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WER ICH BIN
1. September 1982
Heute ziehen wir aus diesem Dreckloch weg in eine Stadt etwa drei Stunden nördlich von hier. Sie heißt Meshomah Falls. Ich glaube, Meshomah ist ein Indianerwort. Sie haben hier überall indianische Worte. Die Stadt ist klein und sehr hübsch, fast ein bisschen wie zu Hause. Wir haben schon Arbeit gefunden - ich als Bedienung in dem kleinen Café der Stadt und Angus bei einem ortsansässigen Zimmermann. Letzte Woche haben wir in dieser Stadt Leute in wunderlicher, altmodischer Kleidung gesehen. Ich habe einen Mann danach gefragt, und er sagte, sie gehörten zu den Amisch.
Angus ist letzte Woche aus Irland zurückgekommen. Ich wollte nicht, dass er geht, und ich konnte bis jetzt nicht darüber schreiben. Er ist nach Irland geflogen und er war auch in Ballynigel. Von der Stadt ist nicht viel übrig. Alle Häuser, in denen Hexen gelebt haben, sind bis auf die Grundmauern abgebrannt und wurden nun völlig dem Erdboden gleichgemacht, um dort neu zu bauen. Er sagte, von uns ist niemand mehr übrig, er konnte niemanden finden. Drüben in Much Bencham hat er eine Geschichte über eine gewaltige dunkle Welle aufgeschnappt, die die Stadt ausgelöscht hat, eine Welle ohne Wasser. Ich weiß nicht, was so etwas Gewaltiges, so etwas Mächtiges auslösen oder schaffen könnte. Vielleicht viele Hexenzirkel, die zusammengearbeitet haben. Ich hatte Angst, als er abreiste, und dachte, ich würde ihn nie wiedersehen. Er wollte heiraten, bevor er ging, und ich habe Nein gesagt. Ich kann niemanden heiraten. Nichts ist von Dauer, ich will mir nichts vormachen. Wie auch immer, er hat das Geld genommen, ist nach Hause gefahren und hat nichts als einen Haufen verbrannter, leerer Felder gefunden.
Jetzt ist er hier, und wir ziehen um, und in dieser neuen Stadt kann dann, so hoffe ich, ein neues Leben anfangen.
- M.R.
Am Nachmittag wollte ich mich darum kümmern, was aus meinen Wicca-Büchern geworden war. Ich legte mich aufs Bett und warf meine Sinne aus, tastete mich gewissermaßen durchs ganze Haus. Lange Zeit fand ich gar nichts, und ich dachte schon, ich würde nur meine Zeit vergeuden. Doch dann, nach ungefähr fünfundvierzig Minuten, spürte ich die Bücher im Schrank meiner Mutter auf, ganz hinten in einem Koffer. Ich schaute nach, und siehe da, sie waren genau dort. Ich nahm sie mit in mein Zimmer und legte sie auf meinen Schreibtisch. Wenn Mom oder Dad deswegen ein großes Theater machen wollten, dann sollten sie doch. Mir reichte es mit dem Schweigen.
Am Sonntagabend saß ich an meinem Schreibtisch und machte meine Mathehausaufgaben, als meine Eltern an meine Tür klopften.
»Herein«, sagte ich.
Die Tür ging auf und die Musik aus Mary K.s Zimmer drang lauter zu mir herein. Ich zuckte zusammen. Unser Musikgeschmack lag Welten auseinander.
Ich sah meine Eltern an, die in der Tür standen. »Ja?«, sagte ich kühl.
»Können wir reinkommen?«, fragte Mom.
Ich zuckte die Achseln.
Mom und Dad kamen herein und setzten sich auf mein Bett. Ich versuchte, den Blick nicht auf die Wicca-Bücher auf meinem Schreibtisch zu richten.
Dad räusperte sich und Mom nahm seine Hand.
»Die letzte Woche war sehr … schwer für uns alle«, sagte Mom zögernd und unbehaglich. »Du hattest Fragen, und wir waren nicht bereit, sie zu beantworten.«
Ich wartete.
