Kapitel 4

30. August

Heute bin ich früh aufgestanden. Ich habe schon einen Beutel mit Proviant und Wasser gepackt, denn für das, was ich brauche, muss ich weit wandern.

Es scheint närrisch, so viele Meilen zu laufen, um die Pflanzen zu sammeln, die auch hier in der Nähe wachsen. Aber mich an Vaters Garten zu vergreifen, ist zu gefährlich. Er trägt den Schlüssel stets bei sich und ein Einbruch würde nicht unbemerkt bleiben. Ich will nichts riskieren.

Ich habe keine Angst. Um ehrlich zu sein, bin ich erregt. Heute beim Abendessen werde ich erledigen, was ich zu tun geschworen habe.

Dann wird der Tod meiner Mutter gerächt sein. Und wenn Oleander wirklich sein Wort hält, kann mein eigenes Leben beginnen.

Spät am Nachmittag kehre ich zurück, obwohl der Himmel so grau und wolkenschwer ist, dass es mir schon wie die Abenddämmerung vorkommt. Ich wasche mir den Staub des Tages ab; ich bin schmutzig wie ein Grabräuber. Dann steige ich in ein frisches Kleid. Alles, was ich tue, ist gewöhnlich und zugleich außergewöhnlich. Denn obwohl meine Handlungen alltäglich sind, habe ich, während ich sie bislang vollzog, nie gewusst, was ich heute weiß, oder geplant, was ich nun plane.

Nachdem ich mich angezogen habe, widme ich mich der gewöhnlichsten Aufgabe von allen: Ich koche das Abendessen für meinen Vater.

Ich lasse mir Zeit, denn im Herbst, wenn alles reif ist, macht mir das Kochen besonders viel Freude. Ich bereite Rebhühner zu, mariniert in einer Consommé, die ich selbst zusammengestellt habe. Frühkartoffeln, mit Kräutern bestreut, sahniger Spinat und ein Pudding mit Gewürznelken als Nachtisch. Ich decke den Tisch, als würde ich einen Ehrengast erwarten.

Als alles fertig ist, bedecke ich das Essen und ziehe mich zum Beten in den Gemüsegarten zurück. Ich weiß, dass kein Gott mein Vorhaben gutheißen würde. Aber vielleicht haben die Geister der Toten mehr Verständnis für mich.

»Hast du es aus Liebe getan, Mutter?«, murmele ich in meine gefalteten Hände. »Hat dich die Liebe blind gemacht, so dass du dich willentlich in Gefahr begeben hast – dich und dein ungeborenes Kind – nur um ihm zu gefallen?«

Der Wind fährt mir durchs Haar, bringt aber keine Antwort mit. Es ist auch keine nötig. Ich weiß, zu welchen Taten einen die Leidenschaft treiben kann. Ich selbst bin der lebende Beweis dafür.

»Vergib mir«, flüstere ich. »Ich weiß, dass Rache die Toten nicht zurückbringen kann. Wenn du ihn geliebt hast, wirst du mich für das, was ich jetzt tue, hassen. Aber auch die Lebenden wollen Gerechtigkeit.«

Ich stehe auf, wische mir die Erdkrumen von den Knien und gehe zurück ins Haus.

Im Salon sitzt ein Mann.

»Miss Luxton, nicht wahr? Ich erinnere mich an Sie. Meine Güte, sind Sie aber gewachsen!«

Er wendet sich mir zu und mein Herz gefriert. Dieses Gesicht würde ich überall wiedererkennen. Es ist Tobias Pratt, Leiter eines nahe gelegenen Sanatoriums für Geisteskranke – jener entsetzliche Mann, der Weed zu uns brachte, ihn mit sich schleppte, als wäre er ein Bündel Lumpen.

»Mein Vater ist nicht zu Hause«, sage ich rasch. »Ich kann Sie nicht empfangen, Mr. Pratt. Kommen Sie ein andermal wieder.«

»Nicht so schnell, Miss. Ich bin hier wegen der Bezahlung. Wenn meine Quellen mich korrekt unterrichtet haben, schuldet mir Ihr Vater eine hübsche Stange Geld.« Er lacht. »Eine sehr hübsche Stange, würde ich sagen.«

Einen schlechteren Zeitpunkt hätte sich dieser Trottel nicht aussuchen können. »Geld?«, wiederhole ich und tue so, als ob ich nicht begreifen würde. »Als Bezahlung wofür?«

