6
LIEBE AUF DEN ERSTEN FLUG
Während Han seinen Weg wie eine Holzpuppe fortsetzte, nahm er aus dem Augenwinkel undeutlich eine Bewegung wahr. Eine Gestalt trat hinter der riesigen Stabilisatorflosse eines Frachtraumers hervor. Eine Stimme, die er noch nie zuvor gehört hatte, tief, einschmeichelnd, doch mit einer Menge Autorität ausgestattet, rief: »Keine Bewegung, Kopfgeldjäger! Ein Mucks, und du hast es hinter dir!«
Die Hand, die leicht auf Hans Arm geruht hatte, fiel herab. Der Corellianer war allerdings unfähig, einfach stehenzubleiben. Er schritt weiter auf die von der Sonne beschienene Freifläche hinaus, die ihn noch von der modifizierten ›Firespray‹ trennte, und ließ seinen Bezwinger ebenso hinter sich im Schatten des Frachters zurück wie den unbekannten Wohltäter.
Erleichterung durchfuhr ihn – Ich bin gerettet! –, und wurde von Entsetzen abgelöst. Nun, da seine Augen sich auf den plötzlichen Wechsel von Schatten zu Sonnenlicht eingestellt hatten, konnte er erkennen, daß sich zwischen ihm und der ›Firespray‹ einer jener Luftschächte auftat. Und er würde, ohne innehalten zu können, einfach über die Kante marschieren!
Da rief die Stimme hinter ihm: »He, Sie. Solo! Stop!«
Han spürte, daß er stehenblieb, und wurde abermals von Erleichterung überflutet. Zum Glück gehorchte sein Körper den Befehlen von jedermann, nicht nur denen des unbekannten Kopfgeldjägers.
»Drehen Sie sich um und kommen Sie hierher zurück!« fügte die Stimme hinzu.
Han gehorchte freudig. Während er auf seinen Häscher und seinen Retter zuging, starrte er angestrengt in die Schatten, doch er vermochte nur wenig zu erkennen. Jemand stand halb hinter dem Kopfgeldjäger und hatte den Lauf eines Blasters so unter den Rand des mandalorianischen Helms geschoben, daß er sich in den Nacken des Mannes grub. Als er wieder in den Schatten trat, den die Stabilisatorflosse des Frachters warf, und seine Augen sich auf die neuen Lichtverhältnisse eingestellt hatten, konnte Han endlich einen Blick auf seinen Retter werfen.
Er war menschlich, ein Mann, annähernd so alt wie Han, vielleicht ein paar Jahre älter, aber ein wenig kleiner, schlank und durchtrainiert. Er war sauber rasiert und hatte lockiges schwarzes Haar, dunkle Augen und eine Haut in der Farbe von Reben-Kaffein, das man mit Traladon-Milch aufgehellt hatte.
Der Mann war nach der neusten Mode gekleidet. Er trug ein blaß goldfarbenes, an der Brust geschnürtes Hemd, das am weiten Kragen und an den Manschetten mit Stickereien verziert war. Ein breiter, an einen Kummerbund erinnernder bestickter Gürtel betonte seine schmalen Hüften und den flachen Bauch. Er trug außerdem schwarze weiche Stiefel; dies erklärte, wie es ihm gelungen war, sich so geräuschlos an den Kopfgeldjäger anzuschleichen. Von der Schulter hing ein kurzer schwarzer Umhang.
Als Han auf ihn zukam, lächelte der Mann, ein außergewöhnlich gewinnendes Lächeln, das gepflegte weiße Zähne entblößte. »Sie können jetzt anhalten, Solo«, sagte er und stoppte Han ein gutes Stück außerhalb der Reichweite seines vormaligen Bezwingers.
Han hielt inne und sah zu, wie der Daumen seines Retters sich über die Feuerkontrolle des Blasters bewegte, als er vorsichtig die Hand zurückzog.
Der Kopfgeldjäger fühlte, wie der Druck nachließ, und schickte sich an, mit erhobenen Händen herumzuwirbeln. Er trug mandalorianische Armbänder, die zweifellos mit tödlichen kleinen Pfeilen geladen waren.
Han versuchte erfolglos, eine Warnung zu schreien, doch das war gar nicht erforderlich. Der Neuankömmling feuerte bereits. Der Lähmstrahl traf den Kopfgeldjäger, und auf eine so kurze Entfernung konnte nicht einmal die mandalorianische Rüstung die Wirkung dämpfen. Der Kopfgeldjäger erschlaffte und ging zu Boden. Als er aufschlug, klapperten die Bestandteile seiner Rüstung auf dem Permabeton.
Hans Retter schob den kleinen, aber tödlichen Handblaster zurück in ein verborgenes Holster, das an dem verzierten Gürtel angebracht war. Er machte Han mit Gesten auf sich aufmerksam. »Helfen Sie mir, ihn aufzuheben.«
Han tat selbstverständlich, wie ihm geheißen. Gemeinsam trugen er und der Neuankömmling den bewußtlosen Jäger zu seinem Schiff. Han dachte darüber nach, was sie wohl mit ihm anstellen würden. Es würde nicht lange dauern, bis er das Bewußtsein wiedererlangte.
»Ich frage mich, wie lange dieses Zeug noch auf Sie wirkt«, überlegte der Retter. »Können Sie sprechen, Solo?«
Han spürte, wie seine Lippen sich bewegten. »Ja«, sagte er. Er versuchte, mehr als diese simple Zustimmung zu bewerkstelligen, aber er konnte es nicht.
Der Mann warf ihm einen Blick zu. »Verstehe. Sie können auf Anweisungen reagieren, aber nichts weiter, richtig?«
»Ich schätze«, hörte Han sich erwidern.
»Gemeines Zeug, das er Ihnen da verpaßt hat«, stellte der Mann fest. »Ich habe davon gehört, es aber noch nie in Aktion erlebt. Ich muß herausbekommen, wo ich etwas davon bekommen kann. Könnte im Zweifelsfall ganz nützlich sein.«
Als sie die Rampe erreichten, die zur Luftschleuse der ›Firespray‹ führte, betteten sie den Kopfgeldjäger auf den Permabeton. Der Neuankömmling machte sich daran, die Taschen des Kopfgeldjägers und sämtliche verborgenen Winkel seiner Rüstung zu durchsuchen.
»Hallo, was haben wir denn da?« rief er aus, als seine geschickten Finger in der Gürteltasche des Jägers eine Reihe von Röhrchen ertasteten.
Nachdem er jedes dieser Röhrchen gegen das Licht gehalten hatte, so daß er das Etikett studieren konnte, warf Hans Retter diesem ein durchtriebenes Grinsen zu. »Sie sind ein Glückspilz, Solo«, verkündete er. »Das ist das Zeug, daß er in Sie reingepumpt hat…« Er hielt ein blaues Röhrchen in die Höhe. »…und dies hier ist das Gegengift.« Er präsentierte einen grünen Behälter.
Han wartete ungeduldig, während der Mann den Injektor mit der Substanz füllte. »Was die Dosierung angeht, kann ich nur raten«, erklärte er. »Ich verabreiche Ihnen das Minimum, und wenn das nichts bringt, versuch ich ein bißchen mehr.« Er drückte den Injektor gegen Hans Oberkörper und löste ihn aus.
Sein Retter hatte kaum den Injektor heruntergedrückt, da strömte die Substanz durch Hans Körper, und er spürte, wie seine Haut am ganzen Leib zu prickeln begann. Nach wenigen Augenblicken konnte er sich bewegen und sprechen.
