Siebtes Kapitel
An der Seite des Barons von Görtz ritt Theodor
durch endlose Ebenen nach Norden. Eine taubengraue Wolkendecke war
von Horizont zu Horizont gespannt, beulte sich im Osten schwer und
dunkel aus und hing bis auf die schwarzen Felder durch. Dort
regnete es. Es war ein eisiger Regen, und der Wind, der über die
flache Landschaft blies, zauste das graugrüne Gras wie ein
Fell.
Manchmal fiel der Regen in dicken Tropfen, die wie
Hagelkörner auf der Stirn zerplatzten, manchmal fein gesiebt,
durchdrang die Kleidung und maserte das horizontale Gefüge der
Natur mit silbriger, diagonaler Schraffur. Sie kamen an schwarzen,
abgebrannten Stoppelfeldern vorüber. Aus einem Bruch stieg mit
schwerem, nassem Flügelschlag ein Bussard. Bewässerungskanäle kamen
quer, verloren sich zu beiden Seiten im Dunst. Ab und zu schälte
sich aus der nassen Luft eine hohe graue Silhouette, die im
Näherkommen schwarz wurde, ein mittelalterlicher, zum Kampf
gerüsteter Ritter, der sich als Windmühle entpuppte, mit
schindelgedeckter feuchtglänzender Holzhaube.
Theodor wischte sich die Nässe aus dem Gesicht und
erwähnte Cervantes und Don Quichotte. Was sind das denn für
Flausen? sagte Görtz kurz angebunden. Er hatte es eilig. Sein König
war in Stralsund eingetroffen, dorthin wollte er, nach den
untätigen Monaten in Amsterdam war er wieder in seinem Element:
Politik und Krieg. Krieg und Politik. Theodor fühlte sich
einsam.
Privatsekretär des schwedischen Plenipotentiärs,
das hörte sich großartiger an, als es war, viel großartiger, und
das tröstete Theodor immerhin, wenn ihm auf der unbequemen und
martialisch-genügsamen Reise Zweifel kamen, ob es sonderlich
vernünftig gewesen war, die soeben begonnene Agentenkarriere für
die ehrvolle, aber miserabel entlohnte Position an der Seite eines
Politikers von Rang einzutauschen.
Görtz erklärte, es handle sich darum, Peter
entweder zu isolieren und zu besiegen oder aber gemeinsame Sache
mit ihm zu machen, und erläuterte, daß die Diplomatie eben gerade
darin bestehe, eine Strategie und ihr Gegenteil so lange
nebeneinanderher zu führen, bis unwägbare Zufälle einen zwangen,
auf eines der beiden gesattelten Rösser aufzuspringen. Theodor
dachte an den russischen Geldboten, der ihn zu seiner größten
Überraschung einen Tag vor seiner Abreise in Amsterdam aufgesucht
und ihm einen prallen Beutel überreicht hatte, als Lohn für seine
Vermittlerrolle. Theodor unterhielt sich mit Cats über die
geeignete Verwendung der Summe und entschied, sie ihn in Laws
neugegründete Compagnie d’Occident investieren zu
lassen.
Am Rande des Herzogtums Mecklenburg-Schwerin trafen
sie auf schwedische Reiterei, die Görtz von einer bevorstehenden
Schlacht in Kenntnis setzte. Sie erreichten den Ort, an dem die
beiden wartenden Heere lagerten, bei Einbruch der Dunkelheit. Als
man Theodor ein Fernrohr reichte und er es über die hochlodernden
Brände der feindlichen Lagerfeuer schweifen ließ, zog sein Magen
sich vor Angst zusammen.
Larbi flüsterte ihm auf französisch zu: Maître,
on ne peut pas se tirer d’ici?
Görtz, der daneben stand, antwortete, ohne sich
umzublicken, die Augen starr auf die nasse Dunkelheit gerichtet, in
der wässrig die Flämmchen schimmerten: Non, mon petit. Vous
allez vous couvrir de gloire ou mourir.
Der Minister schien Gefallen daran zu finden, in
seiner nassen, steifen und stinkenden Ledermontur in sein Biwak zu
kriechen. Bärtige Uniformierte brachten ihm eine Flasche Rum. Ihr
weckt mich zweieinhalb Stunden vor Tagesanbruch, kommandierte
er.
Theodor wurde ins Offizierszelt geführt und bekam
zwischen betrunkenen, schnarchenden und tuschelnden Leutnants eine
Pritsche angewiesen.
Mon pauvre Larbi, meinte er krächzend, on
est faits comme des rats.
Das Feldbett war schmal und hart wie ein Sarg, und
schweißüberströmt und ohne Schlaf zu finden hörte Theodor den Regen
auf das Zeltdach prasseln und war sich sicher, die letzte Nacht
seines Lebens zu verbringen. Er stank, er sehnte sich nach einem
Bad und frischen Kleidern, er fror. Womöglich hole ich mir hier
einen inkurablen Rheumatismus, dachte er entsetzt, bevor er sich
erinnerte, daß er morgen einen blutigen Tod sterben würde. Es war
ein empörender Gedanke. Larbi murmelte im Halbschlaf erstickte
Vorwürfe.
Theodor lauschte dem Regen und versuchte, Bilanz zu
ziehen. Konnte angesichts des bisher Erreichten und Erlebten sein
Ende hingenommen werden, oder machte er sich lächerlich, wenn er
jetzt starb? Wie gut, daß er nie langfristige Pläne geschmiedet
hatte, um jetzt halbfertige Ruinen zu hinterlassen.
Jemand rüttelte ihn an der Schulter, und er schrie
auf. Es war fünf Uhr. Im Zelt herrschte hektische Bewegung. Flüche,
Räuspern, klappernde Waffen. Es war noch dunkel, aber Fackelschein
spielte auf der Leinwand. Kommandos wurden gebrüllt. Er mußte über
vier Stunden geschlafen haben. Er versuchte vergeblich, in seine
von der Nässe hart gewordenen Stiefel zu schlüpfen. Larbi mußte
helfen, und als Theodor stand, drohten seine Beine gleich wieder
einzuknicken. Er spannte alle Muskeln an und trat aus dem
Zelt. Würdig in den Tod gehen, sagte er sich. Nichts anmerken
lassen. Lachend in den Tod gehen.
Nun, Baron, fragte Görtz, wo möchten Sie das
Spektakel erleben? An meiner Seite oder bei den Leutnants der
Kavallerie?
Ganz wie es Ihnen beliebt, sagte Theodor charmant
lächelnd, atmete tief die eisig feuchte Nachtluft ein und stieß sie
leicht zitternd wieder aus.
