Auf Achse

(in Zusammenarbeit mit Ronald M. Hahn)

 

Gelegentlich taucht die Frage auf, wie man Science-Fiction-Autor wird. Nun, in meinem Fall durch eine Taxifahrt von Remscheid nach Wuppertal, auf der ich Ronald M. Hahn kennenlernte, der damals – im Spätsommer des Jahres 1975 – als Agent, Autor, Anthologist und Übersetzer tätig war. Berauscht von seinen Worten (»Ruhm & Jubel in all the world, säckeweise Geld & einen Haufen scharfer Weiber mit Strapsen dran, yak, yak!«), erstand ich am folgenden Tag auf dem nächsten Schrottplatz eine Olympia-Reiseschreibmaschine, schloß mich in die Besenkammer ein und ward fürs erste nicht mehr gesehen.

Im Lauf der Zeit wurde aus der Olympia eine IBM, aus der Besenkammer ein Wohnzimmer, doch die zwei Dutzend Jutesäcke, die ich für den versprochenen Geldsegen gekauft hatte, stapeln sich noch immer leer unter meinem Schreibtisch. Gelegentlich steige ich in Ronalds Champignonkeller hinab, um ihn an seine Versprechen zu erinnern, doch seit er sich der Aufzucht von Mutantenhühnern widmet und im Auftrag der SF-Mafia den hoffnungsvollen Autorennachwuchs gleich in der Wiege erwürgt, findet er immer weniger Zeit für ein klärendes Wort.

Eines Tages jedoch drückte er mir – kaum daß er mich auf der Kellertreppe erspäht hatte – einen Stoß beschriebener Blätter in die Hand, kreischte: »Das macht uns reich!« und floh vor der Steuerfahndung in den nächsten Abwasserkanal. Bei der Durchsicht des Manuskripts – es war die Urversion von »Auf Achse« – fiel mir auf, daß es 1. unvollendet, 2. ein Krimi, und 3. ausgezeichnet war. Ich überarbeitete das Manuskript, schrieb es zu Ende, zeigte es Ronald nach seiner Rückkehr aus der Unterwelt, und tags drauf schickten wir es an den PLAYBOY und kauften uns ein weiteres Dutzend Geldsäcke.

Die PLAYBOY-Redakteure lehnten die Story ab – sie war ihnen zu gewagt, zu abseitig für ihre konservative Leserschaft. Wir faßten uns an den Kopf, machten aus der Crime-story eine SF-Story, klopften uns jubelnd auf die Schulter und suchten die Redaktionsstuben der SF- Verlage heim.

Mit dem gleichen Ergebnis wie beim PLAYBOY – zu gewagt, zu abseitig, unzumutbar für die SF-Leserschaft. Deprimiert hockten wir in Ronalds Kellerbüro auf den leeren Geldsäcken, wo wir wahrscheinlich heute noch sitzen würden, wäre Ronald nicht eines schönen Tages zu meinem persönlichen Lektor befördert worden. Es gelang mir, den frischgebackenen Redakteur zur Herausgabe dieser Kurzgeschichtensammlung zu überreden (es gibt halt kein besseres Argument als eine durchgeladene Pistole) – und damit hatte auch die Odyssee unserer zu gewagten, abseitigen und unzumutbaren Story über die Abenteuer des Mr. Thorn ein Ende.

Lesen Sie nun, was die Leser des PLAYBOY und die Leser der SF-Verlage nicht lesen durften, und entscheiden Sie selbst, ob Sie oder die Redakteure zu konservativ sind. Und lassen Sie uns Ihre Meinung wissen – damit wir entscheiden können, ob es sich lohnt, weitere Geldsäcke zu kaufen oder nicht …

 

Weißt du, Alter, die ganze Chose begann eigentlich so:

Nachdem ich die hinter mir liegenden beschissenen achtunddreißig Lebensjahre mal in aller Ruhe vor meinen inneren Glubschern hatte abflickern lassen, kochte mir das Kaffeewasser im Hintern.

Ich lieh mir von ’nem Pattex-Schnüffler ’ne verrostete Smith-Corona, tippte den Kack, den ich in meinen schnellen Jahren im East Village so runtergehaun hatte, sauber ab, und schickte das Script dem Playboy.

Der hatte ’n ziemlich irren Lektor in der Abteilung Wahnsinn & Absurdes sitzen, der antwortete mir nach vierzehn Tagen mit Sehr geehrter Mr. Thom, was Sie da alles aus Ihrem Leben aufgeschrieben haben, is ja ganz große Klasse, einfach kosmisch, und so weiter. Naja. Sie haben das Script also gekauft und rausgebracht, und ich hab’ 5000 Kröten damit gemacht, obwohl das, was auf dem Cover stand (Gesammelter Scheiß aus einem beschissenen Leben) die Literatenmafia mächtig auf die Palme brachte.

Easy, dachte ich, hab’ mir ’n frisches Unterhemd angezogen, die Kiemen mit Fusel geschmiert, Kataloge gewälzt, aufm Flughafen rumgelungert; Leute, die aus Old Heidelbörg rübergekommen waren, angeglotzt, und hier und da mal angeläutet, wie’s denn so aussieht vor der Tür. Die abgebrannten Typen mit’m Schlafsack unterm Arm und den rotgeränderten Augen, die aussahen, als könnten sie ein bis zwölf Kaffee gebrauchen, waren die einzigen, die mit mir gequatscht haben; klarer Fall bei ’nem vertrauenerweckenden Typ wie mir.

Jede Menge Wahnsinn in Europa, sagten sie, und halb Germoney wär entvölkert, seit die Anderen jedem Hirni mit Bausparvertrag ’n Raumschiff angedreht hätten. Klar, meinte einer, die Anderen ham ’ne Menge Kohle gemacht, und die Berliner Mauer und allen möglichen Schrott gekauft, wie überall; klar, Mann, sonnenklar.

Hab’ stundenlang mit den Brüdern gequatscht, ’n bißchen Dope geraucht, und wollte dann hübsch angetörnt zurück in meinen Bunker, nochmal die Prospekte durchwühlen, aber das konnte ich mir natürlich von der Backe putzen, als ich dem Anderen über den Weg lief. Meiner war ’n Winzexemplar, nur ’n halben Meter größer als ich, blaugepunktet, wie alle von seiner Sorte, und mit ’nem Gesicht von der Art, die man manchmal sieht, wenn man zuviel am schrecklichen Elesde knabbert. Ich kam gerade vom Flughafen-Topf, als ich über seinen Hängeschwanz stolperte und fast das Gebiß verlor. Der Andere wühlte in dem Abfalleimer neben der Tür und wackelte zufrieden mit der Birne.

»Hamse sich wehgetan?« fragte der Müllfreak und klopfte mir den Staub von der Jacke.

»Nee, ich geh’ immer so.«

Der Andere fischte eine bräunliche Bananenschale aus dem Abfalleimer und kaute schmatzend darauf rum, rülpste dann. »Paradiesisch«, brummte er. »Ich hab ’ne Lizenz für den Flughafen. Spottbillig. Hat mich nich mehr als drei Raumschiffe und ’ne Kiste Ramsch gekostet.«

»Fast geschenkt«, meinte ich anerkennend. »Ihr Burschen spart glatt die Müllabfuhr.«Der Dope klingelte mir in den Ohren, und ich hatte Mühe, den Anderen von der blaugestrichenen Wand zu unterscheiden.

»Sie sind helle. Sie wissen, was läuft, wie?«

»Man läuft so mit, wissen Sie.« Es roch durchdringend nach Pfefferminz.

