9 November

 

 

Lieber Tony,

 

 

sicherlich bist du überrascht, von mir zu hören, wenn du diese Zeilen liest, nachdem wir so lange nicht in Kontakt treten konnten. Aber nun da ich endlich aus meiner misslichen Lage befreit worden bin, wollte ich umgehend an dich schreiben, um dich von meiner neuen Situation zu unterrichten: ich schreibe dir tatsächlich aus Italien, um genauer zu sein aus einem kleinen Landhaus in der Toskana, dessen Adresse ich dir beigefügt habe, denn Tony, ich möchte dich zugleich auch um etwas bitten: ich lebe hier mit Alex, der mich mithilfe einer List befreit hat, damit ich nicht länger unter der Obhut meines Vaters stehe. Verstehst du, damit ist der Weg endlich frei für uns, also, bitte, komm zu mir. Ich weiß, in den letzten Wochen hast du mich nicht mehr sehen wollen oder können, aber dies ist endlich eine Chance für uns, die ich wahrnehmen möchte. Ich habe dich sehr vermisst und ich hoffe, es erging dir ebenso, erbarme dich also meiner und komm zu mir. Ich kann es kaum erwarten, dich endlich wiederzusehen, denn, Tony, ich liebe dich. Bitte beeile dich,

 

 

Guinievaire

 

 

Dieser Plan war vollkommener Unsinn. Guinievaire hatte diese Tatsache bereits – oder besser gesagt, erst – an jenem Tag, an dem sie und Alex Paris verlassen hatten, festgestellt: wieso zum Teufel waren sie überhaupt bis nach Italien gefahren? Es war immerhin schrecklich weit fort. Ihr Brief würde also eine lange Reise bewältigen müssen bis Tony ihn erhalten konnte, wobei dieser wiederum eine lange Zeit für seine Anreise benötigen würde, wo all dies doch vollkommen sinnlos war. Hätte nicht Alex‘ Schloss in Wales genügt als Treffpunkt oder hätten sie nicht ganz einfach direkt zu Vickys Haus fahren können, um dort sofort auf Tony zu treffen? Dass sie wieder einmal ohne darüber wirklich nachzudenken getan hatte, was Alex wollte, dies war ein unverzeihlich dummer Fehler gewesen. Denn an den Motiven ihres lieben Freundes konnte bei diesem lächerlichen Plan keinerlei Zweifel bestehen. Niemals hatte er Tony und Guinievaire helfen wollen. Er hatte sie einzig aus dem Grund derart weit fort gebracht, damit er so lange wie nur möglich mit ihr alleine sein konnte und davor hatte er sie ausgerechnet nach Paris gebracht, weil er gewusst hatte, dass sie den herrlichen Versuchungen einer Großstadt nicht widerstehen können würde. Tatsächlich war sie schwach geworden, leicht zu durchschauen wie sie war für Alex, und nun hatte sie den schlimmen Fehler gemacht und dort mit ihm geschlafen. Und mit eben dieser Dummheit hatte sie nun auch jegliche Chance, die sie jemals gehabt hatte, sich Alex auf einer vernünftigen, freundschaftlichen Ebene zu nähern, vollkommen zunichte gemacht. Außerdem hatte sie sich selbst bewiesen, dass weitaus mehr harte Arbeit auf sie zukommen würde, wollte sie endlich ein gutes Mädchen werden. Nicht nur stand sie sich selbst dabei im Weg, ihrem Verlobten endlich gerecht zu werden, sie hatte ihrem mächtigen Gegenspieler in diesem Unterfangen neue Hoffnung verliehen, wo sie doch eigentlich mit ihm hatte Frieden schließen wollen. Nun hatte sie erneut tausende von Gründen, ihm gegenüber misstrauisch zu sein, besonders weil er sich in der letzten Zeit seltsam ruhig und gelassen verhalten hatte. Befriedigt und entspannt, wie er es nun dank ihr war, konnte er wieder voll und ganz teuflisch sein, auf seine berechnende, gefährliche Art und Weise und nicht auf jene fahrige, die sie leicht durchschauen konnte. Was blieb ihr also noch zu tun, als an Tony zu schreiben und heftig zu hoffen, er würde bald auftauchen? Während sie auf ihn wartete, bemühte sie sich derweil, den liebsten Freund auf unmöglicher Distanz zu halten: seit ihrem Tag in Paris bemühte sich sich tatsächlich ununterbrochen um Streit, provozierte ihn, wo sie konnte, war kühler und abweisender als jemals zuvor und betonte immer und immer wieder, dass sie einzig und allein Tony liebte. Aber egal wie verzweifelt sie versuchte, eine sichere emotionale Distanz zu Alex zu wahren, der all ihre Launen und Anfälle weiterhin mit einem unheimlichen Gleichmut ertrug, sie hatte ebenso sehr mit sich selbst zu kämpfen und mit der Nähe, die sie für eine kurze Nacht wieder zugelassen hatte. Denn Alex ließ sich nicht leicht vergessen, wie sie es für eine Zeit lang versucht hatte, ganz einfach weil er die Gabe besaß, sich in einem Teil von ihr festzusetzen, den sie nicht erreichen konnte, unter ihrer Haut und in ihrem Brustkorb und ihrem Kopf, jedes einzelne Mal, wenn er sie berührte, und dann steuerte er von dort aus lange all ihre Gedanken und führte sie beharrlich zurück zu ihm. Er war der einzige Mensch, den sie jemals von ganzem Herzen geliebt hatte, sie hatte es wieder gewusst, als sie mit ihm geschlafen hatte. Aber sie konnte dennoch nicht wieder zu ihm zurückkehren, der keine Befürchtungen hegen musste. Stets hatte Guinievaire es ihm unendlich leicht gemacht, hatte ihn angebetet und ihn verwöhnt mit Liebesbekundungen, während er sie schlimm gequält hatte. Niemals war sie zu ihm gewesen, wie sie Tony behandelt hatte. Vielmehr war sie handzahm und artig geworden für ihren Alex, der zugleich ein strenger und sturer Liebender gewesen war, von Eifersucht zerfressen und verschlossen über die Maßen. Und dennoch, wie auch immer es möglich gewesen war, während sie zusammen gewesen waren, hatte eine geradezu perverse Harmonie zwischen ihnen geherrscht, was derzeit auch Guinievaire drängendstes Problem war, denn wann immer sie sich an die Zeiten erinnerte, als sie Alexander Lovetts liebendes Kätzchen gewesen war, da dachte sie nicht an die Tage des Endes, an seine Intrigen und an den Schmerz und nicht an die tausend Höllen, die sie für ihn durchschritten hatte. In ihrer unendlichen Dummheit schien sie all dies langsam und beständig zu vergessen.