Bleiben Sie besser bei mir, ich brauche Sie noch,
scherzte der Holsteiner.
Theodor verneigte sich, stieg steifbeinig auf sein
Pferd, und sie ritten im Schritt auf die Anhöhe mit der verlassenen
Windmühle, von wo aus das Schlachtfeld zu überblicken sein würde,
sobald die Dämmerung anbrach.
Der trübe, regnerische Sterbenstag begann mit dem
enervierenden Lärm trockener Trommelwirbel und im Wind knatternder
Regimentsfahnen. Theodor hatte einen sauren Geschmack im Mund und
Magendrücken, er hatte nichts zu sich nehmen können, der Gedanke,
mit vollem Bauch zu sterben, war ekelerregend.
Die Ebene zwischen dem Hügel, auf dem er mit Görtz
stand, und den beiden leichten Kuppen, auf denen sich der
gegnerische Generalstab postiert hatte, war ein graugrün
verwischtes Meer. Linker Hand bildeten einen Bach säumende Pappeln
den Horizont. Einen Steinwurf unter ihm plauderten die Kanoniere
bei ihren Lafetten. Görtz sprach auf schwedisch mit dem
kommandierenden General, beschrieb mit der Hand einen Bogen.
Wir werden die aufgehende Sonne im Gesicht haben,
wenn sie denn durch die Wolken kommt, versuchte Theodor einen
fachmännischen Kommentar. Er fühlte sich hilflos und verwirrt. Sein
Geist sprang unaufhörlich zwischen der Perspektive eines
Schlachtenmalers und der eines in seiner Marschsäule rettungslos
eingekeilten Infanteristen hin und her.
Wir haben die stärkeren Reiter, antwortete Görtz.
Es sind nur Schweriner, die haben kein Geld, eine Kavallerie
aufzustellen, die den Namen verdient. Eigentlich ist die Sache
schon entschieden. Während sie unter unserem Fußvolk wildern, geht
unsere Reiterei längs der Pappeln vor, fällt ihnen von hinten in
die Flanke und schaltet die Kanonen dort auf dem linken Hügel aus.
Heute nachmittag werden sie die weiße Fahne hissen. Es sei denn,
ein Genius kommandiert sie, dem etwas Besonderes einfällt. Das weiß
man eben nie, und das ist die Würze einer solchen
Konfrontation.
Dies alles im Konversationston, die Tressen seines
nassen Dreispitzes flatterten im Wind, links hielt ein Bursche die
Zügel seines Pferds, rechts ein anderer das Fernrohr.
Sobald sie in Schußweite der Kanonen sind, eröffnen
wir das Feuer auf die von uns aus gesehen rechte Marschsäule, sagte
der General, der eine brennende Pfeife im Mund trug.
Theodor blickte vom einen zum andern und mußte an
die Knabenspiele im Dorf denken, wenn die Kinder Ameisenhaufen
anzündeten und den wirren Fluchtmustern der halbverkohlten Insekten
zusahen oder ihnen Hindernisse in den Weg legten. Kalte Götter, und
er spürte, daß er nicht zu ihnen gehörte, so wie er schon damals
nicht zu ihnen gehört hatte.
Ein Schuß, eine blecherne Fanfare, ansatzloser
Galopp den Hügel hinab der verschiedenen Meldereiter und das
totenmarschartig einsetzende Bum-Bum der Trommeln, und wie eine
Panzerechse, mit züngelnden Bannern, kroch das Heer vorwärts in die
regennasse Ebene. Dann blitzte Mündungsfeuer auf, und Donner rollte
über die Felder.
Theodor starrte gebannt auf die breite, gewellte
Marschformation, die voranschritt, Spieße voraus, jeder Schritt
fiel einen Sekundenbruchteil nach einem dumpfen Trommelschlag. Die
Soldaten sanken in den feuchten Wiesen ein. Beine und Herzen wurden
nur mehr vom Trommeltakt vorwärtsgetrieben.
Bum-bum-trrt, bum-bum-trrt. Das feindliche Feuer nahm zu. Viel zu
kurz, Erdfontänen spritzten gegen den Seidenvorhang des
Regens.
Die Zange der gegnerischen Infanterie öffnete sich,
die schwedischen Soldaten gingen ihr entgegen, Schritt für Schritt,
ohne Eile, bum-bum-trrt, bum-bum-trrt.
Feuer! kommandierte der General neben ihm ruhig,
das Wort wurde dreimal wiederholt wie ein Echo, dann zerriß beinahe
Theodors Trommelfell, die Kanone zuckte zurück wie ein auskeilender
Esel, er blickte wieder hinab auf das verregnete graugrüne Feld, wo
plötzlich hochschießende Geysire die Einschläge markierten und in
dessen Mitte ein unsichtbarer Magnet die Heere an sich zog, und
lethargisch wie Rinder näherten sie sich einander, bis sie, wie es
heißt, das Weiße im Auge des Gegners sehen konnten.
Theodor ist mitten unter ihnen, seine Muskeln und
Gelenke schreckensstarr, alles in ihm schreit: Fort hier! Laßt mich
raus! Aber es gibt keine Freiheit, nur das fatale Aufeinanderzu.
Sehenden Auges, eingekeilt zwischen die vor Angst schwitzenden
Nachbarn, im Bewußtsein des Wahnsinns und der Sinnlosigkeit auf
Kollisionskurs mit dem Tod, der dir als blankes Eisen in den Bauch
fährt, ins Weiche, Innere und in einem Strahl dein Leben raubt, und
links und rechts weht das Gras im Wind, und die Vögel zwitschern,
und das Wasser fließt zur Mündung, und du könntest ausscheren und
fortlaufen und leben, und du kannst nicht. Du kannst nicht.
Da begann das Musketengeknatter, die Marschordnung
löste sich auf, die Heere trafen aufeinander, vermischten,
verkeilten sich, die Trommel war verstummt oder nicht mehr
herauszuhören, ein wirres Gewusel, der brennende
Ameisenhaufen.
Der Kanonendonner war schon selbstverständlich
geworden, und jedesmal, wenn Theodor den nächsten Schlag im
gewohnten Rhythmus erwartete, und er kam nicht,
sondern erst im Moment darauf, wenn die angespannten Nerven sich
gerade lockerten, zuckte er zusammen wie in einem epileptischen
Krampf und fiel beinahe vom Pferd.
Er sah, wie die Lippen der Umstehenden sich
bewegten, hörte aber nichts mehr außer den Schlägen, bis direkt
unter ihm die Lärmhaut aufriß: Einer der Kanoniere war dem Rückstoß
nicht ausgewichen, lag da, die Brust schief und flach eingedrückt,
Blut floß aus seinem Mund, aber sein Gekreisch verstummte
rasch.