»Ich schulde Ihnen was, Freund«, sagte er und streckte dem anderen die Hand entgegen. »Wenn Sie nicht gewesen wären…« Er schüttelte den Kopf. »Aber wer sind Sie, und aus welchem Grund haben Sie mir geholfen? Ich habe Sie noch nie im Leben gesehen!«
Der andere grinste. »Lando Calrissian«, entgegnete er. »Und was den Grund Ihrer Rettung anbetrifft – das ist eine lange Geschichte. Kümmern wir uns erst mal um Boba Fett hier, dann können wir uns unterhalten.« Sein Blick schärfte sich plötzlich. »He, Solo, sind Sie in Ordnung?«
Han fühlte sich schwindlig. Er sank neben der bäuchlings ausgestreckten Gestalt des Kopfgeldjägers auf ein Knie und schüttelte den Kopf. »Boba… Boba Fett? Das ist Boba Fett?«
Der berüchtigtste Kopfgeldjäger der gesamten Galaxis war angeheuert worden, ihn zu schnappen. Han spürte, daß diese Neuigkeit ihn zittern ließ. »Oh, Mann… Lando…«, stammelte er. »Ich hatte ja keine Ahnung…«
»Nun, Sie sind jetzt in Sicherheit«, versicherte Lando bester Laune. »Sie können nachher das große Zittern kriegen, Solo. Jetzt müssen wir uns darüber Gedanken machen, was wir mit Master Fett hier anfangen.« Er dachte einen Moment nach, dann stahl sich langsam ein unfreundliches Lächeln auf sein Gesicht. Er schnippte mit den Fingern. »Ich hab’s!«
»Was?«
Calrissian war bereits wieder damit beschäftigt, den Injektor zu laden. Doch dieses Mal aus dem anderen Röhrchen, dem blauen. Dann schüttelte er den Kopfgeldjäger, der sich stöhnend rührte. »Er kommt wieder zu sich«, brummte er.
Han, der seinen Blaster wieder an sich genommen hatte, hielt den Kopfgeldjäger in Schach, während Calrissian die Vorderseite von Fetts Helm anhob und seine Kehle entblößte. Der Jäger setzte sich plötzlich heftig zur Wehr.
»Keine Bewegung!« befahl Han und drückte den Blaster gegen den Helm. »Der ist nicht auf Betäubung eingestellt, Fett«, knurrte er. »Nach dem, was Sie mir um ein Haar angetan hätten, würde ich Sie mit Vergnügen in Ihre Bestandteile zerlegen.«
Boba Fett lag still, als Calrissian ihm den Injektor an den Hals setzte und abdrückte. Wenige Augenblicke später begann Fett zu zittern. »Du sollst stilliegen«, wies Calrissian ihn an.
Der Kopfgeldjäger gehorchte. Han und Lando grinsten einander an… ein langes einvernehmliches Grinsen.
»Also schön. Setz dich hin«, sagte Calrissian.
Boba Fett tat, was man ihm aufgetragen hatte.
»Sie wissen, was wir jetzt machen sollten«, sagte Calrissian nachdenklich. »Wenn wir eine Ahnung hätten, wie lange dieses Zeug in seinem Organismus wirksam bleibt, würde ich sagen, wir bringen ihn für ein paar Stunden in eine der hiesigen Bars und nehmen Eintritt von Leuten, die gut dafür zahlen werden, diesen Burschen zu demütigen. Er hat eine Menge Kopfgelder kassiert. Er muß eine Menge Feinde haben.«
»Er meinte, das hält mehrere Stunden vor. Aber genau kann man das unmöglich vorhersagen«, stellte Han fest. Er selbst wollte nichts mehr, als so weit wie möglich von Boba Fett und seiner ›Firespray‹ mit dem Namen ›Sklave I‹ wegzukommen.
Einen Moment lang dachte er daran, Fett den Befehl zu erteilen, quer über den Permabeton und geradewegs in einen der Luftschächte zu marschieren. Doch ein Augenblick des Nachdenkens überzeugte ihn davon, daß er dazu nicht fähig war, auch wenn es das Klügste gewesen wäre, was er tun konnte. Jemanden während einer Schießerei mit Blastern zu töten, war eine Sache, aber einem fühlenden Lebewesen eiskalt zu befehlen, sich selbst umzubringen – selbst wenn es sich bei diesem Wesen um einen dreckigen Kopfgeldjäger handelte –, war etwas ganz anderes.
»Stimmt.« Calrissian erhob sich. »Tja, ich denke, meine erste Idee war die beste. Steh auf, Boba Fett«, kommandierte er.
Der Kopfgeldjäger stand auf.
»Lege deine Waffen ab. Sofort.«
Ein paar Minuten später betrachteten Han und Lando einen recht ansehnlichen Stapel der unterschiedlichsten Waffen, die vor ihnen auf dem von der Sonne bestrahlten Permabeton lagen.
»Minions von Xendor«, rief Han aus und schüttelte den Kopf, »dieser Bursche könnte mit dem ganzen Zeug, das er am Leib trägt, einen Laden aufmachen. Sehen Sie sich mal diese mandalorianischen Armbänder an. Ich wette, die Pfeile sind vergiftet.«
»Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden«, sagte Lando. »Boba Fett, antworte. Sind diese Pfeile vergiftet?«
»Einige davon«, erwiderte der Kopfgeldjäger.
»Welche?«
»Die im linken Armband.«
»Was ist mit den Pfeilen im rechten Armband?«
»Schlafmittel.«
»Hübsch«, sagte Han und betastete vorsichtig die Armbänder. »Für diese Dinger würde ein Sammler sicher einiges hinblättern. Also… was machen wir jetzt mit ihm?«
»Ich denke, wir stellen seinen Autopiloten so ein, daß er ihn von hier wegbringt, und setzen einen Kurs in irgendein abgelegenes System. Dann befehlen wir ihm, uns auf unserem Weg nicht mehr in die Quere zu kommen. Wenn dieses Zeug wirklich Stunden braucht, um abgebaut zu werden, könnte er zu dem Zeitpunkt schon ein paar Sektoren weiter sein.«
Calrissian legte eine Pause ein. »Er hat so viele Leute auf dem Gewissen, ich bin fast versucht, ihn einfach abzuknallen. Aber ich habe noch nie jemanden so kaltblütig erschossen.« Er runzelte die Stirn, wirkte beinahe peinlich berührt. »Und ich muß zugeben, ich habe keine Lust, ausgerechnet jetzt damit anzufangen.«
»Ich auch nicht«, warf Han ein. »Ihr Plan klingt gut. Bringen wir ihn an Bord.«
Boba Fett öffnete ihnen bereitwillig sein Schiff, und zu dritt betraten sie die ›Sklave I‹. Han und Lando fesselten Fett an einen der Passagiersitze.
»Sind Sie Pilot?« erkundigte sich Han.
»Nein, bin ich nicht«, gab Calrissian zu. »Das ist auch der Grund, warum ich auf der Suche nach Ihnen war. Ich will einen Piloten anheuern.«
»Sie haben einen«, erwiderte Han. »Womit ich Ihnen auch immer helfen kann. Wie ich schon sagte, Freund, ich schulde Ihnen was.«
»Darüber reden wir später. Werden wir erst mal unsern Freund hier los.«
Han stellte den Autopiloten rasch so ein, daß er das Schiff selbsttätig starten würde, und zeichnete alle erforderlichen Antworten vorab auf, die die ›Sklave I‹ benötigen würde, um die Sektorkontrollen von Nar Shaddaa zu passieren. Dann entschied er sich für einen Kurs, der die ›Sklave I‹ in einer Serie verwirrender Hypersprünge quer durch den imperialen Raum führen würde. Mit ein bißchen Glück würde Boba Fett die Kontrolle erst dann wiedererlangen, nachdem er bereits Tausende von Parsec zurückgelegt hatte.
»Wir sind soweit«, sagte Han schließlich. »Das Schiff wird in drei Minuten abheben.«
»Okay.« Lando wandte sich wieder dem hilflosen Kopfgeldjäger zu. »Fett, hör mir gut zu und tu genau, was ich dir jetzt sage. Du wirst angeschnallt auf diesem Platz sitzen bleiben und dich den Kontrollen deines Schiffs nicht nähern, bevor du das Ziel erreichst, daß Solo für dich eingegeben hat, oder bevor die Droge ihre Wirkung verliert – was immer auch zuerst passiert. Hast du mich verstanden?«
»Ja«, antwortete Fett.
»Gut.« Calrissian winkte dem Kopfgeldjäger zum Abschied fröhlich zu und machte sich auf den Weg zur Rampe.