Der Andere kratzte sich die Rüsselnase. »Kommse doch einfach mal nach Centauri. Mein Bruder hat ’n Bierhaus aufgemacht. Wennse mal da sind, heben wir einen zusammen.« Er zerknüllte eine leere Coladose und schob sie sich in den Mund. »Wirklich köstlich. Ihr wißt überhaupt nicht, wie froh wir sind, euch gefunden zu haben. So viel Müll und Schrott … Das findet man sonst nirgendwo.«

»Wir sind eben ein gastfreundliches Völkchen, ha, ha.« Ich fing an, mich ebenfalls zu kratzen. Ein paar Plastikmacker und ihre leichigen Klunten glotzten uns an.

Der Andere bückte sich und beäugte interessiert eine angebrochene Pappschachtel mit aufgeweichten Keksen. »In zwei Wochen bin ich auch da. Fragense nach Lugurgels Bierpinte. Die kennt jedes Aas.«

»Mach’ ich. Mach’ ich glatt.« Ich hustete. Das Pfefferminzaroma brannte mir in der Nase. »Wir sehen uns.«

Ich stiefelte davon und landete wieder in meiner Bude. Öffnete ’ne Flasche Jack Daniels und dachte, ’s könnt dir nicht schaden, mal ’n Abstecher in den Kosmos zu machen, auf ’nem richtig piekfeinen Spaceship, mit Stewards in weißen Jacketts und so. Schließlich waren die Anderen ja ’96 nicht umsonst gelandet und hatten massenweise ihre gebrauchten Raumschiffe verramscht. Ich hatte die leichtverdienten zehn Prozent, also vermachte ich meinen Krempel ’nem arbeitslosen Soulbrother, der ihn an ’nen Lumpensammler vertickte, und kaufte ’ne Passage nach Centauri Vier.

Als ich die Gangway rauf stiefelt, haben mich ’n paar von denen in den Glitzerklamotten ’n bißchen scheel angegafft, einer kam sogar an und meinte, ich hätt’ mich wohl in der Tür geirrt, die U-Bahn wär hundert Meter weiter, aber als ich ihm mein Ticket unter die verdammte Nase hielt, wurde der Typ gleich blaß, röchelte, quellte mit den Augen und machte ’n Diener. Der Pott war auch stinkvornehm, genau wie die Leute, die da rumlatschten. Die Typen hatten alle aufgetakelte Fetzen an, und ihre Klunten waren mit Klunkern und Geschmeide behängt wie Zirkusgäule und rümpften die gepuderten Nasen, als ich mit meiner ungekämmten Matte vorbeiwetzte, um mir ’n paar Kippen zu kaufen. Fuck it, hat mir mächtig Laune gemacht, mich neben sie zu pflanzen, wenn’s in der Kantine an’s Abendessenspachteln ging. Das hättest du sehen sollen, Mann! Wie die auseinanderspritzten, wenn ich abends auf ’nen halben Liter an die Bar stiefelte und die Typen alle in ihren pißfeinen Klamotten rumstanden und die Glubscher rotieren ließen, während ihre juwelenbehängten Tanten gackerten, wohl, damit ihre Macker merkten, daß sie noch nicht den Löffel abgegeben hatten.

Zum Kotzen, diese blutarme Bande der Lords & Ladys Sowieso: Bleich und debil dackelten sie durch die Gegend und schnallten nicht mal, daß sie schon tot waren. Tranken Tea und plauderten über Renditeobjekte, Abschreibungen und Poloturniere. Hach, Ädword, haben wir dieses entzückende Fräulein in dem entzückenden Kleid nicht schon auf der entzückenden Party bei den entzückenden Delacortes gesehen? Allmählich verging mir der Spaß. Die ausgemergelten Puten mit den dünnlippigen Mäulern und die entgleisten Gesichtszüge ihrer Macker brachten mir die Grausbirnen hoch.

Ich ging während des Dinners raus und kotzte in den Müllschlucker, was einen Goldbetreßten, den ich zuerst für den Diktator von Morsenbroich hielt (Maître de Plaisier nannten sie den, glaub’ ich), veranlaßte, zu mir rüberzutigern. Die Type winselte, ich hätt’ ja meine Garderobe beschmutzt, und ich möcht’ mich doch, bitteschön, hinlegen. Ich glotzte nach oben, durch die Panoramakuppel auf den Sternenbrei, aber das half auch nicht viel, der Kerl blieb stehen und nervte mich weiter. Natürlich hab’ ich gleich geschnallt, daß mich dieser unverschämte Gockel nur aus seinem beschissenen Schiffslokal raushaben wollte, aber ich war wirklich verdammt fertig. Ich kotzte ihm noch ’ne volle Ladung auf die Tressen und kroch in meine Kabine, wo ich hustend in die Poofe fiel und einpennte.

Am nächsten Morgen wurd’ ich auf’m Teppich wach, die Klamotten segelten durch die Kabine, und ich fühlte mich wie ’n Luftballon, dem allmählich die Luft ausgeht. Klarer Fall, Mann, wir hatten zum Hypersprung angesetzt. Ich hab’ ja keinen blassen Dunst von Raumfahrt, aber als ich kapierte, daß das noch ’ne Weile so weitergehen würde, brannte bei mir ’ne Sicherung durch, also kotzte ich nochmal die Wände voll.

’n Steward enterte mit grünem Gesicht meine Kabine, derweil ich mich nach oben verzog, um mir auf’m Panoramadeck den Hyperraum anzuschaun, aber kurz vor’m Lift riß mir irgendwas die Beine unter’m Arsch weg; die Wände tanzten ’nen adretten Walzer, und ich knallte mit der Birne auf den Boden. Irgendwo brüllte einer, dann war der Gang plötzlich voller Typen, die mich an Arsch & Kragen packten und in ’ne leere Kabine verfrachteten.

Als sie mich vor der Tür absetzten, sah ich zum erstenmal Terril. Er grinste krank und winkte. Ich grinste zurück und wankte in die Koje. Pennte wohl anschließend ’ne ganze Zeit. Als ich wach wurde, hatten die flotten Stewards meine Klamotten in die neue Kabine gebracht, mit Brief & Siegel vom Käptn: Lieber Mr. Thorn, Ihre alte Kabine ist zu sauig, als daß wir sie innerhalb von ’ner halben Stunde reinemachen könnten. Behalten Sie also diese Suite und lassen Sie den lieben Gott einen guten Mann sein. So in der Art, du kennst das ja.

Ich spülte mich ab, hüpfte in neue Klamotten und wollte grad ’n Neger abseilen gehn, als mir Terril über die Beine fiel. Er stand aufm Gang und sagte: »Hab’ heute abend ’ne kleine Feier in meiner Hütte. Hamse keinen Bock? Sind doch der einzige Passagier hier unten außer mir. Kommse doch einfach rüber. Der Lärm würd’ Sie sonst nur stören.«

Terrils Kabine war wirklich kosmisch: überall trübes Fummellicht, dazu geile Musik, die Plastikmacker nun mal brauchen, wenn sie ’ne Mieze aufs Kreuz legen wollen. Dazu gab’s Sektkübel und Salzstangen, Bier & Kippen, ganz wie bei Lord Schundnickel zu Hause.

Auf dem Sofa rekelte sich ’ne locker aussehende Tante, die für ’ne junggebliebene Type wie mich ziemlich alt war (mindestens dreißig). Sie hatte kaum was an, abgesehen von dem Lappen, der ihr vom Zwickel bis an die Titten reichte und ’ne Menge lockerer Fransen dran hatte.