Am Horizont löste sich jetzt die Reiterei aus dem
Schatten der Pappeln, fächerte sich in der Vorwärtsbewegung auf,
und in der Nachhut der Schweriner entstand Panik.
Offenbar hatte der Wind sich gedreht, die Schreie
der sich Mut Machenden und das Gebrüll der Verwundeten drang an ihr
Ohr wie ein Chor jaulender Höllenhunde, die schiebenden und
geschobenen Bewegungen des Gemetzels parodierten einen Contredanse,
zu dem die Kastagnetten der Musketenschüsse knatterten. Rot, als
wären sie durch Blut gezogen worden, leuchteten Fahnen auf und
verschwanden gleich wieder im Körpergewoge.
Die gegnerische Infanterie hatte mit ihrer Zange
den Kopf des schwedischen Heers abgebissen, aber jetzt wurde sie
von hinten aufgerieben. Das war der Moment für Görtz und auch für
Theodor, hinabzureiten und den Endkampf aus der Nähe zu dirigieren.
Blutige Uniformen, grotesk übereinander getürmte Körper wie in der
Umarmung gemeuchelte Liebespaare. All die aufgerissenen weißen
Augen, das abgebrochene, gesplitterte Holz in Bäuchen, Schenkeln,
Hälsen. Die Musketen bellten nur noch vereinzelt auf, Pulverdampf
und Regen mischten sich zu dichtem Weihrauch. Ein Botenreiter
direkt neben Theodor fiel plötzlich lautlos vom Pferd. Erst als er
auf dem Rücken ausgestreckt lag, sah man das schwarze Loch in
seiner faltenlosen Stirn, den Ausdruck von Überraschung auf seinem
Gesicht.
Überall um sie herum noch immer rennende,
schreiende, stechende Soldaten, die Schweriner kämpften um ihr
Überleben, die schwedischen, jetzt in der Überzahl, befreiten sich
in Haß und Blutdurst aus den Klammern ihrer Todesangst.
Botenreiter kamen heran und sprengten wieder fort,
Kavallerieoffiziere machten Meldung, dann deutete jemand auf den
gegenüberliegenden Hügel: Die weiße Fahne wurde geschwenkt. Es
regnete noch immer und war den ganzen Tag nicht hell
geworden.
Dann begann die Plünderung der Leichen. Sie wurden
umgedreht, entwaffnet, entkleidet, auf Haufen geworfen, man leerte
die Taschen, und am Abend, als Brände loderten und der unterlegene
Heerführer schon zwei Stunden zum Palaver in Görtz’ Zelt saß, kam
der Mond zwischen den Wolken hervor und beleuchtete matt die
Hunderte von nackten, bleichen Körpern, die in sich selbst verdreht
dalagen mit in der Todesstarre steif abstehenden Armen, die das
nächtliche Gestirn anzuflehen oder zu preisen schienen. Insekten
nahmen Besitz von allem Weichen, und Krähenschwärme flatterten und
hüpften zwischen den Toten umher. Ein Nachhall von Pulvergeruch und
süßlicher Wundgestank hingen in der Luft.
Theodor fand Larbi beim Küchenwagen und ließ sich
Fleisch und Rum servieren. Er war hungrig wie ein Wolf.
In Stralsund bekam er den schwedischen König zu
Gesicht, ein junger Mann noch, nur zehn Jahre älter als er selbst.
Das schwedische Heer hatte auf seinen ausdrücklichen Befehl nicht
in der Stadt Quartier genommen, sondern kampierte vor ihren Toren
in Regen und Kälte.
Der König wollte keinen Komfort, er wollte unter
seinen Männern sein. Er roch nach Pferd und altem Schweiß. Theodor
mußte an eine Szene im Palast von Versailles denken, als der
zukünftige Regent, der Sohn der Pfälzerin, für ein Reitergemälde
porträtiert wurde und er im Gefolge der
Mutter bei den untätig-bewundernden Zuschauern gestanden hatte.
Philippe saß auf dem Bock wie ein großes, fettes Kind auf dem
Schaukelpferd, hielt die Zügel und mußte auf Kommando des Künstlers
Hottehüh machen, das heißt, auf und nieder hopsen, wobei er seinen
Hut verlor; es war ein entwürdigendes Schauspiel. Der rastlos
zwischen seinen Generalstabsoffizieren umherirrende Schwede, der
zwei Pistolen im Gürtel trug, war auch so ein großes Kind. Und er
spielte Krieg. Und je blutiger das Spiel wurde, je mehr Figuren
umfielen, desto lauter jauchzte er und klatschte in die
Hände.
Theodor erkundigte sich bei Görtz über seine
weitere Verwendung und erhielt die bittere Antwort, er werde wohl,
mangels besonderer diplomatischer Missionen, zeitweilig zum
Kriegsdienst abkommandiert werden.
Nach einer schlaflosen Nacht versuchte er mit dem
Minister zu reden, zu handeln, schließlich bot er ihm sogar seine
Aktien an, um sich freizukaufen, und fiel am Ende vor seinem
Gebieter auf die Knie.
(Larbi, sagte er auf dem Weg nach Glückstadt, wo
sie eine Woche später in See stachen, tonlos und kalt: Ein Wort
jemals zu irgendwem über diesen Auftritt, und du bist ein toter
Mann.
Entendu Monsieur, begnügte der Diener sich
zu antworten.)
Der halb belustigte, halb angewiderte Görtz
vertraute ihm schließlich eine Mission nach Spanien an, erklärte
ihm aber sogleich, er müsse selbst sehen, wie er an den
Premierminister, den Abbé Alberoni, herankomme, um ihm die
Vorschläge seiner Majestät zu unterbreiten und schmackhaft zu
machen.
Theodor war es gleich, daß er kein Spanisch konnte,
daß seine Reisekasse für einen derartigen Auftrag lächerlich, ja
empörend schmal war, die Seereise nicht gefahrlos, die Zukunft
ungewiß. Er mietete sich auf einem Kauffahrer seines
Freundes Cats ein und reiste mit Larbi nach Bordeaux und von dort
auf dem Landweg in die spanische Hauptstadt.
In Madrid angekommen, war Theodors Kraft allerdings
erschöpft, und er verkroch sich in einem Mietshaus mit Patio. Er
kannte niemanden, er beherrschte die Sprache nicht, er war verloren
wie ein Kind und beschloß, krank zu werden.
