Kapitel 22
Als Trinity in die dunklen Augen des Todes blickte, wusste sie sofort, dass sie ihn kannte und ihn einst geliebt hatte. Allerdings konnte sie sich nicht mehr an das Wann und Wo erinnern. Doch sie wusste, dass er mit hundertprozentiger Sicherheit einmal einen Platz in ihrem Herzen gehabt hatte und sie momentan für eine weitere verflossene Liebe absolut keine Zeit hatte. «Wer sind Sie?»
Der Herr des Universums starrte sie zunächst ungläubig an, doch dann erschien ein breites Grinsen in seinem schönen Gesicht. «Trinity? Ist das die kleine Trinity Harpswell?» Er rannte auf sie zu und drückte sie ekstatisch. «Du siehst fantastisch aus! Ich kann nicht fassen, dass du mich gefunden hast!» Er küsste väterlich ihre Stirn. «Du musst unbedingt zum Essen bleiben. Es gibt so viel zu erzählen. Was machst du denn so?»
Ein seltsames Gefühl stieg in Trinity hoch. Aber es war nicht beängstigend oder bedrohlich. Es fühlte sich ganz warm und kuschelig an. «Woher kennen wir uns?»
Das Grinsen des Todes verpuffte. «Kannst du dich nicht mehr erinnern? Ich war früher dein Babysitter.»
Trinity wandte sich an ihre Mutter, die völlig verdattert dreinschaute. «Mama? Hast du mir da etwas verschwiegen?»
Olivia klammerte sich mit aller Kraft an den Türrahmen. Ihre Fingerknöchel traten deutlich hervor. «Tut mir leid, Schätzchen, aber wenn ich den Tod angeheuert hätte, damit er dir die Windeln wechselt und Schlaflieder singt, dann würde ich mich bestimmt daran erinnern.»
«Aber Sie waren gar nicht dabei», erwiderte der Tod und reckte sein gemeißeltes Kinn. «Das war damals, als du bei meiner Großmutter gelebt hast.»
«Deine Großmutter? Wer ist denn das?», fragte Trinity verwundert.
«Na, Angelica. Kannst du dich noch erinnern, wie ich das Lied ‹Mary hat ein kleines Lamm› für dich umgedichtet habe?», fragte der Tod und spielte verträumt mit ihren Haaren. «Wie ging das doch gleich? Ah ja, ‹Trinity hat eine kleine Spinne, kleine Spinne, kleine Spinne› –»
«Aufhören.» Trinitys Herz hämmerte wie wild. Der Tod war Angelicas Enkel? Das war ja ein mächtiger Familienclan. «Du warst lieb zu mir. Du warst mein Freund. Ich erinnere mich.» Hier ging es gar nicht um romantische Liebe, sondern um die Liebe eines Kindes zu seinem Vater oder seinem Onkel. Oder seinem großen Bruder. Eine Liebe, die ihr in einer schrecklichen, schrecklichen Welt Wärme gegeben hatte. Diese Liebe würde den Fluch nicht auslösen.
Na, das waren gute Neuigkeiten, sogar beinahe gut genug, um die unheimliche Tatsache abzumildern, dass der Tod ihr die Windeln gewechselt hatte –
«Du erinnerst dich ja doch!», rief der Tod erfreut und strahlte bis über beide Ohren. «Oma wollte damals nicht, dass du mitbekommst, an was sie in ihrem Labor experimentiert. Darum habe ich auf dich aufgepasst, während sie gearbeitet hat. Sie hätte dich niemand anderem überlassen, denn du warst viel zu wichtig.» Er legte seine Hände um ihr Gesicht. «Du warst das einzige Baby, das ich jemals kannte. Ich mochte kleine Kinder überhaupt nicht. Geht mir immer noch so. Aber du warst eine Ausnahme. Meine süße Trin. Ach, nach dem Omi dir die Injektionen verabreicht hat, bist du immer auf meiner Brust eingeschlafen –»
«Ja ja, das ist alles schön und gut», ging Olivia dazwischen. Sie hatte sich unbemerkt hinter ihre Tochter gestellt. «Aber Trinity hat ein kleines Problem. Können Sie ihr helfen?»
Das Einschreiten ihrer Mutter brachte Trinity zurück in die Wirklichkeit. Heieiei, sie stand hier herum und schwelgte in Erinnerungen an ihre Entführung? Was sollte das denn? Ihre Mutter hatte vollkommen recht. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunk, um ihre Erinnerungslücken zu schließen. Aber sie würde auf die Essenseinladung des Todes später noch zurückkommen – vorausgesetzt, dass sie später noch am Leben und bei Verstand war.
«Aber natürlich werde ich ihr helfen.» Der Tod setzte sich an seinen Schreibtisch und machte Anstalten, Trinity auf seinen Schoß zu zerren. «Für meine niedliche Trin-Trin tue ich doch alles.»
«Äh, lieber nicht.» Trinity machte sich von ihm los. Die Vorstellung, beim Herrn der Seelen auf dem Schoß zu sitzen, war doch zu unheimlich. Womöglich zückte er gleich noch einen Schnuller für sie. «Hör mal, mein Dad steckt in Schwierigkeiten.»
«Elijah? Was hat er denn angestellt? Ist er mit einer seiner Skulpturen an den Falschen geraten?»
Trinity war irritiert. «Du kennst meinen Vater?»
«Klar. Er –»
«Zurück zu Trinitys Problem», unterbrach Olivia wieder. «Uns läuft die Zeit davon.»
«Richtig. Erzähl weiter.» Der Tod strahlte sie immer noch an und der liebevolle Glanz in seinen Augen kam ihr so vertraut vor. Wie eine Oase in einer unkontrollierbar trudelnden Welt.
