12 Juni

 

 

Der Wagen hielt so abrupt, dass Guinievaires Kopf mit einem kleinen Schlag gegen das Fenster pochte. Verwirrt schlug sie die Augen auf, blickte sie sich um und sah die Türe rechts von ihr zufallen. Ihr Ehemann hatte wohl den Befehl zum plötzlichen Halten gegeben und nun war er wortlos aus der Kutsche gestiegen, weswegen Guinievaire sich lediglich kurz die Stirne rieb, um ihm dann eilig zu folgen.

Es dämmerte bereits, wenn auch einige Minuten später als gestern, und der Himmel hatte ein helles Grau angenommen, gemischt mit einem nächtlichen Blau und einem zarten Rosa. Bevor sie ihre Reise derart hastig unterbrochen hatten, waren sie eine schmale Landstraße entlang gefahren, die sie in ungefähr zwei Tagen endlich nach London bringen sollte, wobei dieser Tag verlaufen war, wie die meisten auf dieser Reise vor ihm: Guinievaire war neben ihrem Ehemann aufgewacht, sie war glücklich gewesen, sie waren weiter gereist, sie hatten geredet, gelacht, sie hatte neben ihm gesessen und ihn geküsst, sooft es ihr gefiel, sie hatten ein wenig geschlafen und nun hatten sie sehr plötzlich inmitten der Wildnis angehalten. Etwas schien nicht zu stimmen mit ihm.

Sie fand Alex sofort, denn er war nur wenige Schritte gegangen. Nun steckten seine Hände, typisch für ihn, in seinen Hosentaschen und während er den Rücken ihr zugewandt hatte, stand er an einem steilen Abhang und starrte von dort hinab auf ein weites, ausgesprochen ländliches Panorama. Dies war kein normales Verhalten für Alex, das wusste Guinievaire natürlich, weil ihm derart heftige Gefühlsregungen üblicherweise vollkommen fern lagen: bisher hatte er sie nur ein einziges Mal angeschrien und damals hatte er einen hervorragenden Grund dazu gehabt. Eine einzige Träne hatte er einmal in ihrer Gegenwart vergossen und seine leidenschaftlichen Liebesbekundungen waren ebenso selten gewesen wie Momente intensiver, mitteilsamer Vertrautheit. Was auch immer ihren geliebten Mann quälte, es musste also schrecklich für ihn sein und zugleich würde es ausgesprochen schwierig für sie werden, zu erfahren, was ihn umtrieb. Er war nun einmal kein Mensch, der das Herz auf der Zunge trug.

Behutsam schloss sie dennoch zu Alexander auf. Der Ausblick von hier oben war tatsächlich spektakulär selbst in Guinievaires Ermessen, wo sie doch kein großer Freund der Natur war. Die Felder und die kleinen Häuser und die Wälder waren jedoch allesamt der lange erwartete Beweis dafür, dass sie wieder in ihrem geliebten England war und schon bald nach London zurückkehren sollte.

„Liebling?“ begann sie vorsichtig, legte eine Hand auf seinen kühlen Arm und neigte den Kopf auf die Seite. „Alex, was hast du?“

Er antwortete ihr nicht und er sah sie noch nicht einmal an, er verschränkte lediglich kühl die Arme und schwieg weiter. Kaum konnte sie diesen Anblick ertragen, wohl weil er ihr ungeheuerlich schnell ausgesprochen ungewohnt geworden war, denn ihr Alex hatte sie angebetet in letzter Zeit und niemals von ihr fort gesehen. War er etwa böse auf sie? War sie ihm denn nicht eine perfekte Ehefrau gewesen, Tag um Tag?

„Alex, bitte, sprich mit mir,“ bettelte sie weiter.

Meist war es aussichtslos, zu versuchen, ihm seine Gefühle zu entlocken, aber Guinievaire verlieh ihrer Stimme einen unmöglich weinerlichen Tonfall und er konnte ihr selten etwas abschlagen, wenn sie ihn regelrecht anflehte. Eine kurze Sekunde zögerte er dennoch, während sie die spitzen Finger tiefer in sein Fleisch bohrte, dann wandte er endlich den Blick von der herrlichen Szenerie, um sie aus seinen schönen, schwarzen Augen beunruhigt anzusehen.

„Wenn wir wieder zu Hause sind, dann wirst du ihn wiedersehen,“ sagte er nüchtern, dann blickte er wieder geradeaus.

Es ging also um Tony, wurde nun offenbar, und Guinievaire war beinahe erleichtert, dass ihr Mann dieses Thema endlich zur Sprache brachte, denn seitdem sie sich verlobt hatten, schien er die Existenz ihres früheren Verlobten vollkommen vergessen zu haben und ihr selbst wäre es niemals gestattet gewesen, von sich aus mit Alex über ihn zu sprechen, dabei hätte sie ihm so viel über ihn und ihre gemeinsame Geschichte erklären wollen. Dass Alex nun an ihr und ihrer aufrichtigen Liebe zweifelte, dies war allein ihre Schuld, immerhin hatte sie ihm unendlich lange vorgespielt, wie sehr sie Tony liebte, einzig um ihn zu quälen und zu provozieren.

Schuldbewusst zog sie beide Augenbrauen zusammen. „Ich will ihn aber nicht wiedersehen,“ beteuerte sie, wobei diese Aussage nicht voll und ganz der Wahrheit entsprach. Sie wollte Tony wiedersehen, wenn sie wieder in London war, wie sie es sich schon zahlreiche Male ausgemalt hatte, in den Armen ihres Ehemannes und dann sollte er sehen, was er aus unerfindlichen Gründen aufgegeben hatte und es sollte ihn reuen bis ans Ende seiner kläglichen Tage.

„Aber das wirst du,“ erwiderte Alex stur. „London ist nicht mehr als ein Dorf.“

Guinievaire schüttelte heftig den Kopf. „Ich werde nicht mit ihm sprechen, Liebling. Ich werde ihn einfach ignorieren,“ versprach sie, aber sie konnte sich dabei noch nicht einmal sicher sein, ob ihr Mann ihr überhaupt zuhörte. Eiskalt ließ er sie stehen und entfernte sich ein weiteres Mal einige weite Schritte von ihr. Nach einer langen, qualvollen Pause, in der Guinievaire ihn musterte und Alex auf seine Füße starrte, sah er sie endlich wieder an.

„Wirst du mich verlassen und mit ihm fliehen und ihn in einem weit entfernten Land heiraten, Guinievaire?“ wollte er wissen. Er klang kühl, aber neugierig, wobei sie kaum glauben konnte, dass er ernsthaft darüber nachzudenken schien. Nun, es war wirklich allein ihre Schuld. Früher einmal hatte er sich ihrer Zuneigung immer sicher sein dürfen und dann hatte sie ihn verlassen und nun musste sie dafür bezahlen, so schrecklich und unbeschreiblich dumm gewesen zu sein.

