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FEINDINNEN

15. Dezember 1982

Wir bereiten uns zum ersten Mal im Leben darauf vor, Weihnachten zu feiern. Wir besuchen die katholische Kirche in der Stadt. Die Leute sind sehr nett. Es ist witzig, dieses ganze Weihnachtszeug - es ist unserem Jul so ähnlich. Der Christblock, die Farben Rot und Grün, die Mistelzweige. Diese Dinge haben immer zu meinem Leben dazugehört. Es kommt mir seltsam vor, praktizierende Katholikin zu sein und nicht mehr das, was wir einst waren.

Diese Stadt ist hübsch und viel grüner als New York City. Hier kann ich die Natur sehen und den Regen riechen. Es ist kein Haufen hässlicher grauer Kisten, zwischen denen unglückliche Menschen herumlaufen.

Immer wieder erwische ich mich dabei, dass ich für dies oder jenes einen kleinen magischen Spruch sagen möchte - um die Nacktschnecken aus dem Garten zu vertreiben, für mehr Sonne, damit mein Brot aufgeht. Aber ich tue es nicht. Mein ganzes Leben ist schwarzweiß und so muss es jetzt sein. Keine magischen Sprüche, keine Magie, keine Rituale, keine Reime. Nicht hier. Nie wieder.

Trotzdem, ich liebe unser kleines Haus. Es ist hübsch und leicht sauber zu halten. Wir sparen, um uns eine Waschmaschine kaufen zu können. Das muss man sich mal vorstellen! In Amerika hat jeder eine eigene Waschmaschine.

Ich kann den Schrecken dieses Jahres einfach nicht vergessen. Er ist auf ewig in meine Seele eingebrannt. Aber ich bin froh, hier an diesem neuen Ort zu sein, in Sicherheit, mit Angus.

– M.R.

 

»Gehst du am Freitag zu dem Spiel?«, fragte mich Tamara.

Ich zog meine Schuhe aus und verstaute sie in meinem Turnhallen-Schließfach. Die Luft im Umkleideraum der Mädchen roch nach der gewohnten Mischung aus Babypuder und Shampoo. Tamara zog ihre Sportshorts an und setzte sich, um sich Sportsocken anzuziehen.

»Ich weiß nicht«, antwortete ich und zog mir mein T-Shirt über den Kopf. Als ich rasch in meine restlichen Sportsachen schlüpfte, sah ich, dass Tamaras Blick an dem kleinen silbernen Pentagramm um meinen Hals hängen blieb. Sie wandte den Blick ab, und ich war mir nicht sicher, ob sie die Bedeutung kannte. Ob sie wusste, dass es ein Symbol für meine Hingabe zu Wicca und zu Cal war. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, bückte ich mich, um ebenfalls Sportsocken anzuziehen. Auf der anderen Seite des Raums stand Bree vor ihrem Schließfach und zog sich um. Da Raven in der Abschlussklasse war, hatte sie Sport nicht mit uns. Es war ungewohnt, Bree allein zu sehen.

Einen Moment lang begegnete Bree meinem Blick und die Kälte in ihren Augen schockierte mich. Ich konnte mir unmöglich vorstellen, ihr von meinen gewaltigen Neuigkeiten zu erzählen: dass ich herausgefunden hatte, dass ich adoptiert war, und die Geschichte meiner leiblichen Eltern. Wir hatten uns versprochen, uns immer alles zu erzählen, und bis zu diesem Schuljahr hatten wir das auch getan. Sie hatte mir erzählt, wie sie ihre Jungfräulichkeit verloren hatte, wie sie zum ersten Mal Marihuana probiert hatte und wie sie hinter die Affäre ihrer Mutter gekommen war. Meine eigenen Geständnisse waren sehr viel banaler gewesen.

»Rate mal, wer mich um ein Date gebeten hat«, sagte Tamara und fasste ihre dichten Locken zu einem bauschigen Pferdeschwanz zusammen.