Den fertigen Brief, den sie alleine im Garten verfasst hatte, übergab sie noch am gleichen Tag einem der Hausangestellten, der sich um die Essenslieferungen kümmerte und daher hin und wieder in die nächste, weit entfernte Stadt fuhr, wo er ihn hoffentlich noch heute auf den langen Weg nach England schicken würde, zusammen mit den zahlreichen Schreiben, die der Hausherr verschickte. In dem Moment, in dem der junge Mann sich pflichtbewusst verabschiedet hatte, kehrte Guinievaire so schnell wie möglich wieder in ihr warmes, quadratisches Zimmer in Alexanders prachtvoller, unfassbar italienischer Villa zurück. Sie versuchte ihrem besten Freund so weit es eben möglich war aus dem Weg zu gehen, nicht mit ihm zu sprechen und ihm keinesfalls die Gelegenheit zu geben, sie noch einmal mit seinen ausgesprochen wirkungsvollen Worten zu verführen, so wie er es in Paris getan hatte. Unglücklicherweise gab es jedoch nicht viel in diesem Haus, womit sie sich hätte ablenken können. Ohne jeglichen Zweifel war es ein herrliches Anwesen, aber es war weit fort vom Rest der stillen Welt und man konnte nur zu ihm gelangen, wenn man zunächst eine sehr lange Zeit einen sanften Berg in verschlungenen Serpentinen hinauf fuhr. Das Haus lag dann von einer beinahe orange gebrannten Mauer umgeben an der Seite jenes Hügels und an sein Hintertor grenzten ein kleiner Wald und eine winzige Hütte, die noch zum Grundstück gehörten. In diesem Wald wiederum gab es einen kreisrunden Fischteich, was Guinievaire bekannt war, weil sie tatsächlich Spaziergänge dorthin unternommen hatte, stundenlang, nur damit sie Alex nicht sehen musste. In dem gepflegten Garten innerhalb der Mauern, der ihr jedoch im Vergleich zu Marions Wunderwerk in Shropshire seltsam zahm und farblos erschien, standen raue Bänke unter uralten Bäumen und unter der erhöhten Veranda gab es inmitten von sorgfältig zugeschnittenen Büschen einen sehr beeindruckenden Brunnen aus Sandstein, der eine klassische Form hatte, der aber wegen der vorangeschrittenen Jahreszeit bereits abgeschaltet war. Dort hatte Guinievaire sogar angefangen, im Grünen sitzend zu malen, in einen dicken Schal gehüllt, denn es war zwar noch sonnig in Italien, es war aber auch nicht mehr sonderlich warm. Manchmal, wenn sie Glück hatte, saß Alex in der Bibliothek und nicht im Wohnzimmer und dann hatte sie Gelegenheit dazu, auf dem kleinen, bemalten Cembalo zu spielen, das dort stand und etwas verstimmt war. Es gab auch viele Bücher in diesem Haus, weswegen Guinievaire viel las, wobei sie immer in ihrem Bett auf ihrem Zimmer blieb, aber mindestens einmal am Tag war es meist unvermeidbar, den Besitzer ihres derzeitigen Unterschlupfs doch zu treffen. Denn Guinievaire aß vielleicht nicht sonderlich viel, einmal am Tag bekam sie jedoch Hunger und weil Alex, der absolut brillant in diesen berechnenden Spielen war, feste Essenszeiten für dieses Haus angesetzt hatte, zu denen die Mahlzeiten im Esszimmer aufgetragen wurden, brachte er sie damit dazu, wenigstens einige, wenige Minuten gemeinsam mit ihm zu verbringen. Guinievaire bemühte sich redlich darum, diese Zeit zur schlimmsten seines Tages zu machen, aber egal wie grauenhaft sie sich benahm, seine Anwesenheit beeinflusste sie selbst auf eine Art und Weise, die sehr beunruhigend war.

Und auch heute war dies scheinbar wieder einmal der bedauerliche Fall. Gemeinsam nahmen sie an diesem Tag eine Art verspätetes Mittagessen zu sich, wobei Alex am Kopfende des Tisches saß und stumm aß und trank und sie weitestgehend ignorierte, wo er doch mittlerweile gut verstanden hatte, dass sie in ihrem derzeitigen, trotzigen Zustand unnütz für ihn war. Dies gab ihr jedoch wiederum die Möglichkeit, ihn über ihren Tellerrand hinaus genau zu beobachten. Er trug ein tiefrotes Jackett, darunter ein schlank geschnittenes Hemd mit einem dunkelbraunen Paisleydruck und einer schwarzen Krawatte, dabei setzte sich seine Haut unglaublich weiß und hübsch von den gedämpften Farben ab. Seine langen, dichten Wimpern flackerten, während er mit seinen kräftigen Fingern das Essen zurecht schnitt. Guinievaire spitzte unzufrieden die Lippen. Was für ein verfluchter und zugleich ärgerlich wunderhübscher Mensch er doch war, dachte sie ungehalten und hätte beinahe geseufzt, denn der ganze, lange Tisch stand zwischen ihnen und früher hätten sie niemals auf diese Art gegessen. Vielmehr hätte sie auf seinen Knien gesessen und hätte sein Haar gestreichelt und dann hätte sie Wein und Soße von seinen Lippen geleckt. Nun, jene Zeiten waren wohl vorbei und es war gut, dass sie das waren und das wusste sie auch, aber es änderte dennoch nichts an ihren ungehörigen Gedanken in diesem Moment.

