9. Kapitel

 

CZARINA-KLUSTER PEOPLE'S CORPORATE REPUBLIC: 15-12-'91

 

Die Maschinerie des Wohlstandes raste auf Hochtouren. Eine Sturzflut von Reichtümern drohte die Welt zu ertränken. Die Exponentialkurven des Wachstums preschten mit ihrem stets trügerischen Tempo dahin, mit einem diskursiven Tempo, das die Unachtsamen betäubte und die Wachsamen verwirrte.

Die Bevölkerung der Zirkumsolaren betrug 3,2 Milliarden. Sie hatte sich alle zwanzig Jahre verdoppelt und würde sich erneut verdoppeln. Die vierhundert bedeutenderen mechanistischen Asteroiden rotierten wie gewaltige Mischmaschinen in einer Produktionshochflut von schätzungsweise 8 Milliarden sich selbst kopierender Bergbaurobots und vierzigtausend vollautomatisierter Fabrikationsanlagen. Die shaperischen Welten bemaßen den Wohlstand auf andere Weise, und sie wirkten mit mühsamen 20 Milliarden Tonnen produktiver Biomasse nahezu zwergenhaft.

Die Primärmenge der Zirkumsolar-Kilobytes erreichte astronomische Größenordnungen, eine Zahl, deren genaueste Schätzung als 9,45 mal 1018 angegeben werden konnte. Die Weltinformation - unter ausschließlicher Berücksichtigung nur der Information in völlig öffentlich zugänglichen Datenbänken - nicht der gewaltigen Bereiche klassifizierter Daten - betrug total 2,3 mal 1027 Bits, was einer Masse von 150 dicken Büchern für jeden Stern in jeder Galaxis des sichtbaren Universums entsprochen hätte ...

Strikte soziale Maßregelungen mußten getroffen werden, um zu verhindern, daß sich ganze Populationen in ihren Orgien des Überflusses selbst auslöschten.

Energie in Megawattmengen, die ausgereicht hätten, ganze Council-Mitgliedsstaaten zu versorgen, wurden spielerisch-lustvoll für transorbitale Highspeed-Liner vergeudet. Diese Raumfahrzeuge waren groß genug, um Hunderten von Passagieren jeden erdenklichen Komfort zu bieten, und sie nahmen mit der Zeit den Nimbus von Nationalstaaten an, wodurch sie ihrerseits unter Bevölkerungsexplosion zu leiden begannen.

Nicht einer dieser materiellen Fortschritte wurde der sozialen Sprengkraft gerecht, die sich aus der Fortentwicklung der Wissenschaften ergab. Durchbrüche der Physiko-Statistik wiesen die objektive Existenz der vier Prigoginschen Komplexitätsebenen nach und postulierten das Vorhandensein einer fünften. Das Alter des Kosmos wurde auf einen Exaktheitswert von plus-minus vier Jahren genau berechnet, und man unternahm flüchtige Versuche, die »Quasi-Zeit« zu bestimmen, die vom Ur-Raum des Präkontinuums verbraucht worden war.

Interstellare Reisen mit Unterlichtgeschwindigkeit waren physikalisch möglich geworden, und man entsandte fünf mit sternsondierenden, geringmassigen Drahtschädeln bemannte Expeditionen. Ultra-weitreichende Interferometrie auf den Bodenstationen, abgestrahlt von den Radioteleskopen an Bord der Drahtschädel-Sternschiffe, konnten die exakten Parallaxen der meisten Sterne im OrionArm der Galaxie bestimmen. Untersuchungen der Arme im Perseus und Centaurus ergaben beunruhigende Bereiche, in denen die Gestirnmuster eine rätselhafte Regelmäßigkeit aufwiesen.

Neue Studien der Galaxien des Lokalen Superhaufens führten zur Verfeinerung der Hubble-Konstante. Geringfügige Diskrepanzen verleiteten ein paar Visionäre zu dem Schluß, daß an der Ausdehnung des Universums mehrfach gröblich herumgepfuscht worden sein müsse.

Wissen war Macht. Und indem sie sich des Wissens bemächtigte, war der Menschheit eine Macht in die Hände geraten, die so scharf und so wild war wie ein gesplittetes Kabel unter Hochspannung. Auf dem Spiel standen größere Dinge als je zuvor: die Aussichten waren bestürzender, die Möglichkeiten kühner, die Implikationen atemberaubender als irgend etwas, mit dem die Menschheit oder ihre Nachfahren jemals konfrontiert gewesen waren.