»Für diesen grünäugigen Zauberlehrling Weed natürlich! Hat sich der Bengel nicht als nützlich erwiesen? Er und sein Hexenwissen, das er immer vor sich hin brabbelte, und die merkwürdigen Tränke, die er braute. Als ich ihn herbrachte, sagte ich Ihrem Vater, dass ich zurückkehren würde und er mir dann bezahlen solle, was ihm der Bursche wert sei.« Pratt zieht sich einen Stuhl an den Tisch und setzt sich. »So erledigen ehrenwerte Männer ihre Geschäfte, nicht wahr? Ein Vertrag ist nicht nötig; ein einfacher Handschlag reicht völlig aus.«

Er rülpst und leckt sich die Finger. »Bitte um Verzeihung. Aber ich muss gestehen, Miss Luxton, das Essen, das Sie auf den Tisch gebracht haben, roch so köstlich, dass ich nicht anders konnte. Ich habe mir eine Gabel und einen Teller aus der Küche geholt und mir aufgetragen, während ich auf Sie wartete. Es ist ein langer Ritt vom Sanatorium hierher, und noch dazu einer, der hungrig macht. Ein Mann muss schließlich bei Kräften bleiben. Keine Sorge, es ist immer noch genug übrig für Sie und Ihren Vater.« Zufrieden tätschelt er sich den Bauch. »Obwohl ich jetzt einen Becher Ale gebrauchen könnte.«

Ich hebe den Deckel des Warmhaltetopfes an. Ein Hühnerschenkel, drei Kartoffeln und ein großer Löffel des Sahnespinats sind weg.

»Sie sind eine gute Köchin, Miss. Der Mann, der Sie zur Frau kriegt, kann sich glücklich schätzen. Ich darf erwähnen, dass ich selbst noch Junggeselle bin und noch dazu ein wohlhabender Geschäftsmann … ein Mädchen wie Sie könnte es schlechter treffen …«

Ich muss an mich halten, nicht laut loszuschreien. Ich muss dafür sorgen, dass er geht, und zwar schnell, bevor das Gift anfängt zu wirken. »Wie ich schon sagte, mein Vater ist nicht hier, Mr. Pratt. Sie haben keinen guten Zeitpunkt für einen Besuch gewählt, ob nun für eine ausstehende Bezahlung oder aus einem anderen Grund. Bitte gehen Sie jetzt und kommen Sie morgen wieder.«

»Aber Jessamine, spricht man so mit einem Gast?«

Zu meinem Entsetzen tritt Vater ein. Er streckt Pratt seine Hand entgegen, und der springt auf und ergreift sie. »Tobias Pratt. Ich hörte die Stimme eines Mannes, als ich über die Schwelle trat. Ich dachte mir schon, dass Sie es sind. Leider hat sich meine Vermutung bewahrheitet. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten wollte, dass ich mich über Ihren Besuch freue, aber ich muss Ihnen zustimmen: Wir haben noch etwas zu erledigen.«

Er wendet sich mir zu. »Jessamine, bring noch ein Gedeck. Mr. Pratt wird uns zum Abendessen Gesellschaft leisten.«

Pratt nimmt den Hut ab und grinst. »Haben Sie vielen Dank für die Einladung, Sir. Sie sind ein wahrer Gentleman. Trotz allem, was man sich über Sie erzählt.« Er hüstelt und mein Vater lächelt leicht.

Mit Eis in den Adern tue ich, wie mir geheißen.

Ich hatte Kopfschmerzen vorschieben wollen, um mich beim Abendessen zu entschuldigen und lediglich eine Tasse Tee zu mir zu nehmen, aber Pratts Anwesenheit befreit mich von der Notwendigkeit, eine Ausrede zu erfinden. Sein Becher scheint immer neu gefüllt werden zu müssen. Er lässt sein Messer fallen und verlangt ein sauberes. Er nimmt sich zweimal von dem Fleisch, dreimal von den Kartoffeln, gefolgt von noch mehr Ale.

Ich hole das Gewünschte und reiche es ihm, schenke ein und lege auf. Meine eigene Mahlzeit bleibt unberührt, was Not tut, will ich den Morgen erleben. Aber es ist eine Qual, ständig vom Tisch aufstehen zu müssen. Mehr als alles andere wünsche ich mir, meinen Vater essen zu sehen, mit den Augen seiner Gabel vom Teller bis zu den Lippen zu folgen, wieder und wieder, während er Bissen für Bissen meines sorgsam zubereiteten Mahls in den Mund steckt.