„Nein,“ antwortete sie ihm eindringlich. „Alex, bitte, das werde ich niemals tun.“ Mit aller Macht bemühte sie sich dabei, überzeugend und aufrichtig zu klingen, denn alles, was sie sagte, war ihr durchaus mehr als ernst: Guinievaire wollte ihren Alexander niemals wieder verlassen. Dies schien er ihr jedoch nach wie vor nicht recht glauben zu wollen, weswegen sie zwei kleine, flehende Schritte auf ihn zu machte. Ihre Rollen waren mit einem Mal vertauscht, bemerkte sie. So oft hatte Alexander sie bereits um Vergebung für seine Rücksichtslosigkeit anflehen müssen, aber nun war sie es, die Abbitte leisten musste.

„Aber ihn hast du einfach verlassen, Guinievaire.“

Dies war eine ungerechte Anschuldigung und dessen war Alex sich ohne Zweifel bewusst. Hatte er nicht Wochen und Monate darauf verschwendet, sie ein weiteres Mal zu verführen? Zudem war es einzig Tony gewesen, der sie zuerst verlassen hatte und dennoch, Guinievaire konnte die Ängste ihres Liebsten verstehen.

„Alex, du kannst dich nicht mit ihm vergleichen,“ erwiderte sie mit einem verzweifelten Seufzen. Egal was sie ihm sagte, sie würde ihn niemals wieder wirklich beschwichtigen können, realisierte sie dabei, von nun an würde er immer fürchten, dass sie ihn wieder im Stich ließ, denn er konnte nicht anders, er war Alexander Lovett und Alexander Lovett hatte vor allem mit einem zu kämpfen, dies wusste seine Frau natürlich – mit panischen Verlustängsten. Denn seine geliebten Eltern hatte er unverschuldet verloren und seine Schwestern waren wohl vor ihm geflohen, weil er sie zu sehr und anstrengend hatte beschützen wollen. Alex war alleine gewesen, er hatte sich damit arrangiert gehabt, aber nun hatte er sich mit ihr doch eine neue Familie geschaffen und diese würde er um jeden Preis behalten wollen. Daher hatte auch schon immer seine manische Eifersucht gerührt, die in diesem Moment ebenso sehr aus ihm sprach wie seine Furcht.

Die Sonne ruhte immer noch in den schönsten rosa Färbungen knapp über dem Horizont und der Wind wehte ein wenig, so wie jeden Abend. Sie hatten die ganze Nacht durchfahren wollen, denn sie beide waren inzwischen unendlich ungeduldig, weil sie endlich ihr geliebtes London wiedersehen wollten, aber bevor sie wieder in die Stadt zurückkehrte, da wollte Guinievaire, dass nichts mehr zwischen ihr und ihrem Ehemann stand.

„Wieso nicht?“ knurrte Alex. Er trat von einem Bein auf das andere und wand sich voller Unbehagen, dabei sah er sie manchmal an, dann studierte er jedoch die Umgebung wieder mit übertriebener Genauigkeit. Guinievaire fühlte sich grauenhaft derweil. „Liebst du ihn?“ zischte er.

„Nein,“ war ihre hastige Antwort.

„Hast du ihn jemals geliebt?“ wollte ihr Mann weiter erfahren. Nun ruhten seine pechschwarzen Augen wieder auf ihr.

„Nein,“ wiederholte sie, wobei sie sich unendlich sicher war. Was sie nun in dieser und seiner Gegenwart empfand, dies war das echte Gefühl, dem sie voll und ganz vertraute: sie verehrte ihren Mann und was Tony tat oder fühlte, interessierte sie nicht ein winziges Bisschen. Es war eine schwierige Zeit gewesen damals, als sie ihn kennengelernt hatte, und natürlich konnte sie nicht leugnen, dass er ihr gegen ihren Willen gefallen hatte, wo sie doch eigentlich mit jedem Tag auf einen Antrag ihres über alles geliebten Lords gewartet hatte. Sie war ein wenig verliebt in Tony gewesen damals, aber wirklich geliebt hatte sie ihn niemals. Alex konnte jedoch unglücklicherweise nicht in ihren Kopf sehen und selbst wenn er Guinievaire gut kannte, er konnte sie nicht lesen wie sie ihn las. Er brauchte also diese Beteuerungen und Bekräftigungen. „Alex, ich habe dich nicht für ihn verlassen. Ich hatte andere Gründe, das weißt du.“

„Aber er war da,“ widersprach ihr Ehemann sofort beinahe aggressiv, endlich aussprechend, was er zuvor nicht gesagt hatte, denn zuvor hatte er sie wieder für sich gewinnen müssen und nun besaß er endlich jeglichen Anspruch an sie. „Sofort danach und davor auch schon, Guinievaire, du hattest ihn immer in deiner Nähe, damit du uns vergleichen konntest. Er hat gewonnen am Ende.“

„Er war ungefährlich,“ schüttelte sie sanft und voller Geduld den Kopf. „Du bist es nicht und du warst es nie, eben weil ich dich liebe und ihn nicht. Liebling, bitte glaube mir,“ flehte sie schließlich.

„Guinievaire,“ mahnte Alexander sie. Sie hatte ihm zu oft in sein hübsches Gesicht gesagt, dass eben das Gegenteil der Fall war, deswegen hob er nun zweifelnd eine Augenbraue. Nun, Guinievaire trug ihr Herz auf der Zunge. Sie hatte keine Angst davor, ihm klar zu machen, wie es um ihre Zuneigung bestellt war.

„Liebling, ich liebe nur dich, seitdem ich sechzehn bin. Wann immer ich etwas anderes behauptet habe, habe ich gelogen,“ verkündete sie mit fester Stimme. Dies wusste sie selbst unerschütterlich und deshalb konnte sie auch Alexander davon überzeugen. Tatsächlich schien er es schon in diesen Augenblicken sehr gerne zu hören. Guinievaire ging auf ihn zu, den Abhang zu Füßen – trotz ihrer brisanten Konversation gaben sie zweifellos ein pittoreskes Bild für den Kutscher ab – dann griff sie nach seinen Händen und drückte sie flehentlich.

„Prinzessin, du musst mir die Wahrheit sagen,“ beharrte Alex mit einem prüfenden Blick. Er verhörte sie, so wie er es schon oft zuvor getan hatte. Meist wollte er dann etwas ganz Bestimmtes hören oder sie dazu bringen, etwas zu tun, aber heute war sein Tonfall ein anderer. Er schien wahrhaftig zu zweifeln. Guinievaire küsste seine Fingerknöchel.