Sie seufzte. »Wenn du es nicht selbst herausgefunden hättest, hätte ich dir wahrscheinlich nie von der Adoption erzählen wollen«, sagte sie, die letzten Worte kaum mehr als ein Flüstern. »Ich weiß, dass das nicht das ist, was allgemein empfohlen wird. Es heißt immer, man solle offen damit umgehen. Ehrlich.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber es dir zu sagen schien keine gute Idee zu sein.« Sie hob den Blick zu meinem Vater und er nickte ihr zu. Dann schaute sie wieder zu mir. »Jetzt weißt du es«, sagte sie. »Jedenfalls zum Teil. Vielleicht ist es sogar das Beste für dich, so viel zu wissen wie wir. Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nicht mehr, was das Beste ist. Aber es scheint, als hätten wir keine Wahl.«
»Ich habe ein Recht, es zu erfahren«, sagte ich. »Es geht um mein Leben. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Es ist da, jeden Tag.«
Mom nickte. »Ja, das verstehe ich. Also.« Sie holte tief Luft und senkte den Blick für einen Moment in ihren Schoß. »Du weißt, dass Daddy und ich geheiratet haben, als ich zweiundzwanzig war und er vierundzwanzig. «
»Ja.«
»Wir wollten gleich von Anfang an eine Familie gründen«, sagte meine Mutter. »Wir haben es acht Jahre lang versucht, ohne Erfolg. Die Ärzte haben eine Sache nach der anderen gefunden, die mit mir nicht stimmte. Hormonelles Ungleichgewicht, Endometriose … Es kam so weit, dass ich jeden Monat, wenn ich meine Periode bekam, drei Tage lang weinte, weil ich wieder nicht schwanger war.«
Mein Vater hielt den Blick auf sie gerichtet. Er löste seine Hand aus ihrer und legte ihr den Arm um die Schulter.
»Ich habe zu Gott gebetet, er möge mir ein Baby schicken«, sagte Mom. »Ich habe Kerzen angezündet und Novenen gebetet. Schließlich haben wir uns an eine Adoptionsagentur gewandt, und dort hieß es, es könnte drei oder vier Jahre dauern. Aber wir haben trotzdem eine Adoption beantragt. Dann …«
»Dann rief uns eines Abends ein Bekannter an, ein Anwalt«, sagte mein Vater.
»Es regnete«, warf meine Mutter ein, während ich in Gedanken ihre Freunde durchging und überlegte, ob darunter ein Anwalt war.
»Er sagte, er habe ein Baby«, fuhr Dad fort. Er rutschte von einer Pobacke auf die andere und schob seine Hände unter die Knie. »Ein kleines Mädchen, das adoptiert werden müsse, eine private Adoption.«
»Wir haben gar nicht lange überlegt«, sagte Mom. »Wir haben einfach Ja gesagt! Also ist er in der Nacht vorbeigekommen und hat mir das Baby in die Arme gelegt. Und ich habe einen Blick darauf geworfen und gewusst, dass dies mein Baby war, das, wofür ich so lange gebetet hatte.« Ihre Stimme brach und sie rieb sich die Augen.
»Das warst du«, sagte Dad überflüssigerweise. Er lächelte bei der Erinnerung daran. »Du warst sieben Monate alt und einfach …«
»Perfekt«, unterbrach Mom ihn, und ihr Gesicht strahlte. »Du warst rundlich und gesund, hattest lockiges Haar und hast mit deinen großen Augen zu mir aufgeschaut … Ich wusste, du warst es. In diesem Augenblick wurdest du mein Kind, und ich hätte jeden umgebracht, der versucht hätte, dich mir wieder wegzunehmen. Der Anwalt sagte, deine leiblichen Eltern seien zu jung, um ein Kind aufzuziehen, und hätten ihn gebeten, ein gutes Zuhause für dich zu suchen.« Sie schüttelte den Kopf über die Erinnerung. »Wir haben nicht überlegt und keine Fragen gestellt. Alles, was ich wusste, war, dass ich mein Baby hatte, und offen gestanden war es mir egal, woher du kamst und warum.«
Ich biss die Zähne zusammen und merkte, dass meine Kehle schmerzte. Hatten meine leiblichen Eltern mich jemandem anvertraut, der sich um mich kümmern sollte, weil sie wussten, dass sie in Gefahr waren? Hatte der Anwalt die Wahrheit gesagt? Oder war ich einfach irgendwo gefunden worden, nachdem sie tot waren?