Pratt rülpst wieder und lockert seinen Gürtel. »Glauben Sie nicht, dass dieses exzellente Essen den Preis drücken wird, Luxton. Ich weiß, dass dieser Bursche, dieser Weed, Ihnen das eine oder andere beigebracht hat. Es ist Zeit, dass ich für meine Aufwände entschädigt werde, und das wissen Sie genau. Hier ist mein Vorschlag – er ist nur fair. Ich denke, Sie werden einschlagen.«

Er zieht ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Brusttasche und reicht es meinem Vater. Als er sich lang macht, um den Arm über den Tisch auszustrecken, zuckt er zusammen, als ob ihn etwas in die Seite gezwickt hätte.

Vater macht keine Anstalten, das Papier zu nehmen. »Erschrecken Sie nicht über die Summe«, fährt Pratt fort und legt seine Hand auf die Rippen. »Sie werden das Vielfache verdienen mit dem Wissen, das Sie diesem Monster entlockt haben, und ich denke, Sie werden mir zustimmen …« Wieder zuckt er zusammen. Ich zähle die Sekunden – eins, zwei, drei – dann vergeht der Schmerz und er entspannt sich wieder.

»Ist alles in Ordnung, Mr Pratt?« Die Stimme meines Vaters ist ruhig, aber seine Augen verfolgen aufmerksam Pratts Zuckungen. Hebe die Gabel an deine Lippen, ja, sehr gut, Vater! Jetzt noch einen Bissen, nur noch einen …

»Aber gewiss doch. Nichts, was ein Schluck Ale nicht kurieren könnte. Nun, was mein Geld betrifft …« Pratt wird bleich und stöhnt, umfasst seinen Bauch. Mein Vater legt die Gabel auf den Tisch. Ich stehe auf und heuchle Besorgnis, biete an, einen Tee aus Pfefferminze und Ingwer zu brauen, der den Magen beruhigen soll.

Noch ein bisschen, Vater, denke ich, während ich mich scheinbar fürsorglich um Pratt kümmere. Ich muss den Schein wahren, gerade lange genug für einen einzigen … weiteren … Bissen …

»Machen Sie keine Umstände, Miss«, grunzt Pratt und krümmt sich. »Mein Magen ist stärker als ein Eisenkessel. Ich habe nur ein wenig – Au! – Wind im Bauch.«

Als sich Pratt vor Schmerzen windet, schaut mein Vater auf seinen halb leeren Teller. Dann auf meine unberührte Mahlzeit. Die blaue Ader auf seiner Stirn wölbt sich vor und er erhebt sich.

»Der Herr möge mir beistehen!«, keucht Pratt und stürzt mit einem lauten Krachen zu Boden. Vater beachtet ihn nicht, sondern geht auf mich zu.

»Jessamine, was hast du getan?« Vater und ich stehen uns reglos gegenüber, die Blicke ineinander verschränkt, während sich unser Gast auf dem Boden krümmt und erbricht.

»Vielleicht … waren die Kartoffeln noch nicht ganz reif.« Ich habe noch meine Schürze an und der Duft der Küche umgibt mich.

Pratt stößt ein gurgelndes Röcheln aus. Vater stürzt sich mit einem Brüllen und einem mörderischen Ausdruck in den Augen auf mich. Ich packe das Tranchiermesser vom Tisch und richte es auf seine Brust. In mir ist keine Reue. Stattdessen fühle ich mich frei, belebt durch meinen Wagemut.

»Du Hexe! Du böses Kind! Nach allem, was ich für dich getan habe …« Er streckt den Arm nach mir aus, aber ich ducke mich geschickt. Pratt rollt sich auf dem Boden hin und her wie ein Fass an Deck eines Schiffes, das sich im Sturm aus der Vertäuung gelöst hat. Beinahe hätte er Vater zu Fall gebracht.

Langsam umkreisen wir beide den Tisch, das tödliche Festmahl zwischen uns. Ich werfe einen Blick auf Vaters Teller. Er hat nicht annähernd so viel gegessen wie Pratt, aber es ist genug. Es wird einfach nur ein wenig länger dauern, bis das Gift seine Wirkung entfaltet. Darüber bin ich froh, denn es bedeutet, dass er länger leiden wird.

»Mörderin! Das Gift war für mich bestimmt!«, tobt er.

»Genauso wie deins für mich, Vater. Und für meine Mutter.« Ich schleudere das Messer auf ihn und renne zur Tür, stolpere aber über Pratts unförmigen, zuckenden Körper.

Die Klinge hat Vater am Arm getroffen und einen langen oberflächlichen Schnitt hinterlassen. Er betrachtet die Wunde mit einem Ausdruck der Überraschung im Gesicht. Instinktiv greift er nach einer Leinenserviette und versucht, den Blutfluss zu stoppen. Ich lache. Er wird tot sein, ehe der Blutverlust ihn auch nur schwächen könnte.