«Ich kann ihn nicht finden!» Reina platzte mit roten Backen herein. Dann vollzog sie eine Vollbremsung und riss die Augen weit auf. «Trin? Alles okay?»
«Du kennst Reina?» Dem Tod verging das Lächeln. «Reina! Warum hast du mir nie verraten, dass du eine Freundin von Trinity Harpswell bist!»
Reinas Blick irrlichterte zwischen den Anwesenden hin und her. Sie versuchte offenbar zu ergründen, was vor sich ging. Im Hintergrund ging das geschäftige Treiben im Schönheitsstudio weiter. Keine der Frauen schien an der weltbewegenden Offenbarung interessiert zu sein, dass ihr anspruchsvoller Liebhaber einst als Babysitter tätig gewesen war. «Du interessierst dich für Trinity?»
«Aber klar.» Der Tod zog seine Brieftasche hervor und durchsuchte sie. «Wir kennen uns schon ewig.»
«Tatsächlich?», fragte sie verblüfft.
«Die Geschichte habe ich dir noch gar nicht erzählt.» Er hielt jetzt ein kleines Foto in der Hand. Sofort erkannte Trinity sich selbst, aber der Mann, der das kleine Bündel Trinity so liebevoll im Arm hielt, konnte doch nicht derselbe eiskalte Geschäftsmann sein, der heute Angst und Schrecken verbreitete. «Das ist mein Lieblingsbild. Ich trage es immer bei mir.»
Reina glotzte es ungläubig an, verkniff sich aber jeglichen Kommentar.
Trinity wurde ganz warm ums Herz. «Dass du das Bild von mir behalten hast, ist so süß.»
«Wenn du mich fragst, ist es eher sonderbar», grollte Olivia. «Schließlich bist du ja nicht seine Tochter.»
«Aber sie war doch meine kleine Trin-Trin.» Der Tod holte ein Kästchen aus seinem Schreibtisch und klappte den Deckel hoch. «Mag jemand eine Zigarre?»
«Später», lehnte Trinity ab. Ihr wurde wieder schmerzhaft bewusst, dass Blaine gerade gegen Angelica um sein Leben kämpfte, ihr Dad auf seine Hinrichtung wartete und Augustus ihr auf den Fersen war. «Mein Dad wollte meine Seele retten und wurde dabei getötet und jetzt muss ich, um ihn zu retten, ein fieses Ungeheuer erledigen. Aber wenn ich es vernichte, dann ist das mein fünfter Mord und damit bin ich für immer verflucht.»
Fast hätte der Tod seine Zigarre fallen gelassen, doch er fasste sich so schnell wieder, dass es niemandem aufgefallen wäre, hätte Trinity ihn nicht so scharf beobachtet. Aber sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass sie ihn mit ihren Worten gerade aus der Fassung gebracht hatte.
Er zündete sich seine Zigarre an und nahm einen tiefen Zug.
«Tod –»
Reina brachte sie mit einer Geste zum Verstummen.
Trinity biss sich auf die Zunge und wartete, bis er sechs Rauchkringel in die Luft geblasen hatte. Er beobachtete, wie sie zur Decke aufstiegen, und wandte sich dann endlich wieder an Trinity. «Ich kann dir nicht helfen.»
«Aber –»
«Das ist eine Angelegenheit zwischen dir und Angelica.» Er paffte weiter an seiner Zigarre. «Dabei darf ich mich nicht einmischen.»
«Aber was ist mit Trinitys kleiner Spinne und all dem?»
«Das ist eine Erinnerung, die mir immer lieb und teuer sein wird», erwiderte der Tod sanft, doch dann schüttelte er den Kopf. «Aber das ändert nichts. Oma hat es im Augenblick ziemlich schwer und sie braucht meine Unterstützung. Es würde ihr nur unnötigen Stress verursachen, wenn ich dich vor deinem fünften Mord bewahre, und das kann ich ihr nicht antun.»
Trinity bekam ein ungutes Gefühl. Wollte er sie vielleicht dazu zwingen, diesen letzten Schritt zu tun?
«Ach, mein Liebling, jetzt schau doch nicht so angespannt», meinte der Tod aufmunternd und zwirbelte die Zigarre zwischen seinen Fingern. «Ich werde dich nicht von deinem Fluch befreien, aber ich werde auch nicht deinen Absturz vorantreiben. Ich halte mich da raus.» Er grinste und verschränkte die Arme. «Das ist eine Zwistigkeit unter Frauen, und du weißt doch, wie gerne wir Männer euch Mädchen dabei zusehen, wenn ihr aufeinander losgeht.»
«Entschuldigung», mischte sie jetzt Reina ein. «Nur zu deiner Information: Trinity wird ihren fünften Mord sowieso bald begehen, weil sie sich nämlich verliebt hat. Somit bekommt deine Großmutter auf jeden Fall ihren Willen.» Trinity sah in Reinas Augen, dass sie trotz allem noch daran glaubte, dass Trinity die Sache heil überstehen konnte. Allerdings enthielt sie dem Tod diesen Gedankengang vor.
«Ach wirklich? Du bist verliebt?», fragte der Tod skeptisch. «Ist er überhaupt gut genug für dich? Ich will ihn kennenlernen. Nicht jeder dahergelaufene Mann ist gut genug für meine Trin-Trin. Wie heißt er denn?»
«Sie sind nicht ihr Vater», fauchte Olivia ihn an. «Sie hat schon einen Dad.»
«Einen Vater, der, soweit ich informiert bin, demnächst sterben wird», konterte der Tod. Lächelnd versicherte er Trinity: «Ich bin für dich da. Was immer du auch brauchst.»
«Sie braucht deine Hilfe», fuhr ihm Reina über den Mund. «Es würde sich für dich finanziell auszahlen, wenn du ihr diesen Gefallen tätest.»
