Letzter September

 

 

Hin und wieder, wenn sie eigentlich Reitstunden haben sollten, nahm Tony Guinievaire, war sie einmal wieder besonders ungelehrig, mit zu sich nach Hause, anstatt seine Zeit mit dem Versuch zu verschwenden, ihr etwas beizubringen. Sein Vater hatte ihnen nach einigem Zögern sogar seine Erlaubnis dafür gegeben, nachdem Tony ihm mit typischer Inbrunst dargelegt hatte, wie viel Guinievaire ihm bedeutete, und so war das zumindest stattliche Haus der Fords, ein robustes Backsteingebäude in einer belebten Nachbarschaft, die von Guinievaires ausgesprochen snobistischem Viertel nicht weiter hätte entfernt sein können, zu der einzigen Fluchtmöglichkeit für die beiden Liebenden geworden, wo sie gänzlich unbesorgt sein konnten.

Genau deswegen kam Guinievaire vermutlich auch gerne dorthin, selbst wenn das Interieur, das deutlich darauf schließen ließ, dass dieses Haus von zwei Junggesellen bewohnt wurde, sonst wohl kaum nach ihrem Geschmack gewesen wäre, denn weder Tony noch sein runder Vater legten sonderlich viel Wert auf teure, exquisite Teppiche, ein ansprechendes Farbkonzept oder gar auf geschmackvolle Bilder an den zuweilen kahlen Wänden. Dabei war besonders Ersterer ein unbeschreiblich gründlicher Chaot, was sich vor allem in seinem Zimmer im ersten Stock bemerkbar machte, in dem stets einzig und allein unverhohlene Unordnung regierte. Unzählige Bücher und lose Blätter stapelten sich dort auf dem Schreibtisch und auf dem dazugehörigen Stuhl häufte sich stets die viele, schmutzige Wäsche, die bei seiner Arbeit anfiel. Neben dem winzigen Kleiderschrank lehnte meist mindestens ein Paar vollkommen verdreckter und verkrusteter Reitstiefel, in der hinteren Ecke stand ein verstaubtes Schachspiel und auf der schmalen Fensterbank fanden sich hin und wieder sogar halb aufgegessene Äpfel oder Gläser mit abgestandenem Wasser. An der linken Wand hing außerdem ein riesenhaftes Barockgemälde, das eine braune, scheußliche Schlacht von historischer Relevanz darstellte und ihm gegenüber, wenn auch erst seit Kurzem und auf besondere Veranlassung Guinievaires hin, prangte ein rechteckiger Spiegel mit einem massiven, dunklen Rahmen, passend zu der rostbraunen Bettwäsche auf dem alten, aber robusten Bett, auf dem besagtes Fräulein Hastings zusammen mit ihrem nachlässigen Lehrer lag, diesen in diesem Moment heftig und gründlich küsste und sich dabei redlich darum bemühte, die unattraktive Umgebung ganz einfach zu vergessen, was ihr bisher sogar bemerkenswert gut gelang. Ihr Kopf war gänzlich leer und das musste er auch sein.

Dabei pausierte Tony nun kurz, denn seine Lippen begannen bereits zu spannen und etwas zu schmerzen, immerhin gingen sie dieser herrlich sinnlosen Beschäftigung schon seit einiger Zeit nach. Jedoch tat er dies nur, um in einem ausgesprochen zufriedenen Tonfall zu verkünden, wie zufriedenstellend jene Zerstreuung ihm erschien.

Den ganzen Tag hindurch könnte ich dich küssen,“ sagte er seiner Schülerin glücklich, während er über ihr lehnte und ihre wie üblich kühle Person in den wärmenden Armen hielt.

Sie schien jedoch in ihrem herrlichen Kopf schon wesentlich weiter gedacht zu haben, als sie ein weißes Bein um Tonys Hüfte schlang und sie ihre pinken Lippen an sein Ohr legte. „Ich wüsste etwas Besseres, das wir tun könnten,“ flüsterte sie mit einer gewissen Dringlichkeit in der Stimme.