Doch immer noch verfügte der menschliche Verstand über die ihm eigenen Hilfsmittel. Überlebenspotentiale fanden sich nicht nur im geschärften Wahrnehmungsvermögen der Shapers, mit ihren Arsenalen denkerweiternder Biochemikalien, oder in den kybernetischen Progressionen der Mechanisten und der unerbittlichen Logik ihrer künstlichen Intelligenzen. Nein, die Welt wurde auch intakt gehalten durch die phantastische Vorliebe des menschlichen Geistes, sich zu langweilen.

Zu allen Zeiten war die Menschheit vom Wunderbaren umringt gewesen. Es war nie viel daraus entstanden. Selbst im Schatten der kosmischen Offenbarungen ließ sich die Menschheit noch immer allzu gern von bequemer Routine einwickeln. Die sektiererischen Splittergruppen waren bizarrer als je zuvor, aber die Leute hatten sich an derlei inzwischen gewöhnt, und der Abscheu war schwächer geworden. Offenkundig antihumane Kladenvereinigungen wie etwa die Spektral-Intelligenten, die Hummer, die Blut-Badisten wurden irgendwie ins Repertoire der Möglichkeiten aufgenommen, und man riß sogar Witze über sie.

Die Spannung jedoch war überall spürbar. Die neuen vielfältigen Menschheiten tappten blindlings auf ihre unbekannten Bestimmungsziele zu, und das Schwindelgefühl angesichts der beschleunigten Entwicklung war allgemein. Alte vorgefaßte Meinungen und Vorurteile waren brüchige Fetzen geworden, frühere Loyalitätsbindungen unmodern und überaltert, ganze Gesellschaften ließen sich von hirnrissigen Aussichten auf »unbegrenzte Möglichkeiten« lähmen.

Die hochgespannten Entwicklungssträhnen kleideten sich in unterschiedliche Formen. Für die Kataklysmatiker, jene Superhellen, die das Ganze als erste gespürt hatten, bedeutete es die taumelnde Umarmung der »Unendlichkeit«, ohne sich um die Folgen zu kümmern. Auch die Selbstzerstörung bedeutete Erlösung von der unausgesprochenen Qual. Die Zen-Serotoniker gaben das Potential preis, zugunsten einer bläßlichen seligen Seelenungetrübtheit und -stille. Andere empfanden die Spannung überhaupt nicht deutlich: Für sie war es nur ein leises beunruhigendes Zucken am Rand ihres Schlafes, oder es kam zu plötzlichen wilden Tränenausbrüchen, wenn die seelischen Hemmungen unter Alkohol oder Drogen zerbröselten.

Für Abélard Lindsay gehörte es zu seiner momentanen Manifestation, daß er im »Bistro Marineris«, einer Bar im Czarina-Kluster, an einen Tisch geschnallt dasaß. Das Bistro war eine schwerelose Ballonkugel an der Kreuzung von vier langen Straßentubussen, eine Art Halteplatz und Rastort inmitten der wuchernden Vernetzung von Habitaten, die den Campus des Czarina-Kluster-Kosmosity-Metasystems bildeten.

Lindsay saß da und wartete auf Wellspring. Er lümmelte über dem halbkugelförmigen Tisch und preßte die Sticktit-Ellbogenpatten seiner Akademikerjacke gegen die Velcrotischplatte.

Lindsay war inzwischen hundertundsechs Jahre alt. Die jüngste Rejuvenationsbehandlung hatte nicht sämtliche äußeren Merkmale des Alters zu beseitigen vermocht. Um die grauen Augen ein Gespinst von Krähenfüßen, und von den Nasenflügeln sackten Falten zu den Mundwinkeln ab. Überentwickelte Fazialismuskeln zerfurchten die dunklen beweglichen Brauen. Er trug einen dunklen Stutzbart, und die langen, von weißen Strähnen durchzogenen Haare wurden von edelsteinköpfigen Nadeln in Form gehalten. Eine seiner Hände war stark runzelig, die bleiche Haut wie Wachspergament. Die andere, die Metallhand, war von Sensorrastern durchzogen.

