Lichtjahreweit
Die westliche Zivilisation – die Zivilisation, in der wir leben, die uns geformt und geprägt hat und eher bereit zu sein scheint, den ganzen Globus in die Luft zu sprengen, als uns aus ihrer Umarmung zu entlassen – diese Zivilisation ist von einer eigentümlichen fixen Idee besessen: Alles, was technisch machbar ist und sich vermarkten läßt, wird entwickelt, produziert, verkauft und fortentwickelt. Gleichgültig, ob es sich bei dem Produkt nun um Niespulver aus krebserzeugenden Chemikalien, elektrische Fischentgräter oder Atomkraftwerke handelt. Die sozialen, politischen oder volkswirtschaftlichen Folgen eines Produkts oder einer neuen Technologie – und seien sie auch so verheerend wie die Contergan-Katastrophe oder das Waldsterben – werden stillschweigend hingenommen oder gar als unvermeidlich, quasi schicksalhaft akzeptiert. Nun hat die Gehirnforschung im Lauf der letzten Jahre Techniken entwickelt, bestimmte Gehirnzentren – wie das Lustzentrum – direkt zu reizen; andere Bewußtseinsmanipulateure bedienen sich des Umwegs über die Sinnesorgane, um Veränderungen der Gehirnströme und als Endziel Halluzinationen, Illusionen zu erzeugen – Stichworte sind Bio-Feedback, Fourier-Analysator und Brainscreening. Daß heutzutage die Illusionstechnologie noch in den Kinderschuhen steckt, ist kein Beweis dafür, daß es immer so bleiben wird; im Gegenteil. Früher oder später – und die meisten von uns werden es noch erleben – wird es physiologisch unschädliche Methoden der Bewußtseinsveränderung bis hin zur völlig real wirkenden Illusion geben. Sobald dies technisch machbar ist, wird die Illusionstechnologie ebenso vermarktet werden wie Hamburger, Homecomputer oder schwermetallhaltiger Kopfsalat. Wir sollten uns auf diese Dinge einstellen – besonders jene, die kreativ genug sind, Illusionen zu erdenken, um sie an ihre weniger phantasievollen Mitmenschen zu verkaufen, damit es ihnen nicht so ergeht wie dem Sensi-Schöpfer Andreas Bylla in der nachfolgenden Erzählung …
Dieses Zittern …
Andy Beh stand vor dem Waschbecken, vermied den Blick in den Spiegel, dieses gewalttätige Fenster in die Wirklichkeit der Gegenwart, und starrte seine zitternden Hände an. Das Zittern irritierte ihn. Und da war noch die Übelkeit und der Geschmack nach Zigaretten und schalem Wein in seinem trockenen Mund, und dann übergab er sich auch schon in den Spülstein, während automatisch trübes Chlorwasser aus dem Wasserhahn rann.
KEIN TRINKWASSER! sagte die Emailleschrift über dem Spülstein, unter dem Spiegel. Nein, nicht hier oben, nicht für ihn.
Andy Behs Herz raste währenddessen, zitterte im Takt seiner Hände, und ihm wurde schwarz vor Augen, so daß er sich am Waschbecken festhalten mußte.
Teufel, Teufel, dachte Andy.
Das Fenster war geöffnet und außer dem grauen Julilicht drangen Vogelrufe und das Gesumme des elektrischen Rasenmähers in das Zimmer.
Teufel, Teufel! dachte Andy wieder. Er wusch sein Gesicht, und Tropfen fingen sich in den frischen Bartstoppeln, und seine Augen brannten, als sie mit dem Wasser in Berührung kamen: Chlor und Herbizide und Henkels Gruß an die Donau … Muß ich mir das bieten lassen? dachte Andy Beh. Wer bin ich denn überhaupt, daß ich mir das bieten lassen muß? Sein Zorn stieg wie jeden Morgen, wenn er sich in diesem Zustand befand, und er nahm sich sogar die Zeit, ans Fenster zu wanken und hinauszuäugen und auf den Gärtner zu spucken, der auf dem Sitz des Elektromähers hockte, über den Rasen kurvte und krumme Linien in den grünen Teppich fräste.
»Was soll eigentlich dieser Scheißlärm?« schrie Andy dem Gärtner zu. »Ich habe ein verdammtes Recht auf meine Ruhe, hören Sie, und ich lasse mich nicht so behandeln, vor allem nicht von Ihnen, damit das mal klargestellt ist. Von Ihnen auf keinen Fall!«
Der Gärtner lachte und winkte und warf das Steuer herum, daß der Elektromäher fast auf die Seite stürzte, und setzte dann an zum Endspurt, der ihn bis weit nach hinten zu der einsamen Ulme vor der Betonmauer tragen würde, ein Elektrojockey, der beim Rennen Gras vertilgte … Andy Beh schmetterte das Fenster zu. Das Summen wurde leiser, aber es verstummte nicht ganz, und Andys Herz klopfte noch immer heftig in seiner Brust. Hinzu gesellte sich der Durst, diese Wüstentrockenheit, die ihn schwindeln ließ, und er schwor sich, heute nur – nun ja – höchstens bis zum frühen Nachmittag zu trinken und um fünf die letzte Flasche zu leeren und dann schlafen zu gehen, um …
Unter ihm klopfte es.