Dies war ein Verhalten, welches Tony inzwischen allzu gut von ihr kannte, denn Guinievaire versuchte nun schon seit einiger Zeit mit einem beeindruckenden Nachdruck, genau das zu bekommen, was die meisten Menschen auf ausgiebiges Küssen im eigenen Bett in den eigenen vier Wänden folgen ließen. Vorausgesetzt natürlich, sie standen sich um Einiges näher, als sie beide es taten, also tat er auf ihren Vorschlag hin lediglich, was er bisher stets getan hatte: sehr behutsam entfernte er ihr langes Bein, um es wieder auf die Matratze zu legen. „Das dürfen wir aber nicht tun, Guinievaire,“ mahnte er sie dabei mit einer strengen und zugleich schweren Stimme.

Seine Liebste teilte diese Meinung jedoch nicht. „Oh, Tony,“ hauchte sie in einem gefälligen Tonfall. „Sei nicht langweilig.“

Dieser empfand jene kleine Bemerkung ihrerseits beinahe schon als Beleidigung, denn es bereitete ihm immerhin kaum eine sonderlich große Freude, seine schöne Angebetete wieder und wieder zurückzuweisen, seit Wochen schon. Unglücklicherweise befanden die beiden sich aber nun einmal in einer gefährlich vagen Situation, in der sie sich nicht einfach vergessen konnten, einzig weil sie es sich vielleicht wünschten. Was würde geschehen, sollte jemals bekannt werden, wie weit sie miteinander gegangen waren, ohne dass Versprechungen gemacht worden waren? Vor allem Guinievaire und ihr Ansehen würden dann unter dem aufgeregten Geschwätz leiden müssen, was Tony unter keinerlei Umständen zulassen konnte, selbst wenn seine Angebetete sich bisher offensichtlich nur sehr wenige Sorgen zu machen schien um etwas derart Kostbares, wie den unbefleckten Ruf in der gehobenen Gesellschaft. Umso mehr war es also Tonys Aufgabe Vorsicht walten zu lassen, nicht nur um seinetwillen, der zuvor schon den Fehler gemacht hatte, zu früh intime Beziehungen einzugehen, sondern ganz besonders auch für sie, die manchmal sehr dringend eine umsichtige Aufsicht benötigte.

Und deshalb griff er auch zu dieser Gelegenheit einmal wieder bestimmt nach ihren raffinierten, langen Händen, die sich bereits an seinem Hemdkragen zu schaffen machten. Warnend blickte er Guinievaire dabei an.

Du weißt, es geht nicht,“ erinnerte er sie eindringlich. „Was sollen wir tun, wenn dein Vater herausfindet, wie wir deine Reitstunden verbringen?“ Tony hatte beinahe ein schlechtes Gewissen deswegen, immerhin hatte er ein Versprechen gegeben, und Guinievaire machte weiterhin keinerlei Fortschritte.

Dennoch, auch weiterhin vollkommen unbelehrbar schlug sie ihre schwarzen Wimpern einige Male schnell und gekonnt aufeinander, dann erwiderte sie mit unschuldiger Stimme: „Ich werde es ihm nicht erzählen, Tony, wie sollte er es also erfahren?“

Diese andauernde Diskussion war aussichtslos und überflüssig und kaum fruchtbar, und bisher war sie dies niemals gewesen, aber Guinievaire war zugleich beeindruckend stur. Je heftiger sie jedoch versuchte, ihren ungewöhnlichen Willen durchzusetzen, desto trotziger wurde auch Tony, der nun einmal tun wollte, was richtig war. Und so schüttelte er auch diesmal aufs Neue den Kopf, woraufhin Guinievaire sich mit einem frustrierten und ungeduldigen Geräusch von ihm losmachte, sich erhob und dann, während sie auf und ab ging, die sommersprossigen Arme streckte. Wieder einmal war er ihr mit seiner Zurückweisung zu nahe getreten und zudem mochte sie es eigentlich generell nicht leiden, wenn Tony nicht tat, was sie befahl.

