Erstes Kapitel
Es herrschte Geselligkeit im Hause Pujol. Die
Eichentür im Erdgeschoß, das die Kontorräume beherbergte, stand
offen, gemietete Fackelträger leuchteten den Eintreffenden heim,
als ob’s dessen bedurft hätte bei all dem Lärm und den Düften, die
das spitzgieblige Haus verströmte. Die Glocke ging ohne Unterlaß,
und das Mädchen oben auf dem Treppenabsatz hielt die Arme auf und
nahm Mäntel, Umhänge und Hüte in Empfang.
Zwischen der Küche, wo Schweine und Fasane brieten
und Pasteten garten, und dem Saal war ein stetes Kommen und Gehen
der Aufwärter, deren schwankende Silbertabletts voller Hühnchen und
Kuchen, Quiches, Weinkaraffen, Gläser und Bierhumpen spanischen
Galeonen glichen, die von korsarischen Händen schon leergeplündert
waren, bevor sie noch ihren Bestimmungsort erreichten.
Gelbgrüne Lichtsprenkel aus den Butzenscheiben
scheckten den weiten, hohen Raum, Falbalas schabten übers
geschrubbte Parkett, Rhingraves raschelten, wenn jemand sich
verstohlen zwischen den Beinen kratzte, fächelnde Damen gluckten
zusammen, pfeifeschmauchende Männer postierten sich vor dem Kamin.
Wo stehen heut’ die Preise für Wolle aus Verviers? Ist die
Belagerung Brüssels endlich aufgehoben? Habt ihr die Italiener
schon gesehen? Zu teuer!
Ein spanischer Beamter brütete würdig und schwarz
auf einem Stuhl, dessen hohe, mit Schnitzereien verzierte Rücken-
und Armlehnen ihm die Flanken und den Nacken
freihielten, zwei französische Obristen sowie eine Handvoll
Großbauern aus dem Hennegau und dem Limburgischen repräsentierten
das Geschäft, mehrere Prälaten und Theologieprofessoren aus der
Stadt den Geist.
Pujol, der mit Tuch und Textilien handelte, aber
auch für das französische Heer fouragierte und es mit Stiefeln,
Mänteln, Musketen und Pulver versorgte, thronte am Kopfende des
größten Tisches, sprach den vor ihm ausgebreiteten Speisen herzhaft
zu und erklärte seinem Nachbarn mit einer Saal, Gemälde, Draperien,
Möbel, Krüge, Schnitzfiguren umfassenden Geste, die über der
Wachtel auf seinem Teller zum Stillstand kam, seine Liebe zu den
Dingen, zu dem, was um ihn war, was man sehen, berühren, anfassen,
riechen und schmecken konnte und was ihm gehörte.
Er war ein rotwangiger, grauhaariger Mann in den
Fünfzigern, der einen nach oben gezwirbelten Schnurrbart, dessen
Spitzen seine schweren Tränensäcke kitzelten, mit einem kleinen
fussligen Ziegenbärtchen unter der fleischigen Unterlippe
auspendelte, angetan mit einer schwarzen Prunkjacke, die mit
farbigen, Blumenkörbe, Rankenwerk und überquellende Füllhörner
darstellenden Stickereien verziert war. Über den Revers breiteten
sich, als schliefen auf seinen Schultern zwei friedfertige weiße
Tauben, die Spitzen des seinen Hals bis unters Kinn umschließenden
Kragens, den, da der Hausherr zugleich aß und redete, mehrere
Soßenspritzer verunzierten.
In der Mitte des Saals thronten auf der Querstange
eines meterhohen Pfostens zwei große Papageien, ein roter und ein
blaugelber Ara, deren Schwanzfedern bis zum Boden reichten, goldene
Kettchen um ihren rechten Fuß, die sie am Aufflattern hinderten.
Die schräggeneigten Köpfe ruckweise von links nach rechts und
wieder zurückdrehend, beobachteten sie mit ihren regelmäßig
blinzelnden Äuglein das seltsame Treiben.
Pujol hatte die beiden Vögel als Geschenk aus
Übersee
erhalten, bei Empfängen ließ er sie aus dem Bauer holen, in dem
sie wochentags dahinvegetierten, und sie wurden begafft wie
gefangene Negerhäuptlinge. Der Kaufmann betrachtete sie mit
demselben etwas schmatzenden Genuß wie die anderen
Einrichtungsgegenstände seines Heims und mit einer eigentümlichen
Mischung aus Ehrfurcht und Verachtung.
Selbst nach Stunden noch glichen die Tiere sich
nicht dem schwerblütigen Dekor an und blieben ein schriller
Farbtupfer aus einer fremden Welt. Den Blick ihrer Knopfaugen
überwachend, der leer war von der Schwermut der Gefangenschaft,
empfand der Hausherr eine leise Abscheu wie gegenüber allem und
jedem, das von ihm abhängig war und ungleich schwächer als er
selbst, aber einer höheren Sphäre entstammte. Das bunte Kleid der
Papageien wirkte wie ein hilfloser Protest, um so unleidlicher, je
auftrumpfender er in seiner Sträflingsautonomie den Hausherrn
provozierte.
Jetzt kniete ein junger Mann sich zu den Vögeln und
geriet ins Blickfeld Pujols, dessen Augen und Mundwinkel sich nicht
bewegten. Er hob den Zeigefinger, der rote Ara öffnete den Schnabel
und sagte: Al-fons ist scheen! Und der blaugelbe fügte hinzu:
Al-fons ist serr scheen!