„Alex, ich liebe dich so sehr, es ist geradezu antisozial,“ schwor sie. „Dürfte ich mit dir tun, was ich wollte, wir könnten nicht einmal unter zivilisierten Menschen leben. Ich kann dir niemals nahe genug sein, Liebling, obwohl ich von deinen Tellern esse und aus deinen Gläsern trinke. Ich schlafe in deinem Bett, ich schlafe mit dir, ich bade mit dir, keine Sekunde sind wir getrennt und dennoch, es ist nie genug. Wirklich, es ist unheimlich, Liebling, und wenn du dir Sorgen machen möchtest, dann sorge dich besser darum, ob ich dich nicht vielleicht zu sehr liebe. Was ich getan habe, tut mir unendlich leid. Aber mein ganzes Leben werde ich damit verbringen, es wieder gut zu machen,“ endete sie schließlich. Jedes einzelne Wort hatte sie gemeint, wie sie es gesagt hatte. Seitdem sie ihn kannte, hatte sie befürchtet, etwas stimme nicht mit ihr, weil sie diesem Mann derart zugetan war. Unter großen Anstrengungen hatte sie ihre Gefühle für ihn im Zaum gehalten, aber nun wo sie seine Frau war, da hatte sie keinen Grund mehr dazu und seitdem war sie jeden Tag ein wenig mehr mit Alexander verschmolzen.

Ihr geliebter Ehemann grinste inzwischen sein schiefes Grinsen, das einer der Gründe gewesen war, warum Guinievaire sich vor vier Jahren aufs Heftigste in ihn verliebt hatte. Besänftigt von ihrer eindringlichen Rede legte er die Arme um sie und beugte den Kopf herab. Guinievaire stellte sich auf die Zehenspitzen und sie küssten sich, lange und fest.

„Manchmal will ich dich beißen,“ gestand Alex mit leiser Stimme. „Nur um dich zu schmecken.“

Guinievaire nickte den Kopf. Sie wusste genau, wovon er sprach. „Das geht mir oft genauso, Alex,“ entgegnete sie.

Ihr schöner Ehemann lachte daraufhin sogar. „Was hält dich davon ab?“ meinte er schlicht.

 

 

„Ich will nicht klingeln, Liebling,“ klagte Guinievaire mit einem unüberhörbaren Zittern in der Stimme. „Lass uns wieder gehen.“ Kaum hatte sie dies vorgeschlagen, hatte sie sich beinahe schon wieder umgedreht und wäre zurück zum Wagen gelaufen, aus dem sie beide erst gestiegen waren, hätte Alexander nicht schnell und behände nach seiner Frau gegriffen, einen Arm um ihre Taille gelegt und sie erneut neben sich gezogen.

Sie hatte nicht hierher kommen wollen und ganz besonders hatte sie nicht gewollt, dass Hastings House der absolut erste Halt war, den sie bei ihrer Rückkehr in ihr schmerzlich vermisstes London machten. Alexander hatte sich jedoch wie immer gegen seine Frau durchgesetzt, denn bevor er sein neues Leben mit seiner neuen Braut beginnen konnte, wollte er endgültig die alten Bande Guinievaires an den furchtbaren Ort ihrer Kindheit und mit ihrem schrecklichen Vater durchtrennen. Zudem hatte er Mort versprochen, er käme schon im Dezember mit seiner Braut zurück in die Heimat und seitdem war immerhin ein volles halbes Jahr verstrichen, in dem Mr Hastings nichts von dem Verbleiben seiner einzigen Tochter gewusst hatte. Selbst wenn ihre Beziehung stets mehr als unterkühlt gewesen war, so hatte Alex überlegt, vielleicht hatte er sich doch Sorgen um das andauernde Verschwinden seines Kindes gemacht und deswegen wollte Alex seinen neuen Schwiegervater nun so schnell wie möglich wissen lassen, dass Guinievaire tatsächlich gut versorgt war, um sie ihm dann für immer und ewig zu nehmen, wie er es kaum anders verdient hatte in jenen zwanzig Jahren, die er für sie verantwortlich gewesen war.

Unglücklich wand sie sich weiter in seinem festen Griff, während Alexander jedoch gnadenlos an der Klingel des nach wie vor unheimlichen Hauses zog. Nichts hatte sich verändert an diesem Ort: er war immer noch eisig kalt, dabei perfekt gepflegt und mehr als leblos und die gleißenden Junisonnenstrahlen schienen keinerlei wärmende Auswirkungen auf die alten Gemäuer zu haben. Im Grunde konnte Alex also verstehen, warum seine Ehefrau nicht einmal das winzige Verlangen hatte, nach langer Zeit in das Haus ihrer Geburt zurückzukehren, wo sie doch damals schon, als sie das Anwesen noch hatte bewohnen müssen, stets so wenig Zeit wie nur irgend möglich dort verbracht hatte. Ein letztes Mal musste sie es jedoch betreten, denn sie sollte sich verabschieden. Und außerdem wollte Alex in Morts Augen sehen können, wenn dieser verstand, dass er und sein Name nicht eine Sekunde von der perfekten Verbindung profitieren würden. Wenn er ehrlich war, dann verfolgte er rachsüchtige Motive.

Alex beugte sich zu ihr herab, um ihr die offensichtliche Furcht ein wenig zu nehmen und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange. „Prinzessin, wir bleiben nur einen kurzen Augenblick und sagen ihm Guten Tag, das verspreche ich dir,“ versuchte er sie zu beschwichtigen. „Dann haben wir das Schlimmste bereits hinter uns gebracht und den übrigen Tag hindurch werden wir einzig tun, was du möchtest.“

Auf jene tröstenden Worte hin seufzte Guinievaire schwer, aber schließlich nickte sie doch artig und als man ihnen die morsche, alte Türe zum Haus endlich öffnete, da nahm sie bereitwillig Alexanders angebotene Hand und ließ sich schweren Schrittes von ihm in die finstere Eingangshalle ziehen, wo ebenfalls alles genau beim Alten geblieben war. Seit vier Jahren kannte er sie und seitdem war er ein häufiger Gast gewesen, also erkannte Alex den Amor wieder und die Ahnengalerie über den Treppen, die verschlossenen Türen zum großen Salon und den zertretenen, roten Läufer. Der Butler, welcher sie eingelassen hatte, schien ihm jedoch ein Unbekannter zu sein.

„Ich hasse dieses Haus,“ murrte Guinievaire derweil leise, den fragenden Blick des dürren, neuen Hausangestellten vollkommen ignorierend. Stattdessen blickte sie traurig auf den kalten Boden und presste ihre Seite gegen ihren Mann, der sie immer sehr liebte, war sie verängstigt und kindlich und brauchte sie ihn derart offensichtlich. Er küsste also die Schläfe seiner Frau, was er auch tat, weil ihm die interessierten, langen Blicke des Butlers störten, welche dieser Guinievaire nach wie vor zuwarf. Jenes Starren, dies war zu Alex‘ großem Unglück die Reaktion der meisten Männer auf seine angetraute Ehefrau oder zumindest bildete er sich dies ein. Dass sie seinen Ehering trug, es hatte ihm lediglich minimale Erleichterung in seiner Eifersucht verschafft, wie sich auf ihren Reisen herausgestellt hatte.