Er betrachtete sich die Wände. Der Besitzer des Bistros hatte die Innenfläche opakisiert und zu einer Art Planetarium verwandelt. Rings um Lindsay und das Dutzend anderer Gäste breitete sich die öde zerfurchte Marslandschaft aus, die live direkt von der Marsoberfläche in schmerzhaft lebhaften 360-D-Farben übertragen wurde.

Monatelang hatte der stämmige Robotsurveyor sich einen Weg entlang dem Rand der Volles Marineris gebahnt und seine Daten gesendet. Lindsay saß mit dem Rücken zu der gigantischen Schlucht: die titanenhafte Gewaltigkeit und der Eindruck von Ödnis, von altersloser Leblosigkeit, rief schmerzliche Assoziationen in ihm wach. Das Geröll der Vorberge in der Projektion auf der Rundwandung vor ihm, die gewaltigen hochragenden Gesteinsblöcke und windgemeißelten Yardangs wirkten auf ihn wie ein stummer Vorwurf. Es traf ihn als etwas völlig Neues, daß er so etwas wie Verantwortung für einen Planeten verspürte. Und nach dreimonatigem Aufenthalt in C.-K. probierte er diesen Traum noch immer an, um zu sehen, ob er ihm passe.

An einem Tisch in seiner Nähe koppelten sich drei akademische Angehörige der Kosmosität ab und katapultierten sich weg. Dabei entdeckte einer von ihnen Lindsay, hielt inne und kam dann zu ihm herübergerudert. »Verzeihung, Sir. Aber ich glaube, wir kennen uns. Professor Bela Milosz, wenn ich mich nicht irre.«

Dem Fremden haftete jenes unbestimmt arrogante Gehabe an, wie man es bei so vielen shaperischen Überläufern feststellen kann, so als lasse eine Art verschüttgegangener Fanatismus immer noch in ihnen die Zahnrädchen der Überheblichkeit surren. »Ich habe diesen Namen gelegentlich benutzt, ja.«

»Ich bin Yevgeny Navarre.«

Der Name löste ein fernes Echo aus. »Der Spezialist für Membranchemismus? Eine ganz unerwartete Freude!« Lindsay hatte Navarres Bekanntschaft auf Dembowska gemacht, allerdings nur über Video-Korrespondenz. In eigener Person wirkte Navarre trocken und farblos. Und Lindsay stellte als irritierenden zusätzlichen Erkenntnisschnörkel fest, daß auch er selbst während jener Jahre trocken und farblos gewesen sein müsse. »Aber bitte, setz dich doch zu mir, Professor Navarre!«

Navarre klinkte sich ein. »Es war sehr liebenswürdig von dir, daß du dich an meinen Beitrag für dein Journal erinnern magst. Oberflächenspannende Vesikularagentien der Exoarchaeosaurischen Kolloidkatalyse. Eine meiner frühen Arbeiten.«

Navarre verströmte zurückhaltende Befriedigung und gab dem Servo des Lokals ein Zeichen, der auf multiplen Plastikstelzen angestakst kam. Der modische Servobot war ein exaktes MiniaturModell des Mars-Surveyors. Lindsay bestellte, höflichkeitshalber, einen Likör.

»Wie lang bist du schon in C.-K., Professor Milosz? Aus deiner Muskelstruktur erkenne ich, daß du dich in hoher Schwerkraft aufgehalten haben mußt. In Sachen der Investoren?«

Der hohe Spin in der Republik hatte seine Spuren in Lindsay hinterlassen. Er setzte ein rätselhaftes Lächeln auf. »Darüber zu sprechen steht mir nicht frei.«

»Verstehe.« Navarre bedachte ihn mit dem ernsten verständnisinnigen Blick eines Logenbruders der Weltläufigkeit. »Es freut mich ungemein, dich hier in der Nähe der Kosmosity zu treffen. Gedenkst du dich unsrer Fakultät anzuschließen?«

»Ja.«

»Eine Sternstunde für unsere Investor-Forschungsabteilung.«

»Um es ganz kraß auszudrücken, Professor Navarre, die InvestorForschung hat für mich nichts Neues mehr zu bieten. Ich beabsichtige, mich auf Terraformstudien zu spezialisieren.«

Navarre lächelte ungläubig. »Ach du meine Güte! Ich bin sicher, du kannst was viel Besseres finden als das.«

»Ja?« Lindsay beugte sich in einem kurzen Aufwallen von Imitativkinesik vor. Die ganze Leichtigkeit war ihm verlorengegangen. Der Reflex war ihm peinlich, und er beschloß - zum hundertstenmal - derlei Zeug aufzugeben.

