4 Mai

 

 

Marion sollte recht behalten, in zweierlei Hinsicht: erstens, es wurde tatsächlich sehr bald Frühling in diesem Jahr. Schon Anfang März hatte er alle Hände voll damit zu tun, die Zwiebeln, die er schon vor Monaten gesetzt hatte, zum Sprießen zu bringen, das eilig wachsende Gras zu mähen und die Kirschbäume zu stutzen, wobei er härter arbeitete als jemals zuvor in seinem bequemen Leben. Zweitens, er und Guinievaire wurden tatsächlich gute Freunde. Zu Beginn war er dabei noch vorsichtig und sah sie nur ab und an, maximal einmal in der Woche, aber schon sehr bald wurde er mutiger und kam öfter und öfter, denn schon bald stellte sich heraus, dass sie sich hervorragend verstanden: sie erzählte ihm gerne und mit einem wehmütigen Blick von London und von ihren Freundinnen und Freunden, sie sprach über die Feste, die sie besucht hatte, ihre Misserfolge und ihre Sternstunden und Marion, der stumm lauschte, neidete ihr dabei jede einzelne Minute in der großen Stadt. Wie gerne wäre er doch bei ihr, kehrte sie zurück in ihre Welt, wie gerne wäre er da, in der Nacht, wenn sie feierte! Bald schon wusste er recht viel über Guinievaire und sie bemühte sich währenddessen ebenso viel über ihn zu erfahren, selbst wenn er doch darauf beharrte, dass es im Grunde nicht viel zu berichten gab. Sein Leben sei nicht sehr aufregend gewesen bisher, meinte er oft enttäuscht und abfällig, und selbst dann nickte Guinievaire, die man erst mit sechzehn Jahren zum ersten Mal der Außenwelt präsentiert hatte und die sich daher mit der Langeweile, mit der er sich täglich quälte, bestens auskannte.

Ganz egal was Marion jedoch tat, wie sehr er bohrte und bettelte, er erfuhr doch niemals von ihr, was sie getan hatte, wodurch sie diese harte Strafe und Verbannung verdient hatte, denn Guinievaire mochte ganz einfach nicht darüber sprechen. Zuweilen war sie durchaus etwas merkwürdig und abwesend, dann war sie wieder beinahe nervös, als warte sie auf etwas, und dann trommelte sie mit den Fingern und seufzte sehr viel. Zweifellos war sie mysteriös, aber Marion störte sich zugleich nicht sonderlich an ihrer Zurückhaltung. Denn die meiste Zeit hindurch war sie dadurch unverbindlich, unbeschwert und immer ausgesprochen entspannt im Umgang mit ihm und dabei wenig wie die anderen Mädchen, die Marion vor ihr gekannt hatte. Niemals fragte er sich, was zwischen ihm und ihr sein mochte und niemals gab es Spannungen, alles war unbeschwert und unkompliziert. Denn Guinievaire war zugegebenermaßen sehr schön, aber zugleich war sie auch eine höhere Tochter, die man früher oder später erretten würde aus ihrem Verlies, damit sie zurück in ihren Palast zu ihren Freunden und Bewunderern kehren konnte. Es wäre unvernünftig gewesen, sich mehr zu erhoffen, und außerdem gab es noch etwas anderes, ein sehr vages Gefühl, das Marion im Bezug auf sie hegte: dass er der Leichtigkeit nicht trauen durfte. Und dass sie mehr war als ein unschuldiges Mädchen, in einem Turm gefangen, das viel lachte und seiner Gesellschaft bedurfte. Etwas Bedrohliches war an ihr.

Niemals erzählte er Guinievaire von seinem Misstrauen, und niemals sah er seinen Verdacht bestätigt in den ersten Wochen ihrer Bekanntschaft, weswegen Marion mit der Zeit weniger wachsam wurde. Meist genoss er einfach ihre angenehme, fröhliche Gesellschaft und dies tat er bis in den Mai hinein, als er eines Tages gegen ihr Fenstersims lehnte und gemeinsam mit ihr, die auf ihrem Sessel saß, aus dem Fenster blickte. Zuvor hatte sie erklärt, sie wolle die Namen der Pflanzen lernen, die er Tag für Tag pflegte, wobei sie ihn in letzter Zeit oft von ihrer Zelle aus beobachtete. Und wenn er dann hoch sah zu ihr, dann winkte sie ihm mit einem Lächeln, welches dazu geführt hatte, dass Marion sich deutlich weniger einsam fühlte. Die Sonne schien und es war warm im Raum. Aus einem unerfindlichen Grund ließen sich die Fenster nämlich nicht öffnen, weswegen viele Jahre alter Luft noch immer unter der niedrigen Decke krochen.

