Fünftes Kapitel
Sie waren in ein Kabinett der Universität getreten, zu dem Theodor, wie er pikiert feststellte, nur in Begleitung Jakob Sternharts Zutritt hatte. Auf dem Tisch vor ihnen stand der ominöse Apparat zwischen brennenden Kerzen wie eine Monstranz.
Theodor blickte gelangweilt auf den Kasten mit den verschraubten Holzpaneelen, einer Art durchbrochenem Zifferblatt, Walzen und einer Eisenschiene auf vier Kupferfüßen, auf der sich der mit zahlreichen Zugringen versehene Gerätekörper hin- und herschieben ließ.
Das, sagte Jakob, und seine kleinen, wimpernlosen, unter den Wülsten der gewölbten Stirn geborgenen blauen Augen strahlten vor Bewunderung, das ist sie: die Leibniz’sche Staffelwalzen-Rechenmaschine! Das einzige Exemplar in Paris. Warte, ich zeige dir, wie sie funktioniert.
Man hätte seinen Bauernhänden soviel Zärtlichkeit und Behutsamkeit nicht zugetraut. Sanft berührte er die Maschine, hob sie hoch und ließ Theodor darunter blicken. Und dann begann er zu erklären, und während die Erregung angesichts der geistigen Spitzenleistung, die er seinem Freund nahebringen wollte, einen feinen Schweißfilm auf seinem roten Stirngebirge entstehen ließ, über dem das flaumige Blondhaar von jedem Luftzug aufgeweht wurde, fragte Theodor sich, ohne recht zuzuhören, wie man sich für eine Idee, in diesem Fall einen zu Kastenform geronnenen Gedanken, derart begeistern konnte.
Das ist die Zukunft, schau sie dir gut an.
Nun ja, sagte Theodor, Pascals Satz über die Seiten eines Rechtecks in einem Kegelschnitt wird sich mit so etwas aber wohl nicht beweisen lassen. Dafür braucht es nach wie vor den menschlichen Geist.
Sternhart sah ihn mit einem Ausdruck von Enttäuschung an, die Theodor der Beschränktheit der Maschine zuschreiben wollte, und reckte das Kinn in einer unbewußt herausfordernden Weise. Seine Züge bekamen etwas zugleich Kriegerisches und Verächtliches, als blicke er, durchdrungen von seiner Sendung, dem gewappneten Gegner der wissenschaftlichen Rätsel direkt ins Auge, meilenweit über die Tändler erhoben, die ihn nicht kannten und sich von der Glorie der bevorstehenden geistigen Schlacht kein Bild machten.
Theodor wußte, daß der mittellose Student mit einem Italiener korrespondierte, einem Marchese, um mit ihm oder gegen ihn eine weiterentwickelte Form dieser Rechenmaschine zu konstruieren; er erinnerte sich an das häßliche Wort »Sprossenrad«, das ihm ebenso unverständlich und gleichgültig war wie »Staffelwalze«.
Aber in seine aufkeimende Verstimmung hinein, in diesem Augenblick von dem Freund, auf den er doch normalerweise mit guten Gründen und in aller Freundschaft ein wenig herabsah, nicht für voll genommen zu werden, sagte er sich, daß Sternhart ihm mit dem Besuch hier ein Geschenk machte, ein sehr großes, er, der kein Geld und keinen Geschmack oder Sinn für andere Geschenke hatte, indem er ihn das Objekt seiner Leidenschaft schauen ließ. Theodor mußte sich ein wenig mitfreuen, auch wenn es ihm lieber gewesen wäre, der andere hätte ihn auf ein Glas Wein eingeladen, anstatt in diese staubige Kammer.
Denn Jakob Sternhart war der einzige Freund, den er gefunden hatte, seit er neuerdings zeitweise in Paris lebte, im Faubourg St. Antoine, dem Viertel der Ebenisten, und obwohl er sich lieber Beschäftigungen widmete, die ihm Vergnügen bereiteten, mißtraute Theodor doch dem Wert all dessen, was ihm gar zu einfach von der Hand ging, und glaubte an die moralisch und geistig stärkende und bessernde Kraft von gelegentlicher Selbstdisziplinierung durch Langweiliges und Qualvolles.
Da er noch immer seinen monatlichen Wechsel von Mortagne erhielt und noch nicht an die drohende Zukunft als Soldat zu denken brauchte, hatte er sich ein möbliertes Zimmer in Paris genommen und hospitierte ein wenig in der Sorbonne, um seine Bildung zu vervollkommnen.
Eigentlich ging es ihm kaum um Vervollkommnung, eher um ein Betäuben seines schlechten Gewissens, sein Leben womöglich als zweitklassiger précieux zu billig zu verkaufen.
Jakob, dem Handwerkersohn, imponierten das gewählte Wort und das nonchalante Auftreten des westfälischen Barons, der wiederum mit einer Mischung aus Grauen und Bewunderung in seinem Freund einen Gelehrten erkannte, der kein verknöcherter Greis war, sondern ein junger Mann wie er selbst. Dem Denken und Wissenwollen gab man sich also offenbar nicht nur, war das Leben vorüber und der Leib impotent, als einer Art Selbstbestrafung hin, sondern es konnte von Jugend an gelernt und praktiziert werden. Ein Spaß war das freilich nicht, und Sternhart ließ keinen Zweifel daran, daß es ihm um Spaß auch nicht zu tun war.
Jakob, dachte Theodor grübelnd, ist belesener als die meisten Gelehrten im Palast, und doch käme ich nie auf den Gedanken zu sagen, er hätte Geist. Hat Geist also etwas mit Mühelosigkeit zu tun, und was ist von Kenntnissen zu halten, die erschwitzt sind?
