ACHTES KAPITEL
Bis zum 15. Juni war auch dem eingefleischtesten Anfänger auf dem Gebiet der Wetterbeobachtung klar, daß sich über Oklahoma eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes zusammenbraute. Als unmittelbare Folge davon erlebte der Bundesstaat den größten Touristenansturm seit zehn Jahren.
Jeder, der noch über einen Rest gesunden Menschenverstands verfügte, hatte seine Wohnung verrammelt, seine Sachen zusammengepackt und/oder war evakuiert worden. Die vernünftigen Flüchtlinge vermochten der schieren Anzahl der Leute ohne gesunden Menschenverstand, die sich in einer endlosen Prozession von Autos mit Wohnanhängern, Mietbussen und motorisierten Zweirädern in den Bundesstaat ergossen, allerdings nichts entgegenzusetzen. Oklahoma war das Mekka der Schwerwetterfreaks geworden. Und davon gab es viel mehr, als Jane sich jemals hätte träumen lassen.
Nach kurzem Zögern waren die Vernünftigen wieder beschämt an den Ort des Geschehens zurückgekehrt, damit die Freaks nicht alles klauten. Was die Freaks auf ihre merkwürdig zerstreute Art auch tatsächlich taten. In Anadarko, Chickashaw, Weatherford und Elk City waren die billigeren Hotels ausgebucht und die Parkplätze voller Campingzelte, und es fand eine endlose Bierparty statt, durchbrochen von gelegentlichen nächtlichen Schießereien und kleinen Ausflügen, bei denen jeder soviel zusammenraffte, wie er konnte. Man hatte die Nationalgarde damit betraut, die Ordnung aufrechtzuerhalten, doch in Oklahoma hatte die Nationalgarde auch so schon zuviel zu tun. Die Nationalgarde war neben der Landwirtschaft, der holzverarbeitenden Industrie und der Zementindustrie von Portland einer der größten Arbeitgeber des Bundesstaates. Die paramilitärische Garde verkaufte den Plünderern tagsüber T-Shirts und Snowballs, ein Getränk aus Eierlikör und Limonade, und nachts legten sie Uniformen an, zogen los und prügelten auf sie ein, was das Zeug hielt.
Der entfesselten, enthusiastischen TV-Berichterstattung nach zu schließen, verspürten jedoch nicht alle Beteiligten ein perverses, unverhohlenes Vergnügen an der hysterischen, unerträglichen Wetterspannung. Der Himmel war kanariengelb und voller Staub, und abends flackerten furchteinflößende, trockene Hitzegewitter über den Himmel, und alles roch nach Dreck, Schweiß und Ozon, und die Menschen genossen das auch noch. Die Trockenheit dauerte einfach schon zu lange. Die Bewohner der Tornadostraße hatten bereits viel zuviel erduldet. Sie hatten die Angst längst hinter sich gelassen und auch die verbitterte Resignation. Und nun nahmen sie zu krampfhaftem, schwarzem Humor Zuflucht.
Die Menschen, die von ganz Amerika eintrafen - natürlich einschließlich Mexiko und Kanada -, waren ein ganz anderer Schlag als die üblichen Tornadojäger. Der normale Tornadofreak war im Grunde eher ein belesener, eulenhafter Typ, der sorgsam die neuesten Wetterberichte studierte und die Okulare seines digitalen Fernglases polierte, damit er im richtigen Moment ins Freie springen und begeistert ein kurzes, flüchtiges Phänomen beobachten konnte, das gewöhnlich nur ein paar Minuten zu sehen war.
Die gegenwärtigen Schwerwetterfreaks hingegen waren ganz anders als die Wetterleute, die Jane gewohnt war, anders, als sie erwartet hatte. Obwohl sie sich im Herzen des Kontinents befanden, viele Kilometer von jeder Küste entfernt, ähnelten sie eher den modernen Hurrikan-Beobachtern.
Schwerwetterfreaks traten in unterschiedlichen soziologischen Varianten auf. Zunächst war da mal eine gewisse Anzahl von Leuten, die sich einfach nichts aus dem Leben machten. Verzweifelte Menschen, die aktiv ihren eigenen Untergang betrieben. Doch obwohl die potentiellen Selbstmörder ein realer Faktor und sozusagen das Herz und die Seele des Phänomens waren, stellten sie doch eine sehr kleine Minderheit dar. Die meisten dieser sorgenbeladenen, schwarzgekleideten Hamlets entwickelten einen starken Überlebenswillen, wenn der Wind erst einmal zu einem massiven, pulsierenden Brüllen anschwoll.
Zweitens und in weit größerer Zahl waren da die sensationsgeilen Freaks, die übermäßig gebräunten Sportler und die krebsgefährdeten muskulösen Surfertypen. Es war schon erstaunlich, wie wenige von diesen leichtsinnigen Idioten selbst bei den schlimmsten Unwettern ums Leben kamen oder verletzt wurden. Meistens hatten sie Atmungsgeräte und smarte Surfbretter dabei und machten Jagd auf die Große Welle, die Richtig - Große - Welle, die Wahnsinnig - Große - Welle. Da man in Oklahoma nicht surfen konnte, hatte der bizarre Erfindungsreichtum einer völlig durchgeknallten Freizeitindustrie Dutzende gemeiner, kleiner ›Windschoner‹ mit Diamantnaben auf den Markt gebracht, segelbetriebene Fahrzeuge, die von Natur aus so unberechenbar waren, daß sie selbst mit der eingebauten Computersteuerung kaum zu beherrschen waren. Dennoch schienen die Leute, die damit fuhren, einen Schutzengel zu haben. Sie waren ebenso schwer umzubringen wie Küchenschaben.
