Neuntes Kapitel
Theodor begann mit leidenschaftslosem Pflichtbewußtsein seine cour Jane Ormonds, einer irischen Hofdame der spanischen Königin.
Er fühlte sich wie ein in die Provinz versetzter Beamter, dem ein Haus zur Verfügung gestellt wird, das er selbst weder ausgewählt noch gebaut hat und für dessen Reize – aber solche Häuser haben selten welche – er blind ist. Es ist zu groß und zugleich zu klein, mit fremden Möbeln vollgestellt, und die Aussicht wirkt abgestanden, weil schon zu viele Augen sie erblickt haben.
Dabei konnte man nicht behaupten, Jane Ormond sei häßlich, ihr kleines herzförmiges Gesicht hätte durchaus verdient gehabt, attraktiv genannt zu werden, es war nur so, daß nie die Sonne darauf zu fallen schien, vor allem nicht die Sonne eines verliebten Blicks ihres Freiers. Und dann war sie kein junges Mädchen mehr. Sie war, und das schockierte Theodor doch erheblich, sogar ein Jahr älter als er.
Sie blickte ihn, wenn er mit ihr durch die Madrider Parkanlagen spazierte und zerstreut Konversation machte, aus zugegeben großen, meeresgrünen Augen an, deren Reinheit allerdings durch einige winzige geplatzte Äderchen verunziert war, wie auch die Haut ihres Gesichts und Halses nicht so glatt und marmorn aussah, wie man sich das gewünscht hätte. Zusammen mit einem von Zeit zu Zeit, wenn er ihr zufällig näherkam, zu erahnenden Alkoholfähnlein summierte der Anblick des rötlichen Augenweißes, der nicht vollkommen reinen, dick überschminkten Haut und der Handvoll Hühnerporen am allerdings elegant geformten und graziösen Hals sich zu einem Eindruck von – Theodor überwand sich, das Wort zu denken -, von Verlebtheit, wobei man sich wieder fragen durfte, wo wohl an diesem tristen Hof die Exzesse hätten stattfinden sollen, die eine derartige Zeichnung begründen konnten.
Gewiß, man entdeckte ein gemeinsames Interesse an Musik und schöner Literatur, aber die Unterhaltungen darüber versandeten im Zitieren.
Why are you so sullen? rief ein enervierter Theodor eines Tages beim Spazierengehen aus.
It’s a sullen life, antwortete Jane lakonisch.
Aber trübe und mißmutig waren nicht in erster Linie das Leben und die irische Gräfin, sondern vor allem die Stimmung des Freiers, der im Männergespräch mit Ripperda noch so stolz gewesen war, eine Vernunftentscheidung getroffen zu haben, und sich jetzt unwillig und unfähig fühlte, sie in die Tat umzusetzen.
Vernunftgründe, das setzte er unwillkürlich mit Mangel an Phantasie gleich und beschränkte seine Bemühungen daher eingedenk der alten Bankiersweisheit On ne prête qu’aux riches darauf, seine finanziellen Muskeln spielen zu lassen und Jane Ormond zu Kutschfahrten, für die sie Interesse – Leidenschaft wäre zu viel gesagt – gezeigt hatte, und ins Theater einzuladen.
Es war noch kein Wort von Heirat gefallen, und wenn er gehofft hatte, die Hofdame werde ihm einen Anlaß für einen Antrag geben oder womöglich selbst auf das Thema zu sprechen kommen, das doch ganz offensichtlich, wenn auch unausgesprochen, der einzige Grund war, sich miteinander zu langweilen, fand er sich getäuscht. Lady Ormond saß in ihren gemeinsamen Nachmittagen wie in einer schlechten Oper, und es war unklar, ob sie die Vorstellung nur aus Höflichkeit gegen ihren Gastgeber nicht vor der Zeit verließ oder weil sie sich doch noch ein funkensprühendes Finale erhoffte.
Es waren die diplomatischen Erfolge des holländischen Premierministers mit dem weißblonden Haarschopf, die Theodor auf den Gedanken gebracht hatten, seinem Leben durch einen Eheschluß Gewicht und Statur zu verleihen.
Was Alberoni mit Gewalt und militärischen Mitteln mißlungen war – wobei es zugegebenermaßen ein Kunststück genannt werden mußte, die leidenschaftlichen Ausbrüche der Farnese in politicis richtig zu interpretieren, sodann in Strategien zu kanalisieren und schließlich ihr selbst die Resultate und Fortschritte so zu »verkaufen«, daß sie sie guthieß -, schien Ripperda mit diskreten Verhandlungen zu glücken, in denen wiederum Theodor eine wichtige Rolle spielte.
Das Boot, in dem sie alle saßen, das spanische Königreich, schwankte währenddessen bedenklich, und zwar weniger in politischen Stürmen als aufgrund des depressiven Königs, der von innen die Axt ans Holz setzte.
