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DER NEUE HEXENZIRKEL

14. April 1983

Meine Erbsen gehen hübsch auf - ich hatte schon befürchtet, ich hätte sie zu früh gesetzt. Sie sind ein Symbol für mein neues Leben: Ich kann nicht glauben, dass sie von ganz allein so kräftig wachsen, ohne jede magische Hilfe. Manchmal ist das Bedürfnis, in Kontakt mit der Göttin zu treten, so unglaublich stark, dass es regelrecht wehtut - wie ein Schmerz, etwas, was versucht herauszukommen. Aber dieser Teil meines Lebens ist vorbei, alles, was mir aus dieser Zeit noch geblieben ist, ist mein Name. Und Angus.

Wir haben einen neuen Mitbewohner: ein grauweißes Kätzchen. Ich habe sie Bridget getauft. Sie ist ein lustiges kleines Ding mit einer zusätzlichen Zehe an jeder Tatze und dem lautesten Schnurren, das ich je gehört habe. Ich bin froh, sie zu haben.

– M.R.

 

Als ich am Nachmittag mit einem Eisbeutel auf dem Gesicht im Bett lag, läutete es an der Tür.

Ich spürte sofort, dass es Cal war. Mein Herz klopfte schmerzlich. Ich lauschte, während er mit meiner Mutter sprach. Doch obwohl ich mich ganz stark konzentrierte, konnte ich kaum verstehen, was sie sagten.

»Also, ich weiß nicht«, hörte ich Mom sagen.

»Um Himmels willen, Mom. Ich bleibe die ganze Zeit dabei und spiele den Anstandswauwau«, drang Mary K.s Stimme viel lauter zu mir. Sie stand wohl direkt am Fuß der Treppe. Dann kamen Schritte die Treppe hoch. Nervös sah ich zu, wie meine Tür aufging.

Mom kam zuerst herein, vermutlich um sich davon zu überzeugen, dass ich anständig bekleidet war und nicht etwa ein sexy durchsichtiges Negligé trug. Weit gefehlt, ich trug eine ausgeleierte graue Sweathose, ein Unterhemd von meinem Vater und ein weißes Sweatshirt. Mom hatte mir geholfen, mir das Blut aus den Haaren zu waschen, aber ich hatte sie weder richtig getrocknet noch gekämmt. Sie hingen mir in langen feuchten Strähnen ums Gesicht. Ehrlich, ich hatte im Leben noch nie so schrecklich ausgesehen.

Cal kam in mein Zimmer, das mir in seiner Gegenwart klein und mädchenhaft vorkam. Notiz an mich: Renovieren.

Er schenkte mir ein breites Lächeln. »Schätzchen!«

Ich musste unwillkürlich lachen, obwohl es wehtat, und hob die Hand ans Gesicht und sagte: »Au – bring mich bloß nicht zum Lachen.«

Sobald Mom sich davon überzeugt hatte, dass ich anständig gekleidet war, ging sie, auch wenn ihr der Gedanke, dass ein Junge in meinem Zimmer war, ganz offensichtlich nicht behagte.

»Sieht sie nicht toll aus?«, sagte Mary K. »Wirklich schade, dass Halloween schon rum ist. Ich wette, bis Donnerstag ist alles blau und grün.« Sie hielt einen weißen Teddybär in der Hand, der ein herzförmiges Lätzchen trug.

»Für mich?«, fragte ich.

Mary K. schüttelte den Kopf und wirkte verlegen. »Der ist von Bakker.«

Ich nickte. Bakker hatte den ganzen Tag Blumen geschickt und Nachrichten auf unserer Veranda hinterlassen. Er hatte mehrmals angerufen, und als ich ans Telefon gegangen war, hatte er sich bei mir entschuldigt. Mary K. wurde schwach.

Sie hockte sich auf meinen Schreibtischstuhl und ich warf ihr einen Blick zu. »Musst du nicht Hausaufgaben machen?«

»Ich hab versprochen, den Anstandswauwau zu spielen«, beschwerte sie sich. Als sie mein Gesicht sah, hob sie die Hände. »Okay, okay, ich gehe.«

Die Tür schloss sich hinter ihr und ich sah Cal an. »Ich wollte nicht, dass du mich so siehst.« Wegen der Schwellung an der Nase klang meine Stimme verstopft und kühl.