Navarre sprach weiter: »In der Terraform-Fakultät wimmelt es nur so von postkataklysmatorischen Irren. Aber du, du warst doch immer ein sehr rational-vernünftiger Mann. Gründlich. Ein guter Organisator. Es würde mich schmerzen, wenn ich sehen müßte, wie du in die falschen Kreise gerätst.«

»Verstehe. Und was hat dich nach C.-Kluster gebracht, Professor?«

»Also, das war so«, sagte Navarre. »Die Jastrow-Labors und ich hatten da ein paar unterschiedliche Ansichten über Patente. Zellmembrantechnologie, du verstehst. Eine Technik, mit der künstliche Investorenhaut hergestellt werden kann, und das ist derzeit ein sehr begehrter Modeartikel; schau dir beispielsweise nur die Stiefeletten der jungen Dame dort an, ja?« Eine Zikadenstudentin in Perlschnurrock, mit greller Gesichtsbemalung süffelte vor dem öden Hintergrund der roten Trümmerlandschaft ein Frappe. Ihre Stiefel waren miniaturisierte Investor-Pranken: Zehen, Krallen und so fort. Hinter dem Mädchen rutschte plötzlich die Landschaft weg, als der Surveyor weiterzockelte. Von plötzlichem Schwindelgefühl überrascht, klammerte sich Lindsay an den Tisch.

Auch Navarre schwankte leicht, sagte aber dann: »Der Czarina-Kluster ist gegenüber Unternehmungsfreudigen recht großzügig. Mich hat man bereits nach nur acht Monaten von den Dogs befreit.«

»Meinen Glückwunsch«, sagte Lindsay.

Die Berater der Queen übten nämlich im allgemeinen über alle Neu-Imigranten volle zwei Jahre lang vermittels ihrer »Überwachungshunde« genau Kontrolle aus. Draußen in den »Dogtowns« am Habitatsrand gab es ganze Wohnbezirke, in denen realexistierendes Leben kameramäßig festgenagelt und jedermann unablässig von Videodogs ausgeschnüffelt wurde. Das öffentliche Leben im Czarina-Kluster war gekennzeichnet von allgegenwärtigen Anzapfstellen und Monitoren. Vollbürger allerdings vermochten sich in den »Diskretions«-Bezirken, den oasenhaft-üppigen Privatfestungen von C.-K., derartiger Überwachung einigermaßen zu entziehen.

Lindsay nippte an seinem Drink. »Um eventueller Konfusion vorzubeugen, sollte ich dir vielleicht sagen, daß ich derzeit den Namen Lindsay führe.«

»Waaas? Wie Wellspring?«

»Ich bitte um Vergebung?«

»Ach, du hattest also keine Ahnung von Wellsprings wahrer Identität?«

»Ja, wieso denn? Nein«, sagte Lindsay. »Ich dachte immer, daß seine Unterlagen auf der Erde verlorengingen, wo er geboren ist.«

Navarre lachte vergnügt. »In eingeweihten Zikadenkreisen ist die Wahrheit ein offenes Geheimnis. Alle Diskreten reden darüber. Wellspring ist ein Concatenatischer. Und sein wirklicher Name lautet Abélard Malcolm Tyler Lindsay.«

»Du setzt mich wirklich in Erstaunen.«

»Oh, Wellspring, der spielt wirklich ein ganz hintergründiges Spiel. Diese Terranergeschichte, das ist doch nur Tarnung.«

»Wie bemerkenswert ungewöhnlich.«

»Wenn man vom Teufel spricht ...«, sagte Navarre. Durch die Tür des Tubusschachts links von Lindsay brach eine lärmende Gruppe von Leuten herein. Wellspring war mit einer Schar anbetender Zikadenjünger erschienen, einem Dutzend Studenten, die gerade frisch von einer Party kamen, mit erhitzten Gesichtern und lautstark vor Lachen brüllend. Die Jungzikaden bildeten ein Gewurle von Blau- und Grüntönen in langen wehenden Mänteln, geschlitzten Stulpenhosen und schimmernden reptilienschuppigen Westen.

