Kapitel 17

Es freute Trinity wirklich außerordentlich, endlich einmal feststellen zu können, dass es nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehörte, von einem Dach zu springen und dann mit ihrem absolut nicht vogelähnlichen Beschützer im freien Fall nach unten zu stürzen. Während sie weiter auf einen grauenvollen und matschigen Tod zurasten, brachte ein Grollen die Nacht zum Beben. Trinity blickte nach oben und sah, wie der Dämonenhund über ihren Köpfen durch die Luft segelte. Er landete auf dem gegenüberliegenden Dach und verschwand dann aus ihrem Blickfeld. Sein rasselnder Atem verklang langsam in der Ferne.

Entweder das, oder er wurde leiser, weil sie selbst dem Asphalt immer näher und näher kamen … «Ähm, Blaine?»

«Hab ein bisschen Vertrauen, mein Schatz.» Blaine steckte die Luft unter ihnen in Brand und die Wucht der Explosion stoppte ihren freien Fall und katapultierte sie nach oben.

Explosionsreisen. Wer hätte gedacht, dass Feuer so nützlich sein könnte? Vielleicht würde sie, wenn sie erst mal eine freie Frau wäre, ihren Subaru aufgeben und ein bisschen mit dem Feuer spielen …

Sie landeten neben einem Entlüftungsrohr. Sofort suchte Trinity die Skyline von Boston nach Anzeichen dafür ab, ob der Höllenhund eine Kehrtwende hingelegt hatte oder hinter ihnen her war. Gut, er musste sterben, aber da sie momentan keinen brauchbaren Plan für dieses Vorhaben hatten, hieß es vorerst: Lauf, kleines Pelzknäuel.

«Schön, dass die Jungs Spaß haben», sagte Blaine und klang zufrieden. «Das letzte Mal ist schon eine Weile her.»

Trinity folgte Blaines Blick und sah, dass Nigel und Jarvis jauchzend und schreiend mit dem Beelzebub fangen spielten, während der ihnen quer über die Dächer hinterhertorkelte. Sie hatten immer gut zwei Dächer Vorsprung und hielten häufiger an, damit das Monster wieder zu ihnen aufschließen konnte.

Was sagt man dazu? Jetzt, wo sie mehr Freiraum hatten, um in Bewegung zu bleiben, schwebten die Männer wirklich nicht mehr in Gefahr.

Hmm … ob sie dem Fluch wohl genauso davonlaufen konnte? Sie könnte sich ein bisschen in Form bringen, ein Gatorade trinken und losspurten. Brillante Idee.

«Das sieht interessant aus.» Blaines Blick ging über ihre Schulter zu der Bar hinüber, wo sie auf das widerliche Mann-Frau-Käfertier gestoßen waren.

Sie drehte sich um und sah ein strahlendes, weißes Licht, das von der Gasse ausging, in der ihr «Zwilling» seine Schwertschwingerselbstmordmission durchgeführt hatte. Es war ein geradezu überirdisches Leuchtfeuer und wurde immer größer und größer. Sie zog die Stirn kraus. «Das sieht wie eine meiner Visionen aus, aber es ist eigentlich unmöglich –»

Plötzlich sprang die holografische Trinity in ihr Sichtfeld und landete sachte auf dem Dach. Sie hob Jarvis Schwert in die Höhe und stieß einen Siegesschrei aus, den sie sogar aus einer halben Meile Entfernung hören konnte.

«Hey! Ich habe überlebt!» Ach, es war fantastisch, ihr eigenes, munteres Gesicht zu sehen. Zugegeben, es war auch ein wenig gruselig, sich selbst wie einen halbwüchsigen Werwolf nach seiner ersten Jagd heulen zu hören, aber lebendig ist lebendig, und das war die Hauptsache.

Blaine nickte zustimmend. «Das bedeutet, dass du das Chamäleon jetzt töten kannst, ohne dass du Angst haben musst, selbst dabei zu sterben.»

Trinity zog eine Grimasse und dank Blaines Vorschlag war ihre Euphorie schon wieder dahin. «Tja, also, ich weiß nicht, ob ich es tatsächlich fertigbringen würde, mich einem Schmuddelmonster in den Rachen zu werfen –»

Blaine legte seine Hand auf ihre Schulter und drückte sie. «Keine Sorge. Ich werde dir helfen.»