Han sah Boba Fett böse an. »Ich wünsche eine schöne Reise, Kopfgeldjäger. Ich hoffe, ich muß Sie nie wiedersehen. Und richten Sie Teroenza von mir aus, daß es einen toten t’landa Til gibt, wenn ich das nächste Mal nach Ylesia komme. Können Sie mich hören?«
»Ja.«
»Bis dann, Fett«, sagte Han. Er konnte hören, wie die Triebwerke aufheulten. Die Rampe bebte unter seinen Füßen, als er nach unten lief und dabei den Schließmechanismus betätigte. Er mußte das letzte Stück springen, als die Rampe sich hob.
Lando hatte unterdessen Boba Fetts Bewaffnung eingesammelt, und die beiden jungen Männer brachten rennend einen Sicherheitsabstand zwischen sich und das Schiff.
Sie drehten sich um und schauten zu, wie die ›Sklave I‹ sich aufrichtete und abhob. Die mächtigen Triebwerke loderten hell.
Erst als das Schiff in der Ferne verschwunden war, holte Han schließlich tief Luft und ließ sie anschließend langsam entweichen. »Puh. Das war knapp!«
»Kann man wohl sagen«, stimmte ihm Calrissian zu. »Sie hatten Glück, daß ich Sie ausfindig gemacht habe, Solo.«
Han nickte und hielt dem andern die Hand hin. »Nennen Sie mich Han. Ich stehe in Ihrer Schuld, Calrissian.«
»Nennen Sie mich Lando.« Das unwiderstehliche Grinsen des anderen Mannes blitzte auf. »Und keine Sorge, ich werde schon dafür sorgen, daß Sie Ihre Schulden begleichen.«
»Was immer Sie wollen, Freund. Sie haben ja keine Ahnung, was mit mir passiert wäre, wenn Boba Fett Erfolg gehabt hätte.« Der Corellianer erschauerte sogar unter der wärmenden Sonne. »Glauben Sie mir, das wollen sie auch gar nicht wissen.«
»Ich kann es mir denken«, meinte Lando. »Boba Fett ist nicht billig zu haben. Wenn irgendwer Sie so dringend wollte, haben Sie höchstwahrscheinlich nicht bloß jemanden auf seinen Schulden sitzenlassen oder irgendwas Unwichtiges in der Art.«
Han grinste. »Sie sind ein verständnisvoller Mann, mein Freund.« Er winkte dem anderen, und sie machten sich auf den Weg zurück über die Landeplattform. »Lust auf Frühstück? Ich stelle fest, daß ich richtig hungrig bin. Das passiert mir immer, wenn ich gerade einem Schicksal entronnen bin, das schlimmer wäre als der Tod.«
»Klar«, sagte Lando. »Sie zahlen.«
»Worauf Sie sich verlassen können.«
Als sie in einem kleinen Cafe saßen, das Han kannte, und an Tassen mit Stimtee nippten, kam es Han allmählich so vor, als würde er Lando bereits seit Jahren kennen und nicht erst seit einer Stunde.
»Also, nun erzählen Sie mal«, sagte er und aß das letzte Stück Fladenbrot auf, »wie haben Sie mich gefunden? Und warum haben Sie überhaupt nach mir gesucht?«
»Na ja, ich hatte Sie vorher schon ein- oder zweimal gesehen«, gestand Lando. »Man hatte Sie mir in ein paar Nachtlokalen als passablen Sabacc-Spieler, guten Schmuggler und ausgezeichneten Piloten empfohlen.«
Han gab sich Mühe, angemessen bescheiden auszusehen, jedoch ohne viel Erfolg. »Ich kann mich nicht erinnern, Sie gesehen zu haben, Lando, aber ich habe auch keinen Grund, mich zu erinnern, schätze ich. Okay, Sie wußten also, wie ich aussehe. Und was war heute morgen?«
»Ich bin gestern abend zu Ihrer Wohnung gegangen, um mit Ihnen zu sprechen, und ihr Partner teilte mir mit, daß sie seiner Meinung nach in dieser Nacht nicht nach Hause kommen würden.« Lando zeigte Han ein wissendes Lächeln. »Aber er verriet mir, daß Sie wahrscheinlich bei… einer Freundin im ›Chance Castle‹ bleiben würden. Als ich meine nächtlichen Obliegenheiten erledigt hatte, ging ich auf dem Nachhauseweg dort vorbei.«
»Sie arbeiten nachts? Was tun Sie?« wollte Han wissen.
»Spielen«, erwiderte Lando. »Meistens. Obwohl man mir nachsagt, daß ich die Dinge nehme, wie sie kommen.«
»Verstehe. Sie hatten ihr Bett also noch nicht gesehen und kamen auf dem Heimweg am ›Castle‹ vorbei.«
»Das war kein großer Umweg. Die meisten großen Kasinos in diesem Bezirk von Nar Shaddaa sind nur einen Fußmarsch voneinander entfernt. Wie auch immer, als ich ankam, sah ich Sie vor mir über die Straße gehen. Ich bin Ihnen gefolgt, um zu Ihnen aufzuschließen und mich vorzustellen…«
»…und entdeckten Boba Fett, wie er sich auf mich stürzte«, vermutete Han.
»Genau. Ich kann Kopfgeldjäger nicht besonders gut leiden, also ging ich hinter Ihnen beiden her, bis ich einigermaßen sicher war, wohin er wollte. Es ist mir dann gelungen, mich um das Landefeld herumzuschleichen und vor Sie zu setzen. Sie gingen ziemlich langsam, wissen Sie? Ich erkannte die ›Sklave I‹, daher konnte ich mich zwischen Ihnen und dem Schiff verstecken und auf Boba Fett losgehen, als er vorbeikam.«
Han nickte. »Ich bin wirklich froh, daß Sie es getan haben, mein Freund.« Er schüttelte den Kopf. »Hören Sie, erzählen Sie Chewie nichts davon, okay? Er hat mir etwas geschworen, was er Lebensschuld nennt, weil er glaubt, daß er mir was schuldet, verstehen Sie? Ich hatte schon genug Mühe, ihn gestern abend davon abzuhalten, mich begleiten zu wollen. Er war fest davon überzeugt, daß ich mich in Schwierigkeiten bringen würde…«
»Tja, das haben Sie dann ja auch«, meinte Lando lachend.
»Ja, ich weiß«, räumte Han reumütig ein. »Aber wenn Chewie das jemals herausbekommt, wird er mich in Zukunft nie wieder aus den Augen lassen. Und, he… manchmal hat ein Mann ganz gerne ein wenig Privatleben, verstehen Sie?«
Lando schüttelte bedauernd den Kopf. »Schon klar, worauf Sie hinauswollen. In Ordnung, Han, ich werde Ihr Geheimnis bewahren.« Er beugte sich vor und goß sich eine weitere Tasse Stimtee ein. »Sieht sie gut aus?«
Han nickte. »Ich weiß, Sie werden verstehen, was ich meine, wenn ich sage, daß sie beinahe wert ist, was ich heute morgen durchgemacht habe.«
Lando sah beeindruckt aus. »Vielleicht sollten Sie sie mir vorstellen, alter Freund.«
Han schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, Kumpel. Sie wirken auf mich ein bißchen wie ein Herzensbrecher. Sie würden wahrscheinlich bloß versuchen, sie mir auszuspannen.«
Lando zuckte die Achseln und lehnte sich selbstgefällig lächelnd zurück. »Kann man nie wissen.«
Han grinste. »Das entscheidende Wort hierbei lautet versuchen, Lando. Aber warum haben Sie eigentlich nach mir gesucht? Sie erwähnten, daß Sie einen Piloten brauchen?«
»So ist es. Ich habe vor einer Woche oder so auf Bespin an einem Sabacc-Spiel teilgenommen, und einer der Spieler schrieb einen Schuldschein auf sein Schiff aus. Es ging bei der Partie um hohe Einsätze.«
»Und Sie haben das Schiff gewonnen«, tippte Han.