Ein Stock schlug ungeduldig gegen den Boden, und den Stock hielt Eugen Friedrich Langedanz in der Hand, der schicke Eugen von Pforzheim-Süd, dem die Gicht in den Rücken und in die Hoden gefahren war, dem Schrecken aller Jet-Set-Partys der Goldenen Achtziger, der auf den Frühlingsbällen des Bundeskanzlers das Marihuana salonfähig gemacht hatte – der Kanzler und der Außenminister stoned in Langedanz’ aufblasbarem Separee, und all die unsäglichen Dinge, die des Kanzlers Sekretärin erdulden mußte … Aber wen interessierte das heute schon – wer wußte schon, daß der schicke Eugen damals den Zuschlag bei der Ausschreibung der Laser-Stellungen um Bonn-Bad Godesberg erhalten hatte …
»Leck mich doch«, murmelte Andy. Mit pochendem Herzen und verklebten Gedanken stand er mitten im Zimmer und grübelte darüber nach, wo er gestern Nacht die halbvolle Wodkaflasche versteckt hatte. Unterm Bett? In der Kommode? Im Wandschrank?
Teufel, Teufel! dachte Andy wieder, und er war ganz erstaunt, wie treffend dieser spartanische Ausdruck seine Lage umschrieb. Aber natürlich nahm Eugen F. Langedanz keine Rücksicht darauf und klopfte ungeduldig weiter, und jetzt hörte er auch das zahnlose Gebrabbel des Greises, der wie jeden zweiten Tag seine Platinprothese verlegt hatte. Senil, senil …
In der Ecke, unter dem Plüschsofa, der kostbaren Antiquität, die er dem schicken Eugen nach einer besonders gelungenen Sensi-Schöpfung abgeschwatzt hatte, entdeckte Andy Beh ein Stück Flaschenhals, von einem vergoldeten Aluminiumverschluß gekrönt, und verständlicherweise gewann dadurch dieser Morgen unverzüglich an Qualität und veränderte sein graues, totes Sommergesicht.
Ob es Regen geben würde? Schwefelsauren Regen – natürlich …
Andy Beh gestattete sich ein höhnisches Lächeln, als er zum Plüschsofa schlurfte, sich bückte und die Flasche hervorzog. Eugen würde wieder Zeter und Mordio schreien und eimerweise Kalk in den Forellenteich kippen müssen, um die Säure zu neutralisieren und seine blaublütigen Fische vor einer verhängnisvollen Vergiftung zu retten. Aber natürlich war das nicht Andys Problem. Er hielt die Wodkaflasche wie eine Keule in der Hand, hob sie hoch und sah, daß er sich geirrt hatte und sie nur noch zu einem Viertel gefüllt war. Nachdenklich starrte er sie an und fragte sich, wohin das zweite, fehlende Viertel verschwunden war, denn er erinnerte sich nicht, es getrunken zu haben. Und wenn er sich nicht erinnerte, hatte er es auch nicht getrunken, denn auf sein Gedächtnis, das wußte Andy Beh, konnte er sich verlassen. Schließlich war er Sensi-Schöpfer. Ein berühmter Sensi-Schöpfer … Das heißt, er war einer gewesen, aber änderte dies etwas an seinen Qualitäten? Nur weil ihn JumpTV entlassen, weil ihn die gesamte Branche auf die Schwarze Liste gesetzt hatte?
Immerhin war er Künstler.
Tatsächlich.
»Sie widerlicher Schmarotzer«, drang fistelnd Eugen Friedrich Langedanz’ Stimme aus dem Lautsprecher über dem Bett. »Sie gottverdammter Säufer. Sie kommen jetzt runter, hören Sie? Sie kommen jetzt sofort runter, Bylla! Dies ist ein Befehl, und wenn Sie nicht kommen – wenn Sie jetzt nicht augenblicklich kommen – dann können Sie gehen. Ich schmeiße Sie raus, begreifen Sie? Ich werfe Sie dem Sozialen Arbeitsdienst zum Fraße vor, und man wird Sie in eine Entziehungsanstalt schaffen, und man wird Ihnen jeden Tropfen Alkohol aus dem Leib pressen, und dann können Sie Steine klopfen oder Bäume pflanzen, und dann ist es aus und vorbei mit dem schönen Leben, das ich Ihnen biete …«
Natürlich sagte Eugen noch mehr, und obwohl Andy wußte, daß der schicke Eugen, der milliardenschwere Friedrich, in dieser Stimmung seinen Drohung zweifelsohne wahrmachen würde, öffnete er zunächst die Wodkaflasche. Er trank einen großen Schluck, um die Blockade seiner Gedanken zu überwinden und die Maschinerie seines Körpers vom Rost zu befreien.
»… gebe ich Ihnen noch genau zwei Minuten, Bylla, und wenn Sie mir dann nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, lasse ich Sie aus meinem Haus entfernen, ich werfe Sie hinaus …«
»Halt’s Maul«, brummte Andy. Er verschloß die Flasche sorgfältig, schob sie unter das Plüschsofa, knöpfte sein Hemd zu, das allmählich Auflösungserscheinungen zeigte und nach Deo, Schweiß, Schnaps und einigen anderen, undefinierbaren Dingen roch, und plötzlich als hätte jemand einen Hebel umgelegt, war er wieder vollkommen klar, und die Betäubung in seinem Kopf machte einer schöpferischen Leichtigkeit Platz.