Trinity war etwas irritiert. Gut, ein Mann war dazu da, seiner Frau in kritischen Situationen zur Seite zu stehen, und sie freute sich ja auch sehr über Blaines Bereitschaft ihr, koste es, was es wolle, bei der Rettung ihres Vaters zu helfen, aber dass er sie in den Schlund eines räudigen Mutanten werfen wollte, war eher weniger traumhaft. «Ja, das ist lieb gemeint, aber wenn ich jemanden umbringe, haben wir immer noch das Problem mit dem Fluch.»

«Hey.» Blaine massierte ihre Schultern und sie sah ihm in die Augen. «Ich hab schon verstanden, dass du dagegen eine Aversion hast, aber wenn das der einzige Weg ist, um deinen Vater zu retten, ist es auch keine große Sache.» Er lächelte und streichelte ihre Wange. «Egal, wie viele Menschen du ermordest, es ändert nichts daran, dass du ein gutes Herz hast.»

Seine Aufrichtigkeit schnürte ihr die Kehle zu. Was Gewaltanwendung anging, da waren seine Wertvorstellungen etwas verquer und nicht unbedingt im Einklang mit der Meinung der breiten Masse, aber sie erkannte, dass er tatsächlich nicht fand, dass der Fluch sie zu einem schlechten Menschen machte. Und das war ein so, so schönes Gefühl. «Ich wünschte wirklich, ich könnte mich auch als guten Menschen sehen. Aber –»

Er legte den Daumen auf ihre Lippen. «Lass nicht zu, dass die Ansichten von anderen an deinem Selbstwertgefühl nagen. Vertrau mir, es zählt einzig und allein, wie du dich selbst siehst.» Er rieb über ihre Unterlippe. «Ich habe Tausende Male meine besten Freunde misshandelt. Aber das macht mir nichts aus. Und ihnen auch nicht. Denn wir wissen, dass dieser Mist nichts bedeutet.» Er legte die Hand am Ansatz ihrer Brüste auf ihr Herz. «Nur das hier zählt.»

Sie sah ihn forschend an und erkannte, dass er diese Worte lebte. «Wie bekommst du das hin? Wie kommst du über all die Dinge, die du tust, hinweg?»

«Ich entscheide mich dafür und tue es.»

Sie verdrehte die Augen. «So einfach ist das nicht –»

«Nein. Einfach ist es nicht. Aber es ist machbar.»

Sie musterte ihn nachdenklich und ihr wurde klar, dass er wirklich kein großes Problem darin sah, sich in einen Unterhändler des Todes zu verwandeln. Wieso sollte man sich davon unterkriegen lassen? Tatsächlich. Er war einfach überzeugt, dass es sie nicht zu einem schlechten Menschen machen würde. Sie starrte ausdruckslos in die Ferne, hatte einen Kloß im Hals und kämpfte gegen den Drang an, sich ihm wie ein albernes Schulmädchen heulend in die Arme zu werfen und ihn anzuflehen, sie darin zu bestätigen, dass alles mit ihr in Ordnung war –

Ihre Doppelgängerin stieg ohne Vorwarnung in die Lüfte auf, als wäre sie ein Gasballon.

Trinity stemmte die Hände in die Hüften und beobachtete sich selbst dabei, wie sie in den Nachthimmel schwebte. «Das ist jetzt seltsam. Ich kann nicht fliegen –»

Das Wesen stieß einen gellenden Schrei aus, dann verwandelten sich seine Haare in eine fürchterlich aussehende wirre Masse, seine Haut wurde grau und dunkel und dann stürzte es aus dem Himmel direkt auf Blaine zu.

Er fluchte, doch bevor er sich bewegen konnte, hatte die Erscheinung bereits ihre Prismafaust erhoben, in der sie etwas festhielt, das wie ein Schneeball aussah. Sie versenkte die weiße Kugel in Blaines Brust und riss ihm dann die holografische Version seines Herzens heraus. Mit einem lauten Kreischen hob sie das Herz gen Himmel, worauf ein geisterhafter Blaine vom Dach taumelte und tonlos auf dem Zement aufschlug.