Wie nur hatte sie nur so dumm sein können, zu glauben, sie könne einfach so nicht mehr als Sex mit Alexander haben? Sie war betrunken gewesen, dies war die einzige vernünftige Erklärung, denn immerhin hatte sie es zuvor sehr lange fertig gebracht, ihrem Freund zu widerstehen. Nun, wo sie wieder schwach geworden war, konnte sie selten an etwas anderes denken als an Paris, weil es sich unglücklicherweise nicht von der Hand weisen ließ, dass die Stunden, die sie dort mit ihm verbracht hatte, die glücklichsten und erfülltesten seit einer sehr langen Zeit gewesen waren. Er hatte recht mit dem, was er am nächsten Tag zu ihr gesagt hatte: Es könnte jeden Tag so sein.

Plötzlich hob Alex seinen herrlichen Kopf und sein Blick traf den ihren, woraufhin Guinievaire beschämt und mit weiten Augen eilig auf ihre winzige Portion Fleisch starrte, während sie förmlich spüren konnte, wie sich ein grimmiges Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.

„Du hast ihm heute geschrieben, nicht wahr?“ sagte er und seine Stimme klang glatt.

Guinievaire wollte ihn nicht ansehen, sie war sich aber sicher, dass er ausgesprochen selbstzufrieden aussehen musste in diesem Moment. Denn immerhin war mehr als eine volle Woche vergangen, seitdem sie hier angekommen waren und damit hatte sie erst bemerkenswert spät den Kontakt zu ihrem Verlobten wieder aufgenommen. Sie war sich ganz einfach nicht sicher gewesen, ob sie es wirklich wagen wollte. Schließlich bestand, nachdem Tony sie bereits in Shropshire im Stich gelassen hatte, die nicht zu vernachlässigende Chance, dass sie sich mit diesem Schreiben vollkommen lächerlich machte, denn vielleicht wollte er sie niemals wiedersehen. Der Gedanke, von Anthony Ford aufgegeben worden zu sein, schreckte sie, aber am Ende hatte doch ihre eigene Sturheit gewonnen. Ebenso sehr wie sie ihren sanften, harmlosen Tony wiedersehen wollte, wollte sie auch Alex spüren lassen, dass sich nichts an ihrem vernünftigen Entschluss geändert hatte durch ihre gemeinsame Nacht.

„Ja, das habe ich getan,“ erwiderte sie also etwas kühl und sah ihm nach wie vor nicht in die dunklen Augen. „Ich werde mich nur noch einige Wochen gedulden müssen bis ich ihn wieder habe.“

Alex, der früher schon wegen derart winziger Anspielungen verrückt geworden wäre, überging ihre leeren Spitzen inzwischen mit triumphaler Gleichgültigkeit. „Nun, dann ist dieser Alptraum wenigstens bald schon vorbei,“ seufzte er, auf ihre leeren Worte eingehend, anstatt offen zu sagen, was er in diesen Wochen mit ihr zu tun beabsichtigte.

„Wenn es eine derartige Qual für dich ist, mit mir hier Zeit zu verbringen, dann kannst du gerne wieder abreisen,“ bot sie ihm daher eiskalt an. Wäre er doch zumindest ehrlich zu ihr, würde er ihr doch erklären, was er wollte, würde er verhandeln und ein einziges Mal offen mit ihr sprechen, dann wäre sie nicht derart angespannt ihm gegenüber, wie sie es eigentlich nicht sein wollte, denn Guinievaire liebte ihren Alex und sie war ihm nicht gern böse. Er schwieg jedoch und war böse zu ihr und heimlich konspirierte er, weswegen sie ihn und seine Absichten beständig fürchten musste.

„Aber wenn ich nach Hause zurückfahre, dann wird dein Vater sehr schnell wissen, dass wir ihn belogen haben,“ sagte Alexander und selbst wenn Guinievaire ihn auch weiterhin keines Blickes würdigte, war sie sich doch sicher, dass er ein wenig amüsiert klang.

„Das wird er ohnehin bald wissen,“ bemerkte sie ungehalten. „Dieser ganze Plan, den du dir ausgedacht hast, war vollkommen überflüssig.“

„Das war er von deinem Standpunkt aus betrachtet,“ wurde sie sogleich korrigiert, weswegen sie ihn wütend ansehen musste, während er ein mehr als unschuldiges und zugleich erhabenes Gesicht aufgesetzt hatte. Wie schrecklich dieser Aufenthalt doch war und wie schön er hätte sein können, hätte sie sich nur ein einziges Mal kontrollieren können! Niemand vermochte es, ihr die Zeit zu vertreiben, wie ihr liebster Freund es beherrschte, aber sie hatte sich selbst um seine herrliche Gesellschaft gebracht und nun konnten sie nicht eine Minute miteinander verbringen, konnten nicht gemeinsam essen oder lesen oder spielen oder sprechen.

„Ich hoffe, er wird noch vor Weihnachten hier sein,“ seufzte sie schließlich leise. Hier konnte sie ihr liebstes Fest auf keinen Fall verbringen, selbst wenn dies im Grunde lediglich bedeuten würde, dass es in alter Tradition auch dieses Jahr wieder ganz furchtbar werden würde.

„Ich hoffe, er verdirbt uns nicht den vierzehnten Dezember,“ entgegnete Alexander hingegen unbeschwert.