Dann war da noch die größte Gruppe, die unterschiedlichen Menschen, die einfach für Unwetter schwärmten. Die meisten beschäftigten sich nicht weiter mit Stürmen. Manchmal machten sie Fotos oder Videoaufnahmen, hatten ansonsten aber keinerlei intellektuelle oder professionelle Ambitionen. Sie waren halt Sturmfans. Manche waren sogar tief religiös. Einige posteten erbärmlich schlechte Lyrik ins Netz. Ein paar von ihnen waren höchst eigenwillige, mit Tätowierungen, Ketten und Kratzkunst geschmückte Leute, die Halluzinogene nahmen und/oder auf dem Höhepunkt der Krise in Bunkern wilde Orgien feierten. Ihr aller Markenzeichen waren eine inhaltslose Ernsthaftigkeit und seltsame Kleider- und Eßvorschriften.
Viertens waren da die Gauner. Leute auf der Suche nach der großen Chance. Plünderer, Schwarzmarkthändler, Einbrecher. Und natürlich auch Vandalen. Nicht gerade überwältigend viele, keine marodierenden Heerscharen, aber doch genug, um sich Sorgen zu machen. Wo immer sie auftraten, ließen sie seltsame Kreidezeichen zurück und trafen sich zum Currysuppe-Essen in leerstehenden Gebäuden.
Und schließlich waren da noch die Evakuierungsfreaks - zahlenmäßig stetig zunehmend und gleichzeitig die Gruppe, die Jane bei weitem am unerklärlichsten, widerlichsten und unheimlichsten war. Menschen, die erst nach dem Unwetter so richtig aufblühten. Menschen, die gerne in Evakuierungslagern lebten. Vielleicht waren sie während des Ausnahmezustands in so einem Lager aufgewachsen und trauerten der Erfahrung nun perverserweise nach. Oder sie genossen das ein wenig halluzinatorische, intensive Gemeinschaftsgefühl, das sich nach einer Naturkatastrophe jedesmal einstellte. Vielleicht brauchten sie aber auch die Katastrophe, um sich wirklich lebendig zu fühlen, weil sie unter dem drückenden Gewicht des schweren Wetters aufgewachsen waren und nie wirklich gelebt hatten.
Wenn man über keine starke Persönlichkeit verfügte, dann konnte man in einem Evakuierungslager alle möglichen Identitäten annehmen. Der Untergang einer Stadt oder eines Vororts brachte sämtliche auf gesellschaftlichem Status und Erfahrung beruhenden Barrieren zum Einsturz und steckte alle in den gleichen Papieranzug. Manche Leute - und es wurden immer mehr - genossen offenbar diese Situation. Sie bildeten eine neue soziale Schicht von Menschen, eine Mischung aus Scharlatan, Betrüger oder Gauner, etwas wirklich noch nie Dagewesenes, ohne Geschichte, ohne eigene Identität. Hin und wieder - eher häufiger - war der Evakuierungsfreak Herz und Seele des örtlichen Wiederaufbaus, eine manische, rotwangige, stets freundliche Person, die für jeden ein Lächeln übrig hatte, stets bereit, die Hinterbliebenen zu trösten, die Verletzten zu baden und stundenlang am Bett der dankbaren, verletzten Kinder zu sitzen und mit ihnen Faxen zu machen. Häufig gaben sich diese Leute als Pastoren, Sanitäter, Sozialarbeiter oder untergeordnete Regierungsbeamte aus, und damit kamen sie meistens auch durch, denn in dem ganzen Schrecken, dem Leid und der Verwirrung fragte niemand nach Papieren.
Sie blieben solange, wie sie sich trauten, aßen den Regierungsfraß, trugen Papieranzüge wie alle anderen und behaupteten vage, sie seien ›aus der Gegend‹. Seltsamerweise waren die Evakuierungsfreaks fast immer harmlos, zumindest in physischer Hinsicht. Sie stahlen nicht, sie raubten nicht, sie töteten nicht und sprengten nichts in die Luft. Manche waren zu benommen und zu verwirrt, um mehr zustandezubringen als herumzusitzen, zu essen und zu lächeln, doch recht häufig arbeiteten sie mit geradezu selbstloser Hingabe und inspirierten die Menschen in ihrer Umgebung, und die Menschen blickten zu ihnen auf, bewunderten sie, vertrauten ihnen bedingungslos und betrachteten diese hohlen Typen als Säulen der Gemeinschaft. Unter den Evakuierungsfreaks gab es sowohl Männer als auch Frauen. Ihr Tun war nicht unbedingt kriminell, und selbst wenn man sie erwischte, ermahnte oder bestrafte, schienen sie doch nicht damit aufhören zu können. Sie verzogen sich einfach zu einem anderen Katastrophengebiet in einem anderen Bundesstaat, zerfetzten ihre Kleider, beschmierten sich mit Dreck und taumelten als angeblich Betroffene in irgendein Lager.
Am seltsamsten dabei war, daß die Evakuierungsfreaks immer allein zu reisen schienen.
»Juanita«, sagte April Logan, »ich hatte schon immer das Gefühl, daß Sie einmal zu meinen Musterschülern gehören würden.«
»Danke, April.«
»In welche Kategorie würden Sie sich bei Ihrer kleinen sozialen Analyse einordnen?«
»Ich mich?« fragte Jane. »Ich bin Wissenschaftlerin.«
»Oh« - April nickte bedächtig -, »das ist ausgezeichnet.«
Jane lachte. »Sie sind ja auch hier, nicht wahr.«
»Natürlich«, meinte April Logan. Ihr gestyltes Haar hob sich ein wenig in der trockenen, sauren Brise, und sie musterte nachdenklich das Truppencamp und nahm alles mit ihren flachen, gelblichen, allesverstehenden Augen in sich auf.