Guinievaire, glaub mir, ich würde all dies auch wirklich gerne vergessen,“ wollte er sie deshalb beschwichtigen, denn es war keine Lüge, sein körperliches Interesse an ihr war vielleicht vorsichtig, aber es war durchaus vorhanden. Seine Liebste warf ihm lediglich einen distanzierten Blick zu. Seine Worte hatten sie kaum versöhnlich gestimmt. Zumeist vermochten nur gekühlter Alkohol und großartige Musik dieses Kunststück sofort zu verbringen, unglücklicherweise hatte Tony jedoch weder das eine, noch das andere bequem zur Hand in diesem Moment, also musste er sich mühsam weiter auf einem anderen Weg um eine Einigung bemühen. Er beschloss, ihr ein Versprechen zu machen, denn Guinievaire, die ihn kannte, wusste, dass er es einhalten würde.

Sobald es mir möglich ist, Guinievaire, bitte glaube mir, werde ich gerne die Nacht mit dir verbringen,“ sagte er, wenn auch etwas peinlich berührt, denn Tony sprach ganz und gar nicht gerne über solch delikate Themen. „Aber das erste Mal sollte etwas Besonderes sein, und du solltest es genießen können ohne dir Sorgen machen zu müssen, verstehst du denn nicht?“

Scheinbar abwesend betrachtete sie derweil ihre schöne Erscheinung in Tonys neuem Spiegel ohne ihn, der mit sich kämpfte, eines Blickes zu würdigen. „Das erste Mal,“ murrte sie, während sie sich das helle, grüne Kleid ordnete. „Natürlich.“

Etwas vorwurfsvoll sah Tony sie wegen dieser finsteren Antwort an, als er sich nun ebenfalls aufrichtete. Auch jenes Verhalten, dass sie bösartig wurde, bekam sie nicht, was sie wollte, war ihm durchaus bereits bekannt. Unwahrheiten ihre Jungfräulichkeit betreffend konnte er jedoch ganz einfach nicht mit dem üblichen Gleichmut, den er für sie aufbrachte, begegnen.

Guinievaire, dies ist kein Thema, über das ich lachen kann,“ warnte er sie, wenn auch nach wie vor sanft, wobei sie seinen verletzten Blick endlich auffing. Zunächst erschien sie weiterhin missmutig, dann schlug sie jedoch kurz die Wimpern aufeinander und dann lächelte sie und die Distanz war aus ihren grünen Augen verschwunden.

Es tut mir leid,“ räumte sie seufzend ein, weswegen Tony natürlich umgehend versöhnlich gestimmt war, dabei erhob er sich und ging zu ihr herüber. Er konnte ihr nicht böse sein, denn selbst wenn sie zuweilen ein wenig anstrengend war, so war dies doch nur eine Maske, die sie aus Gewohnheit trug, nicht mehr als ein Selbstschutz ihrer zarten Person, und unter dieser schönen Hülle von Arroganz und Unnahbarkeit verbarg sie nicht weniger als ihre sehr wohl bewahrte Unschuld und auch die unvorstellbare Verletzlichkeit, die damit einher ging.

Sanft legte er also nun, nachdem sie sich versöhnt hatten, die Arme um sie und sie ließ ihn großmütig gewähren. Von Beginn an hatte er dabei gewusst, er musste geduldig sein, denn sie würde zweifellos noch etwas Zeit mehr brauchen bis sie ihm wirklich vertraute und bemerkte, dass er nicht war wie die anderen Männer, die sie in großen Mengen vor ihm gekannt hatte und die sie immer nur als schönen Körper gesehen hatten. Tony hingegen war im Gegensatz zu ihnen tatsächlich an der vollständigen Person Guinievaire interessiert, wie sie war, was sie dachte, woher sie kam und warum sie ihn liebte.