Pujol nickte stumm. Man konnte den Viechern
schwerlich widersprechen. Der braunhaarige, in moirierendes Schwarz
Gekleidete wirkte inmitten der anderen Gäste wie ein
Quecksilberkügelchen zwischen Bleimurmeln. Er war jünger als die
meisten, sein anmutiges Gesicht eine Oase zwischen all den
warzenübersäten, blatternarbigen Wüsteneien, zwischen den
Kolbennasen und Kropfkinns, den Schwarten-Nacken und unreinen
Augäpfeln. Auch sein Gelächter, seine graziösen Bewegungen schieden
ihn von den Männern, deren Finger dazu dienten, Geld zu zählen oder
Erde an den Mund zu heben, um ihre Fruchtbarkeit zu
schmecken.
Alfons von Neuhoff stammte aus der westfälischen
Grafschaft Mark unter dem Schutz des Kurfürsten und Markgrafen von
Brandenburg. Dort, auf der Anhöhe von Pungelscheid, befand sich das
Schloß von Donnersfurth-Bruchmühle – es wurde ein Schloß genannt,
war aber wohl eher ein Haus mit Fenstern und Türen -, wo die
Freiherren von Neuhoff seit Generationen residierten. Er wohnte
seit sechs Monaten als Logiergast im Hause Pujol, um in Lüttich die
Gottesgelehrsamkeit zu studieren. Er war sechsundzwanzig Jahre alt
und Leutnant in der französischen Armee. Er war der Zankapfel
seiner über die Maßen auf ihn stolzen Eltern.
Das Leben im Schloß von Donnersfurth-Bruchmühle
verhielt sich zu dem im Hause des Kaufmanns Pujol in Lüttich wie
die Fasten- zur Karnevalszeit. Was waren die Neuhoffs letztlich
anderes als Großbauern und Waldbesitzer? Der Krieg hatte ihre
Knechte getötet, das Dorf verwüstet und die tributpflichtigen
Kleinsassen in alle Winde verstreut. Er hatte die Kühe geschlachtet
und die Pferde requiriert. Den Wald abgeholzt und den Speicher in
eine Kloake verwandelt. Er hatte Fensterläden, Fuhrwerke, Tische
und Schränke mitgehen lassen. Im Gemüsegarten wucherten die
Disteln. Es gab mehr Galgen als Bäume, die Gesichter der Gehängten
waren flügelschlagende Krähennester, und noch immer marodierten
Truppenteile und Freikorps durch die Gegend, erstachen Männer,
schlitzten ungetauften Säuglingen die Bäuche auf, um ihrer Seele
den Flug ins Fegefeuer zu erleichtern, und pfählten die Frauen – es
war eine wilde, versteppte Ödnis, durch die der fanatische Singsang
der wandernden Mönche und das Geklingel der Pestkranken hallte wie
über eine leere Bühne.
Alfons’ Großvater hatte noch in der französischen
Armee gedient und hielt aus jener Zeit ein Offizierspatent. Sein
Vater, dessen Nase aus dem Golilla-Kragen ragte wie eine Muskete
über die Brustwehr, kannte den Krieg zwar
nur als Knabe, war aber, wie das häufig vorkommt, eher noch
martialischer gestimmt als der aktive Militär. Seine soldatische
Kleidung war vor fünfzig Jahren in Mode gewesen, aber wer kümmerte
sich um Mode in Donnersfurth-Bruchmühle? Wer scherte sich dort um
Manieren, Tischsitten, um alles, was die Friedenszeit, die Stadt
und der Austausch mit anderen an Verfeinerung hervorbringen?
Um so erstaunlicher war es, daß Alfons in dem
rußschwarzen, modrigen Haus zu einem hellen Glanz heranwuchs, der
wie ein unerklärlicher Vor- oder Rückgriff in bessere Zeiten über
mehrere Generationen hinweg erschien. Es mißfiel seinem Vater, daß
sein Sohn gerne bei den Frauen saß, mit abgespreiztem kleinen
Finger Schokolade trank und, seine Aufmerksamkeiten und seinen
Charme salomonisch auf die jüngeren und die älteren verteilend, ein
hauchzartes Spinnennetz aus Zuvorkommenheit und kleinen
histoires wob, in dem die Weiber kleben blieben, so daß sie
gar nicht mehr fortkamen von ihm.
Er lernte Französisch und Latein schneller als
Reiten; Holzhacken und Biersaufen lernte er nie, und sein Vater
kaufte ihn, um seine Männlichkeit zu stärken, als Leutnant in die
Armee König Ludwigs ein. Seine Mutter dagegen, die ihren Sohn hielt
wie eine Lichtmonstranz in einem Tabernakel, träumte davon, einen
Kirchenmann aus ihm zu machen, wenn auch von anderer Art als die
krähengleichen Kapuziner mit ihren Fanatikergesichtern, die durch
das wüste Land zogen wie Sensenmänner, oder die Pastoren, die seit
dem obrigkeitlich verfügten Konfessionswechsel mit ihren
schwindsüchtigen Frauen und zwölf Kindern die Pfarrhäuser des
Sprengels füllten.
Am Jesuitenkolleg in Lüttich verglich Alfons mit
seinen Patres auf lateinisch die Meriten der Montespan mit denen
der Maintenon und der Lavallière, die Abende bei Wein, Karten und
Würfeln im Hinterzimmer des Ständesaals endeten im Morgengrauen,
und im Hause Pujol ging er ein und
aus, eine Mischung aus Sohn und älterem Bruder für die junge
Amalia, Ehrengast und Zierde des bürgerlichen Heims und mit
jovialer Miene ertragene Beschwernis.