Sein Gesicht wurde ernst. »Tamara hat mir erzählt, was passiert ist. Glaubst du, sie hat’s mit Absicht getan?«

Ich dachte an Brees Gesicht, die Angst in ihren Augen, als sie sah, was sie getan hatte.

»Es war ein Unfall«, sagte ich und er nickte.

»Ich habe dir etwas mitgebracht.« Er hielt eine kleine Tüte hoch.

»Was?«, fragte ich neugierig.

»Erst einmal das hier«, sagte Cal und holte eine kleine Topfpflanze heraus. Sie war silbriggrau und hatte geschnittene fedrige Blätter.

»Artemisia«, sagte ich, denn ich erkannte sie aus einem meiner Kräuterbücher. »Hübsch.«

Cal nickte. »Beifuß. Eine nützliche Pflanze. Und das hier.« Er reichte mir ein kleines Fläschchen.

Ich las das Etikett. »Arnica montana.«

»Das ist eine homöopathische Arznei«, erklärte Cal. »Ich habe sie im Reformhaus gekauft. Sie hilft bei traumatischen Verletzungen. Gut gegen blaue Flecken und so weiter.« Er beugte sich über mich. »Ich habe sie mit einem magischen Spruch belegt, damit es schneller heilt«, flüsterte er. »Genau das, was der Arzt empfohlen hat.«

Dankbar sank ich in meine Kissen. »Cool.«

»Und noch was«, sagte Cal und holte eine Flasche Kakao heraus. »Ich wette, du kannst nicht viel essen, aber Kakao kann man mit einem Strohhalm trinken. Und er enthält Bestandteile aller wichtigen Nahrungsmittelgruppen – Milch, Fett, Schokolade. Man könnte sagen, er ist die perfekte Krankennahrung.«

Ich lachte und versuchte dabei möglichst das Gesicht nicht zu verziehen. »Danke. Du hast an alles gedacht.«

»Abendessen in fünf Minuten«, rief Mom von unten.

Ich verdrehte die Augen und Cal lächelte. »Ich verstehe den Hinweis.« Er setzte sich behutsam auf die Bettkante und nahm meine Hand in seine beiden Hände. Ich schluckte, fühlte mich verloren, hätte ihn am liebsten an mich gedrückt. Mùirn beatha dàn, dachte ich.

»Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«, fragte er, nicht ohne Untertöne. Ich wusste, was er meinte: Willst du, dass ich es Bree heimzahle?

Ich schüttelte den Kopf, auch wenn mir dabei das Gesicht wehtat. »Ich glaube nicht«, flüsterte ich. »Lass gut sein.«

Er sah mich ruhig an. »Ich lasse es gut sein, aber nur bis hierher und nicht weiter«, warnte er. »Das hier ist echt Scheiße.«

Ich nickte, ich war sehr müde.

»Okay, dann geh ich jetzt mal. Ruf mich heute Abend ruhig an, wenn du reden möchtest.«

Er stand auf. Dann legte er mir ganz behutsam die Hand an die Wange, berührte mich kaum mit seinen Fingerspitzen. Er schloss die Augen und murmelte etwas, was ich nicht verstand. Ich schloss ebenfalls die Augen und spürte, wie die Hitze seiner Fingerspitzen mein Gesicht wärmte. Als ich einatmete, verflog ein Teil der Schmerzen.

Es dauerte keine Minute, dann öffnete er die Augen und trat zurück. Ich fühlte mich schon viel besser.

»Danke«, sagte ich. »Danke, dass du gekommen bist.«

»Wir reden nachher«, sagte er. Dann drehte er sich um und verließ mein Zimmer.

Als ich wieder in mein Bett sank, fühlte sich mein Gesicht irgendwie leichter an und nicht mehr so geschwollen. Auch der Kopf tat mir nicht mehr so weh. Ich öffnete das Arnicafläschchen und steckte mir vier winzige Globuli unter die Zunge. Dann lag ich ruhig da und spürte, wie der Schmerz langsam nachließ.