»Du warst alles, was wir uns je gewünscht hatten«, sagte Dad. »In dieser Nacht hast du zwischen uns in unserem Bett geschlafen, und am nächsten Tag sind wir alle möglichen Babysachen kaufen gegangen, von denen wir je gehört hatten. Es war wie tausendmal Weihnachten: All unsere Träume waren durch dich wahr geworden. «
»Eine Woche später«, sagte Mom schniefend, »lasen wir von einem Brand in Meshomah Falls. Dass in einer Scheune, die völlig ausgebrannt war, zwei Leichen gefunden wurden. Als man sie identifiziert hatte, stimmten ihre Namen mit denen auf deiner Geburtsurkunde überein.«
»Wir wollten mehr darüber wissen, aber wir wollten auch nichts tun, was die Adoption gefährden könnte«, sagte mein Vater und schüttelte den Kopf. »Ich schäme mich, es zuzugeben, aber wir wollten dich unter allen Umständen behalten.«
»Aber Monate später, nachdem die Adoption abgeschlossen war – sie ging sehr schnell durch und schließlich war alles legal und niemand konnte uns dich wieder wegnehmen –, haben wir versucht, mehr in Erfahrung zu bringen«, fuhr meine Mutter fort.
»Wie?«, fragte ich.
»Wir haben versucht, den Anwalt anzurufen, doch er hatte einen Job in einem anderen Staat gefunden. Wir haben ihm Nachrichten hinterlassen, doch er hat nie zurückgerufen. Es war irgendwie seltsam«, fügte Dad hinzu. »Es schien fast, als ginge er uns aus dem Weg. Schließlich haben wir es aufgegeben. Ich bin die Zeitungen durchgegangen«, fuhr er fort. »Ich habe mich mit dem Reporter unterhalten, der den Artikel über den Brand geschrieben hatte, und er hat Kontakt zu der Polizei von Meshomah Falls hergestellt. Danach habe ich in Irland recherchiert, als ich dort auf Geschäftsreise war. Das war, als du ungefähr zwei Jahre alt warst und deine Mutter mit Mary K. schwanger war.«
»Was hast du herausgefunden?«, fragte ich leise.
»Bist du dir sicher, dass du es wirklich wissen willst?«
Ich nickte und hielt mich an meinem Schreibtischstuhl fest. »Ja, ich will es wissen«, sagte ich mit kräftigerer Stimme. Ich wusste bisher das, was Alyce mir erzählt hatte und was ich in der Bibliothek herausgefunden hatte. Ich musste mehr wissen. Ich musste alles wissen.
»Maeve Riordan und Angus Bramson sind in der brennenden Scheune gestorben«, sagte mein Vater und senkte den Blick, als wollte er die Worte von seinen Schuhen ablesen. »Es war Brandstiftung … Mord«, erklärte er. »Das Scheunentor war von außen verriegelt und rund um das Gebäude war Benzin vergossen worden. «
Ich zitterte und sah meinen Vater mit großen Augen an. Ich hatte nirgendwo gelesen, dass es tatsächlich Mord war.
»Auf einigen verkohlten Holzstücken fanden sie Symbole«, sagte Mom. »Sie wurden als Runen identifiziert, aber niemand wusste, warum sie dort standen oder warum Maeve und Angus umgebracht worden waren. Sie hatten zurückgezogen gelebt, hatten keine Schulden gehabt, waren sonntags in die Kirche gegangen. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt.«
»Und in Irland?«
Dad nickte und rutschte wieder von einer Pobacke auf die andere. »Ich hatte, wie gesagt, geschäftlich dort zu tun, deswegen hatte ich nicht viel Zeit. Ich wusste nicht mal, wonach ich suchen sollte. Aber ich machte einen Tagesausflug in die Stadt, aus der, laut der Polizei von Meshomah Falls, Maeve Riordan stammte: Ballynigel. Als ich dort hinkam, war von einer Stadt nicht viel zu sehen. Zwei Läden in einer Hauptstraße und ein oder zwei neue hässliche Wohnblocks. In meinem Reiseführer hatte gestanden, es sei ein malerischer alter Fischerort, aber davon war kaum noch etwas übrig.«
»Hast du herausgefunden, was passiert war?«
»Nicht richtig«, sagte Dad und streckte die Hände aus. »Es gab einen Zeitungskiosk, einen kleinen Laden. Als ich dort danach fragte, hat die alte Dame mich rausgeworfen und die Tür hinter mir zugeknallt.«
»Dich rausgeworfen?«, fragte ich verwundert.
