Ich glaub’s nicht, Lena!«
Jenny, meine Freundin mit den ungezählten Männergeschichten,
schüttelt grinsend den Kopf. »Tut mir leid, ich glaub’s immer noch
nicht. Es ist einfach ZU verrückt!«
Ich gebe zu: Heute Morgen, da wir uns in nüchterner Montagsstimmung der Klinik nähern und aus der vollgestopften S-Bahn in das trübe Berliner Herbstwetter stolpern, klingt es unglaubwürdiger denn je. Auch die sanfte Isa hat Zweifel, obwohl sie es vorsichtiger zum Ausdruck bringt. »Aber schau dir Lenas Lächeln an! Sie selbst glaubt es auf jeden Fall …«
Das ganze Wochenende lang haben meine Freundinnen mich ausgequetscht, sie konnten die Geschichte nicht oft genug hören. (Natürlich habe ich auch nichts lieber getan, als sie wieder und wieder zu erzählen.) Am Sonntagabend bei Kakao und Keksen in unserer gemütlichen Küche klang es schon fast glaubwürdig: Wir haben uns geküsst – Dr. Thalheim, der wortkarge, kantige Oberarzt der Inneren, und Lena Weissenbach, die kleine PJlerin. Ein richtiger Kuss, mit weichen Knien und Händezittern. Jedenfalls was mich betrifft …
Aber auch an diesem nüchternen Morgen ist es immer noch wahr! Selbst hier im klammen Frühnebel zwischen den mürrischen Pendlern kann ich noch die zarte rosa Wolke in der Magengegend spüren. Wir haben uns geküsst!
Eigentlich sollten gerade ganz andere Dinge unsere Nachwuchsärztinnengehirne ausfüllen. Denn heute beginnt unser zweites PJ-Tertial im St.-Anna-Krankenhaus. Auf uns wartet die Chirurgie. Noch vor einer Woche hat uns nichts mehr beschäftigt als die Frage, wie wir diese Herausforderung meistern werden. Klar, in unserem ersten Tertial auf der Inneren Station haben wir reichlich Erfahrungen gesammelt – mit Ärzten, Schwestern und Patienten, mit den eigenen Ängsten und dem inneren Schweinehund. Wir haben uns durchgebissen und können stolz sein. Aber im Chirurgietertial werden doch weit schwierigere Aufgaben auf uns warten – denn jetzt wird operiert! Theoretisch beherrschen wir seit dem sechsten Semester selbst die kompliziertesten thoraxchirurgischen OPs im Schlaf. Aber praktisch hat noch keine von uns auch nur einen einzigen winzigen Öffnungsschnitt an einem lebendigen Patienten gesetzt. Es gäbe also genug Aufregendes und Beunruhigendes zu bedenken. Doch wir sprechen bis in den Aufzug nur über DEN KUSS. Und ehrlich, in meinem Kopf ist für nichts anderes Platz. Ich kann den neuen Kollegen, Patienten und Aufgaben im Moment einfach nicht den angemessenen Hirnraum widmen. Denn in meinem Kopfkarussell geht es den ganzen Morgen nur um eines: Heute werde ich IHN wiedersehen. Dr. Thalheim, den klugen, geheimnisvollen, unglaublich gut aussehenden Oberarzt, der nur mit den Augen lächelt. Meinen Dr. Thalheim. (Komisch – kann man in jemanden verliebt sein, den selbst die eigene Gedankenstimme immer noch mit Titel und Nachnamen anredet?)
Im Aufzug sind meine Freundinnen schon wieder fast überzeugt, dass ich spinne. Mein eigenes Hirn ist inzwischen vollkommen abgemeldet. Denn hier sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Hätte mir damals jemand prophezeit, dass ausgerechnet ich am Ende des Tertials den unnahbar lässigen Oberarzt küssen würde …
»Vielleicht ist es ein Test?« Typisch Isa – was ist in ihrem besorgten Köpfchen kein Test?
»Von Lena oder vom Oberarzt?«, fragt Jenny spöttisch. »Und was wird getestet? Unsere Fantasie oder unsere Loyalität?«
Die Fahrt dauert acht Sekunden länger als bisher – acht Sekunden unterscheiden die Anfänger von den Fortgeschrittenen. Mit einem Pling öffnen sich die Aufzugtüren und geben den Blick auf unseren zukünftigen Arbeitsbereich frei. Vom Empfangstresen der Chirurgie strahlt uns eine ältere Schwester an. »Husch, husch, Mäuschen, die Einführung fängt gleich an.« Die gefällt mir. Sie wirkt gemütlich, fröhlich, mütterlich. Kein Vergleich mit der verkniffenen Schwester Klara auf der Inneren. Grinsend deutet die Stationsschwester zum Aufenthaltsraum der Ärzte. Sieben Uhr neunundfünfzig. Noch eine Minute bis zum Chirurgietertial.