Da war noch einer, Typ Jetpilot aus Leidenschaft, einer von denen, die nach’m zwanzigsten Semester Volkswirtschaft die Klamotten hinschmeißen und Pappi beerben; ein Jet-Set-Flop mit Arnold-Schwarzenegger-Figur, nach dem letzten Gammelschrei von Dior verkleidet, ein Neo-New Wavy der 90er mit blaugepunktetem Punk-Haarschopf, eine echte Null auf Beinen. Er fletschte die Beißer, um zu beweisen, daß er ’ne schöne Prothese hatte, und war hauptsächlich am Sektkübel anzutreffen, wohl, damit er nicht zuviel zu quatschen brauchte.

Die Tante sagte auch nicht viel, höchsten mal Uh und Oh und Ach was, ansonsten kicherte sie ziemlich viel, in ’ner Tonlage, die ihre Euter zittern ließ.

Terril sagte, sie wär Claryssa (mit Ypsilon), und als mir darauf nichts rechtes einfiel, meinte er, sie wär Claryssa Trent, der Tri Video-Star.

Ich hab’ mir nie was aus Filmen gemacht, zumindest nichts aus denen, die Hollywood so ausscheißt, aber es klingelte dann doch. Ich hatte sie mal in ’nem Streifen von Päule Platt ’ne verkannte Schriftstellerin mimen sehen (so vor zehn Jahren, weiß nich genau), dann trat sie im Werbeprogramm der Freddie-Lustig-Show auf (im Winter ’96, just als die Anderen vom Himmel schneiten) und wollte mir partout ’n Waschmittel andrehn, was natürlich zwecklos war, weil ich damals grad Notorius Norbert beim Zocken beschissen hatte und alle Hemden in die Mülltonne warf, sobald sie dreckig waren.

Dann tauchte noch ’ne Type auf, die mir schon beim Eintrittszähneblecken so sympathisch war wie ’ne Eiterbeule: Marvin Unger mit dem hellblonden Schopf, und ständig bemüht, den monatlichen 20.000-Kröten-Scheck seines Alten unters Volk zu bringen. War der erste Kerl (er hieß Gene Soames; eigentlich Eugene, aber das war ihm wohl nicht spritzig genug) schon öde, so war Unger ein zynischer Halunke, der sich dauernd auf kleiner Leute Kosten lustig machte und hauptsächlich über die Schwachköpfe wieherte, die ihm sein Schmarotzerdasein finanzierten. Er war auch gleich scharf auf die Kleine, schmiß sich neben sie aufs Sofa und begrabschte ihre Schenkel, wobei sie quiekte und gelegentlich Terril anstierte, ob er was dagegen hätte. Aber der sah gar nicht hin, sondern soff sich die Hucke voll und murmelte ab und zu was Idiotisches.

Da ich keine Ahnung hatte, wie die Beknackten reagieren würden, wenn ich mir auf der Stelle was einpfiff, erklärte ich, mal pinkeln zu müssen. Ich latschte raus und stolperte vor der Tür über ’ne Maid. »Ich glaube, du hast dich verirrt, Kleines«, sagte ich. »Das glaub’ ich wirklich.«

»Ist das für Sie ein theologisches Problem?« antwortete sie schnippisch. Sie sah ganz ordentlich aus, hatte lange Beine und ’n hübsches Blüschen an, unter dem stramme Klötze wippten. Und rote Haare, auf die ich abfahr, seit ich allein Pinkeln gehn kann.

»Hier is keine besetzte Kabine im Gang, außer denen von Terril und mir«, sagte ich.

»Das streitet niemand ab«, sagte sie.

Ich stierte sie wohl leicht bescheuert an. Sie bemerkte: »Mr. Terril hat mich für heute abend eingeladen.«

»Ach?« Das freute mich, und ich sagte es ihr gleich. Sie lief rot an, Mann, kaum zu glauben! »Hab’ ich Sie nich schon wo gesehen?« fragte ich.

»Hier auf dem Schiff vermutlich«, meinte sie. »Ich arbeite in der Bar.«

»Freut mich nich für Sie«, sagte ich ehrlich, denn wer will schon gern auf ’nem Spaceship ’n Tablett voller Biertassen rumschleppen, wenn einem der Hyperraum den Magen umstülpt? »Gehnse schon mal rein. Terril wird sich freuen. Sind auch noch ’n paar andere Gäste da.«

Sie zuckelte ab, mit dem Hintern wackelnd, dabei sah sie gar nicht so aus wie eine von denen, die damit ihr Studium finanzieren. Ich kam später ziemlich angetörnt in Terrils Bude zurück, fand die Tür verschlossen und drosch auf sie ein. Nach ’ner Weile erschien Soames, fickerig, mit kleinen Augen und ansatzweise feuchter Matte.

»Hamse ’n Bad genommen?« fragte ich. Er stierte mich nur bematscht an und grinste gequält, als wär ich der Letzte, den er erwartet hätte.

Terril hatte die Videowand aktiviert, und auf dem Bildschirm, der das einzige war, was ich in der Dunkelheit erkennen konnte, trieben’s gerad ’n Dutzend People ziemlich stürmisch. Die Tonpiste produzierte Geheule und Gestöhne, wobei die Ausdrücke Fester! Fester! Aaagghh! Uuuuuunngghh! noch die feinsten waren.

Irgendwo hechelte jemand. Ein anderer grunzte. Soames neben mir brabbelte vor sich hin und schwitzte. Terril war nirgendwo zu sehen. Später entdeckte ich ihn, auf’m Teppich hockend, die Schnapsbuddel am Hals, den Blick tranig, und die Rothaarige aus der Schiffsdestille saß brav auf seinem Schoß, während seine vorwitzigen Pfoten an ihr rumfummelten. Sie hatte ’n ziemlich roten Ofen, was ja auch kein Wunder war bei all den feinen Leuten in ihrer Umgebung. Sicher kam sie aus ’nem Dorf in Montana, wo sie sich noch mit Hustensaft antörnen, wenn sie mal ’ne Orgie mit Mann und Hund veranstalten.

Das Gekeuche stammte allerdings nicht nur von der Tonpiste, sondern es drang auch aus der Richtung von Terrils feudalem Plüschsofa, auf dem sich zwei Gestalten wälzten. Ab und zu tauchte ’n fleischiger Schenkel auf und warf ’nen Schatten auf den Bildschirm, dann kam Ungers klatschnasse Rübe hoch und ging wieder runter. Rübe rauf und Rübe runter. Schwitz, schwitz.

Ich knallte mir was von dem Schampus in die Kiste, glotzte auf den Streifen (Arthur, fick mich! FICK MICH! Auww! Rrrr), der mich nach ’ner Weile ziemlich abschlaffte, und wankte dann in Richtung Ausgang, um ’ne Prise Frischluft zu schnappen. Kaum hatte ich die Luke geöffnet, als mir was in die Arme fiel, was meine Pläne erst mal änderte.

Zuerst kamen Titten, massenhaft Titten, so hart, daß man Nüsse drauf knacken konnte.

»Na so was«, sagte ich, »wer bist’n du?« Die Schwester, die sich an mir vorbeischieben wollte, hatte ’n Fahrgestell wie die selige Sophia Loren in ihren besten Tagen, und ihr Blick war so rabenschwarz wie ihre Haut. Sie hatte nicht viel an, sah man von dem Fetzen Silberstoff ab, der sich um ihre Schenkel ringelte. »Neu hier?« fragte ich. Im Hintergrund ächzte die Tonpiste. Ja! Ja! Jetzt! Uuuungh!