Alfons war vor allem erleichtert, den Zwängen des
Lebens von Donnersfurth-Bruchmühle entronnen zu sein. Die
wohlhabende, hektische Stadt an der Maas mit ihren laut schreienden
Händlern, leichten Mädchen, geistreichen Jesuiten und gediegen
eingerichteten Bürgerhäusern war Alfons’ Bohème; der Leutnantstitel
brachte außer einigen Pflichtaufenthalten bei der Garnison von Metz
keinerlei Bürden mit sich, und nach einer steifen Jugend voller
Erzählungen von Mord, Krieg, Not und Elend genoß er den
Wartezustand, als den er sein Leben selbst empfand, hier in dieser
komfortabel ausgestatteten Zwischenwelt in vollen Zügen. Er empfand
ein Recht auf Sorglosigkeit und hatte, wie es vielen charmanten
jungen Männern ergeht, die nur das Lächeln sehen, das sie auf die
Gesichter in ihrer Umgebung zaubern, den Eindruck, die Welt gestehe
es ihm gutwillig zu und empfinde nicht, daß er etwa von jemandes
Langmut profitiere, sondern vielmehr, daß jeder Dienst zugunsten
seines leichten Lebens auch den Geber leichter und fröhlicher
stimmen müsse.
Alfons’ Hauptgläubiger war der alte Pujol, zu dem
der junge Mann, die Zunge im Mundwinkel, das Verhältnis eines
Sohnes zugleich kultivierte und spielte. Er bewunderte die
finanzielle Bewegungsfreiheit, in der der Kaufmann lebte wie in
einer bequemen Strickweste. Ein Ehrenmann war er selbst, das
vermißte er nicht an seinem Wirt, aber dessen weltoffenes Parlando,
seine Fähigkeit, zu jedem Thema etwas beizusteuern – nichts
Weltbewegendes, aber einfach die Zähne auseinanderzubekommen –
gestaltete das Leben soviel angenehmer. Pujol machte auf Alfons den
Eindruck eines Mannes, der zu seiner Zeit gehörig über die Stränge
geschlagen und Fünfe hatte gerade sein lassen und der ähnlichen
Anwandlungen bei einem jungen Mann mit
von selbstzufriedener Erinnerung getränktem Wohlwollen
gegenüberstand.
Ging er ihn um Stundung des Mietzinses an oder
erzählte beim Wein von seinen Spielschulden, reagierte Pujol mit
abwinkender, komplizenhafter Selbstverständlichkeit – aber Baron,
reden wir doch nicht von solchen Dingen. Ich weiß doch ganz genau,
was solche momentanen Verlegenheiten sind, ein Wort mehr, und Sie
beleidigen mich, junger Freund! -, daß das westfälische Prinzlein
zu Zeiten überzeugt war, es tue dem Hausherrn einen Gefallen, indem
es ihn an seiner Stelle bezahlen oder sich Geld vorstrecken
ließ.
Auf eine kompliziertere Weise, als er dachte, hatte
Alfons damit nicht unrecht. Pujol empfand eine ehrliche Zuneigung
zu dem jungen galand. Bei einer Geselligkeit wie der
heutigen war seine hübsche Larve, seine sorglose gute Laune ihr
Geld wert. Auch war es dem verwitweten Kaufmann angenehm, abends
nach Tisch einmal Männergespräche führen zu können. Die zutrauliche
Vater-Sohn-Mystifikation, in der Alfons sich gefiel und die er
durch einen feinen Abstand der Förmlichkeit davor bewahrte,
mißverständlich zu werden, machte Pujol Spaß, aus demselben Grund
wie dem Jüngeren: Es fehlte ihr das Element der
Verantwortung.
Die unsichtbare Grenze überschritt der junge
Neuhoff nur dann – und da er bei seinem Gegenüber keinen Widerstand
sich regen spürte, immer öfter -, wenn er sich in finanzieller
Verlegenheit befand. Das erste und vielleicht noch das zweite Mal
hatte Pujol aus Höflichkeit vorgestreckt, das dritte und vierte
Mal, weil die früheren Vorschüsse irgendwann zurückgezahlt worden
waren. Das fünfte Mal, weil – nicht obwohl – Alfons säumig
geblieben war und der Kaufmann feststellte, daß das
Bilanzungleichgewicht ihn in diesem Fall nicht ärgerte, sondern ihn
vielmehr mit einer bislang unbekannten Genugtuung erfüllte.
Nicht, daß er sich mit den Fuggern oder Medici hätte vergleichen
wollen, aber sich etwas leisten und halten zu können, was nichts
einbrachte, war nicht jedermann möglich, und ohne daß Pujol seine
Gedanken bis auf den Grund zu analysieren in der Lage gewesen wäre,
schien ihm doch, der Zustand habe etwas mit Zeitenwende und
Wertewandel zu tun. Manchmal kamen ihm sogar solche
Spitzfindigkeiten in den Kopf, wie daß Alfons ihm durch sein
taktloses Finanzgebaren womöglich freiwillig eine moralische
Kompensation dafür zuschusterte, ihn als feilen Geldmenschen nicht
so hoch achten zu können, wie er es vielleicht gewünscht
hätte.