Er litt, wenn überhaupt an etwas, an einer Art
frenetischer Langeweile, worunter eine Kombination verschiedener
Ängste zu verstehen ist, die eine hoffnungslose Trägheit und
Lähmung erzeugten, welche ihn wiederum mit jedem untätig
dahingebrachten Tag nervöser und zappeliger machte, derart, daß er
sogleich, um sich zu beruhigen, ins Bett zurückkehren mußte, aus
dem er noch kaum wie ein Getriebener und mit den Worten »Jetzt muß
endlich etwas geschehen« aufgesprungen war.
Ängste, dachte Theodor, an die weiß verputzte, im
Dämmerlicht grau schimmernde Decke starrend, Ängste plagen mich,
anstatt daß ich dem Himmel danke, dem Schlachtgetümmel dieser
Kriegswilden entronnen zu sein.
Aber die Freude darüber und die Erleichterung waren
aufgebraucht gewesen, sobald er in Bordeaux wieder festen Boden
unter den Füßen gespürt hatte. Und dann die fremde Stadt, in der er
sich nicht auskannte. Die kalten Mauern, zwischen denen man sich
verlief, der Spießrutenlauf zwischen den gehässigen oder drohenden
Blicken, bis man vor lauter Konzentration auf seine Schritte ins
Stolpern geriet, die Gespräche in hellen Türöffnungen oder hohen
offenen Fenstern, die man hörte, aber nicht verstand, soviel
Unbegreifbares, in dem die Integrität des eigenen Wesens zu
zerfallen drohte. Angst vor der agressiv hervorzuckenden, lauten
flagellantischen Religiosität in den Augenzisternen dieser
Menschen.
Kopfschüttelnd setzte er sich auf und sagte
halblaut und mit jener wohlwollenden Nachsicht, jener noch in der
Befremdung
bewundernden und anerkennenden Neugier, die er immer für sich
aufbrachte, auch für die seltsamsten und am wenigsten
beispielhaften seiner Eigenschaften: Ich habe eine wirkliche
Begabung zur Angst!
Das unedle Wort bezeichnete bei genauerer
Überlegung in seinem Fall aber keine Feigheit, sondern vielmehr die
höchst respektable Verbindung eines kenntnisreichen Interesses für
die eigene Person – das wiederum nichts anderes war als ein
Ausdruck der Achtung vor dem Wunder seines Lebens – mit einem
illusionslosen Bewußtsein von den Gefahren, die auf ein exponiertes
Dasein lauerten, ja, die ein solches womöglich sogar anzog.
Ein Talent für die Angst hieß aber auch, genügend
Phantasie aufbringen zu können, um alle drohenden Eventualitäten zu
benennen und somit schon halb zu bannen, die sich auf seinem Weg
befinden mochten. Es hieß, der Zukunft, seinem größten Gläubiger,
nicht ganz über den Weg zu trauen. Denn ihr stand es immerhin frei,
ihn an der Mission zu hindern, die sein Auf-dieser-Welt-Sein
rechtfertigte. Seine Angst war daher eine Respektsbezeugung vor der
Autonomie der Zukunft, ein taktischer Kotau.
Mit dem Rechtfertigen-Müssen seiner Existenz meinte
er aber keineswegs sich selbst. Andersherum wurde ein Schuh daraus:
Das Schicksal selbst, fand Theodor, war in der Schuld, den ihm
entgegengebrachten Respekt mit einer gewissen geistigen
Anstrengung, einem wohlwollenden Begutachten seines Falls und der
Zuverfügungstellung einer schönen Lebensaufgabe zu danken.
Was das für eine Aufgabe sein sollte, darüber
allerdings wußte er nichts, der derzeitige Auftrag Schwedens konnte
schwerlich damit gemeint sein, und mit einer gewissen
Geringschätzung hatte Theodor den Geleitbrief Görtzens, der
hierzulande das Papier nicht wert sein mochte, auf das er
geschrieben war, auch einfach per Boten in den Palast schicken
lassen.
Nein, die Mission kannte er nicht, und ging er in
sich, wollte er sie auch gar nicht kennen, bevor sie sich
offenbarte. Genug zu wissen, es müsse sich um etwas
Außergewöhnliches handeln, wozu er das Seine tat dadurch, daß er
gar nicht erst anfing, mit einer die hohen Pläne, die das Schicksal
für ihn ausheckte, beleidigenden banalen Aktivität seine
Bereitschaft zu blockieren und seine Erwartung abzulenken.
Was er benötigte, war lediglich Zeit, und seine
Angst daher letztlich die, vom Tod um diese Zeit betrogen zu
werden.
Gegen den Tod aber, das wußte auch Theodor, ist
kein Kraut gewachsen, und man braucht Glück, um nicht vor der Zeit
von ihm aufgespürt zu werden.
Der hinzugezogene Madrider Arzt tappte angesichts
seiner Leiden im Dunkel und beschloß daher, ihn zur Ader zu
lassen.
Die Säfte, die ihm das Blut vergiften, sagte er,
müssen herausgewaschen werden, zog die Lanzette und postierte die
Schröpfköpfe auf dem Tisch.
Noch zwei Wochen danach grübelte Theodor,
mittlerweile an Bord eines holländischen Kauffahrers auf dem Weg
durchs sonnenglitzernde Mittelmeer nach Genua, über sein Verhältnis
zum Glück nach. Denn als der Arzt eben zur Tat schreiten wollte,
wurde er vom unerwarteten, rettenden Eintreffen einer ledernen
Börse mit zweihundert Pistolen unterbrochen.
Ungläubig hielt Larbi die Goldmünzen in den Händen
und näherte sich seinem im Fieber delirierenden Herrn. Der öffnete
die Augen zu Schlitzen, ließ sich den Brief vorlesen, der von
Kardinal – Kardinal also mittlerweile! – Alberoni persönlich
unterzeichnet war und den schwedischen Gesandten zu einer
Unterhaltung in die Descalzas Reales bat. Theodor ließ sich
das Geld reichen, blickte kurz in die Börse, schob sie dann
gleichmütig in die Schublade des Nachttisches und setzte sich im
Bett auf.
Meine Natur hat immer Ressourcen gehabt, erklärte
er dem verblüfften Arzt. Ich brauche Sie nicht mehr.
Am nächsten Tag suchte er einen Schneider auf und
ließ sich auf Kosten des Kardinals eine neue Garderobe anfertigen.
