Der Kampf

Als die Affen aus allen Landen, ohne Nachricht von Sita, zurückgekehrt waren, hatte sich Rama in tiefster Trauer auf den Berg Prasravana zurückgezogen.

Mit Lakschmana siedelte er dort, wie einst im fernen Dandakawalde, und harrte voll Hoffnung und Furcht der Ankunft Hanumats und seiner Schar. Der kühne Mut des Verbannten war gebeugt vom Schmerz um die ferne Geliebte und von der Tatlosigkeit, zu der ihn das Dunkel über ihren Aufenthalt verdammte. Da erschien Hanumat, der glücklich wieder das Festland erreicht hatte, vor dem Trauernden.

»Ich habe Sita gesehen, edler Raghawer!« rief er, nachdem er den Ehrwürdigen rechtshin umwandelt hatte. »Durch mich grüßt sie dich als deine getreue Gattin!«

Rama umarmte den treuen Freund und hörte voll Sorge dessen Bericht. Ach! nun wusste er, wo die Geliebte weilte und sah sich ferner von ihr als je. Das Meer, das unerbittliche Meer lag zwischen ihnen.

Wie um eine Tote klagend erhob er die Stimme!

Doch Hanumat, der Wackre, spendete Trost.

»Raghawer! Du kennst dich selbst nicht!« rief er. »Hast du den Dandakawald vergessen, tapfrer Dämonenvernichter, und deinen Sieg über Paraschu-Rama? – Vergessen, dass du Götterwaffen führst, und dass der frömmste Krieger, der tapferste Priester, dich sie gebrauchen lehrte? – Auf, auf! ans Meer! bring ich nur ein Dutzend von uns hinüber, so schlagen wir das ganze Dämonengesindel auf Lanka zuschanden!«

So fasste Rama wieder Mut.

König Sugriva zog sein Heer zusammen und wie ein anderer Ozean wälzten sich die Wogen des kriegerischen Affenvolkes südwärts nach dem Gestade des Meeres.

Die Dämonen der Luft brachten ihrem Herrscher die Kunde vom Heranfluten des Affenheeres unter der Führung des Rächers Rama.

Ravana hielt mit den Seinen Rat.

Vibhischana, das verhutzelte Männlein, welches sein Leben in Liebe und Erbarmen hinbrachte, erhob sich und flehte den mächtigen Bruder an: »O Ravana, sende das unglückliche Weib seinem Gatten in Ehren zurück! Lass nicht wieder Blut fließen, um deiner Frevel willen! O hör' auf mich, Bruder! Ich ahn' es: Dein Maß ist voll vor dem Schicksal! Halt' Frieden, Unseliger, halt' Frieden!«

»Ach bring' doch den kindischen Greis zum Schweigen, Vater!« rief Indradschit. »Er heult wie der Schakal hinter dem Tiger!«

Ein anderer schrie: »Ei, König, mach' doch das Püppchen mit Gewalt zu deiner Gattin, da verläuft der ganze Streit im Sande!«

»So? Du Überkluger!« zischte Ravana. »Und mein Leben rinnt mit davon, da doch mein eigener Sohn seinen Fluch über mich geplärrt hat!«

»Weckt den starken Kumbhakarna, der frisst euch die Affen, wie der Kokila die Blattläuse!« rief ein Dritter.

Der Rat schien allen gut.

Kumbhakarna wurde samt seinem Bett in die Halle gerollt, und man schrie ihm die Nachricht ins Ohr, dass Rama mit dem ganzen Affenheer anrücke, um Sita zu befreien.

»Ei, gebt doch die Dirne dem Dummkopf zurück, wenn er ihr über Land und Meer nachläuft! – Und mich lasst schlafen!« sprach er gähnend, streckte sich wieder auf sein Lager und war im nächsten Augenblick eingeschlafen.

»Ja, gib Sita ihrem Gatten wieder!« flehte Yibhischana aufs Neue.

»Schweig, Feigling, im Rate der Männer!« schrie Indradschit dem Bittenden zu.

»Du bist ein Knabe gegen mich, Indradschit!« erwiderte der Greis. »Dein knabenhaftes Ungestüm taugt nicht in den Rat der Erfahrenen!«

Aber Ravana stellte sich an die Seite seines kühnen Sohnes, und beide verhöhnten den friedlichen Alten, bis er, vor Zorn und Scham zitternd, die Halle verließ. Draußen rief Vibhischana vier seiner getreuesten Diener und entwich mit diesen Genien auf Sturmesflügeln von der Insel.

Als die fünf das Festland erreichten, fanden sie dort das Affenheer und seine Führer in großer Ratlosigkeit vor dem wild bewegten Meer.