Wenn die Dürre nicht gewesen wäre, hätte das Gelände ganz nett ausgesehen. Die Truppe lagerte westlich von Reno an der Interstate 40, in einer Gegend voll roter Steilfelsen aus bröckligem Sandstein, mit roter Erde und ausgetrockneten Wasserläufen voller Pacanobäumen, Espen und blühendem Geißblatt, ein Ort, wo Goldrute, wilder Wein, Kegelblumen und purpurfarbene Rankgewächse wuchsen. Der Frühling hatte noch nicht aufgegeben. Er war versengt und staubbedeckt, aber aufgegeben hatte der Frühling noch nicht.
April Logan trug einen maßgearbeiteten, mit goldenen Blättern bedruckten Papieroverall: eine perfekte, anatomisch geformte Adaption eines der psychedelischeren Ornamente aus dem Buch von Keils. Irgendwie paßte das zu April, als Oxymoron kostümiert herumzulaufen. Von einer postindustriellen Maschine ausgeführte präindustrielle Handarbeit, ein Konsumentenparadoxon aus dem widersprüchlichen Niemandsland der Kosten gegen Wert gegen Kosten. Und gleichzeitig war es auch noch recht hübsch. »Ich bin immer noch voll mit dem Projekt beschäftigt«, sagte April Logan. »Das Projekt wollte, daß ich hierherkomme, wissen Sie.«
»Sie scherzen.«
»Aber nein«, meinte April. »Das Projekt spinnt manchmal, aber scherzen tut es nie.«
Jane hatte als Studentin beim Aufbau des Projekts mitgeholfen. Professor Logan hatte es dann geduldig zum Laufen gebracht und jahrelang verbessert - eine schauerliche Schimäre, zusammengestoppelt aus genetischen Algorithmen und neuralem Netz. Eine postliterarische, neoakademische Korrelationsmaschine, ein Synchronizitätsgenerator mit MegaRechenleistung. In Aprils breitgefächertem analytischem Ragout gab es eine Menge unterschiedlicher Brocken: Demographie, Arbeitsmarktdaten, Konsumententrends. Die geographische Verteilung des netzwerkabhängigen Datenverkehrs. Sterblichkeitsraten, die Wanderwege von Privatwährungen. Und verschiedene geheimnisvolle Indizes für Grafikdesign - wie April selbst war das Projekt Experte für Trends auf dem Gebiet des Grafikdesigns.
Wenn sie über ihr Projekt sprach, ließ sich April gern über den geheimnisvollen Zusammenhang zwischen der Saumlänge in der Kleidermode und dem Aktienmarkt aus. Wenn die Kurse stiegen, wurden die Kleider kürzer. Fielen die Kurse wieder, gingen auch die Säume nach unten. Niemand kannte den Grund, dennoch war die Korrelation über Jahrzehnte hinweg verblüffend konstant geblieben. Irgendwann hatte der Aktienmarkt natürlich jeglichen Kontakt zur Realität verloren, und die Frauen, falls sie überhaupt noch Röcke trugen, scherten sich einen Dreck um die Saumlänge, doch eigentlich, meinte April, ginge es bei dem Projekt darum, moderne Korrelationen ausfindig und dingfest zu machen, solange sie noch neu seien und bevor das ständige gesellschaftliche Chaos sie notwendigerweise wieder hinfällig werden ließ. In Anbetracht des Chaos war die Frage nach dem Warum der Korrelation nicht exakt zu beantworten. Und in Anbetracht der genetischen Algorithmen war die Kausalverknüpfung innerhalb der Schaltkreise der Maschine nicht einmal logisch nachzuvollziehen. Auf jeden Fall war es April nicht in erster Linie um Rationalität und Kausalität zu tun. Bei der ganzen Angelegenheit ging es darum, ob Aprils umfassende Simulation die Realität so gut abzubilden vermochte, daß sie ein nützliches DesignWerkzeug darstellte.
Auf der Ebene der grundlegenden digitalen Operationen unterschied sich das Projekt gar nicht so sehr von Jerrys Wettermodellen - abgesehen davon, daß Jerrys Simulationen auf nachprüfbaren, allgemein anerkannten physikalischen Gesetzen beruhten, während April Logan keine Wissenschaftlerin, sondern eine Künstlerin und Design-Kritikerin war. Soweit Jane erkennen konnte, besaß Aprils Analysevorrichtung nur geringe Vorteile gegenüber Tarotkarten. Trotzdem schien das verdammte Ding, genau wie Tarotkarten, stets irgendwie zu funktionieren und irgendeinen tiefen, verlockenden Sinn zu enthüllen, ganz egal, was für einen Unsinn es zu Tage förderte.
Es war keine Wissenschaft und hatte auch nicht den Anspruch, eine zu sein, dennoch hatte es eine sehr wohlhabende und einflußreiche Frau aus April Logan gemacht. Sie hatte dem akademischen Betrieb - obwohl sie dort recht erfolgreich gewesen war - den Rücken gekehrt und strich nun enorme Honorare als Privatberaterin ein. Die Leute - vernünftige, praktische Leute - zahlten April Logan gewaltige Summen, um sich von ihr ›die Farbe der Saison‹ vorhersagen zu lassen. Und ob sich ein Massenmarkt für eßbare Fastfood-Verpackung entwickeln würde. Und warum Hotels unter einer Selbstmordwelle von Jugendlichen zu leiden hatten, die sich in Glasaufzügen das Leben nahmen, und ob ein hellrosa Teppich dagegen Abhilfe schaffen könnte. April war ein wahrer Design-Guru geworden.
