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STERNENLICHT

17. März 1982

St. Paddys Tag in New York City. Unten auf den Straßen feiert die Stadt einen Feiertag, den sie aus meiner Heimat importiert hat, doch ich kann nicht mitfeiern. Angus ist auf Arbeitssuche. Ich sitze hier am Fenster und weine, obwohl die Göttin weiß, dass ich keine Tränen mehr habe. Alles, was ich gekannt und geliebt habe, ist fort. Mein Dorf ist abgebrannt. Meine Mutter und mein Vater sind tot, obwohl es mir immer noch schwerfällt, es zu glauben. Mein kleiner Kater Dagda. Meine Freunde. Belwicket wurde ausgelöscht, unsere Kessel zerschlagen, unsere Besen verbrannt, unsere Kräuter sind über unseren Köpfen in Rauch aufgegangen.

Wie konnte das geschehen? Warum bin ich nicht zum Opfer geworden wie so viele andere? Warum haben Angus und ich als Einzige überlebt?

Ich hasse New York, hasse einfach alles, was damit verbunden ist. Der Lärm macht mich taub. Ich kann nichts Lebendiges riechen. Ich kann das Meer nicht riechen oder im Hintergrund hören wie ein Wiegenlied. Überall sind Menschen, dicht zusammengepackt, wie Sardinen. Die Stadt ist schmutzig, die Menschen sind grob und gewöhnlich. Ich sehne mich nach zu Hause. An diesem Ort ist keine Magie.

Aber wenn hier keine Magie ist, dann ist doch sicher auch nichts wirklich Böses hier?

– M.R.

 

Wir reinigten unseren Kreis mit Salz und riefen dann mit einer Schale Salz, einem Räucherstäbchen, einer Schale Wasser und einer Kerze die vier Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer an. Cal zeigte uns die Runensymbole für diese Elemente und wir prägten sie uns ein.

»Lasst uns versuchen, Energie zu aktivieren und zu konzentrieren«, sagte Cal. »Wir wollen versuchen, sie auf uns selbst zu fokussieren und ihre Wirkung auf guten nächtlichen Schlaf und allgemeines Wohlergehen zu begrenzen. Hat irgendjemand ein spezielles Problem, bei dem er unsere Hilfe möchte?« Er begegnete meinem Blick, und ich wusste, dass wir beide an meine Eltern dachten. Doch Cal überließ es mir, ob ich vor den anderen um Hilfe bitten wollte. Ich sagte nichts.

»Etwa dass ich Hilfe brauche, weil meine Stiefschwester mich so nervt?«, fragte Sharon. Ich hatte gar nicht gewusst, dass sie eine Stiefschwester hatte. Heute stand ich zwischen Jenna und Sharon und ihre Hände fühlten sich klein und weich an.

Cal lachte. »Du kannst nicht darum bitten, andere zu verändern. Aber du könntest darum bitten, dass es dir besser gelingt, mit ihr klarzukommen.«

»Mein Asthma meldet sich wieder, seit es kälter geworden ist«, sagte Jenna. Ich erinnerte mich, dass sie in letzter Zeit öfter mal gehustet hatte, aber ich hatte nicht gewusst, dass sie Asthma hatte. Leute wie Jenna, Sharon und Bree – sie regierten unsere Schule. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, dass sie auch Probleme und Schwierigkeiten haben könnten. Nicht bevor Wicca in unser Leben gekommen war.

»Okay, Jennas Asthma«, meinte Cal. »Sonst noch etwas?«

Niemand von uns sagte etwas.

Cal senkte den Kopf und schloss die Augen und wir taten es ihm nach. Der Raum war erfüllt von unseren tiefen, gleichmäßigen Atemzügen, und ganz allmählich, mit jeder weiteren Minute, spürte ich, dass sich unsere Atemzüge einander anglichen, sich aufeinander einstellten, sodass wir zusammen ein- und ausatmeten.

Dann sagte Cal, mit lauter und ein wenig rauer Stimme:

»Gesegnet seien die Tiere, die Pflanzen und alles Lebendige.

Gesegnet seien die Erde, der Himmel, die Wolken, der Regen.

Gesegnet seien alle Menschen,

innerhalb von Wicca und außerhalb davon. Gesegnet seien Göttin und Gott und alle Geister, die uns helfen.