Im Aufenthaltsraum wartet eine gespannte PJler-Reihe auf den Glockenschlag. Wir lächeln einander an, wir sind immerhin keine Anfänger mehr und wissen, was auf uns zukommt. Zumindest sind wir inzwischen erfahren genug, um vor den anderen diesen Eindruck zu erwecken. Punkt acht betritt ein groß gewachsener Blonder im schnittigen Kittel den Raum, mustert uns zufrieden und sagt: »Ach, Gott sei Dank! Ich hatte schon Angst, ich kriege wieder nur Hässliche.«
Dr. Bert Gode, der Stationsarzt der Chirurgie, macht einen ziemlich entspannten Eindruck. Habe ich mir zu große Sorgen gemacht? (Als in meinem Kopf noch Platz für etwas anderes als Dr. Thalheim war …) Oder will er uns nur beruhigen? Dr. Gode jedenfalls lächelt ermutigend und erklärt, die Stationsarbeit auf der Chirurgie sei für alte Hasen wie uns sicher kinderleicht. Wir werden weiterhin Blut abnehmen, Infusionsnadeln legen und die körperliche Untersuchung üben. Neu ist nur der Verbandswechsel. Wie auf der Inneren müssen wir bei Neuaufnahmen die Anamnese erheben, wie im vergangenen Tertial werden wir eigene Patienten betreuen. Dr. Gode grinst. »Und dann schneiden Sie denen ein bisschen den Bauch auf – oder was sonst so anfällt – und wir helfen Ihnen dabei.« Die PJler lachen. Das klingt absolut machbar. Ein kurzer Blick zu meinen Freundinnen zeigt mir, dass sie hingerissen sind. Isa lauscht dem flapsigen jungen Arzt mit offenem Mund und Jenny hat sich regelrecht in Positur gestellt – mit hoch erhobenem Kopf und blitzenden Augen fixiert sie Dr. Gode, bevor sie mit einer winzigen Kopfbewegung ihre blonde Mähne über die Schulter fallen lässt. Ich selbst bin ein klein bisschen weniger begeistert. Dr. Gode will uns bestimmt nur die Angst nehmen und sicher sollte man dafür dankbar sein. Doch in meinem Kopf warnt eine warme Oberarztstimme liebevoll davor, das kommende Tertial zu leicht zu nehmen. Dr. Thalheim hätte unsere Aufgaben niemals so neckisch verharmlost. Mann, warum denke ich an ihn immer noch in der förmlichen Titel-Nachname-Anrede? Will mein Inneres etwa auch nicht glauben, dass wir beide nicht mehr nur Oberarzt und PJlerin sind? Tobias …
»Sieht der nicht toll aus?«, flüstert Jenny, als Dr. Gode sich umdreht, um die Stationspläne auszuteilen. Wie – »toll«? Seit wann stehen wir denn auf Sonnyboys mit Ken-Frisur?! Klar, Dr. Gode ist ein netter Anblick. Ein Fotoroman-Arzt. Nichts könnte ihm besser stehen als ein weißer Kittel, er passt prima zu seiner sonnengebräunten Haut. Das Haar sitzt, das Grinsen entblößt eine blinkendweiße Zahnreihe. Aber ich mag kantige Typen. Tobias. Gleich werden wir uns wiedersehen. Spätestens mittags in der Cafeteria. Ich kann ja schlecht zu ihm rübergehen, an seiner Bürotür klopfen und »Hallo, Schatz!« flöten. (Ich könnte. Aber ich trau mich nicht.) Überhaupt: Was sage ich, wenn wir uns wiedersehen? Küssen wir uns zur Begrüßung? Nichts möchte ich lieber. Aber: Trau ich mich das? Und selbst wenn – da ich ihn nicht einfach nur küssen und jede andere Kommunikation vermeiden kann, stellt sich doch die Frage: Rede ich ihn jetzt mit dem Vornamen an?
Eine große, schlanke Ärztin mit perfekt sitzender Frisur öffnet die Tür und sagt: »So, Herrschaften, der angenehme Teil ist vorbei.«
Ich weiß nicht, ob sich das auf Dr. Gode, das vergangene Tertial oder das Leben im Allgemeinen bezieht, doch der Anblick der taffen Ärztin, die uns nur mit einem eiligen Blick streift und Dr. Gode den Stationsplan aus der Hand nimmt, macht auf jeden Fall eines deutlich: SIE ist NICHT der angenehme Teil.