Ihr holografisches Ich drehte sich nach ihr um und Trinity blieb der Mund offen stehen. Die Augen waren schwarz wie der schlimmste Alptraum eines Grubenarbeiters und von ihrer Hand, die Blaines schlagendes Herz hielt, triefte Blut.

Die beiden starrten sich einen Augenblick lang an, dann begann das Trugbild das Gesicht zu einem Grinsen zu verziehen, das sich nur noch als raubtierhaft schadenfroh bezeichnen ließ. Dann verblasste sie langsam, bis nur noch die schillernde Hand mit dem zuckenden Organ übrig blieb.

Und dann verschwand auch dieses Bild.

Hallo, zukünftiges Ich. Willkommen in der durchgedreht-wahnsinnigen Welt der mörderischen Schwarzen Witwe.

«Heilige Muttergottes.» Sie würde gleich kotzen. Oder ohnmächtig werden. Irgendwas. Okay, ihre Befürchtungen über ihre Zukunft mit acht Beinen waren ja schon unerträglich, aber die Realität? Die war noch schlimmer. Eigentlich gehörte es doch andersherum: Die Befürchtungen waren eigentlich immer schlimmer als die Wirklichkeit. War wohl nichts mit Traditionen.

«Ich brauche mal einen Augenblick.» Ihre Beine gaben nach. Blaine fing sie auf, ehe sie auf das mit Teerpappe gedeckte Dach sinken konnte. «Hast du das gesehen?»

Er hielt ihre Taille umklammert. «Allerdings. Ein Spitzensplissalptraum.»

Sie glotze ihn ungläubig an. «Spliss? Bist du überhaupt ein Mann?»

Er richtete sich auf. «Dass ich so über Haare sprechen kann, ist ein Zeichen dafür, dass ich mit meiner Männlichkeit im Reinen bin.»

«Haare?» Sie musste Lachen. Es klang schrill und ähnelte gespenstisch dem Lachen des Hologramms. «Dir sind meine Beautyprobleme aufgefallen? Und was war mit meinem mörderischen Blick? Oder dem Kichern und meiner großen Freude, als ich dir das Herz herausgerissen habe? Ist dir das zufällig auch aufgefallen?» Oh Mann. Bauchkrampf.

«Also, ja. Das habe ich auch bemerkt. War ja auch kaum zu übersehen. Es war ja schließlich mein Herz.» Er half ihr, sich auf das geteerte Dach zu setzen, und stützte sie. Sie zog die Knie an und ließ den Kopf hängen. «So darf ich nicht sein. Ich –»

«Hey.» Blaine setzte sich hinter sie, schob seine Beine rechts und links neben sie und rieb ihren Rücken. «Das war nur eine Vision. Nicht die Wirklichkeit.»

Sie schüttelte ihn ab. «Hör zu, es ist sehr nett von dir, dass du mich in eine Märchenwelt einlullen willst, aber Fakt ist, dass meine Visionen immer stimmen. Das gehört zum Fluch.»

Sie beugte sich vornüber und hielt sich den Bauch. «Ich fühle mich, als hätte ich einen lebendigen Tintenfisch gegessen –»

«Trinity. Beruhige dich», sagte Blaine und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich ab. «Ich war ruhig! Ich habe meditiert, bis mein Gehirn so abgestorben war, dass ich vergessen habe, wie man spricht und nichts davon hat geholfen!» Sie rappelte sich auf. Wie aus dem Nichts krabbelte ein kleiner schwarzer Käfer über das Dach, und ehe sie reagieren konnte, hatte sie schon ihren Fuß auf ihn gestellt. «Mist!» Sie riss den Fuß hoch. Nur noch Käferinnereien und ein Panzer. «Hast du das gesehen? Es geht schon los! Sieh es dir an! Erst der Käfer, dann du, und dann –»

Auf Blaines Lippen spielte ein leises Lächeln. «Das war ein Käfer

«Das sagst du so einfach! Wenn du ein Käfer wärest, hättest du sicher mehr Mitgefühl. Ein Leben ist ein Leben, und ich schaffe es noch nicht einmal, einen Käfer zu verschonen. Was kommt als Nächstes? Ein Welpe? Meerschweinchen? Und danach Menschen? Wo ich gehe und stehe, werde ich jemanden zermalmen. Vielleicht lege ich mir einen Klumpfuß zu, damit ich erst gar nicht mehr stehen bleiben muss. Dann heißt es nur noch: ‹Hey, guten Morgen, hast du schon meine neuen Manolo Blahniks gesehen› und dann – zack! – direkt mit dem Absatz in die Augenhöhle! Und –»

Blaine packte sie an den Haaren und presste seinen Mund auf den ihren.