Als ich am Abend schlafen ging, waren meine blauen Augen fast verschwunden, die Schwellung war merklich zurückgegangen, und ich hatte das Gefühl, ich konnte wieder besser durch die Nase atmen.

 

Am nächsten Tag ging ich nicht zur Schule, obwohl ich, bis auf den hässlichen schwarzen Stich an der Lippe, schon tausendmal besser aussah.

Nachmittags um halb drei rief ich Mom auf der Arbeit an und sagte ihr, ich würde rüber zu Tamara gehen, um zu sehen, was wir an Hausaufgaben aufhätten.

»Fühlst du dich dafür wirklich schon fit genug?«

»Ja, mir geht’s ganz gut«, sagte ich. »Vor dem Abendessen bin ich wieder da.«

»Okay. Fahr vorsichtig.«

»Mach ich.«

Ich legte auf, holte meine Schlüssel und meinen Mantel, zog meine Schuhe an und machte mich auf den Weg zur Schule. Einen großen weißen Wal wie Das Boot zu verstecken ist so gut wie unmöglich, trotzdem parkte ich zwei Blocks weiter in einer Seitenstraße, wo ich davon ausging, dass ich Brees Auto sehen konnte, wenn sie von der Schule wegfuhr. Ich hätte bei ihr zu Hause auf sie warten können, aber ich war mir nicht sicher, ob sie gleich heimfuhr.

Es war nicht so, als hätte ich einen gut durchdachten Plan gehabt. Im Grunde hoffte ich, Bree zu konfrontieren und mich mit ihr auszusprechen. In der besten aller möglichen Welten würde es zu einem positiven Ergebnis führen. Ich hatte das Gefühl, bei meinen Eltern einen Durchbruch erzielt zu haben, und Mary K. und ich waren uns nach dem Vorfall mit Bakker auch wieder nähergekommen. Jetzt wollte ich die Sache mit Bree bereinigen. Lebenslange Gewohnheiten sind schwer abzulegen und ich betrachtete sie immer noch als meine beste Freundin. Sie zu hassen war mir einfach unerträglich. Die Szene in der Turnhalle hatte nur gezeigt, dass wir die Sache unbedingt klären mussten.

Aber es war mehr als das. Ich hatte auch noch andere Gründe, die Dinge zwischen uns in Ordnung zu bringen. Magie war Klarheit. Aus meinen Büchern hatte ich gelernt, dass man Magie am besten ausüben konnte, wenn man Klarheit hatte. Wenn in meinem Leben ein anhaltender Streit schwelte, konnte mich das bei der Ausübung von Magie behindern.

Fast hätte ich Brees Auto übersehen, als es am Ende des Blocks an der Ecke vorbeifuhr. Ich warf rasch den Motor an und fuhr mit möglichst großem Abstand hinter ihr her.

Zum Glück fuhr Bree direkt nach Hause, und den Weg kannte ich so gut, dass ich mich ziemlich weit hinter andere Autos zurückfallen lassen konnte. Sobald sie in ihre Einfahrt gebogen war und das Auto abgestellt hatte, hielt ich am Ende des Blocks am Straßenrand hinter einem großen kastanienbraunen Minivan und machte den Motor aus.

Doch gerade als ich aussteigen wollte, fuhr Raven in ihrem zerbeulten schwarzen Peugeot vor. Bree kam aus dem Haus gelaufen.

Ich wartete. Die beiden unterhielten sich eine Weile auf dem Bürgersteig, dann gingen sie zu Ravens Auto und stiegen ein. Raven bretterte davon, einen Schweif stinkender Abgase hinter sich her ziehend.

Ich war ratlos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Eigentlich hätte ich jetzt mit Bree reden sollen, möglicherweise auch streiten. Raven hatte da nicht ins Bild gepasst. Wohin fuhren sie?

Plötzlich wurde ich von starker Neugier gepackt und machte den Motor wieder an. Nach vier Blocks hatte ich sie eingeholt. Sie fuhren auf der Westwood in Richtung Norden, also aus der Stadt hinaus. Ich folgte ihnen, und ich hatte auch schon einen Verdacht, wo sie hinwollten.

Als sie die Maisfelder am nördlichen Stadtrand erreichten, wo unser Hexenzirkel sein erstes Treffen abgehalten hatte, lenkte Raven auf den Seitenstreifen und parkte.