«Tatsächlich? Wenn etwas für mich dabei herausspringt, können wir über einen Deal verhandeln.» Er wandte sich wieder an Trinity, doch sein Gebaren hatte sich verändert. Jetzt war er ganz der harte Geschäftsmann. «Sprich, mein Liebes.»
Reina trat vor und übernahm das Reden für sie. «Niemand kann das Chamäleon töten. Das Triumvirat befindet sich in einer verzweifelten Position und um es loszuwerden, würden sie bestimmt einiges zahlen. Das wäre fantastisch für deinen Ruf. Du weißt selbst, wie korrupt die meisten Regierungen sind. Der Tod ist käuflich ... Das spricht sich herum.»
«Hmm», überlegte der Tod und kratzte sich am Kinn. «Fahr fort. Was ist das für eine Kreatur?»
Diesmal antwortete Trinity ihrem alten Babysitter. «Ein Serienkiller und Gestaltwandler, der sich in Nullkommanichts von einem Mann in eine junge Frau, eine Zillion Küchenschaben und einen Dämonenhund verwandeln kann und –»
«Scheiße!», entfuhr es dem Tod und er rammte seine Zigarre in den Aschenbecher. «Du wurdest damit beauftragt, Omas Schmuddelauffangbecken zu vernichten?»
Okay, also langsam hatte sie genug von den Überraschungen. «Du kennst es?»
«Selbstverständlich.» Der Tod zückte sein Handy und wählte. «Nur die Mailbox. Oma sollte ihr Telefon wirklich immer mitnehmen.» Er setzte sich wieder. «Linnea! Hättest du mal eine Minute Zeit, um auszurechnen, wie Schmuddy mein Geschäft boomen lassen könnte, denn ich muss Omi dabei helfen, ihn am Leben zu erhalten, und gleichzeitig dabei Kapital herausschlagen.»
«Schon dabei.» Linnea hetzte augenblicklich aus dem Büro.
Na großartig. Genauso hatte ihr Plan ausgesehen: Der Tod erklärte sich zum machtvollen Beschützer des Monsters, das sie vernichten musste. Brillant eingefädelt, Trinity.
«Hey.» Reina hielt einen Füllfederhalter wie eine Waffe vor sich. «Riecht sonst noch jemand Bananenbrot?»
Trinity stieg ebenfalls ein Hauch von verfaultem Obst in die Nase. Sie drehte sich zur Tür, in der just in diesem Moment Augustus erschien. Er sah fröhlich aus. Es gab keinen Blaine mehr, der sie beschützen konnte.
«Halt.» Isabella hatte sich vor ihm aufgebaut und hielt ihm einen kleinen Dolch an die Kehle. «Zutritt für Männer verboten.»
Der Tod hatte bisher noch nicht einmal aufgesehen. Er tippte eine E-Mail in sein Handy und überließ die Verteidigung seines Heiligtums offenbar lieber seinen gut gekleideten weiblichen Angestellten.
Augustus verbeugte sich. «Ich bin Augustus. Ich bin gekommen, um –»
Der Tod sah auf. «Du bist Augustus?» Jetzt musterte er ihn interessiert. «Du hast mir einige Klienten vor der Nase weggeschnappt.»
Augustus lächelte zahnlos. «Du Frischling bist keine Konkurrenz für mich. Ich finde es amüsant, wie du versuchst, mir das Wasser zu reichen. Aber ich bekomme immer die lukrativsten Vertragsabschlüsse.»
Der Tod steckte sein Handy in die Westentasche. «Was willst du? Eine Teilhaberschaft? Ich arbeite allein.»
«Ich will Trinity Harpswell.»
Der Tod bedachte Trinity mit einem abschätzigen Blick und sie sah ihm an, dass er gerade durchrechnete, was es ihm einbringen würde, wenn er sie auslieferte. Sie begann, «Mary hat ein kleines Lamm» zu summen und bewegte sich dabei unauffällig in Richtung einer Orchidee. Ihre Mutter tat es ihr gleich und auch Reina fiel a cappella mit ein.
Der Tod hörte das Liedchen und sein Gesicht entspannte sich. «Das geht leider nicht. Sie gehört mir nicht, demnach kann ich sie auch nicht verkaufen.»
«Dann werde ich mich wohl selbst bedienen müssen.»
Der Tod blitzte ihn wütend an. «In meinem Heim tötet niemand außer mir selbst.»
Augustus stellte sich in Positur. «Ich kann töten, wo immer es mit passt. Du bist nur ein armseliger Tagelöhner. Du hast mir nichts zu befehlen.»
«Ich bin das mächtigste Wesen, das jemals aus der Schöpfung hervorgegangen ist.» Der Tod richtete sich zu seiner vollen Größe auf und baute sich vor dem stinkenden, buckligen Männchen auf. «Du gehörst mir. Ich könnte dir dein Leben nehmen, ohne dass du weißt, wie dir geschieht.»
Augustus reckte die Brust vor und seine Hand verschwand in seiner Tasche. «Ich bin schneller.»
«Du kapierst es nicht», erklärte der Tod. «Ich kann nicht sterben, weil mir der Tod gehört.»
Trinity hatte die Topfpflanze beinahe erreicht.
«Ich habe schon Leute umgebracht, da war deine Mama noch gar nicht auf der Welt», spie ihm Augustus vor die Füße. «Ich kann jeden töten.»
«Beleidige nicht meine Mama.» Der Tod wurde böse und seine Miene war schmerzverzerrt. «Sie war eine wunderbare Frau –»
Trinity, Reina und Olivia packten die Pflanze und lösten sich nach und nach auf.