„Mr Hastings befindet sich im kleinen Salon,“ wurde ihnen nun von dem hageren Mann, der eine unschöne, graue Gesichtsfarbe hatte, erklärt. „Wen darf ich ihm ankündigen?“

„Niemanden, zum Teufel,“ zischte Guinievaire daraufhin sofort mehr als gereizt, wobei Alex sie wie immer gewähren ließ, wenn es ihr Wunsch war, ihre üblen Launen an sich in der Nähe befindlichem Personal auszulassen. Wie die Belegschaft von Lovett Residence ab sofort leiden würde müssen, sobald er sie in wenigen Minuten endlich in ihr gemeinsames Zuhause brachte! Noch niemals waren sie gut auf die kleine Miss Hastings zu sprechen gewesen, und nun wo sie als Lady Lovett zurückkehrte, würden Köpfe rollen. Was immer ihr gefiel, dachte er gleichgültig. „Ich darf mich in diesem Haus bewegen, wie es mir gefällt. Ich bin seine verfluchte Tochter,“ erklärte sie und dabei klang sie finster, als sei dies nicht eben eine Tatsache, die sie gerne aussprach.

Nickend drückte der verwirrte Butler die dünnen, schwachen Lippen aufeinander und machte eine tiefe Verbeugung. „Miss Hastings,“ sagte er mit anerkennender Stimme und einer großen Geste, um sie angemessen willkommen zu heißen.

Ein fassungsloses Geräusch entwich dabei Guinievaire, die die schöne Miene verzog, als habe man sie tödlich beleidigt, dabei eilte sie zu den Stufen, empört Alex‘ Hand haltend, und sie schimpfte in einem fort bedrohlich vor sich hin. „Natürlich, ich bin Miss Hastings,“ murrte sie, für den Butler, den sie zurück ließ, deutlich hörbar. „Deswegen trage ich auch einen Ehering und küsse einen Mann, der ein identisches Exemplar am Finger hat, im Foyer meines Geburtshauses und deswegen war ich auch seit Jahren nicht mehr hier, weil ich immer noch unverheiratet bin. Dieser Haushalt war stets ein Sammelpunkt brillanter Denker.“

Alex, der ihr bereitwillig folgte, musste ein wenig lächeln ob ihres leicht zu durchschauenden Zornes, während sie die Treppe erklommen. Ein wenig tat sie dem armen Mann vielleicht sogar Unrecht, denn wie hätte dieser ahnen sollen, dass es sich bei dem hochgewachsenen, blassen Fräulein tatsächlich um die Tochter des kleinen, stämmigen und gebräunten Mr Hastings handelte, mit seiner ledernen Haut und den stechenden Augen? Wie sehr er sich darauf freute, ihn zu sehen, um ihm das Einzige zu nehmen, was ihn noch vor vollkommener Irrelevanz bewahrt hatte, wobei er dazu immerhin eine ausdrückliche Erlaubnis gehabt hatte! Alex hatte dieses Spiel gewonnen, dies würde Mortimer schon sehr bald einsehen müssen, denn schon sehr bald würde die gesamte Stadt den Mädchennamen seiner Frau vergessen haben.

Während er sich in diesen hämischen Gedanken sonnte, durchschritt Alex gemeinsam mit seiner Frau den niedrigen Gang im ersten Stock von Hastings House, an dessen Ende, bevor er rechts um die Ecke bog, der scheußliche kleine Salon lag. Dabei hatte er inzwischen Guinievaire wieder eingeholt, deren Schritte mit jedem winzigen Meter zögerlicher und unwilliger wurden. „Ich möchte ihn nicht sehen, Liebling,“ klagte sie noch einmal, wobei ihr die Kehle beinahe verschnürt war. „Er ist ein Ungeheuer.“

Wenn sie so sprach, dann musste Alex natürlich Mitleid mit ihr empfinden, aber dennoch, von seinem Plan ließ er sich nicht abbringen, denn auch Guinievaire würde von einem letzten Treffen profitieren, dessen war er sich sicher. Er beugte sich also über sie in jenem beengten Gang, wo er schon immer das Gefühl gehabt hatte, sich bücken zu müssen, um sie in die Arme zu schließen und sie zu küssen. Bleich war sie dabei, jedoch nicht auf ihre übliche, gesunde Art und Weise, vielmehr wirkte sie krank auf ihn, der ihr Haar streichelte. „Prinzessin,“ flüsterte er in ihr weißes Ohr, ihre Zerbrechlichkeit genießend. „Du musst keine Angst haben. Das hier ist nicht mehr dein Zuhause und er kann dir nichts mehr anhaben.“

„Ich weiß, Liebling,“ murmelte sie gegen seine Brust, dabei nickte sie den Kopf und sah auf ihre Füße, während Alex sie nun fest gegen seine Seite arrangierte, um dann an der alten, morschen Türe zu klopfen, wie er es schon oft zuvor getan hatte. Seine Frau neben ihm zitterte merklich.

„Herein,“ sagte eine eisige Stimme auf der anderen Seite nach einer kurzen Pause, also legte Alex die Hand um den stumpfen, goldenen Knauf und dann traten sie ein, wobei er mutig voranschritt und geduldig Guinievaire in seiner Hand hinter sich hineinzog.

Auch der kleine Salon, dies ließ sich auf den ersten Blick feststellen, hatte sich nicht verändert: nach wie vor gab es die dunkelroten, bedrückenden Tapeten und die Täfelung aus rissigem Holz und jene Tropenholzgarnitur, die sich alleine als schlimme Geschmacksverirrung bezeichnen ließ. Vor den nutzlosen, grünen Fenstern stand Guinievaires kleines Klavier, welches staubig wirkte, außerdem war die Luft im Raum außergewöhnlich warm und stickig und sie roch abgestanden und zugleich süßlich, dass es einem den Kopf schwer machte. Mr Hastings saß auf seinem angestammten Platz auf dem hässlichen Sofa an der rechten Wand, aß Kuchen und hatte die Zeitung aufgeschlagen, als er den mit einem Mal ergrauten Kopf hob. Alt war er geworden in den letzten Monaten und dies war wohl die einzig nennenswerte Veränderung in diesem Haus. Sein Anblick war merkwürdig angenehm für Alex, der sich allein der gesellschaftlichen Zerstörung und Isolation seines Schwiegervaters rühmen durfte. Dieser sah Guinievaire und ihn nun mit seinen durchdringend blauen Augen an, als seien sie die letzten Menschen, mit denen er jemals gerechnet hätte, was vermutlich sogar zutreffend war. Vielleicht hatte er sie bereits vergessen gehabt, seine schöne Tochter.