Die Jahre hatten bei April Spuren hinterlassen. Jetzt, da Jane ihrer Lehrerin abseits des kontrollierten Glamours von Aprils genau kalkuliertem öffentlichem Image persönlich gegenüberstand, bemerkte Jane ein Zittern und eine gewisse Flatterhaftigkeit an ihr, sogar einen Anflug von Wahnsinn. April Logan war keine glückliche Frau. Der Erfolg hatte sie jedoch nicht sehr verändert. Die Nervosität und Schärfe waren ihr angeboren, und jetzt verzehrten sie allmählich ihr Herz - aber April Logan hatte ein großes Herz. Sie hielt ihre Muse im Schwitzkasten, und sie war besessen von der Arbeit. In Aprils Umgebung meinte man, von der begabten, scharfsichtigen, brillanten Frau, die Dingen, welche die meisten Menschen nicht einmal wahrnahmen, unerhört konzentrierte Beachtung schenkte, eine radioaktive Ausstrahlung ausgehen zu spüren. April war eine wahre Künstlerin, die wahrste Künstlerin, der Jane je begegnet war. Ein Markenartikel. Nicht einmal der schlimmste kommerzielle Dreck auf einem zum Untergang verdammten Planeten konnte dagegen etwas ausrichten.
»Wahre Innovation betrifft den Exzentriker«, meinte April nachdenklich. »Eine Minderheit unter den Exzentrikern, vielleicht einen von hundert.« Sie zögerte. »Die Gesellschaft muß sich dann allerdings mit neunundneunzig prätentiösen, ungezogenen Nervenbündeln herumschlagen.«
»Professor Logan, wie sie leibt und lebt.«
»Ich hätte mir denken können, daß Sie mal bei so was landen würden, Juanita. Es steht völlig außer Frage, daß es sich um ein Ereignis von einiger Bedeutung handelt. Ich habe mitverfolgt, wie es sich von reiner Spekulation über eine Modeerscheinung bis zur Manie entwickelt hat… Wenn diese Naturkatastrophe den Erwartungen gerecht wird, könnte das langfristige gesellschaftliche Auswirkungen haben.«
»Und wir dokumentieren es.«
»Ist das nicht sehr gefährlich? Nicht nur in physischer Hinsicht, meine ich, sondern das zieht doch bestimmt eine Menge instabiler sozialer Elemente an.«
»Das Schicksal belohnt die Tapferen«, erwiderte Jane vergnügt. »Es wird schon klappen. Wir wissen, was wir tun. Und alle anderen werden auch im Bilde sein, wenn Sie uns helfen.«
»Interessant«, sagte April. Aus ihrem Mund war das ein großes Lob. »Ich habe das Projekt umfassend nach neuralen Gewichtungen für Ihren Freund, Dr. Mulcahey, durchsucht. Es kommt nur selten vor, daß das Projekt ein einzelnes Individuum auswählt, aber Dr. Mulcahey kommt in sage und schreibe vierzehn unterschiedlichen Kategorien vor.«
»Ach.«
»Das ist ziemlich ungewöhnlich. Und außerdem hat er einen noch weniger bekannten Bruder, der sogar in siebzehn Kategorien vertreten ist!«
»Haben Sie schon mal unter Ihrem Namen in dem Projekt nachgeschaut?«
»Das mache ich jeden Tag. Manchmal komme ich auf bis zu fünf Nennungen. Vor kurzem waren es sechs.« Sie runzelte die Stirn. »Man könnte natürlich so argumentieren, daß eine niedrigere Zahl von Kategorien den elementaren gesellschaftlichen Einfluß vertieft.«
»Stimmt. Haben Sie in letzter Zeit mal unter meinem Namen nachgeschaut?«
April ließ den Blick taktvoll über das Camp schweifen. »Was ist denn das für ein Gerät, daß da gerade gestartet wird?«
»Ein Wetterballon«, antwortete Jane und erhob sich. Zwecklos, die Beleidigte zu spielen. Es war halt bloß eine große, gottverdammte Wahrsagemaschine. »Hätten Sie Lust, sich das anzusehen?«
Jerry stand im Feuerschein, mit unbedecktem Kopf, die Hände auf dem Rücken. »Morgen werden wir den heftigsten Sturm der Geschichte verfolgen«, sagte er. »Er wird morgen losbrechen, wahrscheinlich gegen Mittag, und er wird Tausende, wahrscheinlich sogar Zehntausende von Menschenleben fordern. Wenn er stabil ist und ein paar Stunden andauert, könnten es auch Millionen sein. Wenn wir genug Zeit und Energie hätten und sich eine Gelegenheit böte, würde ich versuchen, Menschenleben zu retten. Aber das geht nicht. Wir haben keine Zeit, und wir verfügen über keine Autorität, daher können wir niemanden retten. Wir können nicht einmal uns selber retten. Unser eigenes Leben genießt morgen nicht die höchste Priorität.«
Die Menschen im Versammlungskreis machten keinen Mucks.