Wie bitte? Hallo? Jetzt war nicht der Zeitpunkt zum Knutschen! Sie hatte gerade einen Nervenzusammenbruch –

Er küsste sie fordernd, rau und seine Hand schlüpfte zu ihrem Po. Streichelte sie. Oh Mann, war das schön, berührt zu werden. Er hatte ihr zukünftiges Ich gesehen und war Augenzeuge einer gnadenlosen Käferhinrichtung geworden und wollte sie immer noch anfassen?

Nachdem sie Barry in seinen Pyjamahosen mit Zuckerstangenmotiv kaltblütig ermordet hatte, hatte sogar ihre eigene Mutter sie schräg von der Seite angesehen.

Aber dass Blaine sie in den Arm nahm, zeigte, dass er sie wirklich in Ordnung fand. Es gab jemanden auf dieser Welt, der sie nicht für eine abartige Missgeburt hielt. Ihre Magenschmerzen ließen etwas nach und sie sackte gegen seinen Körper.

Blaine unterbrach den Kuss, hielt sie aber weiter fest. Er sah sie nur an. «Bist du jetzt in der Lage zuzuhören?»

Jetzt? Zuhören? «Was?»

Ein tiefes Glucksen bebte in seiner Brust und er sah wie ein äußerst zufriedener Mann aus. Ich ganzer Kerl. Ich überwältigen panisches Frau mit mächtigem Kuss. Ich jetzt Brust schlagen.

Hätte ihr das Gefühl, doch nicht den Verstand zu verlieren, nicht so sehr gefallen, dann wäre sie wegen seines Gehabes beleidigt gewesen. Aber im Augenblick gehörte sie eher der «Mehr, mehr, mehr davon»-Partei an. Wenn er sie für den Rest der Woche so weiter küssen würde, wäre ihr Gehirn dann vielleicht so sehr abgelenkt, dass sie vergaß, noch jemanden umzulegen?

Beinahe einen Versuch wert. Wenn da eben nicht Augustus wäre, der sie in Staub verwandeln wollte, und ihr Vater, der über einem sonntäglichen Freudenfeuer geröstet werden würde. Nichtige Details eben.

Blaines Hand kroch durch ihr Haar, als wolle er bei ihrem einwöchigen Kussplan mitmachen. «Ich meine, ob du immer noch am Rande eines kompletten geistigen Zusammenbruchs stehst?»

Sie musste an die holografische Killerbiene denken und verkrampfte sich. «Es geht schon. Gib mir noch einen Moment und ich bin wieder auf dem Damm.»

Er schwieg einen Augenblick und dachte nach, ehe er weiterredete: «Hast du schon mal von Darwin gehört?»

Na, das war ja eine naheliegende Frage. «Welcher Darwin? Wovon sprichst du?»

«Vom Gesetz der Natürlichen Auswahl? Nur die Stärksten überleben?»

Ach, der Darwin. Vollkommen logisch. Wenn eine Frau ausflippt, muss man sie zuerst ganz heftig küssen, bis sie wieder einigermaßen geistig zurechnungsfähig ist, und dann kommt Darwin ins Spiel. «Ich glaube nicht –»

«Dumme Käfer werden plattgetreten.»

Sie erstarrte. «Also, da bist du aber etwas voreingenommen.»

«So ein Käfer ist ungefähr tausendmal schneller als du. Wäre er clever gewesen, dann hätte er sich nicht hier herumgetrieben.»

Okay, also er klang zumindest so, als wäre er der Meinung, er hätte gerade ein gutes Argument vorgebracht. Sie konnte es nur nicht recht nachvollziehen. «Was willst du damit sagen?»

«Das ist ein natürlicher Prozess. So bleiben nur klügere Käfer übrig, die noch klügere Babys bekommen und nach und nach wird ihre Art immer stärker.»

