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NACH SAMHAIN

Dieses Buch ist ein Geschenk für meine Strahlendhelle, meine Feuerfee, Bradhadair, zu ihrem vierzehnten Geburtstag. Willkommen in Belwicket. In Liebe, Mathair.

 

Dieses Buch ist privat. Zutritt verboten.

Imbolc, 1976

Hier ein einfacher magischer Spruch, um mein Buch der Schatten zu beginnen. Ich habe ihn von Betts Towson, nur dass ich schwarze Kerzen benutze und sie blaue.

 

Um eine schlechte Gewohnheit loszuwerden:

  1. Zünd Altarkerzen an.
  2. Zünd eine schwarze Kerze an. Sag dann laut: »Dies hemmt mich. Ich will es nie wieder tun. Es ist nicht mehr Teil von mir.«
  3. Zünd eine weiße Kerze an. Sag dann laut: »Dies sind meine Kraft und mein Mut und mein Sieg. Dieser Kampf ist schon gewonnen.«
  4. Stell dir im Geiste die schlechte Gewohnheit vor, die du loswerden möchtest. Stell dir vor, du bist frei davon. Nachdem du dir diese Freiheit einige Minuten vorgestellt hast, lösch erst die schwarze Kerze, dann die weiße.
  5. Wiederhol das Ritual falls nötig eine Woche später. Am besten bei abnehmendem Mond.

Ich habe dieses Ritual am letzten Donnerstag durchgeführt, als Teil meiner Initiation. Seither habe ich nicht mehr an den Nägeln gekaut.

– Bradhadair

 

Am Tag nach Samhain wurde ich ganz langsam wach. Ich versuchte, dem Licht hinter den geschlossenen Augenlidern zu widerstehen, doch schon bald war ich dennoch wach, ich konnte nichts dagegen tun.

In meinem Zimmer war es noch ziemlich dunkel. Es war der erste November und die Wärme des Herbstes hatte sich verabschiedet. Ich reckte mich, doch dann wurde ich plötzlich von so starken Erinnerungen und Empfindungen überschwemmt, dass ich mich kerzengerade im Bett aufsetzte.

Zitternd sah ich erneut vor mir, wie Cal sich über mich beugte und mich küsste. Sah mich, wie ich Cals Kuss erwiderte, die Arme um seinen Hals schlang, sein weiches Haar unter den Fingern spürte. Die Verbindung, die wir knüpften, unsere Magie, die Elektrizität, die Funken, die Art, wie das Universum um uns herumwirbelte … Ich bin eine Bluthexe, dachte ich. Ich bin eine Bluthexe, und Cal liebt mich, und ich liebe Cal. So ist es.

In der Nacht zuvor war ich zum ersten Mal geküsst worden, ich hatte meine erste Liebe gefunden. Ich hatte auch meine beste Freundin verraten und eine Spaltung meines neuen Hexenzirkels herbeigeführt. Und es war mir bewusst geworden, dass mich meine Eltern mein ganzes Leben lang angelogen hatten.

Und all das war an Samhain geschehen, am 31. Oktober, dem Neujahrsfest der Hexen. Mein neues Jahr, mein neues Leben.

Ich legte mich wieder hin, kuschelte mich in die tröstliche Behaglichkeit von Flanelllaken und Steppdecke. In der Nacht waren meine Träume Wirklichkeit geworden. Jetzt wurde mir mit einem kalten Gefühl im Magen bewusst, dass ich den Preis dafür zahlen musste. Ich fühlte mich viel älter als sechzehn.

Bluthexe, dachte ich. Cal sagte, ich wäre eine Bluthexe, und wie könnte ich nach der letzten Nacht, nach dem, was ich dort gemacht hatte, daran zweifeln? Es musste wahr sein. Ich war eine Bluthexe. In dem Blut, das durch meine Adern floss, waren mir Tausende Jahre gelebter Magie weitervererbt worden, Tausende Jahre, da Hexen untereinander geheiratet hatten.