Am Abend tafelte er mit Larbi in einer Bodega. Zwei Tage darauf war
die Ausstattung fertig, und er machte dem Premierminister seine
Aufwartung, um sofort und ohne Umschweife in ein politisches
Gespräch gezogen zu werden, in welchem Alberoni Theodor anhand
mehrerer auf dem Ebenholztisch aufgerollter Land- und Seekarten mit
verschiedenen Wenns seine Strategie erläuterte.
Auf dem Papier sah alles machbar aus. Große
Veränderungen stünden bevor. Das sage er, das sage die Farnese, ihr
Astrologe habe es berechnet, und der neurasthenische König nicke
immerhin dazu. Dann fiel der beringte Zeigefinger des Kardinals auf
einen Punkt der Karte. Hier, genau an dieser Stelle, brauche er
eine Festlandbasis in Italien. Wenn er einer Allianz mit den doch
wohl den Ast ihrer ehemaligen Glorie hinabsteigenden Schweden offen
gegenüberstehen solle, sei dies der Preis: ein
Neutralitätsversprechen der Republik Venedig zum mindesten, noch
besser eine Hilfestellung für die spanische Eroberungsflotte.
Theodor brauchte nicht mehr zu hören, um so
weniger, als Alberoni ein großzügigerer Auftraggeber war als Görtz.
Und Italienisch sprach er ja. Also auf nach Venedig!
Er war offenbar jemand, der Glück zu haben als
seinem Wesen und Schicksal zugehörig ansah und ihm den Platz zumaß,
den andere Menschen einem persönlichen Verdienst einräumen. Wieviel
erregender war es, nonchalant sagen zu können: Ich habe eben Glück
gehabt, als knirschen zu müssen: Ich habe alles dafür getan.
Wer nun aber das Glück als Charaktereigenschaft
betrachtet, wer sich zutraulich in Fortunas Schoß schmiegt und sich
als ihr Hätschelkind geriert, der wird sich, bleibt dieses Glück
einmal aus, denn auch gleich als Verfluchten
sehen müssen, als den letzten der Menschen oder auch als einen,
den die Götter dafür strafen, daß er so ist, wie er ist.
Theodor sollte in der Folgezeit alle Gelegenheit
erhalten, die Wechselfälle des Glücks am eigenen Leib zu spüren,
wie eine Folge kalter und warmer Güsse, und in langen müßigen
Stunden sich auszumalen, was passiert wäre, hätte er anders
entschieden, als die Gelegenheit sich bot – nur: Bot sie sich denn
jemals wirklich?
Er war noch nicht in Venedig angekommen, als er von
einer Seeschlacht zwischen Spaniern und Engländern am südlichen
Zipfel Siziliens hörte, einige Tage später verdichtete sich dieses
Gerücht zur Nachricht von der Niederlage bei Kap Passaro. Er befand
sich mitten im venezianischen Karneval, als er erfuhr, der
schwedische König sei in der Schlacht gefallen und sein bereits
halb vergessener Immernoch-Herr, der Graf Görtz, verhaftet und kurz
darauf enthauptet worden. Er war im Sommer zurück in Madrid, da
unterzeichnete Alberoni unter dem Druck der allgegenwärtigen
Engländer seine Abdankungsurkunde, zwischenzeitlich hatte er
erfahren, daß Cats’ Spekulationen mit Laws Aktien ihn zu einem
reichen Mann gemacht hatten, als er jedoch in Paris sein Kapital
abheben wollte, geriet er in die Bankrottswirren der Notenbank und
fand sich einige Tage später so arm, wie er seit seiner Jugend
nicht mehr gewesen war.
Was also war der Grund, sich auf Gedeih und Verderb
dem Glück, das heißt dem Zufall, zu verschreiben?
Nur das Glück sprengte die Ketten der Kausalität.
Nur mit Hilfe des Glücks konnten Sprünge vollführt, Grenzen
überwunden und Ziele erreicht werden, zu denen keine Anstrengung
und keine disziplinierte Arbeit einen je brachte, bevor man alt und
tot war.
Auch befand sich der das Leben durch Planung und
Fundierung Meisternde in eine einzige Spur gezwängt. Kam er durch,
erreichte er nur das, was er immer vor
Augen gehabt hatte. An eine Erfüllung in solch engem Hohlweg
wollte Theodor nicht glauben und kam für sich als der Weisheit
vorläufig letztem Schluß zu der Erkenntnis, daß der Mensch soviel
nicht war und vermochte, als seines Glückes einziger Schmied zu
sein, daß es immer mehr als die eigene Mühe brauchte, um etwas
Schönes aus seinem Leben zu machen, nämlich die Einwirkung höherer
Mächte.
Genau besehen war dies eine demütige Haltung, von
vornherein bei allem, was man tat, die unabdingbare Hilfe des
Schicksals zu erflehen oder ins Kalkül zu ziehen, und es machte
Theodor Freude, sich selbst als einen im tiefsten Sinne demütigen
Menschen, einen Bruder der Einsiedler und Heiligen sozusagen, zu
begreifen.
Dieses Bestreben nach glückhafter Rahmung seiner
Lebenswege und Schönheit des Bildes, das er vor einem Parkett
zuschauender Götter abgäbe, bewog ihn auch, kaum hatte er erfahren,
daß Venedig auf dem Landweg erreicht werden sollte, also quasi von
hinten durch die Sümpfe, den Kutscher und die übrigen Reisegäste
mittels einer großzügigen Zahlung zu einer Routenänderung zu
veranlassen, so daß man, die Brenta abwärts stakend, sich
schließlich in Chioggia einfand, wo Theodor ein Boot mietete, um
die langerträumte Stadt auf dem einzig angemessenen, dem Wasserwege
über die Lagune hin zu erreichen.
Während er im Bug auf einem schwarzpolierten
Holzstuhl saß und dem pitschenden Peitschen der sechs Ruderblätter
lauschte, die beinahe synchron ins Wasser tauchten und das Boot mit
sanften Schüben vorwärtstrieben, während er abwechselnd auf den
wolkenlosen Himmel und seine verwellten Spiegelungen im
braun-grün-goldenen Wasser der Lagune sah, die Holzpfähle und
Pfahlhütten der Muschelfischer als dunkle vertikale Maserung des
ansonsten ausschließlich horizontal strukturierten Bildes wahrnahm,
durch Schwärme winziger Mücken glitt, die ein
Windstoß zu Nichts zerwirbelte, und mit zusammengekniffenen Augen
den Horizont absuchte, wo in pastellenen Farbschlieren und Dunst
Himmel und Lagune ineinander übergingen, um als erster die
Silhouette der Stadt zu erblicken, zerriß das Bild vor seinen Augen
auf einmal mit einem zugleich stechenden und bohrenden Schmerz in
einem seiner linken unteren Backenzähne.