»Wer?«, fragte ich und flocht mir meine Haare rasch zu zwei langen Zöpfen, mit denen ich aussah wie eine irische Pocahontas.

Tamara senkte die Stimme. »Chris Holly.«

Ich machte große Augen. »Nein! Was hast du gesagt? «, flüsterte ich.

»Ich hab Nein gesagt. Erstens bin ich mir sicher, dass er nur gefragt hat, weil er in Trigonometrie durchrasseln wird und Hilfe braucht, und zweitens habe ich mitgekriegt, was für ein Blödmann er Bree gegenüber war.« Sie sah mich mit ihren dunkelbraunen Augen an. »Redet ihr zwei immer noch nicht miteinander?«

Ich schüttelte den Kopf.

Tamara tat es mir nach. Ich schob meine Füße in meine Turnschuhe und schnürte sie zu.

»Und, hast du dich an Cal rangemacht?«, fragte sie.

»Nein«, sagte ich wahrheitsgemäß. »Ich meine, ich war verrückt nach ihm, aber ich wusste, dass Bree auf ihn stand. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie zusammenkommen würden. Aber dann … dann hat er sich für mich entschieden.« Achselzuckend schob ich mir die Zöpfe hinten in mein T-Shirt, damit sie mir nicht ums Gesicht fegten. Ms Lew, unsere Sportlehrerin, blies in ihre Trillerpfeife. Ms Lew liebte diese Pfeife.

»Draußen regnet es, Mädchen!«, rief sie mit ihrer klaren Stimme. »Also lauft ihr fünf Runden durch die Halle!«

Wir stöhnten wie erwartet und joggten dann aus der Umkleidekabine. Tamara und ich gingen schnell an Bree vorbei, die so langsam wie möglich lief.

»Hexe«, hörte ich Bree zischen, als ich vorbeilief. Meine Wangen brannten, und ich tat so, als hätte ich nichts gehört.

»Sie hat dich Hexe genannt«, flüsterte Tamara wütend. »Ich fass es nicht, dass sie so eine Spielverderberin ist«, fügte sie hinzu. »Ich meine, die beiden hatten doch nichts miteinander. Abgesehen davon kann sie jeden anderen haben, den sie will. Muss sie wirklich alle haben?«

Wir wurden mit Johlen und Pfeifen begrüßt, als die Jungen aus ihrer Umkleidekabine drängten und in die entgegengesetzte Richtung liefen. Ich hörte den Regen gegen die kleinen Fenster hoch oben in den Wänden der Turnhalle schlagen.

»Hey, Baby!«

»Siehst gut aus!«

Ich verdrehte die Augen, als die Jungen vorbeiliefen. Robbie zog eine Grimasse, als er an mir vorbeikam, und ich lachte.

»Bree hat gesagt, sie hätten sich einmal getroffen«, sagte ich und fing an zu keuchen. Genau genommen hatte sie gesagt, sie wäre mit Cal im Bett gewesen. Was nicht ganz dasselbe war.

Tamara zuckte die Achseln. »Vielleicht, aber mir ist nichts davon zu Ohren gekommen. Es kann eh nicht viel bedeutet haben. Oh, rate mal, wer Janice um ein Date gebeten hat! Du kriegst überhaupt nichts mehr mit von dem ganzen Klatsch.«

»Wer?«

»Ben Reggio«, verkündete Tamara. »Sie haben sich zweimal zum Lernen verabredet.«

»O toll«, sagte ich. »Sie passen gut zusammen. Ich hoffe, es funktioniert.«

Es war angenehm normal, mit Tamara über alltägliches Highschoolzeug zu reden. So aufregend, fantastisch und mächtig meine Wicca-Erfahrungen auch waren, sie gaben mir leicht das Gefühl, isoliert zu sein. Und sie waren ziemlich kräftezehrend. Es war schön, mal ein paar Minuten nicht über etwas Tiefschürfendes oder Leben veränderndes nachdenken zu müssen.