»Richtig. Aber ich habe noch nie eins geflogen. Ich muß es lernen – vor allem jetzt, da es sein kann, daß Boba Fett nach mir sucht. Ich werde für eine Weile zu saftigeren Weiden und unverbrauchten Sabacc-Tischen aufbrechen, und ich dachte mir, es wäre lustig, in meinem eigenen Schiff zu reisen. Ich mußte einen Piloten mieten, der mich hierher zurückgebracht hat, und das war ganz schön teuer. Daher möchte ich, daß Sie mir beibringen, wie man ein Raumschiff lenkt.«
»Einverstanden«, sagte Han. »Das kann ich machen. Wann wollen Sie anfangen?«
Lando hob die Schultern. »Mein Adrenalinspiegel ist noch immer ziemlich hoch nach der Sache mit Fett. Ich bin überhaupt nicht müde. Wie wär’s also mit jetzt sofort?«
Han nickte. »Klar.«
Sie nahmen eine andere Rohrbahn zu einer anderen Landeplattform. Han und Lando gingen nebeneinander über die windgepeitschte Oberfläche der Plattform zwischen Reihen abgestellter Raumfahrzeuge hindurch, bis Lando schließlich stehenblieb und den Arm ausstreckte.
»Da ist sie. Die ›Millennium Falcon‹.«
Han blickte über das Permabeton-Feld auf den umgebauten leichten Frachter corellianischer Bauart vom Transporter-Typ YT-1300. Er hatte bereits zahlreiche Schiffe dieser Art gesehen und sie immer gemocht – Corellianer waren ebenso gute Konstrukteure wie Piloten.
Doch als Han dieses spezielle Schiff betrachtete, geschah etwas Sonderbares. Er verliebte sich – unvermittelt, unwiderruflich und unsterblich. Dieses Schiff rief ihn, sang ihm ein Sirenenlied von Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit, von knappen Fluchten, Abenteuern und erfolgreichen Schmuggelfahrten in Hülle und Fülle. Dieses Schiff wird mir gehören, dachte Han. Mir. Die Millennium Falcon wird mir gehören…
Der Corellianer bemerkte plötzlich, daß er das Raumschiff mit offenem Mund anstarrte. Lando sah ihn mit mißtrauisch zusammengekniffenen Augen an.
Han klappte hastig den Mund zu und tat sein Bestes, die plötzliche Begierde, das Verlangen aus seinen Gedanken zu verbannen. Er mußte jetzt ganz cool bleiben. Wenn Lando wüßte, wie sehr Han das Schiff wollte, würde er mit Sicherheit den Preis in die Höhe treiben…
»Also, was denken Sie?« fragte Lando.
Han wiegte den Kopf. »Was für ein Schrotthaufen!« rief er aus und bat die ›Falcon‹ im Geist um Verzeihung. »Die Einsätze in dem Spiel waren wohl nicht annähernd so hoch, wie Sie mir weismachen wollten, alter Freund.«
»He, der Pilot, der das Schiff für mich hierhergeflogen hat, meinte, das sei ein echt schneller Kahn«, erwiderte Lando. Seine Stimme klang defensiv.
»Wirklich?« Han setzte eine zweifelnde Miene auf. Er zuckte die Achseln. »Na ja, das kann man nie sagen, bevor man ein Schiff ausprobiert hat. Wollen wir eine Runde drehen?«
»Klar«, entgegnete Lando.
Ein paar Minuten später saß Han an den Kontrollen von Landos Neuerwerbung und kostete die Reaktionen der ›Falcon‹ aus, als diese auf ihren Repulsortriebwerken in die Höhe stieg. Dann zündete er den Sublichtantrieb. Er konnte immer noch nicht glauben, was er im Maschinenraum gesehen hatte – dieses Schiff verfügte über einen Hyperantrieb, der militärischen Standards genügte. Oh, was für ein Schätzchen!
Auch der Sublichtantrieb war gut. Han lenkte die ›Falcon‹ in einen rasenden Steilflug. Der daraus resultierende machtvolle Sog versetzte ihn in Hochstimmung, doch er achtete darauf, sich nichts anmerken zu lassen.
»Nicht übel«, bemerkte er leidenschaftslos. »Aber ich habe schon bessere Schiffe gesehen. Mal sehen, wie es um die Manövrierfähigkeit bestellt ist.«
Er steuerte die ›Falcon‹ rasch aus der atmosphärischen Hülle von Nar Shaddaa und durch die Öffnung im Schutzschirm, wobei er darauf bedacht war, jederzeit die Verkehrskontrolle zu beachten. Als er den Schwerkrafttrichter des Planeten sowie den Hindernisparcours aus treibenden Schiffswracks hinter sich gelassen hatte, steuerte Han die ›Falcon‹ in eine schwindelerregende Serie von Spiralen, Rollen und Kehren.
»He!« protestierte Lando und schluckte hörbar. »Sie haben hier einen Passagier, vergessen Sie das nicht. Oder wollen Sie, daß ich mein Frühstück von mir gebe?«
Han grinste ihn an. Er war versucht, Lando zu fragen, wieviel er für das Schiff verlangte, aber ihm war klar, daß es womöglich mehr sein würde, als er sich leisten konnte. Wilde Phantasien, in denen er die Hutts dazu bewegte, die ›Falcon‹ zu erwerben, damit er sie regelmäßig fliegen konnte – um sie dann vielleicht zu stehlen –, rasten durch sein Hirn.
Aber er wollte nicht, daß die ›Falcon‹ Jabba oder Jiliac gehörte. Sie würden diese Schönheit, dieses Kunstwerk, nicht zu schätzen wissen.
Han überprüfte rasch die Bewaffnung. Gute Beine, aber ein paar Muskeln mehr wären nicht schlecht… Nur eine leichte Laserkanone in einem Geschützturm auf der Oberseite. Nicht genug, überlegte er.
Als würde Lando Hans Gedanken erraten, sagte der Spieler: »Der Pilot, der mich hergebracht hat, sagte auch, die ›Falcon‹ könnte ein paar zusätzliche Waffen gebrauchen, um ein echt gutes Schmugglerschiff abzugeben.«
»Ich denke, wenn das mein Schiff wäre, würde ich einen zweiten Geschützturm und Vierlingslaser installieren, und außerdem noch einen Repetierblaster am Bauch, um eine schnelle Flucht zu decken«, erklärte Han. Vielleicht auch noch ein paar Vibroraketen.
»Ja«, sagte Lando. »Ich werde darüber nachdenken. Aber das ist ein schnelles Schiff, nicht wahr?«
Han nickte widerwillig. »Ja, dieses alte Mädchen hat ein Paar ziemlich guter Beine, Lando.« Er tätschelte verstohlen die Pilotenkonsole. Oh, du Süße…
Ein paar Minuten später räusperte sich Lando. »Mir war so, als hätten wir das Schiff hier rausgebracht, weil Sie damit anfangen wollten, mir das Fliegen beizubringen, Han.«
»Oh… oh, ja«, stotterte Han. »Ich habe bloß… alles überprüft. Damit ich Ihnen die ganzen Schrullen zeigen kann.«
»Sie hören sich an, als würde dieses Ding leben«, bemerkte Lando.
»Tja, Piloten fangen irgendwann immer an, von ihren Schiffen so zu denken«, gab Han zu. »Sie werden zu… Freunden. Sie werden das auch noch feststellen.«
»Vergessen Sie nicht, die ›Falcon‹ ist mein Schiff«, entgegnete Lando mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.
»Klar«, erwiderte Han mit vorsichtiger Zurückhaltung. »Jetzt hören Sie zu. Wir beginnen mit dem Sublichtantrieb. Dabei erlangt man die meiste Übung im Manövrieren. Sehen Sie den Hebel da? Ziehen Sie dran, und wir treten in den Hyperraum ein, und das ist etwas, das Sie nur tun wollen, wenn Sie vorher einen Kurs gesetzt haben. Also Finger weg von diesem Hebel. Alles klar?«
Lando beugte sich aufmerksam vor. »Alles klar.«
Tausende von Lichtjahren entfernt stand Teroenza, der Hohepriester von Ylesia, im Zentrum von Kolonie Drei und verschaffte sich einen Überblick über die Schäden, die ein terroristischer Überfall im Morgengrauen angerichtet hatte.