„Sieh an, sieh an,“ murrte er, wobei er sehr langsam sprach und seine Worte perfekt formulierte, wie er dies schon immer getan hatte, wollte er bedachtsam und weise erscheinen auf seine Zuhörer. „Wer hätte geglaubt, dass ich dich noch einmal wiedersehen würde?“

„Ich bin ebenso entzückt,“ erwiderte Guinievaire, die den Kiefer trotzig nach vorne geschoben hatte, zugleich versteckte sie sich jedoch beinahe hinter der Schulter ihres Mannes und hielt ihn unwiderstehlich fest.

„Vor sechs Monaten habe ich dich schon erwartet,“ musste ihr Vater unbedingt betonen, um Vorwürfe machen zu können, wie er es unwahrscheinlich gerne tat. „Ich dachte, du wärest bei der Überfahrt ertrunken oder du hättest ein schönes Leben in Schande begonnen, zusammen mit wem auch immer.“

Während Mr Hastings sprach, hatte er die Hände in seinem Schoß verschränkt und er blickte einzig und allein Guinievaire an, obwohl er doch Alex all jene albernen Vorhaltungen ebenso hätte machen müssen. Weil er jedoch Lord Lovett war und selbst von seinen schlimmsten Feinden mit Respekt behandelt werden musste, bezichtigte er lediglich die eigene Tochter. Was nicht klug war von ihm, selbstverständlich, denn bei jener handelte es sich um Lady Lovett und Alex mochte es genauso wenig ausstehen, wenn man seine Ehefrau nicht absolut gebührend behandelte.

„Ich lebe mit niemandem in Schande,“ erwiderte Guinievaire mit zusammengezogenen, beleidigten Augenbrauen. „Ich habe Alex geheiratet, wie du es wolltest, und dann haben wir den Winter in Italien verbracht, weil es kalt war in London.“ Um zu beweisen, dass sie die Wahrheit sprach, hatte sie die Hand gehoben, an der ihre Ringe steckten, und präsentierte sie dem misstrauischen Vater, indem sie ihm ihre langen Finger entgegenstreckte.

Dieser betrachtete die beiden silbernen Stücke für einen Augenblick lang sehr interessiert, wobei er sich nach vorne beugte und den faltigen Hals dehnte. Schließlich nickte er, dann fiel jedoch sein eisiger Blick zum ersten Mal auf Alexander. „Ist es wahr?“ überprüfte er, der immerhin wusste, dass seine Tochter ihn anlog ohne mit einer winzigen, schwarzen Wimper zu zucken.

Alex nickte lediglich, dann küsste er Guinievaires Stirne und fuhr ihre Taille mit einer Hand hinauf und hinab, um zu demonstrieren, dass er sie nun anfassen konnte, wie es ihm gefiel und wo immer er wollte. „Sie ist meine Frau,“ bestätigte er ausgesprochen selbstzufrieden.

„Sie ist ihre Frau,“ wiederholte Mortimer daraufhin leise, der Blick mit einem Mal schrecklich gierig. „Sie ist Lady Lovett.“ Lange schien er über diese neue, für ihn im Grunde mehr als erfreuliche Tatsache nachdenken zu müssen, die alten Hände gefaltet. Guinievaire und Alex tauschten derweil einen ratlosen Blick aus. „Herzlichen Glückwunsch,“ beschloss er dann schließlich.

„Nun, wir danken für die herzlichen Worte,“ erwiderte Mr Hastings Tochter, die zugleich verwirrt und gekränkt sein musste, denn hatte sie nicht endlich getan, was ihr Vater von ihr verlangt hatte? Dafür bekam sie nicht mehr als kühle Glückwünsche von ihm.

„Ich werde Thomas schreiben,“ bemerkte er weiterhin, während Alex dieser Szene familiären Ungemachs wortlos beiwohnte, heftig darauf hoffend, sie wäre bald vorüber, denn nun wo alles gesagt war, wollte er seine Braut so bald wie möglich über die Schwelle von Lovett Residence tragen.

„Er wird entzückt sein,“ meinte Guinievaire trocken.

Mr Hastings ignorierte diese Spitze vollkommen. „Es gibt Briefe für dich in deinem Zimmer,“ verkündete er mit einer schnellen, beiläufigen Kopfbewegung zur Türe. „Geh und sieh sie dir durch. Ich habe derweil noch einige Fragen an Lord Lovett.“

Wie er sie befehligte, gefiel Alex ganz und gar nicht, aber seine Frau hatte viele Jahre lang nur diesen Tonfall gekannt von ihrem Vater, also gehorchte sie gänzlich unüberlegt, nachdem sie sich von ihrem Mann gelöst und zum Abschied sanft seine Finger geküsst hatte. „Ich bin sofort bei dir,“ rief Alex ihr zu, als sie den Raum verließ, wobei Guinievaire lediglich schwach lächelte und zugleich sehr schwer seufzte. Ungeduldig blickte er dann, als sie niedergeschlagen gegangen war, seinen Schwiegervater an, denn nun wollte er seine Ehefrau ausgesprochen eilig von diesem schlechten Ort fort bringen.

Mr Hastings bedeutete ihm mit einer kurzen Bewegung seiner alten Hand, sich auf den grausigen Sessel zu setzen, auf dem er schon immer Platz genommen hatte, hatten sie über Guinievaires Zukunft verhandelt, aber diesmal lehnte Alex das Angebot kühl ab. Die Zeiten, in denen sie Verbündete gewesen waren, waren immerhin lange vergangen.

„Wir sind eben erst in London angekommen,“ erklärte er dabei. „Ich und Guinievaire würden gerne nach Hause fahren.“

Derartige Einwände interessierten Mr Hastings, der bemerkenswert stolz war für einen gebrechlichen Mann, den man im Allgemeinen behandelte wie einen Aussätzigen, nicht im Geringsten, daher überging er die vorsichtigen Einwände seines Schwiegersohns ganz einfach und bohrte stattdessen weiter, während Alex beharrlich und unbequem mitten im Zimmer stand und an die traurigen Augen seiner schönen Frau dachte.

„Wird es eine offizielle Bekanntmachung geben?“ wollte er zunächst erfahren, wofür es einen einfachen Grund gab: er wollte, dass die ganze Stadt von der herausragenden Partie seiner Tochter erfuhr, damit er sich rühmen konnte. Dass es unweigerlich dazu kam, es ließ sich leider nicht umgehen, denn auch Alexander hatte ein sehr großes Interesse daran, ganz London mitzuteilen, dass er sich mit der Eiskönigin vermählt hatte. Er nickte also widerwillig.