Andy war jetzt wieder ganz der Alte, Andreas Bylla, genannt Andy Beh, der begnadetste Sensi-Schöpfer der ganzen Republik, das Idol von Millionen Videonarren, das Aushängeschild von JumpTV und einem halben Dutzend anderer privater TV-Stationen, die Sensi-Filme produzierten und Licht in den grauen Alltag der Knopfdruckangestellten, Computertippsen und Mikroverfilmer brachten; der Mann, der ganze Welten mit seinen Gedanken erschuf, ein Gott in Multicolor und Supersensitivität …
Allerdings war das einige Jahre her.
»Künstler wird man nicht, Künstler ist man«, erklärte Andy, als er auf die Tür zusteuerte.
»Reden Sie keinen Unsinn«, wies ihn E.F. Langedanz zurecht, der Lange Dancer, wie man ihn früher genannt hatte, als er die Tausender aus der Hosentasche zog und Bier und Schampus für alle und sich die besten Weiber spendierte, ein Tycoon des Atomzeitalters, ein Enfant terrible der Bonner Schickeria, erst spät gereift zum Industriemagnaten und Aussperrer, gegen Ende der Neunziger Jahre das Ziel von Massendemonstrationen und Attentaten und damals noch der größte Steuerzahler der Republik. »Ich kann Sie hören, Bylla, und ich kenne Ihren verdorbenen Charakter, und die Zeit verrinnt. Ich bin ein geduldiger Mann, ich bin mildtätig sogar meinen Feinden gegenüber, und Sie zählen weiß Gott nicht zu meinen Freunden, aber selbst mein Sanftmut ist nicht unendlich. Ich habe Sie von der Straße geholt, Bylla, ich habe Sie aus der Gosse aufgelesen, Ihnen den Schmutz abgeklopft und Sie gemästet, aber alles hat seine Grenzen, wirklich alles …«
Andy Beh schlug hinter sich die Tür ins Schloß und stand auf dem breiten Korridor, direkt unter dem Dach des Herrenhauses, und Wände und Boden waren kahl, und der schicke Eugen hatte sämtliche Wertgegenstände fortschaffen lassen, in die unteren Räume, in denen sich Andy nur unter Aufsicht bewegen durfte.
»Dieses Mißtrauen«, sagte Andy mürrisch. »Ich ertrage dieses Mißtrauen nicht. Ich bin ein Mensch mit Rechten und einer gewissen, unverkäuflichen Würde.«
»Ich will Ihnen verraten, was Sie waren, Bylla«, fistelte Langedanz aus den Deckenlautsprechern, ereiferte sich hörbar. »Ich werde es Ihnen Punkt für Punkt auseinandersetzen. Ein Sonderposten. Genau das waren Sie, Bylla. Ein mieser, unverkäuflicher Ladenhüter, den es zu herabgesetzten Preisen im Superramsch gab. Gott, Sie wären verrottet, hätte ich mich nicht an Sie erinnert. Man hatte Ihnen ein großes Schild mit der Aufschrift GRATIS um den Hals gehängt, und trotzdem ist jeder vernünftig denkende Mensch an Ihnen vorbeigegangen. So war es, Bylla. So sah die Lage aus. Sie müssen dem ins Auge sehen. Sie müssen dies ein für allemal erkennen, Bylla, oder Sie gehen wirklich vor die Hunde …«
Andy schüttelte sich, zog den Kopf ein und fragte sich, wie lange er das noch ertragen konnte. Die Stimme verfolgte ihn, schlich hinter ihm her auf leisen Sohlen, ein Irrlicht im finsteren Tal dieses muffig riechenden Korridors, und Andy war an ganz andere Korridore gewöhnt, an solche, wo Kristallüster von hohen Decken hingen und roter Samt an nackten Fußsohlen kitzelte; mit frischen Blumengebinden auf Biedermeier-Kommoden, und livrierte Kellner, die für bares Geld den besten Schmuggel-Whisky aus den USA und die willigsten Mädchen lieferten. Eugen Friedrich Langedanz war reich; trotz allem, was geschehen war, trug er schwer an der Last seiner Banknoten, Firmenanteile, Liegenschaften, Steuervergünstigungen und Investitionszulagen, zumindest hier, im Freien Österreich, und selbst wenn er Hunderttausende am Tag verpraßte, war er nach der folgenden Nacht doch wieder um den doppelten Betrag reicher. Aber Andy war ebenfalls kein armer Mann gewesen – damals.
Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er die Schecks von JumpTV, RTL und Deutschfunk schwerlich zählen können, da waren ihm die Tantiemen zugeflossen wie ein Wildbach nach der Schneeschmelze im knospenden Frühling, da hatte er Psycho und Casablanca auf seine ureigene, geniale Weise mit Sensi-Reizen versehen, daß die Menschen bleich vor Grauen aus den Sensi-Palästen flohen, wenn das verrückte Muttersöhnchen mit blankgezogenem Schlachtermesser in die Duschkabine der Nackten schlich … Und er hatte zahllosen Briefträgern und Aushilfskellnern Gelegenheit gegeben, mit Haut und Haaren, Gefühl und Verstand in Casablanca Bogart zu sein, im grauen Trenchcoat ihr Schicksal zu erfüllen und hart zu bleiben, als es auf dem Flughafen, bei nebliger Nacht, um den Abschied ging … Niemand hatte es so gekonnt wie Andy Beh; niemand hatte diese Gedankenwelten so perfekt beherrscht und mit den notwendigen sensorischen Reizen erfüllt, bis der supersensitive Effekt Mann und Frau, Kind und Großvater das Gehirn aus dem Schädel hob, hoch hinauf in eine Welt, die es nicht gab und doch immer geben würde.