Annähernd ein Dutzend Tote lag ringsum auf dem Boden ausgestreckt, die meisten gehörten zu seinen Sicherheitswachen. Die Fabrikgebäude zeigten die Brandspuren von Blastern. Die Tür zur Messe war zu Schlacke verbrannt. Eine Löschmannschaft beendete soeben ihre Arbeit im Verwaltungsgebäude. Der Brandgeruch wetteiferte mit dem Treibhausklima des feuchten, dampfenden Urwalds.
Der Hohepriester schnaubte nervös. Und all das nur wegen eines Überfalls. Kein Überfall indes, um Sklaven zu rauben, sondern um Sklaven zu befreien.
Es hatte sich um menschliche Truppen gehandelt – zumindest zum größten Teil. Teroenza hatte ihr Abbild auf seinen Kommunikationsbildschirmen im Hauptquartier von Kolonie Eins gesehen. Zwei Raumschiffe hatten sich in Spiralen durch die tückischen Luftströmungen auf Ylesia herabgesenkt, doch nur einem war die sichere Landung geglückt. Das andere Schiff war in eine Sturmfront geraten und zerstört worden.
Was nur gerecht war, dachte Teroenza mißmutig, während er die Schäden betrachtete, die das verbliebene Raumschiff verursacht hatte. Störenfriede! Die Bande war gelandet, dann sprangen Soldaten in grünen und khakifarbenen Uniformen ins Freie und griffen die ylesianischen Wachen an. Es kam zu einem Feuergefecht, bei dem mehr als ein Dutzend Wachen getötet wurden.
Daraufhin stürmten die Angreifer das Refektorium, wo die Pilger gerade beim Frühstück saßen. Sie forderten die Pilger auf, ihnen zu folgen, und behaupteten, gekommen zu sein, um sie aus der Sklaverei zu führen.
Teroenza gab einen leisen bellenden Laut von sich, der bei seiner Spezies als Lachen durchging. Diese törichten Angreifer! Sie mußten töricht sein, wenn sie glaubten, die Pilger würden der Erhöhung für die Freiheit abschwören. Lediglich zwei von zweihundert Pilgern in der Messe waren zu den Eindringlingen übergelaufen.
Und dann – Teroenzas Züge verfinsterten sich – war sie vorgetreten, um zu den versammelten Pilgern zu sprechen. Der Hohepriester hatte sie seit langem für tot gehalten. Er erinnerte sich noch sehr gut an sie. Pilgerin 921, Geburtsname Bria Tharen. Eine Corellianerin… und eine Verräterin.
Bria hatte sich mit den Pilgern herumgestritten und ihnen die Wahrheit über die Erhöhung mitgeteilt. Sie machte den Versammelten weis, daß sie ihr eines Tages dankbar sein würden – und schließlich erteilte sie ihren Truppen den Befehl, ihre Lähmstrahler auf die Menge zu richten. Die Pilger waren auf der Stelle zu Boden gesunken. Die corellianische Bande war daraufhin mit nahezu einhundert erstklassigen Sklaven entkommen.
Teroenza fluchte verhalten. Bria Tharen! Er konnte sich nicht entscheiden, welche Corellianerin oder welchen Corellianer er mehr haßte: Bria oder diesen verfluchten Han Solo? Der Überfall bereitete Teroenza große Sorgen. Hinter dieser Bande stand Geld. Diese Leute waren gut organisiert und schlagkräftig wie ein echter militärischer Kader. Wer waren sie?
Teroenza hatte von diversen Rebellengruppierungen gehört, die sich gegen das Imperium erhoben. Konnte die Schwadron Soldaten, die heute morgen Kolonie Drei angegriffen hatte, Teil einer solchen Gruppierung gewesen sein?
Der Hohepriester empfand trotz allem einen Anflug von Befriedigung, als er sich vorstellte, wie erbärmlich sich die betäubten Pilger bei ihrem Erwachen fühlen würden. Der t’landa Til wußte nur zu gut, wie rasch die meisten Humanoiden der Sucht nach der Erhöhung verfielen, wenn sie dieser täglich ausgesetzt wurden.
Die Pilger mußten die Erhöhung schon jetzt furchtbar vermissen. Sie würden schreien und wehklagen und Drohungen ausstoßen und darum betteln, nach Ylesia zurückkehren zu dürfen. Sie würden sich vielleicht sogar des Rebellen-Schiffs bemächtigen und es hierher zurückbringen, wie es sich für rechtgläubige Pilger gehörte. Eines war auf jeden Fall sicher: Die corellianischen Aufständischen würden heute nacht alle Hände voll zu tun haben.
Der Gedanke brachte Teroenza zum Lächeln.
Einige Tage, nachdem Boba Fett versucht hatte, ihn zu fangen, stattete Han Jabba und Jiliac einen weiteren Besuch ab, um ihnen mitzuteilen, daß er eine Zeitlang von Nar Shaddaa verschwinden wolle. Er hatte sich entschlossen, Xaverris Angebot anzunehmen und während ihrer nächsten Tournee ihr Assistent zu sein. Er hatte das Gefühl, daß Boba Fett sich nicht so leicht entmutigen lassen würde und daß es nicht schaden konnte, Nar Shaddaa während der kommenden Monate zu vermeiden.
Doch die Worte erstarben ihm unausgesprochen auf den Lippen. Im selben Moment, als er zu den Hutts geführt wurde, überschüttete Jabba ihn auch schon mit ungeduldigen Rufen und befahl ihm, die ›Sternjuwel‹ für die sofortige Abreise nach Nal Hutta auszurüsten. Die von den Desilijic sowie den Besadii entsandten Unterhändler hatten für den folgenden Tag ein Treffen der Hutt-Kajidics anberaumt. Die Besadii hatten die Verhandlungen offenbar zunächst aufgehalten und behindert, dann aber plötzlich einige wesentliche Konzessionen gemacht, um das Treffen möglichst schnell auf die Tagesordnung setzen zu können.
»Heute?« sagte Han und dachte daran, daß er die Unterrichtsstunde mit Lando am Nachmittag absagen mußte. »Das ist aber ziemlich kurzfristig, oder?«
»Ja«, stimmte ihm Jiliac zu. »Wir wissen auch nicht, warum plötzlich alles so schnell gehen soll, aber irgend etwas muß sich ereignet haben.«
»In Ordnung, ich bringe Euch heute nachmittag dorthin«, erklärte Han. »Gebt mir bloß eine Stunde oder so, um das Schiff vorzubereiten und den Kurs zu berechnen.«
»Und noch etwas, Captain Solo, sorgen Sie für einen vollkommen glatten Flug«, warnte Jabba. »Keine Turbulenzen. Meine Tante ist ganz besonders empfindlich und darf auf keinen Fall durchgeschüttelt werden.«
Han schaute sich nach einem weiteren Hutt um, sah jedoch nur Jiliac. »Eure Tante? Ich bitte um Verzeihung, Lord Jabba, aber ich werde drei Hutts an Bord haben?«
»Nein, Mensch.« Jabba zeigte sich ungeduldig. »Nur Jiliac und mich, wie immer. Haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ist Ihnen die Beschaffenheit ihrer Haut nicht aufgefallen? Das ist doch wohl nicht zu übersehen.«
Han musterte Jiliac von oben bis unten und bemerkte schließlich, daß der Hutt tatsächlich irgendwie anders aussah. Gewächse wie Warzen waren auf dem Gesicht des Wesens erschienen, und purpurne Flecken vermischten sich mit den grünlichen Stellen auf der lederartigen braunen Haut. Jiliac wirke darüber hinaus irgendwie größer – und ziemlich lethargisch. Oh, großartig, jetzt soll ich auch noch die Krankenschwester für einen kranken Hutt spielen. Wirklich großartig!
»Äh, Lord Jiliac, fühlt Ihr Euch nicht…?« begann Han, doch Jabba fiel ihm mit vernichtendem Spott ins Wort.