„Es wird in der Zeitung erscheinen,“ erwiderte er. „Und Guinievaire und ich möchten außerdem ein nachgeholtes Fest geben für unsere Freunde und die Verwandtschaft.“ Mr Hastings würden sie dabei wohl oder übel auch einladen müssen, was dieser natürlich sofort ebenso gut wusste wie Alexander. Ausgesprochen zufrieden nickte er und grinste dabei sogar selbstherrlich.

„Ist sie schwanger?“ fragte er dann etwas plötzlich.

Auf eine derartige Direktheit war Alex nicht gefasst gewesen, deswegen legte er unwillkürlich die Stirn in Falten. Zudem hatte er noch niemals darüber nachgedacht, ob seine Frau schwanger war oder nicht oder ob sie es gar sein sollte. Es war wohl eine Möglichkeit, denn sie beide waren kaum vorsichtig und sie waren es noch niemals gewesen. Zugleich hatte Alex jedoch schon seit vielen Jahren Sex mit Guinievaire und daraus hatten sich noch niemals Konsequenzen ergeben, denn dank ihrer einseitigen Diät und ihres ungesunden Lebenswandels funktionierte ihr Körper nicht, wie er funktionieren musste, wollte sie ein Kind empfangen. In letzter Zeit war es jedoch wesentlich ruhiger und gesünder um sie gewesen oder etwa nicht? Vielleicht war sie schwanger und sie hatte es ihm noch nicht gesagt oder sie wusste es noch nicht oder aber sie war weit entfernt davon. Wenn sie es nicht war, sollte er sich dann darum kümmern? Zugegebenermaßen war Alex mit einem Mal ein wenig verwirrt.

„Nein,“ antwortete er schließlich, wobei er sich bemühte, überzeugt zu klingen. Zu Hause und gemeinsam mit seiner Frau würde er alle Entscheidungen dieses neue Thema betreffend machen, hatte er derweil beschlossen und er würde ganz bestimmt nicht mit ihrem grausigen Vater darüber sprechen, ob Alex Kinder zeugen sollte oder wollte mit seiner Braut.

Mr Hastings war wohl etwas enttäuscht von dieser Antwort, denn sicherlich wollte er Guinievaires Status als Lady Lovett so bald wie möglich durch einen Nachkommen gefestigt wissen. Auch seine nächste Frage ließ auf ein weiterhin großes Misstrauen schließen:

„Sie werden sie mit ihr doch nicht verfahren, wie sie es mit dem Sharp-Mädchen getan haben?“ überprüfte er vorsichtig und zugleich sogar warnend.

Auch diese berechnende Frage verblüffte Alex, wo er eigentlich auf sie hätte gefasst sein sollen, denn immerhin verstand Mr Hastings nichts und er wusste auch nichts von der Beziehung, die Lord Lovett zu seiner bezaubernden Tochter hatte: dass er sie anbetete, dass sie ein Teil von ihm war, dass alles, was zuvor geschehen war, einzig Vorbereitung gewesen war für Guinievaire, dies hatte Mortimer niemals begriffen.

Beinahe hätte Alex gelacht. „Ich werde sie behalten,“ versprach er recht oberflächlich, dabei steckte er die Hände in die Hosentaschen und machte sich endgültig bereit zu gehen, denn er war müde und er sehnte sich nach Hause, außerdem hatte er sich nun lange genug quälen lassen. „Ich werde sie behalten und ab sofort ist sie ein Teil meiner Familie, Ihre Einmischung ist also nicht länger erwünscht. Halten sie sich fern von ihr,“ befahl er fröhlich, wo er doch nicht länger höflich sein musste zu ihm, immerhin verfügte Mr Hastings nicht länger über das, was Alex am meisten wollte. „Auf Wiedersehen,“ sagte er, dabei kehrte er seinem Schwiegervater bereits den Rücken zu.

„Auf Wiedersehen,“ erwiderte dieser ohne weitere Proteste.

Als Alex wieder auf den Flur hinaustrat, musste er feststellen, dass dieses absolut sinnlose, wenn auch zumindest etwas befriedigende Gespräch ihn trotz seiner kurzen Dauer dennoch merkwürdig angestrengt hatte und nun fühlte er sich umso erschöpfter, während er eilig auf Guinievaires Mädchenzimmer auf der linken Seite des Ganges zusteuerte. Obwohl es erst Mittag war, verspürte er mit einem Mal das dringende Verlangen, seine Frau mit nach Hause zu nehmen, sich um nichts mehr zu scheren, sie auszuziehen und den ganzen restlichen Tag mit ihr in seinem eigenen Bett in seinem Haus in seiner Heimatstadt zu verbringen, anstatt tausend Besuche zu machen, wie sie es ursprünglich geplant hatten. Einerseits war er natürlich durchaus sehr froh darüber, endlich wieder in London zu sein. Dabei hatte er jedoch bisher noch nicht wirklich durchdacht, dass diese Rückkehr zugleich bedeutete, dass er seine geliebte Frau, die seit eineinhalb Jahren keinen Fuß mehr in diese Stadt gesetzt hatte, ab sofort wieder teilen musste mit unzähligen Bekanntschaften und Freunden und neugierigen Gratulanten. Durchaus hatte er mit ihr angeben wollen, dennoch machte ihn die Vorstellung missmutig, als er sich seufzend endlich wieder zu ihr gesellte.

Guinievaire saß am Fuße ihres Bettes in ihrem bunten Zimmer und sie hielt ein aufgeschlagenes, zerknittertes Schreiben in den langen Fingern, dabei blinzelte sie etwas nervös, sah auf den Boden und war inzwischen besorgniserregend kalkweiß gefärbt.

„Was ist mit dir, Engel?“ wollte Alex also sofort wissen, als er auf diesen traurigen Anblick inmitten der vielen rosa Blumen und der goldenen Verzierungen ihres ehemaligen Zimmers stieß. Hastig machte er drei Schritte auf sie zu und kniete sich zu ihr herab, die Hände auf ihre Knie legend.

„Dieser Brief ist für mich gekommen,“ erwiderte sie mit stumpfer Stimme. Sie zog die Augenbrauen zusammen, als dachte sie nach, während sie Alex das Stück Papier übergab. Als er es überflog, richtete er sich unwillkürlich wieder auf und all seine Muskeln wurden steif und wütend dabei.