Zur selben Zeit, als Ripperda begann, in Wien für eine zukünftige bourbonische Herrschaft über Parma und Piacenza zu werben und zu intrigieren, erklärte Philippe, die Bürden der Herrschaft zugunsten seines minderjährigen Sohnes ablegen und sich einem Leben der Buße und Meditation verschreiben zu wollen.
Mein lieber Neuhoff, was sagen Sie dazu? fragte Ripperda eines Morgens, direkt aus dem Kabinett der Farnese kommend. Die Bartstoppeln auf seinem Gesicht sahen aus wie leichter Schimmelbefall auf zu lange liegengebliebenem Schweinefleisch. Ist es ernst gemeint, will er diesmal wirklich nicht mehr und hält sich für Karl V.? Ein Mann mit einem Willen ist er ja, wenn ich Elisabeth glauben darf, seit Jahren nicht gewesen. Oder ist er raffinierter, als wir denken, und legt die Krone hier ab, um sie jenseits der Pyrenäen um so leichter aufgesetzt zu bekommen?
Haben Sie den Brief Daubentons abgefangen? fragte der Baron.
Abgefangen nicht, aber gelesen. Der verdammte Jesuit! Schreibt Orléans haarklein auf, was sein Beichtkind ihm verraten hat, in der Hoffnung, der Onkel bringe den Neffen zur Vernunft und der Beichtvater behalte seine Macht.
Um so besser, meinte Theodor. Denn jener wird das nicht tun und damit letzteren zu Fall bringen. Zwei Fliegen mit einer Klappe...
Tatsächlich löste das Problem sich noch im Laufe des Jahres durch den Tod des Infanten, aber die gesamte Situation – die wacklige Herrschaft und das gefährliche Spiel diplomatischer Provokationen einerseits (Theodor reiste in diesen Jahren ein Dutzend mal zwischen Madrid, Wien und Parma hin und her), das Beispiel seines Herrn andererseits, der, vor wenigen Jahren noch ein namenloser Söldner mit Blut an den großen, knochigen Händen, mittlerweile vom Baron zum Herzog und Granden des Reiches und vor allem zum Multimillionär aufgestiegen war – brachte Theodor zu dem Entschluß, auch selbst einige Pfähle von Wohlstand und Sicherheit in die Erde zu rammen.
Reüssierte Ripperda mit seiner Politik, war Theodors Zukunft in Spanien ohnehin gesichert, und wer weiß, vielleicht konnte er sogar eines Tages dessen Nachfolge antreten, scheiterte der Holländer und brach alles zusammen, war es besser, Armeegeneral und Grundbesitzer zu sein als die Kreatur oder Marionette eines geächteten Politikers.
Den vorerst erbetenen Titel eines Obersten verlieh der Holländer ihm nach einem fünfminütigen Gespräch, aber Theodor brauchte, wie er es ausdrückte, eine »noch breitere Brust«, und die war, wollte er nicht warten müssen, nur und am einfachsten durch eine vorteilhafte Heirat zu gewinnen.
Wüßten Sie jemand, der in Frage kommt? erkundigte er sich bei dem Premierminister.
Der zog an seiner Pfeife: Hm, außer Geld braucht sie natürlich auch einen gewissen Namen und müßte greifbar sein. Das liefe eigentlich am ehesten auf eine von Elisabeths unverheirateten Ehrendamen hinaus.
Diese Gänseschar in Halbtrauer? sagte Theodor wenig begeistert.
Von den Spanierinnen rate ich auch ab, erklärte Ripperda, da würden Sie nicht viel zu lachen haben, obwohl das eine ja nichts mit dem andern zu tun hat... Was für Ansprüche stellen Sie denn?
Theodor hob die Arme in einer fatalistischen Geste. Sie darf nicht viele Umstände machen, das Ganze soll schließlich nicht in Arbeit ausarten.
Nun, da gäbe es eine Engländerin, eine Irin genauer gesagt... Lady Ormond, nicht mehr ganz jung. Ja, bei der würde ich es versuchen.
Die Tochter des Stuartisten?
Genau die. Sie mußten seinerzeit emigrieren. Aber wer muß das nicht von Zeit zu Zeit im Leben. Der Mann ist vor einigen Jahren gestorben. Der Name ist erstklassig.
Könnten Sie eine diskrete Untersuchung über ihre finanziellen Verhältnisse anstellen lassen, Herzog? Bevor ich mich über die Maßen engagiere, sollte doch sichergestellt sein, daß es auch Sinn hat.
Ich kümmere mich darum. Wenn Sie mir versprechen, ein schönes Hochzeitsfest auszurichten, damit man hier mal wieder etwas zu lachen hat. Die Unterhaltung aus katholischen Chorälen und dem Kastratengeheule Farinellis, zu dem Philippe seine Tränen vergießt, verursacht mir Magengeschwüre.