»Angesichts des furchtbaren Ausmaßes der morgigen Ereignisse zählt unser Leben nicht viel. Erkenntnisse über den F-6 sind wichtiger als jeder einzelne von uns. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber das ist die Wahrheit. Ich möchte, daß ihr die Wahrheit begreift und sie akzeptiert, ich möchte, daß ihr sie euch zu Herzen nehmt und euch entsprechend verhaltet. Leute, ihr habt alle die Simulationen gesehen, ihr wißt, worum es geht, wenn ich vom F-6 rede. Aber, Leute, das verdammte Ding bricht jetzt über uns herein. Es ist da, es ist real, keine Aufzeichnung diesmal, kein Scheinbild. Es ist so real wie ihr und ich. Wir müssen soviel wie möglich über den F-6 in Erfahrung bringen, um jeden Preis. Dieses furchtbare Ereignis muß dokumentiert werden. Morgen müssen wir diesem grauenhaften Ereignis soviel wie möglich von seiner Wahrheit entreißen. Selbst wenn wir alle dabei umkämen, würden einige Überlebende aufgrund unserer Arbeit doch die Wahrheit darüber erfahren, und das wird ein lohnender Preis für unser Leben sein.«
Jerry ging unruhig auf und ab. »Ich möchte morgen keinen Leichtsinn erleben. Amateure haben dabei nichts verloren. Also keine Dummheiten. Was ich von euch will, das ist die vollständige Einsicht in die Notwendigkeit und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Wir haben nur eine einzige Chance. Das ist die größte Schwerwetterherausforderung, vor der unsere Truppe jemals stehen wird, und ich hoffe und glaube, daß sie Zeit unseres Lebens auch ein Einzelfall bleiben wird. Wenn ihr glaubt, euer Leben sei wichtiger, als diesen Sturm zur Strecke zu bringen, dann habe ich dafür Verständnis. Das ist eine kluge Entscheidung. Die meisten Leute würden sie vernünftig nennen. Ihr alle seid hier bei mir, weil ihr anders als die meisten Menschen seid, aber worum ich euch bitte, ist etwas Schreckliches. Das ist keine Sturmjagd wie jede andere. Das ist nicht irgendeine Schlechtwetterfront und irgendein Zacken. Dieses Ding ist der Tod, Leute. Das ist ein Vernichter, ein Weltenzerstörer. Das ist das Schlimmste, was menschliches Handeln seit Los Alamos hervorgebracht hat. Wenn euer Leben bei euch höchste Priorität genießt, dann solltet ihr das Camp unverzüglich verlassen. Ich sage ein Wetterereignis voraus, das um eine ganze Größenordnung schneller, massiver und heftiger ist als der stärkste F-5-Maxi-Tornado. Wenn ihr der Katastrophe entgehen wollt, solltet ihr auf der Stelle nach Osten fliehen und erst anhalten, wenn ihr am anderen Ufer des Mississippi angelangt seid. Wenn ihr aber bleibt, dann bleibt im klaren Bewußtsein, daß ihr kopfüber ins Verderben rennt.«
Niemand rührte sich. Niemand sagte etwas.
Auf einmal ertönte ein animalischer Schrei, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ, ein trillerndes, jodelndes, jubilierendes Kreischen, als frohlockte eine Wahnsinnige über ihren soeben abgezogenen Skalp.
Der Schrei kam von Joanne Lessard. Alle blickten Joanne verwundert an. Joanne saß mit untergeschlagenen Beinen auf einem Stück Bubblepak in der Nähe des Lagerfeuers. Sie hatte sich soeben das blonde Haar gewaschen und kämmte es gerade. Sie sagte nichts, sondern blickte bloß strahlend in den flackernden Feuerschein, zuckte einmal die Achseln und kämmte sich weiter.
Selbst Jerry wirkte verblüfft.
»Das war alles«, wurde Jerry auf einmal klar, dann nahm er bedächtig Platz.
Rudy Martinez erhob sich. »Jerry, wirst du morgen den Nowcaster machen?«
»Ja.«
»Wenn Jerry die Wetteranalyse macht, dann gehe ich überall hin. Das war alles.« Rudy setzte sich wieder.
Joe Brasseur erhob sich. »Ich stehe jedem zur Verfügung, der noch nicht sein Testament gemacht hat. Ohne Hinterlassung eines Testaments zu sterben, das ist kein Spaß für die Erben. Uns bleibt noch ausreichend Zeit, ein Testament aufzusetzen, es mit einer digitalen Unterschrift zu versehen und an einem sicheren Ort zu hinterlegen. Damit meine ich dich, Dunnebecke. Das war alles.« Er setzte sich.
Lange Zeit sagte niemand etwas.
Schließlich fand Jane, jetzt sei die Reihe an ihr, aufzustehen. »Ich möchte bloß sagen, daß ich wirklich stolz auf euch bin. Und daß ich ein gutes Gefühl bei der Sache habe. Ich wünsche euch morgen eine gute Jagd, Leute. Das war alles.« Sie setzte sich.
April Logan stand auf. »Verzeihen Sie mir, daß ich mich in Ihre Beratung einmische, aber wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Sie gerne etwas fragen.«
April Logan blickte Jerry an. Jerry hob die Brauen.
»Eigentlich handelt es sich um eine Meinungsumfrage.«
»Na los, fragen Sie schon«, flüsterte Jane ihr zu.
»Meine Frage an Sie lautet: Wann, glauben Sie, hat die Menschheit endgültig die Kontrolle über ihr Schicksal verloren? Nach Möglichkeit würde ich Sie bitten, einzeln zu antworten.« April zückte einen Notizblock. »Bitte beginnen Sie irgendwo im Kreis - zum Beispiel hier zu meiner Linken.«
Martha Madronich erhob sich widerwillig. »Also, ich hasse es, die erste zu sein, aber um Ihre Frage zu beantworten, Professor, ich finde, wir haben die Kontrolle irgendwann während des Ausnahmezustands verloren.« Sie setzte sich.