Die Männer waren so sehr in ihr Handgemenge verstrickt, dass sie nicht bemerkten, wie sich die Frauen davonstahlen. Erst in allerletzter Sekunde drehte sich der Tod nach ihnen um. Er sah ihnen voller Respekt nach und nickte ihnen zu.
Da begriff Trinity, dass er Augustus absichtlich abgelenkt hatte, um ihnen die Flucht zu ermöglichen.
Die alten Bande zwischen ihr und ihrem Babysitter hatten ihr vorerst das Leben gerettet, aber nun begann das Wettrennen um Schmuddy, und dabei standen sie sich als Gegner gegenüber. Sie musste zurück zu Blaine. Nur er konnte ihren Vater noch retten und sie musste ihn zu Schmuddy bringen, ehe der Tod sich zu seinem Beschützer aufschwang.
Und es war ihr auch nicht entgangen, dass der Tod die Hexe gern hatte. Er würde niemals zulassen, dass sie starb. Fantastisch. Wenn man bis zum Hals mitten in einem hoch komplizierten Gefecht steckte, bei dem es um die Liquidierung der verschiedensten Wesenheiten ging, dann gab es nur eine Person, die man dabei auf keinen Fall als Gegner gebrauchen konnte: den Obermacker in Sachen Tod.
Augustus fiel auch endlich auf, dass sie sich davonmachte, und er schrie vor Wut. Er rannte auf sie zu. Wenn er es schaffte, eine von ihnen zu berühren, ehe sie ganz verschwunden waren, dann würde er mit ihnen reisen. «Schneller Mum!»
Augustus vollführte einen Hechtsprung und den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie sich in Luft auflösten, spürte Trinity die kalte Berührung seiner Fingerspitzen.
War es zu spät?
Blaine hatte immer gefunden, dass das Penthouse vorzüglich zu ihm passte, aber im freien Fall sechsunddreißig Stockwerke in die Tiefe zu rasen, hatte er sich dabei nicht vorgestellt. Wahrscheinlich hatten ihn seine naturgegeben Kriegertalente dazu verführt, eine Wohnung zu kaufen, bei der strake Windböen und die Möglichkeit eines selbstmörderischen Sprungs in die Tiefe inklusive waren.
Seine Haut war wund und verbrannt und seine Kleider brannten – unglücklicherweise wegen der Explosion der blauen Kugeln und nicht wegen seiner feurigen Persönlichkeit. Er breitete die Arme aus. Die Luft rauschte an ihm vorbei und blies die Feuchtigkeit davon, die seine Flammen gelöscht hatte wie ein Wasserfall ein billiges Streichholz. Er sah, wie der Erdboden auf ihn zuraste, und zählte die Sekunden bis zum Einschlag.
Normalerweise stellte ein Bauchklatscher mit zweihundert Sachen kein Problem für ihn dar. Aber jetzt? So vollgesaugt mit Wasser, wie er war, sah es mit seiner Regeneration nach dem Aufprall schlecht aus. Flatsch – und das wär’s dann.
Er kanalisierte die Hitze seiner Verbrennungen in seine Tätowierung und versuchte, seine Zündflamme auszulösen. Nass. Schlecht.
Er hatte keine Lust, seine Spielzeit in dieser Welt vorzeitig abzubrechen. Es gab noch zu viel zu erledigen. Ihm fiel auf, dass ihm einig Schnudämgons nachjagten. Wie viele wohl überlebt hatten? Und hatten Nigel und Jarvis es geschafft? «Los doch!»
Er kickte seinen brennenden Schuh davon, fing ihn wieder auf und hielt das entflamme Leder an seine Brust. Der Schmerz erinnerte ihn an Nigels Brenneisen und er musste grinsen. Es gibt doch keinen besseren Grillanzünder als eine brennende Kuhhaut.
Endlich stieg von seinem Totenschädel Rauch auf. Er warf den Schuh weg, konzentrierte all seine Energie auf sein Tattoo – und mit einem Mal fing es Feuer. Das Wasser wurde aus seinem Körper gebrannt, es dampfte und zischte.
Dann sah er nach unten und fluchte. Selbst, wenn er jetzt noch eine Explosion auslöste, um seinen Fall abzupuffern, kämen seine Bemühungen dummerweise zu spät. Sie würde ihn kaum bremsen können, ehe er auf den Asphalt aufschlug.
Sobald sie in den Rhododendronbüschen vor Blaines Haus gelandet waren, sprintete Trinity bereits los – nur für den Fall, dass Augustus doch noch mit auf ihre Orchidee aufgesprungen war und eine Sekunde nach ihnen hier erschien.
Sie hatte erst zwanzig Meter zwischen sich und ihren Reiserhododendron gebracht, als direkt neben ihr Blaine mit einem fürchterlichen Geräusch auf den Asphalt aufschlug. «Blaine!
Er rollte sich perfekt ab. Eine Art Flugsaurier verfolgte ihn. Seine Flügelspannweite schien mindestens neun Meter zu betragen und er kam schnell näher. Blaine kauerte auf den Knien und war blutüberströmt. Sein Körper war voller Wunden und seine Muskeln zitterten.
Er sah nach oben und warf einen Feuerball nach der heranschießenden Kreatur. Das Ungetüm fing ihn mit dem Maul, verschluckte ihn und flog unbeirrt weiter.
Zwei weitere folgten ihm auf dem Fuß.
Dann noch fünf.
Er würde sterben, und das war nur ihre Schuld! Und sie konnte nichts tun, um ihn zu retten! Sie hatte keine Feuerbälle, keine Flinte, gar nichts! Sie war vollkommen hilflos –
Vor der geflügelten Missgeburt leuchtete ein Prisma auf. Trinity erschrak und starrte voller Hoffnung und Skepsis auf die Erscheinung, die sie so sehr fürchtete und die von ihren Schuldgefühlen und ihrer Angst um Blaines Leben ausgelöst worden war.