»Du auch?« Ihre Stimme machte mich elektrisch. Tief, schwarz und sündig. »Keine Panik, alter Junge«, sagte ich laut. »Es ist noch früh am Abend.«

»Ist Terril da?« Sie klimperte mit den Wimpern. Der Bildschirm war sofort mit ’ner passenden Antwort zur Stelle. Sicher. Komm mal beim Papa an den Dynamo. Komm zum lieben Onkel. Grrr.

Terril sah abgeschlafft aus, als wir zu ihm rübertigerten. Offenbar hatte er die kleine Schwarze nicht mehr erwartet. Die Rothaarige verschoß Giftpfeile, als sie die Neue sah. Unger japste aufm Sofa. Soames hatte sich dünngemacht. Wahrscheinlich holte er sich in ’nem trüben Winkel einen von der Palme.

»Hullo, Jordana«, raspelte Terril lüstern und streckte die behaarten Greifer nach ihr aus. Die schwarze Maid kreischte und ließ sich in seine Arme fallen. Fuck it! Allerdings klaute sie ihm den Geldbeutel schneller als er ihre Titten begrabschen konnte. Die Rothaarige knallte gegen mein Knie (mit der Birne), ich fiel auf die Fresse und hatte plötzlich einen saftigen Oberschenkel in den Krallen.

»Pfoten weg!« zischte sie.

Unggghhh! Uunngggghhhh! keuchte die Tonpiste.

»Trinken wir einen zusammen?«

Tu’s doch! Ja, so! Grumpf! (Tonpiste)

»Okay.« Sie beruhigte sich, spuckte auf Terril, der mit der Schwarzen Jordana über’n Teppich rollte, und latschte mit mir zur Destille. Soames Augen waren klein wie die von ’nem Hermelinchen. Er war granatenbesoffen und wohl für ’ne Weile eingepennt. Ich hatte gleich geschnallt, daß er den Fusel den Weibern vorzog, aber plötzlich grabschte er nach den Titten der Rothaarigen.

»Nimm deine dreckigen Pfoten da weg, Eugene«, riet ich ihm freundlich, »sonst kannste dir morgen die Visage liften lassen.«

»Stunk machen, wie?« lallte der Flop. »Schnauze vollkriegen, was?«

Ich trat ihm vor’s Schienbein. Er fiel auf ’n Arsch und nahm ’n paar Flaschen mit. Die Filmklunte kroch sturzbetrunken über den Perser. Auf Terril zu, der noch immer mit der Schwarzen Jordana über den Boden robbte. Klammerte sich an seinen Ärmel und winselte: »Sag deiner lieben Claryssa, daß du ihr nicht böse bist, ja? Oh, ich war schlecht und hab’ Strafe verdient. Schlag mich; bitte, bitte, schlag mich!«

Terril grunzte, holte aus und haute ihr auf die Nase. Claryssa quiekte wie ’n Ferkel. In was für eine kranke Gesellschaft war ich da reingeraten? Jordana kreischte mal wieder, als Terril ihr an die Wäsche ging. Unger stand schwankend auf, griff nach seiner Hose und schmiß dabei ’ne Funzel um, die sofort erlosch. »Jetzt mach’ ich dich kalt, Roger!« brüllte er, mit Schaum vorm Maul. »Ich mach’ dich kapuutt!«

Da riß der Film. Oder die Birne war im Arsch, was weiß ich. Jedenfalls wars plötzlich duster wie in ’nem Schwarzen Loch. Jemand stöhnte gräßlich. Etwas knallte gegen meinen rechten Arm und warf mich aus den Latschen. ’n Barhocker krachte mir gegen die Eier. Ich stolperte im Dunkeln gegen jemand, der wohl gerad übern Teppich kroch.

Als die Funzel wieder anging, waren meine Pfoten naß von Blut. Terril lag in ’ner Lache und hatte sich im Teppich verbissen. Es sah verdammt so aus, als hätte jemand versucht, ihm während des kurzen Blackouts die Rübe abzuschneiden.

Sah zum Kotzen aus, Mann, wirklich zum Kotzen.

 

Die Schwarze Jordana fing gleich mordsmäßig an zu kreischen. Soames starrte wie ’n Schwachbegabter auf die Klinge, die vor seinen Füßen lag. Unger hielt sich die Hand vors Maul. Die rothaarige Barmaid würgte und schluckte.

»Nur die Ruhe, Kinderchen«, sagte ich. »Wer von euch wars?«

Unger machte: »Hä?«

Soames meinte: »Uh?«

Die Tanten gafften. Ich mußte der Schwarzen Jordana eins hinter die Löffel geben, damit sie die Kreischplatte abstellte. Claryssa sagte nichts, weils schwer ist zu reden, wenn man in Ohnmacht liegt. Sie hatte sich aber cool genug hinfallen lassen, um ihren nackten Arsch zu zeigen. Ein Griff, ein Kniff. Empört quiekte sie. »Pack mich nicht an, du Schwein!«

»Alles im Lot?« fragte ich. »War wohl keine besonders tiefe Ohnmacht, wie?« Sie stierte wild.

»Was haste da eben von dir gegeben?« fuhr Unger mich an. »Wers von uns getan hat? Dir hamse wohl bei der Geburt vergessen, das Gehirn mitzugeben, du dreckiger Gammler.«

Ich fragte freundlich: »Was macht das Messer vor deinen Schuhen, Eugene?«

Soames’ Augen quollen aus den Höhlen. »Messer?« gurgelte er. »Schuhe? Vor meinen?« Er schien den Katzendolch erst jetzt zu sehen, hüpfte wie ’n Schrat davon und keifte: »Ich war’s nicht! Ich war’s nicht!«

»Natürlich nicht«, zischte Unger. Er stemmte die Arme in die Hüften. »Ich war’s nicht, Pappi, der war’s.« Er hob drohend die Fäuste. »Du willst doch wohl nicht behaupten, daß ich es war, du Saftsack?«

»Keine Vornamen«, sagte ich warnend. »Daß ich es nicht war, weiß ich. Daß die Tanten es nicht waren, kann man annehmen. Claryssa lag aufm Boden, viel zu weit weg von Terril. Die Barmaid …«

»Ich heiße Margarete«, sagte sie.

»… die kleine Maggy stand neben mir.« Ich verschickte ’n lauernden Blick. »Wer bleibt da noch übrig?«

Unger ließ die Pfoten mit ’ner ziemlich müden Bewegung sinken. »So kommen wir nicht weiter«, meinte er. »Gehen wir doch mal andersrum vor – wer hatte ’n verdammten Grund, Terril allezumachen?«

»Ja, wer?« unkte Soames. Reckte die Hühnerbrust. »Ich bestimmt nicht.«

»Meint ihr etwas ich?« fragte die Schwarze Jordana wütend. »Ich verbitte mir …«

Ich kletterte auf ’n Hocker. »Holen wir den Käptn – oder machen wirs unter uns aus? Noch sind wir alle da. Wenn wir die Sache an die große Glocke hängen, stehen wir alle unter Verdacht, werden eingebuchtet und auf Centauri Vier den Cops übergeben. Die Bullen auf der Erde sind schon schlimm genug, und ich hab’ keine Lust, von den Anderen vielleicht zu Müllkompost verarbeitet zu werden.« Ich guckte Unger an. »Hast du nicht was wie Ich mach dich alle gebrüllt, bevor die Leuchte abschmierte?«

Unger schwitzte. (Keuch, keuch.) Klar, hatte er, gab er auch zu. Aber doch nicht im Ernst, nur so zum Spaß, Mann, nur so zum Spaß!