Noch immer verharrten Pujols Augen auf dem neben
den Papageien knienden und sie neckenden Neuhoff.
Barroon, fragte der rote Ara krächzend, ist es
richtig, daß alle Naturerscheinungen sich aus Bewegung und
Ausdehnung erklären lassen?
Die Materie ist träge, behaupte ich als
Gassendianer, rief der Blaugelbe.
Wovon reden diese Tiere? wurde Alfons
gefragt.
Von der Leibniz’schen Monadenlehre, erklärte der
Baron. Aber sie verstehen sie nicht richtig.
Monaden sind Seelen! quäkte der Gassendianer.
Darüber wandte die Aufmerksamkeit der Gäste sich
einem eintretenden jungen Mädchen zu, das, eine Viola da Gamba im
Arm, errötend den Raum durchquerte und das Musikzimmer betrat. Die
Gäste, einschließlich Alfons, der sie begleiten sollte, folgten
ihr, während Pujol am Tisch sitzen blieb. Er erwartete noch
jemanden.
Das schwarzgelockte Mädchen war Amalia, die Tochter
des Hauses. Sie trug ein bodenlanges, hochgeschlossenes Kleid und
schlug vor den drängelnden, starrenden Freunden des Hauses auf
entzückend keusche Weise die langbewimperten Augen nieder. Sie war
hochgewachsen und schlank, und das Kleid, das sich nach unten hin
weitete und
bauschte, umschloß ihren Körper wie eine Metapher: alles
ausdrückend, nichts preisgebend. Ihr Gang, ein wenig breitbeinig,
fast seemännisch wiegend, widersprach dem Bild einer Dame, ohne dem
Eindruck des Reizvollen Abbruch zu tun, genauso wie Amalias
ungezupfte, von Natur aus kräftige Augenbrauen, die ihre ganze
Mimik beherrschten, so daß der Betrachter sich zunächst nur auf sie
konzentrierte, bevor er die Augen selbst und die rosigen Lippen
wahrnahm. Dieser dichten und beweglichen Brauen wegen durfte man
sie schwerlich eine Schönheit à la mode nennen, aber, sagte
sich Alfons, was gibt es Langweiligeres als die Perfektion?
Die widersprüchlichen Eindrücke setzten sich fort,
sobald Amalia auf ihrem Schemel saß und zu spielen begann.
Sie hockte da mit weit gespreizten Beinen, zwischen
die sich der warme Holzleib des Instrumentes schmiegte, und strich
den Bogen mit kräftiger Armbewegung. Der Anblick erinnerte Alfons
an eine Bäuerin, die ein Lamm im Schwitzkasten hält und schert,
aber die dabei produzierten Geräusche waren kein panisches Blöken,
sondern eine heisere Melodie, die zusammen mit den geschlossenen,
wie nach innen horchenden Augen, den gerunzelten Brauen und dem
klaffenden Mund einen Anschein von Wissen hervorrief – von
Erfahrung und Genuß -, auf den Alfons’ Schweißdrüsen mit
alarmierter Tätigkeit reagierten.
Es ist ja nicht der Mensch als solcher, der unsere
Lust entfacht, Alfons hatte Monate an Amalias Seite verbracht, ohne
jemals andere als brüderliche Gefühle für sie zu empfinden, sondern
ein plötzliches Aufbrechen in unserer Wahrnehmung, eine leichte
Verschiebung der Perspektive. Mit einem Mal scheint die Schale, die
wir bis dahin ausschließlich gesehen haben, sich zu öffnen, und der
verborgene Kern, die Frucht offenbaren sich.
Jener Ausdruck angespannter Verzückung auf Amalias
Gesicht, den wollte er wieder und wieder sehen, und vor
allem wollte er ihn hervorrufen und selbst den Platz der
Gambe zwischen ihren Beinen einnehmen. Mit steifen Fingern drückte
Alfons seine Akkorde, bis Amalia ihm auf die Schulter klopfte und
Aufhören, Alfons, rief, das Stück ist zuende.
Verliebt in Amalia auf eine brüderliche,
unschuldige Weise war Alfons bereits gewesen. Diese Neigung war so
sorglos, sie trug ihren Sinn und ihre Begrenzung ebenso in sich wie
sein ganzes derzeitiges Leben, und es war Alfons bis zu diesem
Abend nicht in den Sinn gekommen, mit ihr irgendwelche Pläne zu
schmieden. Sie bestand aus Blicken, Scherzen, kurzen Berührungen
der Hände, gegenseitigen Seelenergüssen und Anekdoten aus der
Kinderzeit. Sie war wie ein Sommertag in den Dünen, wenn Wind und
Meer rauschen und es keinerlei Notwendigkeit gibt, entdecken zu
müssen, was jenseits der zwei, drei Sandhügel liegt, zwischen denen
man spielt.
Aber an diesem Abend störte der plötzlich erweckte
erotische Impuls Alfons’ Seelenfrieden auf und träufelte ein wenig
Unerfüllbarkeit und Hoffnungslosigkeit ins klare Wasser seiner
harmlosen Geschwisterverliebtheit, die das Getränk im Nu in einen
ungleich attraktiveren Bitter verwandelten.
Zur selben Zeit, als im Nebenraum die Hausmusik
erklang, der begleitende Alfons seine Lust auf Amalia entdeckte und
das musizierende junge Mädchen ganz im säuberlich in Schwarz und
Weiß geschiedenen Jansenismus der Saint-Colomb’schen Melodien
aufging, ohne auch nur im entferntesten etwas von den Phantasien
ihres Freundes zu ahnen oder selbst dergleichen zu empfinden,
erschien endlich der von Pujol so dringlich erwartete Ehrengast des
Abends, der Großbauer Xavier Hainaut.