Natürlich handelte es sich um einen Brief des lange vergessenen Stallburschen und natürlich waren seine unbeholfenen Zeilen nichts als absolut armselig. Wie Alex es sich dringend erhofft hatte, hatte er Guinievaires Brief scheinbar niemals erhalten, hatte aber dennoch über den hilfreichen Gärtner erfahren, dass sie sich mit Alex verlobt hatte und mit ihm abgereist war, und nun fühlte er sich furchtbar betrogen und hintergangen von ihr, die nichts falsch gemacht hatte. Der Ton, den er dabei anschlug, war vorwurfsvoll und weinerlich und zugleich verriet dieser lachhafte Mensch doch mit jedem einzelnem Satz, wie rettungslos und traurig er nach wie vor in Lady Lovett verliebt war. Ich versuche, dich zu hassen, schrieb er sehr dramatisch, weswegen Alex beinahe die Augen verdreht hätte. Was versprach er sich überhaupt davon, ihr noch einmal zu schreiben und was versprach er sich zudem noch von einem Treffen? Glaubte er nicht, sie habe ihn eiskalt verlassen? Er war lächerlich und armselig, mehr nicht.

„Wovon spricht er überhaupt?“ meinte Alex gespielt verwirrt, denn Guinievaire erfuhr besser nicht, dass ihr Ehemann durchaus in der Lage war, alles zu rekonstruieren, was ihrem Stallburschen widerfahren sein musste, weil Alex in diese Affäre nun einmal wesentlich mehr involviert war, als sie es ahnte. „Du hast ihn gebeten, zu kommen und er ist nicht aufgetaucht.“

Seine Frau streckte daraufhin eine dünne Hand nach dem Brief aus, dabei gefiel ihm der Ausdruck auf ihrem blassen Gesicht ganz und gar nicht und das Blatt wollte er ihr deshalb auch nicht zurückgeben. Vielmehr wollte er es in tausend wertlose Teile zerreißen. Warum bloß hatte dieser unvorstellbare Idiot ihr noch einmal schreiben müssen, nachdem sie ihn scheinbar schrecklich gedemütigt hatte? Nun würde sie ihn noch einmal sehen wollen, wie er es von ihr verlangte.

„Er ist nicht gekommen, weil er den Brief, den ich ihm damals geschrieben habe, niemals bekommen hat, Alex. Als er in Shropshire ankam, war Tony schon in Bath,“ erklärte Guinievaire ihm, wobei sie auf das Datum und den Ort deutete, welche er rechts oben winzig in einer dünnen Ecke vermerkt hatte. Dies war vermutlich das Einzige, was sie aus diesen Zeilen hatte herauslesen können, immerhin hatte sie keine Ahnung davon, dass ihr ehemaliger Verlobter auf Alex‘ Veranlassung hin von ihrem Gärtner verraten, dass er von diesem mit zahllosen Lügen abgespeist worden war und dass die sorgsam geplante Rettung seiner Verlobten deshalb gescheitert war. Warum er ausgerechnet in Bath gewesen war, um ihren Brief nicht zu erhalten, dies war jedoch auch Alex nicht bekannt, der in dieser einen, kleinen Sache tatsächlich sehr großes Glück gehabt hatte. „Es war nur ein Missverständnis, verstehst du?“ hauchte Guinievaire weiter. „Er wusste überhaupt nicht, dass ich auf ihn warte.“

Großartig, dachte Alex derweil, denn die grünen Augen seiner Frau funkelten sehr verräterisch, denn nun würde sie ihn unbedingt wiedersehen wollen, um ihm zu erklären, dass sie unschuldig war, wobei ihr albernes Spielzeug ihr natürlich alles glauben würde, was sie sagte und schon bald würden sie sich wieder versöhnen. Vermutlich war er sogar in London, das hatte er ihr zumindest geschrieben, und sie konnte ihn sofort besuchen fahren, wenn sie es wünschte. Dies durfte jedoch nicht geschehen. Alex hob beunruhigt beide Augenbrauen und ging dabei hinüber zum Fenster, durch welches er so oft eingestiegen war. Das rostige Gitter für den Efeu, das er dafür stets benutzt hatte, war immer noch an die brüchige Hauswand geschraubt.

„Nun, es spielt keine Rolle,“ sagte er dabei, wobei dieser Satz viel mehr als feste Bestätigung für ihn selbst gedacht war und weniger für seine Frau bestimmt. Ob sie sich nun mit ihrem schmutzigen Pferdejungen aussprach oder nicht, ob sie sich versöhnten und sich wieder verliebten, es spielte keine Rolle, denn sie war trotzdem Alex‘ Frau und sie trug seinen Namen und seinen silbernen Ring am Finger, er würde sie also auf keinen Fall wieder gehen lassen, denn sie gehörte rechtmäßig ihm und keinem anderen. Hatte sie nicht außerdem in den letzten Wochen immer und ständig betont und beteuert, sie liebe nur ihn, ihren Alex? Lag ihr tatsächlich etwas an ihm, dann durfte sie diesen kleinen Mann unter keinerlei Umständen wiedersehen und wenn es sein musste, dann würde er sie in in Lovett Residence einsperren, um sie von ihrem beharrlichen Zwerg fernzuhalten.

„Ich muss mit ihm sprechen,“ verkündete Guinievaire derweil wenig überraschenderweise und Alex legte währenddessen den Brief auf ihren Schreibtisch und verschränkte die Arme. „Er glaubt, ich hätte ihn einfach verlassen und dich geheiratet,“ seufzte sie und machte ihn damit sehr wütend, denn der Pferdejunge hatte sie nicht länger zu kümmern, wie sie es ihm feierlich versprochen hatte.

„Nun, eben dies hast du auch getan, Guinievaire, erinnerst du dich? Du bist meine Frau,“ erinnerte er sie.

„Ich weiß,“ entgegnete sie ihm daraufhin etwas empört.

Alex wandte sich ihr prüfend wieder zu, wobei er bemerkte, dass der silberweiße, gesunde Unterton, der sie üblicherweise leuchten ließ, in ihr herrliches Gesicht zurückgekehrt war und auch ihre Wangen strahlten unter ihrem Rouge. Sie war glücklich, dachte er, glücklich darüber, dass sie nicht verlassen worden war von ihrer wahren Liebe. In all den letzten Wochen, als sie seine perfekte Ehefrau gespielt hatte, hatte sie ihn lediglich angelogen, warum auch immer. Dies war bitter für ihn, natürlich.

„Tust du das? Wirklich?“ zischte Alex also. Sie konnte nicht gelogen haben, erinnerte er sich dabei wieder, denn er hatte sie gesehen, sie hatte alles für ihn getan, sie war ihm zugetan gewesen wie noch niemals zuvor und hatte ihm alles versprochen. Wieso konnte er sich nicht mehr sicher sein? Früher einmal hatte er niemals gezweifelt an ihrer unerschütterlichen Liebe.

Guinievaire erhob sich sogleich und neigte dabei den Kopf warnend auf die rechte Seite. „Du bist eifersüchtig,“ stellte sie nüchtern fest.