Gesegnet sei. Wir erheben unser Herz, unsere Stimme, unseren Geist zu Göttin und Gott.«

Wir bewegten uns sonnenwendig, und unsere Worte stiegen und fielen in einem Muster auf und ab und wurden zu einem Lied. Wir sprangen und tanzten abwechselnd in unserem Kreis, und das Lied wurde zu einem Freudenschrei, der den Raum und die Luft erfüllte. Ich lachte atemlos, fühlte mich glücklich und schwerelos und sicher in diesem Kreis. Auch Ethan lächelte, aber er war konzentriert, sein Gesicht war gerötet und seine Korkenzieherlocken hüpften um seinen Kopf herum. Sharons seidig schwarzes Haar flog und sie sah schön und sorgenfrei aus. Jenna wirkte wie eine blonde Feenkönigin und Matt war dunkel und entschlossen. Robbie bewegte sich mit neuer Anmut und Geschicklichkeit und wir tanzten immer schneller im Kreis. Das Einzige, was ich bei diesem Kreisritual vermisste, war Brees Gesicht.

Ich spürte, wie Energie aufstieg. Sie kringelte sich um uns herum, baute sich auf, wurde dichter und wirbelte durch unseren Kreis. Der Boden des Wohnzimmers war warm und glatt unter meinen Füßen, die in Socken steckten, und ich hatte das Gefühl, wenn ich Jennas und Sharons Hände losließ, würde ich durch die Decke in den Himmel davonfliegen. Als ich nach oben schaute, sah ich, dass sich die weiße Decke wabernd auflöste, um mir die tiefe indigofarbene Nacht und die weißen und gelben Sterne zu zeigen, die strahlend am Himmel standen. Von Ehrfurcht ergriffen, schaute ich nach oben und sah da, wo vorher nur eine normale Zimmerdecke gewesen war, die unendlichen Tiefen des Universums. Ich wollte die Hand ausstrecken und die Sterne berühren, und ohne zu zögern löste ich meine Hände und streckte die Arme über den Kopf.

Im selben Augenblick ließen alle anderen auch los und reckten die Arme hoch in die Luft, und der Kreis blieb stehen, wo er war, während sich die wirbelnde Energie weiter um uns schlängelte und immer stärker wurde. Ich griff nach den Sternen, spürte, wie die Energie gegen meine Wirbelsäule drückte.

»Nehmt die Energie in euch auf! «, rief Cal, und automatisch drückte ich die verschränkten Hände an meine Brust. Ich atmete Wärme ein und weißes Licht und spürte, wie sich sämtliche Sorgen auflösten. Ich schwankte auf den Füßen und versuchte noch einmal, die Sterne zu berühren. Ich langte nach oben und strich über ein winzig kleines stechendes Licht, dessen Berührung heiß und scharf an meinen Händen war. Es fühlte sich an wie ein Stern und ich zog die Hand an mich.

Mit dem Licht in der Hand sah ich die anderen an und überlegte, ob sie es sehen konnten. Cal war neben mir, weil ich immer zu viel Energie aktivierte und mich hinterher erden musste. Doch diesmal fühlte ich mich gut – nicht benommen, nur ganz leicht übel, nur glücklich und unbeschwert und voller Staunen.

»Wow«, flüsterte Ethan, den Blick auf mich gerichtet.

»Was ist das?«, fragte Sharon.

»Morgan! «, sagte Jenna ehrfürchtig. Ihr Atem klang gepresst und angestrengt und sie atmete schnell und flach. Ich wandte mich ihr zu. Ich hatte das Gefühl, ich könnte alles.

Ich streckte die Hand aus und drückte das Licht an ihre Brust. Sie keuchte mit einem leisen »Ah!« auf, und ich zog von einer Seite zur anderen eine Spur unterhalb ihrer Schlüsselbeine. Dann schloss ich die Augen, legte die Hand flach auf ihr Brustbein und spürte, wie das Sternenlicht in sie einsickerte. Sie keuchte noch einmal auf und taumelte auf ihren Füßen, und Cal streckte die Hand aus, doch ohne mich zu berühren. Unter meinen Fingern spürte ich, wie Jennas Lunge anschwoll, als sie Luft einsaugte. Ich spürte, wie sich die mikroskopisch kleinen Lungenbläschen öffneten, um Sauerstoff hineinzulassen, und die winzigen Kapillargefäße, die den Sauerstoff absorbierten. Ich fühlte, wie sich von den kleinsten Adern bis zu den dicken, festen Muskeln ihrer Luftröhrenäste alles wie in einem Dominoeffekt ausdehnte, sich löste, entspannte und Sauerstoff aufnahm.

Jenna keuchte.

Ich öffnete die Augen und lächelte.