Ich war eine von ihnen, ich entstammte einem der sieben großen Clans: Rowanwand, Wyndenkell, Leapvaughn, Vikroth, Brightendale, Burnhide und Woodbane.

Doch welchem? Rowanwand, Lehrern und Hütern des Wissens? Wyndenkell, kundigen Verfassern magischer Sprüche? Vikroth? Die Vikroth waren magische Krieger, die später mit den Wikingern verwandt waren. Ich lächelte. Ich fühlte mich nicht gerade wie eine Kriegerin.

Die Leapvaughns waren Unruhestifter und Possenreißer. Der Burnhide-Clan befasste sich hauptsächlich mit Magie mittels Edelsteinen, Kristallen und Metallen, und die Brightendales waren der Clan der Heiler, der die Magie der Pflanzen zum Heilen nutzte. Oder … Da war auch noch Woodbane. Mir schauderte. Ausgeschlossen, dass ich dem finsteren Clan entstammte, der um jeden Preis die Macht wollte, der die anderen Clans bekriegte und verriet, um Kontrolle über Land zu gewinnen, über magische Kräfte, über Wissen.

Ich überlegte. Falls ich tatsächlich von einem der sieben großen Clans abstammte, fühlte ich mich den Brightendales am nächsten, den Heilern. Ich hatte entdeckt, dass ich Pflanzen liebte, dass sie zu mir sprachen, dass es mir ganz natürlich gegeben war, ihre magischen Kräfte zu nutzen. Ich schlang die Arme um den Oberkörper und lächelte. Eine Brightendale. Eine richtige Bluthexe.

Was bedeutet, dass meine Eltern auch Bluthexen sein müssen, dachte ich. Ein verblüffender Gedanke. Ich überlegte, warum wir, solange ich denken konnte, jeden Sonntag in die Kirche gingen. Ich meine, ich mochte meine Kirche. Ich ging gern zum Gottesdienst. Es war schön, traditionell und tröstlich. Aber Wicca kam mir viel natürlicher vor.

Ich setzte mich wieder im Bett auf. Zwei Bilder überrannten mich immer wieder: wie Cal sich über mich beugte, seine goldbraunen Augen fest auf meine gerichtet. Und daneben Bree, meine beste Freundin – Schock und Schmerz standen ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mit ansehen musste, wie Cal und ich uns küssten. Die Vorwürfe, der Schmerz, das Verlangen. Und Zorn.

Was habe ich bloß getan?, überlegte ich.

Ich hörte, wie meine Eltern unten in der Küche Kaffee aufsetzten und die Geschirrspülmaschine ausräumten. Ich ließ mich wieder ins Kissen sinken und lauschte den vertrauten Geräuschen: In meinem Leben hatte sich seit vergangener Nacht äußerlich überhaupt nichts verändert.

Jemand öffnete die Haustür, um die Zeitung reinzuholen. Heute war Sonntag, was Kirche bedeutete, gefolgt von Brunch im Widow’s Diner. Würde ich Cal später sehen? Würde ich mit ihm reden? Waren wir jetzt zusammen, waren wir ein Paar? Er hatte mich vor den anderen geküsst – bedeutete das etwas? Fühlte sich Cal Blaire, der schöne Cal Blaire, wirklich zu mir hingezogen, zu mir, Morgan Rowland? Zu mir, mit meiner flachen Brust und meiner energischen Nase? Zu mir, für die Jungen normalerweise keinen zweiten Blick übrighatten?

Ich starrte zur Decke hinauf, als ob die Antworten dort auf der rissigen Tapete stünden. Als die Tür zu meinem Zimmer plötzlich aufgerissen wurde, fuhr ich im Bett hoch.

»Kannst du mir das erklären?«, fragte meine Mutter, die braunen Augen weit aufgerissen, die Lippen zusammengekniffen, tief eingegrabene Falten um den Mund. Sie hielt ein paar Bücher hoch, die mit einer Schnur zu einem kleinen Stapel zusammengebunden waren. Es waren die Bücher, die ich bei Bree deponiert hatte, weil meine Eltern nicht wollten, dass ich sie las, meine Bücher über Wicca, die sieben großen Clans, die Geschichte der Hexerei. Auf einem Zettel, der an den Büchern klebte, stand in Großbuchstaben: »Morgan – die hast Du bei mir vergessen. Dachte mir, Du könntest sie brauchen.« Ich setzte mich auf und begriff, dass das Brees Rache war.

