. Ich bin besiegt!«

Und gebeugt schritt der Unterlegene hinweg, erbaute sich auf dem Mahendra eine Klause und ward von Stund' an ein demütiger Büßer.

Dascharatha umarmte seinen heldenkühnen Sohn und sandte schnellfüßige Boten voraus, auf dass Ajodhia den Sieger und seine Gattin festlich empfange.