Dr. Gode tritt einen Schritt zurück und stellt uns Dr. Thiersch vor, die Oberärztin der Chirurgie. Sie ist höchstens Mitte dreißig. Das muss eine steile Karriere gewesen sein. Wenn sie allerdings so schnell und entschieden durch ihre Ausbildungsjahre marschiert ist, wie sie jetzt uns voraus zu den Patientenzimmern stiefelt, wundert es mich, dass sie noch nicht Chefärztin ist. Oder Päpstin.
Dr. Thiersch stellt uns die Patienten vor wie andere Leute Schubladen aufziehen, wenn sie morgens in Eile Socken suchen. Tür auf, »Tag, Frau Jahn! Das ist Frau Jahn, gerade angekommen, Meniskusschaden«, Tür zu, nächste Tür auf, »Herr Kohler, Bauchspeicheldrüse«, Tür zu, Tür auf, »und hier liegt Frau Schneider, ihr nehmen wir übermorgen ein paar Gallensteine raus.«
In meinem Kopf geht ein sensibler Oberarzt mit mir von Zimmer zu Zimmer, begrüßt die Patienten, fragt nach ihrem Befinden und stellt mich höflich vor. Wie nennt er mich jetzt in Gedanken? Immer noch Fräulein Weissenbach? Oder längst Lena?
Dr. Thiersch erklärt den Patienten recht knapp, dass sie uns später kennenlernen werden. »Mit Dr. Gode, den Sie doch im Grunde lieber sehen als mich, oder?« Und schon ist sie weitermarschiert und wir folgen ihr als brave, perplexe Schlange in den OP-Bereich. Dr. Thiersch bleibt im Vorraum stehen und zeigt uns die Tafel, auf der die kommenden OPs angeschrieben sind. »Es gibt zwei Regeln«, sagt sie und hat noch nicht einem von uns länger als eine Sekunde in die Augen gesehen. »Erstens: Sie operieren niemals alleine, sie assistieren nur. Zweitens: Wenn Sie unseren Ansprüchen nicht genügen, operieren Sie gar nicht.«
Na danke. Schon rutscht mir das Herz in die Kitteltasche, gleich hüpft es auf den Fußboden und bleibt dort als zitterndes Klümpchen liegen, das Dr. Thiersch mit der Spitze ihres schicken weißen Schuhs in eine Ecke schnipsen wird. Diese Frau wird keine Fehler dulden und keine Emotionen, das ist nach fünf Minuten in ihrer Anwesenheit sonnenklar. Vielleicht muss man so sein als Chirurgin. Und Dr. Thalheim, Tobias, hat mich doch gewarnt, dass auf dieser Station ein rauer Wind weht … In seinem Büro am Freitag, kurz bevor er mich geküsst hat. Schon wieder nimmt das Gedankenkarussell schwindelnde Fahrt auf. Sehnt er sich auch nach mir? Geht er jetzt gerade drüben über seine Station und vermisst mich? Ist er heute freundlich und nachsichtig zu seinen neuen PJlern, weil er sich an mich erinnert – und an die Peinlichkeiten meines ersten Tages bei ihm? Oder begrüßt er sie nur knapp und distanziert, weil ICH nicht dabei bin? Quatsch, er ist doch immer professionell! Verliebt sich eine der neuen PJlerinnen in ihn? Bestellt er die auch in sein Büro? Und sagt er ihr dann, dass sie die Albernheiten lassen soll? Weil er schon vergeben ist? Überhaupt: An all die anderen habe ich noch gar keinen Gedanken verschwendet – Ärzte, Schwestern, Mit-PJler … Werden sie alle erfahren, was passiert ist? Eigentlich wäre es mir recht. Aber ihm gefällt es sicher nicht, die Distanz zwischen Arbeit und Privatem zu verlieren. Also wird das ein Romeo-und-Julia-Geheimnis? Kann man das fragen? Wenn man nicht mal weiß, ob man ihn jetzt beim Vornamen nennen darf?
»Ich weiß nicht, wovon Sie träumen, aber das machen Sie bei mir nur ein einziges Mal!«
Oh, verdammt. Verlegen sehe ich zu Dr. Thiersch auf, sie schaut schon wieder weg und geht ohne ein weiteres Wort an mich zur Erklärung der Instrumenten-Sterilisation über. Eine Entschuldigung will sie wohl nicht hören. Mann, Lena, das sollte dir doch nicht mehr passieren! Du wolltest alle Sinne konzentriert ausschließlich auf die Arbeit richten – und hier stehst du und beginnst den ersten Tag auf der neuen Station mit einem Oberarztanpfiff wegen Träumerei.