Eine herrliche Zeit, Teufel, Teufel! dachte Andy beschwingt und guten Mutes, und dann sah er wieder die Kuriere von MGM und Warner Bros, mit den Aktenköfferchen und dem nicht zu versteuernden Schwarzgeld, der kosmopolitischen Schmierflüssigkeit, die ihn nach Amerika locken sollte, und wie JumpTV und MultimediaMohn ihm in Gestalt von Oskar Cäsar Flatter den Blankoscheck anboten …
Und während Andy jetzt gelockert und angeheitert durch den kahlen Korridor schwankte, Eugen Langedanz’ Gefistel im Rücken und die Tür zu den unteren Gemächern des Herrenhauses vor Augen, dachte er daran, daß sein Name in allen Nachschlagewerken stand; daß jeder historische Abriß über die cineastische Nutzung der supersensitiven Effekte seine Person aufführte; daß bei jeder Aufzählung der unsterblichen Sensi-Schöpfer Andy Beh niemals fehlte … Und daß er bankrott war und sämtliche Tantiemen in die Taschen der Gerichtsvollzieher und Gläubiger flossen – dies tat seiner Berühmtheit natürlich keinen Abbruch.
»Und wenn sie mich nach Ihren Qualitäten fragen«, ergriff der schwerreiche Friedrich wieder das Wort, der Mäzen, der die Entwicklung der Solarenergie gesponsert und daran ein Vermögen verdient hatte und der auch jetzt noch an den Millionen Quadratmetern Sonnenspiegel in der Sahara partizipierte; der Garant für die Energieversorgung der Republik, damals, in den unruhigen ersten Tagen des Dritten Jahrtausends, als die Ledernacken wie Heuschrecken im Golf von Mexiko und im Nahen Osten eingefallen waren … Friedrich der Große von eigenen Gnaden, maßgeblich am Zusammenbruch des Atlantischen Bündnis’ beteiligt, der Mann, der Europa den Frieden erhielt und Zehntausende Gewerkschaftsmitglieder in der Stunde NULL verhaften ließ, dieser Eugen schien jetzt das Mikrofon dicht an seine Lippen zu halten, denn seine Atemzüge waren wie ein lauer Abendwind, der in trockenem Geäst raschelte.
»Wenn Sie es also tatsächlich wagen sollten, Bylla, mich nach Ihren Qualitäten zu fragen, dann ist es mir eine Freude, Ihnen die Wahrheit zu sagen, die schreckliche Wahrheit … Wissen Sie was, Bylla? Aus Ihnen ist ein billiger Sensi-Schmierer geworden, einer, der mit faulen Gefühlen und abgeschmackten Reizen arbeitet, ein abgetakeltes Großmaul, dessen Schöpfungen aus dritter Hand sind, das Tiefe mit Grelle verwechselt. Es ist ein Kreuz mit Ihnen, ein wahres Kreuz …«
Und trotzdem nimmst du alter Sack meine Dienste in Anspruch! dachte Andy Beh wütend. Er hatte die schwere, verriegelte Metalltür erreicht, und kein Laut drang durch den Stahl, und alles, was er hörte, waren seine eigenen Atemzüge und das welke Rascheln aus den Deckenlautsprechern, die allgegenwärtig waren, eine elektronische Hydra. Direkt neben der Tür befand sich eine Nische hinter einer beweglichen Wand-Leiste, und nun schob er die Leiste zur Seite und holte den Whisky hervor, amerikanischen Bourbon, schwarz über Island nach Europa geschafft. Er entfernte den Korken mit den Zähnen, nahm den Korken in die linke Hand und setzte mit der rechten den Flaschenhals an die Lippen, und er schluckte, daß es brennend und warm und köstlich seine Kehle hinunterrann.
»Wenn Sie nur nicht so viel saufen würden«, klagte Langedanz. »Wenn Sie nur nicht so ein ekliger Trunkenbold wären. Was hätte aus Ihnen werden können, Bylla! Aber Sie mußten ja zur Flasche greifen, Sie mußten ja den Fusel wie Fruchtsaft trinken, bis nur noch Alkohol in Ihrem Kopf war, nur noch Alkohol … Alles ertränkt, Bylla, alles ertränkt. Das hat Ihnen das Genick gebrochen, nicht wahr? Von da an hat man Sie fertiggemacht. Seitdem sind Sie weg vom Fenster mit Blick auf Ihre Tessiner Villa, und dann diese Scheidungen, Bylla! Acht Frauen, eh? Oder neun? Und alle mußten Sie heiraten, Sie mieser Nachäffer … Wie die alten Hollywood-Größen … Nun sind Sie ruiniert, und Sie hätten sich schon längst zu Tode gesoffen, tatsächlich, ins Grab hätten Sie sich geschluckt, und ich bin der einzige unter all diesen Millionen Menschen, der Ihnen eine Chance gegeben hat …«
Andy schüttelte sich, verschloß die Flasche, schob sie zurück, und es war in der Tat überraschend, wie klar er nun der Welt ins Auge blickte, stählern wie der Held in Lichtjahreweit, dem ersten Sensi-Schocker in der Geschichte der Republik, die Schöpfung, die seinen Namen über Nacht in aller Welt bekannt gemacht hatte, und er war überzeugt, daß sie jedem Sensi-Fan unvergeßlich bleiben würde … dieser Sturz durch die Sternenschlucht, hundert Parsek von allem Leben entfernt, und ganz in der Nähe dieses Ding, das schrecklich-schöne Etwas, das näher und immer näher kam …
Er klopfte gegen die Tür.