Ed Dunnebecke stand auf. »Ich würde sagen, es war 1968. Vielleicht 1967. Wenn man sich die CO2-Statistik anschaut, dann stellt man fest, daß damals noch gute Aussichten bestanden, alles zurückzufahren, und daß die Leute ganz genau wußten, wie gründlich sie dabei waren, die Umwelt zu ruinieren. Zu dieser Zeit gab es ein beträchtliches revolutionäres Potential und auch einen beträchtlichen politischen Willen, aber statt dessen hat man die Gelegenheit wegen der Drogen, dem Marxismus und dem ganzen mystischen Scheiß ungenutzt verstreichen lassen, und danach konnte man sich nicht mehr aufraffen. Neunzehnhundertachtundsechzig, ganz eindeutig. Das war alles.«
Greg Foulks stand auf. »Ich stimme mit Ed soweit überein, bloß meine ich, daß es auch noch 1989 eine letzte Möglichkeit gegeben hat. Vielleicht sogar noch '91, nach dem ersten Golfkrieg. Aber nachdem man die Chance auf eine wirklich neue Weltordnung '89 und '91 vertan hatte, war endgültig alles im Eimer. Das war alles.« Er setzte sich.
Carol Cooper stand auf. »Also, diese Frage wird einem natürlich häufiger gestellt… Halten Sie mich ruhig für romantisch, aber ich glaube, es war 1914. Der Erste Weltkrieg. Ich meine, wenn man sich die lange Friedensperiode in Europa vor dem Gemetzel anguckt, möchte man eigentlich meinen, die politische Vernunft hätte damals die Chance gehabt, sich durchzusetzen. Und wenn wir nicht den größten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts mit Faschismus, Kommunismus und den ganzen anderen bescheuerten Ismen vertan hätten, dann hätten wir vielleicht was Ordentliches zustande gekriegt, und außerdem, ganz gleich, was Janey dazu meint, war der Jugendstil die letzte vernünftige Bewegung auf dem Gebiet der grafischen Kunst. Das war alles.«
Als nächstes war Sam Moncrieff dran. »Ende der 1980er… da gab es ein paar Kongreß-Anhörungen zum Thema globale Erwärmung, die keinerlei Beachtung fanden… Und die Vereinbarungen von Montreal hinsichtlich der FCKW; wenn man da schon konsequent gegen CO2 und Methan vorgegangen wäre, stünden wir heute erheblich besser da. Wahrscheinlich hätten wir immer noch schweres Wetter, aber nicht so wahnsinnig schwer. Ende der Achtzigerjahre. Das war die letzte Chance. Ganz eindeutig. Das war alles.«
Rick Sedletter stand auf. »Wie Greg bereits sagte.« Er setzte sich.
Peter Vierling erhob sich. »Vielleicht irre ich mich da, aber ich meine, der PC hätte in den Fünfzigerjahren kommen müssen anstatt erst in den Siebzigern, das hätte uns eine Menge Zeit erspart. Na ja… ist ja auch egal.« Er setzte sich.
Bussard stand auf. »Ich glaube, der Völkerbund hat's in den Zwanzigerjahren vermasselt. Die Idee war an sich gar nicht schlecht, wegen des strikten, saublöden Isolationismus der USA ist bloß nichts draus geworden. Außerdem hätte es in der Anfangszeit der Luftfahrt besser laufen sollen. Wenn sich die Freiheit über den Wolken eher durchgesetzt hätte… Eine Schande, daß Charles Lindbergh mit den Faschisten sympathisiert hat. Das war alles.«
Joanne stand auf. »Neunzehnhundertfünfundvierzig. Die Vereinten Nationen hätten alles wieder richten können. Das haben sie auch versucht. Ein paar recht ordentliche Deklarationen, aber keine gute Umsetzung. Schade. Das war alles.«
Joe Brasseur stand auf. »Was das Datum angeht, stimme ich mit Joanne überein. Ich glaube nicht, daß die Menschheit die Vernichtungslager jemals richtig verarbeitet hat. Und Hiroshima auch nicht. Nach den Konzentrationslagern und der Atombombe war jede Art Schrecken möglich, und es gab keine Gewißheiten mehr… Davon haben sich die Leute nie erholt, sie liefen nur noch gebückt herum, bibbernd und verängstigt. Manchmal meine ich, ich würde mich lieber vor dem Himmel fürchten als vor dem, was anderen Leuten Angst macht. Vielleicht haben wir's ja dem schweren Wetter zu verdanken, daß das nukleare Armageddon und der große Genozid ausgeblieben sind… Ich hätte nichts dagegen, später mit Ihnen darüber weiterzudiskutieren, Professor Logan. Für den Moment war das alles.«
Ellen Mae Lankton ergriff das Wort. »Wenn man mich fragt, dann war Columbus schuld. Fünfhundertneununddreißig Jahre der Unterdrückung und des Völkermords. Ich gebe Columbus die Schuld, und dem Bastard, der das Repetiergewehr erfunden hat. Einen F-6 auf 'ner Prärie mit lauter Büffeln wird es nicht mehr geben… Aber das habe ich schon mal gesagt, und jetzt reicht's.« Sie setzte sich.