Ohne dich wäre mein Leben vollkommen wertlos,“ erklärte er ihr, dabei lehnte er seinen Kopf gegen den ihren und zugleich meinte er diesen Satz eben so, wie er ihn aussprach: seitdem er sie an seiner Seite wusste, hatte alles andere, was ihn zuvor beschäftigt hatte, ungemein an Relevanz verloren, was zuweilen erschreckend sein konnte. Tonys Vater zum Beispiel, der ihm in seinem bisherigen Leben stets der liebste Mensch gewesen war, stand Guinievaire meist leider etwas skeptisch gegenüber, aber Tony kümmerte seine Meinung in dieser Angelegenheit noch nicht einmal sonderlich, überzeugt davon, dass sein Erzeuger sich in ihr irrte, wie so viele Menschen es unbestreitbar taten.

Guinievaire lächelte daraufhin lediglich bescheiden und schlug die weißen Lider nieder, dabei schmiegte sie ihre Formen fester in seinen liebenden Griff. Natürlich war dieses Mädchen nicht weniger als ein Engel, dachte er hingerissen.

Darf ich dich nun weiter küssen?“ schlug er vor, woraufhin sie tatsächlich das schöne Haupt drehte um einen kleinen Kuss auf seinen Lippen zu platzieren. Dann machte sie sich jedoch unsanft los von ihm.

Nein,“ entgegnete sie ihm eisig. „Es langweilt mich inzwischen zu sehr.“

Tonys Fäuste ballten sich, während sie weiter ziellos durch sein Zimmer schritt, um dann auf seinem Schreibtisch nach etwas zu greifen, das er nicht erkennen konnte. All seine Beherrschung kostete es ihn, nicht wütend zu werden auf sie, nicht laut zu seufzen über ihr Verhalten oder gar zu fluchen.

Vielen Dank,“ murmelte er leise und beleidigt. „Du bist zu gütig.“ Guinievaire beachtete ihn jedoch auch weiterhin ganz einfach nicht und Tony verstand sie deswegen nicht. Er verstand nicht, warum sie ihre Beziehung unbedingt vertiefen wollte, als wolle sie sich mit diesem Schritt etwas beweisen, woran sie zweifelte, solange sie seine Schülerin blieb und nicht mit Haut und Haaren seine Geliebte wurde. Könnte er doch in ihren Kopf sehen! Und könnte sie verstehen, dass er sie liebte und respektierte und mit ihr zusammen sein wollte, wie es sich gehörte.

Darf ich in deinem Zimmer rauchen?“ fragte sie aus heiterem Himmel heraus, weswegen Tony sich müde die Augen rieb. Langsam, aber sicher strapazierte sie ihn zu sehr.

Nein,“ murrte er also bestimmt.

Warum nur wollte sie diese eine Sache mit ihm tun, mehr als alles andere? War es nicht zu früh dafür und warum konnten sie damit nicht bis nach der Hochzeit warten, wie jedes normale, zufriedene Paar es tat? Tony hatte dabei nicht unbedingt religiöse Gründe für diese Einstellung, und natürlich war er selbst auf diesem Gebiet schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr, aber mit Guinievaire wollte er sich mehr Zeit lassen als zuvor, denn er hatte sehr wohl das Gefühl, sie noch nicht gut genug zu kennen, wobei er jedoch ernste Pläne hatte. Wenn sie in Zukunft diesen Schritt machen sollten, wollte er auch in der Lage sein, es vollkommen sorgenfrei und unbefangen genießen zu können, als ihr Verlobter oder am Besten sogar als ihr Ehemann. Denn es war etwas Besonderes, genau wie Guinievaire etwas Besonderes war.