Ich fuhr langsamer, bis sie in den kürzlich abgeernteten Maisfeldern verschwunden waren, dann fuhr ich auf die andere Seite und versteckte Das Boot unter der riesigen Weideneiche. Die Äste waren inzwischen zwar fast kahl, aber der Stamm dick und der Boden leicht abschüssig, und jemand, der nur beiläufig einen Blick hinüberwarf, würde mein Auto nicht entdecken.

Dann eilte ich über die Straße und bahnte mir den Weg durch die zerrupften, halb fauligen Überreste dessen, was einst ein hohes Feld mit goldenem Futtermais gewesen war.

Ich konnte Raven und Bree vor mir nicht sehen, doch ich wusste, wohin sie wollten: auf den alten methodistischen Friedhof, wo wir erst vor zehn Tagen Samhain gefeiert hatten. Vor zehn Tagen, als Cal mich vor den Augen des Hexenzirkels geküsst hatte und Bree und ich zu wahren Feindinnen geworden waren.

Es kam mir vor, als sei das alles viel länger her.

Ich trat über das rieselnde Bächlein und steuerte auf einen Bestand alter Laubbäume zu. Ich bewegte mich jetzt langsamer, warf meine Sinne aus, lauschte auf ihre Stimmen. Ich wusste nicht so genau, was ich hier machte, und kam mir fast vor wie ein Stalker. Aber ich hatte mich schon gefragt, was es mit ihrem neuen Hexenzirkel auf sich hatte, und konnte der Versuchung nicht widerstehen herauszufinden, was sie im Schilde führten.

Als ich den Rand des Friedhofs erreichte, sah ich sie vor mir; sie standen bei dem Sarkophag, der uns an Samhain als Altar gedient hatte. Sie standen nur da, ohne zu reden, und da wurde mir klar: Sie warteten auf jemanden.

Ich sank neben einem alten Grabstein auf die feuchtkalte Erde. Mein Gesicht tat ein bisschen weh und der Stich an meiner Lippe juckte. Ich wünschte, ich hätte mehr Arnica oder Paracetamol genommen, bevor ich das Haus verlassen hatte.

Bree rieb sich mit den Händen über die Arme. Raven schob sich immer wieder ihre schwarz gefärbten Haare aus dem Gesicht. Sie wirkten beide nervös und aufgeregt.

Dann drehte sich Bree um und spähte ins Halbdunkel. Raven wurde ganz ruhig und mein Herz pochte laut in der Stille.

Die Person, mit der sie verabredet waren, war eine Frau, oder eher ein Mädchen, vielleicht zwei Jahre älter als Raven, vielleicht auch nur ein Jahr. Je länger ich sie beobachtete, desto jünger wurde sie.

Sie war auf ungewöhnliche, außerirdische Art schön. Dünnes blondes Haar schimmerte hell gegen ihre schwarze Motorradlederjacke und sie hatte einen sehr kurzen, fast weißen Pony. Ihre Wangenknochen waren hoch und nordisch, ihr Mund voll und zu breit für ihr Gesicht. Aber es waren ihre Augen, die unwiderstehlich waren, selbst auf die Entfernung. Sie waren groß, tiefliegend und so schwarz, dass sie aussahen wie Löcher, die Licht einsaugten und es nicht mehr herausließen.

Sie begrüßte Bree und Raven so leise, dass ich das Murmeln ihrer Stimme nicht verstehen konnte. Sie schien ihnen eine Frage zu stellen, und ihre dunklen Augen schossen herum wie Negativscheinwerfer, die die Gegend absuchten.

»Nein, niemand ist uns gefolgt«, hörte ich Bree sagen.

»Ausgeschlossen.« Raven lachte. »Niemand kommt hier raus.«

Dennoch sah das Mädchen sich weiter um, und ihr Blick huschte immer wieder zu dem Grabstein, hinter dem ich mich versteckte. Wenn sie eine Hexe war, spürte sie meine Gegenwart womöglich. Rasch schloss ich die Augen und versuchte, alles herunterzufahren, konzentrierte mich darauf, unsichtbar zu werden, den Stoff der Wirklichkeit so wenig wie möglich zu knittern. Ich bin nicht hier, schickte ich hinaus in die Welt. Hier ist nichts. Du siehst nichts, du hörst nichts, du spürst nichts. Das wiederholte ich ruhig immer wieder und schließlich nahmen die drei ihr Gespräch wieder auf.