Aber erschwitzt oder nicht, Sternharts Kenntnisse waren enorm, und Theodor, der sich immer für belesen gehalten hatte, entdeckte mit Bestürzung die Lücken seiner Bildung, oder besser gesagt, den Ozean seiner Ignoranz, in dem die Atolle des Wissens kaum mehr auszumachen waren, wenn Sternhart Jahrhunderte geistiger Abenteuer zusammenschaute oder mit Querverweisen jonglierte, angesichts derer Theodor nur mit Hilfe seiner erprobten Taktik sein Gesicht zu wahren vermochte, das flüchtig Erhaschte und Erinnerte mit viel Frechheit als Gegenbeispiel ins Gespräch zu werfen und ansonsten Sternharts dozierenden Redefluß mit wissend lächelnden »Hat er nicht übrigens auch geschrieben, daß...« und »Mag ja sein, aber mir gefällt sein Stil nicht, und der Stil macht den Mann« zu begleiten, in der Gewißheit, daß Höflichkeit und Eifer den anderen hinderten, ihm fatale Rückfragen zu stellen.
Es waren für Theodor Tagesausflüge ins Reich des Geistes, aber danach kam er auch ganz gern wieder nach Hause. Er fand das Lebenskonzept des Widderschädels, Lesen als Arbeit zu betrachten und vor Sachkenntnissen auf die Knie zu sinken wie vor Epiphanien, übertrieben wie den Hedonismus im Park Le Nôtres. Die Heiligung des Denkens war ebensowenig sein Weg wie die Banalisierung der Sünde.
Übrigens traf er Sternhart nicht allzu häufig, denn der war gezwungen, sein Dasein als Hauslehrer zu fristen, und dann bildeten die Dinge, über die sie redeten, auch nur den Überschuß im Lernvermögen des Preußen. Dessen eigentliche Fakultät war die Mathematik, und den größten Teil des Tages verbrachte er mit Tüfteleien an seinen vermaledeiten Maschinen (und im Moment dem Erlernen der italienischen Sprache – er hatte einen erbarmungswürdigen Akzent, sowohl auf italienisch wie auf französisch -, um sich mit dem Marchese jenseits der Alpen austauschen zu können).
Zwei Dinge waren in Theodors Leben getreten, die ihn mehr beschäftigten als Sternhart und sein Dünkel des Denkens, das waren die Liebe und das Geld, und beide hingen eng miteinander zusammen.
Zunächst einmal wurde Theodor im Garten der Diana des Schlosses von Fontainebleau nach allen Regeln der Kunst von der verständigen Baroness Valentini entjungfert.
Er ahnte wohl kaum, wieviel Glück er hatte, dieses Erlebnis, für das es, da es eben das erste ist, keinerlei Vorbereitung gibt, mit einer Frau zu teilen, für die die Liebe kein metaphysisches Problem war, sondern eine praktische Lösung.
Natürlich wollte Theodor seit geraumer Zeit in die Mysterien der körperlichen Liebe eingeweiht werden, noch wichtiger jedoch war es ihm, den Eindruck zu erwecken, er kenne sie bereits. Ohne die Italienerin wäre er womöglich sein Leben lang unschuldig geblieben, denn das schier unüberwindliche Problem bestand darin, daß er, um zu wissen, wenigstens und zum mindesten eine Person einweihen mußte, diese jedoch gerade diejenige war, vor der er seine Ahnungslosigkeit am strengsten geheimhalten zu müssen glaubte.
Im übrigen beunruhigte ihn die vage Vorstellung, der sexuelle Akt sei als Mysterium auch eine Zelebration exquisiter, makelloser Schönheit, ein Kunstwerk, wo eines sich fugenlos ins andere fügen und die Perfektion des Gesamten die Summe der Perfektion aller Einzelteile sei. Und da er sich weit entfernt von körperlicher Perfektion wußte, fragte er sich bang, ob er denn nicht nur Abscheu und Gelächter erregen würde.
Mit einem Wort, er machte sich die Dinge schwerer, als sie sind, was aber auch hieß: Er machte sich große Vorstellungen von der Sache. Insofern war es ein Glück, daß er an die Valentini kam – und auch wieder nicht.
Denn für die Italienerin war die Liebe die logische Fortführung und Steigerung der sonstigen Aktivitäten bei Hofe, der Unterhaltung, Zerstreuung, des intrigenreichen Machtspiels und der allgemeinen Pilgerfahrt zum Heiligtum immer pikanterer, immer ausgefallenerer Vergnügungen.
Eine glückliche Disposition, ihre Seele mit kaum feststellbarer Verzögerung immer ganz dem Wollen ihres Körpers und Bewußtseins hinterherzuschicken, verhinderte, eine kalte Verführerin aus ihr werden zu lassen. Mit wem sie der Liebe frönte, den liebte sie auch, und genau so, wie ihre Gefühle synkopiert ihrem Trieb nachfolgten, erkalteten sie auch nach dessen Verglimmen nur mit Verzögerung, und in dieser Zeitspanne stand ihr eine ganze romantische Gefühlswelt aus Nostalgie und Trauer zur Verfügung, in der zu schwelgen sie zwar nicht hinderte, sich einem neuen Favoriten zuzuwenden, die ihr aber das tragische Voranschreiten der Zeit bewußt machte und ihren Umarmungen eine Art von verzweifelter Schwere und Dringlichkeit verlieh, von fordernder und sich hingebender Leidenschaft, die sie von anderen Frauen unterschied, deren Erfahrungen ebenso reich gesät waren, die ihr Instrument aber ganz im Takt mit dem Augenblick spielten.
Auf diesem düsteren Untergrund des tempus fugit jedoch war die Liebe der Valentini taghell und von praktischen Erwägungen geleitet. Sie mochte Sichtbarkeit, Deutlichkeit, Bewußtheit, wachen Austausch und Erfüllung, die Zärtlichkeiten setzten bei ihr, von erklärlichen Ausnahmen abgesehen, nicht die Unterhaltung außer Kraft, sie wußte um die erotische Macht der Benennung, die ja ursprünglich eine Beschwörung ist. Die Namen, die sie den Dingen und Vorgängen gab, unterstützte ihre Körpersprache, die das durchs Wort ins Leben Gerufene sofort auf seine Beschaffenheit hin befühlte, und siehe, es war gut.
Bei einem Maskenspiel trieb sie Theodor unter dem Gekicher der anderen jungen Damen und Herren zielsicher in eine Sackgasse des Hainbuchenlabyrinths und nahm ihm erst dort die Binde von den Augen, worauf er ihre blaue Perücke und ihre große, geometrisch aus lauter Dreiecken zusammengesetzte Nase so dicht vor sich sah, daß an Flucht oder Ausflüchte nicht mehr zu denken war.