Blaine hob den Kopf und sie sah, dass er das Prisma genau beobachtete.
Los, Trinity. Du schaffst es! Sie öffnete ihr Herz und ließ die Emotionen auf sich einprasseln, ihr schlechtes Gewissen, ihre Schuldgefühle, weil sie ihn verlassen hatte, ihre Angst um seine Sicherheit und ihre rasende Wut auf die Kreatur, die diesem ehrenwerten Krieger das Leben nehmen wollte. Sie gestattete, dass ihre Gefühle auf sie einhämmerten, sie sog den Schmerz und die Angst auf, und es tat so schrecklich weh, als wolle ihre Seele in tausend Stücke zerspringen.
Das Prisma nahm die Umrisse eines Menschen an, in dessen Hand ein rosaroter Pfeil leuchtete. Das Bild warf den brennenden Speer und die Waffe bohrte sich in den kleinen, krallenbewehrten Zeh der Kreatur. Das geisterhafte Abbild des Monsters explodierte und hinterließ ein bunt schillerndes Feuerwerk.
Blaine sprang auf die Füße und hielt bereits einen Speer in der Hand, der aus rosaroten Flammen bestand.
Er schleuderte ihn nach dem Anführer der Monster, der inzwischen nur noch wenige Meter von seinem Gesicht entfernt war. Das Untier schlug seine Zähne in dem Augenblick in Blaines Stirn, als es von seinem Pfeil getroffen wurde. Es explodierte beinahe direkt über ihm in einer atemberaubenden Lichtshow.
Blaine zuckte nicht einmal mit der Wimper, hielt seine Stellung und feuerte Pfeil um Pfeil auf die Ausgeburten der Hölle ab.
Reina tauchte neben Trinity auf «Du bist mir eine. Das ist genial!»
«Ich kann selbst nicht glauben, dass es funktioniert.» Trinity sank benommen vor Erleichterung auf die Knie und beobachtete, wie Blaine den Schwarm Killervögel mit unfehlbarer Präzision dezimierte. Diesmal war die Schwarze Witwe sehr gelegen gekommen!
«Wenn es darum geht, einem geliebten Menschen zu helfen, ist Schuld oft eine fantastische Motivationshilfe.» Reina hockte sich neben sie und sah sich mit ihr die Show an. «Vertrau mir, damit kenne ich mich aus. Danach fühlt sich die Belohnung noch viel toller an, oder?»
«Auf jeden Fall.» Trinity grinste Reina an. «Und dadurch, dass ich es mit dir teilen kann, wird es noch schöner. Ich weiß, dass du es verstehen kannst.»
Reina umarmte sie. «Oh, aber sicher, meine Süße, aber sicher.»
«Mein Liebling.» Olivia hatte die beiden endlich eingeholt. Sie stützte sich auf ihren Oberschenkeln ab und rang nach Luft. «Was für ein wunderbarer Einsatz deiner Fähigkeiten. Ich bin so froh, dass du endlich einen sinnvollen Verwendungszweck dafür gefunden hast.»
«Nigel!», erscholl Blaines kraftvolle Stimme, während sein Speerhagel unbeirrt auf die Angreifer niederregnete. «Die linke vordere Tatze ist ihr wunder Punkt. Ziel auf das seitliche Zehenglied.»
Er erhielt keine Antwort, doch einen Augenblick später stiegen über dem Dach von Blaines Haus Funken in allen Regenbogenfarben auf. Sie wurden mehr und mehr, bis sie aussahen wie das Feuerwerk am 4. Juli.
Trinity richtete das Gesicht nach oben und spürte die Funken. Sie zischten auf ihrer Haut, aber das störte sie nicht. Es fühlte sich so gut an. Sie hatte mit ihren Kräften Blaines Leben gerettet. Sie hatte mit ihnen etwas Positives bewirkt. Der Schmerz war nur eine wundervolle Erinnerung daran, dass sie am Leben war und ihre Seele noch immer existierte.
Blaine drehte sich abrupt nach ihr um. Seine Miene war finster und anklagend. Voller Hass. Voll tiefer Enttäuschung über ihren Verrat.
Sie rappelte sich auf. «Blaine! Ich musste fort –»
Blaine schleuderte einen pinkfarbenen Flammendolch nach ihr. Er zischte durch die Luft genau auf ihr Herz zu.
Meinte er das ernst? Da reagierte er aber ein bisschen überempfindlich auf ihren Abgang. Was für ein Sensibelchen!
«Trinity!», kreischte ihre Mum. «Pass auf!»
Aufpassen? Machte sie Witze? Die Klinge trudelte weiter auf ihre Brust zu und Trinity hielt schützend die Hände vor ihren Oberkörper (eine nutzlose Geste wie aus dem Bilderbuch).
Zentimeter vor ihrem Körper kollidierte der Pfeil mit einem pinkfarbenen Stern.
Pinkfarbener Stern? Die beiden Geschosse zerstoben in einer erneuten Feuerwerkskaskade und Trinity zog erschrocken den Kopf ein. Eine zweite rosa glühende Klinge schoss so nah an ihrer linken Schulter vorbei, dass sie ihr das Haar versengte. Sie drehte sich blitzschnell um und sah gerade noch, wie Augustus nach einem weiteren Stern suchte und dann die Klinge in den Oberkörper bekam.
Er riss die Augen weit auf, griff sich an die Brust und ging in die Knie. «Meine Güte», japste er, «wie beeindruckend. Er hat daran gedacht, rosarotes Feuer zu verwenden.» Er kippte um und der Gestank von alten Bananen erfüllte die Luft. Er hustete noch einmal und bewegte sich dann nicht mehr.