Wie zum Teufel war es ihm nur möglich, so gut gelaunt und ausgeglichen zu bleiben im Angesicht der Tatsache, dass Guinievaires Verlobter sehr bald hier auftauchen würde und sie damit für immer aus seiner Reichweite verschwand? Alex glaubte ganz offensichtlich nicht einmal eine einzige Sekunde daran, dass Tony tatsächlich kommen würde und je mehr sie in dunklen Stunden einsam und allein darüber nachdachte desto weniger war auch Guinievaire sich sicher, ob ihr Verlobter noch zu ihr stand. Allein die Hoffnung blieb ihr noch.

Derweil gab es nicht das Geringste, was sie auf diese niederträchtigen Worte hin hätte erwidern können, denn sie stellten sogleich schreckliche Dinge in ihrem Kopf an: sofort musste sie an Alex‘ Art zu Küssen denken, dann an seine Hände, an Paris, an das Palace, an sein Bett in Lovett Residence, an das ihre in Hastings House und daran, was er erst vor Kurzem zu ihr gesagt hatte: sie könnten jeden Tag nebeneinander aufwachen und dann mussten sie auch nicht aufstehen, wenn sie es nicht wollten. Niemand war hier, der sie verurteilen konnte oder trennen wollte. Sie könnte jede Nacht neben ihm einschlafen und jeden Morgen neben ihm aufwachen.

Wortlos erhob sich Guinievaire vom Tisch und verließ das Zimmer, um sich in ihr eigenes zu retten. Dort sagte sie sich, nachdem sie sich verzweifelt in ihre Kissen geworfen hatte, ein Mantra vor, welches sie bisher an absolut jedem Tag, seitdem sie hier war, gebetsmühlenartig in ihrem Kopf wiederholte: er ist egoistisch, er ist herrisch, er ist eifersüchtig. Er wird sich selbst immer mehr lieben, als er dich liebt. Er hat keinen Respekt vor dir und glaubt, er könne dich besitzen wie seinen Wagen und sein Haus. Er ist verschlossen und unberechenbar. Du hast etwas Besseres verdient.

 

 

Sieben Monate war Tony nun schon hier in Shropshire und diese sieben lange Monate durften wohl absolut unbestritten die schrecklichsten seines ganzen, kurzen Lebens gewesen sein. Den letzten Monat, seitdem man ihm enthüllt hatte, dass er sich mit einer Frau verlobt hatte, die ihn über die gesamte kurze Zeit, die sie sich gekannt hatten, angelogen hatte, hatte Tony schlicht und einfach nichts getan, wobei er ganz besonders nicht weiter mit Victoria oder Robert über dieses Thema gesprochen hatte, denn selbst wenn die beiden sicher zahllose Geschichten über Guinievaire und Alexander kannten, sie interessierten Tony doch nicht im Geringsten. Er hatte beschlossen, dass er wütend auf seine Liebste sein wollte und deswegen hatte er sich aus den sehr wenigen, sehr winzigen Informationen, die ihm mittlerweile endlich bekannt waren, eine ganz eigene Geschichte konstruiert: Guinievaire Hastings kannte Alexander Lovett seit ihrem Debüt vor drei Jahren. Er hatte sie verführt, wie er es mit zahllosen anderen Mädchen vor ihr getan hatte, und Guinievaire war dumm und naiv genug gewesen, um sich in ihn zu verlieben, während Alexander sie länger behielt als die anderen, weil sie schön und aufregend war, jedoch keinerlei tiefere Gefühle für sie hegte. Die Tatsache, dass Vicky Tony versichert hatte, Lovett bete Guinievaire an, hatte er bequemerweise wieder verworfen. Dennoch ergab diese zornige Version von Guinievaires und Alexanders Romanze leider recht wenig Sinn und konnte sehr viele Dinge nicht erklären, weswegen parallel dazu eine weitere, wesentlich tröstlichere Phantasie entstanden war, in der Guinievaire erkannt hatte, wie schlecht Lord Lovett für sie war und sie sich für Tony, der sie soviel besser behandelte, von ihm getrennt hatte. Auch diese Variante war natürlich Unsinn, denn immerhin war es ein unleugbarer Fakt, dass Guinievaire nun mit Alexander verheiratet war und sie Tony voll und ganz vergessen hatte.

Wie viel Zeit verbrachte er nicht damit, darüber nachzudenken, was nicht alles hätte anders geschehen können zwischen ihm und ihr? Was, wäre er ihr niemals in den Reitställen begegnet und was, wäre ihre Flucht an Silvester erfolgreich gewesen? Was, wäre sie damals Tonys Tanzpartnerin auf ihrem Debütantinnenball gewesen, wäre er zugegen gewesen? Meist hatten die Antworten, die er sich auf diese Fragen gab, ein glückliches Ende, denn er liebte Guinievaire und er konnte sie niemals vergessen, einfach weil er es sich geschworen hatte, damals, als er sie im Haus ihrer Tante durch puren Zufall wiedergefunden hatte. Sie und Alexander würden nicht ewig verreist sein und er würde schon bald wieder die Kraft haben, um nach London zurückzukehren. Dort würde er sie dann wiedersehen, wobei er ihr deutlich machen wollte, dass es nicht vorbei sein musste für sie und ihn, all der Lügen und des Ehebruches zu trotz. Sicherlich würde sie ihn mit offenen Armen empfangen, log er sich ausgesprochen gerne an.