Dad stieß ein trockenes Kichern aus. »Ja. Nachdem ich eine Weile herumspaziert war und nichts gefunden hatte, fuhr ich in den nächsten Ort – ich glaube, der hieß Much Bencham – und aß dort im Pub zu Mittag. An der Bar saßen ein paar alte Männer, die mich ins Gespräch zogen und wissen wollten, woher ich käme. Ich fing an zu erzählen, aber sobald ich Ballynigel erwähnte, wurden sie stumm. ›Warum wollen’sen des wissen? ‹, fragten sie misstrauisch. Ich sagte, ich mache für die Reiseseite meiner Lokalzeitung Recherchen für eine Geschichte über kleine irische Küstenstädte.«
Ich starrte meinen Vater an, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass er auf der Suche nach meiner Geschichte munter Fremde angelogen hatte. Er hatte all das gewusst, beide hatten es gewusst, fast mein ganzes Leben lang. Und sie hatten es mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt.
»Um es kurz zu machen – ich fand schließlich heraus, dass Ballynigel bis vier Jahre zuvor tatsächlich eine kleine, blühende Stadt gewesen war. Doch 1982 war sie plötzlich zerstört worden. Vom Teufel zerstört, sagten sie.«
Ich bekam kaum Luft. Das war so ähnlich wie das, was Alyce erzählt hatte. Meine Mutter kaute nervös an der Unterlippe, ohne mich anzusehen.
»Sie sagten, Ballynigel sei eine Stadt der Hexen gewesen, die meisten Bewohner seien Nachkommen von Hexen gewesen, seit Tausenden von Jahren. Sie nannten sie die alten Clans. Sie sagten, der Teufel wäre aufgestiegen und hätte die Hexen zerstört, und sie wussten nicht, warum, aber sie wussten, dass man sich niemals mit einer Hexe einlassen sollte.« Dad hustete und räusperte sich. »Ich lachte und sagte, ich glaubte nicht an Hexen. Und sie sagten: ›Du bist vielleicht ein Dummkopf.‹ Sie sagten, es gäbe Hexen, und in Ballynigel habe ein mächtiger Hexenzirkel existiert, bis zu der Nacht, da er zerstört worden war und mit ihm die ganze Stadt. Dann kam mir ein Gedanke und ich fragte: ›Ist jemand entkommen?‹ Sie sagten, ein paar Menschen. Menschen, nannten sie sie, als gäbe es da einen Unterschied. Ich fragte: ›Und Hexen?‹ Da schüttelten sie die Köpfe und sagten, wenn irgendwelche Hexen entkommen wären, wären sie niemals sicher, egal wohin sie gingen. Sie würden gejagt und früher oder später umgebracht.«
Doch zwei Hexen waren entkommen, sie waren nach Amerika ausgewandert. Wo sie drei Jahre später einen gewaltsamen Tod gefunden hatten.
Mom hatte aufgehört zu schniefen. Sie sah meinen Vater jetzt an, als hätte sie diese Geschichte viele Jahre lang nicht gehört.
»Ich bin heimgekommen und habe deiner Mutter alles erzählt, und, um ehrlich zu sein, wir hatten ganz schön Angst. Wir dachten daran, wie deine leiblichen Eltern ums Leben gekommen waren. Offen gestanden hat es uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Wir dachten, da draußen würde ein Psychopath rumlaufen, der diese Leute jagte, und wenn er von dir wüsste, wärst du in großer Gefahr. Also haben wir beschlossen, unser Leben zu leben, und haben nie wieder über deine Vergangenheit gesprochen.«
Ich saß da und verwob diese Geschichte mit dem, was Alyce mir erzählt hatte. In diesem Augenblick konnte ich beinahe verstehen, warum meine Eltern das alles für sich behalten hatten. Sie hatten versucht, mich zu schützen. Mich vor dem zu beschützen, was meine leiblichen Eltern umgebracht hatte.
»Wir wollten deinen Vornamen ändern«, sagte Mom. »Aber in deinen Papieren stand Morgan. Also haben wir dir einen Kosenamen gegeben.«
»Molly«, sagte ich und es dämmerte mir. Bis zur vierten Klasse war ich Molly gewesen, doch dann hatte ich den Namen schrecklich gefunden und darauf bestanden, Morgan genannt zu werden.
»Ja. Und zu der Zeit, als du wieder Morgan sein wolltest, fühlten wir uns sicher«, sagte Mom. »Vieles hatte sich verändert und wir hatten nie wieder etwas über Meshomah Falls oder Ballynigel oder Hexen gehört. Wir dachten, wir hätten das alles hinter uns gelassen.«
»Dann haben wir deine Wicca-Bücher gefunden«, sagte Dad. »Und plötzlich war alles wieder da, all die alten Erinnerungen, die schrecklichen Geschichten, die Angst. Ich dachte, jemand hätte dich gefunden und hätte dir diese Bücher aus einem bestimmten Grund gegeben.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe sie selbst gekauft.«
»Vielleicht waren wir unvernünftig«, sagte Mom langsam. »Aber du weißt nicht, wie es ist, wenn man sich Sorgen macht, das eigene Kind könnte einem geraubt werden oder es könnte ihm etwas zustoßen. Vielleicht ist das, was du machst, ganz harmlos, und die Leute, mit denen du es tust, wollen dir nichts Böses. «
»Natürlich wollen sie mir nichts Böses«, sagte ich und dachte an Cal, seine Mutter und meine Freunde.