Vibhischana nahte sich Rama mit allen Zeichen der Ergebung und riet dem Bekümmerten, sich in Opfer und Gebet an den Herrn des Meeres zu wenden.

Drei Tage lang feierte der Raghuide den Gott in einem glänzende Fest, doch Sagara, der Beherrscher des Ozeans, gab kein Zeichen, dass ihm das Opfer genehm sei.

Da griff der zürnende Rama zu seinen göttlichen Waffen und schoss Pfeil um Pfeil in die kristallene Wohnung des Wellenherrn. Als das alles vernichtende Brahmageschoß auf Ramas Bogen blitzte, da zögerte der Gott nicht länger und erschien über den schmerzbrüllenden Wogen, ihnen Schweigen gebietend.

Ehrerbietig neigte er das perlengeschmückte Haupt vor seinem Bezwinger: »Verzeih', dass erst die Waffe des Allmächtigen mich zwingt, vor dir zu erscheinen! Doch wie stünde es um die Erde, wenn das Meer um weniger sein Bett verließe! Senge meine Fluten nicht mit deinen Feuerpfeilen hinweg, denn ich will dir helfen, den zehnköpfigen Dämon zu bezwingen. Hör' meinen Rat: Lass von deinem Millionenheer die Berge auf meinen Grund türmen, bis Gipfel sich an Gipfel zur Brücke reiht. Dann könnt ihr alle sicher nach Lanka ziehen! – So lautet mein Rat, und mein Wunsch ist dein Sieg. Erhabener!«

Damit verschwand Sagara wieder unter den Fluten.

Kreischend und tobend stürzte sich das Affenheer ins Gebirge, und unter der dröhnenden Wucht seines Gestampfes lösten die Gipfel sich von ihren Grundfesten. Jubelnd schleppten die Affen jeden hinunter zum Ufer und tobten wieder hinan, um neue Blöcke zu holen.

Der starke Hanumat eilte in eisige Höhen hinauf und trug auf seinen Schultern einen Gipfel herunter, den täglich das Rad des Sonnenwagens berührt hatte.

Wild aufgehäuft lagen Felsen und Rasen, Stämme und Geäst am Gestade. Da trat Nalas aus der Schar der Affen hervor. Er war der Sohn Wischwarkarmans, des Götterbaumeisters, und verstand es wohl, eine Brücke zu schlagen. Gipfel um Gipfel ließ er ins Meer versenken, und diese Pfeiler seiner Brücke durch lange Baumstämme, starke Lianen und eng verflochtenes Gezweig verbinden.

Nach fünf Tagen war der `Nalasweg´ fertig, und das Heer der Affen erreichte die Insel Lanka.

Sogleich ließ Rama die Feste des Dämonenheeres von allen Seiten einschließen und wollte nun ihre goldenen Mauern berennen.

Ravana hatte im Anblick der Gefahr sein letztes Mittel versucht, um Sitas Treue zu brechen. Kraft seiner Zaubermacht hatte er ein Trugbild geformt, das dem abgeschlagenen Haupte Ramas vollkommen gleichen musste. Mit heuchlerischen Worten der Trauer sandte er dieses furchtbare Zeichen von Ramas Tod an Sita und kam schließlich selbst, um der unglücklichen Witwe Schutz und Trost anzubieten. Doch Vibhischanas Tochter, die unter Sitas Wachen war, und die, wie ihr Vater, schon lange das Los der unglücklichen Geraubten zu lindern versucht hatte, verriet das trügerische Spiel der Gattin des Raghawers.

Ravana musste spott- und hohnbeladen abziehen.

Zornbebend sammelte der furchtbare Dämonenherr die Seinen zum Ausfall.

In den wilden Kriegsschrei der Affen klingt das dumpfe Dröhnen der Heerpauke, welche die Unholde der Nacht zum Kampfe ruft.

Die Tore der Stadt öffnen sich weit, und hinaus fluten die Scharen der Kämpfer. Voran der Feldherr auf einem Streitwagen, den Löwen mit blutbefleckten Mähnen ziehen; Schlangen dienen als Zügel, und dichtgeballte Finsternis hängt als Banner über dem Fahrzeug.

Jauchzend vor Kampfesfreude begrüßen die Affen den Feind.

Rama lässt seinen Bogen schwirren, dass Sita in ihrem Gefängnis vor Freude erschauert, als sie den wohlbekannten Klang hört. Vibhischana hält sich als getreuer Rat an Ramas Seite, aber Erbarmen beraubt den Guten der Sprache! Es sind seine Brüder, gegen die er Richter und Rächer ins Feld führt!

