IV

 

Wenn es Männer wie Calhan gab, dann mußte es auch Frauen wie Lyzis geben. Und wie Calhan einer grausigen, gefräßigen Spinne gleich im Dom aus Stahl und Stein von Nyanderhen regierte, so thronte Lyzis wie ein giftiges Nachtschattengewächs über den Dächern von Qu’ail.

Wie ein Nachtschattengewächs.

Denn Qu’ail hieß Schwarz.

In Qu’ail wurde es niemals hell. Niemals.

Zu keiner Stunde, zu keiner Jahreszeit beschien das Licht der aufgedunsenen Sonne die winkligen Gassen, die Treppenstraßen und Laubengänge, die sonderbar verdrehten Korkenzieherstiegen und die harzigen Hohlwege der Stadt. Keine Talgkerze, keine Öllampe, keine Glühwurmlüster, nicht einmal der Reflex des Sternenlichts auf geputztem Geschmeide erhellte das dumpfe Dunkel in den Häusern aus schwarzem Stein. Kein flackerndes Feuer brannte in den Kaminen und Kochstellen der Stuben und Kammern und keine Fackel in Messingverschalung wärmte die Augen mit ihrem Schein.

In Qu’ail gab es keine Fackeln, nur ewige Nacht.

In Qu’ail war Licht ein Schimpfwort und Helligkeit ein Fluch.

In Qu’ail gab es nicht einmal Augen, denn schon den Kindern schnitt man die Augen heraus, um sie vor dem Verbrechen des Sehens zu bewahren und ihre Seelen von der Krankheit der Erkenntnis zu heilen. Und für den Fall, daß all das nicht genügte, fügte die Stadt dem Geschenk der Blindheit die Gabe der Nacht hinzu. Ein Baldachin aus schwefligem Rauch, gespeist aus dem wasserlosen Brunnen im Herzen von Lyzis’ Palast, lag schon seit Urzeiten über den Dächern und Wällen, den stillen Straßen und gespenstischen Gassen, den schwarzen Plätzen und lichtlosen Stiegen, und diese Glocke aus Rauch war so undurchdringlich, daß jeder Sonnenstrahl erlosch, wenn er sich auch nur einen Fingerbreit in sie hineinwagte.

Manche behaupteten, daß der Rauch lebte.

Manche behaupteten, daß der Rauch die Ausdünstung des verwesenden Kadavers eines Gehörnten war, der am Grund des wasserlosen Brunnens seit Äonen schwärte und seinen grauen Leichendunst hinauf zu den Behausungen der Menschen schickte.

Manche behaupteten, daß der Rauch von großen schwarzen Feuern stammte, von unlöschbaren, fremdartigen Feuern, die im Bauch der Erde lichtlos brannten, und daß über diesen Feuern all die armen Tröpfe geröstet wurden, die es gewagt hatten, durch Fadheit und Zähigkeit den Gaumen der Lady Lyzis zu beleidigen und die mit all den anderen Küchenabfällen in die unauslotbaren Tiefen des Brunnens geworfen worden waren.

Es blieb sich gleich. Der Rauch war da und er wich niemals. Lückenlos wölbte sich die wallende Rauchglocke über die schwarzen Mauern der Stadt, eine Pestbeule am Fuß der Krograniten, die wie eine zweite, viel höhere Mauer aus Gletschern, Gipfel und Gestein den Weg in den goldenen Westen versperrten und weite Schatten über die Steppen von Ostien warfen, Schatten, die sich bei Einbruch der Nacht mit dem Baldachin über Qu’ail vereinigten und alles unter Finsternis begruben, was es gewagt hatte, dem Versprechen des Tages zu trauen.

Und inmitten dieser schwärenden Schwärze, auf dem Platz der Blindheit, wo sich Lyzis’ Palast in Form des versteinerten Schädels eines kosmischen Nachtmahrs erhob, der vor undenklichen Zeiten mit den Gehörnten zur Erde gekommen war, um die Herrschaft der Eisenmänner zu brechen, um die Eisernen von ihren menschlichen Fleischtöpfen zu vertreiben und sie in grausamen Kriegen zu besiegen, so daß den alten Herren der Erde nur die Flucht in die Schmerzarchen und in die Leere hinter der Zeit blieb … in diesem erstarrten Schädel von der Form eines pustelbedeckten Menschenherzens, zwanzig Meter hoch und sechzig Meter breit, saß Lady Lyzis in ewiger Dunkelheit und lauschte lauernd in die Nacht. Sie lauschte mit unstillbarem Hunger, ob nicht einer ihrer geliebten Untertanen in aller Einfalt seine Schritte in die falsche Richtung lenkte, sich ahnungslos zum Platz der Blindheit begab und ein Opfer der großen Gruben wurde, die rings um den Palast wie Mäuler klafften.

Jahrein, jahraus saß Lyzis in ihrem Palast, so wie Calhan jahrein, jahraus unter der Kuppel aus lebendem Gebein gesessen hatte.

Vielleicht war Lyzis älter als Calhan.

Vielleicht war sie sogar älter als die ranzigen, grauen Gehirne auf dem höchsten Gipfel der Kronberge, wie die faulen Zellklumpen, die ungeduldig der Vollstreckung des Urteils gegen Than Mayen harrten.

Niemand wußte es.

Niemand wollte es wissen.