Hatte Terril der lieben Claryssa nicht auf die Nase gehauen? Sie madig gemacht? (Hatte er.) Aber das gehört zu seinem Charakter. Tat er oft. Nur so. Aus Veranlagung.

»Ich steh’ hier wohl nicht zur Debatte«, flötete die Schwarze Jordana mit wogenden Möpsen. »Hatte gar kein Motiv. Im Gegenteil …«

Ein Blick auf Terrils offene Hose verriet mir, warum. Offenbar hatte er sie grad nageln wollen. Auf’m Teppich?

Und die Rote Maggy? Hatte neben mir gestanden, war mein Alibi, so wie ich das ihre war. Vor Soames’ Tretern hatte das Messer gelegen. Aber hätte er es nach der Abmurkserei nicht fortgeworfen?

»Hätte ich glatt«, bestätigte Soames grinsend und kriegte wieder Oberwasser. »Ich bin doch nicht bematscht und leg’s mir vor die Füße.«

Aber mal angenommen, der Schlitzer hatte es durch die Kabine geschleudert, einfach so, ohne bestimmtes Ziel, nur weit weg von sich. Und anschließend hatte er sich von der Leiche entfernt, um nicht erwischt zu werden, wenn die Laterne wieder anging. Und hatte plötzlich – kann ja passieren, wenn’s zappenduster ist – genau vor dem Messer gestanden, was den verdammten Verdacht doch wieder auf ihn lenkte …

Soames wurde weiß wie mein Gewissen. Unger feixte.

»Kommen wir doch mal zu dir«, sagte Soames und zeigte auf meinen Bauch. »Wer bist’n du überhaupt? Wer kennt dich hier? Wir haben dich nie gesehen. Wer sagt denn, daß du ’n Zeugen hast, der dich an der Bar gesehen hat?«

»Du selbst hast’s gesehen, Eugene«, erinnerte ich. »Oder willste mir einen reinwürgen?«

»N-nein. Aber du hattest im Dunkeln die gleiche Gelegenheit wie alle.«

»Ich habe Mr. Thorn neben mir stehen gesehen«, sagte Maggy rasch.

»Ach ja?« höhnte Unger.

»Und ich hab’ ihn gefühlt«, log sie. »Ich brauch’ wohl nicht deutlicher zu werden, oder?«

Interessant, wie die Bastarde in dieser beschissenen Lage noch feixen konnten.

»So kommen wir nicht weiter«, sagte die süße Jordana. »Wir holen besser den Käptn.«

Ein Schlüpfer flog ihr an die Rübe, aus schwarzem Nylon, mit Spitzenbesatz. »Das wirst du nicht tun, du elende Nutte«, kreischte Claryssa. »Das ruiniert meine Karriere! Ich soll einen Filmvertrag auf Centauri Vier unterschreiben. Ich bin erledigt, wenn ich in die Sache reingezogen werde. Ich mach’ nicht mehr mit!« Warf sich in die Kissen, reckte den nackten Hintern und schluchzte, daß es einem in den Lauschern klingelte.

»Noch jemand mit ’nem Filmvertrag in diesem Theater?« fragte ich leutselig.

Unger nickte. »Kann keine Unannehmlichkeiten gebrauchen. Mein Alter hält mich knapp. Wenn das an die Glocke kommt, kann ich in die Fremdenlegion gehn oder gleich auf Centauri bleiben.«

»Soames?«

»Hab’ nichts zu befürchten. Von mir aus könnense sogar Ede Zimmermann informieren.« Er sah wütend aus, schien sich von allen verdächtigt zu fühlen. Paranoid, aber lieb. Ein Mörder? Keiner mit Vorbedacht. Wer war schon so irre und jagte einen übern Jordan, wenn vier oder fünf Zeugen in der Nähe waren?

»Vielleicht wars keiner von uns«, faselte Soames. »Wenn nun jemand heimlich hier reingekommen ist …«

Jemand wieherte höhnisch.

»Auf die Nase hat er mich gehaun«, winselte Claryssa. Sie stand auf, hob ihren Slip und zog ihn an. Ich sah interessiert zu.

»Ein Motiv ist das wohl nicht«, ließ sich Jordana vernehmen. »Ebensowenig wie Ungers Gebrüll.«

»Tja …« Ich massierte mir das Kinn, wie immer, wenn mir nix einfallen will und ich vorhab’, trotzdem helle zu wirken. »Ich weiß nich mehr weiter. Muß ich zugeben.«

»Holen wir nun den Käptn?« fragte Soames.

»Mein Film!« zeterte Claryssa.

»Sie werfen mich raus«, flüsterte Maggy.

Ich hatte eigentlich auch nicht vor, meine Tantiemen in einem außerirdischen Knast zu verbraten. »Irgendwelche Vorschläge?«

»Wir schmeißen ihn in den Müllschlucker«, sagte die Filmklunte. Ihre Augen glitzerten wie falsche Klunker. »Keiner weiß was von unserer Party heute abend. Wir schmeißen ihn in den Müllschlucker und sind alle Sorgen los. Der ganze Scheiß wird zerkleinert und in den Raum geblasen.«

»Bist du eigentlich bescheuert, du Hurenmensch?« fauchte Soames. »Das ist doch nicht dein Ernst?«

Alle quasselten durcheinander. Mich nervte der Speed, und ich drückte jedem erstmal ’ne Flasche in die Pfoten.

Hatte ich was zu verlieren? Ich war in dem Alter, wo einem die Haare ausfallen, meine Knochen knackten manchmal schaurig, und die Schuhbänder wollten auch immer schwerer zugehn. Auf meine alten Tage im Kasten? Lebenslänglich – vielleicht wegen Beihilfe? Wenn sie den echten Schlitzer nicht fanden – und den fanden sie nicht, wenn alle stur behaupteten, nichts geschnallt zu haben –, würden die Cops zwar niemand wegen Mord, aber vielleicht alle wegen Beihilfe verknacken. Wenn man uns an die Erde auslieferte. Kein Arsch wußte, wie die Anderen auf Mord reagierten.

»Jemand dagegen, daß wir ihn auf’n Müll werfen?« fragte ich.

Claryssa sagte: »Nein.«

Unger sagte: »Nein.«

Jordana wackelte mit der Rübe. Soames winselte: »Ich schließe mich der Mehrheit an. Aber privat bin ich dagegen.«

Unger packte seine Krawatte. »Hör zu, du Hühnerficker, entweder alle für die Halde oder keiner! Denk an deine Zukunft, Mann! Besser ein Leben lang ein schlechtes Gewissen als unschuldig eingebuchtet.«

»Urg«, meinte Soames. »Jetzt fehlte nur noch die Barmaid.«

Sie war weiß wie ’n Leichentuch, als müßte sie selbst den Müllschlucker füttern, aber sie nickte und sagte: »Tut es. Es geht mir nicht ums Gefeuertwerden. Wenn erst mal rauskommt, an was für ’ner Veranstaltung ich teilgenommen hab’, bringt mein Alter mich um.«

So taten wir’s dann. Schleppten den mausetoten Terril auf’n Gang, pirschten zum Müllschlucker an der Ecke, öffneten die Klappe und warfen ihn rein. Es polterte, dann ein Gurgeln, dann Stille. Danach machten wir die Kabine reine.

Was würdest du tun, Mann, in so ’ner Lage? Zur Jungfrau Maria beten?

 

Die Schiffsmacker schnallten erst am nächsten Abend, daß mit Terril was nicht stimmte. Der Steward, der ihm die Fressalien bringen wollte, rauschte am Morgen wieder ab, weil er glaubte, Terril futtere heute im Speisesaal. Mittags stand er mit seinen Terrinen wieder vor der Tür und machte ’n blödes Gesicht. Beim Abendfraß war wieder kein Terril da. Und irgendwie sprach sich das rum.