Er hämmerte dagegen, gebieterisch Einlaß verlangend, der Star, der berühmteste aller Sensi-Schöpfer, der Mann, der TV und Film, Pornobücher und Theateraufführungen, Happenings und Autounfälle binnen Augenblicken ins Vergessen gestürzt, der die supersensitiven Effekte zum Inbegriff der Unterhaltung und Zerstreuung, zur Inkarnation des Abenteuers im Atomzeitalter gemacht hatte.
Natürlich hatte er damals weniger getrunken.
»Das wird auch Zeit«, sagte Eugen mit seiner Greisenstimme. »Ich hätte Sie tatsächlich hinauswerfen lassen. Tatsächlich.«
Die Tür schwang auf, gab den Blick auf die breite Treppe frei, die hinunter in die Halle führte, zu den kostbaren Teppichen und Gemälden und Gobelins, zu der weiten, breiten Fensterfront mit dem atemberaubenden Blick auf den Neusiedler See und den Forellenteich, an dessen Ufer schon die Männer mit den Schaufeln und den Kalkcontainern bereitstanden, und das bedeutete, daß der Meteorologische Dienst tatsächlich Regen angekündigt hatte, schwefelsauren Regen … Und am Fuß der Treppe, gestützt auf den knorrigen Stock, der sich problemlos so weit ausfahren ließ, daß mit ihm die hohe Decke zu erreichen war, wartete Eugen Friedrich Langedanz. Neben ihm stand die Krankenschwester, und an ihrem Handgelenk glänzte das Funkgerät, mit dem sie das Ärzteteam drüben im zum Hospital umgebauten Gartenpavillon erreichen konnte, wenn der Lebensfunke in dem Greis zu erlöschen drohte.
Wenn er doch sterben würde! dachte Andy Beh in diesem Augenblick, und er war plötzlich müde und der Arbeit überdrüssig, die ihn erwartete und die der einzige Grund war, warum ihn der alte Sack aufgenommen hatte und mit dem alkoholischen Lebenselixier versorgte.
Eugen, das Finanzgenie, der Millionenerbe und Jet-Set-Playboy der Goldenen Neunziger, das multinationale Wirtschaftsungeheuer des neuen Jahrtausends, der pekuniäre Übermensch, der jedem Attentat und jedem Finanzminister entging, auf dessen Lohnliste Politiker und Hilfsarbeiter, Nutten und Notare standen, der Koloß aus Deutschmarks und Francs und Pfund und Dollars, die Spinne im Netz der Banken und Industrieverbände, der nationale Zuhälter, der Kanzler und Staatssekretäre auf den Strich schickte … und der dann doch stürzte, hoch vom Himmel, wie eine Supernova verglühte und vor den Barrikaden und vor den Streikenden, die er verstummt in den Hochsicherheitstrakts wähnte, fliehen mußte, fort ins Exil ins Freie Österreich … gebeugt, krumm wie ein geknickter Baumstamm stand er da und steckte eben in diesem Augenblick das drahtlose Mikrofon in die Seitentasche seines Bademantels, der ihn vor Grippe und Luftzug schützte, vor Bakterien und Viren und Bazillen, aber nicht vor dem Alter, dem Verfall der Zellen.
»Es ist spät«, krächzte Eugen und schüttelte den Arm der Krankenschwester ab, die ganz gegen seine frühere Gewohnheit farblos und flachbrüstig und hartgesichtig war und Andy einen zornigen, angewiderten Blick zuwarf, so wie man eine Jauchegrube musterte, auf der sich Schmeißfliegen tummelten, unzweifelhaft auf diese Weise …
Weiß sie nicht, wer ich bin, was ich war? fragte sich Andy, und erst jetzt wurde ihm klar, daß sie natürlich all diese Dinge wußte und ihn schon von Anfang an mit diesem Ekelblick verfolgte, richtig verfolgte, und er wünschte sie tot und vermodert in der Erde eines vergessenen Friedhofs.
Andy stolzierte die breiten Stufen hinunter, stolperte nicht ein einziges Mal, bewegte sich mit einer Souveränität, die die beiden ungleichen Menschen dort unten doch eigentlich bemerken mußten, aber natürlich bemerkten sie es nicht; sie interessierten sich nicht einmal dafür.
Zur Hölle mit euch! dachte Andy Beh. Er war jetzt betrunken, herrlich betrunken; und um es genau zu sagen, er hatte die Situation fest im Griff, war Herr der Lage, durch nichts zu erschüttern. Ein leises Lachen keimte in seiner Kehle auf, eine frivole Heiterkeit angesichts des alten Bocks Langedanz und der frigiden Krankenschwester, die nicht mehr von dieser Welt waren, obwohl sie noch lebten, obwohl ihre animalischen Körperfunktionen wie ein Uhrwerk abliefen.