Während er dies tat, war er aus dem Haus geflohen, weil Vicky und Robert unerträglich waren in letzter Zeit. Zu Beginn hatten sie bloß langsam damit begonnen, sich zu verstehen, dies war für ihn die weitaus angenehmste Phase ihrer gemächlichen Annäherung gewesen. Wieder einmal hatten sie viel miteinander geredet über recht interessante Themen, und dabei hatten sie nun endlich auch erstmals zahlreiche Gemeinsamkeiten entdeckt und sich nicht länger beständig gestritten, wobei Tonys unauffällige Anwesenheit sie damals noch nicht gestört hatte. Mit der Zeit hatten sie sich jedoch nicht nur miteinander arrangiert, sie hatten sich auch langsam ineinander verliebt auf eine sehr zurückhaltende, vorsichtige und bedachte Art und Weise. Schüchtern hatten sie miteinander geflirtet und winzige Anspielungen gemacht, hin und wieder hatte Rob ihre Hand gestreichelt oder ihren Arm berührt und Vickys große Augen hatten gestrahlt. Diese Zeit war durchaus problematisch gewesen für Tony, selbst wenn er damals oft bei Guinievaires Haus gewesen war, und Vicky und Rob sehr viele endlose Spaziergänge unternommen hatten, um seine immer störender werdende Präsenz zu umgehen. Die Gefühle waren jedoch schon bald heftiger geworden, und daraufhin hatten sie schließlich begonnen, ernsthaft an einer Beziehung zu arbeiten, die sie bemerkenswert vernünftig und solide innerhalb ihrer erzwungenen Ehe errichtet hatten, was Tony ausgesprochen faszinierend gefunden hatte, denn dabei waren sie erschreckend erwachsen gewesen. Sie hatten besprochen, welche Pläne sie hatten, was sie erwarteten, was sie wollten und waren am Ende übereingekommen, dass dies ab sofort eine Ehe war, in der die beiden Eheleute sich liebten. Und nun, wo alles geklärt und dennoch zugleich merkwürdig romantisch war, war Vicky endlich in Roberts großes Schlafzimmer eingezogen. Er konnte also nicht mehr lange hier bleiben, aber ihm fehlte zugleich auch eine neue Richtung. Wie gerne hätte auch er Pläne und Erwartungen gehabt und doch fühlte er nichts weiter als Verzweiflung und Antriebslosigkeit.

Der heutige Tag war dabei besonders grauenhaft. Nicht nur war nach einem herrlichen Sommer der Herbst nun schon seit einigen Wochen schrecklich unbequem und ernüchternd geworden und grau und kalt und voller Regen, Tony fühlte sich auch besonders niedergeschlagen. In seinem alten, schäbigen Mantel, den Guinievaire leidenschaftlich gehasst hatte, fror er ausgiebig, als er mit den Händen in den löchrigen Taschen über das knarrende, frostige Gras schritt und dabei auf den Boden starrte. Die stechende Luft brannte in seiner Nase und schmerzte an den Ohren, aber er konnte nicht im Haus am Feuer sitzen, denn er konnte einfach nicht in der Nähe der glücklich verliebten Vicky und ihres Mannes sein. Ein wenig Kälte war nichts gegen das Unbehagen, das ihm der Anblick seiner beiden Gastgeber derzeit bereitete. Neben einem grauen Baum hielt er inne und ließ den Blick ein wenig schweifen. Alles war braun und dunkel, also ganz und gar nicht mehr so, wie damals, als er in Shropshire angekommen war und die neue Umgebung ihm eine derartige Freude bereitet hatte. Natürlich wusste Tony, dass er sich lächerlich benahm. Sie war fort, sie hatte ihn für den großen Lord Lovett verlassen und vergessen und niemals wieder würde sie ihn auch nur für wenige Sekunden ansehen, aber wenn er in der Lage gewesen wäre, den Schmerz einfach mit Vernunft zu überwinden, dann hätte er es auch getan. Er konnte es jedoch nun einmal nicht.

Einer der Burschen aus dem Haus kam über die Veranda auf ihn zu und winkte mit einem Arm, als halte er etwas in den Händen. Tony verdrehte deswegen ein wenig die Augen. Er wäre gerne etwas alleine, war das denn wirklich so schwer zu verstehen? Missmutig nahm er die Hände aus den Taschen und rieb sie sich, machte aber keinerlei Anstalten, dem jungen Mann entgegen zu kommen. War er etwa ein wenig verbittert geworden? Nun, es wäre wohl möglich: früher war er zu allen Menschen stets und immer freundlich und höflich gewesen, aber allein der Gedanke erschien ihm inzwischen unerträglich. Deswegen murrte er auch nur ein winziges Dankeschön, als der Junge ihn endlich erreicht und ihm einen zerknitterten Brief übergeben hatte, auf dem in roten Lettern das Wort Dringend und sein Name und die Adresse von Hatsfield Park standen. Tony kannte die kleine, ungerade Handschrift, hatte sie aber schon eine sehr lange Zeit nicht mehr vor Augen gesehen, also riss er mit klopfendem Herzen das Kuvert auf, während der Überbringer wohl einsah, dass man ihn nicht mehr benötigte und den abgelenkten Tony sich schließlich wieder selbst überließ. Mit zitternden, schmerzenden Fingern schlug er derweil ausgesprochen eilig das Schreiben auf und las es schnell, aber sorgfältig genau zweimal durch. Eine Sekunde lang starrte er dann absolut ungläubig auf die blauen Buchstaben, daraufhin holte er sich gewaltsam aus seiner Schockstarre zurück und befasste sich mit seiner unmittelbaren Zukunft. Nun, worauf wartete er noch? Er musste sofort ins Haus und seine Sachen packen. Er musste so schnell wie möglich fort von hier.

In Windeseile lief er zurück ins Haus und die Treppen hinauf in sein Zimmer, wo er begann, wahllos all sein Hab und Gut in seine beinahe verstaubten Reisetaschen zu werfen, während der Kopf ihm ebenso heftig pochte wie das Herz. Er war wohl laut gewesen, denn nach wenigen Minuten steckte Vicky den Kopf durch die Türe. Sie schien sich nur sehr eilig in ihr Kleid gewickelt zu haben und machte ein verwirrtes Gesicht.

„Was ist los?“ fragte sie ratlos. „Was tust du, Tony?“

Dieser hatte leider keinerlei Zeit dafür, sie anzusehen oder ihr alles in Ruhe zu erklären. „Ich reise ab,“ erwähnte er lediglich kurz angebunden, dann griff er nach dem Brief auf seiner Bettdecke und überreichte ihn Vicky mit einer fahrigen Bewegung. „Lies das einfach,“ wies er sie hastig an, während er weiter zahllose Hemden in die inzwischen gut gefüllten Taschen stopfte.