»Ich dachte, wir hätten eine Vereinbarung«, sagte meine Mutter und hob die Stimme. Sie beugte sich aus meiner Schlafzimmertür hinaus und rief: »Sean! «

Ich schwang die Beine aus dem Bett. Der Fußboden war kalt und ich schob rasch die Füße in meine Pantoffeln.

»Also?«, fragte meine Mutter betont laut, und mein Vater kam alarmiert in mein Zimmer.

»Mary Grace?«, fragte er. »Was ist los?«

Mom hielt die Bücher hoch, als wären sie eine tote Ratte. »Die lagen auf der Veranda vor dem Haus!«, sagte sie. »Sieh dir den Zettel an! «

Sie wandte sich wieder zu mir um. »Was hat das zu bedeuten?«, wollte sie ungläubig wissen. »Als ich gesagt habe, ich will diese Bücher nicht im Haus haben, hieß das nicht, dass es mir recht wäre, wenn du sie bei jemand anderem deponiertest! Du weißt, was das hieß, Morgan!«

»Mary Grace«, sagte mein Vater beschwichtigend und nahm ihr die Bücher ab. Schweigend las er die Titel.

Meine jüngere Schwester, Mary K., kam ins Zimmer getappt, sie trug noch ihren karierten Patchwork-Schlafanzug. »Was ist los?«, fragte sie und schob sich die Haare aus den Augen. Niemand antwortete.

Meine Gedanken rasten. »Die Bücher sind weder gefährlich noch illegal. Und ich wollte sie lesen. Ich bin kein Kind mehr – ich bin sechzehn. Und ich habe euren Wunsch respektiert, dass ihr sie nicht im Haus haben wollt.«

»Morgan«, sagte mein Vater in ungewohnt strengem Tonfall. »Es geht nicht nur darum, die Bücher nicht im Haus zu haben, und das weißt du sehr genau. Wir haben dir erklärt, dass wir als Katholiken Hexerei für falsch halten. Mag sein, dass es nicht illegal ist, aber es ist Blasphemie. «

»Du bist sechzehn«, warf Mom ein. »Nicht achtzehn. Das bedeutet, dass du immer noch ein Kind bist.« Ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar ungekämmt. Ich konnte in dem Rot silberne Strähnen sehen. Auf einmal wurde mir bewusst, dass sie in vier Jahren fünfzig sein würde. Plötzlich kam mir das richtig alt vor.

»Du lebst unter unserem Dach«, fuhr Mom streng fort. »Wir unterstützen dich. Wenn du achtzehn bist und ausziehst und dir eine Arbeit suchst, kannst du alle Bücher besitzen, die du haben willst, kannst lesen, wonach dir der Sinn steht. Aber solange du in diesem Haus lebst, gilt, was wir sagen.«

Ich wurde langsam zornig. Warum stellten sie sich so an?

Doch bevor ich etwas sagte, ging mir ein Vers durch den Kopf: Zügele meinen Zorn, beruhige meine Worte. Sprich in Liebe und verletze nicht.

Wo kommt das her?, überlegte ich vage. Doch wo immer es herkam, es stimmte. Ich sagte es mir dreimal in Gedanken vor und spürte, wie mein innerer Aufruhr etwas abebbte.

»Verstehe«, sagte ich. Plötzlich fühlte ich mich stark und selbstbewusst. Ich sah meine Eltern und meine Schwester an. »Aber, Mom, so einfach ist das nicht«, erklärte ich leise. »Und du weißt auch, warum. Ich weiß, dass du es weißt. Ich bin eine Hexe. Ich wurde als Hexe geboren. Und wenn dem so ist, dann bist du auch eine Hexe.«