Ripperdas musikalischer Geschmack war nicht eben erlesen.
Um seine morose Laune zu heben, entschloß Theodor sich nach einigen Wochen halbherziger Werbung kurzfristig, einen Empfang des englischen Gesandten zu besuchen, einen der wenigen Orte in Madrid, wo man sicher sein konnte, sich zu amüsieren.
Er kam spät und schob sich auf der Suche nach Anschluß zwischen den stehend Trinkenden und Plaudernden hindurch. Da hörte er aus einem Nebenzimmer, dessen Tür angelehnt war, Gelächter, ein Gewoge von sonor-heiserem, prustend-schenkelschlagendem, brüllend-sprühenden Männergelächter, über dem wie Schaumkrönchen das helle, girrende und sich dann in einem Hustenanfall überschlagende Lachen einer Frau tanzte. Als Theodor den Kopf in die Tür streckte, wollte er seinen Augen nicht trauen.
Umgeben von sechs Männern, die sehr dicht um sie standen, hockte Jane Ormond auf einem Tisch, mit krummem Rücken und die Beine unter dem Kleid gespreizt wie ein Mann, der kurz davor ist, sich zu kratzen. Sie hielt ein Glas Sherry in der einen Hand und wischte sich mit dem Handrücken der anderen die Lachtränen aus den Augen. Die halbleere Flasche stand neben ihr.
Noch einen! rief jemand. Ja, einen noch, bitte! stimmten die übrigen ein und drängelten näher.
Also gut, Gentlemen, einen noch, aber dann reicht es für heute.
Lady Ormond trank ihr Glas leer, stellte es resolut auf den Tisch und begann:
There was a young wrestler in Greece
from whom every foreigner flees.
He’s awfully unkind
gets on top from behind,
that’s why he fights covered in grease.
Dabei begleitete sie sich mit beschreibenden Gesten und zuckte in der letzten Zeile sogar hoch, als hätte sie sich auf ein Nadelkissen gesetzt. In das gleich wieder losbrechende Gelächter stimmte Jane selbst mit ein, und obwohl Theodor zu weit entfernt stand, kam es ihm vor, als blicke er direkt in ihren offenen Mund, in die rosigen Tiefen des Rachens bis zum hüpfenden Zäpfchen.
Dann rutschte sie vom Tisch und tauchte im Pulk der Männer unter, was nicht ohne Berührungen der Schultern und Oberkörper abging, so dicht standen sie um sie herum. Ein Kranz von Lachfältchen war um ihre grünen Augen. Sie entdeckte ihn, musterte ihn mit etwas verschwiemeltem Blick und rief: Ah, der Herr Baron, jetzt haben Sie mich ertappt, aber Theodor war zu absorbiert von den Blicken der durcheinanderplappernden Männer, um zu reagieren. Er sah ihre Augen, ihre Gesten, ihre Körperhaltung, und in all dem war nicht schwer zu lesen.
Man mußte das wohl, gestand Theodor sich später, eine Kuckucksliebe nennen, die ihr Ei erst legen konnte, wenn irgendwo ein Nest gebettet war, das heißt, auch wenn man es nicht unbedingt ihm persönlich zugedacht hatte. Seine Gefühle entstanden im Wahrnehmen und Sich-Aneignen der Gefühle anderer, und erst die Blicke dieser Männer auf Jane befähigten ihn, sie selbst zu erkennen.
Das heißt, er ehrte das Gefühl, wo immer er es antraf, nicht jedoch die, die es empfanden: Ihnen gegenüber konnte Theodors Rücksichtslosigkeit in einem solchen Fall enorme Proportionen annehmen.
Er verfiel in eine jener Trancen, die ihm von früher bekannt waren, jene kurzfristigen Blind- und Taubheiten, in denen er Entfernungen überbrückte, ohne es zu bemerken. Er drängte sich zwischen den Männerkörpern hindurch ins Zentrum des Gelächters, ergriff Lady Ormond am Arm, zog sie unter den protestierenden, aber von ihm abprallenden Rufen der anderen fort, aus dem Zimmer hinaus, in einen Korridor und machte ihr einen Heiratsantrag.
Sie musterte ihn eine Weile, räusperte sich dann und willigte ein.
Nach diesem Auftritt war es nicht gut möglich, sich zu trennen und auf einen späteren Tag zu verabreden, und während Theodor noch dastand und ungläubig das soeben Geschehene im Geist rekapitulierte, sagte Jane mit einem angelsächsischen Sinn für das Praktische und Naheliegende: Gehen wir zu mir, Baron.