Was habe ich mit euren verfluchten Unvollkommenheiten zu tun? dachte Andy. Was gehen mich eure Sehnsüchte an? Ich bin ein Schöpfer, der für Millionen gearbeitet hat, und wenn ihr alle längst nicht mehr seid, dann wird es noch viele, viele neue Millionen geben, die an den Namen Andy Beh denken werden, mit Achtung und Bewunderung und vielleicht sogar Verehrung … Wißt ihr eigentlich, wie viele Fan-Briefe ich stündlich bekommen habe? Daß ein ganzes Postamt in Wanne-Eickel allein für mich gearbeitet und die Bundespost mir das Gelbe Verdienstkreuz überreicht hat …?
Natürlich vor dieser Sache mit dem Alkohol.
Auch ein Andy Beh konnte nicht ungestraft die Honoratioren des republikgrößten Medienkonzerns auf unflätigste Art und Weise in der Öffentlichkeit beschimpfen …
Zur Hölle mit euch, wenn mir der Teufel nicht zu leid täte …! Dieser Gedanke erschien Andy Beh genial, und es schmerzte ihn, daß er keine Möglichkeit hatte, ihn der Nachwelt zu hinterlassen, auf seinem Grabstein vielleicht, seinem Mausoleum.
Und während Andy Beh geschmeidig Eugen Friedrich Langedanz und der knochigen Schwester folgte, da empfand er eine obszöne Verbundenheit mit dem tattrigen Alten. Hatte man nicht sie beide davongejagt? dachte er. Hatte man nicht sie beide ins Vergessen gestürzt, dem Hohn ausgesetzt? Eugen zu recht und Andy Beh zu unrecht … Das und das Alter … das war es, was sie trennte.
»Sie müssen sich Mühe geben«, fistelte der gestürzte Finanzgott dem einstigen Fixstern am Himmel der Sensi-Schöpfer zu. »Es hat mir gar nicht gefallen, wissen Sie, gar nicht, was Sie letztes mal – gestern, oder? – geboten haben. Sie müssen sich etwas Neues einfallen lassen. Ich bezahle Sie gut. Ich ruiniere mich, nur um Sie bei Laune zu halten, und deshalb habe ich ein Recht auf erstklassige Arbeit. Sehen Sie das ein? Ich meine, verstehen Sie überhaupt, was ich da zu Ihnen sage?«
Zum erstenmal ergriff die Schwester das Wort, und zu Andys Überraschung war ihre Stimme weich wie ein Karamelbonbon. »Er ist wieder betrunken, merken Sie das nicht? Er ist sternhagelvoll, sehen Sie sich doch nur mal seine Augen an.«
Andy straffte sich und sagte würdevoll: »Ich streite nicht mit Angestellten, aber ich versichere Ihnen, daß ich so nüchtern bin wie ein neugeborenes Kind …«
Die Krankenschwester rümpfte die Nase.
Ich könnte sie jetzt umbringen! erkannte Andy verwirrt, und er rang den Zorn nieder, der seine Hände wieder zittern ließ und all seine Muskeln zu verspannen drohte, gerade jetzt, wo Spannung doch das letzte war, was er gebrauchen konnte.
Sie betraten das Gelbe Zimmer, einen Saal mit Blick auf den Garten. Der Gärtner mit dem Elektromäher war verschwunden, graue Streifen spannten sich vom grauen Himmel zum grünen Rasen.
Regen.
Schwefelregen.
Scheußlich! dachte Andy, und erst als er Eugens mürrischen Gesichtsausdruck bemerkte, begann er Gefallen am Regen zu finden und betrachtete ihn sogar als urgewaltigen Verbündeten, der wie er darauf wartete, daß sich dieser kleine, boshafte, welke Mund für immer schloß und diese gelben Runzelaugen auf ewig in die Leere starrten.
Mitten im Gelben Zimmer erhob sich der gepolsterte Lehnsessel mit dem Sensiver. Im Hintergrund, gegenüber der Fensterfront, nahm ein Regalschrank, bis zur hohen Decke reichend, die ganze Wand ein; dort reihte sich eine Sensi-Kristallcassette an die andere.
Ein schaler Geschmack lag auf Andys Zunge.
Geiler Bock, dachte er. Was darf’s denn heute sein? Die Entjungferung einer unmündigen Negersklavin? Eine Massenorgie, vorzugsweise mit Halbwüchsigen? Die Sache mit dem Hengst und Zarin Katharina? Eine Prise Caligula, ein Löffel de Sade, verquirlt mit Charles Manson?
Es ist das Geld, sagte sich Andy Beh. Es ist das Geld, das mich dazu bringt. Sonst hätte ich ihm schon längst alles vor die Füße geworfen … und dieser Ami-Whisky. Wo in Europa bekommt man heutzutage noch Whisky made in USA?
Sabbernd, ächzend, krächzend ließ sich Eugen in dem Sessel nieder und winkte Andy zu dem Aufnahmegerät; einem Metallrohrstuhl, jutebespannt, über dem die Sensi-Glocke hing. Der Computer war unter der Sitzfläche angebracht, und sobald man ihn einschaltete, würde er beginnen, Andys trance-kodierte Gehirnwellenmuster aufzuzeichnen und in dem Silikonkristall zu speichern, dem murmelgroßen Behälter für eine ganze Welt, ein Universum aus supersensitiven Reizen, ein Kosmos, den man hören, sehen, fühlen, schmecken, riechen und ertasten konnte.