»Menschlicher Schwachkopf! Sehen Sie denn nicht, daß Lord Jiliac jetzt Lady Jiliac ist? Sie ist in froher Erwartung! In ihrer zarten Verfassung sollte sie diese Anstrengung eigentlich nicht auf sich nehmen, aber wir Desilijic nehmen unsere Verpflichtungen sehr ernst.«
Sie? Schwanger? Hans Kinnlade klappte herunter, und Chewie ließ ein leises überraschtes Knurren hören. Doch Han erholte sich schnell wieder und verbeugte sich vor Jiliac. »Ich bitte um Verzeihung, Lady Jiliac, aber ich bin nicht vertraut mit den… äh, Fortpflanzungsgewohnheiten Eurer Spezies. Ich wollte Euch nicht zu nahe treten.«
Jiliac blinzelte schläfrig. »Sie sind mir keineswegs zu nahe getreten. Mein Volk pflanzt sich nach freiem Willen fort, und ich fand, daß es an der Zeit für mich wäre. Mein Kind kommt erst in ein paar Monaten zur Welt, ich werde diese Reise also zuversichtlich antreten können. Mein Neffe Jabba ist lediglich übertrieben vorsichtig. Ein glatter Flug wäre aber trotzdem ratsam.«
»Ja, Lady«, entgegnete Han mit einer weiteren Verbeugung. »Ein glatter Flug nach Nal Hutta. Abflug heute nachmittag. Wird gemacht.«
»Sehr schön, Captain Solo. Sie können gehen. Wir wünschen so bald wie möglich zu starten.«
Han verneigte sich abermals und ging. Chewie folgte ihm auf dem Fuße. Als er außer Sicht war, schüttelte er verwundert den Kopf. Hutts! Je mehr ich über sie erfahre, desto verrückter kommen sie mir vor…
Eine ansehnliche Versammlung von Hutts krümmte und schlängelte sich auf die Große Ratshalle der Hutts auf Nal Hutta zu. Jabba und Jiliac glitten in Begleitung ihrer Desilijic-Sicherheitswachen nebeneinander her. Die meisten Hutts zogen es vor, sich aus eigener Kraft zu bewegen, sofern sie noch dazu in der Lage waren. Zwar war es durchaus erlaubt, vor Humanoiden und anderen untergeordneten Rassen körperliche Schwäche zu zeigen, aber in der Gesellschaft ihrer eigenen Art gaben sich die Hutts lieber stark und fit. Daher bewegten sich alle Desilijic aus eigener Kraft, und unter den Angehörigen des Besadii-Clans war nur Aruk zu alt und zu korpulent, um ohne seine Schwebesänfte auszukommen.
Während die Hutts und ihre Wachen auf die Ratskammer zuhielten, passierten sie zahlreiche unterschiedliche Sicherheits- und Scanvorrichtungen. Keinem der Wächter war es gestattet, eine Waffe zu tragen, und jeder Besucher wurde sowohl innerlich als auch äußerlich überprüft, um sicherzugehen, daß keinerlei gefährliche Substanzen in den Saal geschmuggelt wurden. Hutts waren keine sonderlich vertrauensvollen Wesen, vor allem nicht in der Gesellschaft anderer Hutts – und das mit gutem Grund. Vor langer Zeit waren alle prominenten Hutts auf Nal Hutta von einem einzigen geschickten Attentäter eliminiert worden. Die Hutts waren fest entschlossen, solche Anschläge in Zukunft zu unterbinden.
Die Große Ratshalle war ein riesiger Saal, der groß genug war, um etwa fünfzig Hutts bequem Platz zu bieten. Im Augenblick waren dort siebenundzwanzig Hutts zusammengekommen, Repräsentanten aller großen Clans und Kajidics ebenso wie ›neutrale‹ Teilnehmer aus den Reihen der Hutt-Regierung, die die Konferenz beobachten und moderieren würden.
Die Hutt-Heimatwelt wurde vom Großen Rat regiert, einer Oligarchie, in die jeder bedeutende Clan der Hutts je einen Vertreter entsandte. In Wirklichkeit jedoch besaßen die Verbrechersyndikate – die Kajidics – weit mehr Macht als der Große Rat.
Jabba und Jiliac hatten zwei weitere Mitglieder der Desilijic gebeten, sie zu begleiten. Aruk hatte seine Besadii-Delegation mitgebracht, die aus ihm selbst, seinem Abkömmling Durga sowie seinem Neffen Kibbick bestand. Jabba sah mit Wohlgefallen, daß Kibbick einen t’landa Til im Schlepptau hatte. Jiliac hatte recht behalten: Die Besadii hatten tatsächlich auch Teroenza zu der Versammlung berufen.
Nachdem die Hutts sich im Kreis um das Rednerpodest verteilt hatten, wurde die Tagesordnung der Konferenz durch den Exekutivsekretär des Großen Rates eröffnet, der auf den Namen Mardoc hörte. Und sobald jeder der vertretenen Clans sich und seine Delegation vorgestellt hatte, ergriff Mardoc erneut das Wort.
»Verbündete in der Macht, Brüder im Profit, ich habe euch heute zusammengerufen, um eine Reihe äußerst ernster Entwicklungen in der Besadii-Kolonie auf Ylesia mit euch zu diskutieren. Ich erteile Lord Aruk das Wort.«
Aruk dirigierte seine Sänfte ein wenig näher an das Rednerpodest. Er wedelte mit den dünnen Armchen vor seinen Artgenossen herum, um seine Wichtigkeit zu unterstreichen, und begann: »Hutt-Brüder, vor zwei Tagen wurde Kolonie Drei auf Ylesia von bewaffneten Terroristen angegriffen. Kibbick und unser Verwalter Teroenza kamen nur knapp mit dem Leben davon. Es kam zu erheblichen Zerstörungen, und die Angreifer entkamen mit ungefähr hundert wertvollen Sklaven.«
Ein Raunen der Bestürzung lief durch den Konferenzsaal, als die versammelten Hutts auf Aruks Eröffnung reagierten.
Jabba bemerkte, daß Aruk ihn selbst und Jiliac unverwandt anstarrte. Er prüft unsere Reaktion, stellte er fest. Einen Moment lang fragte sich Jabba, ob Jiliac sich entschieden haben mochte, besonders raffiniert vorzugehen, und den Überfall womöglich arrangiert hatte, ohne ihm etwas davon zu sagen. Doch nach kurzem Nachdenken verwarf er die Vorstellung wieder. Seine Tante war so sehr mit ihrer Schwangerschaft beschäftigt, daß es ihr an der Kraft mangelte, raffinierte Pläne auszuspinnen – das galt besonders für Überfallkommandos. Außerdem scheute Jiliac direkte Anschläge und zog es vor, auf subtilere Weise gegen seine Feinde vorzugehen.
»Mitbrüder, wir von den Besadii fordern, daß Jiliac uns in seiner Eigenschaft als Führer des Desilijic-Clans persönlich versichert, daß dieser schändliche Überfall, dieser Diebstahl wertvollen Besadii-Besitzes, nicht von den Desilijic angezettelt wurde. Andererseits kommt es zwischen unseren Kajidics zum offenen Krieg.«
Ein kollektives Ächzen hallte durch die Große Halle. Aruks Herausforderung schwebte im Raum wie der Rauch aus den Wasserpfeifen, die einige der Hutt-Lords schmauchten.
Jiliac richtete sich langsam auf und wirkte dabei in ihrer neuen mütterlichen Würde beinahe hoheitsvoll. »Hutt-Brüder«, sprach sie, »die Desilijic haben sich keinerlei Ausübung von Gewalt in dieser Angelegenheit schuldig gemacht. Als Garantie für diese Feststellung verspricht der Desilijic-Clan hiermit, den Besadii die Summe von einer Million Credits zukommen zu lassen, falls die geringste Verbindung zwischen den Desilijic und dem Überfall nachgewiesen werden sollte.«
Einen Herzschlag lang herrschte Schweigen, dann neigte Aruk mit einer Bewegung, die einer menschlichen Verbeugung entsprach, den Kopf. »Nun gut. Niemand wird sagen können, daß die Desilijic ihre Integrität nicht mit Geld untermauert hätten. Wir bitten darum, daß der Große Rat entsprechende Nachforschungen anstellt und uns das Ergebnis binnen eines Monats mitteilt.«
Mardoc willigte ein, überließ dann jedoch Jiliac das Feld, als diese ihm bedeutete, daß sie noch etwas zu sagen hatte.