Sie wohnte im Palast, denn sie mußte, wie er einst als Page der Pfälzerin, in Reich- und Rufweite ihrer Herrin leben. Zunächst stellte sie ihm ihre drei Katzen vor: This is Harriet (eine adelige Kartäuserkatze, die ihn musterte und zu billigen schien), this is Gordon (ein großer getigerter Straßenkater mit einem Knick am Ende des Schwanzes, der in einer Tür eingeklemmt worden war; Gordon sprang sofort auf Theodors Schoß und schnurrte), and this is Friday (eine junge schwarzweiße Katze, sie hatte Defoe gelesen – Jane natürlich). Dann drehte sie sich um und präsentierte ihn den Tieren: And this is Big Cat.
Sie war der erste Mensch seit seiner Mutter, der ihm einen Kosenamen verlieh. Aber nicht nur ihm: Auch die Katzen, mit denen er so förmlich bekanntgemacht worden war, trugen Zweitnamen. Harriet wurde so nur gerufen, wenn es Futter gab oder wenn sie ihre Krallen am weichen Kirschbaumholz des Sekretärs schärfte. Ansonsten hieß sie Titi. Gordons Name hatte sich im täglichen Gebrauch auf seine Initiale verkürzt: Gee, was angesichts seiner schnurrenden Sinnlichkeit immer wie eine Entzückensbekundung klang. Den schwarzweißen Friday, so lebhaft, daß er, kaum aufgetaucht, schon wieder verschwunden war, bevor man die zwei Silben seines Namens heraus hatte, nannte Jane meist Fry.
Aber sie waren ja, dachte Theodor etwas bedrückt, nicht hier, um über Katzen zu sprechen. Obwohl über irgend etwas gesprochen werden mußte, um nicht auf das Eigentliche zu sprechen zu kommen.
Theodors bisherige erotische Begegnungen hatten nie mit Frauen stattgefunden, mit denen er zuvor schon gesellschaftlich verkehrt und über dies und das geredet hatte, und wie ein Schauspieler, den plötzlich eine unüberwindliche Gedächtnislücke mitten auf der Bühne in erstarrtes Schweigen fallen läßt, sah er sich außerstande, irgendeine dezente Überleitung von ihren Unterhaltungen über Musik, Bücher und Katzen zu den wenigen, kruden Worten zu ersinnen, mit denen Menschen den unmittelbar bevorstehenden Beginn sexuellen Austauschs ankündigen.
Jane Ormond sah eine Weile zu, wie Theodor sich wand, dann rückte sie näher, ihre Augen wurden schmal, und sie erklärte, es sei ihr noch ein weiterer Limerick eingefallen, ob er ihn hören wolle.
Verblüfft, aber erleichtert, daß auch sie offenbar vor einem peinlichen Wechsel der Tonart zurückschreckte und freundliches Geplauder vorzog, nickte er.
Madrid’s big fat cat had a pole, begann Jane und kam noch näher:
Madrid’s big fat cat had a pole
for which he’d not yet found a role.
When into her house
he followed a mouse
who said, might it not fit this hole?
Im Reden raffte sie la modeste, den obersten ihrer drei Röcke, ein langes, knisterndes, den Handflächen schmeichelndes Kunstwerk aus Samt und Satin mit Seidenstickereien, das, an der linken Seite geschürzt, den Blick auf die beiden unteren freigab, die jeweils etwas enger waren, die friponne und die secrète, aus Tabis gewirkt, einem Moiréstoff, leicht und duftig, der jetzt von ihren Händen gehoben wurde, immer höher, bis er ihren Kopf verdeckte, so daß bei der letzten Silbe des Limericks Wort und Bild, Bezeichnung und Bezeichnetes auf eine derart suggestive Weise zusammenfielen, daß die Beantwortung der Frage keinem Zweifel mehr unterliegen konnte und jegliche Haarspalterei sich erübrigte.
Die Hochzeit fand am achten Juni 1724 statt und kostete Theodor den größten Teil seines für das Aufstellen eines Regimentes vorgesehen Geldes. Auch Ripperdas Auskünfte, wenige Tage nach jener Nacht, hatten sie nicht mehr verhindern können.
Man sollte ja meinen, diese Schotten wären nur geizig und versteckten ihr Geld, aber da ist wirklich nicht viel. Dürftig, sehr dürftig, mein lieber Neuhoff.
Ich dachte, sie sei Irin, keine Schottin, entgegnete Theodor.
Ob Irin oder Schottin, jedenfalls wird sie Sie nicht zu einem reichen Mann machen.
Trotzig und erleichtert zugleich erklärte der Baron: Auf dem Fest werden Sie nichts davon merken, Herzog.
Einige Wochen nach der Heirat bekam Theodors Kukkucksverliebtheit das Fundament eines eigenen Gefühls. Er wollte Jane Sonntag morgens zur Messe mitnehmen, aber sie sagte: Geh alleine, ich habe keine Lust, und wirkte sehr klein und verloren auf der großen Chaiselongue.