Andy nickte weise.
So ist es, dachte er. Was darf ich Ihnen anbieten? Was wollen Sie sein? Wir führen alles, alles und mehr als das. Jesus Christus am Kreuz, live und in Farbe? Sie können selbst dort hängen, den Schmerz empfinden (auch gedämpft, natürlich), und drahtlos mit Gottvater verbunden sein, während die Legionäre unter Ihnen um Ihr Gewand würfeln … Oder Attila? Auf einem struppigen Steppengaul, den blutigen Krummsäbel in der Hand, und hunderttausend Reiter folgen Ihnen wie ein Mann, und auf Ihren Befehl hin verbrennen ganze Städte, so daß Sie den Geruch des verkohlenden Menschenfleisches riechen können … Was halten Sie von Jack the Ripper, Sie als Dunkelmann im Nebellondon, und ganz gewiß wird eine arme kleine Hure an Ihnen vorbeikommen … Vielleicht aber interessieren Sie sich mehr für das All, die Sterne, den unendlichen Weltraum? Ich schenke Ihnen ein Raumschiff, eine ganze Stahlflotte, ein galaxienweites Imperium, und dort drüben, an der toten schwarzen Grenze, am Abgrund zwischen den Milchstraßensystemen, lauert bereits der Feind und wartet auf Ihre Laserkanonen, Ihre Nuklearraketen und Novabomben, und Sie werden in der Zentrale Ihres Flaggschiffes stehen, der Held von Billiarden menschlichen und nicht-menschlichen Wesen, und Sie werden die große, die entscheidende Schlacht leiten, während Sie zur gleichen Zeit die Prinzessin des Dunkelplaneten auf dem Feuerleitpult deflorieren …
Ich biete Ihnen die Wirklichkeit, dachte Andy, der jetzt mehr als betrunken war, hatte er doch die Flasche Whisky aus dem Fach hinter der Wandverkleidung bis auf einen Fingerbreit geleert. Sie werden es fühlen, dachte er. Sie werden es erleben, erklärte Andy seinem unsichtbaren Millionenpublikum. Sie werden den Schweiß riechen, den Ihr Feind verströmt, wenn Sie ihm das Schwert bis zum Heft in die Brust stoßen. Sie werden die Küsse jeder schönen Frau schmecken, und Sie werden genug schöne Frauen haben, Frauen, die so real sein werden wie jene, die jetzt neben Ihnen sitzt …
Ein Sensi-Schöpfer, dachte Andy Beh, das bin ich, ein supersensitiver Gott, der Mann, der mit der Wirklichkeit hausieren geht. Für jeden Geschmack, jeden Geldbeutel. Individuell oder als Massenware.
Er rülpste und ignorierte den Ekelblick der Krankenschwester. Eugen Friedrich Langedanz starrte ihn griesgrämig und unduldsam an, pochte mit dem Stock auf den Teppichboden, schnalzte mit der kleingerunzelten Greisenzunge, und fast ahnte Andy in diesem Moment, wie er damals gewesen war, oben im Büroturm im Zentrum von Frankfurt am Main residierend, vierhundert Meter über den Straßen und Menschen, und höher als die Götter des Olymp.
Aber man hatte ihn gestürzt.
Er ist tief gefallen, dachte Andy. Außerdem ist er alt und impotent. Und die einzige Hure, die ihm noch bleibt, ist der Sensiver …
Andy empfand plötzlich Ekel vor diesem mehr und mehr zerfallenden Wrack, und das nicht, weil Eugen noch immer nach Sex dürstete, nach zahllosen Orgasmen und unermüdlicher Manneskraft, denn dies war menschlich … Das Schlimmste, sagte sich Andy, das Schlimmste ist: Wenn er nicht alt und krank wäre … nicht gebrechlich und gichtig und impotent … er würde es sich alles in dieser Welt besorgen, mit seinem Geld, seinem verfluchten Geld …
»Also!« schnappte Eugen Freidrich Langedanz. »Worauf warten Sie?«
Andy setzte sich unter die Sensi-Glocke, schaltete die Kontrollen ein, und der Gummiring saugte sich an seiner Stirn fest, und er spürte kalt die Elektroden, die sich an seine Schädeldecke preßten, wie Blutegel einer mechanoiden Ökologie.
»Haben Sie …«, begann er und bemerkte, daß er lallte, sammelte sich, versuchte es erneut. »Haben Sie besondere Wünsche?«
Die Krankenschwester wandte sich ab, trat ans Fenster, starrte schweigend hinaus. Ihr paßt es nicht, erkannte Andy, aber auch sie wird bezahlt, gut bezahlt, und darum schweigt sie jetzt.
»So etwas wie gestern …« krächzte Eugen. »Aber feuriger, begreifen Sie das? Mit mehr Pfeffer. Mehr Schreie, eh?«
Andy hätte es sich denken können.