Nach unseren Runden wurden wir für ein Volleyballspiel in Mannschaften aufgeteilt. Die Mädchen waren mit Ms Lew auf der einen Seite der Turnhalle und die Jungen mit ihrem Trainer auf der anderen.

Bree und ich spielten nicht in einer Mannschaft.

»Himmel, sieh dir bloß Robbie an«, flüsterte ein Mädchen hinter mir. Ich drehte mich um und sah Bettina Kretts im Gespräch mit Paula Arroyo. »Er ist ja total scharf.«

Ich sah zu Robbie hinüber. Mit toller Haut und ohne Brille bewegte er sich mit neuem Selbstvertrauen über das Volleyballfeld.

»Ich habe gehört, Anu Radtha aus der Abschlussklasse soll gefragt haben, wann Robbie denn an unsere Schule versetzt worden sei«, sagte Paula leise.

Ich zog eine Augenbraue hoch. Anu war die ältere Schwester von einem alten Schwarm von Bree, Ranjit. Anu dachte also, Robbie sei ein neuer Schüler, und zwar einer, der die Aufmerksamkeit einer Schülerin der Abschlussklasse wert war.

»Hat er eine Freundin?«, fragte Bettina.

»Ich glaub nicht«, antwortete Paula. Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als der Ball in unser Feld kam. Wir spielten uns den Ball zweimal zu und ich schlug ihn übers Netz. Ich wollte unbedingt weiterhören, was sie sagten.

»Er hängt mit den Hexen rum«, sagte Bettina, was mich ganz schön schockierte. Sie stand ein Stück weg und sprach mit leiser Stimme. Nur wenn ich mich sehr konzentrierte, konnte ich hören, was sie sagte. Ich hatte keine Ahnung, dass die Leute an der Schule unsere Gruppe als »die Hexen« bezeichneten.

»Ja, ich hab ihn mit Cal und den anderen gesehen«, sagte Paula. »Hey, wenn er keine Freundin hat, warum lädst du ihn nicht zum Spiel ein?«

Bettina kicherte. »Vielleicht mach ich das sogar.«

Soso, dachte ich und schlug den Ball hinüber zu Sarah Fields. Sie schlug ihn über das Netz zu Janice, und Janice blockte ihn, und er landete mit einem schnellen, sauberen Rums genau zwischen Bettina und Alessandra Spotford, was uns einen Punkt kostete und unseren Gegnerinnen das Aufschlagsrecht gab.

Bree war Aufschlägerin ihrer Mannschaft, und während sie den Ball hielt, stieß jemand von der anderen Seite der Turnhalle einen bewundernden Pfiff aus. Sie schaute auf, ihr Blick schoss von einem Jungen zum nächsten, bis er bei Seth Moore hängen blieb, der ihr ein breites, geiles Lächeln schenkte. Seth sah auf punkige Art gut aus. Er trug die Haare in einem Bürstenschnitt, hatte im linken Ohr zwei silberne Ohrringe und besaß hübsche haselnussbraune Augen.

Bree grinste zurück und wackelte mit den Schultern.

Automatisch schaute ich zu Chris Holly, Brees letztem Ex. Er beobachtete das Ganze mit so etwas wie frostiger Feindseligkeit, doch er sagte nichts und rührte sich auch nicht vom Fleck.

»Kommen Sie, Miss Warren«, rief Ms Lew.

»Du und ich, Baby!«, rief Seth.

Bree lachte und dann begegneten sich unsere Blicke. Sie schenkte mir ein höhnisches, überlegenes Lächeln, als wollte sie sagen: Siehst du? Bei dir würden Jungs so was nie machen. Ich versuchte, gelangweilt dreinzublicken, auch wenn ich alles andere als gelangweilt war. Cal war der einzige Junge, der mich je beachtet hatte. Dass Bree hier so eine Show abzog, tat mir weh – genau wie sie es beabsichtigt hatte.

