VII
»Ich werde sterben«, sagte Than Mayen zu der Stadt, die im fahlen Mitternachtslicht des Eisenrings zu seinen Füßen lag und ihm mit marmorner Geduld zuhörte. »Ich werde sterben, am Leben sterben, und es gibt nichts und niemand, der mich noch retten kann. Es hat mir das Herz gebrochen. Es hat mir das Herz gebrochen und meine Seele zerschnitten und meinen Leib verkrüppelt. Es ist fortgegangen und es kommt nicht mehr zu mir zurück. Niemals wieder. Was geblieben ist, das ist ein Echo, eine Erinnerung, aber keine Erinnerung an etwas, das einmal war, sondern an etwas, das einmal hätte werden sollen. Es hat mich verschmäht. Es hat mich zurückgewiesen und das auf eine Art, auf die niemand zurückgewiesen werden darf. Es verhöhnt mich, und es verlacht mich, und es tötet mich. Das Leben tötet mich. Das Leben.«
Die Stadt hörte zu, während das Polmeer an die Küsten von Mirsingval brandete und fern am wässrigen Horizont das Nordlicht mit blauen und orangeroten Fackeln flackerte. Die Leuchttürme, die sich wie rheumatisch starre Finger auf den Platinklippen am Rande der Stadt erhoben, antworteten dem Nordlicht mit der Glut ihrer Gasfeuer und warnten die Schiffe, sich nicht zu weit in die seichten Gewässer vorzuwagen, damit die Korallenriffe aus blankem Stahl nicht ihre Rümpfe aufrissen und die Seefahrer nicht den Geschöpfen zum Fraß dienten, die sich in der Brandungsgischt verbargen und mit feuchten Augen zum Ufer schielten, wie um sich zu vergewissern, daß das Land noch immer bewohnt war und die Eisenmänner ihr zeitloses Exil noch nicht aufgegeben hatten, zum Verderben der Erde und der Menschen. Geduldig lauschte die Stadt Than Mayens Klagen und Anklagen, horchte mit Türöffnungen wie Ohren und betrachtete ihn mit Fensterhöhlen wie Augen.
»Das Leben tötet mich«, wiederholte Than Mayen, mit beiden Händen auf die Fensterbank gestützt, den rechten Beinstumpf gegen die Marmorwand gepreßt, als wollte er sich durch die Festigkeit der Wand die Illusion der Unversehrtheit erkaufen, während das linke Bein gebräunt und kräftig wie stets seinen Rumpf trug. »Und oft frage ich mich«, sagte Than Mayen und sah der Nacht ins kalte Gesicht, »oft frage ich mich, was habe ich getan, daß ich so bestraft worden bin? Was habe ich dem Leben angetan, daß es mich mit solcher Grausamkeit zurückweist und kein Erbarmen kennt außer dem zweifelhaften Erbarmen des Alters, das mit dem Fortschreiten der Jahre alle Spuren verwischen wird? Ich habe dem Leben alles gegeben und ich habe für das Leben alles getan, aber dies scheint nicht genug gewesen zu sein, sondern zu wenig. Es war zu wenig, viel zu wenig, und die Dürftigkeit meiner Geschenke hat das Leben erzürnt und es dazu gebracht, mir einen Teil von dem wieder zu nehmen, was es mir einst gebracht hat. Ich habe versagt«, erklärte Than Mayen der geduldig lauschenden Stadt. »Das ist die Antwort: Ich habe versagt.«
Er wandte sich ab, groß wie er war, einbeinig wie er war, stemmte die Krücken in die Achselhöhlen und humpelte zu seinem unberührten Lager.
Than Mayen war allein.
Das Haus auf dem höchsten der tausend Hügel von Hai Zun war verlassen. Die Dienstboten waren fort. Die Freunde waren geflohen. Die Ärzte und Heiler besuchten ihn schon lange nicht mehr. Nur noch die Stadt hörte Than Mayen zu, weil sie aus Marmor bestand, und weil der Marmor nicht die wahre Bedeutung seiner Worte begreifen konnte. Worte, die jahrein, jahraus über seine Lippen drangen und im Lauf der Zeit immer weniger Ohren gefunden hatten, bis die einzigen Ohren die Türen von Hai Zun waren.
Zu Beginn waren die Ärzte und Kräutermänner, die Handaufleger und die Fürsprecher zu ihm gekommen, um die schwärende Wunde zu behandeln, in die sich sein rechtes Bein verwandelt hatte. Von einem Tag zum anderen verwandelt hatte. Und niemand wußte die Ursache zu deuten. Und die Wunde wollte nicht heilen, und sie fraß sich immer tiefer, durch Gewebe, Sehnen und Blutgefäße bis zum Knochen und dann höher hinauf, dem Rumpf entgegen, so daß niemand mehr verantworten konnte, das Warten weiter auszudehnen, und so hatten sie es getan. Ihm das Bein abgenommen. Es ihm einfach abgenommen und nur diesen vernarbten Stumpf übriggelassen. Um ihm das Leben zu retten. »Das Leben!« schnaubte Than Mayen verächtlich. »Das Leben!«
Nachtwind rauschte um die Giebel und Firste der Stadt, als ob der Wind dem Mann auf dem hohen Hügel Trost spenden wollte, und der Nachtwind schien nicht zu ahnen, daß es für Than Mayen keinen Trost gab, und nie Trost gegeben hatte.