Ein Goldbetreßter machte mich an. Wollte wissen, wo Terril steckte.

»Keine blasse Ahnung, Admiral«, sagte ich. »Weiß nich, wo er sich rumtreibt.« Was die Wahrheit war, weil seine Moleküle irgendwo zwischen Erde und Centauri im All verteilt waren und wir die Stelle eh nie wiederfinden würden.

»Mr. Terril ist heute noch nirgendwo gesehen worden«, meinte der Admiral. »Sehr mysteriös, meinen Sie nicht auch?«

»Sehr mysteriös, in der Tat.«

»Nun ja, er wird schon wieder auftauchen. Es ist ja bekannt, daß Mr. Terril zum Herumtreiben neigt. Unser Raumschiff ist schließlich keine Apollo-Kapsel, ha, ha.«

»Wie wahr, guter Mann, wie wahr!«

Er haute wieder ab. Ich stand auf’m Gang und starrte Terrils Kabinentür an, als was Blaugepunktetes an der Wand entlangsauste.

»He«, machte ich.

Der Andere blieb vor der Klappe des Müllschluckers stehen und leckte mit seiner rosa Zunge einen dunklen Spritzer von den Scharnieren. Mir wurde übel. Terrils Blut.

»Hamse Ahnung von Bestattungsbräuchen?« fragte der Andere knarrend.

»Nee, ich war noch nich tot.« Ich ging auf ihn zu. Wußte der Kerl was? Und wieso trieb er sich auf diesem Raumschiff rum? Immerhin wars ’n irdischer Liner. »Kennse Lugurgels Bruder?«

»Wir sind alle Brüder. Mal mehr, mal weniger.«

»Der vernünftigste Satz seit der Abschaffung des Stummfilms.«

Der Andere kniff die Augen zusammen und wedelte mit seinem Stützschwanz. »Sie wissen, wo’s langgeht, was? Haben Sie die Leiche in den Müllschlucker geworfen?«

Allmächtiger! dachte ich. Er weiß es! Ich wackelte mit der Birne. »Bin für Bestattungen nicht zuständig. Was für ’ne Leiche?«

»Glatte Verschwendung«, meinte der Andere. »So viele Spurenelemente.«

»Den Leuten gehts eben zu gut«, nickte ich. Mir wurde heiß. Was nun? »Äh, was habense denn vor?«

»Vorhaben? Nichts. Was soll ich vorhaben?«

»Keine Ahnung. Hätte ja sein können, oder?«

»Klar.«

Ich drehte mich um. »Soll ich Lugurgel grüßen?«

»Nette Idee.« Der Andere kratzte sich am Hintern. »Wir können später zusammen einen heben.«

»Sicher.« Nichts wie ab. Ich stiefelte zu Claryssas Kabine. Irgendwie war mir doch mulmig zumute. Würde der Andere wirklich dichthalten? Obwohl – keine Sau konnte in die Müllfresser reinschauen. Vielleicht konnte ich was über meine Komplizen rauskriegen. Einer von ihnen war der Schlitzer, aber wer?

An ’ner Anzeigetafel stand was von ’nem Hypersturm, aber ich kümmerte mich nicht darum, das war Sache des Käptns. Ich hatte andere Sorgen.

Wir hatten ausgemacht, uns gegenseitig nicht anzuquatschen und so zu tun, als hätten wir unsere Visagen nie gesehen. Also pirschte ich stundenlang hinter Claryssa her, bis die Dunkelperiode begann und ich sie allein auf dem Panoramadeck erwischte, wo sie mit schlotternden Knochen eine Kippe paffte. Wir waren wieder im Hyperraum, und ich fühlte mich wie ’ne Aufziehpuppe mit verrostetem Laufwerk.

»Thorn?« keuchte sie.

»Angst, Kleine? Grund dazu?«

Sie lachte hohl. »Haben wir das nicht alle? Es wäre gräßlich, wenn die Sache rauskäme. Ich wäre ruiniert.«

Ich dachte an den Anderen, aber ich verriet ihr nichts. »Gehen wir in meine Kabine?« fragte ich. »Es ist kühl hier.« Sie war ziemlich geil, aber sie plapperte nix aus. Ich kroch hinterher – so gegen Fünf in der Früh – auf allen Vieren ins Bad und säbelte mir beim Rasieren fast ein Ohr ab. Sie kam mir nach und betatschte das, was von mir nach der Nacht übriggeblieben war.

»Um Himmels willen, nicht«, japste ich.

»Glaubst du immer noch, daß ich es war?« Sie küßte mich auf die Schulter.

»Keine Ahnung.«

»Terril war ’n Schwein«, sagte sie. »Und pervers. Ein Spanner. Zusehn und so. Kriegte ihn nicht mehr hoch. Ich hätte mich nie mit ihm eingelassen, wenn er nicht der Produzent meines übernächsten Films gewesen wäre. Ich hatte keinen Grund, ihn umzubringen.«

Ich sah sie an. »Nein?«

»Ich bin einundvierzig, Junge. Große Chancen hat da keiner mehr. Kein Filmstar und kein Mann vom Fließband. Auf Centauri könnte ich es noch mal schaffen. Die Anderen sind ganz wild auf irdische Künstler. Ich wäre ja irre, hätte ich mir diese Chance selbst versaut.«

Leuchtete mir ein. Aber sie war ’ne Zelluloidtante, und deren Job ist’s nun mal, gekonnt auf die Tränendrüse zu drücken.

Der Hyperraum machte sich jetzt deutlich bemerkbar – jemand schien meinen Bauchnabel aufziehen zu wollen. Das Schiff schaukelte leicht. Ich ließ das Dinner ausfallen. Fegte in die Bunker, die Soames und Unger belegt hatten. Unger spielte mit ’n paar millionenschweren Schmarotzern Shuffleboard. Also wieselte ich in seine Kabine und filzte seine Sachen.

Was fand ich? ’n Dutzend Ausweise der verschiedensten Tennis- und Jachtgeheimgesellschaften aus der ganzen Welt. Und ’nen Brief von seinem Alten, in dem drinstand, daß sich Söhnchen nun aber wirklich bald um ’nen Job kümmern müsse. Die Antwort hatte Unger nicht abgeschickt. Jedenfalls beschwor er seinen Alten, ihm noch die Doktorarbeit zu finanzieren.

Egal, welches Studium der gerissene Hund seinem Alten vorschwindelte: die Höhe der Kosten seiner geplanten Doktorarbeit konnte nur bedeuten, daß er sich ’n akademischen Grad von ’nem Titelhändler kaufen wollte.

Als ich weitersuchte, stieß ich auf ’n zweites Schreiben. Ging auch um Geld. Der Text war der gleiche, nur die Summe war doppelt so hoch. Bei mir klingelten sämtliche Glocken. Dieser Schrieb war vor Terrils Tod gedichtet worden, wie ich am Datum sah, der andere danach. Hatte das was zu bedeuten? Oder hatte Unger nur Muffensausen vor der eigenen Frechheit bekommen? Jedenfalls steckte ich den Wisch ein.

Soames haute gerade ab, als ich an seiner Kabine vorbeikam. Er hatte ’n ganzen Schrank voll ziemlich unmännlicher Wäsche. Also war seine Tittengrapscherei nur ’ne Masche gewesen. Und das Motiv, das ich ihm im stillen untergejubelt hatte – heimliche Eifersucht wegen der Schwarzen Jordana – fiel flach.