Ohne Umschweife steuerte er auf Pujol zu und winkte
ihn ins Arbeitskabinett. Die Türen schlossen sich, und nach einiger
Zeit trat Hainaut heraus und kletterte ebenso eiligen
Trippelschritts die Treppe hinab, wie er gekommen war. Die
Festlichkeiten hatte er mit keinem Auge gewürdigt, auch die Tochter
des Hauses nicht begrüßt. Der Gastgeber aber blieb verschwunden.
All das erfuhr Alfons nach der musikalischen Darbietung, und da er
von Natur aus kein Parzival war, klopfte er, nachdem die Gäste fort
waren, bei Pujol an und fragte nach seinem Befinden.
Es war schlecht und Pujol viel zu aufgewühlt, um
seinem jugendlichen Freund nicht gleich seine Misere zu offenbaren,
oder jedenfalls einen Teil davon, denn indem er seine Sorgen laut
aussprach, ordneten sie sich auch in dem Kaufmannskopf, der damit
wieder unterscheiden konnte, was man einem Außenstehenden verrät
und was nicht.
Lieber Meister Pujol, hat die Begegnung mit Ihrem
Gast Sie in irgendeine Trauer oder Verlegenheit gestürzt, in der
ich Ihnen hilfreich sein könnte, indem ich mich zu Ihrer Verfügung
halte oder Ihnen einfach nur mein Ohr leihe, begann Alfons in
seiner flamboyanten Art, die aus Höflichkeit und echter
Großherzigkeit immer etwas mehr versprach, als sie hätte halten
können und wollen.
Sie sind ein guter Junge, Baron, meinte Pujol und
erzählte, daß er mit seinem alten Bekannten und Lieferanten Hainaut
schon seit Jahr und Tag die Heirat ihrer Kinder ausgemacht habe und
daß dieser Vertrag heute habe beurkundet werden sollen.
Es fehlte nicht viel, und er hätte sich von Alfons’
lauschenden Gesichtsausdruck hinreißen lassen, auch die finanzielle
Notwendigkeit der Union zu erwähnen, den Schein des Wohlstands zu
gestehen, den er mit Abenden wie dem heutigen aufrechterhalten
mußte, um seinen Ruf zu wahren, aber in diesem Moment erschien ein
Diener mit den Papageien und fragte, wohin er sie bringen solle,
und Pujol entschied sich, von diesen Dingen zu schweigen.
Allerdings schockierte, was er statt dessen
erzählte, den Zuhörer viel mehr als das Geständnis einer schwachen
finanziellen Gesundheit, die der junge Mann nur allzugut hätte
verstehen und billigen können. Georg nämlich, der Sohn Hainauts,
sei nicht erschienen, weil er ein junges Mädchen aus den Hügeln von
Herve geschwängert habe, dessen Familie ihm jetzt ans Leder wolle,
woraufhin sein Vater ihn schnellstens nach Frankreich und in die
Armee expediert, möglichst weit weg, Sie verstehen, bis die
Situation zu einer gütlichen Eingung geführt sei. Die Heirat mit
Amalia müsse daher noch mindestens ein Jahr warten. Pujol sah so
verstört und betrübt aus, weil er beim Sprechen im Kopf
mitrechnete, ob er dieses Jahr wohl überstehen werde.
Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Alfons sich,
nicht ohne Stolz, von der Fatalität des Lebens gestreift. Er sah
die Kutsche seiner Existenz, von einem fremden Fuhrmann gesteuert,
vor seiner Nase davonrollen und mußte nun diesem sich entfernenden
Wagen, ohne zu zögern, hinterherstürzen, um zu retten, was zu
retten war.
Mehr verwirrt als freundlich und höflich, gelang es
ihm, die Form zu wahren und sich zurückzuziehen, aber an Schlaf war
nicht zu denken. Er verließ das Haus und eilte in einem
bedenklichen Zustand, alle Sinnesorgane nach innen gekehrt, um die
Revolution zu begreifen, die dort brodelte, zu einem Wirtshaus
unten am Fluß, wo er sich, ohne einen Blick auf die anderen späten
Besucher zu werfen, auf eine Eckbank fallen ließ und Bier
bestellte.
Erst jetzt fragte er sich, warum die Nachricht,
Amalia sei einem anderen versprochen, ihn in derartige Panik
versetzen konnte. Daß sie es kann, dachte er, heißt doch wohl, daß
ich sie liebe, und indem er diesen Schluß zog, bemerkte er, daß er
sie jetzt tatsächlich liebte. Aber selbst die Liebe rechtfertigte
nicht das Entsetzen darüber, daß Pujol sie einem Bauernsohn
vermählen wollte. Hatte er denn etwa vor, sie selbst zu heiraten?
Nicht bis zu diesem Moment, nun aber stand die Frage groß und
sperrig im Raum.
Er verstand vage, eigentlich spürte er es eher, daß
er zu irgendeiner Form von Reaktion und Aktivität aufgefordert war,
da die Welt über seine Zwischenexistenz, seinen fröhlichen
Wartestand einfach hinwegschritt. Offenbar wurden seine Zustände
erst in dem Moment, da er sie benennen konnte, virulent. Der laut
ausgesprochene Tastgedanke »Ich liebe sie« schuf eine
unumstürzliche Tatsache.