Tränen stiegen in Theodors Augen, er preßte den
Unterkiefer mit beiden Händen zusammen und drehte sich zu Larbi um,
der hinter ihm auf dem Gepäck hockte.
Der Diener führte eine Art Reiseapotheke mit sich,
aus der er seinem Herrn zwei getrocknete Nelken reichte, und wies
ihn an, sie auf den faulen Zahn zu legen und zuzubeißen.
Für Minuten wurde der Himmel farblos und das Wasser
schwarz, jede Schaukelbewegung drohte seinen Schädel zu sprengen,
und Theodor hatte das Gefühl, über die Lethe gestakt zu
werden.
In einer durch den Schmerz geschärften und
zugefeilten Zuspitzung aller Sinne, mit einer Mischung aus
Enttäuschung über die verdorbene Freude und zugleich gesteigerter
Wahrnehmungsfähigkeit und Aufnahmebereitschaft sah er dann, wie die
Campaniles von San Giorgio Maggiore und San Marco zunächst als
himmelblau und türkisfarben lodernde Rauchsäulen aus dem Dunst
stiegen und langsam schärfere Konturen gewannen.
Der Eindruck der in der Sonne geschmolzenen und im
Erkalten langsam Form annehmenden Stadt, die zunehmende Zahl der
Schiffe, die bald, je näher man kam, zu einem Wald hochgestellter
Ruder und Masten wurden, und der bohrende Zahnschmerz steigerten
sich gegenseitig und gruben sich, einander intensivierend, so tief
in sein Bewußtsein, daß er lautlos, sich die Wange haltend,
flüsterte: Ich bin vierundzwanzig. Ich treffe in Venedig ein. Ich
werde mir, wenn diese Schmerzen nicht aufhören, den
Zahn ausreißen lassen müssen. Ich weiß, daß ich diesen Augenblick
nie vergessen werde.
Sehen Sie, Baron, sagte Respighi drei Monate später
in einer Gondel, die die beiden Männer den Canale Grande
hinunterstakte, vorbei an der Ca’d’Oro und der
Pescheria zum Palazzo Vendramin, Venedig hat seine Aufgabe
als Aktivposten in der Welt erfüllt und überlebt. Jetzt hat es
keine andere mehr, als sich selbst darzustellen.
Theodor ließ die Hand durch das schiefergraue
Wasser gleiten und wartete auf den bernsteinfarbenen Glanz, wenn
momentelang die Sonne durch die Wolken brach. Er sah den Kaufmann
und Freund von Jacob Cats aufmerksam an, um ihn zum Weitersprechen
zu bewegen.
Was Respighi über die Stadt erzählte, die Theodor
vom ersten Tag an, mit schmerzendem Kiefer und einer ganz wie seine
Zahnnerven bloßliegenden Empfindsamkeit als ihm gemäß adoptiert
hatte, tröstete ihn über seine eigene derzeitige Lage hinweg.
Empfänge und Kleider, Bälle und Opernaufführungen
und das tägliche Leben hatten seine Reisekasse bedenklich geleert.
Görtz und der schwedische König tot, Alberoni durch seine
militärische Niederlage handlungs- und zahlungsunfähig, hatte er
keinen Auftraggeber mehr, der den Namen verdiente, und keine
diplomatische Mission in Venedig.
Wofür ist die Heimat San Marcos also noch gut?
fragte Respighi und lieferte den aufnahmewilligen Augen seines
Nachbarn die Antwort gleich mit: Um die Schönheit und Dauer und
Fragwürdigkeit der menschlichen Existenz zu bezeugen. Es ist ja
eine alte Stadt, setzte er hinzu, mit der gleichen genüßlichen
Betonung, wie er gesagt haben würde: Es ist ja eine junge
Frau.
Und mit dem Alter, fuhr er fort, ist es so eine
Sache. Vernünftige Menschen behaupten immer, der Lebensweg gleiche
einer Bahn, die auf Reduktion und Klarheit hinauslaufe,
aber ist es nicht gerade andersherum in Wirklichkeit?
Er sah Theodor mit hochgezogenen Brauen an und
setzte dann entschieden hinzu: Hier in Venedig ist es
anders. Und nach einer Pause: Ist es nicht vielmehr so, daß je
älter man wird, je älter die Menschheit wird, desto weniger
Klarheit herrscht und desto mehr ambiguité. Desto mehr, wie
soll ich sagen: chiaroscuro...
Theodor blickte auf die dunklen Gestalten, die an
den Ufern des Kanals unter den Arkaden standen oder vorüberhuschten
und Respighis Worte rauschten leise wie das Wasser bei jedem Stoß
des Gondoliere: Gewißheiten... Unterschiede... zwischen Wasser und
Licht... Wahrheit oder Traum... Klare Identitäten... Schemen... Das
Symbol, das heißt die Maske, tritt zunächst vor das Gesicht und
ersetzt es schließlich...
Masken – das Fest, eines der vielen Feste, die
Musik, wie schwere Düfte aus jedem der hohen Räume wehend, die
gebauschten Vorhänge, das Dämmerlicht, die Unwirklichkeit der
wallenden Gestalten in teuerstem Brokat, dem nur ein unbarmherzig
klarer Blick all die Stopfnähte und Stockflecken ansah, ein
nächtlich zum Leben erwachter Theaterfundus. Sein nach letzter
Pariser Mode gefertigtes Festkleid mit Rüschen und Jabots war zu
eindeutig in diesem prachtvoll-schäbigen Maskenreigen, zu wenig
ironisch. Alles war verwischt und in der Tiefenschärfe verschoben
wie in einem Traum, als trete man auf der Stelle und der Saal
bewege sich auf einen zu und von einem fort.
Der Eindruck von Blindheit oder unscharfem Sehen
angesichts all der Masken, der fehlenden Gesichter, diese
Anonymität erregte ihn, die Nähe des Fremden, Ungewissen stimmte
Theodor erotisch. Die Vermummung half, sich nicht vom allenfalls
unter ihr verborgenen Persönlichen eines Menschen ablenken zu
lassen, von der Sehnsucht in seinen Fingerkuppen und Lippen, der es
nicht ums Begreifen zu tun
war, sondern ums Betasten, die nicht in Erkenntnis und Verständnis
aufgehoben, sondern zugleich erfüllt und gestillt werden und doch
weitersehnen wollte.