Warum? fragte Theodor erstaunt.
Der verdammte Katholizismus hat mir alles genommen, Big Cat: meine Heimat, mein Geld und meinen Vater, der hier nie heimisch geworden ist. Der Katholizismus hat mir alles genommen, um selbst allen Platz einnehmen zu können. Ich will ihm nicht noch jeden Tag dafür danken müssen.
In diesem Moment erschien, mit dem feinen Sensorium des Tiers für von der Norm abweichende Stimmungen, Gordon, sprang auf ihren Schoß, legte sich in mehreren Drehungen umständlich zurecht und begann zu schnurren. Jane streichelte mit leerem Blick seinen Kopf.
Theodor wurde von einer Welle der Mitleids mit der exilierten und verarmten Frau überrollt, des Mitleids und der Empörung gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals. Er schwor sich, alles zu tun, was in seinen Kräften stand, damit sie glücklich werde.
Man braucht konkrete Gefühle für den anderen, die man dann Liebe nennen kann, denn der Name Liebe ist ja nur ein Sammelbegriff für eine Kombination exakterer Empfindungen, deren vorherrschende in diesem Fall das mitfühlende Erbarmen mit einem tapferen, vom Schicksal gebeutelten Wesen war.
Es erschreckte ihn übrigens keineswegs, daß ihm zum ersten Mal in seinem Leben das Glück eines anderen Menschen mehr am Herzen lag als sein eigenes. Im Gegenteil, er erlebte diese unerwartete Vergrößerung und Erweiterung seines Herzens als Glücksmoment, eine jener das Leben bereichernden, das Epiphanische streifenden Erfahrungen, die nur demjenigen zuteil werden, der es nicht auf sie angelegt hat.
Seine Aufträge jedoch führte er von nun an nicht mehr mit der gleichen Seelenruhe aus wie zuvor, denn das Reisen ist beschwerlicher, wenn man beständig das Bild eines anderen Menschen mit sich führt. Genauer gesagt war es das Bild der von lachenden, glutäugigen Männern umstandenen Jane, das er mit sich führte, wenn er wochenlang fern von Madrid war, und er fragte sich, was geschehen wäre an jenem Abend, hätte er ihr keinen Heiratsantrag gemacht.
Als Ripperda ihn zu Geheimverhandlungen nach London schickte, deren Ziel es war, daß England die Patenschaft übernehme für die geplante Überführung des Herzogtums Parma und Piacenza in spanische Hände, faßte Theodor den Plan zur Desertion und teilte ihn seiner Frau mit, die, ganz wie er erhofft und erwartet hatte, überglücklich war, Spanien den Rücken zu kehren.
Er hatte mit einem Mal kein Vertrauen mehr in die Zukunft von Ripperdas Politik, an dessen Erfolgen er doch hing wie eine Marionette an den Fingern ihres Spielers, und er glaubte nicht, darin von Jane bestätigt, an ein Einlenken Englands.
Er beabsichtigte, mithilfe des Verkaufs aller Informationen über die spanische Politik, die er besaß, eine neue Existenz zu begründen und einen neuen Arbeitgeber zu finden – endlich den, vor dessen vernunftgeleiteter Diplomatie er schon seit Jahren den größten Respekt besaß.
Aber das langersehnte Mekka wurde zum Schauplatz einer empfindlichen Niederlage. Wie üblich bei Theodor hatte der Entschluß für eine akribische Vorbereitung aufzukommen, und seine großen Geheimnisse wurden, als er sie in London aufdeckte, mit einem Achselzucken quittiert. Er mußte erkennen, daß die Art von Geheimdiplomatie, die er in Versailles beobachtet und seither erlernt und perfektioniert hatte, hierzulande nicht gefragt war. In diesem hochorganisierten Zuträgernetz der Außenpolitik voll gut bezahlter und daher kaum bestechlicher Agenten, mit klaren Vorgaben, war für flamboyantes, maskenbehängtes Intrigenspiel kein Platz. Ihre Landsleute waren, wie Jane ihren Mann tröstete, terribly down to earth. Alles, was Theodor über Ripperdas Kabale zu berichten hatte, wußten sie bereits, und was sie nicht wußten, interessierte sie nicht. Er mußte sich eingestehen, im Land mit der modernsten Diplomatie Europas die von einem geheimen Agenten erwartete Fähigkeit akribischen statistischen Arbeitens nicht zu besitzen.
Das heißt, eingestehen mußte er es sich vielleicht, zugegeben hätte er es niemals.