«Das ist so herzlos. Ich –»

«Nein, Schnuckelchen, das ist nicht herzlos. Das ist die einzig richtige Betrachtungsweise.» Blaine ließ sie los (oh nein!) und trat an die Dachkante. Er umklammerte seinen Kopf mit den Händen und beobachtete Nigel und Jarvis, die in der Ferne verschwanden und den riesigen Killerdämon von ihnen weglockten. «Ich habe mehr als hundert Männer durch die Hand der Hexe sterben sehen. Jungen. Junge Männer. Erfahrene Krieger. Am Ende haben sie sich alle für den Tod und nicht für das Leben entschieden.»

Trinity betrachtete den zerquetschten Käfer in ihrer Hand. «Es fällt mir schwer zu glauben, dass sich dieser kleine Kerl dafür entschieden hat, als Pfannkuchen zu enden.» Der Arme brauchte eine Beerdigung. Und eine Grabrede. Sie ging zu dem kleinen, südlich gelegenen Vorratsschuppen und kniete sich nieder.

«Wenn er es nicht entschieden hat, dann hat er es zumindest geschehen lassen. Wir alle wählen unser Schicksal, Trinity, selbst die Käfer.»

«Na, war ja klar, dass du es so sehen würdest.» Sie pellte ein Stückchen Teerpappe vom Dach und legte es auf ihre Handfläche. Nicht gerade ein toller Sarg, aber es musste reichen. «Du bist ja auch ein Machokrieger, der gerne tötet und sein Leben völlig unter Kontrolle hat –»

«Ich habe die Kontrolle?», fauchte er. «Als ich vier Jahre alt war, hat mein Vater mich für ein Almosen an die Hexe verkauft, und ich habe auch noch die Verhandlungen mit anhören müssen. Er stand untätig dabei, als die Hexe mir halb den Arm abgerissen und mich verschleppt hat. Und er hat mich bei ihr zurückgelassen.»

Trinity sah ihn ungläubig an. Okay, sie kam sie gerade ein bisschen idiotisch vor. «Warum?»

«Weil ich der älteste Sohn war und meinem Dad das nicht passte.»

Trinity legte ihr Opfer auf die Pappe und achtete darauf, dass wirklich jedes zertretene Körperteil seinen Weg von ihrer Hand auf das Papier fand. «Das ergib keinen Sinn.»

«Damals war der älteste Sohn das wichtigste Kind, aber mein Vater wollte lieber, dass mein jüngerer Bruder in den Genuss aller Vorteile kommt. Ich stand ihm dabei im Weg.»

Wow, war sie gerade heilfroh, ein Einzelkind zu sein. «Und was war mit deiner Mutter?»

Blaines Kiefermuskeln spannten sich. «Sie hat alles mit angesehen. Am Abend davor hat sie an meinem Bett gesessen. Sie hat gesagt, dass sie mich liebt und ich das niemals vergessen soll, egal, was mir mein Vater antun würde. Und ich habe ihr geglaubt.» Er hatte Trinity den Rücken zugewandt und betrachtete die Bostoner Skyline. «Und dann hat sie mich diesem Miststück überlassen.»

Gut, okay, das war richtig mies. «Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein muss, von seinen Eltern verraten zu werden.» Sie wickelte den Käfer in sein neues Zuhause ein. Nicht, dass sie damit auch nur ansatzweise wiedergutmachen konnte, dass sie ihn zermatscht hatte, aber nach Blaines Geschichte verspürte sie das Bedürfnis, etwas Mütterliches zu tun. Was wenn ihr Opfer eine kleine Käferfamilie gehabt hatte, die nun irgendwo auf ihn wartete?

Hmm. Dieser Gedanke war nicht hilfreich.

«Eltern werden überbewertet!», stieß Blaine voller Verachtung aus.

«Nein, nein, nicht unbedingt.» Trinity konnte die Härte in seiner Stimme nicht ertragen. «Mein Dad hat sein eigenes Leben geopfert, um mich davon abzuhalten, einen ehemaligen Freund zu töten. Und gerade jetzt sitzt er in seinem Gefrierbeutel und will voller Freude in den Tod gehen, wenn er damit meine Seele retten kann. Manche Eltern sind so.»

Blaine sah sie aufmerksam an. In seiner Wange zuckte ein Muskel und seine Augen waren voller Ablehnung.