Dann waren die Freunde zu ihm gekommen, die Freunde und Vertrauten, um in der ersten schweren Zeit an seiner Seite zu stehen, wo Than Mayen doch nur auf Krücken stehen konnte, und er hatte ihnen gesagt, was das Leben ihm angetan hatte, ausgerechnet ihm, der doch nichts als das Leben liebte. Und er hatte ihnen gesagt, wie schmählich ihn die Gesundheit hintergangen hatte, obwohl seine Verehrung nur der Gesundheit galt, und er hatte ihnen zugeflüstert, was ihm die Vollkommenheit zugefügt hatte, daß sie ihm das Herz gebrochen und den Verstand geraubt hatte, und Than Mayen hatte es ihnen immer und immer wieder gesagt, so daß seine Freunde nach und nach fortgeblieben waren, und bald keiner mehr zu ihm kam.
Verlassen in seinem hohen Haus, verrückt vor Schmerz und Enttäuschung, waren Than Mayen nur noch die Dienstboten geblieben, denen er vom schauerlichen Verrat des Lebens an seinem treuesten Liebhaber erzählen konnte, und er hatte ihnen diese Geschichte tagein, tagaus erzählt, mit den immer gleichen Worten, mit ungemilderter Verzweiflung, bis sich die Dienstboten eines Nachts davongestohlen und ihn endgültig alleingelassen hatten.
Seitdem sprach Than Mayen mit der Stadt.
Und die Stadt hörte ihm zu.
»Das Leben«, murmelte Than Mayen lang ausgestreckt auf seinem Lager ruhend, die Krücken neben dem Bett auf dem Boden liegend, den Beinstumpf unbedeckt und im Licht der Glühwurmlüster rot wie Blut, »das Leben ist eine Hure. Jetzt habe ich es erkannt. Jetzt, wo es zu spät ist. Das Leben ist eine Hure und die Gesundheit ist ihr Zuhälter, und die Vollkommenheit ist ihr heimlicher Geliebter. Nur die Vollkommenheit. Wie kann ein Mensch auch hoffen, sich mit der Vollkommenheit messen zu können! Das ist die verborgene Wahrheit – man kann mit dem Leben schlafen, man kann es gebrauchen, wie man den Körper einer Dirne gebraucht, aber man kann nicht die Liebe des Lebens gewinnen. Wenn man es versucht, haßt es dich. Es weist dich zurück, verfolgt dich, straft dich, vernichtet dich. So wie es mich vernichtet hat.«
Sie Stadt hörte ihm zu.
Der Eisenring glitzerte am Himmel.
Und am Horizont wetterleuchtete das Nordlicht. Am Horizont, über dem Glaspol.
»Es gibt keine Rettung«, sagte Than Mayen zum hundertsten, zum tausendsten Mal. »Es gibt keine Rettung, und dabei brauchen wir Menschen die Hoffnung auf Rettung, aber alles, was wir erwarten können, das sind der zweifelhafte Trost des Alters und die unerbetene Hilfe des Todes. Daran sollten wir denken, wenn wir so närrisch werden und zum Leben in Liebe entflammen, statt es zu benutzen, wie es verdient, benutzt zu werden, statt es zu gebrauchen wie ein Ding, eine Sache, denn das ist es, ein Ding, nicht mehr und nicht weniger. Wer dies nicht weiß, wer dies nicht einsieht, der wird rasch zur Einsicht gebracht, der wird gebrochen und verstoßen, achtlos fortgeworfen. Und es tut weh, fortgeworfen zu werden. Es schmerzt im Kopf und in den Gliedern und es gibt nichts auf der Welt, das diesen Schmerz heilen kann. Und mich tötet das Leben. Zuerst hat es mich zerschnitten, und jetzt tötet es mich. Der Tod, der Bruder der Hure Leben, dieser eisgekühlte Strichjunge wartet schon. Er wird nicht mehr lange warten müssen.«
Die Stadt kannte Than Mayens Worte. Sie hörte sie jede Nacht, jeden Tag, jede Stunde. Sie sagte nichts. Sie antwortete niemals. Sie lauschte, und sie äugte hinauf zum höchsten Hügel von Hai Zun, zu dem Haus, in dem das Licht der Glühwürmer niemals erlosch.
»Das Leben spielt mit mir«, raunte Than Mayen in die Stille seiner Schlafkammer, die er nicht mehr zum Schlafen nutzte, weil er die Täuschung des Schlafes durchschaut, und in ihm nur eine schlechte Maske des Todes erkannt hatte. »Das Leben treibt Schabernack mit mir, üble Scherze, bei denen das Lachen in der Kehle erstickt. Es spielt grausame Spiele, ersinnt sonderbare, verschrobene Streiche, und auf jeden Scherz folgt ein neuer Scherz, und jeder faule Witz wird mit einem weiteren faulen Witz gekrönt, und jede Posse wird durch eine noch ärgere Posse weitergetrieben. Die Komik des Lebens ist die Tragik von uns Menschen, weil nur wenige von uns, die verdammten der Menschheit, das Zeichen sehen, das alle auf der Stirn tragen: Es gibt keine Rettung.«
Und wenn doch, sagte die Stadt und ergriff damit zum ersten Mal seit Jahrtausenden das Wort, und wenn doch, dann ist die Rettung eine Täuschung.
Die Stadt sprach, weil ein Gespenst ihr Straßenpflaster betreten hatte.
Ein Gespenst.
Calhan von Nyanderhen.