Er wußte sich in diesem Augenblick weit von jeder Erregung, das Ganze war zu öffentlich, man konnte die anderen hören, die wußten, wo man steckte, und womöglich das Bevorstehende behorchten, und Theodor schien die Liebe doch Geheimnis, Verschwiegenheit und Verschleierung zu verlangen. Außerdem war es zu hell, und die blauen Augen der Valentini blickten so gar nicht verschwommen oder verklärt, sondern wach, neugierig und konzentriert, wie es angemessen sein mochte, wenn man ein logisches Problem studierte, aber gewiß nicht, wenn es ins Nebelreich der Körper hinabging, dem man sich, dachte Theodor, nur mit geschlossenen Augen und Ohren, halb schlafend und träumend nähern sollte.
Auch ähnelte dieser Moment fatal einer Prüfungssituation, wie Theodor sie nie geschätzt und immer umgangen hatte, er wollte nichts beweisen und lernen müssen, sondern alles zugleich besitzen und bereits hinter sich haben. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut, und als die Valentini, die den Braten schnell roch, das Heft der Konversation in die Hand nahm, erstarrte er, seine Beine gaben nach, und er sank zu Boden, und genau dort wollte seine Freundin ihn haben.
Nun möchte sie ihn aber auch einmal sehen, sagte die Blauhaarige, was Theodor zunächst nicht verstand, da sie ohnehin nur eine Handbreit von ihm entfernt im hellen Sonnenlicht kniete, aber ihre fliegenden Finger an seinen Kleidern, von seinen eigenen Händen halb verscheucht, halb unterstützt, ließen ihn rasch begreifen. Er klammerte sich an die Unterhaltung, als sei sie das Eigentliche und Ursprüngliche, die Rechtfertigung ihres Beisammenseins, und als müsse er mit ruhigen Worten einen Erregten oder Betrunkenen davon abhalten, einen Skandal zu verursachen.
Schließlich ergab er sich in die Situation und versuchte, den Geschehnissen immer einen Wimpernschlag hinterher, das, was er sah, fühlte, hörte und dachte, zu ordnen, um in seiner fortschreitenden Verwirrung einmal »Jetzt« sagen zu können und zu wissen, ob eine, und wenn ja, welche Empfindung zu diesem »Jetzt« gehörte.
Die weißen, weich nachgiebigen Schenkel der Valentini waren umhüllt von der Gaze ihrer Strümpfe, die irgendwo unter dem Geraschel des Kleids abrupt endeten und an einem filigranen Tauwerk aufgehängt waren, miniaturisierten Wanten, die die Korsaren seiner Lust, das Messer zwischen den Zähnen, hinaufenterten, dann aber ließ ihn eine mehr zu ahnende als zu fühlende Wärmequelle innehalten, er zog sich zurück und griff in klassischer Übersprungshandlung nach ihrer großen, langen, ebenso weißen und sommersprossigen Nase. Sie schüttelte seine Hand unwirsch ab, faßte sie herrisch ums Gelenk und führte sie resolut wieder dorthin, wo sie sich unterbrochen hatte.
Dieser Griff erinnerte ihn daran, wie die Hand seiner Mutter, als er schreiben lernte, seine, den Federkiel haltende, ruhig und fest geführt hatte und wie die gemeinsame Bewegung schwarze Kalligraphien und Arabesken aufs Papier zauberte, die Theodor zutiefst faszinierten. Zugleich mußte er angesichts des ockerblonden Haars der Baroness, die ihre Perücke in die Hecke geworfen hatte, unwillkürlich an die Felltönung der im Abfall des Aligre-Marktes schnüffelnden Straßenköter und ihre traurigen Augen und Ringelschwänze denken, und so taumelte sein Geist zwischen diesen wenig hilfreichen Bildern und dem Anblick der Valentini hin und her, die ihn nach wie vor geduldig bei der Stange hielt. Jetzt drückte sie ihr Erstaunen und, deutete Theodor ihre melodische Stimme richtig, ihr Wohlgefallen darüber aus, daß er, offenbar aufgrund einer gewissen Dickhäutigkeit in seinem Zentrum, anders als andere Männer, diese »hastigen Gäste, welche, kaum eingetroffen, sich bereits wieder verabschieden«, langmütiger konstituiert sei und daher ihrem, der Frauen, natürlichem Rhythmus viel zupaßkommender. Aber zu langmütig, gar zu passiv genießerisch dürfe er auch nicht sein, es handle sich um ein Geben und Nehmen, weswegen die Baroness nun mit beiden Händen ihr Kleid raffte und von den Schultern riß und sich rittlings über ihn schwang, so daß ihre schweren Brüste wie spanische Galeonen in den Hafen seines Oberkörpers einliefen und direkt vor der Kaimauer seines Kinns andockten und er, genau in dem Augenblick, als er fürchtete, nun müsse sein schutzlos aufgerichtetes Geschlecht unter ihrem weißen Rubenskörper zerquetscht werden, auf eine derart perfekte, paßgenaue und mühelose Weise in sie glitt, daß er eine Befriedigung empfand, die der Sternharts ähneln mußte, wenn eine seiner Gleichungen glatt und mit einer ganzen und runden Zahl aufging.
Aber das war wohl doch ein unpassender Vergleich, denn zu der Erfahrung, die er soeben durchlebte, gehörte ein Rest von Verwischtheit und Unschärfe, ein letztes, sich bewußter Wahrnehmung entziehendes Ungewisses, eine nicht zu erarbeitende, nur zu wünschende Offenbarung.
Der italienische Gesang seiner Amazone riß ihn aus seinem nutzlosen inneren Disput. Sie ging gerade vom leichten Trab in den Galopp über, schnaubte und wieherte, aber gab die Zügel nicht aus der Hand, Roß und Reiter in einem, ein rechter Zentaur, ging es Theodor in wilden Mythenbildern durch den Kopf.