»Wie dem auch sei, ich wünschte jedenfalls, daß ich das gleiche über die Besadii sagen könnte. Erst vor wenigen Monaten wurde mein Neffe hier…« Sie deutete auf Jabba. »…brutal von gedungenen Söldnern angegriffen. Allein die Tatsache, daß wir nicht genau sagen können, wer ihre Auftraggeber waren, hält uns davon ab, Anschuldigungen gegen unsere Rivalen zu erheben! Anders als die Besadii erheben wir keine Anklage, wenn wir keine Beweise beibringen können.«
Wieder erhob sich ein Tumult aus lauten Stimmen und Raunen im Saal.
Aruk rappelte sich zu seiner vollen beeindruckenden Größe auf. Seine wäßrigen alten Augen waren blutunterlaufen. »Die Besadii haben nichts Verwerfliches getan!«
»Willst du etwa leugnen, daß ihr Drell-Piraten ausgesandt habt, um meinen Neffen zu überfallen?«
»Ja!« donnerte Aruk.
Das anschließende Sperrfeuer aus Drohungen, Beleidigungen und Wortklaubereien von beiden Seiten machte es notwendig, daß Mardoc eine Unterbrechung der Konferenz ausrief. Jabba beobachtete die Hutts, die ihn umgaben, wie sie sich in kleinen Gruppen berieten, und fragte sich allmählich, wer Ylesia wirklich angegriffen haben mochte. Wenn nicht die Desilijic, wer dann? War Ylesia ein neuer Konkurrent im Sklavenhandel erwachsen?
Durga der Hutt streckte sich während der Nachmittagssitzung neben seinem Vater auf der Antigravplattform aus. Er machte sich Sorgen um Aruk. Die Konferenz währte jetzt bereits Stunden, und Aruk hatte die ganze Zeit über im Mittelpunkt gestanden. Durga wußte, daß sein Vater dieses Maß an Aufregung nicht gewöhnt war. Aruk war ein sehr alter Hutt, der beinahe sein tausendstes Lebensjahr erreicht hatte.
Der junge Hutt hörte in dem Bewußtsein, daß sein Vater ihn Punkt für Punkt über die Konferenz ausfragen würde, aufmerksam zu. Neben Durga blinzelte Kibbick behäbig und kämpfte offensichtlich gegen den Schlaf. Durga blickte seinen Cousin spöttisch an. Kibbick war ein Idiot. Verstand er denn nicht, daß diese Art Treffen, diese Finten und Gegenfinten, die Vorstöße und Gegenschläge und scharfen Gegenreden das Lebenselixier der Hutt-Gesellschaft ausmachten? Verstand er denn nicht, daß Macht und Profit für ihr Volk wie Essen und Trinken und Ahnen waren?
Dies war die erste Hutt-Konferenz, die während Durgas noch kurzer Lebensspanne abgehalten wurde, und er war glücklich, daß sein Vater ihm erlaubt hatte, ihn zu begleiten. Durga war sich darüber im klaren, daß einige Mitglieder des Besadii-Kajidic sich aufgrund des Mals, mit dem er geboren worden war, fragten, ob er überhaupt dazu in der Lage sein würde, die Besadii nach Aruks Ableben zu führen. Aber Durga wußte auch, daß er alle erforderlichen Gaben besaß, um den Besadii-Clan zu leiten. Er war schlau, gewieft, durchtrieben und skrupellos und verfügte damit über alle bei den Hutts in hohem Ansehen stehenden Eigenschaften. Doch er mußte den Besadii diese Fähigkeiten erst noch demonstrieren, bevor Aruk starb, oder es würde schwer für ihn werden, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.
Wenn ich doch bloß anstelle von Kibbick Ylesia übernehmen könnte, dachte Durga. Er wußte, daß sein Vater ein Gutteil des vergangenen Abends damit zugebracht hatte, darüber zu toben, daß Kibbick Teroenza praktisch die Übernahme der Geschäfte auf Ylesia gestattet hatte. Aruk hatte darüber hinaus den t’landa Til in strenger Form darauf hingewiesen, daß er sich über seinen Platz auf Ylesia im klaren sein müsse, wenn er seine Position als Hoherpriester nicht einbüßen wolle. Teroenza hatte demütig vor dem alten Hutt gekauert, aber Durga glaubte trotzdem, einen Anflug von Verärgerung an ihm zu bemerken. Er beschloß darauf, Teroenza sorgfältig im Auge zu behalten.
Kibbick dagegen führte lediglich Klage darüber, wie unerfreulich das Leben auf Ylesia sei und wie hart er dort arbeiten müsse. Aruk ließ ihn mit einer strengen Ermahnung davonkommen. Durga dachte bei sich, daß Aruk ihn besser seines Postens enthoben hätte. Müßig sann er über die Frage nach, ob es eine gute Idee sein mochte, seinen Cousin aus dem Weg räumen zu lassen…
Doch er hatte so ein Gefühl, daß diese Idee Aruk keineswegs zusagen würde, und das bedeutete, daß er sie, solange sein Vater lebte, nicht in die Tat umsetzen konnte. Das hieß jedoch nicht, daß Durga Aruks Tod wollte. Er war seinem Vater aufrichtig zugetan, und er war sich bewußt, daß Aruk ihn mochte. Durga wußte nur zu gut, daß er Aruk in jeder Hinsicht sein Leben verdankte. Die meisten Hutt-Eltern hätten ein Kind mit einem Geburtsmal nicht am Leben gelassen.
Durga wollte darüber hinaus, daß Aruk stolz auf ihn war. Dieser Antrieb wirkte sogar noch stärker in ihm als sein Bedürfnis, Macht und Profit zu erlangen – und das war etwas, von dem er wußte, daß andere Hutts es praktisch als Sakrileg betrachteten, also ließ er seine eigentliche Motivation niemals offen erkennen.
Durga sah zu, wie Jabba der Hutt sich nach vorne schlängelte, um das Wort zu ergreifen. Die Nummer zwei in der Hierarchie der Desilijic galt in vielerlei Hinsicht als typischer Hutt, doch die meisten Hutts fanden seine Vorliebe für humanoide Frauen gleichermaßen abartig und unverständlich. Gleichwohl mußte Durga, während er dessen Rede lauschte, zugeben, daß Jabba ein gerissener Gegner war.
»Verehrte Hutt-Lords, hört mir zu! Die Besadii behaupten, ihre jüngste Expansion auf Ylesia sei nichts anderes als das Ergebnis kluger Geschäftsführung. Aber dürfen wir einem Kajidic eine Geschäftsführung gestatten, die das finanzielle Fundament unserer Welt unterminiert? Die Besadii haben einen so großen Teil des Gewürz- und Sklavenhandels an sich gerissen, daß wir alle gemeinsam sie wieder zur Vernunft bringen müssen! Welchen Nutzen haben sie davon, ihre eigenen Schatztruhen zu füllen, wenn ihre Geschäftspraktiken unsere Welt in die Katastrophe führen?«
»Katastrophe?« dröhnte Aruks Stimme so tief und gebieterisch, daß Durga einen Anflug von Stolz empfand. Sein Vater war der vortrefflichste Hutt-Führer, der jemals das Licht der Welt erblickt hatte. »Katastrophe, meine Freunde? Wir haben im vergangenen Jahr einen Gewinn von einhundertsiebenundachtzig Prozent eingefahren! Wie kann man ernsthaft die Auffassung vertreten, dies könne irgend etwas anderes sein als ein Grund, uns zu preisen und zu ehren?«
»Weil ein Teil eures Gewinns aus den Truhen eurer Hutt-Brüder stammt«, stellte Jabba fest. »Es ist in Ordnung, von anderen zu nehmen, von Humanoiden und Rodianern und Sullustanern und all den anderen Geschöpfen in der Galaxis. Darum gibt es sie ja: damit wir Hutts Profit aus ihrer Existenz schlagen können. Aber es liegt eine große Gefahr darin, einen zu großen Ertrag von Nal Hutta und den anderen Hutts abzuziehen.«
»Ah ja?« Aus Aruks Stimme klang Sarkasmus. »Und worin besteht diese Gefahr, Lord Jabba?«
»Allzu aufsehenerregende Gewinne könnten das Interesse des Imperators und seiner Satrapen an uns wecken«, führte Jabba aus. »Nal Hutta liegt in großer Entfernung zum Imperialen Zentrum. Hier draußen, in der Nähe der Randterritorien, leben wir bis zu einem gewissen Grad unter dem Schutz dieser Distanz und noch mehr unter dem Schutz von Mufti Sarn Shild, den wir in seinem gewohnten Lebensstil großzügig unterstützen. Doch wenn irgendein Hutt-Clan auf übertriebenen Reichtum besteht, zieht das möglicherweise die Aufmerksamkeit des Imperators auf uns alle. Und dies, verehrte Brüder, ist eine Aufmerksamkeit, die wir nicht wünschen.«
Durga hörte die übrigen Hutts murmeln und mußte einräumen, daß Jabba einen wichtigen Punkt berührt hatte. Sobald das Imperium sich zu sehr für eine bestimmte Welt interessierte, war dieser Welt stets nur Unglück beschieden. Durga fragte sich, wie Jabba und Jiliac herausgefunden hatten, daß die Besadii hinter dem Angriff der Drell-Piraten steckten.