«Meine Eltern haben mir verboten, das Chamäleon zu töten», fuhr sie fort, «sie wollen lieber, dass mein Daddy stirbt und ich erlöst werde.»

«Dann tu das.»

«Verstehst du denn nicht? Eben weil er bereit ist, für mich zu sterben, muss ich ihn retten.»

«Nein», fuhr er ihr sofort grob über den Mund. «Prostituiere dich nicht für andere. Die lassen dich doch nur fallen. Am Ende kannst du dich nur auf dich selbst verlassen.»

Sie fühlte, dass er hinter seinen Worten stand und all die schlimmen Lektionen, die ihm schon erteilt worden waren, machten sie traurig. «Egal, wie mörderisch und furchtbar ich werden sollte, meine Eltern würden mich niemals im Stich lassen. Sie werden mich immer lieben und sie werden mich immer unterstützen, und dafür werde ich immer für sie da sein.» Sie schluckte und sprach dann die Wahrheit aus, die ihr so schreckliche Angst machte. «Wenn ich meine Seele opfern muss, um meinen Dad zu retten, dann werde ich das tun. Auch wenn ich zu einer kreischenden Todesfee mutiere.» Der Gedanke war fürchterlich … aber er entsprach der Wahrheit. Der grausamen, ungeheuerlichen, entsetzlichen Wahrheit.

Neid zeichnete sich auf Blaines Miene ab. «Du bist ein verrücktes, strahlendes Licht der Unschuld», sagte er und ging zu ihr. «Ich hätte nicht geglaubt, dass es Menschen wie dich gibt.» Er legte seine Hand auf ihre Backe. Seine Hand war eiskalt, was bei einem feurigen Kerl wie ihm wahrscheinlich kein gutes Zeichen war. «Aber sie werden dich fallen lassen», sagte er leise. «Das ist es nicht wert.»

Okay, dass er ernsthaft daran glaubte, war richtig traurig. Sie legte ihre Hand über seine. «Es tut mir leid, dass deine Eltern dir das angetan haben.»

Er biss die Zähne zusammen. «Mir nicht.» Seine Augen verdunkelten sich und seine Schultermuskeln spannten sich an. «Ich bin froh, dass ich schon früh meine Lektion gelernt habe. Das hat mich stark gemacht.»

«Aber es ist trotzdem Mist. Ich meine, ich weiß selbst sehr gut, wie es ist, eine furchtbare Vergangenheit zu haben, von der man nicht loskommt.» Ihr fiel auf, dass sie den Käfer viel zu fest hielt, und sie entspannte ihre Hand. Toll. Der Sarg war zerknautscht. Sie schaffte es nicht mal, ihre Opfer anständig zu begraben! «Besonders, wenn du diese höllische Vergangenheit mit in deine Zukunft schleppst.»

«Sie zieht mich nicht runter. Ich profitiere davon. Mist passiert, man geht gestärkt daraus hervor und schmeißt den Rest in die Mülltonne.»

«Loslassen ist nicht so einfach», meinte sie nachdenklich.

«Klar ist es das.» Er wies auf den Käfer in ihrer Hand. «Glaubst du, er bedauert, zertreten worden zu sein?»

«Ähm, nein. Er ist tot. Er fühlt wahrscheinlich überhaupt nichts mehr.» Sie machte sich von Blaine los und ging zu einer Lüftungsöffnung. Dort legte sie den Sarg sachte ab und versicherte sich, dass der Wind ihn nicht davontragen konnte. Nur für den Fall, dass seine Angehörigen und Freunde ihn suchten.

Blaine beobachtete das Begräbnis mit hochgezogenen Brauen. «Sicher. Aber du weißt, dass die Seele, nachdem der Körper stirbt, weiterexistiert. Wir leben noch und dieser Käfer hat sich anders entschieden.»

Also, das war einfach nur lächerlich. «Man hat nicht immer eine Wahl –»

«Ach nein? Wenn du nicht daran glaubst, warum hast du dann den Fluch nicht einfach als deine Zukunft akzeptiert? Oder hast du dich schon ergeben?»