Mit behutsamen Bewegungen wandte ich mich um und spähte wieder zu ihnen hinüber.

»Rache?«, fragte das Mädchen, ihre Stimme kräftig und musikalisch.

»Ja«, sagte Raven. »Weißt du, da …«

In diesem Augenblick fuhr eine Brise durch die Bäume und ich verstand ihre Worte nicht. Sie redeten so leise, dass ich sie nur mit höchster Konzentration überhaupt hören konnte.

»Schwarze Magie«, sagte Raven und Bree sah sie bekümmert an.

»… damit die Liebe erstirbt«, waren die nächsten Worte, die die Brise zu mir hinübertrug. Sie kamen von dem Mädchen. Ich sah mir ihre Aura an. Neben Brees und Ravens Düsternis war sie aus reinem Licht gemacht, schimmerte wie ein Schwert in den wachsenden Schatten des Friedhofs.

»Ihr Kreis … unser neuer Hexenzirkel … ein Mädchen mit magischen Kräften … Cal … samstags abends, an verschiedenen Orten …«

Sie unterhielten sich weiter, und mein Frust wuchs, weil ich sie einfach nicht verstand. Rasch ging die Sonne unter, als würde eine Lampe heruntergedreht, und mir wurde richtig kalt.

Ich lehnte mich an den Grabstein. Was hatte das zu bedeuten? Sie hatten Cal erwähnt. Ich nahm an, mit dem »Mädchen mit magischen Kräften« war ich gemeint. Was hatten sie vor? Ich musste es Cal erzählen.

Doch es war unmöglich, mich von hier zu entfernen, ohne dass sie mich entdeckten, also saß ich auf der feuchten Erde fest, während mir der Hintern und die Beine einschliefen und die Schmerzen in meinem verletzten Gesicht immer heftiger wurden.

Nach vierzig endlosen Minuten verschwand die junge Frau schließlich wieder in die Richtung, aus der sie gekommen war. Nur ihr helles Haar war noch zu sehen, als sie in die Dunkelheit unter den Bäumen trat. Bree und Raven gingen über den Friedhof zurück, keine drei Meter an mir vorbei, und entfernten sich durch das Maisfeld. Eine Minute später hörte ich Ravens Auto aufjaulen und davonfahren und zwei Minuten danach trieben die Abgase mit der abendlichen Brise zu mir herüber.

Ich stand auf und klopfte mich ab. Ich musste unbedingt nach Hause und heiß duschen. Die Maisfelder lagen jetzt in vollkommener Dunkelheit, und die gruselige Szene, die ich gerade beobachtet hatte, war mir unheimlich. Einmal war ich überzeugt, den konzentrierten Blick von jemandem am Hinterkopf zu spüren, doch als ich mich umdrehte, war da niemand. Ich lief zurück zu meinem Auto, sprang hinein, schlug die Fahrertür hinter mir zu und verriegelte sie.

Meine Hände waren so kalt und steif, dass ich eine Sekunde brauchte, um den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken, und dann schaltete ich die Scheinwerfer ein und bog eilig auf die Westwood. Ich war verängstigt und gereizt, und mein früheres Vorhaben, die Sache mit Bree zu bereinigen, kam mir jetzt naiv und lächerlich vor.

Was hatten sie vor? Waren sie wirklich so sauer auf Cal und mich, dass sie sich schwarzer Magie zuwandten? Sie brachten sich in Gefahr, fällten dumme und kurzsichtige Entscheidungen.

Zitternd und durchgefroren bis auf die Knochen, bog ich zu Hause in die Einfahrt. Drinnen lief ich die Treppe hoch und schälte mich aus meinen klammen Klamotten. Während das heiße Wasser das Frösteln vertrieb, überlegte ich.

Nach dem Abendessen rief ich Cal an und bat ihn, sich am nächsten Tag nach der Schule mit mir an der Weideneiche zu treffen.