Lang genug arbeitete er schon für den Mann, seit dem Ende seiner Gossenjahre, der Dunkelheit, die dem Fall aus den Sphären des Starkultes gefolgt war. Wie gestern … Negerkinder, und Eugen ein strammer blonder Halbgott mit Lederstiefeln, die bis zu den Oberschenkeln reichten, einem Gehänge wie ein prämierter Zuchtstier, und in der Hand die Bullenpeitsche, während die kleinen nackten Mädchen kreischten und bettelten und Eugen natürlich kein Erbarmen kannte …
Andy Beh legte den Schalter um.
Warum will er alles live erleben? fragte er sich. Warum wartet er nicht, bis die Aufnahme gespeichert ist und spult sie erst dann ab? Es macht mich nervös. Ich bin das nicht gewohnt. Glaubt er, für sein Geld alles kaufen zu können? Alles? Alles?
Doch da brach schon die Welt auseinander, lösten sich das Gelbe Zimmer und Eugen und die Krankenschwester und der regendurchweichte Rasen in Nebel auf.
Es war wallendes Grau, das Andy jetzt umgab, schöpferisches Nichts, die große Öde. Und Andy fragte sich, ob auch Gott – falls Er existierte – dieses übermächtige Gefühl verspürt hatte, das ihn jetzt ergriff, dieses Bewußtsein, ein Universum formen zu können, und dieses Gefühl war vielleicht wie das einer Frau, die in den letzten Wehen lag und in der sich das ungeborene Kind rekelte, um hinaus in die Welt zu gleiten.
Und schon traf er Anstalten, diesen dunklen, unterirdischen Raum zu schaffen, der nach Blut roch und wo kalter Stein unter den Füßen schabte und Feuer im Hintergrund knisterte, während die kleinen schwarzen nackten Mädchen herumirrten und Eugen der Blonde wie ein brünstiger Bulle schnaubte und das Kommende mit einem rohen gewalttätigen Männergrinsen erwartete, da … da …
Andy zögerte und der Schatten der Folterkammer, in der sich Eugen schon fast wie Zuhause fühlte, dieser kranke Schatten verlor an Form und Festigkeit und versank wieder im Nebel von Andys supersensitivem Protouniversum. Es lag an der Müdigkeit; eine Müdigkeit, die nicht allein auf diese Minuten beschränkt war, sondern sehr viel tiefer reichte und deren Ursprung weit zurück lag. Und natürlich lag es auch am Whisky. Und an seinem unterdrückten Haß auf Eugen Friedrich Langedanz, auf diesen kranken alten Mann, der ganz und gar verdreht war, so verdreht, daß er Andy Angst einflößte. Angst vor den Dingen, die vielleicht auch in ihm schlummerten, tief unten, in den Kellergewölben seiner Gedanken.
Und dann … Er wollte es nicht, nicht wirklich, sondern es war eine Springflut, die aus ihm hervorbrach, eine Flut von Gefühlen, die den Protonebel verdrängten und ihn in die Schwärze des Weltraums verwandelten, in das Glitzern ferner Sterne und fahler Galaxien, aber die Lichter, waren so weit entfernt, daß man nicht einmal an sie zu denken wagte. Es war die Sternenschlucht, und Eugen stürzte in sie hinein, und hinter der Sichtscheibe des Raumhelms waren Eugens Augen vor Entsetzen geweitet. Andy war der Schöpfer, und er hörte Eugen schreien, denn er befahl diesem Kosmos, daß Eugen zu schreien hatte. Er kannte Eugens Angst, denn er sorgte dafür, daß Eugen Angst hatte. Und während Eugen weiter fiel, in den Schlund der Sternenschlucht, da bildete sich aus dem dünnen Netz des interstellaren Staubes das unbeschreibliche Ding, die obszöne, gewalttätige Bestie aus Eugens verdrängten Alpträumen. Gase pfiffen aus dem lustvoll geblähten Leib und schoben das Ding immer näher an den einsam stürzenden Raumfahrer, an Eugen heran … Eugen schrie in kreatürlicher Pein, aber niemand hörte ihn. Er war allein und die nächsten Ohren waren weit entfernt, lichtjahreweit … Andy war jetzt Sensi-Schöpfer, durch und durch, in diesem Augenblick, der sich lang, lang dahinzog, bis sich die Schreie und die Angst und die Verzweiflung in den Silikonkristall eingefräst hatten …
Er war erschöpft, als seine blind tastende Hand endlich den Schalter fand und die Welt von Lichtjahreweit zerfiel und dem Gelben Zimmer Platz machte, dem Gelben Zimmer und der Krankenschwester, die jetzt bei Eugen stand, und Eugen, der mit blau verfärbtem Gesicht und toten Augen im Sessel lag.
»Das Herz, wissen Sie«, sagte Andy heiser. »Ich habe ihn immer gewarnt, er soll nicht live daran teilnehmen. Es ist so viel stärker als eine Konserve. Viel stärker, wissen Sie.«
Aber die Krankenschwester beachtete ihn nicht, sondern drückte immer wieder den Rufknopf ihres Funkgerätes, und schon sah Andy Beh auch die Ärzte aus dem Pavillon stürzen, aber Andy wußte, daß sie es nicht schaffen würden. Eugen Friedrich Langedanz war tot und würde tot bleiben, für alle Zeit … Langsam erhob er sich, schob die Sensi-Glocke beiseite und ging zur Bar nebenan im Salon.
Wahllos griff er nach einer Flasche, und seine Hände … Er starrte sie an.
Dieses Zittern …