Wie schade,“ seufzte sie gespielt enttäuscht, daraufhin spazierte sie wiegenden Schrittes hinüber zum Fenster, welches sie bestimmt öffnete, um schließlich mit einer eleganten Bewegung auf das hölzerne Sims zu steigen. Innerhalb weniger Sekunden saß sie schließlich im offenen Fensterrahmen und ließ die Beine aus dem Gebäude hängen, während Tony entgeistert beobachtete, wie sie ein silbernes, graviertes Etui aus ihrem Ausschnitt zog und sich mithilfe der Streichhölzer, die sie scheinbar auf dem Schreibtisch gefunden hatte, eine lange, dünne Zigarette ansteckte.

Guinievaire!“ rief Tony überaus ermüdet.

Sie neigte lediglich den Kopf und machte große, unschuldige Augen. „Was hast du?“ verteidigte sie sich. „Du hast gesagt, ich darf nicht in deinem Zimmer rauchen, also rauche ich aus deinem Zimmer heraus.“ Diese kluge Vorgehensweise illustrierte sie mit einer eleganten Handbewegung und einem überheblichen Lächeln. Wie ein kleines, verwöhntes Kind benahm sie sich in diesem Moment, dachte Tony zornig, und er fragte sich wieder einmal, wie sich dieses Betragen bei ihr hatte ausprägen können, denn inzwischen hatte er lange herausgefunden, dass Guinievaires Vater seine Tochter ganz bestimmt nicht verzogen hatte – er mochte sie meist noch nicht einmal ausstehen. Wer hatte sie also verhätschelt und von wem hatte sie alles bekommen, was sie sich wünschte?

Komm bitte wieder herein,“ bat Tony sie eindringlich.

Sie schüttelte den Kopf. „Sag mir nicht, was ich tun soll.“

Guinievaire, wir sind im zweiten Stock, du könntest fallen,“ erklärte er verzweifelt.

Ich bin aber kein Kleinkind, Tony,“ gab sie unbeeindruckt zurück.

Dieser, der nun endgültig die Geduld mit ihr verlor, riss beide Hände in die Luft und fuhr mit ihnen ratlos immer und immer wieder durch sein zugegebenermaßen bereits recht unordentliches Haar.

Warum benimmst du dich heute bloß so?“ platzte es dabei aus ihm hervor, wobei seine Stimme, wie er selbst fand, merkwürdig hoch klang.

Wie benehme ich mich denn?“ zischte sie herausfordernd zurück.

Dieses Wesen, beschloss Tony derweil, das auf dem Fensterbrett saß, dies war nicht seine geliebte Guinievaire. Es sah ihr noch nicht einmal ähnlich, so böse und gereizt wie ihre Augen funkelten. Mit einem Mal erinnerte Tony sich daran, dass sie ihm vor Kurzem erst gesagt hatte, dass er sie nicht kannte und dass sie womöglich ein Ungeheuer war. Wollte sie ihn prüfen mit diesem Verhalten?

Du benimmst dich, als wärest du nicht du selbst!“ rief er voller Einsicht in ihr komplexes, schwieriges Wesen, dabei zog er bettelnd die Augenbrauen zusammen.

Einen kurzen Moment lang wirkte sie verwirrt ob dieser Antwort, als hätte sie mit Schlimmerem gerechnet, dann wurden ihre Gesichtszüge jedoch plötzlich weich und damit wieder zu den ihren, die er erkannte. Tony machte also zwei Schritte auf sie zu und streckte bestimmt die Hand aus. „Du hast recht,“ meinte sie mit einem Mal zur Vernunft gekommen. „Ich habe Höhenangst.“

Komm bitte wieder ins Zimmer, Guinievaire,“ flehte Tony daraufhin noch einmal.