Noch keinen Monat in der englischen Hauptstadt, erklärte Theodor seiner Frau, es sei nun genug mit der Tätigkeit, die er die letzten Jahre verfolgt habe, er sei ihrer zehnmal überdrüssig und wolle ein ganz anderes Leben führen, in dem es nicht mehr nötig sei, sich mit verborgener, unbedankter Arbeit zum höheren Ruhme anderer zu erniedrigen. Jane hatte nichts dagegen einzuwenden, obwohl sie soeben ihren Familienschmuck versetzt hatte, um die Miete der kleinen Wohnung beizubringen, die sie in einem zweifelhaften Londoner Viertel bewohnten.
Zu ihrem und seinem Glück besaß Theodor die Gabe, den letzten Fluchtweg einer in die Ecke gedrängten Ratte als Königsweg freier Entscheidung zu empfinden, und entwickelte jetzt, wo er vor dem Nichts stand und sein Leben verdienen mußte, ohne einen Posten oder eine erlernte Fähigkeit zu besitzen, zehnmal mehr Phantasie und Aktivität, als vermutlich notwendig gewesen wäre, seine alte Tätigkeit auch in England mit befriedigendem Erfolg weiterführen zu können.
Wurde das charmante, scharfzüngige Paar in Londoner Salons eingeladen, und das geschah öfter als es möglich war, solchen Einladungen nachzukommen, denn oft fehlte das Geld für ein angemessenes Auftreten – die Gesellschaft schnitt Theodor keineswegs, sie wußte nur allzu deutlich zu unterscheiden zwischen dem Unterhaltungswert und dem praktischen Nutzen des Barons -, wurden die beiden also irgendwo empfangen, nutzte Theodor solche Gelegenheiten, von Jane unterstützt, dafür, Gelderwerbsquellen aufzutun.
Er arbeitete auf dem Parkett der Stadtvillen als eine Art reisender Vertreter in eigener Sache. Es war nicht ganz leicht, den interesselosen, um nicht zu sagen desinteressierten Zynismus, die weltgewandte Blasiertheit und den nonchalanten Witz, der von Gästen wie ihm erwartet wurde, zu verbinden mit dem hungrigen und wachen Blick eines fußlahmen Raubtiers auf der Suche nach einem anspringbaren Opfer.
Der Druck, der an solchen Abenden auf ihnen lastete und von dem niemand etwas ahnte, noch ahnen wollte, fand sein Ventil in der erhitzten Erotik aller einsamen Paare, die sich in der romantisch-schäbigen Klause halblegaler Gegenwart und ungewisser Zukunft eingemietet haben.
Einmal erzählte Theodor vom jungen Händel und seinen venezianischen Orgel- und Cembalo-Duellen mit Scarlatti. Ein kaum volljähriger flachsblonder Edelmann, von zuviel Madeira kühn gestimmt, forderte ihn daraufhin zu einem solchen Wettkampf heraus. Ein Klavier wurde herbeigeschafft, und Theodor, die Brauen, Schultern, Flammenaugen und den klaffenden Mund ebenso theatralisch einsetzend wie die Hände, erzielte einen einstimmigen Punktsieg gegen einen zugegeben nicht ebenbürtigen Gegner, dessen Familie ihn daraufhin einlud, die Sommerwochen auf ihrem Landsitz nahe Reading zu verbringen.
Bevor er annahm, vergewisserte er sich allerdings, daß alle Mitglieder der Familie gleich unmusikalisch waren, um bei nachmittäglichen Tafelmusiken und abendlichen Konzerten am Cembalo, mit wilden Gesten und von Jane dramatisch schwarz umrandeten Lidern, die simpelsten Stücke durch Triller und Arabesken phantastisch ausschmückend und sein gesamtes Repertoire in immer neuen Modulationen Tag für Tag wiederholend, drei Wochen lang die Illusion aufrechterhalten zu können, es mit einem zweiten Händel zu tun zu haben.
Die Anspannung – würde er sich verspielen, würden sie merken, daß er ihnen allabendlich dieselben Kompositionen vorsetzte – und die Erleichterung – wie Kinder warfen sie auf ihrem Zimmer die Goldmünzen in die Luft und krochen dann kichernd unter dem Bett herum, um sie wieder zu finden – entluden sich, zurück in London, in ausgelassenen Tanzabenden in billigen Schwofs am Hafen, wo sie nicht riskierten, einem ihrer potentiellen Mäzene über den Weg zu laufen.
War der Lohn solcher Anstellungen wieder aufgebraucht für Miete, Kleidung, Equipagen, standen sie draußen im Nieselregen vor der Oper und den Konzertsälen und hörten der fernen, gedämpften Musik schweigend und einander umarmend zu, um später in der Überzeugung nach Hause zu gehen, kein in einer Loge gehörtes Singspiel habe sie jemals so bewegt wie diese vom Regengeplätscher und Hufeklappern zerrissenen Musikfetzen.