Sie stand auf und legte die Hände in die Hüften. «Nein! Ich werde nicht aufgeben! Ich –»

«Siehst du? Du hast es verstanden.» Er kam zu ihr stolziert. «Wir haben immer eine Wahl, egal, was passiert. Manchmal ist man zu schwach, um eine Entscheidung herbeizuführen, manchmal kämpft man dafür.» Er wies wieder auf das Insekt. «Dein Käfer hier hat die Entscheidung herbeigeführt, entweder bewusst oder durch Untätigkeit. Er hat beschlossen, ins Nimmerland zu fliegen. Du warst dafür nur sein Mittel zum Zweck.»

Trinity wurde wütend. «Ich verstehe, was du damit sagen willst, aber plattgetreten zu werden ist etwas völlig anderes, als sich dagegen zu wehren, ein Serienkiller zu werden –»

«Weißt du eigentlich, wie oft ich schon gestorben bin?»

Sie sah ihn an. «Ist das eine Fangfrage?»

«671 Mal. Ich bin gestorben. Und habe beschlossen, dass ich noch nicht so weit bin. Also bin ich zurückgekommen. Angelica hat mir viel Scheiße aufgehalst, die ich nun in mir trage, aber ich bin trotzdem ich selbst geblieben.» Er tippte mit seinem Finger dort, wo Trinitys Herz saß, auf ihre Brust. «Egal, wie oft dieses Schreckgespenst aus deinem Hologramm dir einen Besuch abstattet – sie wird nie dein innerstes Wesen verändern können. Solange du dich gegen sie auflehnst und darum kämpfst, du zu sein, wird die Hexe dich niemals bezwingen.»

Die Wahrheit seiner Worte traf sie tief. Sie kämpfte ja. Mit jeder Faser ihrer selbst. «Aber es ist nicht genug –»

«Bisher schon, oder?»

Na, da hatte er recht. Sie war nach wie vor sie selbst und es blieben nur noch sechs Tage. «Aber ich kann das Monster in mir spüren. Ich habe das Hologramm gesehen. Und ich habe einen Käfer ermordet –»

«Das war kein Insektenmassaker, sondern nur ein einzelner Käfer, der der natürlichen Auslese zum Opfer gefallen ist. Nichts weiter. Lass es gut sein.» Er schenkte ihr ein grimmiges Lächeln. Dieses Lächeln berichtete von einer langen, beschwerlichen Reise. «Ein Tag nach dem anderen. Verlier bloß nicht den Überblick, sonst landest du auf deinem Hintern.»

Lass es gut sein. Möglicherweise hatte er recht. Wenn Blaine das alles einigermaßen unbeschadet überstanden hatte, dann bestand vielleicht auch die Chance, dass sie doch nicht die mordgierige Schlampe war, die in ihr lauerte.

Immerhin war er ein Mann, der genau wusste, was sie war, und ebenso genau wusste, was die Zukunft für sie bringen konnte, und trotzdem fand er sie in Ordnung. Selbst ihre Eltern und Reina hatten in ihr immer auch den Todesengel gesehen.

Aber Blaine nicht. Dieser Mann, der absolut keinen Grund hatte, an das Gute zu glauben, hielt ihre Seele für rein. Er sah sie so, wie sie immer hatte sein wollen. Konnte er denn recht haben? Hatte sie tatsächlich eine Chance? Dank ihm fing sie an, daran zu glauben, und sie nahm diesen Glauben gerne an. Tränen traten ihr in die Augen und sie umarmte ihn. «Danke», wisperte sie an seinem Hals.

Er drückte sie und sie schloss die Augen. Genoss es, von einem Mann festgehalten zu werden. Ohne Sex. Ohne Hintergedanken. Einfach nur, weil sie jemanden brauchte, der sie in den Arm nahm und der der Ansicht war, dass sie es sich verdient hatte.

Blaine Underhill war vielleicht ein kleinwenig zu sehr begeistert vom Töten und möglicherweise kitzelte er das böse Mädchen in ihr hervor, aber in diesem Moment erweckte er nichts anderes in ihr als die Frau, die sie eigentlich sein wollte. Umarmung für Umarmung erlöste er ihre Seele. Ihr Herz war von einem warmen, wundervollen Gefühl erfüllt, das sie niemals zuvor zugelassen hatte: Dankbarkeit.

Oh nein.

Sie fing an, ihn zu mögen.