Reina rannte zu ihm und kniete sich neben ihn. «Er ist nicht tot», verkündete sie und ihre Augen blieben blau. «Nicht mal annährend. In weniger als fünf Minuten ist er wahrscheinlich wieder auf den Beinen.» Sie sah nach Trinity und riss die Augen auf. «Äh, Trin –»
Ein muskelbepackter Arm schlang sich um ihren Hals und sie wurde gegen einen harten Körper gepresst. «Das war für den Tipp mit den Hunden. Damit sind wir quitt.» Sein heißer Atem versengte ihre Wange und der Geruch von verbrannter Baumwolle stieg ihr in die Nase. «Allerdings sind wir was deinen Verrat betrifft noch lange nicht quitt.»
«Ich habe dich nicht verraten!» Sie wand sich in seinem Griff. «Lass es mich erklären –»
«Keine Zeit.» Er schleifte sie zu seinem Motorrad. Die Funken hatten den Sitz verschmort. «Höchstwahrscheinlich ist die Hexe gerade dabei, ihr wertvolles Schmuddelmonster zu retten. Wir werden sie suchen und dann schaltest du sie aus. Kapiert?»
Sie kämpfte gegen ihn an, doch er hielt sie unnachgiebig fest. «Aber was ist mit dem Schmuddelmonster? Wenn wir es nicht vernichten, stirbt mein Daddy.»
«Vergiss deinen Dad. Als du mich betrogen hast, hast du sein Leben verspielt.» Er schleuderte sie auf den Sitz.
«Nein!» Sie versuchte zu fliehen, doch Blaine knallte seine Hand auf ihren Oberschenkel und hielt sie fest. Sie suchte nach ihrer Mum und Reina, die ihr momentan keine große Hilfe waren. Sie standen nur untätig herum und unterhielten sich. «Mum? Hilfe?»
Ihre Mutter winkte. «Viel Glück mit dem Chamäleon, mein Schätzchen. Du findest bestimmt heraus, wie Blaine es für dich abschlachten kann.»
«Ähm, hallo? Bist du blind? Hast du den Eindruck, dass er mir noch helfen will?»
Blaine brüllte etwas nach oben zu seinem Team. Es kostete ihn große Mühe und sein Körper erschauerte vor Anstrengung. Seine Muskeln bebten und aus seinen zahlreichen Wunden troff das Blut. Was seine Kräfte allerdings nicht merklich minderte. Wie konnte ein so schwer verletzter Mann sie mit nur einer Hand unter Kontrolle halten?
Reina pirschte sich an die beiden heran. «Äh, Trinity, bitte denk daran, dass der Tod wahrscheinlich schon auf dem Weg ist, um das Chamäleon und Angelica zu beschützen. Sei also vorsichtig.»
Blaine warf den Kopf herum und starrte Reina an. «Der Tod steckt auch mit drin? Wieso?»
Reina reagierte entrüstet. «Na, du warst ja so schnell darin, Trinity mit all den anderen Frauen in deinem Leben in einen Topf zu werfen, dass du leider vergessen hast, sie danach zu fragen, wo sie eigentlich gewesen ist, gell? Dir ist nicht mal aufgefallen, dass sie wegen dir zurückgekommen ist, aus freien Stücken wohlgemerkt, gell? Denk mal drüber nach, mein Großer.»
«Was ist mit dem Tod?» Er sprach mit Reina und tat so, als würde Trinity nicht existieren.
Vollidiot! Sie verpasste ihm eine Kopfnuss genau an der Stelle, wo er eine Brandwunde abbekommen hatte.
Er duckte sich und blockte ihren Schlag ab. «Wofür war das denn?»
«Du! Du behauptest, ich hätte ein so gutes Herz, und dann verurteilst du mich einfach, ohne mich anzuhören?» Sie verpasste ihm eine Ohrfeige. Er fluchte und sie freute sich. Für sich selbst einzustehen fühlte sich großartig an. «Du bist ein arroganter Klotz, und so vollkommen mit deiner Vergangenheit verbacken, dass du dein Glück nicht einmal erkennst, wenn es dir eins auf den Kopf gibt.» Und damit gab sie ihm noch eins auf den Kopf – nur zur Vorbeugung, falls er ihre feine Anspielung nicht kapiert hatte.
Blaine schnappte ihr Handgelenk und sah sie an. Er schien nicht besonders glücklich. «Schlag mich nicht.»
«Dann sei kein solcher Mistkerl.»
«Ich? Du bist doch weggelaufen.»
«Ich bin zurückgekommen! Du bist der Einzige, der jemals in mir einen guten Menschen gesehen hat, und jetzt hast du das einfach wieder zurückgenommen! Ich bin ein guter Mensch! Du bist hier der Idiot!»
Sie schwieg, verblüfft über ihre eigenen Worte. Hatte sie da gerade lautstark behauptet, ein guter Mensch zu sein? Als sie es ausgesprochen hatte, war es ihr richtig vorgekommen. Möglicherweise war sie das tatsächlich. Möglicherweise waren Blaines überhebliche Ansichten endlich bis zu ihr durchgedrungen. Sie grinste. Das fühlte sich toll an.
«Weiber», schnaubte Blaine angeekelt.
«Weiber? Das ist alles, was du dazu zu sagen hast? Warum stellst du mich auf eine Stufe mit den Schlampen, die dich gequält und verraten haben –»
Er warf sich herum. «Meine Mutter war keine Schlampe», fuhr er sie wütend an.
Seine Augen blitzten feindselig. Trinity schwieg. Er verteidigte die Frau, die er doch vorgeblich so sehr hasste. Gab es in seinem Herzen doch mehr Hoffnung und Vergebung, als er zugeben wollte? Sie berührte sanft seine Wange. «Blaine –»
«Hey!» Nigel und Jarvis kamen aus dem Gebäude gerannt. Beide humpelten und Jarvis Brust zierten ein Dutzend neuer Narben. Nigels Bandana war zerfetzt und voller Blut, aber beide Männer waren guter Stimmung.