Ed Dunnerbecke erhob sich zum zweitenmal. »Schon irgendwie komisch, aber ich glaube, die französische Revolution hatte ausgezeichnete Chancen und hat sie vermasselt. Europa hat die nächsten zwei Jahrhunderte darauf verschwendet, das zu verwirklichen, was 1789 unmittelbar erreichbar war. Aber wenn man erst mal mit öffentlichen Exekutionen und diesem ganzen Scheiß anfängt… Also, als das Regime während des Ausnahmezustands anfing, diese gottverdammten Exekutionen über Kabel zu übertragen, da war mir klar, das wird nichts. Gib ihnen Madame Guillotine, und die Revolution wird ihre Kinder fressen, das ist mal klar… Ja, ich finde, 1789 war der Anfang vom Ende. Das war alles.«
Jeff Lowe stand auf. »Mit Geschichte kenne ich mich nicht besonders gut aus. Tut mir leid.«
Mickey Kiehl stand auf. »Ich glaube, es war ein Fehler, nicht auf die Atomkraft zu setzen. Man hätte viel bessere Anlagen bauen und für eine erheblich bessere Endlagerung sorgen können, aber wegen der moralischen Belastung durch die Bombe hat man's nicht getan. Die Leute hatten eine Mordsangst vor jeder Art von ›Strahlung‹, obwohl ein paar zusätzliche Curie eigentlich ganz harmlos sind. In den 1950ern, würde ich sagen. Als sich die Atomindustrie hinter der militärischen Sicherheitsscheiße versteckt hat, anstatt die Atomspaltung für reale Menschen und fürs reale Leben sicher zu machen. Statt dessen haben wir dann das CO2 bekommen. Und das CO2 hat alles ruiniert. Das war alles.«
Jerry stand auf. »Ich glaube, es ist zwecklos, nach den eigentlichen Ursachen zu forschen oder jemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Atmosphäre ist unberechenbar; die Menschheit hätte alle diese Fehler vermeiden können, bloß um am Ende genauso dazustehen. Das wirft die Frage auf, wann wir die Kontrolle über unser Schicksal verloren haben. Heute haben wir keine Zukunft mehr; ich bezweifle, daß wir jemals eine hatten.«
»In diesem Punkt stimme ich mit Jerry überein«, meinte Jane vergnügt. »Aber da ist noch etwas. Ich meine, wenn man sich die Ablagerungen der letzten Eiszeit anschaut, damals gab es keine nennenswerte Anzahl von Menschen, und dennoch hat das Wetter komplett verrückt gespielt. Die durchschnittliche Erdtemperatur ist im Laufe eines einzigen Jahrhunderts um acht, neun, zehn Grad gestiegen und wieder gesunken! Das Klima war äußerst instabil, trotzdem war das ein vollkommen natürliches Phänomen. Und unmittelbar anschließend breiteten sich gewaltige Gletscher über den größten Teil von Europa, Asien und Amerika aus, die alles zerquetschten und gefrieren ließen, was sich ihnen in den Weg stellte. Das war sogar noch schlimmer als die Auswirkungen der Landwirtschaft und der Urbanisierung! Und erheblich schlimmer als das schwere Wetter heute. Ich bedaure es sehr, daß wir uns das angetan haben und daß wir in ein solches Schlamassel geraten sind, aber die sogenannte Mutter Erde hat dem Planeten schon Schlimmeres zugefügt. Und ob ihr's nun glaubt oder nicht, die Menschheit hat auch schon Schlimmeres erduldet.«
»Ausgezeichnet«, sagte April Logan. »Ich bedanke mich für dieses Meinungsspektrum von Leuten, die es eigentlich wissen müßten. Da ich nicht beabsichtige, mich hier aufzuhalten, wenn Dr. Mulcaheys Theorien auf den Prüfstand kommen, nehme ich seinen Rat an und begebe mich unverzüglich nach Oklahoma. Ich wünsche Ihnen allen viel Glück.« Sie wandte sich an Jane. »Wenn ich etwas für Sie tun kann, schicken Sie mir eine Email.«
»Danke, April.«
»Einen Moment noch«, meinte Carol laut. »Sie wollen sich doch bestimmt nicht die Abendunterhaltung entgehen lassen.«
»Ich bitte um Verzeihung?«
»Alex hat im Anschluß an die Versammlung etwas für uns vorbereitet.«
Alex. Wo war Alex? Jane machte sich schuldbewußt klar, daß sie ihn gar nicht vermißt hatte.
»Ja«, platzte Rick heraus. »Wo steckt der Kerl?«
Carol lächelte. »Ladies und Gentlemen, Alex Unger und sein Magisches Lasso!«
Alex spazierte in den Lichtkreis hinein. Er trug Lederstiefel, ein Hemd mit Perlmuttknöpfen und einen Zehn-GallonenHut. Die mexikanischen Stiefel hatte er poliert und sich mit weißer Farbe und Lippenstift ein Clownsgesicht aufgeschminkt.
»Yippee-ti-yi-yo«, meinte Peter zurückhaltend.
Alex riß das Seil von der Schulter. Er hatte irgendwas damit angestellt, es gefettet oder eingeölt, jedenfalls glänzte es heute richtig.
Er peitschte es mit seinem mageren Arm ein bißchen auf, dann ließ er es in einer großen Schlinge über dem Kopf rotieren. Dazu machte er ein versteinertes, vollkommen ernstes Gesicht.
Die Schlinge verharrte eine Weile über ihm wie ein Heiligenschein und summte vor Geschwindigkeit. Dann neigte sich die Schlinge irgendwie seitlich herunter, und Alex sprang hindurch. Eigentlich war es kein richtiger Sprung; eher ein zaghafter Hüpfer, bei dem sich die Stiefelabsätze kaum vom Boden hoben, doch die Schlinge des smarten Seils zischte mit beeindruckender Geschwindigkeit an ihm vorbei, wobei sie kurzzeitig Staubwolken aufwirbelte.
Nun warf Alex das Seil volle zwanzig Meter in die Luft, dann ließ er die Schlinge an seinem Ende hin und her zucken, über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Es sauste in alle Richtungen, wirbelte wie ein Schlangenkopf zwischen den Zuschauern umher. Diese schrien auf und zuckten davor zurück, manche schlugen mit den Händen danach.
Die Lassoschlinge am Seilende wurde auf einmal quadratisch: ein holperig rotierendes Quadrat aus umherwirbelndem Seil. Dann wurde es dreieckig. Dann verwandelte es sich überraschend in einen fünfzackigen Texas-Stern. Es war überaus seltsam, dabei zuzuschauen, wie ein Cowboylasso derartige Kunststücke vollführte; es war, überlegte Jane benommen, geradezu extravagant.