Er blickte in ihr gerötetes Gesicht, über dem das unschuldige Veilchenblau des Himmels schon wie Ironie wirkte, sie sah ihn an und rief ihm in ihrer Muttersprache einen gejauchzten Befehl zu, ein einziges Wort nur, das in Theodor sogleich Bilder der Götterspringbrunnen in den Parks wachrief, der steinernen Titanen und Tritonen mit den ungeheuren Gliedmaßen, die herrlich geschwungene Fontänen in die sonnenglitzernden Becken spien, und die Bildhaftigkeit des Imperativs – ebenso wie der Klang des Doppelkonsonanten und dunklen Vokals – war so gewaltig, daß er der Aufforderung fast augenblicklich und ganz ohne willentliches Zutun laut schreiend vor Befreiung nachkam, gerade im selben Augenblick, als drei gewaltige Kontraktionen, die Theodor nicht recht lokalisieren konnte, aber deutlich spürte, die Valentini wie einen Drachen, den er soeben erlegt hatte, über ihm zusammenbrechen ließen, in einem röchelnden Ausatmen und einer Explosion der Gerüche, salziger Schweiß in Bächen und Maiglöckchen und Knoblauch und noch mehr Undefinierbares.
Dies war also dies. Theodor schüttelte sich innerlich, um wieder zu Verstand zu kommen und aussprechen zu können, was hier angebracht war:
Grazie, murmelte er heiser, grazie tante.
Aber die Baroness wollte nichts von Dank hören, sondern von Liebe. Theodor sprach ihr brav nach, was sie ihm vorsagte, fragte sich aber dennoch, wo das gewünschte Gefühl wohl steckte, das er im Gegensatz zur Wollust auch dann nicht empfand, wenn die Valentini es wortreich beschwor. Er hatte eher den Eindruck, einen Berg überstiegen zu haben und jetzt eigentlich mehr zu wissen, als er hatte wissen wollen. Zwischen ihm und der großnasigen Italienerin war auf eine schwer erklärliche Weise auf einen Schlag zuviel und auch wieder nicht genug offenbart worden, und Theodor verspürte eine Art Reue, als habe er jemandem, von dessen Verschwiegenheit er nicht überzeugt war, ein Geheimnis verraten.
Wenn also das Bild ihres fruchtreifen Körpers und der Klang ihrer Stimme ihn zu regelmäßiger variierender Wiederholung des gemeinsamen Erlebnisses rief, so war doch zugleich etwas Neues in ihm freigesetzt, das die Valentini nicht befriedigen konnte, oder besser gesagt: das zu befriedigen er ihr nicht zutrauen und zugestehen wollte. Deshalb verliebte er sich kaum eine Woche nach seiner Entjungferung anderweitig, ganz bewußt und absichtlich nach einer Ikone für seinen unbefriedigten Anbetungsdrang suchend und in einer Art seelischer Arbeitsteilung, in der er wie ein Politiker funktionierte, der nie all seinen Mitarbeitern alles von seinen Plänen und Gedanken mitteilt, sondern jeden mit nur für ihn bestimmten Bruchstücken abspeist.
Das Objekt seiner Liebe hieß Gertrud Holzacher und war die siebzehnjährige Tochter eines aus Franken eingewanderten Ebenisten, der im Faubourg nicht weit von Theodors Zimmer eine florierende Möbeltischlerei mit zehn Gesellen und Lehrlingen betrieb.
Gertrud, von dem Verliebten in Gedanken nur Laura genannt, war ein frischgewaschen aussehendes, braungelocktes Mädchen mit gebogenen Brauen, die der beträchtliche Stolz auf den väterlichen Betrieb beständig in die Nähe des eher tief gelegenen Haaransatzes hob, und einem etwas fliehenden Kinn. Es muß einen körperlichen Charme selbstgewisser und behaglicher Mediokrität geben, denn genau darin verliebte Theodor sich, da sie bei Gertrud noch vom Flaum der Unschuld bedeckt war.
Dennoch darf man sich fragen, wie der Erweckte, der die Gunst der wohlhabenden und willigen Baroness Valentini besaß, die bei hellem Tageslicht und nicht minder hellem Bewußtsein all den Genuß geben und empfangen wollte, dessen sie sich fähig wußte, auch nur eine Minute mit ihr versäumen konnte, um sich vor der Tischlerei herumzudrücken und seinen Diener Larbi mit Blumen, Konfekt und Gedichten zur Haustochter zu schicken, die ihre Unschuld ebenso peinlich genau verwaltete wie ihre Mutter die Betriebskasse.
Theodor wußte um diesen Aberwitz, wußte in einem Fach seines Gehirns, das er nur momentan versiegelt hielt, ebenfalls, daß Gertrud-Laura sich nicht nur in keiner Weise mit der zentaurischen Valentini messen, sondern auch, daß sie nicht bis drei zählen konnte, den mittellosen Adligen mit seinen Manieren wahrscheinlich verachtete und, ganz die Tochter ihres Vaters, einen stämmigen Handwerksmeister vorgezogen hätte – und daß seine parfümierten billetsdoux mit ihren Appellen an das Göttliche in ihr bei dem Mädchen auf völlig unfruchtbaren Boden fielen.
All das wußte Theodor, und es störte ihn nicht, denn was brauchte er Gertrud, wenn er Laura hatte, und vor allem: da er die Valentini hatte. Ohne die regelmäßige Beziehung zur Baroness hätte es – auch dies war Theodor bewußt – keine Liebe zur Tischlerstochter gegeben. Es machte ihm daher überhaupt nichts aus, daß die Angebetete ihn mit einiger Sicherheit nicht erhören würde, im Gegenteil! Je ferner und unschärfer sie blieb, desto leichter konnten ihr fröhliches Lachen und ihre Unschuldsaura in der Messe, wo er von hinten unter den aufgesteckten braunen Locken ihren Schwanenhals sah, in Sehnsucht und Poesie verwandelt werden.