«Das war krass», tönte Nigel. «Hast du gesehen, wie schnell diese Stechmücken den Schwanz eingezogen haben, als wir angefangen haben, sie zu zerhacken?» Er hielt triumphierend die Faust hoch. «Das waren die besten Kreaturen, die die Hexe zu bieten hatte, und wir haben sie einfach dezimiert –» Er entdeckte Trinity und seine Miene verfinsterte sich. «Was zur Hölle willst du hier?»
«Ich habe gesehen, wie man sie töten kann», antwortete Trinity. «Und ihr braucht mir auch nicht dafür zu danken, dass ich zurückgekommen bin und euch den Arsch gerettet habe, obwohl ich es nicht gemusst hätte.»
Jarvis schnaubte nur, aber Nigel fragte verwundert: «Warum bist du wiedergekommen?»
Sie hielt dem Blick aus seinen blauen Augen stand. «Weil ich dachte, dass Blaine mich braucht.»
Jarvis bedachte sie mit einem vernichtenden Blick, aber Nigel musterte sie konzentriert. «Interessant.» Mehr sagte er nicht, aber Trinity kam der Verdacht, dass er weit mehr wusste, als er zugeben wollte.
«Auf zur Brücke», kommandierte Blaine. «Wahrscheinlich ist die Hexe schon unterwegs zum Chamäleon und der Tod offenbar auch. Wer zuerst dort ist, hat gewonnen.»
«Schon unterwegs.» Jarvis und Nigel stürzten zu einem Hummer, der an der Straße parkte.
Trinity legte ihre Arme um Blaines Taille. Egal, wie sauer er war – sie würde nicht mehr von der Maschine steigen. Das Monster musste verschwinden, egal wie – und es lag in ihrer Hand. Dass Blaine die Hexe zuerst tot sehen wollte, war irrelevant. Sie allein kontrollierte ihre Kräfte (hoffentlich) und sie würde die Reihenfolge bestimmen. Bitte lass mich stark genug sein, um die Spinne im Zaum zu halten.
Blaine brachte den Motor auf Touren. Sie rollten langsam los. Da berührte Olivia ihn leicht am Unterarm.
Er betrachtete entgeistert ihre Hand und Trinity befürchtete schon, er würde nicht anhalten. Dann bremste er das Motorrad unsanft ab und ließ den Motor leerlaufen. «Was ist?»
Olivia drückte seinen Arm. «Mein lieber Junge, da hinter dir sitzt das Wertvollste, was ich auf dieser Welt besitze. Ich verdanke ihr mein Leben und ich bitte dich inständig, bring sie mir mit unversehrter Seele wieder. Lass nicht zu, dass sie sich für ihren Vater opfert. Sie ist imstande dazu, aber wir sind es nicht wert. Sorg dafür, dass sie sich selbst rettet.» Olivias Stimme versagte. «Bitte.»
Blaine starrte sie wie versteinert an und Trinity spürte einen Kloß im Hals. «Mama, das liegt nicht in seiner Hand. Ich könnte nicht damit leben, dass jemand für mich sterben muss. Ich werde tun, was nötig ist, damit Dad leben kann. Wenn ich sterbe, dann, weil ich versagt habe und nicht ihr.»
Das Motorrad rollte wieder an. Trinitys Mutter begriff, dass sie es ernst meinte, und ihr Gesicht sah ganz verzerrt aus.
Doch auf einmal reckte sie ihr Kinn vor und bekam diesen erbarmungslosen Gesichtsausdruck, den sie immer hatte, wenn sie jemandem eine unangenehme Wahrheit eröffnen wollte. In etwa wie damals, als sie Trinity zu sich gerufen und ihr dann erklärt hatte, dass der Fluch der Schwarzen Witwe auf ihr lastete und sie damit würde leben müssen. Keine Tränen, kein Selbstmitleid – Kinn hoch und raus damit. Trinity schüttelte den Kopf. «Oh nein, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche Diskussionen, Mom –»
«Ich habe dich an Angelica verkauft», platzte es aus Olivia heraus.
Das Bike machte eine Vollbremsung. «Was hast du gesagt?» Blaines Stimme war voller Zorn.
Trinity umfasste seine Hüften enger. «Mum? Wovon redest du?»
«Bei deiner Geburt gab es Komplikationen. Ich lag im Sterben und Angelica versprach, dass sie mich retten würde, wenn sie dich dafür für sechs Monate ausborgen dürfe. Wir haben uns darauf eingelassen.» Olivia hielt Trinitys verdattertem Blick mit stoischer Gelassenheit stand. «Ich hatte solche Angst vor dem Tod, dein Vater war außer sich und wir haben uns über die Konsequenzen unserer Entscheidung etwas vorgemacht.»
Trinity konnte ihre Füße nicht mehr spüren. Und ihre Hände. Ihre Nase. Ihr Gehirn summte nur noch nutzlos vor sich hin. Sie bekam kaum noch Luft. Blaine legte seine warme Hand auf ihr Bein und drückte es beruhigend. «Ich wurde wegen euch verflucht?»
Reina pfiff durch die Zähne. «Ich habe mich immer gewundert, warum deine Eltern deinen mörderischen Tendenzen mit so viel Toleranz begegnen. Ich fand sie immer sehr fortschrittlich. Den Schuldaspekt habe ich dabei völlig außer Acht gelassen.»