„Um Himmels Willen, Tony,“ murmelte Vicky, nachdem sie geendet hatte. „Möchtest du gleich aufbrechen?“

Sie klang nicht eben traurig über jene Aussichten, bildete Tony sich ein, aber vielleicht tat er ihr unrecht. Was auch immer, es war ihm vollkommen gleichgültig in diesen Sekunden, denn nun hatte er endlich wieder wichtigere Sorgen, hatte ein Ziel und auch lange vermissten, drängenden Handlungsbedarf. Mit einem prüfenden Blick zur Kontrolle warf er sein Gepäck über die Schulter und nickte dabei seiner Freundin und Gastgeberin ein letztes Mal zu. „Danke, Vicky,“ sagte er atemlos. „Grüß Robert von mir.“

Sie umarmte ihn und seufzte, als sie ihm von der obersten Stufe der Treppe hinterher sah und Tony eilig in den Stall lief.

Schon wenige Minuten später befand er sich im Galopp auf dem Weg nach London. Um Himmels Willen, hatte Vicky gesagt und dies traf all seine tausend Gefühle und Sorgen in diesem Moment ganz genau. Gäbe es doch nur irgendeine Möglichkeit, um noch ein wenig schneller voranzukommen!

 

 

„Es ist noch viel zu früh,“ murrte Alex. „Sollte er sich kein fliegendes Pferd gezüchtet hat, dann kann er unmöglich schon hier sein.“

Guinievaire drehte sich mit einem kurzen, aber übellaunigen Blick von den großen, runden Fensterscheiben fort und neigte den Kopf. Sie wusste natürlich, dass es noch bei Weitem zu früh dafür war, tatsächlich auf Tonys Ankunft zu hoffen, aber sie gab trotzdem sehr gerne vor, als warte sie ungeduldig am Fenster, allein weil sie entdeckte hatte, dass jene vorgegaukelte Sehnsucht Alex ausgesprochen verrückt machte. Dabei hatte sie in letzter Zeit seine Nähe wieder deutlich besser ertragen können, besonders nachdem er ihr in einem sehr, sehr lauten Streit endlich aufgebracht versprochen hatte, sie würden ihr Leben lang einzig und allein die besten Freunde sein, wenn sie nur endlich damit aufhörte, sich derart grauenhaft und gnadenlos zu benehmen, woraufhin Guinievaire Alex bei seinen zweifellos unüberlegten Worten genommen hatte und nun erwartete sie nicht weniger als absolute Zurückhaltung von ihm, die sie ihm dafür mit ihrer wertvollen Gesellschaft und einem weniger scharfen Umgangston entlohnte.

„Ich vermisse ihn nun einmal ganz einfach,“ antwortete sie nun mit einem grausamen Schulterzucken, während sie ihren Platz am Tisch wieder einnahm. Den heutigen, sehr langen Abend verbrachten Alex und Guinievaire in der Bibliothek, einem der prachtvollsten Räume des Hauses, den man durch zwei große, abgerundete Türen betreten konnte und somit in eine Art Eingangsbereich gelangte, der mit dunklem Holz bis hinauf zur Decke getäfelt war. An der linken Wand gab es einige, inzwischen finstere Fenster, gegen deren Scheiben ein heftiger Regen trommelte und im Kamin gegenüber der Türen brannte ein wärmendes Feuer, vor dem Guinievaire und Alex an einem langen Tisch saßen. Dieser stand wiederum zwischen zwei parallel verlaufenden Treppen, die hinauf zu den zahllosen Bücherregalen führten, die bis unter die braun und rot gestrichene und mit Stuck überladene Decke reichten. Die Wände dort oben waren dunkelblau und mit goldenen Sternen verziert.

Alexander hatte soeben den erneuten Aufbau der Figuren beendet, während Guinievaire ihre Gläser wieder gründlich gefüllt hatte und somit war alles bereit für eine weitere Partie. Sie spielten Schach und Alex hatte sie dabei bisher schon zweimal geschlagen, was den einfachen Grund hatte, dass Guinievaire nicht im Geringsten gewinnen wollte. Aus Langeweile hatten sie nämlich ein Trinkspiel aus dem Spiel der Könige gemacht, bei dem man jedes Mal einen großen Schluck des köstlichen Weins trinken musste, wenn der Gegner eine der eigenen Figuren schlug, und Guinievaire trank mittlerweile wieder mit großer Passion, schlicht weil sie festgestellt hatte, dass es weitaus zu frustrierend war, nicht zu trinken.

„Bitte erspare mir alle weiteren Details,“ murmelte Alex reichlich desinteressiert. Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, betonte Guinievaire immerhin, dass Tony ihr schrecklich fehlte, was er nicht hören mochte, obwohl es doch der Wahrheit entsprach. Tatsächlich würde Guinievaire ihren Verlobten gerne wiedersehen, aber wenn sie ehrlich zu sich war, dann musste sie auch einräumen, dass sie es zuweilen ein wenig übertrieb mit den sehnsüchtigen Liebesbekundungen. „Weiß beginnt,“ erinnerte sie ihr bester Freund.

„Ich verstehe wirklich nicht, warum ich immer Weiß sein muss,“ beschwerte sie sich, wobei sie jedoch bereits den ersten von sehr vielen weiteren, sinnlosen Zügen machte.

„Nun wo du ein braves Mädchen bist, Guinievaire, passt Weiß doch viel besser zu dir als Schwarz, nicht wahr?“ entgegnete Alexander in einem sarkastischen Tonfall, während er einen seiner Bauern nach vorne schob.