Alex zog den Stern wieder zu sich heran, dann ließ er ihn ihm Kreis herumhüpfen, prägte den Stern dem Erdboden ein. Alex drehte sich langsam auf den Fersen. Das Seil durchquerte unversehrt das Feuer.
Die ersten Zuschauer lachten.
Alex bedankte sich mit einer Handbewegung, dann ließ er das Seil nach brennenden Holzstücken schnappen. Er holte ein brennendes Zedernscheit aus dem Feuer, schleuderte es hoch in die Luft und fing es mit der Lassoschlinge wieder auf. Dann schnellte er den brennenden, senkrechtstehenden Ast abwechselnd hoch und fing ihn mit unfehlbarer, unglaublicher Präzision wieder auf. Nach einer Weile wurde Jane allerdings klar, daß der Trick nicht schwer zu bewerkstelligen war; eigentlich zielte Alex gar nicht mit dem Seil, sondern hielt die Schlinge in Wartestellung und ließ sie in dem Moment zuschnappen, wenn der Ast hindurchfiel. Das Ganze ging allerdings so unglaublich flüssig und schnell vonstatten, daß es tatsächlich wie Zauberei wirkte. Es war, als hätte ihr kleiner Bruder die Gesetze der Physik überlistet. Jane lachte schallend heraus. So etwas Komisches hatte sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, und noch nie war Alex so lustig gewesen.
Und nun umgürtete Alex mit dem Seil seine Hüfte, hob sich in die Luft und verharrte dort. Es sah aus, als hielte er sich an den eigenen Schürsenkeln oben. Auf magische Weise von seinem indischen Seiltrick dort festgehalten, verharrte er mitten in der Luft, während die weiten Schlingen des smarten Seils unter ihm auf dem Boden umherwirbelten wie der Rand eines schlotternden Korkenziehers.
»Also wirklich«, sagte April Logan. »Der ist ja richtig gut!«
»Das ist Alex!« sagte Jane. »Das ist mein…« Sie zögerte. »Er gehört zur Truppe.«
Jemand berührte sie an der Schulter. Es war Ed Dunnebecke. Ed beugte sich zu ihr herüber und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich wußte gar nicht, daß er so komisch ist, du etwa?«
»Nein, ich auch nicht.«
»Ich muß los, Jane. Ich muß noch was erledigen heut abend, aber dein kleiner Bruder hat's wirklich drauf.«
»Yeah, Ed, das hat er, was?«
»Ist nicht unbedingt zu was gut, aber das ist richtiges Entertainment! Der hat Phantasie!«
»Danke, Ed.«
»Ich bin froh, daß du ihn zu uns gebracht hast. Bye, Janey.« Er klopfte ihr auf die Schulter und ging.
Während zusätzliche Schlingen seine Knöcheln umfingen, umklammerte Alex das Seil nun mit beiden Händen und rollte wie ein überdimensionales Wagenrad am Rand des Zuschauerkreises entlang. Um und um, um und um, um und um drehte sich sein weißes Clownsgesicht, während die Nacht von Anfeuerungsrufen und Beifall widerhallte.
Dann verlor er auf einmal den Halt, geriet ins Schwanken und fiel hin. Er stürzte mit dem Kopf voran und traf ziemlich schwer auf. Wo seine gestiefelten Beine aufschlugen, wirbelte Staub empor.
Niemand sagte etwas. Jane hörte das Feuergeprassel.
Alex erhob sich rasch, wenn auch ziemlich unsicher. Er klopfte sich den Staub vom teuren Hemd und lächelte tapfer. Irgendwie war er in der Stadt gewesen, in einem Laden für Neowesternkleidung. Hatte sich wahrscheinlich mit dem Motorrad nach Oklahoma City abgesetzt, als gerade niemand aufgepaßt hatte.
Er sprach die ersten Worte des Abends. »Lassoschwingen macht 'ne Menge Spaß«, brüllte er abgehackt, »wenn man nicht gerade den Hals drin stecken hat!«
Die Trouper brachen in schallendes Gelächter aus.
»Und jetzt kommt der absolute Höhepunkt!« rief Alex grimmig. Mit peitschenden Bewegungen brachte er das Seil auf Touren. Das Seil stieg empor, begann zu rotieren und zog sich dann zu einer Spirale zusammen. Am Boden schmal. Breiter an der Spitze. Es wirbelte so rasch, daß man es nur noch als funkelnden Schemen wahrnahm.
Und es wurde immer noch schneller. Das Feuer wogte im Luftzug. Das Seil saugte Staub vom Boden auf.
Ein Spielzeugtornado.
Das peitschende Seil erzeugte soviel Wind, daß man es spürte. Als der Wirbel am Ende des Seils an ihr vorbeikam, fühlte Jane, wie der Luftzug an ihrem Haar zerrte. Dann riß sich das Ende des smarten Seils ganz oben los und zuckte mit einem unangenehmen Peitschenknall, ein Spielzeugdonnerschlag, über ihre Köpfe. Es knallte noch ein zweites und ein drittes Mal. Der Wirbel rotierte immer schneller, wobei er summte wie ein Dynamo. Alex verausgabte die Batterie bis zum letzten. Jane sah ihn dort hocken, wie er zurückzuckte vom Seil, das er nur mühsam unter Kontrolle hielt, vorsichtig, erschreckt von seiner eigenen Schöpfung.
Dann schaltete er das Seil aus. Es sackte mitten in der Luft in sich zusammen und fiel zu Boden, wo es als ein Haufen loser Schlingen liegenblieb. Ein totes Ding, ein totes Seil.
Die Truppe applaudierte begeistert.
Alex bückte sich und sammelte das tote Seil auf.
»Das war alles, was ich für euch habe«, sagte er und verneigte sich. »Ich danke euch für eure freundliche Aufmerksamkeit.«