Sie musterte ihn zunächst vorsichtig, als wolle sie ihm etwas sagen, aber sie schwieg weiter für einen langen Augenblick. Dann, nachdem sie die brennende Zigarette achtlos in die Tiefe hatte fallen lassen, griff sie schließlich doch mit ihren knochigen Fingern nach seiner Hand und behutsam zog er sie, als sie leise vom Sims gesprungen war, gegen sich, wo er sehr erleichtert ihren Scheitel küsste und fest ihre stählerne Mitte umklammert hielt.

Es tut mir leid, Tony,“ murmelte sie reumütig gegen seinen Hals. Dies war Guinievaire Hastings, dies war das wundervolle Wesen, das er liebte. Tony nickte zufrieden.

Guinievaire, du musst in meiner Gegenwart nicht vorgeben, jemand anderes zu sein,“ erklärte er ihr zärtlich, denn sie wusste es vermutlich nicht besser. „Ich liebe dich, wie du bist.“

Was sie ihm daraufhin antwortete, das sagte sie an diesem Tag zum ersten Mal zu ihm, womit sie einen Augenblick schuf, den Tony niemals wieder vergessen würde.

Ich liebe dich auch,“ gestand sie ihm leise und dabei blickte sie ihm sehr vorsichtig und ehrlich in die Augen.

Beinahe zitterte Tony ob dieses lange ersehnten Geständnisses, während er sie weiter festhielt und als er sie ansah, da war all der Ärger mit einem Mal vergessen. Denn dies war der wundervollste Moment für absolut jedes Paar und Tony konnte sein Glück kaum fassen, weil sie ihn liebte, tatsächlich. Guinievaire Hastings, das komplizierteste Wesen, das er jemals getroffen hatte, liebte ihn, wie er sie liebte. Sie selbst musste es doch nun spüren, dass sie einander in diesen Sekunden unendlich viel näher waren, als sie es jemals durch jegliche Art von Körperkontakt sein konnten. Und zudem war dies hier, dieses Gefühl, tausendmal besser.

Um zu besiegeln, was sie ausgesprochen hatten, küsste Tony sie schließlich, damit wirklich alles vollkommen und romantisch war. Dabei genoss er ihre Lippen und ihre Nähe, wie niemals zuvor, oder zumindest tat er dies bis Guinievaire mit der Zeit heftiger und heftiger vorging, schnell atmete, die Zunge in seinen Mund schob und dann ihre kalte Hand schließlich langsam seinen Bauch hinunter wanderte. Verzweifelt griff er nach ihr und gebot ihr Einhalt.

Nun, vielleicht musste er es einräumen, vielleicht hatte er sogar ein klein wenig Angst und vielleicht machte sie ihn auch ein wenig nervös mit ihrer Bestimmtheit und ihrer unnachgiebigen Vehemenz. Je mehr sie ihn jedoch drängte desto schlimmer machte sie es.

Hör auf, Guinievaire,“ bettelte er, weil er nicht konnte, weil er es nicht wagte. Er wollte sie nicht enttäuschen, aber er musste es. „Du folterst mich, wirklich.“

Frustriert befreite sie sich daraufhin ein weiteres Mal von ihm und wischte sich dabei mit dem langen Handrücken unsanft über den kleinen Mund, ihm einen schmutzigen Blick zuwerfend. „Nun, dann sollte ich wohl besser gehen,“ zischte sie unglücklich, während sie nach ihrem dünnen Mantel griff, der über der Stuhllehne am Schreibtisch lag.

Warum nur ist es dir so wichtig?“ rief Tony aus. Warum nur? Sie hatte gerade zugegeben, dass sie ihn liebte, wie konnte ihr also jene unglaubliche Intensität dieses Gefühls nicht fürs Erste genügen? Warum konnte sie sich nicht gedulden, und was war es, wonach es sie derart dringend verlangte?

Nein, Tony,“ gab Guinievaire ebenso laut zurück. „Die Frage ist vielmehr, warum es dir überhaupt nicht wichtig ist!“ Stürmisch verließ sie ihn dann mit diesen Worten.