»Ich kann atmen«, sagte Jenna langsam und legte sich die Hand auf die Brust. »Ich habe gemerkt, dass alles eng wurde, und wusste, dass ich nach dem Kreis mein Asthmaspray brauchen würde, aber ich wollte es nicht vor allen benutzen.« Jennas Blick suchte Matt und er trat zu ihr und legte ihr den Arm um die Schulter. »Sie hat mit dem Licht meine Lunge geöffnet und Luft hineingelassen«, sagte Jenna benommen.

»Okay, stopp«, sagte Cal und nahm behutsam meine Hände. »Hör auf, Dinge zu berühren. Du solltest dich jetzt wie an Samhain hinlegen und erden.«

Ich schüttelte seine Hand ab. »Ich will mich nicht erden«, sagte ich laut und deutlich. »Ich will es behalten. « Ich bewegte die Finger, wollte etwas anderes berühren und schauen, was passierte.

Cal sah mich an. Etwas flackerte in seinen Augen auf.

»Ich würde nur gern dieses Gefühl behalten«, erklärte ich.

»Energie kann nicht ewig verweilen«, sagte er. »Energie verharrt nicht … sie muss irgendwohin. Du willst nicht herumlaufen und Dinge mit Energie laden.«

Ich lachte. »Will ich nicht?«

»Nein«, versicherte er mir. Dann führte er mich zu einer freien Stelle auf dem polierten Holzfußboden, und ich legte mich hin, spürte die Kraft der Erde unter dem Rücken, spürte, wie das Wirbeln der Energie um mich herum und in mir immer langsamer wurde, wie sie von der uralten Erde aufgenommen wurde. Nach wenigen Minuten fühlte ich mich wieder ziemlich normal, nicht mehr so benommen und … vermutlich auch nicht mehr so betrunken. Wenigstens stellte ich es mir so vor, betrunken zu sein. Ich hatte nicht viel Erfahrung damit.

»Wieso kann sie das?«, fragte Matt, den Arm immer noch beschützend um Jenna.

Jenna atmete vorsichtig ganz tief durch. »Es ist so leicht«, wunderte sie sich. »Ich fühle mich … überhaupt nicht mehr eingeengt.«

Cal kicherte halb. »Manchmal könnte ich deswegen auch ausflippen. Morgan tut Dinge, die selbst für eine Hohepriesterin erstaunlich wären – für jemanden mit vielen Jahren Ausbildung und Erfahrung. Sie besitzt einfach sehr viel magische Kraft, das ist alles.«

»Du hast sie eine Bluthexe genannt«, sagte Ethan. »Sie ist eine, wie du. Aber wie kann das sein?«

»Ich möchte nicht darüber reden«, sagte ich und setzte mich auf. »Es tut mir leid, wenn ich – wieder mal – etwas gemacht habe, das ich nicht hätte tun dürfen. Ich wollte nur Jennas Atem in Ordnung bringen. Ich will nicht darüber reden, warum ich eine Bluthexe bin. Okay?«

Sechs Augenpaare sahen mich an. Die Mitglieder meines Hexenzirkels nickten und sagten: »Okay.« Nur in Cals Gesicht las ich die Botschaft, dass wir auf jeden Fall irgendwann darüber reden müssten.

»Ich habe Hunger«, beschwerte sich Ethan. »Hast du was zu futtern da?«

»Klar«, antwortete Matt und ging in die Küche.

»Schade, dass wir nicht wieder schwimmen gehen können«, meinte Jenna voller Bedauern.

»Wieso nicht?«, fragte Cal mit einem leicht anzüglichen Lächeln in meine Richtung. »Warum eigentlich nicht? Ich wohne nicht weit von hier.«

Ich fuhr zusammen und verschränkte die Arme über der Brust.

»Ausgeschlossen«, spottete Sharon zu meiner Erleichterung. »Selbst wenn der Pool beheizt ist, ist die Luft viel zu kalt. Ich hab keine Lust zu frieren.«

»Na gut«, meinte Cal. Matt kam mit einer Schüssel Popcorn herein und Cal nahm sich eine Handvoll. »Vielleicht ein andermal.«

Als niemand in unsere Richtung sah, schnitt ich ihm eine Grimasse und er lachte leise. Dann lehnte ich mich an ihn, fühlte seine Wärme und war glücklich. Es war ein fantastischer, belebender Kreis gewesen, auch ohne Bree.

Doch mein Lächeln verschwand, als ich überlegte, wo und vor allem mit wem sie und Raven wohl heute Abend zusammen waren.