Wellspring entdeckte Lindsay und kam freischwebend auf ihn zu. Seine stumpfschwarze Haarmähne wurde von einem Krönchen aus Kupfer und Platin zusammengehalten. Über dem grüngedruckten Blattmuster seines Umhangs sah man ein Armbanddeck, dessen Band laute Quasi-Musik abspielte: Das Raschem von Baumästen ... tierhafte Laute.

»Lindsay!« schrie er. »Lindsay! Wie wundervoll, dich wieder unter uns zu haben!« Er riß Lindsay heftig in die Arme, dann schnallte er sich auf einen Hocker. Wellspring wirkte betrunken. Das Gesicht war gerötet, er hatte sich den Kragen aufgerissen, und in seinem Bart schien irgend etwas herumzukrabbeln, anscheinend eine Kleinfamilie von Eisenfliegen.

»Wie war deine Reise?« fragte Lindsay.

»Ach, der Ring Council ist dermaßen öd! Tut mir leid, daß ich nicht hier war, um dich zu begrüßen.« Er gab dem Servoboter ein Zeichen. »Was trinkst du denn? Ein phantastisches Loch hier, dieser Marineris-Canyon, wie? Allein schon seine Seitenarme sind so riesig wie der Grand Canyon in Arizona.« Er fuchtelte über Lindsays Schulter zu einer Kluft zwischen bergsteilen Canyonwänden hinüber, an denen eisige Winde dünne ockerfarbige Staubwölkchen emporwirbelten. »Stell dir mal dort einen Katarakt vor, der sich in donnernden Bändern von Regenbögen abspult! Ein Anblick, der die Seele bis an die Wurzeln der Komplexität erbeben läßt.«

»Ganz gewiß«, sagte Navarre mit behutsamem Lächeln.

Wellspring wandte sich Lindsay zu. »Ich hab mir ein kleines spirituelles Exerzitium ausgedacht, für Zweifler, so wie unsern Yevgeny hier. Er müßte sich an jedem Tag vorbeten: Jahrhunderte ... Jahrhunderte ... Jahrhunderte.«

»Oh, ich bin Pragmatiker«, sagte Navarre, suchte Lindsays Blick und hob eine Augenbraue in bedeutsamer Weise. »Man lebt das Leben von einem Tag zum nächsten. Nicht in Jahrhunderten; keine höchste Begeisterung hält dermaßen lange stand. Fleisch und Blut vermögen so etwas nicht auszuhalten.« Er wandte sich Wellspring zu. »Deine Bestrebungen sind überlebensgroß.«

»Aber gewiß doch. Das müssen sie auch. Denn sie umfassen das ganze Leben.«

»Na, die Berater der Queen sind da praktischer.« Navarre beobachtete Wellspring mit halbargwöhnischer Verachtung.

Der »Rat der Königin« hatte sich seit den frühen Tagen des C.-K. mehr und mehr Autorität errungen. Und statt mit den Leuten um die Macht zu kämpfen, hatte Wellspring Ausweichmanöver betrieben. Und während inzwischen die Königlichen Berater sich mit der Alltagsregierung im Palast der Czarina herumschlugen, war Wellspring bemüht, seine Aufmerksamkeit den Dogtowns und Diskretionshabitaten zuzuwenden. Oft war er monatelang verschwunden, nur um dann mit gespenstischen Posthumanen und bizarren Rekruten im Schlepp aus den Randbezirken der Gesellschaft wieder aufzutauchen. Derartige Verhaltensweisen schienen Navarre eindeutig zu verwirren.

»Ich brauche nur die Tenüre«, sagte Lindsay zu Wellspring. »Nichts Politisches.«

»Ich bin sicher, daß wir das arrangieren können.«

Lindsay blickte sich um. Es überkam ihn plötzlich, aber mit überwältigender Überzeugungskraft: »Ich mag den Mars nicht!«

Wellspring machte ein ernstes Gesicht. »Es ist dir doch klar, daß ein ganzes künftiges Schicksal sich um solch eine unbedachte Augenblicksäußerung herum kristallisieren kann? Aus eben diesen kleinen nuclei freier Willensäußerung erwächst in geschmeidigen glatten Determinismen die Zukunft.«

Lindsay lächelte. »Ist mir zu trocken.« Aus der Menge drangen Laute der Überraschung und gespanntes Keuchen, als der Surveyor hastig einen gefährlichen Hang hinabschlitterte und die Welt in ein Butterfaß verwandelte. »Außerdem hat es für mich zuviel Bewegung.«

Wellspring war beunruhigt. Während der Mann seinen Kragen zurechtzupfte, bemerkte Lindsay die schwachen Spuren eines Zahnbisses an der Kehle. Er dämpfte den Wald-Soundtrack seines Armbands. »Eine Welt nach der anderen, das erscheint mir am vernünftigsten, meinst du nicht?«

Navarre lachte ungläubig dazu.