Eine andere lukrative Beschäftigung, zu der Theodor auf gleichem Wege kam, war die eines Kenners der Malerei und Bilderkäufers im Dienste eines unermeßlich reichen Lords, der eine Liebe zur Kunst besaß wie andere seines Schlages eine Schwäche auf der Brust.
Die Arbeit war so gut bezahlt wie entspannend, denn der Lord, vielleicht kein großes Licht, aber ein Verfechter der Arbeitsteilung mit einem ausgeprägten Sinn für Realismus, der jede seiner Unternehmungen ausgewiesenen Fachleuten übertrug, deren Urteil er blind vertraute, ließ Theodor im Rahmen seines Auftrags, Bilder zu erwerben, die »schön« sein und deren Wert mit der Zeit steigen sollte, alle Freiheiten.
Der reiste herum, kaufte Jagdszenen für den Jagdsaal, Stilleben für den Speisesaal, zwei gigantische mythologische Arbeiten aus Rubens’ Atelier für die große Halle und gab bei einem in London weilenden Venezianer eine Porträtgalerie der Ahnen seines Kunden in mythologischer Ver- und Entkleidung in Auftrag. Dann allerdings brach er den ungeschriebenen Kontrakt des schlechten Geschmacks und präsentierte einen Watteau, dem weder Jane noch er hatten widerstehen können.
Sir! rief der Lord.
Sir? antwortete Theodor mit den hochgezogenen Brauen des an den Brüsten der Kunst gesäugten Kontinentaleuropäers.
Das Gemälde landete schließlich im Boudoir der Mätresse des Lords in Kensington, und Theodors Anstellung endete mit dem Ankauf seines ersten wirklichen Meisterwerks.
Der fraglos seltsamste Auftrag dieser Zeit ging von dem Parlamentarier Redgrave aus, der Mitglied einer der jungen Freimaurerlogen war.
Theodor hatte interessiert einem Gespräch des Politikers über die Alten Pflichten des Reverends James Anderson und die nützlichen Seilschaften der Londoner Großloge gelauscht und dabei einige Begriffe aufgeschnappt, die ihm seltsam bekannt vorkamen und auf denen er improvisieren konnte.
Als er dann eine mit conjunctio, maza, nigredo und citrinitas gespickte Kurzabhandlung über die Alchimie hielt, horchte Redgrave sofort auf und näherte sich ihm mit einem seltsamen Zeichen, auf das Theodor nicht reagierte.
Sie sind, wie ich sehe, noch nicht Mitglied der lodge, aber dennoch fraglos ein Initiierter, Sir. Möchten Sie unserer Bruderschaft nicht beitreten?
Es stellte sich rasch heraus, daß Redgrave bereit war, für ihn zu bürgen, aber selbst auch ein Anliegen hatte, nämlich zu erfahren, ob die Kenntnisse des Barons in der Kunst der Alchimie wohl ausreichend seien, ihn in dieselbe einzuweihen und womöglich eine Transmutation niederer, das heißt wertsteigernder Art zu vollbringen.
Ein erschrockener Theodor, der sich aus Vanzettis Zeiten an gerade soviel Alchimie erinnern konnte, wie er im Gespräch zum Besten gegeben hatte, besaß immerhin die Geistesgegenwart, mit immensen Investitionen und beträchtlichen Spesen zu kontern, aber Redgrave winkte nur ab: No problem.
So fand der Baron sich mitsamt seiner Frau und wenigen trüben Erinnerungen an die in des Marcheses Hexenküche verbrachten Stunden auf unbestimmte Zeit in einem leerstehenden Schloß in Gloucestershire untergebracht, wälzte Bücher, um seine Wissenslücken notdürftig zu stopfen, schrieb, umgeben von zwanzig diskreten Hausangestellten, die sich unter der Woche ausschließlich um das Wohl der zwei Gäste zu kümmern hatten – Larbi war seit dem Beginn des Londoner Abenteuers sozusagen ausgeliehen, Theodor hatte ihn fortgeschickt, sich irgendwo zu verdingen, bis wieder bessere Zeiten anbrächen – Einkaufslisten, und fragte sich dann, was er am Wochenende zum Besuch des Hausherrn an Fortschritten oder Ergebnissen präsentieren sollte.
Zunächst war es noch mit einem erklärenden Rundgang zwischen Kolben und Gefäßen, säuberlich angeordneten Steinen und Metallen getan, Tabellen mit Tierkreiszeichen und die zugehörigen chemischen Wandlungsprozesse wurden erläutert, oder besser gesagt, im Weihrauch mysteriös klingender Worte zu wichtigen Stufen auf dem Weg zum Werk transmutiert. Montags nach der Abreise des zufriedenen Gönners verfielen sie dann in nervöse Lachkrämpfe.