»Aber wir können nicht anders, wir haben Angst«, sagte mein Vater. »Ich habe eine ganze Stadt gesehen, die ausgelöscht wurde. Ich habe von der abgebrannten Scheune gelesen und in Irland mit den alten Männern geredet. Wenn Hexerei so etwas mit sich bringt, wollen wir nicht, dass du irgendetwas damit zu tun hast.«
Schweigend saßen wir ein paar Minuten da, während ich versuchte, das Gehörte zu verdauen. Ich war überwältigt von Gefühlen, doch mein Zorn hatte sich größtenteils gelegt.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Ich atmete tief durch. »Ich bin froh, dass ihr es mir erzählt habt. Vielleicht hätte ich es, als ich jünger war, auch nicht verstanden. Aber ich finde immer noch, ihr hättet mir früher sagen sollen, dass ich adoptiert bin. Ich hätte es wissen müssen.«
Meine Eltern nickten und meine Mutter seufzte schwer.
»Aber ich habe das starke Gefühl, dass Wicca nichts mit dieser … Katastrophe in Irland zu tun hat. Es ist nur … ein seltsamer Zufall. Ich meine, Wicca ist ein Teil von mir. Und ich weiß, dass ich eine Hexe bin. Aber das, was wir tun, kann unmöglich etwas von dem heraufbeschwören, was ihr mir erzählt habt.«
Meine Mutter sah mich an, als wollte sie mich noch etwas fragen, die Antworten aber eigentlich nicht hören. Sie schwieg.
»Wie kommt es, dass ihr dann doch noch Mary K. bekommen habt?«, fragte ich.
»Ich weiß nicht«, sagte Mom leise. »Es ist einfach passiert. Und nach Mary K. bin ich nie wieder schwanger geworden. Gott wollte, dass ich zwei Töchter habe, und ihr beide habt unermessliche Freude in unser Leben gebracht. Ihr liebe euch beide so sehr, dass ich den Gedanken nicht ertrage, du könntest in Gefahr sein. Deswegen möchte ich, dass du die Finger von der Hexerei läst. Ich flehe dich an, dich davon fernzuhalten.«
Sie fing an zu weinen und da fing ich natürlich auch an zu weinen. Es war einfach zu viel.
»Aber das kann ich nicht!«, jammerte ich und schnäuzte mich. »Es ist ein Teil von mir. Es ist natürlich. Es ist, als hätte man braune Haare oder große Füße. Es ist … in mir.«
»Du hast keine großen Füße«, beschwerte sich mein Vater.
Ich konnte nicht anders, ich musste trotz der Tränen lachen.
»Ich weiß, dass ihr mich liebt und das Beste für mich wollt«, sagte ich und wischte mir die Augen. »Und ich liebe euch und will euch nicht verletzen oder enttäuschen. Aber es ist, als würdet ihr mich bitten, nicht mehr Morgan zu sein.« Ich blickte auf.
»Wir wollen, dass du sicher bist!«, sagte meine Mutter und sah mir fest in die Augen. »Wir wollen, dass du glücklich bist.«
»Ich bin glücklich«, sagte ich. »Und versuche immer, gut auf mich aufzupassen.«
Die Musik, die über den Flur hereindrang, ging aus, und wir hörten, wie Mary K. das Badezimmer betrat, das ihr und mein Zimmer miteinander verband. Das Wasser lief, und wir hörten, wie sie sich die Zähne putzte. Dann ging die Tür wieder zu und alles war still.
Ich sah meine Eltern an. »Danke, dass ihr es mir erzählt habt«, sagte ich. »Ich weiß, dass es schwer war, aber ich bin froh, dass ihr es getan habt. Ich musste es wissen. Und ich denke darüber nach, was ihr gesagt habt. Versprochen.«
Mom seufzte und sie und mein Vater sahen einander an. Sie standen auf und wir umarmten uns – zum ersten Mal seit einer Woche.
»Wir lieben dich«, sagte Mom in mein Haar.
»Ich liebe euch auch«, sagte ich.