Ich habe Angst, um mein Glück gebracht zu werden,
das ist es. Seltsam nur, daß erst diese Angst überhaupt das
Bewußtsein von einem Glück erschaffen hat, an dem es mir nun
plötzlich mangelt. Er war ein junger Adliger, der in den Brunnen
der bürgerlichen Moral gefallen war. Und dann verstand er, was das
eigentlich Neue und Verstörende an seiner Situation war: Sich
seiner selbst bewußt geworden zu sein. Wer bin ich eigentlich?
fragte er sich, als habe Pujols Erzählung den Schlußstein aus dem
Gewölbe seines Lebens gerissen. Was will ich eigentlich in dieser
Welt? Und antwortete sich: Glücklich sein! Dem entgegen stand im
Moment die Erkenntnis, daß Dinge geschahen, die er nicht
beherrschte, ja, von denen er nicht einmal wußte.
Glücklich sein, das hieß Amalia besitzen, und
Amalia besitzen hieß sie heiraten, und das war in jeglicher
Hinsicht ein so unerhörter Gedanke, daß der schiere Wahnsinn, ihn
zu denken, ganz zu schweigen von dem Gebirge an Unmöglichkeit, ihn
zu realisieren, ihn als einzig adäquate Reaktion auf die Scham
erscheinen ließ, die Alfons verspürte.
Was soll aus mir werden, wenn ich jetzt dieses
Glück verpasse, wenn ich Amalia nicht gewinne? fragte er sich und
dachte an die Bogenstreicherin mit den geschlossenen Augen, das
braunglänzende Tier zwischen ihren Schenkeln und dann an die trübe
Heimat, wo all seine Bildung zu nichts nutze war, und diese
Kaufmannswelt, in der man für das bißchen Wohlleben hart zu
arbeiten und sich die Finger zu beschmutzen hatte.
Die Ehe mit Amalia gegen alle Widerstände
durchzusetzen, war womöglich die einzige Großtat, die es für
jemanden wie ihn zu begehen und bestehen gab. Ein Entschluß wie
Kolumbus’ Einschiffung auf Entdeckungsfahrt. Aber das Glück, das er
finden wollte, war ein Kontinent der Häresie, von allen Karten
getilgt. Kein Gefühl und persönliches Gelüst, wie machtvoll auch
immer, rechtfertigte eine Mesalliance. Die Ungeheuerlichkeit seiner
Liebesrevolution nahm ihm den Atem, machte ihm aber dennoch keine
angst. Bevor er nicht handelte, konnte nichts passieren, man konnte
also auch nicht wissen, was passieren mochte. Das heißt,
theoretisch konnte man es wohl wissen: Skandal und
gesellschaftliche Ächtung drohten, aber es war wie beim Schach,
wenn ein ungedeckter Läufer eine Dame herausfordert. Sie konnte ihn
schlagen, es gab eigentlich gar keinen Grund, es nicht zu tun, aber
sie hatte eben auch noch so und so viele andere Zugmöglichkeiten.
Und zog er nicht selbst, würde er nie erfahren, wie die Welt darauf
reagierte.
Pujol reagierte alles andere als erfreut, er mußte
sich Mühe geben, nicht zu vergessen, sich als geehrt zu bezeichnen,
bevor er Alfons von der Absurdität seines Begehrens zu überzeugen
begann, wobei er die wirklichen Gründe seiner ablehnenden Haltung
ja gar nicht erwähnen konnte. Je höher sich aber die Hindernisse
vor dem nun einmal ausgesprochenen Entschluß türmten, desto
hartnäckiger und eloquenter bestand Alfons auf ihm. Er ging sogar
so weit, in wohltemperierte Tränen auszubrechen und den Kaufmann
anzuklagen, selbst er, vor dem er den allergrößten Respekt hege,
sei der Feind seines Glücks, wobei dieser Respekt und das Wissen,
daß Amalia ihres Vaters Stütze und Stab, sein Augapfel sei, es ihm
selbstverständlich verbiete, sie je gegen seinen Willen zu
ehelichen.
Amalia selbst war beeindruckt von Alfons’ Willen
und seinem Interesse für sie. Ohne zu wissen, ob sie ihn denn
auch liebe, oder dieser Frage besondere Wichtigkeit beizumessen,
fand sie es ganz in der Ordnung, dem Mann zu folgen, der sich
nächst ihrem Vater am intensivsten um sie bemühte. Auch sie wußte
nichts von der Vermögenslage Pujols, übrigens ebensowenig von der
ihres Freiers.
Als Alfons’ hysterische Werbung das Zusammenleben
unerträglich zu machen begann und er schließlich noch in eine Art
psychosomatisches Fieber fiel, das auch durch mehrere Aderlässe
nicht zu lindern war, als dann durch eine gewissermaßen
seelisch-solidarische Ansteckung auch Amalia ernstlich erkrankte,
blieb Pujol – um so weniger als Hainaut schlechte Nachrichten
betreffs seines Sohnes schickte – keine andere Wahl, als dem
delirierenden Alfons sozusagen in articulo mortis die Hand
seiner Tochter zu gewähren, woraufhin es keine Woche dauerte, bis
der junge Mann von den Toten erstanden war und die Heirat
stattfinden konnte.