Lindsay beachtete ihn nicht weiter, denn er spähte über Wellsprings Schulter und inspizierte seine Schar von Jüngern. Ein Shaper-Jüngling in ellbogenflauschigem Akademikerüberkleid versenkte soeben seine elegante Visage in die wirbelnden rotblonden Locken einer jungen weiblichen Tigerin. Sie warf in verzücktem Lachen den Kopf nach hinten, und Lindsay sah - in SemiEklipse hinter ihr - das Schreckstarre Gesicht von Abélard Gomez. Hinter Gomez kauerten an der Wand zwei Überwachungs-Doggen; ihre Metallrippen schimmerten, die glasstarren Kameragesichter hielten sein Leben auf Band fest. Über Lindsay brach ein starkes Mitgefühl herein, aber auch tiefe Trauer angesichts der flüchtigen Natur der »Ewigen Menschlichen Wahrheiten«.

Wellspring stürzte sich in ein erhitztes Streitgespräch, bei dem er Navarres scheele sardonische Bemerkungen in einer rhetorischen Sintflut hinwegspülte. Wellspring schwoll üppig an wie ein geschwätziger Mond, als er sich den Asteroiden zuwandte; Eisklumpen von der Größe von Stadtstaaten, die in scharfem Bogen auf die Marsoberfläche abgeschossen werden würden, wo ihre Megatonnagen die Planetenoberfläche aufreißen und Feucht-Oasen entstehen lassen würden. Anfangs würden sich kleinere Wasserläufe herausbilden, dann Seen, wenn Wasserdampf und andere flüchtige Stoffe sich in die ausgehungerte Atmosphäre ablösten und die Eiskappen an den Polen zu verdampftem Kohlendioxid schmölzen. Wissenschaftler würden sich in Krateroasen niederlassen und dort ganze Ökosysteme durch Bioskulptur ins Leben rufen. Erstmalig würde der Mensch größer sein als das Leben, ein Über-Mensch: eine ganze lebenvolle Welt würde ihre Existenz nur dem Menschen verdanken, nicht umgekehrt. Wellspring erachtete dies als eine moralische Verpflichtung, als die Rückerstattung einer Schuld. Die Kosten dafür seien bedeutungslos. Geld war sowieso nur ein symbolischer Wert. Das Leben war das einzig Reale.

Hier schaltete sich Navarre ein. »Aber genau der Humanfaktor muß dir zwangsläufig eine Niederlage bescheren. Wo bleibt in deinem Konzept der Anreiz für Besitzsucht und Habgier? Genau da hast du auch vorher schon einen fundamentalen Fehler gemacht. Du hättest sehr leicht den Czarina-Kluster beherrschen können. Aber was machst du statt dessen? Du läßt dir die Kontrolle aus den Händen gleiten, und jetzt haben wir die Ratgeber der Queen, diese mechanistischen ...« - Navarre brach mitten im Satz ab, denn er hatte die Doggen gesehen, die Gomez' Begleitung bildeten - »äh ... diese Herren, die alles mit der ihnen angemessenen Effizienz regulieren. Aber von Politik abgesehen, dieser ganze Unsinn ruiniert hier im C.-K. die Voraussetzungen für anständige Wissenschaftsarbeit! Echte Forschung, meine ich. Eine Wissenschaft, die neue Patente hervorbringt, um C.-K. gegen seine Feinde stark zu machen. Das Terraformen vergeudet unsere Ressourcen, während gleichzeitig die militanten Mechs und Shapers unerbittlich Pläne zu unserer Vernichtung schmieden. O ja, ich gebe zu, deine Träume sind - lieb und nett. Sie besitzen sogar einen gewissen sozialpositiven Nutzen, insofern sie eine relativ harmlose Staatsideologie anbieten. Aber letzten Endes werden sie kollabieren und dabei C.-K. mit sich in den Abgrund reißen.«