Den Abstand, den die Valentini ständig bereitwillig überbrückte, schuf Theodor sich in seiner cour der Bürgerstochter. Und wie er dem kopfschüttelnden Larbi erklärte, war es ihm ernst mit dieser Passion. Nach mehreren Wochen süßer Erniedrigungen, wenn zum Beispiel der Tischler, der unterrichtet war, ihn auf offener Straße nach seinem Einkommen und seinen Absichten (in dieser Reihenfolge) fragte, spielte er sogar mit dem Gedanken an Selbstmord.
Ja, es war ihm ernst, wenn auch vielleicht nicht tiefernst, und es ist ja ohnehin die Frage, die er sich auch beständig stellte, wie ernst es einem mit etwas sein kann, bei dem man sich selbst nötigenfalls zu höherer oder abgeschwächter Intensität dieses Ernstes zu mahnen weiß. Vielleicht waren verschiedene Menschen unterschiedlich ernsten Ernstes fähig, in welchem Falle, dachte Theodor bekümmert, er offensichtlich nicht zu denen gehörte, die um einer Überzeugung willen bereit waren zu sterben, auch wenn er solche Konsequenz sehr charmant fand.
Aber sowohl die Liebe mit der Valentini als auch die Liebe zu Gertrud-Laura hatten eines gemeinsam: Sie kosteten Geld.
Überhaupt mußte Theodor, seit er in Paris logierte, feststellen, wie dringend notwendig Geld für ihn war. Alles, was er unternahm, alles, was er wollte und tat, verlangte Mittel, über die er nicht verfügte. Verwundert verglich er sich wieder einmal mit seinem Freund Sternhart, der sich und seine schmalen Bedürfnisse aus einer inneren Kraftquelle zu versorgen schien und nicht darauf angewiesen war, Handeln und Wandeln durch einen ständigen Zustrom von Geld zu speisen. Nun gab der Preuße auch für Essen und Trinken, Kleidung und Wein, für alles, was Vergnügen macht, nichts aus, der Gedanke, andere Menschen einzuladen oder freizuhalten, war ihm fremd, er besuchte nur die billigsten Bordelle, hatte eine genügsame Verlobte, die sich mit Briefpapier abspeisen ließ, und arbeitete zu allem Überfluß auch noch. Seine einzigen Passionen, lernen und denken, waren kostenlos.
Theodor dagegen beschenkte die Valentini, mietete Kutschen und Separées, mußte sich um seine Garderobe sorgen, seinen Diener Larbi aushalten, ein Pferd und einen Stall bezahlen und sich über die Maßen großzügig zeigen, wenn er Gertrud den Hof machte. Das konnte so seltsame Ausgaben wie die für einen Dichter zeitigen; Larbi, der die Kasse seines Herrn verwaltete, sagte mißbilligend: Monsieur, nun hören Sie sich das an! Für derartige Verse will der Mann einen Louis haben:
O Laura Herbstzeitlose,
wenn ich dein Bild liebkose,
neiden selbst die Götter der Antike
mir die Schönheit meiner Nike.
Nike! Das ist doch völliger Unfug! Da sind ja Ihre eigenen Gedichte, mit Verlaub gesagt, noch besser.
Gewiß, aber ich habe nicht immer Zeit und Muße zum Dichten. Im übrigen liest sie sie ohnehin nicht, wenn sie des Lesens überhaupt mächtig ist, was ich bezweifeln möchte. Es geht darum, ihr etwas zu schenken, was kein anderer ihr schenkt und was sie erhöht.
Aber dieser Mist erhöht nun wirklich niemanden, diese »Lyrik« beleidigt jeden intelligenten Menschen, meinte Larbi, der in seiner Heimat eine gewisse Bildung genossen hatte.
Es ist die Poesie an sich, erklärte Theodor, die Tatsache, daß ich ihr Gedichte schenke statt Lyoner Würste.
Mir wären Lyoner Würste lieber, nörgelte der Diener und trug den Louis in die immer länger anwachsende Liste der Schulden seines Herrn ein.
Theodor gab Mortagnes monatliche Zuwendungen doppelt und dreifach aus, pumpte sich auf seinen Namen zusätzliches Geld, ließ beim Schneider, Hutmacher und Patissier anschreiben und versuchte in Spielclubs und beim Wetten sein Glück. In dieser Stadt war Geld alles, so wie die Sprache mit ihren Geheimcodes in Versailles herrschte, es war vielleicht das einzig Ernsthafte, was es gab, und der tiefe Unernst, mit dem Theodor es behandelte, führte ihn zu weitschweifigen Meditationen über sein Verhältnis dem Leben gegenüber an und für sich.
Das Glücksspiel war per Saldo eine interessante Einkommensquelle, aber nur deshalb, weil er keine Angst hatte, zu bluffen und hoch zu setzen, obwohl oder weil er kaum je Deckung besaß. Er ging so weit, ohne Skrupel Larbi zu setzen, und stellte überrascht fest, daß diese momentane Notwendigkeit und die ehrliche Zuneigung für seinen Diener ungestört nebeneinander bestanden. Befremdet betrachtete er seine schwitzenden, rotköpfigen Gegner, die ihre Nägel abkauten, als sei ihr Leben in Gefahr. Genau dieses Gefühl ging Theodor vollkommen ab. Denn er fürchtete tatsächlich um sein Leben: Die Aussicht, demnächst als Soldat im Régiment d’Alsace niedergemetzelt zu werden oder eines Abends unter die Messerstecher des Boulevard du Crime zu fallen, denen es im Gegensatz zu den Menschen, mit denen er spielte, nichts ausmachte, einem Adligen den Bauch aufzuschlitzen, um ihn, während er röchelnd verreckte, als einen der ihren zu erkennen, einen Sterblichen, die machte ihm angst. Nicht aber die Möglichkeit, Geld zu verlieren.
Ist das nun, fragte er sich, das Zeichen einer unverbrüchlichen Zuversicht oder vielmehr stoischer Hoffnungslosigkeit?
Er spielte häufig in einem Kreis von Gesandten und Diplomaten, die er aus Versailles kannte, und der einzige von ihnen, gegen den Theodor regelmäßig verlor und den er dafür bewunderte, war der englische Botschafter, Mr. Montague, ein free thinker, den er in Gedanken häufig mit Sternhart verglich, denn beide waren Männer von hoher Bildung und materialistischer Weltauffassung und hätten doch unterschiedlicher nicht sein können.