Die Maske, die ihn beim Tanz für sich erwählt
hatte, war eine hochgewachsene Frau, in deren moorgrünes Kleid
silberschimmernde Fischschuppen gewirkt waren. Als sie ihn
aufforderte, den Ballsaal zu verlassen, fiel ihm ihre tiefe, fast
männliche Stimme auf. Er reichte ihr den Arm, sie legte ihre Hand
darauf, eine feingliedrige, lange Hand unter durchbrochenen
Spitzenhandschuhen. Wie unter einer hauchdünnen Eisschicht sah er
die weiße Haut mit dem blauen Adergeflecht, ein Perlmuttgeschimmer
wie die Innenschale einer Auster. Sie erreichten einen leeren Raum,
dessen zwei Rundbogenfenster offenstanden. Der Geruch des eisigen
nächtlichen Wassers wuchs herauf. Es machte Theodor halb verrückt,
sie nicht küssen zu können, als sei schon die erste Tür vor einer
ganzen Zimmerflucht verriegelt. Seine Hände glitten in mühsam
gezügelter Begierde über ihr Kostüm. Durch raschelnde Drehungen,
Geräusche wie Regen oder der Wind in Pappeln, wurde für die Dauer
eines Lidschlags helle Haut unter dem grünen Stoff sichtbar, ganz
unvermittelt in einem Beugen oder Dehnen, suchenden Tasten oder
Zupfen seiner Finger tat sich ein Spalt in den moirierenden
Verwerfungen auf, ein Beiseiteschieben, ein Raffen des schweren,
knisternden Stoffs offenbarte einen Schlitz, an dessen Saum seine
Finger sich entlanghangelten, bis erschreckend warme Haut die
Fingerkuppen zunächst zurückzucken ließ. All das geschah unter
umeinander kreisenden, schlängelnden Bewegungen, einem
Sich-ineinander-Schrauben zweier Spiralen, und Theodor, dessen
suchender Blick von keinem Paar Augen aufgefangen wurde, sondern
sich an den dunklen Löchern der Maske brach, sah unter
halbgeschlossenen Lidern der Hand unter dem durchbrochenen
Handschuh zu, den rasch und geläufig wie eine Spinne operierenden
Fingern, dann sank er kraftlos zurück
in die Armbeuge der Maske, bemerkte in seinem sich verschleiernden
Bewußtsein noch, daß sie beide in dieser Stellung eine Art Pietà
mimten, sein über den weichen Oberarm nach hinten gesunkener Kopf
wurde sanft zu Boden gesenkt, die Maske löste sich von ihm, stand
auf, ging zum Fenster, streifte den Handschuh von ihrer rechten
Hand, hielt ihn mit Daumen und Zeigefinger fest und ließ ihn in den
Kanal fallen. Er sah ihr zu, und als sie sich wieder setzte, sagte
sie mit ihrer schönen, etwas heiseren Altstimme: Ich habe genug von
diesen Handschuhen dabei...
Später fragte sie ihn: Es ist Karneval. Warum
trägst du keine Maske?
Seine Lippen berührten ihre Ohrmuscheln, er
flüsterte wie zuvor: »Mein Pferdchen«. Dies war der zärtliche
Kinderneckname, den ihre Mutter seiner Schwester Amélie gegeben
hatte, und Theodor hatte in den Umarmungen mit der Unsichtbaren
zugleich in der Vergangenheit und an anderem Ort gelebt, war hier
und dort, jetzt und damals zugleich gewesen, und jedes seiner Worte
hallte durch eine Art Zeit und Entfernung überwindenden Echoraum.
So vervielfachte und bereicherte er sein Glück in einer von Worten
geschaffenen Spiegelflucht, ohne daß seine nächtliche Gefährtin
etwas dabei verlor.
Aber ich trage eine Maske! sagte er
schließlich.
Auf dem Nachhauseweg im Morgengrauen standen auf
einem an drei Seiten umbauten Platz, der sich in zwei Stufen zu
einem schmalen Brackwasserkanal öffnete, plötzlich zwei vermummte
Männer vor ihm, die einen Dolch unter der Pelerine hervorzogen und
sein Geld forderten.
In Paris hätte Theodor die Hände gehoben und den
Männern seine Börse hingeworfen, aber hier im venezianischen
Morgendämmer, zwischen Tag und Nacht, Maskenspiel und Realität,
Theater und Straße, träumerisch gestimmt von der Liebe mit der
Unbekannten und gequält von seinen Zahnschmerzen, noch immer im
Dunst zwischen
den Zeiten und Welten wandelnd, zog er wortlos den Degen, sprang,
wie er es gelernt hatte, gestreckt in den Ausfall, und seine Klinge
fuhr in den Körper des nächststehenden Räubers.
Der Degen glitt und glitt durch das Fleisch, ohne
auf Widerstand zu stoßen, als würde Theodors Arm gezogen, so
perfekt und mühelos, daß er eine Befriedigung empfand, die der
seines alten Freunds Sternhart ähneln mußte, wenn eine seiner
Gleichungen glatt aufging. Aber das war wohl doch ein unpassender
Vergleich, denn als seine Vorwärtsbewegung im Anschlag des Korbs
vor der Brust des Mannes zur Ruhe kam, so daß Theodors Gesicht
beinahe die Maske berührte, war der Räuber tot.
Helles Blut sickerte unter der Gesichtsverhüllung
auf die schwarze Pelerine. Er mußte die Lunge durchbohrt haben. Das
Blut roch süßlich wie Pferdefleisch, und der Geruch mischte sich
mit dem morgendlichen Kotgestank des Kanals. Der zweite Räuber
flüchtete entsetzt.
Theodor zog den Degen aus der auf die Knie
gesunkenen Leiche, beförderte sie mit dem Fuß ins Wasser und sah
zu, wie sie versank. Ein stimmungsvollerer Rahmen als Venedig,
sinnierte er halbwach, war schwerlich vorstellbar, um einen
Menschen zu durchbohren.
An der nächsten Kreuzung hatte er den Zwischenfall
bereits fast vergessen, so daß er innehielt und sich fragte, ob er
nicht etwa träumte. Dies war der erste Mensch, den er getötet
hatte, und er mußte an seinen faulenden Zahn denken. Dieser erste
Beginn körperlichen Verfaulens und der erste Tote von seiner Hand:
Wie ein kalter Wind wehte ihn ein Gefühl von vergehender Zeit und
Älterwerden an.
Zurück in seinem Zimmer im Palazzo Respighi,
streichelte er die gelbe Katze der Hausherrn, die für die Dauer
seines Aufenthalts bei ihm Wohnung genommen hatte, auf dem
Fensterbrett saß und sehnsüchtig, wie Theodor es empfand, den
vorüberfliegenden Tauben nachblickte. Die
aufgehende Sonne überzog die pockige graue Fassade des Palazzos am
gegenüberliegenden Ufer mit gedengeltem Silber und tauchte sie in
blendendes Licht. Er kraulte die kleine, so zerbrechliche
Hirnschale des wohlgenährten, schnurrenden Tiers, die sich wie eine
fellumhüllte Walnuß anfühlte und nannte sie sanft »Poverina.