Der Rest von Alfons’ Geschichte und Leben ist
schnell erzählt. Denn leider sollte seine heroische Entscheidung,
gegen alle Konventionen seines Standes sein persönliches Glück zum
Mittelpunkt und Ziel seines Lebens zu machen, sein größter Moment
und einziger Triumph bleiben. Die Hochzeit fand im Oktober 1693
statt, der Bräutigam war siebenundzwanzig Jahre alt.
Zuallererst ging er daran, seine Eltern von seiner
Ehe in Kenntnis zu setzen. Er brauchte mehrere Tage, den langen
Brief fertigzustellen, denn nachdem er seinen Willen tatsächlich
bekommen hatte, beschlich ihn eine Art innere Erschlaffung, und er
erwartete unbewußt, da er nun schon soviel getan hatte, müßten auch
die anderen mit gutem Willen folgen und das ihre zum Gelingen des
Unternehmens beitragen.
Die Sätze gerieten ihm immer länger, apologetische
Parenthesen umklammerten die einfachen Aussagen wie Riesenkraken,
und unter der Hand formte sich sein Schreiben
zu einem Hilferuf nach Verständnis und (finanzieller)
Unterstützung.
Die Antwort von der Hand seiner Mutter ließ lange
auf sich warten und war, als sie dann eintraf, ebenso kurz wie
vernichtend. Die Baronin verbat sich weitere Belästigungen ihres
zutiefst enttäuschten Gatten, untersagte Alfons, jemals wieder das
elterliche Haus aufzusuchen, und teilte ihm bündig mit, er sei
enterbt und beide Eltern hätten keinerlei Interesse zu erfahren,
wie es fürderhin einem Sohn erginge, der gleich bei seinem ersten
Eintreten in die Welt sich so erbärmlich kompromittiert habe.
Etwas in dieser Art war ja bei nüchterner
Betrachtung vorauszusehen gewesen, und doch schockierte es Alfons
tief, und es lähmte ihn, feststellen zu müssen, daß sein sonniges
Wesen und sein argloses Vertrauen darauf, dank seines Charmes vom
Leben begünstigt zu werden, mit einem Mal an schroffe Grenzen
stießen und nichts mehr gelten sollten. Es wurde in der kurzen
Frist, die ihm noch blieb, deutlich, daß er sich verausgabt hatte
mit seiner Entscheidung, seinem Glück leben zu wollen, und daß er
für die Bewältigung seines weiteren Lebens keine Reserven mehr
besaß.
Der alte Pujol starb kein Jahr nach der Hochzeit
und hinterließ seiner Tochter nach der Liquidierung seines
Geschäfts bescheidene elftausend Gulden. Bezeichnenderweise hatte
er seinem Schwiegersohn nie vorgeschlagen, es etwa selbst zu
übernehmen, und wenn die Eroberung seines Glücks für den Baron eine
kompromittierende Ehe rechtfertigte, so doch niemals eine
kompromittierende Tätigkeit. Blieb nur mehr die soldatische
Karriere. Alfons verwandte die Mitgift, um eine Kompanie
aufzustellen, als deren Hauptmann er das Kommando eines Forts bei
Metz übernahm, in einer der frisch eroberten Taschen oder
réunions, die der pfälzische Krieg König Ludwigs nahe der
umkämpften Frontlinie hatte entstehen lassen.
Das Fort war eine der genialen Konstruktionen
Vaubans, das heißt, genial war es als Verteidigungsstellung, zum
Leben, vor allem für eine schwangere Frau, war es ein Alptraum.
Zugige Korridore, in denen die Nässe giftgelbe Pilze von den Decken
wuchern ließ, der eisige lothringische Wind, der über die Hochebene
brauste, sich im Innenhof verfing und durchs Logis zog, der Lärm
der exerzierenden Soldaten, der durch die Privatzimmer des
Hauptmanns hallte, der ewig verhangene Himmel, der blasse
Gemüsegarten, den Amalia an der Innenhofmauer der
Kommandantenwohnung hochpäppelte. Die in verschiedenen breiten
Dialekten plärrenden Gesänge und das betrunkene Gegröle der
Soldaten, ihre verstohlenen Tierblicke auf die junge Frau – das
granitene Fort auf der Hochebene war ein kaltes Fegefeuer, und je
mehr Zeit verging, desto wahrscheinlicher erschien es, daß die
Strafe auf lebenslänglich lautete.
Jedes Gesuch Alfons’ nach Versetzung, jede Eingabe
nach Beförderung blieb unbeantwortet, wurde abschlägig beschieden
oder verschleppt. Bis auf wenige Scharmützel war das Leben im Fort
ruhig, zu ruhig, die Soldaten langweilten sich, mußten
diszipliniert, beschäftigt und besoldet werden, da keiner von ihnen
fiel. Alfons, vom militärischen Leben und der feuchten
Granitdüsternis des Gemäuers eher geschwächt als gestählt – er
begann zu husten -, konstatierte melancholisch, daß seine heroische
Tat gegen jede Würfelwahrscheinlichkeit ausschließlich zum
Schlechten ausgeschlagen war, und fragte sich, wie lange das
Schicksal ihn denn noch foppen wolle. Im Grunde erwartete er nach
wie vor eine Art Belohnung für seinen damaligen Mut und letztlich
auch für seine Person als solche, ganz unabhängig von ihren
Taten.