Das scheint auch ihm klarzuwerden. Er lässt die Serviette fallen und stürmt wieder auf mich zu. Ich kauere mich nieder, als er sich über mir auftürmt. Jetzt hat er das Messer in der Hand. In dem Moment, in dem er es zum tödlichen Stoß erhebt, sehe ich es: Sein Gesicht verändert die Farbe, als der erste Schmerz einsetzt.

»Nein!«, schreit er und krümmt sich. Das Messer fällt klappernd zu Boden. »Nein! Ich … werde … mich … nicht … unterwerfen …«

Ich reiße ihm den Schlüsselring vom Gürtel und weiche zurück. »Komm mit, Vater«, locke ich von der Tür aus mit einer Kleinmädchenstimme. »Komm mit in den Apothekergarten und ich zeige dir, mit welchen deiner geliebten Pflanzen ich deine Speise gewürzt habe.«

»Du Teufelin!« Er taumelt auf die Tür zu. »Du weißt nichts von den … Gefahren … im Inneren …«

»Ich weiß mehr als du dir vorstellen kannst.« Ich haste aus dem Haus und wende mich in voller grausamer Absicht dem Hügel zu. Jahrelang hat mich Vater aus seinem kostbaren Garten ausgesperrt, aber die Giftpflanzen sind jetzt meine Verbündeten, nicht seine. Je näher ich komme, desto deutlicher höre ich Oleanders ausgelassenes spöttisches Gelächter in meinen Ohren.

Ich schließe das Tor auf, das auf eine leichte Handbewegung hin aufschwingt. Der Garten heißt mich willkommen. Die Pflanzen zittern vor Freude über meine Anwesenheit.

Als er schließlich den Hügelkamm erreicht, blökt mein Vater vor Schmerzen, hält sich den Bauch und würgt Galle empor. Trotzdem folgt er mir in den Garten hinein. Dort bricht er zusammen. Ich sehe zu, wie er sich über die nasse Erde zu mir zieht.

»Jessamine, es ist noch nicht zu spät … wenn du mir sagst, welches Gift du verwendet hast … vielleicht kenne ich ein Gegenmittel …«

»Schau doch in deinem Gifttagebuch nach, Vater. Oder hast du es verlegt? Es wäre wahrlich eine Schande, wenn dein kostbares Buch verlorengegangen wäre.«

Er schaut mit weit aufgerissenen Augen zu mir empor. »Hab Mitleid«, keucht er. »Ich bin dein Vater.«

Ich deute auf die Bewohner dieses Todesgartens. »Dies sind deine wahren Kinder. Nicht ich.«

Er stöhnt, ob als Antwort auf meine grausamen Worte oder wegen der tödlichen Säfte, die durch seine Adern rinnen, vermag ich nicht zu sagen.

»Es ist kein leichtes Sterben, nicht wahr?« Ich kauere mich neben ihm nieder. »Dank dir habe ich selbst von dieser Art Tod gekostet. Mutter allerdings ist den Weg zu Ende gegangen.«

»Deine Mutter … was sie getan hat, tat sie … freiwillig …«

»Dann solltest du genauso willig sein wie sie. Ich weiß doch, wie sehr du vom Gift fasziniert bist. Davon zu sterben, wird dich doch wohl nicht minder faszinieren, nicht wahr?« Ich beuge mich ganz nah zu ihm. »Wie bedauerlich, dass du dir keine Notizen machen kannst.«

Mit diesen Worten lasse ich meinen sterbenden Vater im Dreck liegen.

Die tödlichen Pflanzen nicken und wispern ihren Beifall, als ich den Garten verlasse. Ihre verführerischen Stimmen verhallen ungehört, denn ich habe nicht Weeds Gabe. Aber in meinem Herzen weiß ich, dass sie – und ihr Meister – stolz auf mich sind für das, was ich getan habe.

Ich hebe mein Antlitz zum Himmel in der ängstlichen Hoffnung, einen Blick auf Oleander zu erhaschen.

»Ich tat, was du mir befohlen hast«, flüstere ich. »Bist du zufrieden?«

Eine Dunkelheit streift über den Himmel und ein kühler, sanfter Regen fällt auf mein nach oben gewandtes Gesicht.

Ich verschließe das Tor hinter mir.

***

Mein Werk ist noch nicht beendet. Zuerst muss ich in das Schreckenshaus zurückkehren und die Reste der vergifteten Mahlzeit entsorgen, denn ich möchte nicht, dass ein Vogel oder eine Maus daran pickt. Ich muss ständig um Pratts Leichnam herumgehen. Er ist mausetot. Seine Zunge hängt geschwollen und lila aus dem Mund und seine weit aufgerissenen Augen starren blicklos ins Leere.