Und niemand kannte die Anmut von Lyzis’ Gesicht, ihres schmalen, weißen Gesichts, das keiner Falte und keiner Runzel gestattete, die Glätte der Haut mit den verräterischen Malen der Zeit zu überziehen. Niemand kannte ihre Augen, die im Lauf der ewigen Nacht über Qu’ail ausgebleicht waren und nun wie die farblosen Bäuche kleiner mandelförmiger Fische aussahen. Niemand kannte das Lächeln, das um die Striche ihrer blutleeren Lippen spielte, das rätselhafte Lächeln, das ihre scharfen Zähne entblößte und das allein der Finsternis galt. Und niemand kannte die Schwanengeschmeidigkeit ihres Halses, die Ebenmäßigkeit ihrer Schultern … die schlaffen Beutel ihrer Brüste, den aufgeblähten Sack ihres Leibes, die Ranzigkeit ihres Schoßes … die fleischige Festigkeit ihrer langen Beine, ihre formvollendeten Schenkel, ihre schmalen Fesseln, ihre zierlichen Füße, ihre zarten Zehen.

Die augenlosen Menschen von Qu’ail kannten nur die Stimme der Lady Lyzis.

Es war eine reizende Stimme: Sie klingelte wie ein Glockenspiel aus feinstem Glas; sie trommelte und schellte wie ein Tamburin aus Porzellan; sie zwitscherte und trillerte wie eine Pfeife, der man die Sprache der Singvögel beigebracht hatte. Keiner, der diese Stimme hörte, mochte glauben, daß sie die Stimme eines Ungeheuers war, und selbst jene, die es wußten, zweifelten jedesmal aufs neue, wenn sie ihren Klang vernahmen.

Lyzis lebte allein in ihrem Palast.

Sie brauchte keine Gesellschaft, denn die Nacht war ihr Gesellschafter, und sie sprach zu ihr mit schwarzer Stimme, küßte sie mit schwarzem Mund und tröstete sie mit schwarzen Träumen.

Sie brauchte keine Diener, denn die Nacht diente ihr und brachte ihr mit finsteren Händen alles, was sie begehrte.

Nicht einmal Köche brauchte Lyzis, trotz ihres Hungers, ihres unersättlichen Hungers, denn die Nacht tafelte ihr die Speisen auf, servierte ihr die Mahlzeiten in Gestalt jener Einfaltspinsel, die Qu’ail vertrauten und sich auf ihren Wegen durch die lichtlose Stadt an den Wänden und an den Mauern entlangtasteten, ohne zu ahnen, daß der schwarze Verputz der Fassaden ein Verbündeter der Finsternis war und sie geradewegs zu den Gruben um Lyzis’ Palast führte.

Und wenn Lyzis speiste, dann musizierten ihre Mahlzeiten und intonierten in der Düsternis des Palastes auf den Instrumenten der Stimmbänder Melodien des Schmerzes, des Entsetzens, Elegien der Verzweiflung, des Todes. Manchmal, wenn Lyzis ausgiebig dinierte, über die Terrinen, Platten und Teller gebeugt maßlos schlemmte und ein Mahl mit sechs oder zwölf Gängen zu sich nahm, und wenn sich nach und nach die einfachen Weisen zu einem Kanon verwoben, dann hungerte sie lange Minuten oder gar Stunden, um nicht durch fleischliche Gier den Genuß der reinen Kunst zu schmälern.

Seltsam, daß allein Lyzis die Symphonien ihrer menschlichen Instrumente zu schätzen wußte.

Seltsam, daß die augenlosen Menschen von Qu’ail ihre blinden Gesichter und ihre empfindlichen Ohren mit den Händen bedeckten, wenn die Choräle und Hymnen die dicken Knochenmauern des Palastes durchdrangen und dann in den Gassen hallten, in allen Winkeln tönten und sich erst allmählich in den Kellern und Tunnelröhren verliefen.

Und noch seltsamer, daß manche von Liyzis’ Untertanen versuchten, in diesen Stunden die Stadt zu verlassen, über die Wälle zu steigen oder durch das Tor zu schleichen, sich durch den Rauch zu tasten, wo sie doch trotz ihres beschränkten Verstandes wissen mußten, daß jeder, der es wagte, Qu’ail den Rücken zu kehren und hinaus in den Tag zu treten, unweigerlich im hellen Kirschlicht der Sonne sein Leben aushauchte. Aber vielleicht erschien ihnen der Feuertod im Sonnenlicht gnädiger als der Tod am musikalischen Mittagstisch der hungrigen Lady Lyzis.

Wenn Calhan von diesen Dingen wußte, so kümmerte es ihn nicht.

Er kam nicht nach Qu’ail, um Lyzis ein Ständchen zu bringen und sich von ihr zwischen Vorspeise und Dessert goutieren zu lassen.

Er kam auch nicht nach Qu’ail, um Lyzis zu töten und die Augenlosen vom Fluch des Kannibalismus zu erlösen, oder gar, um sie wie Vieh nach Nyanderhen zu treiben, und sie dort einzumauern in die knöchern-knorpelige Kuppel seines Doms aus Stahl und Stein.

Calhan kam im Auftrag der Gehirne, und er kam zu Lyzis, weil er ein Bein benötigte, um den Auftrag zu erfüllen, den er erhalten hatte.

Er benötigte ein bestimmtes Bein.

Das rechte Bein der Lady Lyzis.