Ich sehe den letzten Tag unseres Aufenthalts hier genau vor mir, japste Theodor. Ans Ende der letzten Glasröhre, des letzten Kupferrohrs legen wir ein rotes Samtkissen und plazieren einige von Redgraves eigenen Goldmünzen darauf. Und wenn er sie dann in die Hand nimmt: Nicht nur, Sir, verstehen wir aus englischem Kalkstein Gold zu schaffen, nein, unsere Kunstfertigkeit läßt es auch gleich mit dem Porträt seiner Majestät Georgs I. geprägt erscheinen...
Irgendwann jedoch fing Theodor Feuer. Die intensive Beschäftigung mit den alten Texten überzeugte ihn, daß womöglich doch mehr hinter der Sache stecken könne. Zum besseren Verständnis zeichnete er einen arbor philosophica und begann, so unvorsichtig mit Schwefelsäure zu experimentieren, daß er sich die Hände verätzte.
Es war aber nicht die Extraktion des Goldsamens aus Redgraves Barren und seine Verpflanzung in unedleres Metall oder Gestein, die ihn interessierte, sondern tatsächlich das Magisterium, die eigene Transmutation, der Läuterungsprozess, die Vervollkommnung, der Gedanke, Gott in sich gebären zu können. Plötzlich schien alles, Elemente, Astrologie, Mystik auf eine logische Art und Weise zusammenzuhängen, so daß Theodor die Gestalt des Geheimnisses schon zu sehen glaubte wie die Umrisse eines Denkmals vor der Enthüllung und nur noch den letzten Schleier, der ihn vom Begreifen trennte, fortreißen mußte.
Die praktische Konsequenz all dessen war, daß er es unterließ, weiterhin Staub zur Täuschung seines Brotherrn aufzuwirbeln, und dessen Geld – und dann auch noch einen Teil des eigenen, abgezweigten – tatsächlich im Dienste des Werkes ausgab, so daß Jane sich nicht anders zu helfen wußte, als eine Kutsche und vier Pferde zu kaufen, um wenigstens etwas davon zu retten.
Dafür jedoch konnte Theodor Redgrave auf seinen Wochenendbesuchen jetzt mit inspirierten Vorträgen über Hermes und Osiris so sehr in Bann schlagen, daß der Politiker über der Aussicht auf Heiligung seiner Seele die Vergrößerung seines Reichtums mit alchimistischen Mitteln vergaß.
Trotz, oder vielleicht gerade wegen der Angst, der beständigen Unsicherheit und der zweisamen Einsamkeit, war dieser lange Londoner Sommer, ohne daß sie es wußten, wie ein in diesem Jahr populäres Lied es ausdrückte, zu dem sie in den Spelunken Whitechapels oft getanzt hatten, »vielleicht die schönste Zeit ihrer Liebe«.
Als ahnte Theodor dergleichen, stürzte er sich nach einem Jahr in England auf die erstbeste Gelegenheit, ein wirklich neues Leben zu beginnen und überließ es Redgrave, sich alleine zu vervollkommnen.
Ein kursächsischer Gesandter sprach ihm mit verklärtem Blick von der pietistischen Bewegung, von Francke in Halle, bei dem er studiert hatte, und von seinem Freund, dem Justizrat Graf Zinzendorf, der auf seinem Gut Berthelsdorf eine ökumenische Gemeinde ins Leben gerufen habe, und forderte ihn auf, sich den überall aus dem Boden schießenden Kreisen der Förderer und Freunde von Herrnhut anzuschließen, denn Theodor sah gerade wieder aus wie jemand, der über die dazu notwendigen Mittel verfügte. Der gewesene Alchimist entgegnete – und er wußte ja, vor allem einem sächsischen Protestanten gegenüber, überzeugend zu wirken -, daß es doch viel größere Strahl-und Anziehungskraft haben müsse, wenn ein Mann wie er, mit all den Kontakten und dem Renommee, sich selbst dort niederlasse, sozusagen als praktische Demonstration mit Vor- und Leitbildfunktion.
Der Sachse, höchst angetan von dieser Idee, vermittelte eine Korrespondenz zwischen Theodor und Zinzendorf, die dank der schwärmerischen und zugleich weltläufig gebildeten Persönlichkeit des Grafen bald freundschaftlichen Charakter annahm und in dem Vorschlag gipfelte, Theodor und seiner Familie ein Gut aus eigenem Besitz zu verkaufen und ihn als Bruder unter Brüdern zu einem Leben sympathischer Gemeinschaft willkommen zu heißen.
Theodor warb in Briefen und Worten für Zinzendorfs Gemeinde, erhielt dafür vom Grafen eine großzügige Summe geschickt, die die Begleichung Londoner Schulden, die Heimholung Larbis und ein standesgemäßes Übersiedeln samt Katzen ermöglichte.
Im Frühjahr 1726 ging die Reise nach Kursachsen vonstatten.