«Es ist nur unsere Schuld», bestätigte Olivia. «Wir begriffen unseren schrecklichen Fehler in der Minute, in der Angelica dich uns wegnahm. Ich war noch zu geschwächt, aber dein Vater hat jeden Tag nach dir gesucht. Und jede Nacht lagen wir wach und beteten, dass dir nichts passiert. Und als wir dich dann zurückbekamen und es dir augenscheinlich gut ging … wir waren so froh.»
Trinity drehte sich der Magen um. «Bis ich meine Jungfräulichkeit an Joey Martin verloren und ihn umgebracht habe.» Was war das für eine Nacht gewesen. Er hatte sie auf dem Sportplatz betrunken gemacht und sie dann ganz oben auf der Tribüne verführt (von dem wunderbaren Ausblick auf den Mond und die Sterne abgesehen war es nicht sehr romantisch gewesen, zwischen schmutzigen Pappbechern und alten Kaugummis betatscht zu werden). Dann hatte sie ihn von der Tribüne in den Tod gestoßen. Sie hatte es für einen Unfall gehalten, bis ihre Eltern sie eines Besseren belehrt hatten. Zum Trauma ihrer unangenehmen Entjungferung kam noch das Wissen, ihn ermordet zu haben. «Ich habe immer geglaubt, dass ihr euch so sehr bemüht, weil ihr mich liebt, und nicht, weil ihr euch schuldig fühlt.»
Sie konnte ihrer Mutter nicht in die Augen sehen. Sie roch Erde und fand den Duft, den sie immer mit ihrer Mum assoziiert hatte, auf einmal unerträglich. Der Grasgeruch war zu stark, die Bäume zu nah. Das Vibrieren des Motors zwischen ihren Beinen fühlte sich unangenehm an wie eine Horde Käfer, die durch ihre Hosenbeine krochen. Sie wollte weg, nachdenken, Luft holen. Ihre Tulpe tat schrecklich weh. Das Brandzeichen des Verrats. Sie grub die Fingernägel in ihre Haut, wollte sich das Mal herausreißen, sich davon reinigen, es –
Blaine fasste ihre Hand und drückte sie an seine Brust. Die Hitze seines Tattoos verbrannte ihr die Handfläche. Diese Narben waren ein Zeichen seiner Überlebenskraft. Sie klammerte sich an ihn, als wäre er das einzig Stabile in einer Welt, die sich langsam aufzulösen begann. Sie atmete den Ölgeruch des Motorrads ein, den Duft des Leders und spürte, wie sich die Hitze seines Körpers zu ihren Zellen durchkämpfte.
«Es war ein einmaliger Fehler. Wir waren zu jung und wussten es nicht besser», wehrte sich Olivia. «Wir haben es uns noch im selben Moment anders überlegt und dich jeden Tag gesucht. Wir lieben dich –»
«Nein.» Blaines Tonfall duldete keinen Widerspruch. Er legte seine andere Hand auf Trinitys Bein und zog ihr Knie an seinen Oberschenkel. «Du bist jetzt still.»
Olivia bekam rote Backen und faltete ihre Hände um Trinitys freie Hand. Ihre Finger waren kalt und klamm. Trinity sah betäubt auf diese Hände, die sie so oft getröstet hatten und die sie bereitwillig der Wahnsinnigen übergeben hatten, die sie mit dem Fluch infiziert hatte.
«Deshalb darfst du deine Seele nicht für deinen Vater verkaufen. Wir verdienen es nicht», sagte sie leise.
«Nein. Das tut ihr nicht.» Blaine stieß Olivias Hände fort. «Ihr habt verloren.»
Trinity starrte ihre Mutter fassungslos an. Sie liebte diese Frau seit so langer Zeit. «Ich begreife nicht, wie ihr mir das antun konntet», flüsterte sie.
«Hey.» Reina trat vor und schüttelte Trinity. «Lass deine Mutter in Ruhe. Es war ein einmaliger Fehler, für den sie jeden Tag ihres Lebens bezahlt.» Reina blickte Trinity in die Augen und zeigte ihr ihren eigenen Schmerz. «Ich weiß genau, wie es ist, mit dieser Reue zu leben. Das heißt nicht, dass sie dich nicht liebt. Sie liebt dich und sie tut jeden Tag alles Menschenmögliche, um es wieder in Ordnung zu bringen. Verurteile sie nicht so unversöhnlich, wie Blaine es mit seinen Eltern tut.»
Trinity erwiderte ihren Blick. «Aber du bist anders. Du hast niemals über das, was du getan hast, die Unwahrheit gesagt.»
Reina schüttelte den Kopf. «Sie liebt dich. Wage nicht, sie zurückzuweisen. Sie ist ein Geschenk und –»
«Trinity!» Olivia war tränenüberströmt «Liebling, es tut mir so leid, ganz ehrlich. Reina hat recht. Du sollst wissen, dass wir dich lieben, und wenn wir es ungeschehen machen könnten, dann hätten wir das schon eine Million Male getan. Ich habe versucht, die Hexe dazu zu bringen, mich an deiner Stelle zu verfluchen, aber sie wollte nicht –»
«Ich will davon jetzt nichts hören.» Trinitys Gesicht fühlte sich nass an und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie drückte sich an Blaines Rücken und schloss die Augen. «Blaine», wisperte sie, «bitte, bring mich weg von hier.»
Der Motor röhrte auf und Blaine schoss davon. Er riss sie aus den Armen der beiden Frauen, die sie liebte, und der einzigen beiden Frauen, die trotz der Leichen, die ihren Weg pflasterten, immer zu ihr gehalten hatten.
Blaine raste die Straße hinunter und sie drehte sich noch einmal nach ihnen um. Reina hatte ihren Arm um Olivias Taille gelegt und die beiden sahen dem Motorrad nach.
Olivia hob ein letztes Mal flehentlich die Hand. Dann bogen sie um eine Kurve und die Frauen verschwanden aus ihrem Blickfeld.