Einen Augenblick überkommt mich Übelkeit. Selbst ein niederträchtiger Mensch wie Pratt ist Gottes Geschöpf, oder etwa nicht? Ich habe seinen Tod nicht gewollt. Es war ein Unfall, den er mit seiner Fresssucht selbst herbeigeführt hat. Aber trotzdem klebt sein Blut an meinen Händen.

Dann muss ich daran denken, wie schlecht er Weed behandelt hat, und ein tiefer Friede zieht in meinem Herzen ein. Vielleicht ist auch dies eine Art Gerechtigkeit.

Als Nächstes werde ich ein neuer Mensch. Für meine Haare mische ich feines Henna- und Katampulver, das sich in meinem Vorratsraum befindet, und gebe noch etwas Indigo aus meinem Färbergarten hinzu. Dann bereite ich aus Walnussschalen und Öl eine dunkle Creme zu und eine Lippentönung aus Bienenwachs, Löwenzahnwurzel und Rübensaft.

Während die Kosmetik ihre Wirkung auf meinem Haar und auf meiner Haut tut, fülle ich meine Börse mit Geld. Ich habe jede Menge davon, ehrlich verdient durch meine Heilkunst. Ich packe ein paar Kleidungsstücke und andere Kleinigkeiten zusammen, die ich brauchen werde. Und ich werde auch einige äußerst wirksame Kräuter aus dem verschlossenen Arzneischrank in meines Vaters Arbeitszimmer mitnehmen, für den Fall, dass ich mich gegen böswillige Menschen wehren muss.

Ich mache mir nicht die Mühe, an seinem Schlüsselring nach dem richtigen Schlüssel zu suchen, sondern zerschlage das Glas der Vitrinentür mit einem Briefbeschwerer. Dann nehme ich mir, was mir beliebt: Belladonna, Eisenhut, Bilsenkraut, Mondsame und noch einige andere. Ich wickele sie sorgfältig in Papier und verschließe sie mit Schnur.

Ein Rabe kommt geflogen und lässt sich auf dem Fenstersims nieder.

Gepriesen seiest du, Oleander, Prinz der Gifte, denke ich, gepriesen für alles, was du Mr Pratt beschert hast und was du meinem Vater noch immer bescherst, jetzt, in diesem Augenblick, während das Gift sich wie Dornen in seine Eingeweide bohrt, sein Gehirn zum Kochen bringt und sich wie ein Mahlstein auf sein Herz legt.

Ich bin bereit. Ich betrachte mich im Spiegel. Ich bin ich selbst und doch nicht ich selbst. Vater behauptete immer, ich würde meiner Mutter ähnlich sehen. Jetzt nicht mehr.

Auf dem Weg hinaus halte ich kurz inne, um mich stumm von meinem Gemüsegarten zu verabschieden, von meinen Küchenkräutern und meinen Heilpflanzen, meinen Tees und meinen Färberpflanzen. Sie haben mir so viele Jahre treu gedient. Ich bedauere es, dass sie nun nicht mehr gehegt und gepflegt werden und schon bald überwuchert sein werden.

Aber so ist das mit Gärten. Alte Pflanzen verdorren und neue sprießen hervor. Die stärkste Pflanze überlebt auf Kosten der schwächeren. Selbst das ordentlichste Beet verwandelt sich ohne die geübte Hand des Gärtners in kurzer Zeit in einen Dschungel.

Du lernst schnell, meine Liebe. Ich bin beeindruckt.

Bring mich zu Weed. Ich bin bereit.

Weed zieht von Ort zu Ort. Und du musst dasselbe tun. Zuerst einmal musst du fort von hier und deine Spuren verwischen. Es sei denn, du willst, dass dich dein geliebtes Unkraut am Galgen hängen sieht. Aber das ist wohl nicht die Art von Wiedersehen, die du dir erträumst, nicht wahr?

Ein angstvoller Schauer, gemischt mit Zorn, schüttelt mich. Wer würde mir verübeln, was ich getan habe, wenn meines Vaters Verderbtheit bekannt würde?

Dein Vater war nicht der einzige Bösewicht auf dieser Welt. Jetzt flieh. Flieh so weit du kannst. Ich werde dir sagen, wenn du in Sicherheit bist.

Aber du wirst mich zu Weed bringen, irgendwann, nicht wahr?

Ich halte immer mein Versprechen, Liebes. Das solltest du mittlerweile wissen.