Wenn Montague beim Port oder Sherry über die Schlacht am Boyne River erzählte, an der er als junger Soldat teilgenommen hatte, über die Declaration of Rights oder die Eroberung Gibraltars, wenn er über die Two Treatises of Government sprach und die Handelsfreiheit in seiner Heimat mit der erstickenden Kontrolle aller wirtschaflichen Aktivitäten hierzulande durch den Surintendant des finances und sein Heer von Steuereintreibern verglich, sah Theodor die Weberschiffchen zwischen Geist und Tat hin- und herflitzen.
Jakob dagegen war die Politik ein Graus, er fand es unter seiner Würde, sich mit dergleichen abzugeben. Sein preußischer König war, wie die allerchristlichste Majestät hier in seinem Gastland, von Gott eingesetzt, und beide sollten tun, was sie für richtig hielten, solange sie ihn nur seine Rechenmaschine konstruieren ließen. Im übrigen strebte er nach einem Amt, und wenn er auch im kleinen Kreis mit seiner Verachtung für die Unfähigkeit aller Administration nicht hinter dem Berg hielt, war er doch Dialektiker genug, den Mund zu halten, sobald er vor jemandem stand, der eventuell für seine Zukunft von Belang war.
Insgeheim hielt Theodor Sternhart für einen schlummernden Fanatiker. Dieser unbedingte Glaube an Theorien und Axiome, diese Ungeduld mit dem Gletscher der Menschheit, der Zoll für Zoll auf seine Durchgeistigung und Höherentwicklung zukroch, seine exklusive Liebe zu den Gedanken und seine Verachtung für die Leute, die sich nicht nach ihnen richteten, machten eine Zukunft vorstellbar, in der solche ungeduldige Hoffnung sich in unduldsamen Terror verkehren und eine neue, der Athene geweihte Inquisition ins Leben rufen würde, gegen die die spanische, die immerhin noch Raum ließ für göttliche Gnade, sich wie ein harmloser Scherz ausnehmen würde.
Einmal besuchten sie in einem Hinterhof des Boulevard du Crime einen Hahnenkampf, ein Gedränge und Gewoge schreiender, säuerlich riechender Männer vor dem abgesperrten Areal, das fistelnde, synkopische Gebrüll des Wettleiters, die ganze Fauna von der Cour des miracles, freigelassene Galeerensträflinge, Einäugige, Holzbeinige, Bettler, Säufer, Taschendiebe, Zuhälter, und dann die noblen Hähne, jettschwarz, kardinalsrot, goldgelb in ihren Käfigen, die Trauben von Freunden und Beratern um ihre Besitzer, die sich mit Blicken maßen wie Faustkämpfer, die irrlichternden schwarzgelben Knopfaugen der sich plusternden Vögel, das geld- und blutgierige Augenweiß der Zuschauer. Dann wurden die Käfige geöffnet, und, zwei rauschende Sturmwinde, zu schnell, um Einzelheiten wahrzunehmen, flogen die Kampfhähne aufeinander zu, vereinigten sich zu einem hackenden Knäuel, aus dem Federn stoben, Schreie schrillten und Blut spritzte. Kollektiv hielt der Pöbel den Atem an und schnaufte im Takt, die eisenspornbewehrten Krallen des dunkleren Hahns gruben sich ins Brustfleisch seines Gegners, dann rollte, ein schwarzes Kügelchen, dessen ausgehacktes Auge in den weiß-roten Sand, es folgte die Agonie des jetzt wehrlosen, aus einem Dutzend Wunden blutenden Verlierers, der die Flügel hängen ließ, während sein Gegner in unerbittlichem Blutdurst wie hypnotisiert weiter auf ihn einhackte.
Theodor wandte sich ab, ihm war übel, er wollte das nicht sehen, dieses Martyrium unschuldiger Kreaturen. Sternhart beobachtete alles mit unbewegtem Gesicht, mathematisch kalt, oder wie er selbst hinterher sagte: interessiert. Du bist zu sentimental und zu oberflächlich, erklärte er dem Freund, und Theodor dachte: Und du weißt nichts von Würde.
Es gibt eine Würde des Sich-Abwendens, des Nichtalles-sehen-und-wissen-Wollens, die dir fremd ist. Sich abzuwenden bewahrt die eigene Würde und die des Nicht-Angeblickten. Es gibt nämlich Blicke, und dein eiskalt interessierter gehört dazu, die dem andern seine Würde nehmen.
Im Bordell war es das gleiche.
Theodor, der den Manufakturbetrieb des Geschlechts verabscheute und sich selbst nur eine Massage bestellt hatte, verließ nach kurzem den gemeinsamen Raum, um von den Bildern und Geräuschen nicht für den Rest seines Lebens in eine Askese des Ekels getrieben zu werden. Sein Freund Sternhart erinnerte ihn an ein idiotisches Kind, das sich stundenlang mit demselben Steckspiel beschäftigt und nichts anderes kann und will.
Nur die eigene Ermächtigung und Auslösung interessierte ihn, und für alles, was an den Mädchen nicht der Penetration diente, begeisterte er sich ebensosehr wie der Bauer für die Schönheiten der Natur, wenn er mit prüfendem Blick aufs Feld tritt und sagt: Die Furche ist feucht, wir können säen.
Es ist die Erotik eines Wissenschaftlers, dachte Theodor befremdet, reduziert auf das Ineinandergreifen zweier Organe, die Erotik eines Bürgers, dessen Moral eine der Ergebnisse ist: Stehen am Ende der Mühen drei Tropfen Rendite, so waren sie gottgefällig.
War es nicht Mortagne, der gesagt hatte: Reüssieren ekelt mich an. Wie er ihn doch verstand.
Und doch durfte er nicht Jakobs Tugenden vergessen, die die Kehrseite des Abscheulichen bildeten, Tugenden, die er in Versailles nicht angetroffen hatte und die er in sich selbst so schwach entwickelt fühlte: Fleiß, Ausdauer, Konzentration, Gründlichkeit. Was also fehlte Sternhart?