Als die Heere einander gegenüberstehen, öffnet sich der Himmel. Götter und Genien wollen die Vernichtung der Weltgeißel sehen und sich am kühnen Kampfe der Helden erfreuen. Steht Rama doch für sie in diesem Streite, und die Affen sind ihre Söhne, die sie auf Wischnus Rat mit den Göttermädchen gezeugt hatten, um dem Dämonenbezwinger Hilfsvölker zu schaffen. Ihr Segen ruht auf Ramas Beginnen und auf den Taten der Seinen.

Pfeilwolken verfinstern die Luft, als die Heere gegeneinander stürmen. Furchtbar tobt die Schlacht, denn Kraft steht gegen Kraft und Zauber gegen Zauber: Berge werden gegeneinander gewälzt und Bäume wie Keulen geschwungen; aus den Wolken fällt der Tod, und Tote stehen auf, um fortzukämpfen. Die Rakschasas erscheinen in tausenderlei Gestalten, und die Affen schütteln Pfeile und Speere aus ihren Mähnen, als wären es welke Blätter. Unsichtbar mähen Dämonen mitten im Affenheer.

Aber die tapferen Tiere kämpfen mit einer Zähigkeit, dass oft ein Leib mit abgehauenem Haupte noch das Schwert gegen die Feinde schwingt. Schier untrennbar haben die Heere sich ineinander verbissen.

Und neben ihnen fochten die Führer im Einzelkampf:

Da stand der Sonnensohn Sugriva in seiner goldglänzenden Königsrüstung gegen den furchtbaren Riesen Pradschanga, Nalas stand gegen Tapana und ein Sohn des Valin gegen Indradschit. Hanumat, der wackere Sturmsohn, stand gegen Dhumrakscha. einen der feindlichen Führer, und gegen Akampana, den Besten der Wagenkämpfer.

Tapfer, stark und schnell, widerstand der Held allen Angriffen seiner furchtbaren Gegner und schlug endlich die Ermüdeten mit wuchtigen Streichen zu Boden.

Rama und Lakschmana führten ihre tapferen Scharen zum Sieg. Ramas Pfeile rafften tausend und abertausend Dämonen dahin, und Lakschmanas Speer wütete unter den Streitelefanten des Feindes. Aber Indradschit, der dem starken Sohne Valins entronnen war, führte, selbst unsichtbar, eine Schar von unsichtbaren Schlangenschützen gegen die beiden Prinzen aus dem Hause Raghus. Die Schlangenschützen schossen aus ihrer Verborgenheit Vipern und Nattern gegen die tapferen Brüder. Vom Gift dieser lebenden Pfeile betäubt, sanken Rania und Lakschmana zu Boden. Der Siegesjubel der Dämonen scholl über das weite Schlachtfeld.

Ravana holte in seinem Wolkenwagen Sita aus dem Gefängnis herbei und zeigte ihr triumphierend die niedergestreckten Befreier. Eine wohltätige Ohnmacht befiel die Unglückliche, als sie den Gatten und seinen Bruder in den Fesseln des Todes erblickte. Aber da rauschte es plötzlich in den Lüften, und Garuda, der Wischnuvogel, schwebte über den beiden von Schlangenpfeilen Vergifteten. Vor dem Anblick des furchtbarsten Schlangenwürgers floh das Gift der Nattern aus dem Leib der Getroffenen, und in neuer Kraft erhoben sich die Brüder von der Erde. Ravana entfloh im Wolkenwagen seinen furchtbaren Feinden und barg Sita wieder in ihrem Gefängnis.

Das Heer der Affen schlug seine Waffen jauchzend gegeneinander und ergoss sich über die entsetzten Dämonen, wie der wütende Bergstrom über die Felder. Nur wenige der Nachtschrecken konnten unter dem Schlitze Prahastas, des kühnen Leibwächters Ravanas, in die Stadt entrinnen und sich hinter den schnell verrammelten Toren zu neuem Widerstand sammeln. Unzählige Scharen fielen unter den Streichen der tapferen Affen vor den Mauern Lankas.

Ravana sah seine Herrschaft wanken.

Entschlossen stellte er sich an die Spitze der Geretteten und fiel mit ihnen durch eine Seitenpforte aus der Stadt. In kühner Streife trug er Tod und Verderben über das Schlachtfeld, bis er auf den Helden Lakschmana stieß. Zwar gelang es ihm, den tapferen Surnitrasohn mit einem Speerstoß zu verwunden, aber der starke Raghawer stieß dem Zehnköpfigen seine Faust in eines der Gesichter, dass ihm Schild und Schwert entsank und der Betäubte wie ein todwunder Elefant wankte. Als nun noch Rama auf dem Kampfplatz erschien, ließ Ravana seine Waffen im Stich und entfloh hinter die Mauern seiner festen Stadt.