»Jederzeit!«, rief Bree Seth zu und machte sich bereit zum Aufschlag. Mehrere von Seths Mannschaftskameraden taten mit viel Theater so, als müssten sie ihn festhalten. Jetzt lachten alle – alle, außer mir, Chris Holly … und noch jemand. Als ich Robbies Gesicht sah, blieb mir fast der Mund offen stehen. Der gute alte Robbie, mein Kumpel Robbie, beobachtete Bree und Seth mit kaum verhohlener Eifersucht. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und sein ganzer Körper war angespannt.

Huch, dachte ich erstaunt. Er hatte nie ein Wort darüber verloren, dass er auf Bree stand.

Dann bekam ich Schuldgefühle. Wieso auch, ich hatte ihn nie danach gefragt.

»Kommen Sie schon, Bree«, rief Ms Lew verärgert.

Bree warf mir noch ein überlegenes Lächeln zu, als wäre die ganze Show allein für mich gedacht, um mir zu zeigen, wie heiß sie war und wie unbedeutend ich dagegen war. Ein zorniger Funke flammte in mir auf. Den Blick fest auf sie gerichtet, hakte ich impulsiv einen Finger in den V-Ausschnitt meines T-Shirts und zog ihn nach unten, sodass das silberne Pentagramm zu sehen war, das Cal einst getragen hatte und das jetzt mir gehörte.

Bree wurde sichtlich blass und schnappte scharf nach Luft. Dann zog sie den Arm zurück, machte eine Faust und donnerte den Volleyball mit aller Kraft direkt auf mich zu. Automatisch hob ich die Hand vor das Gesicht, Sekundenbruchteile bevor der mit Wucht geschlagene Ball auf mich zuschoss. Er warf mich um, und die ganze Klasse sah, wie ich mit dem Kopf auf dem Holzboden aufschlug. Ein salziger, metallischer Geruch warnte mich eine Sekunde, bevor sich meine Nase und mein Mund mit Blut füllten. Ich legte die Hände übers Gesicht und wollte mich aufsetzen, damit ich nicht an dem Blut erstickte, und es lief mir durch die Finger über mein T-Shirt.

Alle schnappten erschrocken nach Luft und redeten durcheinander, und Ms Lew sagte mit dringlicher und beherrschter Stimme: »Lassen Sie mich mal sehen.« Sie schob mir sanft die Hände vom Gesicht weg, und da sah ich Bree über ihr stehen und mich ansehen, Entsetzen und Schreck im Gesicht.

Ich sah sie an, während ich mich bemühte, kein Blut zu schlucken. Ihr Mund ging auf, und sie sagte stumm: »Tut mir leid. « Einen Augenblick lang sah sie wieder so aus wie die alte Bree und das machte mich fast glücklich. Dann ließ plötzlich der Schock nach und mein Gesicht tat höllisch weh.

»Bist du okay?«, fragte jemand.

»Hm«, stöhnte ich und hob die Hände an die Nase. »Tut weh.«

»Okay, Morgan«, sagte Ms Lew. »Können Sie aufstehen? Wir bringen Sie besser in mein Büro, damit ich Eis drauflegen kann. Ich glaube, wir sollten Ihre Mutter anrufen.« Sie half mir hoch und rief: »Macht euch wieder ans Spiel, Mädchen. Bettina, holen Sie Papiertücher und wischen Sie das Blut auf, damit niemand darin ausrutscht. Ms Warren, ich erwarte Sie nach der Stunde in meinem Büro.«

Beim Rausgehen warf ich einen letzten Blick auf Bree. Sie erwiderte meinen Blick, doch plötzlich war jeder Rest Freundschaft oder Gefühl verschwunden, ausgetauscht durch Berechnung. Der Mut verließ mich, und Tränen traten mir in die Augen.

Als Mom mich abholen kam, trug sie noch ihre Arbeitsklamotten. Besorgt brachte sie mich in die Notaufnahme, wo man mein Gesicht röntgte. Die Nase war gebrochen und meine Lippe musste mit einem winzigen Stich genäht werden. Alles war geschwollen und ich sah aus wie eine Halloweenmaske.

So weit war es gekommen zwischen Bree und mir.