Wellsprings Augen blitzten gefährlich. »Yevgeny, du bist überarbeitet. Was du brauchst, das ist eine frische Perspektive. Nimm doch mal zehn Jahre Urlaub, und dann komm wieder und sag uns dann, ob die Zeit dir vielleicht ein paar Umdenkmöglichkeiten beschert hat.«

Navarres Gesicht rötete sich vor Zorn. Er wandte sich Lindsay zu. »Merkst du es? Kataklysma! Diese Bemerkung zielte auf Vereisungsauslöschung ab, und du hast gehört, wie er darauf abzielte! Komm, Milosz, du kannst dich doch keinesfalls auf die Seite dieser hirnrissigen Hinterwäldler stellen!«

Lindsay schwieg. Früher einmal hätte er sehr leicht das Streitgespräch mit einem Dreh zu seinen eigenen Gunsten wenden können. Aber diese Fertigkeit hatte er jetzt verloren. Außerdem - er vermißte sie auch überhaupt nicht.

Worte waren nutzlos. Er hatte allmählich die Geduld mit den Worten verloren. Sie fesselten ihn nicht mehr - und sie bannten ihn nicht mehr.

Plötzlich war ihm klar, daß er sich über das Regelhafte, Normierte hinwegheben müsse.

Er ließ sich aus seinem Hockersitz schweben und begann sich die Kleider vom Leib zu streifen.

Navarre verließ das Lokal sofort; er war beleidigt und frustriert. Lindsays Kleidungsstücke trieben in der Schwerelosigkeit davon, seine Jacke und die Hosen kreisten gemächlich wie ein Windrad über den anderen Tischen. Die Gäste zogen die Köpfe ein und lachten. Dann war er völlig nackt. Das nervöse Lachen der Menschen erstarb, ein bestürztes Unbehagen breitete sich aus. Die Gäste schoben sich von den Doggen fort, die Gomez bewachten, und begannen fassungslos und ehrfürchtig miteinander zu flüstern.

Lindsay beachtete sie nicht. Er kreuzte mitten in der Luft die Beine und starrte auf die Wand. Wellsprings Jünger desertierten mit gemurmelten Entschuldigungen und Blicken zurück über die Schulter aus der Bar. Sogar Wellspring selbst war rat- und hilflos. Und als auch er dann ging, nahm er die letzten Gäste mit sich.

Lindsay war allein mit dem Bar-Servoboter, mit dem jungen Gomez und dessen Aufsichtsdoggen.

Gomez bewegte sich näher heran. »Also, Czarina-Kluster, das ist überhaupt nicht so, wie ich es mir daheim in der Republik vorgestellt hatte ... «

Lindsay meditierte angesichts der Landschaft.

»Die haben mir da diese Hunde auf den Hals gehetzt. Weil ich angeblich möglicherweise gefährlich sein könnte. Du hast doch nichts gegen die Hunde, oder? - Nein, ich seh schon, daß es dir nichts ausmacht.« Jung-Gomez stieß einen erbärmlichen zitternden Seufzer aus. »Drei Monate ist das jetzt, und die andern lassen mich noch immer nicht an sich ran. Sie wollen mich einfach nicht die Initiation für ihre Clique machen lassen. Du hast doch dieses Girl gesehn, ja? Melanie Omaha, die ist Doktor Omaha von der Kosmosität, was? Himmlisches Feuer, die ist doch eine Superwucht, oder? Aber sie hat nichts übrig für 'nen Mann, der unter den Hunden ist ... aber wer würde sich schon mit einem abgeben, wenn man weiß, daß der Sicherheits-Zwinger ihn observiert? Ach, Mann, ich würde meinen rechten Arm hergeben, wenn ich zehn Minuten in einem Diskretum mit der Frau sein könnte. Oh. Ach, tut mir leid.« Bestürzt betrachtete er Lindsays Prothesenarm.

Gomez wischte sich verschmiertes rotes Gesichts-Make-up von den Wangen. »Weißt du noch, wie ich dir das vom Abélard Lindsay gesagt habe? Also, die Leute quasseln da so, daß du der Typ bist. Und eigentlich, ja, im Grunde meine ich, daß ich das auch glaube. Du bist Lindsay. Du mußt es einfach sein.«

Lindsay atmete tiefer durch.