Theodor grübelte darüber nach, während er sich wieder ankleidete, die Masseuse mit einem großzügigen Trinkgeld verabschiedete und auf seinen Freund wartete. Letztlich war es die Achtung vor dem Mysterium, dem der Liebe, der Frau, der Natur. Es fehlte Sternhart ein religiöses Gefühl.
Das er selbst im Übermaß besaß. Ja, er war unmodern. Verglichen mit Männern wie Montague oder Jakob war er ein geistiger Anachronismus. Er fühlte sich Jahrhunderte älter als sie, ja, er fühlte sich hier in diesem Bordell, an Minne und Mysterien denkend, während es um ihn herum zuging wie im Kaninchenstall, zutiefst adelig.
Kurz darauf lief der Kahn von Theodors Leben, in dem er gegen die Fahrtrichtung gesessen und die zurückweichenden Ufer betrachtet hatte, die Ruder nur beiläufig benutzend, da die Strömung den Nachen von alleine ins Unbekannte trug, auf Grund.
Zunächst endeten, fast ebenso gleichzeitig, wie sie begonnen hatten, seine Lieben.
Die Baroness Valentini sagte mit einem parfümierten Billet, das etwas zu ostentative Tränenspuren trug, eines ihrer galanten Rendezvous ab und nahm ihn, das nächste Mal, als sie einander bei Hofe sahen, freundschaftlich am Arm.
Ich kann nicht von dir verlangen, Theodor, daß du mir verzeihst, aber wenn dir unsere große Liebe etwas bedeutet hat, dann fordere ihn nicht zum Duell. Ich würde es nicht überleben und meine Tage im Kloster beschließen, wenn einem von euch etwas zustieße. Ich bin ihm verfallen.
Mit diesen Worten deutete sie auf einen rundlichen Zwerg mit schiefhängender Perücke, dessen linker Schuh im weichen Boden steckengeblieben war, und der jetzt auf einem Bein im Kreis hüpfte.
Was, dieser Homunculus?! rief der abservierte Liebhaber und kämpfte beleidigt einen Lachreiz nieder. Von der Sorte holt Vanzetti dir fünf am Tag aus der Retorte!
Sprich nicht niedrig von ihm, Zorniger. Ich kann so herrlich mit ihm lachen, entgegnete die Baroness und klammerte sich an Theodors Arm, als müsse sie ihn wirklich davon abhalten, auf seinen Rivalen loszugehen.
Mit ihm oder über ihn?
Auch wenn ich über ihn lache, lacht er mit. Und er ist unersättlich...
Ich will es mir lieber nicht vorstellen, sagte Theodor.
Wirst du dich immer an mich erinnern, Geliebter?
Er sah sie an, und jetzt zum ersten Mal wurde ihm flau im Unterleib, er unterdrückte die Tränen und entsann sich der Momente, als sie ihn gebeten hatte, ihr zu sagen, er liebe sie. Und ebenso brav antwortete er auch jetzt mit Ja.
Peinlicher, viel peinlicher war das Ende mit Gertrud-Laura. Die Liebe hat ihre eigene Dynamik, und nachdem er so lange damit gespielt hatte, von der Seele seiner Angebeteten zu phantasieren, wurde der Drang, dieses Luftgebilde im Fleische an sich zu drücken, so übermächtig, daß Theodor die Gedichte im Schrank ließ und die Festung mit geeigneteren Waffen stürmte: der Vorspiegelung von Reichtum und ernsten Absichten. Und kaum gab er die Subtilität seiner Werbung auf und trachtete, vulgär seinen Willen durchzusetzen, geriet Gertruds Bollwerk, ihre teuer zu Markt getragene Tugend, ins Wanken, und sie stimmte einem heimlichen Treffen zu.
Hätte er es doch nicht darauf ankommen lassen, und vor allem nicht wenige Tage, nachdem die Valentini ihn entlassen hatte! Aber wer weiß, ob nicht ein unterirdischer, Theodor selbst nicht ganz bewußter Zusammenhang bestand, und er jetzt, da die eine Geschichte zuende war, auch die mit ihr verbundene so oder so erledigen mußte.
Es wurde ein traumatisches Erlebnis, denn sein überbordendes zärtliches Gefühl, die Nähe der Unschuld, das Sehnen, das das geliebte Ziel endlich greifbar nahe vor sich sieht, mit entblößter, rosenfarbener Brust, blockierte Theodors Handlungsfähigkeit vollkommen.
Wessen es jetzt bedurft hätte, wäre eine handgreifliche, valentinische Initiative von seiten der Angebeteten gewesen, dann hätte alles noch gut enden können, aber die Kehrseite der Unschuld ist nun einmal die Tumbheit.
Theodor brach in Tränen aus, den Tempel vor Augen, der darauf bestand, geschändet zu werden, aber nicht dabei mithalf, denn er, er konnte nicht beides leisten: nicht die Liebe zu diesem Mädchen und gleichzeitig ihre Umsetzung, Auflösung, Ersetzung in der und durch die Tat. Als Gertrud dies schwer atmend verstand und natürlich nicht verstand, daß hier eine zarte, tiefe, fast heilige Emotion an der Krassheit ihrer Fleischwerdung scheiterte – Theodor sah mit fiebrigem Blick nur Sternharts weißen Körper auf den der Hure klatschen und fühlte sich an die Schweineschlachtung im Dorf erinnert -, fielen derbe Worte, fletschte sie die Zähne wie ein Fleischerhund, riß die Kutschentür auf und sprang, das Mieder über der Brust noch halb offen, zornig hinaus, wandte sich wieder um und spuckte dann gegen die Scheibe, hinter der Theodors blasses Gesicht erschien, aber es war ein Spucken, wie es die Gassenjungen praktizieren: Sie holte mit einem häßlichen Geräusch den Inhalt ihres Rachens und ihrer Nase in den Mund und spie ein kompaktes, nicht ganz farbloses Schleimbällchen aus, das, während sie davoneilte, in Schlieren das Glas hinablief, durch das der Baron ihr nachsah.
Aber all diese schrecklichen Erlebnisse verblaßten wie Träume im Tageslicht eines viel tieferen Schocks.