Unzufrieden spitzte sie daraufhin den Mund, obwohl sie doch wusste, dass sie seinen genüsslichen Spott sehr wohl verdient hatte. Guinievaire war immerhin ausgesprochen kläglich daran gescheitert, ihre positiven Charaktereigenschaften zu kultivieren, wie sie es sich vollmundig vorgenommen hatte, was zu großen Teilen jedoch auch die Schuld ihres lieben Alex war. Sie konnte ganz einfach nicht Nein zu ihm sagen, und dessen war er sich voll und ganz bewusst, wenn er auf dem Balkon mit ihr rauchen wollte oder schon am Nachmittag damit begann, ihr unerhört starke Drinks zu servieren.

„Sobald Tony hier ist, werde ich mich wieder bemühen,“ verkündete sie stur, wobei dies ausnahmsweise nicht nur eine leere Provokation für ihren besten Freund war. Sollte ihr Verlobter kommen, so hatte sie sich tatsächlich vorgenommen, sich für ihn ein wenig zu bessern. Immerhin würde er damit einen unmenschlichen Glauben an sie beweisen und hätte somit eine bessere Frau verdient als jene, die er bisher in ihr gehabt hatte. Auch dies hatte Guinievaire inzwischen lange eingesehen.

„Er mag dich nicht sonderlich gerne so, wie du bist, nicht wahr?“ überlegte Alex mit einem aufmerksamen Blick auf sie und Guinievaire gefiel die Richtung, in die dieses unverfängliche Gespräch mit einem Mal glitt, ganz und gar nicht. Sie würden sich wieder einmal streiten an diesem Abend, wenn sie von nun an nicht vorsichtig waren. Aber zugleich konnte sie diese unverschämte Behauptung unmöglich einfach unkommentiert lassen.

„Er betet mich an,“ zischte sie etwas beleidigt, wobei sie im Grunde nicht ganz die Wahrheit sprach, denn Tony würde sicherlich gerne einige Dinge an ihr verändern. Er würde es jedoch niemals wagen, dies laut auszusprechen.

„Aber er mag es nicht, wenn du rauchst oder trinkst oder fluchst oder spielst,“ antwortete Alex, dabei nahm er Guinievaires ersten Bauern vom Spielfeld und lächelte zufrieden. Anstandslos griff sie nach ihrem gut gefüllten Glas und nahm den in den Regeln vorgeschriebenen großen Schluck Wein zu sich. „Er scheint mir recht langweilig.“

Empört zog Guinievaire daraufhin die Augenbrauen zusammen, nachdem sie das Glas wieder abgesetzt hatte. „Er ist ganz und gar nicht langweilig,“ verteidigte sie ihren Liebsten sehr eilig. Nun, sie musste wohl einräumen, dass seine Vorstellungen von angemessener und amüsanter Freizeitgestaltungen deutlich ruhiger und entspannter waren als die Guinievaires, und er war in der Tat kein großer Bewunderer ihrer schlechten Manieren und Angewohnheiten, aber dennoch hatte er auch zahlreiche und hoch interessante Vorzüge. „Du kennst ihn noch nicht einmal, Alex.“

„Natürlich kenne ich ihn, Guinievaire,“ erwiderte ihr bester Freund streng und währenddessen schlug er mühelos ihren Turm, vermutlich weil Guinievaire noch nicht einmal mehr auf die Geschehnisse auf dem Spielfeld achtete. Dennoch trank sie artig. „Ich kenne seine Freunde und ich weiß genau, was er jeden Abend unternimmt und womit er seine Tage verbringt, woraus sich sehr leicht schließen lässt, was er von Menschen wie dir und mir üblicherweise hält.“ Eine kleine Sekunde lang machte Alex ein Gesicht, als wolle er noch etwas hinzufügen, schloss jedoch dann stumm seinen schönen Mund. Guinievaire musste ein wenig lächeln. Offenbar hatte er sich soeben ein Engel oder ein Prinzessin verbieten müssen.

„Tony ist aber nicht derart voreingenommen,“ erklärte sie Alex etwas stolz. „Immerhin wäre er nicht mit mir zusammen, hätte er sich nicht die Mühe gemacht, mich zunächst kennenzulernen.“

„Er ist ein selbstgerechter, eitler Idiot, der dich nicht einmal im Geringsten verdient hat,“ analysierte ihr bester Freund eiskalt und sein Springer schlug zur gleichen Zeit ihren Läufer, den Guinievaire ausgesprochen dumm positioniert hatte. Sie trank wieder, war aber plötzlich ausgesprochen ungehalten.

Wie konnte er es wagen, derart schlecht von ihrem Verlobten zu sprechen, wo Tony mehr als offensichtlich ein besserer Mensch war als Alex und zudem auch ein besserer Mensch als Guinievaire? „Er ist ehrlich. Und ausgesprochen umsichtig und offen und zugänglich und klug und interessiert und respektvoll,“ zischte sie wütend, das Spiel vollkommen vergessend, und Alex sah ihr dabei streitlustig in die Augen. „Er schenkt mir Bücher, von denen er glaubt, sie könnten mir gefallen. Er sorgt sich um meine Gesundheit und außerdem kann ich ihm blind vertrauen und er ist niemals eifersüchtig und er würde mich niemals verletzen.“

„Was? Und du glaubst, ich bin das genaue Gegenteil von ihm?“ erwiderte Alex wütend, dabei hatte auch er sich in seinem schweren, rot gepolsterten Stuhl zurückgelehnt und sah nun beinahe bedrohlich aus im Schein der flackernden Flammen.

„Du behandelst mich wie ein Kind!“ rief Guinievaire.

„Nun, du benimmst dich auch sehr oft wie eines,“ konterte Alex blitzschnell. „Außerdem bin ich fast fünf Jahre älter als du, also weiß ich manche Dinge einfach besser, Guinievaire.“

„Und du bist furchtbar eifersüchtig!“ zählte sie einfach weiter seine zahlreichen Fehler auf. Diesmal konnte er sie nicht umstimmen. Sie war im Recht.