In der Destille stand Maggy hinterm Tresen. Sie gab mir mit ’nem ziemlich wütenden Blick zu verstehen, daß ich Mücke machen sollte. Ein schwarzgelockter Gigolo im Stewarddreß musterte mich giftig. »Dein Alter?«

»Yeah«, zischte sie. »Hau ab! Er wird irre, wenn einer mit mir quatscht.«

»Was wolltest du von Terril?« fragte ich rotzfrech. »Nur Fleisch vorzeigen?«

»Zieh Leine.«

»Red schon. Oder willste deinen Alten noch giftiger machen?«

»Terril hat mir Geld gegeben.«

»Ach! Viel?«

»Tausend Dollar.«

Potz Galaxis!

»Für ’ne bestimmte Tätigkeit?«

Ihr Blick sprach Bände.

»Horizontal?« knetete ich weiter.

»Von allen Seiten.«

»Hör mal«, sagte ich und legte meine Hand auf ihre Fingerchen. »Er hat dir so mir-nichts-dir-nichts für ’ne Rammelei tausend Bucks angedient?«

»Er war impotent, Voyeur, verstehste?« Dann: »Es ging um Filme. Pornos.«

»Filme? Wollte er welche aufnehmen?«

Sie nickte, stellte aber die Platte ab, weil ihr Alter zähnefletschend auf uns zukam. Ich machte ’ne Fliege und ging zu Terrils Kabine; keine leichte Sache, denn der Boden war weich wie ’n Zweiminutenei. So hatte ich mir die Raumfahrt auch nicht vorgestellt.

Es gab sechs Kabinen auf dem Winzgang. Terrils Hütte lag in der Mitte. Wenn er hatte filmen wollen, dann von einer leeren Kabine aus. Sie waren verschlossen, aber kein Problem für mich.

Die Sache war klar: Da waren Kameras aufgebaut, die auch im Dunkeln aufnehmen konnten und deren Streifen abgelaufen waren. Jemand hatte winzige Löcher in die Kabinenwände gebohrt, gerad groß genug, daß die Objektive durchpaßten. Terril hatte alles clever getarnt, mit nylondünnen Schleiern, die vor den Wänden hingen, aber fein genug waren, um was auf den Filmen verewigen zu können.

Ich machte fast ’n Luftsprung. Wenn ich Schwein hatte, war alles drauf, und da Meister Terril eh im Finstern hatte aufnehmen wollen (mit Infrarot oder so was), mußte es allerhand zu gaffen geben. Ich schaltete TiVi und Videorecorder ein und ließ die erste Kassette abschmieren.

’n Flop, ’n paar Weiber wälzten sich auf ’nem Riesenbett, röchelten und stöhnten (Sssslaash. Argh. Hmmm. Da, da, steck den Finger reinaaah!), und ab und zu sprang ’n lederverkleideter Sado wie ’n Eintänzer aus ’ner Fischbratküche über den Bildschirm und verteilte Hiebe mit ’ner Reitgerte. Eine der Tanten schien das ganz reizend zu finden, denn sie reckte ihren Achtersteven in die Höh’, zuckte wie ’n Hering aufm Trockenen (winselte Hau mich, Pappi, hau mich, huuhuu!), und kam sich ganz schön verdorben vor.

Schmiß die Kassette zur Seite und griff nach ’ner neuen.

Ich kippte fast aus den Latschen. Unger! Stand der Kerl doch über ’nem Fratz, der wohl grad erst in die Pubertät geschlüpft war.

Weißt du, Mann, ich bin ja einiges gewöhnt, hatte ja selber ’nen Fernseher in meiner Bude stehn, aber was der da trieb, hätte ihm ohne weiteres ’n paar Jährchen in ’ner Wohngemeinschaft mit täglichem Frühsport und Blechnapfverpflegung eingebracht.

Dann kam noch ’ne Tante mit Riesenballons dazu, gefolgt von ’nem Pomadenjüngling, der daherdackelte, als hätte er ’n Riesengewicht zu schleppen. Was auch stimmte, wie mir beim genauen Hinsehen klar wurde. Unger nagelte die Tante, und nahm sich dann den Pomadigen vor, während die Tante dem Fratz ans Leder ging.

Nachdenklich griff ich nach Ungers Schrieb und las ihn im Flackern des TiVis: Lieber Pappi, um akademisch zu werden, brauch’ ich noch ’n paar Kröten & wär dir verdammt dankbar, wenn du deinen Arsch in die Höhe liftest und 50.000 Mäuse ausscheißt, da ich vorm Einflattern des Pulvers nimmernich Onkel Doktor geheißen werd. Gruß & Kuß – Dein Julius. Weiß nicht, ob der Text genau hinhaut, Mann, aber der Inhalt stimmt schon. Und mit Brief Nr. 2 hatte der Bastard nur 25.000 Kröten verlangt. Und der wurde nach Terrils Abgang gedichtet. Und Terril besaß ’n Streifen, den Old Unger besser nicht zu sehen bekam, alldieweil er sonst seinem sauberen Sprößling den Geldhahn zugedreht hätte.

Unger hatte also ’n verdammt guten Grund, Terril ’n Kopf kürzer zu machen. Erpressung? Das paßte zu der Bande. Ich stoppte (Keuch, keuch, keu), langte nach der Kassette, die noch in der Videokamera steckte, schob sie in den Recorder und schaltete ein.

Alles easy, dachte ich. Sah mich eintreten, mit ’nem ausgesprochen blöden Gesichtsausdruck, und dann flimmerten auch schon Terril, Claryssa, Unger, Soames und die anderen Figuren über den Bildschirm. War ganz schön spaßig, die ganze Scheiße nochmal zu erleben. Endlich kam der Streifen zu den wichtigen Stellen.

Terril und die Schwarze Jordana wirbelten über den Teppich. Claryssa rollte dazu und bettelte um Hiebe. Ich trat Soames vors Bein; er kippte um und zertrümmerte ’n paar Pullen Fusel. Maggy an meiner Seite grinste idiotisch. Dann schmiß Unger die Laterne um. Es wurde kurz finster, dann war alles wieder klar, sah man von ’nem leicht rötlichen Schimmer ab, der wohl von der Infrabeleuchtung stammte. Wir anderen standen blöd & blind in der Gegend rum, während Unger plötzlich ’n Messer rausholte, auf Terril zusprang und an seinem Hals rumsäbelte. Gleich drauf warf er Soames den Dolch vor die Treter und machte sich aus dem Staub.

Ich schaltete den Streifen ab, spulte zurück und steckte mir die Cassette unters Hemd. Ich war ganz schön fickerig, Mann, und grad wollte ich raus auf’n Gang latschen und Unger eins hinter die Löffel geben, als mich ein Pferd trat und ich gegen die Wand knallte.

Beim Arsch des Propheten! dachte ich, was is’n das? Sah niemand. Wollte schon nach der Kavallerie brüllen, als die Kabine plötzlich den Drehwurm kriegte und mordsmäßig zu rotieren anfing. Das Licht war grün und sah leicht angeschimmelt aus. Ich segelte hin und her und holte mir ’n paar blaue Flecke. Irgendwo kreischte ’ne Sirene. Der Boden bockte. Auf und ab. Mir wurde speiübel, und ich kotzte, wo ich lag. Dann ’n neuer Stoß. Schlug mit der Birne irgendwo gegen und sah ’n Haufen Sterne. Noch ’ne Sirene. Kreischen. Schreie. Flüche.