Wirklich bedauerlich, daß sie ihre Chance vertan hatten, Nal Hutta von Jabba zu befreien. Ohne Jabba wäre es weitaus leichter, Jiliac aus dem Weg zu räumen. Jabba war ein cleverer Hutt, der über das Wohl seiner Tante wachte, und seine Sicherheitswächter waren tüchtiger als die Jiliacs.
Die Hutt-Lords erwiesen sich als unfähig, hinsichtlich der Nebenverdienste der Besadii zu einem Ergebnis zu kommen. Der Streit setzte sich fort, verkam immer mehr zu persönlichen Beleidigungen und endete schließlich ohne Resultat.
Da ergriff Aruk erneut das Wort. Die jüngsten Gewalttätigkeiten bereiteten ihm immer noch große Sorge. Jiliac gestand ein, ihrerseits besorgt zu sein, und Durga war überrascht, daß sie sich überhaupt in irgendeinem Punkt einig waren. Schließlich taten sich die Desilijic und die Besadii zusammen, um der Versammlung ein beispielloses Angebot zu unterbreiten.
»Ich schlage vor«, verkündete Aruk zusammenfassend, »daß der Große Rat ein die Ausübung von Gewalt betreffendes Moratorium zwischen den Kajidics festsetzt, das mindestens während der drei kommenden Standardmonate in Kraft bleiben soll! Wer unterstützt mich darin?«
Jiliac und Jabba taten ihre begeisterte Zustimmung kund.
Daraufhin äußerten die Vertreter der übrigen Clans einer nach dem anderen ihr Einverständnis, und Mardoc erklärte Aruks Vorschlag für angenommen.
Durga blickte zu seinem Vater auf und verspürte eine neuerliche Woge von Stolz. Aruk ist wahrhaftig ein Riese unter den Hutts!
Viel später an diesem Abend, als die beiden Hutts sich für die Übernachtung in Jiliacs Herrenhaus auf Nal Hutta bereitmachten, das auf einer Insel in einer von Nal Huttas gemäßigteren Klimazonen lag, wandte sich Jiliac an Jabba: »Aruk ist gefährlich. Davon bin ich heute überzeugter denn je.«
»Ja, es war schon beeindruckend, wie es ihm gelungen ist, die Hutt-Clans zusammenzubringen«, stimmte Jabba zu. »Er besitzt… Charisma. Und er kann sehr überzeugend sein.«
»Es ist wirklich eine Ironie, daß es ausgerechnet Aruk war, der am Ende meine Idee eines Moratoriums eingebracht hat«, meinte Jiliac. »Aber mit dem Fortgang des Treffens wurde mir klar, daß der Vorschlag von Aruk kommen mußte, wenn ich hoffen wollte, die anderen von der Weisheit eines Moratoriums zu überzeugen.«
Jabba nickte. »Er ist ein machtvoller Redner.«
»Ein Redner, dem man das Wort entziehen muß. Oder die Desilijic werden noch mehr zu leiden haben«, stellte Jiliac nüchtern fest. »Aber ein drei Monate währendes Moratorium wird uns den Rücken freihalten, so daß wir uns ausschließlich um das Problem Aruk kümmern können.«
Jabbas Glubschaugen blinzelten seiner Tante zu, während es sich diese auf ihrem gepolsterten Ruhepodest bequem machte. »Was denkst du, Tante?«
Jiliac schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: »Ich denke, dies ist unsere Chance, Aruk an seiner empfindlichen Stelle zu treffen.«
»Seine empfindliche Stelle?«
»Ja, Neffe. Aruk besitzt eine verletzliche Stelle, und sie hat einen Namen. Ihr Name ist…«
»…Teroenza«, warf Jabba ein.
»Korrekt, Neffe.«
Als Teroenza an Bord von Kibbicks Raumyacht ging, um die Rückreise nach Ylesia anzutreten, befand er sich in überaus schlechter Stimmung. Aruk hatte ihnen nicht erlaubt, ein paar Tage Ferien auf Nal Hutta zu machen, und statt dessen besonderen Wert darauf gelegt, daß sie auf der Stelle nach Ylesia zurückkehrten, um sich dem Wiederaufbau nach dem Überfall anzunehmen.
Teroenza war darüber zutiefst enttäuscht. Er hatte gehofft, während seines Aufenthaltes in der Heimat seine Gefährtin Tilenna zu treffen. Doch Aruk hatte nein gesagt, und er hatte mit derart nachdrücklicher Mißbilligung abgelehnt, daß Teroenza sich nicht getraut hatte, noch einmal zu fragen.
Da war er also, und seine einzige Gesellschaft war dieser Schwachkopf Kibbick. Dabei hätte er sich mit seiner reizenden Gefährtin in einem herrlichen, sinnlichen Schlammbad vergnügen können. Teroenza trottete angewidert in seine große, gut ausgestattete Kabine und ließ sich in seine Hängematte sinken. Zum Teufel mit Aruk! Der Hutt-Lord wurde auf seine alten Tage unvernünftig – unvernünftig und niederträchtig. Noch niederträchtiger als eh und je.
Der Hohenpriester litt noch immer unter der Revision der Finanzen, die durchzustehen er gezwungen gewesen war. Aruk hatte sich nach jedem einzelnen Posten erkundigt und an jedem zusätzlich ausgegebenen Credit etwas zu mäkeln gehabt. Er hatte nicht enden wollende Klagen darüber geführt, wie überflüssig das Kopfgeld sei, das er auf Han Solo ausgesetzt hatte. »Lassen Sie Boba Fett ihn in seine Atome zerlegen!« hatte er gezürnt. »Die Desintegration ist entschieden billiger! Daß Sie auf einer persönlichen Rache an Solo bestehen, ist nichts weniger als maßlos!«
Teroenza streckte mürrisch eine Hand aus und schaltete seine Kom-Einheit ein. Noch bevor er seinen persönlichen Code eingeben konnte, erschienen auf dem Bildschirm Worte auf huttisch. Mit immer größer werdenden Augen las er die folgende Übermittlung: »Diese Nachricht wird in sechzig Sekunden verschwinden. Jeder Versuch, sie zu speichern, wird die Vernichtung Ihrer Kom-Einheit zur Folge haben. Lernen Sie den folgenden Komcode auswendig und antworten Sie.«
Dann folgte ein komplizierter Komcode.
Teroenza prägte sich den Code fasziniert ein. Wie vorhergesagt, erlosch er nach sechzig Sekunden, und an seiner Stelle erschienen die Worte: »Was begehren Sie am meisten? Wir wüßten darauf gerne die Antwort. Vielleicht können wir einander helfen.«
Die Nachricht war natürlich nicht namentlich gezeichnet, doch Teroenza hatte eine ziemlich genaue Vorstellung, wer der Absender war. Während er noch dasaß und zusah, wie die Nachricht verlosch und von dem üblichen Standardgruß seiner Kom-Einheit samt der Bitte um den ID-Code ersetzt wurde, ging Teroenza auf, was das zu bedeuten hatte.
Würde er auf die Nachricht antworten?
War er ein Verräter?
Was war es, was er am meisten begehrte?