Theodor, mit der Pfälzerin in Fontainebleau, hatte bei seiner Abreise einen Brief Mortagnes ungeöffnet liegenlassen, da er vermutete, es müsse darin von seinem bevorstehenden Eintritt ins Régiment d’Alsace die Rede sein. Als er von der vor lauter Lustbarkeiten schwerverdaulichen Landpartie mit Kopfschmerzen und einem moralischen Kater zurückkehrte, öffnete er das Schreiben und las, daß seine Mutter an der Cholera gestorben sei.
Ein zweiter Brief, der noch am selben Tag eintraf, berichtete vom Begräbnis, das aufgrund der Temperaturen und der Ansteckungsgefahr in aller Eile habe stattfinden müssen, auch ohne den unauffindbaren Sohn.
Theodor befiel ein Fieber mit Schweißausbrüchen und Schüttelfrost, er legte sich zu Bett, ließ Larbi die Läden schließen und starrte an die Decke. Er wollte weinen und konnte nicht. Es war seine Schuld, daß sie gestorben war. Er wollte wissen, wie sich alles zugetragen hatte, er wollte mit ihr reden, sie ansehen, ihre Stimme hören, ihre Hände um sein Gesicht fühlen. Nichts davon war möglich. In rasendem Tempo zogen die Momente ihres Sterbens an ihm vorüber, immer wieder, jedesmal anders. Immer war er dabei, redete mit ihr, half ihr, rettete sie. Dann fiel mitten in die Erleichterung über eine geglückte Szene die Erinnerung: Sie ist tot.
Er hatte kaum je geschrieben. Er hatte sie nie besucht. Er hatte keine Eile gehabt, denn er hatte geglaubt, er könnte sein ganzes Leben lang zu jedem beliebigen Zeitpunkt zurückkehren und würde alles und jeden so vorfinden wie am Tag seiner Abreise, als sei nur gerade eine Minute vergangen. Und zugleich hatte er den Besuch hinausgeschoben aus Angst, seine Abwesenheit und die Zeit könnten eine Veränderung bewirkt haben und er würde womöglich nichts mehr wiedererkennen.
Es war seine Schuld. Seine achtlose Liebe hatte nicht ausgereicht, sie vor dem Tod zu bewahren. Er wollte wissen, wie es geschehen war. Es konnte nicht wahr sein. Welche Schuld es ist, fortzugehen, welche Schuld, nicht das ganze Leben bei den Seinen zu bleiben und sie zu beschützen!
Er blieb drei Tage im Bett. Larbi wachte bei ihm und wartete sorgenvoll, daß die Krise vorüberging. Theodor sah das Haus, die Obstbäume, die mit geradem Rücken am Tisch sitzende, schwarzgekleidete, betende Amalia, ihre Augen, die die häßliche Welt davonscheuchten und ihn durchschauten. Er sah den Hund, wie er der Kutsche nachlief, er sah Amélie, die winkend zurückblieb. Er sah den Wind in den grünen Weizenfeldern der Hochebene und die bauchigen, an den Rändern zerfetzten Wolken am blaßblauen Himmel und ihre riesigen Schatten, die durch die Ebene und die Hügel hinaufglitten.
Im gleichen Regen, der hinter den Fenstern auf den grauen Rasen und die Orangerie fiel – vom Nebenzimmer erklangen die Heimwehtiraden der inkontinenten Pfälzerin inmitten ihrer gefüllten Nachttöpfe aus dem Kannebäckerland – läßt er seine Mutter vom Hospiz zum Dorf zurückfahren, über die aufgeweichten Wege, in die die Räder tiefe Spuren prägen, seine Mutter bittet den Kutscher anzuhalten, sie fühlt sich nicht wohl, sie versucht auszusteigen und fällt mit dem Gesicht voraus in den Schlamm. Ihre Kinder sind weit fort. Der Kutscher springt erschrocken vom Bock. Ist die Baronin ohnmächtig? Welch ein Schock, ihre schwarze Mantille, ihr schwarzes – graues? – Haar kotbespritzt zu sehen. Zögernd dreht er sie um. Die Augen stehen offen, sind verdreht, zeigen das Weiße. Ein Brechreiz reißt den Mund auf. Schaumig und nach Fäulnis stinkend quillt milchig-körniger Brei aus dem Rachen. Die schattigen Stellen unter ihren Augen, ihre Wangen, ihre Hände laufen blau an und erkalten. Sie zittert wie eine von einer Riesenhand gebeutelte Gliederpuppe. Die um ihren Arm geschlossene Hand des Kutschers wird mitgeschüttelt. Er läßt los und flüchtet. Sie liegt alleine im Matsch und stirbt. Aber jetzt endlich ist er da, hat es noch rechtzeitig erfahren, blickt sie an, sie öffnet die Augen, sieht ihn, er rettet sie...
Amélies Brief traf einige Tage später ein und schloß mit der Ankündigung ihrer Verlobung mit dem Grafen von Trévoux, den sie auf Mortagnes Schloß kennengelernt hatte. Der Gönner hatte seine Schuldigkeit getan.
Als Theodor nach einer Woche wieder nach Paris kam, erfuhr er, daß Jakob Sternhart, der frischgebackene Doktor, in die »Kurfürstlich Brandenburgische Societät der Wissenschaften« aufgenommen worden war und nach Greifswald zurückkehrte.
Wie fein war die Flamme des Triumphs in seinen Augen! Seine Beharrlichkeit hatte sich ausgezahlt, sein Lebenskonzept sich als das richtige erwiesen. Auf einmal stellte er, mochte er auch ein Mann des dritten Standes und ohne Geist und Manieren sein, seinen Freund Theodor in den Schatten. Ein Akademiemitglied und Professor verdiente den zehnfachen Lohn eines Leutnants, von der gesellschaftlichen Anerkennung ganz zu schweigen. Die Erniedrigung war vollkommen, und Theodor hatte ihr nichts entgegenzusetzen, kein Wissen, kein Geld, kein Glück, kein Zuhause. Ein freudloses kurzes Soldatenleben, wie sein Vater es geführt hatte, stand ihm bevor.