Der gottverdammte Hypersturm! Er nahm das Schiff auseinander! Ich kriegte Muffe, hatte absolut keine Lust, hier unten im Schiffsbauch wie ’ne Laus zerquetscht zu werden. Ich riß mit letzter Kraft die Luke auf und torkelte auf’n Gang. Hier war das Schlingern noch wilder. Es herrschte ’n Höllenlärm. Ich wetzte zur Nottreppe und stieg zum Hauptdeck hoch, wo sich die Beiboote befanden. Die ganze Bande schien auszuflippen. Überall rannten quiekende Tanten rum, einige ohne Perücke und mit lackiertem Kahlkopf, blökten nach ihren Mackern, die aber was besseres zu tun hatten, als sich um ihre angetrauten Leichname zu kümmern.

Ich sah mir das Theater ’ne Weile an und versuchte ’n paar bekannte Visagen rauszupicken, was aber für die Katz war, da niemand daran gedacht hatte, die Schminke anzukleben, und jeder wie’n Waldschrat aussah. ’n Haufen Typen wimmelten in der Nähe der Katapulte rum und nervten den Käptn, der mit ’n paar Sternmatrosen Ordnung in das Chaos bringen wollte. Ich packte mir ’n tittenwippende Klunte, die in Slip & Straps an mir vorbeikreischte, verpaßte ihr ’ne saftige Ohrfeige und schüttelte sie hin und her.

»Was is’n los?« fragte ich. Sie starrte mich nur blöd an, begriff zuerst gar nicht, was ich überhaupt von ihr wollte, ächzte dann wie’n morscher Baum und lehnte sich an mich.

»Jetzt ist nicht der richtige Moment für Vertraulichkeiten«, klärte ich sie auf. »Was is’ passiert?«

»Hypersturm«, röchelte sie. »Maschinenschaden. Wir gehn kaputt. Ungh.« Dann: »Halt mich. Ich brauch’ was Starkes bei mir.«

Ich machte ’nen starken Abgang. ’n Steward verteilte Raumanzüge, orangerot, die zu seinem grünen Gesicht paßten, und ich schnappte mir einen, stieg hinein und wetzte weiter.

’n Goldbetreßter stolperte über meine Latschen, fiel aufs Maul, und von seiner Schulter sackte die nackte Claryssa. Der Kerl wollte sie wohl warmhalten in seiner Überlebenslinse. »Claryssa«, brüllte ich. »Haste Unger irgendwo gesehen?«

»Thorn«, würgte sie. Rechtzeitig hüpfte ich zur Seite, und sie kotzte in hohem Bogen ihren Retter voll. »Unger? Da hinten. Warum …«

Weiter. Verteilte ’n paar Hiebe, als ’ne Rotte gichtiger Knacker an meinen Raumanzug wollte, und die Figuren heulten Rotz & Wasser, setzten sich auf die Ärsche und suchten ihre falschen Zähne auf dem stampfenden Boden.

Noch immer Sirenen. »Keine Panik«, rülpste ’n Irrer aus den Lautsprechern. »Legen Sie die Überlebenslinsen an und springen Sie in die Raumanzüge. Unsere Notrufe werden sicher irgendwann bestätigt. Also, keine Panik!«

Ein Ruck riß mir die Beine unter’m Hintern weg. Ich haute mir die Nase blutig, rutschte wie’n Schlittenfahrer über’n Boden, prallte gegen jemand und kam zum Stillstand. Der Jemand war Maggy. Ihre Titten sprengten fast den Raumanzug. »Glotz nicht so lüstern«, fauchte sie. »Komm lieber ins Rettungsboot!«

»Keine Zeit«, winkte ich ab und spuckte ’n Spritzer Blut aus. »Wo ist Unger?«

Maggy tippte sich an die Stirn. »Biste krank? Was willste denn von dem? Komm end …«

»Wo ist Unger, verdammt?«

»Dahinten, bei den letzten Linsen, aber …«

Ich verpaßte ihr ’nen dicken Kuß, drückte sie zum Abschied auf die Hinterbacken und hätte wohl noch ’n paar Dinge mehr getan, aber sie riß sich los und verduftete. Ich stierte durch den Vorhang aus tanzenden Farben. Mir wurde wieder schlecht. Ich fror. Da war Unger.

Mit ’nem Satz raste ich los. Unger stand dicht bei den Rettungskapseln und drosch auf irgend ’ne Tante ein, neben der ich gern mal aufgewacht wäre. Klarer Fall, das Boot war die letzte unbesetzte Überlebenslinse. Unger war schon immer ’n Schwein gewesen.

Ich knallte ihm eine in die Fresse, daß er mit der Birne gegen die Wand knallte. Die Tante guckte mich an, und mir wurde ganz anders, dann war sie auch schon durch die Luke und legte sich auf das Polster der Linse. Summend glitt die Linse auf die Rampe und verschwand in der Katapultröhre.

»Thorn!« heulte Unger. »Du Bastard! Du Drecksack!« Und noch ’ne Reihe anderer Dinge, die er bestimmt nicht von seinem Alten gelernt hatte. »Ich schlag’ dich zu Brei«, tobte er. »Ich mach’ dich kaputt!«

»Wie Terril?« fragte ich.

Unger öffnete das Maul, sagte aber nichts.

»Jetzt biste aber platt, was?« höhnte ich.

»Du Aas«, raunzte er und sprang mich an. Ich kriegte ’n Tritt in die Eier, der mich ohne Raumanzug bestimmt entmannt hätte, klappte wie’n Taschenmesser zusammen und spürte, wie Unger auf mir rumtrampelte. Dann kriegte ich eins seiner Beine zu fassen, zog daran, und der Hund flog durch die Luft. Mir brummte der Schädel, und mir war kotzübel. Ich warf mich auf ihn und haute ihm eine, während ich ihm die Meinung geigte über seinen sauberen Charakter. Das machte ihn wieder munter. Er schüttelte mich ab, hatte plötzlich wieder ’n Küchenschwert in den Pfoten und fuchtelte damit rum. Er stieß zu, aber ich konnte seinen Arm erwischen, duckte mich und zog.

Mit lautem Kreischen segelte Unger über mich hinweg, und in sein Gekreische mischte sich ’n irrwitziges Heulen. Der Helm meines Raumanzugs klappte von allein zu. Schatten flogen durch die Gegend, und dann klaffte vor mir die Wand auseinander, als irgendwas das Schiff zerschnitt wie ’n saftiges Steak, und ich war’n Blutstropfen, der rauspurzelte, mit nur ’nem Raumanzug und drei Stunden Luft. Es wurde zappenduster, nirgendwo ein Mensch, nur kümmerliche Lichtflecke, und das Raumschiff zerbröselte wie ’n Brotkanten.

Yeah, es wurde richtig sonnig, als die Minuten verstrichen und sich kein Arsch blicken ließ, und ich holte mir das letzte Törnpiece aus meinem hohlen Weisheitszahn und dachte schon, jetzt isses Essig mit dem coolen Leben.

 

Und dann, Mann, tauchte plötzlich dein Schiff auf, und ruckzuck hast du mich an Bord geholt, aber ich schwöre dir, es ist das erstemal, daß ich blaugepunktete Puppen seh und dazu so viele auf einem Haufen, und am Anfang dachte ich glatt, ich spinne, weil ich euch Müllfreaks so was nie zugetraut hätte.

Und jetzt wirst du wohl auch verstehen, Mann, warum ich die ganze beschissene Zeit im Kosmos diese verdammte Videocassette unter’m Raumanzug getragen hab’ und nicht wollte, daß sie verlorengeht.

Ist schließlich ’n Andenken an meine erste Weltraumfahrt mit feinen Leuten.