Poverina«.
Ja, es ist eine Stadt der Maskerade, wiederholte
Respighi. Zuerst tritt die Larve vor das Gesicht, dann ersetzt sie
es.
Theodor nickte gedankenverloren, die Hand im
Wasser.
Die Gondel legte am Steg des Palazzo Vendramin an.
Die Familie bot aus finanziellen Gründen ihre Gemäldesammlung zum
Kauf, und Respighi interessierte sich dafür. Ein Gemälde, Baron,
ist, von seinem ästhetischen Wert einmal gar nicht zu reden, eine
ausgezeichnete Geldanlage, erklärte er und rieb sich die Hände.
Theodor, seine Nelke zwischen die Zahnreihen pressend und mit von
dem leichten Schmerz geschärftem Blick, kehrte immer wieder zu
einem mittelgroßen Gemälde zurück, das in einem breiten Korridor
zwischen zwei von hohen samtenen Vorhängen gerahmten Türen
hing.
Das ist ein Giorgione, sagte Respighi im
Vorbeigehen. ›La famiglia del pintore‹. Er deutete auf das
Gemälde: Quest’uomo è il pastore dell’essere...
Theodor nickte geistesabwesend.
Unfug, dachte er, vom plötzlich wieder bohrenden
Zahnschmerz unwirsch und empfindlich-aggressiv gegen alles und
jeden, einschließlich seiner selbst, gestimmt, und in
unerklärlicher Eifersucht: Das ist überhaupt keine Familie, und
wenn, dann nicht die des Malers.
Er stand vor dem Gemälde wie ein Kapitän auf der
schwankenden Brücke eines in Seenot geratenen Schiffs und klammerte
sich mit den Augen daran fest.
Die Szenerie badete im türkisgrünen Licht eines
Gewitterhimmels. Im Hintergrund zog sich am rechten Ufer
eines von einer Holzbrücke überquerten Flusses eine Stadt hin, im
Vordergrund links stand ein junger Mann in Festtagstracht, der den
Ort, durch einen Hain und an antiken Ruinen vorübergehend, soeben
verließ, rechts saß eine junge nackte Frau auf einer Wiese, ein
leichtes weißes Tuch über den Schultern, und säugte das Kind, das
sie in den Armen hielt. Der junge Mann blickte zu der Frau hinüber,
die ihrerseits mit abwesendem Blick den Betrachter ansah.
Durch die getürmten grünen Gewitterwolken zuckte
der erste Blitz eines unmittelbar bevorstehenden Gewitters. Die
Häuserfront am Flußufer lag noch in der Sonne und spiegelte sich im
Wasser diesseits der Brücke.
Der unentschieden ins leere Zentrum fallende Blick
des Betrachters wollte das Paar aufeinander zuziehen, zueinander
kommen lassen. Aber keine der beiden Figuren machte in diesem
Moment, bevor das Gewitter losbrach, alles erzitterte, erbebte,
alles stillstand, Anstalten, den unerträglichen Abstand mit zwei,
drei Schritten zu überbrücken. Vielmehr schien die junge Frau den
hübschen jungen Mann gar nicht zu beachten und er Genüge daran zu
finden, sie genüßlich zu betrachten, ohne darüber seinen Weg, wohin
auch immer, zu vergessen oder auch nur für längere Zeit
unterbrechen zu wollen.
Das junge Mädchen war schön. Seine rosige Haut
schimmerte samtig und verschattete im Keil der Leisten. Es hielt
sein Kind mit jener beiläufig schützenden Gelassenheit, die junge
Mütter zu solch fremdartigen, bewundernswert starken und in sich
ruhenden Wesen macht. Zu einer Einheit, die auch der junge Mann
offenbar nicht antasten wollte. Am hinteren Ende der Stadt lag eine
streng geformte Kirche mit einer Kuppel.
Der Ausdruck inniger Liebe auf dem Gesicht der
Mutter steckte Theodor an. Wütend vor Zahnweh rief er: Warum gehst
du denn nicht zu ihr hinüber? Was zögerst du denn? So zum Greifen
nah ist das Glück nie wieder!
Er hielt sich die schmerzende Wange. Respighi stand
wieder hinter ihm. Möchten Sie es kaufen? Es ist über zweihundert
Jahre alt.
Nein, nein, sagte Theodor fast ärgerlich. Wie
kommen Sie auf Pastore dell’essere?
Er ist doch offensichtlich ein Hirte, sagte
Respighi achselzuckend und auf den Stab des jungen Mannes deutend.
Diese gebauschten weißen Hemden und reich bestickten Pumphosen
können Sie bei Festen auf dem Land entdecken.
Ein seltsames Bild, sagte Theodor mit schmerzendem
Mund. Er kramte nach dem Döschen mit den Nelken.
Ja, es wird viel darüber gerätselt, statt es
einfach zu genießen. Es ist übrigens teuer. Eben hörte ich jemand
sagen, es handle sich um Hermes bei dem jungen Mann, den Gott der
Hirten, und um Io oder gar Isis bei dem Mädchen. Der Mythos
jedenfalls, welcher es auch sei, ist mit der Al-Fresco-Farbe der
Modernität übermalt, und unsere Fragen bleiben unbeantwortet. Sehen
Sie die antiken Ruinen hier, Baron, an denen unser Hermes gerade
vorübergekommen ist, unwiderruflich zerstört. Vielleicht ja sogar
von dem Gewitter, das eben erst anbricht.
Theodor lächelte, was bei seiner schmerzenden
Gesichtshälfte eine schiefe Grimasse ergab. Der Gedanke, daß es
hier in Venedig nicht verrückt war, die Vergangenheit als das
Bevorstehende, noch nicht Geschehene zu betrachten, gefiel ihm. Und
der, daß er ein Gemälde für wichtiger hielt in seinem Leben als
alles, was er in zwanzig Jahren gesehen und erfahren hatte,
entzückte ihn. Er dachte an seine Mutter: Verwechsle niemals die
Realität mit der Wahrheit.
Was haben Sie jetzt vor, Baron? fragte Respighi auf
dem Rückweg.
Ich muß mir einen Zahn ziehen lassen und dann nach
Spanien zurückkehren, antwortete Theodor.
Kommen Sie wieder, sagte der Kaufmann.