„Natürlich,“ erwiderte Alex, denn seine Motive waren kaum kompliziert und sie kannte sie besser als jeder andere. Immerhin war er ständig eifersüchtig und dies war er immer nur, wenn es um sie ging – er konnte es nicht ausstehen, wenn sie sich in der Nähe von anderen Männern aufhielt oder mit ihnen sprach und deshalb gefiel ihm auch ganz besonders jene Tatsache nicht, dass sie sich ab sofort wieder in der Nähe des Mannes aufhalten und mit ihm sprechen wollte, mit dem sie einmal verlobt gewesen war.

Verzweifelt hob sie die Hände in die Luft. „Ich möchte nur mit ihm sprechen,“ verteidigte sie sich. „Ich möchte ihm erklären, was vorgefallen ist. Er soll nicht glauben, ich sei ein rücksichtsloses Ungeheuer, Alex.“

„Und dann wirst du ihm sagen, dass ich lediglich deine Notlösung bin,“ gab dieser ungewöhnlich direkt und offen zurück, vermutlich weil dies tatsächlich der schrecklichste Gedanke von allen war, die Alex über sich selbst, seine Frau, Ford und ihre Ehe hegte, dass er nicht mehr war als die zweite Wahl, wo sie doch den Stallburschen nicht hatte haben können. Trotzig steckte er die Hände in die Hosentaschen und befürchtete eine Bestätigung, nun wo er diese grausige Vorstellung laut ausgesprochen hatte.

„Alexander!“ rief Guinievaire ernsthaft beleidigt. „Wie kannst du so etwas sagen? Hast du den Brief nicht gelesen? Treffe ich mich nicht mit ihm, dann wird er eines Tages einfach an unserer Türe klingeln.“

„Nun, das würde er bereuen,“ knurrte Alex als Antwort, dabei malte er sich bereits in bunten Farben aus, was er mit Ford tun würde, tauchte er tatsächlich unvorhergesehen auf seinem Grundstück auf.

Einen Augenblick lang glitzerten Guinievaires schöne, grüne Augen so gefährlich, dass Alexander sich sicher war, sie würde endgültig die Geduld mit ihm und seinen grausamen Ängsten verlieren, dabei warf sie den Kopf zurück und schlug ihre dunklen Wimpern schnell und heftig auf und ab, wobei sie ihn streng ansah.

„Liebling,“ hauchte sie dann jedoch in einem bettelnden Tonfall, während sie auf ihn zuging, seine Hände aus den Hosentaschen zog und um ihre Mitte legte. „Liebling, ich will diese dumme Sache doch nur so schnell ich kann für immer aus der Welt schaffen.“ Währenddessen strich sie über seine Brust und streckte den Hals, um sanft den seinen zu küssen, dabei schob sie ihr Becken ein wenig nach vorn. „Ich will alles mit ihm klären und ihn hinter mir lassen, damit ich mich einzig und allein auf dich konzentrieren kann. Lass mich zu ihm gehen, Alex, bitte. Ich verspreche dir, ich tue alles, was du willst.“

Nun, dies war der magische Satz, bei dem Alexander jedes einzelne Mal schwach wurde und zahlreiche Male davon hatte sie ihm bereits demonstriert, dass es niemals ein leeres Versprechen ihrerseits war, wenn sie ihm diesen Vorschlag machte. Und in diesem Moment wollte Alex tatsächlich so schnell wie nur irgend möglich mit ihr nach Hause fahren und dort hatte er durchaus noch diverse, weitere Wünsche. Er durfte sich jedoch nicht derart leichtsinnig von ihren durchtriebenen Worten beeinflussen lassen. Immerhin war es eine von Guinievaires erfolgreichsten Strategien, Auseinandersetzungen mit ihm ganz einfach dadurch zu lösen, so lange mit ihm zu schlafen bis er sie endgültig vergessen hatte, aber in diesem besonderen Fall war Alex nicht bereit, sofort auf ihr Angebot einzugehen, selbst wenn er damit bereits ein wenig besänftigt worden war.

„Ich will, dass du dich nicht mit ihm triffst,“ antwortete er also stur, obwohl seine Frau sich inzwischen unverschämt fest und kühl gegen ihn drückte und dabei schwer atmete. Mit ihren langen Fingern strich sie mit verführerischem Nachdruck über seine Arme, seine Schultern, seine Brust, den Hals hinauf und weiterhin bedeckte sie sein Gesicht mit kleinen, langsamen Küssen.

„Ich treffe mich morgen mit ihm, nicht länger als eine Stunde, und danach gehen wir essen und ich erzähle dir Wort für Wort alles, was er zu mir gesagt hat und dann fahren wir in den Club und ich sorge persönlich dafür, dass du das Geld bekommst, dass Paul dir schuldet;“ schlug Guinievaire entschlossen, aber versöhnlich, und mit einer tiefen, schnellen Stimme vor, wobei sie hin und wieder pausierte, um ihre Lippen voller Liebe auf die seinen zu pressen. „Und heute fahren wir nach Hause, nach Lovett Residence und wir gehen nicht mehr von dort fort und tun dann den übrigen Tag einzig und allein, was du willst.“

Verflucht, wie sollte Alex sich gegen sie zur Wehr setzen, wenn sie sich ihm derart vernünftig und zugleich verlockend an den Hals warf? Dann traf sie sich eben mit ihm, nur dieses eine Mal, was sollte dabei schon geschehen, holte er sie ab und brachte er sie dorthin? Diese eine Stunde, die sie nicht bei ihm war, würde Alex dann sinnvoll nutzen, um sich etwas ungeheuer Kluges einfallen zu lassen, wie er eventuelle weitere Treffen mit dem Pferdejungen in Zukunft ganz einfach und mühelos unterbinden konnte.

„Nun gut, wenn du darauf beharrst, dann triff ihn,“ gab er also schließlich doch nach, nachdem sie ihm geduldig den Verstand geraubt hatte. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie endlich zurück und dann fuhren sie schließlich mehr als eilig nach Hause, wo er sie tatsächlich über die Schwelle trug, wie er es gewollt hatte. Vielleicht war er zu vorsichtig, überlegte er später in der Nacht, als sie neben ihm schlief, erschöpft und still und sehr schön anzusehen. Vielleicht musste er sich wirklich keine Sorgen um sie und ihre Zuneigung machen, denn wenn Alex sich ganz nüchtern und abgeklärt mit dem Pferdejungen verglich, war dann nicht vollkommen eindeutig, welcher der beiden den heftigen Krieg um Guinievaire gewonnen hatte? Sie war seine Frau und sie liebte ihn. Alex hatte Anthony also mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln geschlagen und er war durchaus bereit, auch weiterhin so skrupellos wie es eben nötig und erforderlich war, vorzugehen. Nichts hatte er zu befürchten, schloss er, dann zog er seine Frau gegen sich und dann schlief auch er ein und er träumte in dieser Nacht und wachte sehr erholt auf.