Jenny beugt sich zu mir, grinst und flüstert: »Wenn du wirklich was mit Thalheim hast, kann dir die doch egal sein.« Typisch Jenny. Dass sie denkt, man muss nur einen Oberarzt auf seiner Seite haben, um sich benehmen zu können, wie man will – und dass sie mir immer noch nicht wirklich glaubt.
Endlich ist die Einführung überstanden; Dr. Thiersch hat sich mit knappem Lächeln verabschiedet und mit schnellem Stakkato-Schuhklappern entfernt. Dr. Gode grinst uns an und sagt: »Sie gewöhnen sich an sie, im Grunde ist sie herzensgut.« Dann entlässt er uns bis zur Visite in die Mittagspause.
Auf dem Weg zur Cafeteria ist das Urteil über Dr. Thiersch schnell gefällt. »Knallhart. Sicher Dauersingle«, sagt Jenny und Isa lächelt: »Ich hab trotzdem jetzt schon Angst.« Die Auswertung des neuen Stationsarztes dauert etwas länger. »Mit dem würde ICH knutschen!«, grinst Jenny. Und schwupps habe ich Gelegenheit, auf mein Lieblingsthema zurückzukommen. Denn jetzt steht das schmerzlich herbeigewünschte Wiedersehen unmittelbar bevor. Und ich habe immer noch nicht entschieden, wie ich mich verhalten soll.
»Überlass ihm den ersten Schritt«, rät Isa. »Dann kannst du auf jeden Fall nichts falsch machen.«
»Wenn er dich jetzt vor allen küsst, rasiere ich mir morgen eine Glatze!«, ist Jennys Kommentar. Tja, dann kann ich auf ihre Prachtmähne leider keine Rücksicht nehmen: Ich hoffe nichts mehr, als dass er genau das tut! »Aber gib doch wenigstens zu, Lena, dass es einfach unwahrscheinlich ausgedacht klingt«, sagt Jenny. »Er ist SO ein kalter Fisch!« Ja, ich weiß. Noch fünf Schritte bis zur Cafeteria.
Kann man auch Hornissen im Bauch haben? Bei mir sind das nämlich nicht nur Schmetterlinge! Dieses dunkle Zweifelsbrummen stammt eindeutig von stachelbewehrten Insekten, die um meine rosa Liebeswolke schwirren und jeden Moment von innen in die Bauchdecke stechen können. Noch einen Schritt, jemand hält mir die Tür zur Cafeteria auf. Vielleicht ist er nicht da?
In der Cafeteria ist ein ganz normaler Montagmittag. Eine Schlange am Tresen, Ruben, der blauhaarige Koch, grinst zu uns herüber, Schwester Karla sieht durch uns hindurch. Da sitzt Dr. Ross, sie nickt uns zu, dann dreht sie weiter Spaghetti auf ihre Gabel. Für sie alle hat sich die Welt nicht verändert. Mein Herz flattert, als würde ich es nicht mal bis zum Tresen schaffen. Denn dort ist er.
Dr. Thalheim steht gerade vom Tisch auf, als er mich entdeckt. Ich kann mich nicht rühren. War er letzte Woche schon so groß, so attraktiv, so erwachsen? Er sieht überhaupt nicht aus wie jemand, der eine PJlerin küsst. Doch er kommt auf mich zu. Näher und näher.
»Guten Tag, die Damen«, sagt er. Und dann geht er an uns vorbei aus dem Raum.
Zack, die Hornisse hat zugestochen, die Liebeswolke im Bauch platzt mit erbarmungslosem Zischen, ein fieser Schmerz. Ich fühle mich wie vereist. Was war das?! Was heißt das?! Was ist passiert?! Klar – es wäre zu krass, hier vor allen zu offenbaren, dass sich unsere Beziehung geändert hat. (Aber davon träumen durfte man ja wohl.) Oder hat sich unser Verhältnis gar nicht verändert? Ist das seine Art, zu zeigen, dass er den Vorfall vergessen möchte? Konnte er nicht wenigstens lächeln? Du fängst jetzt hier nicht an zu heulen, Lena!
Ich kann meine Freundinnen gar nicht anschauen, so sehr fürchte ich, Mitleid in ihren Gesichtern zu sehen. Isa berührt mich am Arm, ich drehe mich doch zu ihr um. »Tut mir leid, Lena«, sagt sie leise. Und ich kann deutlich sehen, dass auch sie meine Geschichte jetzt nicht mehr glaubt.
Natürlich nicht. Ich glaub’s ja selbst nicht mehr.