Alex lachte ungläubig. „Und du hast dich monatelang mit einem anderen Mann hinter meinem Rücken getroffen, während ich vorhatte, dich zu heiraten!“ erinnerte er sie dankenswerterweise. „Guinievaire, es ist wahr, ich war nicht immer ehrlich zu dir und es stimmt wohl auch, dass ich weder sonderlich offen noch sonderlich zugänglich bin. Ich bin auch nicht kitschig und ich mache dir keine albernen Liebeserklärungen, so wie er es vielleicht tut, aber ich bin auch verdammt klug und ich bin schrecklich umsichtig. Du weißt, ich bemühe mich sehr um dich, Liebling. Ich habe dich grauenhaft verzogen und verwöhnt. Ich schenke dir Schmuck, weil ich weiß, dass du ein materialistischer Mensch bist, und es stört mich ganz und gar nicht. Rund um die Uhr sorge ich mich um dich, denn du gibst mir immer Anlass dazu, und du kannst mir vertrauen und ich will ebenfalls um keinen Preis, dass du verletzt wirst, verdammt, weil du das Wichtigste in meinem Leben bist.“

Verzweifelt drückte Guinievaire nach dieser Rede die Lippen aufeinander. Der Atem war ihr gestockt, während Alex beide Handflächen flach auf die Tischplatte gelegt hatte und sich nun nach vorne lehnte. Aus seinen schönen Augen sah er sie vorwurfsvoll an.

Natürlich hatte er recht, er hatte auch gute Seiten, ausgesprochen viele, unzählige gute Seiten: Er war großzügig, er war ein hervorragender Beschützer und er war sehr leidenschaftlich. Er würde sie immer mehr lieben als jeden anderen Menschen auf der Welt. Er bewunderte vieles an ihr unverhohlen und er glaubte, er habe einen Anspruch auf sie, weil nur er ihrer auch würdig war. Er hörte ihr immer zu, wenn sie sprach und dabei merkte er sich beinahe alles, und er war aufregend. Wie sollte sie etwas Besseres als Alex verdient haben, wenn es nichts Besseres als Alex für sie geben konnte?

„Alex, wenn dir mein Seelenheil wirklich so wichtig wäre, wie du beteuerst, dann würdest du wollen, dass ich mit Tony glücklich werde,“ sagte Guinievaire, wobei ihre Stimme jedoch ein wenig zitterte. Niemals hatte sie sich träumen lassen, eine Rede wie diese jemals aus seinem Mund zu hören und nun klopfte ihr kleines, schwaches Herz ein wenig.

Ihr Alex lachte ein wenig und schüttelte geduldig den schönen Kopf. „Das ist doch ausgemachter Unsinn, mein Engel,“ erwiderte er. Dass er ihr wieder Kosenamen gab, war beinahe eine Erleichterung. „Wieso sollte ich dich jemals bei einem anderen Mann sehen wollen?“

„Weil ich ihn liebe,“ behauptete Guinievaire daraufhin stur, obwohl sie sich dessen tatsächlich schon lange ganz und gar nicht mehr sicher war, wie noch vor einem Jahr, als sie ihn hatte heiraten wollen. Wenn sie es recht bedachte, war sie sich jemals sicher gewesen? Eigentlich wollte sie lediglich prüfen, ob Alex so etwas wie Großmut oder Altruismus zeigen würde, ginge es ihr damit besser.

„Selbst wenn du es tust,“ entgegnete Alex unbeeindruckt von ihren Worten, „Mich liebst du mehr als ihn. Schatz, es ist albern, das zu leugnen. Schau mir in die Augen und sag mir, du liebst mich nicht. Nicht einmal du kannst so gut lügen,“ forderte er sie dann auf und zitierte sich damit selbst.

Währenddessen musste Guinievaire ihn bewundern, denn er war ihr Meister und ganz einfach unfassbar durchtrieben und brillant: als er sie das letzte Mal dazu aufgefordert hatte, da hatte sie tatsächlich gelogen, obwohl ihr sehr wohl bewusst gewesen war, dass sie niemals damit aufhören würde, ihn anzubeten. Wie sollte sie diese unverschämte Lüge nun wiederholen, nach allem, was er ihr heute gesagt hatte? Wie lange drängte sie ihn schon, offen zu ihr zu sein! Und dennoch, sie durfte es nicht zugeben, denn wenn sie es zugab, dann war alle Hoffnung für sie verloren und er hätte wieder einmal gewonnen.

„Du hast recht. Ich kann es nicht,“ räumte sie deswegen lediglich sehr kleinlaut ein, dabei sah sie angespannt auf ihre Fingernägel. Sie war immer noch wütend auf ihn, oder etwa nicht? Alles war vorbei und vergessen, aber sie hatte ihm dennoch nicht verziehen.

„Du bist am Zug, Schatz,“ sagte Alex daraufhin in einem vollkommen anderen Tonfall, weswegen Guinievaire ihn ansehen musste, selbst wenn sie sich in diesem Moment hastig eine kleine Träne aus ihrem Gesicht wischen musste. Er lächelte ein wenig, nicht auf eine kalte oder beleidigte Art und Weise, sondern sehr zufrieden und sanft. Vielleicht hatte er verstanden und nun würde er ihr Zeit lassen, denn was sie brauchte, das war unbestreitbar nicht mehr als Zeit. Wenn Tony nicht bald kam, dann würden alle Wunden sich geschlossen haben.

Guinievaire lachte etwas verzweifelt. „Ich verliere ohnehin immer gegen dich,“ räumte sie endlich ein.

„Würde es dir helfen, wenn ich dich gewinnen ließe, Liebling?“ bot er ihr umsichtigerweise an und Guinievaire kicherte noch einmal.

„Nein,“ seufzte sie. „Aber es würde mir helfen, würden wir aufhören zu spielen und einfach den Wein trinken.“

Alex machte ein Gesicht, als sei dies eine vernünftige Idee und goss ihr nach, bevor er selbst zwei kräftige Schlücke nahm.