»Verstehe«, sagte Gomez. »Du willst mir sagen, daß das keine Rolle spielt. Daß das einzige, worauf es ankommt, die Sache ist. Aber dann hör dir mal das da an!« Er zog aus dem mit Weidenlaub bedrucktem Umhang ein Notizbuch. Er las - mit lauter verzweifelter Stimme: »Ein auto-organisiertes Dissipationssystem entsteht entlang einer kohärenten Folge von Raum-Zeit-Strukturen. Wir können zwischen vier unterschiedlich dimensionalen Grenzrahmen unterscheiden: Autopoiese, Ontogenese, Phylogenese, Anagenese ...« Gomez zerknüllte den Zettel in der Faust. »Und das ist ein Text aus meinem Poetik-Seminar!«

Es herrschte eine Weile Schweigen. Dann fuhr Gomez los: »Vielleicht ist das ja das Geheimnis des Lebens! Aber, verdammt, wenn das so ist, können wir es dann ertragen? Sind wir wirklich dazu fähig, die Ziele zu erreichen, die wir uns selbst stecken? Über Jahrhunderte hinweg? Aber was ist denn mit den ganz einfachen, den schlichten Dingen? Wie kann ich denn mich an einem einzigen normalen Tag freuen, wenn diese ganzen gespenstischen Jahrhunderte voller Spuk-Gespenster wie Blei auf mir lasten... Das ist doch alles viel zu riesig. Ja, auch du ... DU! Du hast mich hierhergebracht. Aber warum hast du mir nicht gesagt, daß du ein Freund von Wellspring bist? Aus Bescheidenheit? Aber du bist doch Lindsay! Lindsay in eigener Person! Im Anfang habe ich das einfach nicht glauben wollen. Aber als mir bewußt wurde, daß es die Wahrheit ist, war ich entsetzt. In Panik. Das war, wie wenn man plötzlich den eignen Schatten hört, der zu einem spricht.«

Gomez zögerte, dann sprach er weiter. »Diese vielen Jahre hindurch hast du dich versteckt. Bist in der Verborgenheit geblieben. Aber jetzt, jetzt kommst du doch ganz offen und ehrlich in die Schismatrix, nicht wahr? Du bist hervorgetreten und hast dich gezeigt, um Großes zu tun, um die Welt in Erstaunen zu versetzen... Es macht einem Angst, dich so nackt und unverhüllt zu sehen. Es ist, als sähe man das Skelett der Mathematik unter dem Weltenfleisch. Aber selbst wenn die Grundprinzipien wahr sind, was wird dann aus dem Fleisch? Und wir sind nun einmal das Fleisch! Was wird aus dem Fleisch?«

Lindsay hatte ihm nichts zu sagen.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte Gomez schließlich, »An der Liebe ist ihm das Herz gebrochen ... Es ist eine alte Geschichte ... Nur die Zeit kann ihn wieder zur Vernunft bringen. Sowas denkst du doch jetzt, nicht wahr? ... Und natürlich stimmt es.«

Als Gomez dann weiterredete, war er ruhig, eher nachdenklich. »Doch. Ja. Ich beginne zu verstehen. Man kann es nicht in Worten erfassen, wie? Es läßt sich nur auf einmal, ganz urplötzlich und umfassend begreifen. Irgendwann einmal werde ich es ganz haben. Eines Tages, wenn diese Hunde da längst dahin sind. An einem Tag, an dem sogar Melanie Omaha für mich nur eine schattenhafte Erinnerung sein wird.« Er klang traurig, zugleich aber auch hocherregt. »Ich hab die Leute reden hören, als du ... als du ... äh ... deine demonstrative Geste gemacht hast. Diese angeblich so superintellektuellen weltgewandten, überkandidelten stolzen Zikadier. Die sprechen ja vielleicht den Fachjargon. Aber du, du hast das Wissen und die Weisheit.« Jung-Gomez glühte inzwischen vor Begeisterung. »Ich danke dir.«

Lindsay wartete, bis Gomez gegangen war. Dann aber vermochte er es nicht länger zu unterdrücken - das Lachen. Und er lachte, als ob er nie wieder damit würde aufhören können.