Er mietete, als Amalia begann, sich täglich zu
übergeben, die Tour aux Puces in Diedenhofen an, wo am
vierundzwanzigsten August 1694 sein Sohn geboren und auf den
Namen Theodorus Antonius Alfons getauft wurde. Das Wochenbett zog
sich hin, denn die Blutungen nach der Entbindung des großen und
kräftigen Knaben wollten nicht aufhören, und als Amalia schließlich
mit dem Kind und einer Amme und Zugehfrau namens Minne, die wie die
Neuhoffs aus Westfalen stammte, ins Fort zurückkehrte, schimmerte
ihre Schläfenhaut durchsichtig und blaugeädert wie
Chinaporzellan.
Im Frühjahr darauf war sie erneut in Hoffnung, und
nichts hatte sich geändert. Latenter Kriegszustand, Regen, Wind,
Kälte, die dunklen, klammen Räume des Logis, die die Kleider in den
Schränken schimmeln ließ, der immer häufiger hustende und spuckende
Alfons, dessen ergrauende Schläfen und abgezehrtes Gesicht ihn noch
schöner erscheinen ließen; keine Versetzung, keine Beförderung,
kein Geld, und daher auch nicht die Spur eines gesellschaftlichen
Lebens.
Der Umgang zwischen den Eheleuten war noch immer
von derselben exquisiten Höflichkeit und Liebenswürdigkeit wie in
ihrer Brautzeit. Alfons blickte, wenn er seine Frau zu einem
frugalen Abendessen in die zugige Halle führte, Amalia aus so
brennend hypnotischen Augen an, als wolle er sie überzeugen, daß
nur die Luftbrücke zwischen ihnen Realität sei, alles widrige
Drumherum Trugbild und als müsse Amalia auch das ihre tun, diese
Fiktion aufrechtzuerhalten, und dürfe auf keinen Fall durch ein
Wort der Klage, einen Hinweis auf ihr aussichtslos erbärmliches
Leben den Zauberbann brechen, durch den er sich eine Konfrontation
mit den Realitäten vom Leibe hielt. Sie lernte, die stumme
Verleugnung der Welt aufrechtzuerhalten; die Kraft, mit der seine
Augen sie in eine Art Levitation versetzten, in der ihre Füße den
schmuddeligen Boden der Tatsachen nicht mehr spürten, war ein
letztes Echo der Kraft, die er gezeigt hatte, um sie zu
erringen.
Amalia tat ihm den Gefallen, nie mit Worten an
dieser
Fiktion zu rühren. Was sie nicht hinderte, die verfahrene
Situation in aller Deutlichkeit zu empfinden. Sie war Alfons
gefolgt, weil sie einem Elan, der so ganz ihr galt, nicht hatte
widerstehen wollen oder können. Freilich hatte sie erwartet, daß
diesem Anfangsschwung irgend etwas folgen werde. Sie sah die
Schwäche ihres Mannes, seine – sagen wir es deutlich – Unfähigkeit,
den Alltag zu meistern, ganz ungeschminkt. Sie war ein anderes, ein
komfortableres Leben gewohnt gewesen, aber während ihre Situation
immer elender wurde, eignete Amalia sich den stoischen Hochmut
ihres Gatten an, und ein Bewußtsein ihrer eigenen Kraft keimte in
ihr und wuchs. Vorerst war es mehr ein schlummernder Schatz, ein
unterirdisches Feuer, aber das wärmte sie in der klammen Kälte des
Exils von innen heraus. Sie wußte, sie war ihrem Mann überlegen.
Mit jedem Tag, den sie Alfons’ Verfall zusah, wuchs ihr
Selbsterhaltungswille. Sie leugnete die Wirklichkeit auch tapfer
weiter, als es kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes, einer auf
den Namen Amélie Viktoria Elisabeth Charlotte getauften Tochter,
nun nicht einmal mehr vor sich selbst zu verheimlichen war, daß
Alfons an Schwindsucht litt und der Horizont seiner Zukunft sich
zusammenzog. Es wurde kein Wort darüber verloren. Eigentlich, sagte
der Baron, einen Wollschal um den Hals, zitternd beim Frühstück,
während der Nordwind durch die Mauerritzen pfiff, eigentlich wäre
nun eine Beförderung zum Obersten fällig und die Versetzung nach
Paris. Meinst du nicht auch? Sie müßte eigentlich jeden Tag
eintreffen. Was hältst du von Paris? Ich kann es kaum mehr
erwarten. Aber es war ja auch hier ganz schön, nicht wahr?
Gewiß, sagte Amalia. So schlecht war es hier nicht.
Sie sah ihren Gatten liebevoll an. Ja, sie liebte ihn. Sie
verachtete seine Schwäche und war enttäuscht von seinem Mangel an
Fortüne, sie verabscheute ihn um ihrer betrogenen Hoffnungen
willen. Sie stellte fest, daß dies die ersten tiefen Gefühle waren,
die sie für ihn empfand. Und man braucht
konkrete Gefühle für den anderen, die man dann Liebe nennen kann,
denn »Liebe« ist ein Sammelbegriff für eine Kombination exakterer
Empfindungen, die ganz widersprüchlich sein können und die mit dem
großen Wort, das wie ein Hut über sie geworfen wird, im allgemeinen
nur mundtot gemacht werden.
Im Spätherbst 1697, der Friede von Rijswijk war
soeben unterzeichnet worden und das Fort verlor seine strategische
Position im umkämpften Kriegsgebiet, starb Alfons von Neuhoff, und
seine Witwe zog mit ihren Kindern und der Amme Minne fort und
kaufte vom Rest ihres Geldes ein Haus auf dem Land am Rande des
Argonnerwaldes.