„Was ist das?“ fragte Guinievaire und drückte einen langen Finger gegen die Scheibe.

Marion beugte sich ein wenig über ihre blasse Schulter und verdrehte, für sie selbstverständlich unsichtbar, die Augen. „Das sind natürlich Gardenien. Wirklich, Guinievaire, gibt es in London überhaupt so etwas wie Blumen? Man könnte meinen, du hättest noch niemals welche gesehen.“

Auf diese Anschuldigung hin machte sie ein empörtes Geräusch und sah ihn vorwurfsvoll an. „Seit Jahren kümmere ich mich um die Blumen in unserem Haus,“ korrigierte sie ihn. „Aber dafür muss ich kaum wissen, wie sie heißen. Ich muss nur wissen, welche Form und Farbe sie haben sollen, und dann muss ich sicher gehen, dass alles schnell geht und zu meiner vollsten Zufriedenheit geschieht.“ Nach dieser Ansprache lächelte sie zufrieden, wenn auch etwas wehmütig.

„Ich bin froh, nicht dein Gärtner zu sein,“ bemerkte Marion lediglich recht amüsiert, aber Guinievaire zog die Augenbrauen zusammen und wandte den Kopf ihm zu, um ihn zu studieren als habe sie ihn noch niemals zuvor gesehen.

„Ich könnte in dir niemals Personal sehen,“ verkündete sie dann leise und sehr nachdenklich. „Du bist etwas Besonderes für mich.“

Ihr blasse Nasenspitze war nicht weit entfernt von Marions Gesicht, während sie diese Beobachtung machte, wobei dieser sich nun beinahe unwohl fühlte. Bisher war es ihm in ihrer Nähe noch niemals so ergangen, obwohl sie bemerkenswert oft schon Gelegenheiten gefunden hatte, um ihn berühren zu können, ob sie nun etwas Erde von seiner Wange oder Stirne wischte oder ob sie ihm spielerisch gegen den Arm schlug, wenn er ihr etwas Ungebührliches gesagt hatte. Diesmal jedoch fühlte es sich anders an, was sie mit ihm tat – beinahe war er sich sicher, dass sie versuchte, zu flirten.

Also streckte Marion eilig den Rücken durch, richtete sich auf und ging einige, wenige Schritte, um etwas Abstand zu gewinnen, denn er wollte nicht mit ihr flirten. Er wollte nicht mehr von ihr wissen, es wäre dumm von ihm. Sie verstanden sich sehr gut, oder etwa nicht? Nun, wenn etwas geschah zwischen ihnen, dann würde dies nicht mehr der Fall sein, und dann wäre Marion wieder alleine. „Deine Tante ist im Dorf und meine Mutter hat heute frei, ich kann also bis zum Abend bleiben,“ wechselte er bemüht das Thema, während er interessiert gegen die warmen Wände blickte. „Aber später möchte ich noch einmal nach den Rosen sehen. Dieses Jahr sind sie rosa und sie haben sehr große Köpfe, aber sie leiden deshalb auch besonders unter der Hitze.“ Im Grunde wusste er nicht, was er sagte. Er redete einfach, damit es nicht still war bis er sich selbst zügeln konnte und die Handflächen ineinander drückte.

„Du bist wirklich gut darin, nicht wahr?“ überlegte Guinievaire nach einer kleinen Pause weiter. „Ich meine, der Garten sieht wunderschön aus und glaube mir, ich bin normalerweise ganz und gar kein Freund der Natur. Warum verschwendest du dein Talent bloß hier?“

Unweigerlich musste Marion sie daraufhin ansehen, denn er war überrascht davon, wie gut sie ihn zu verstehen schien, einfach weil sie beide sich sehr, sehr ähnlich waren – sie waren alleine und gelangweilt und sie hatten ein immenses Geltungsbedürfnis, das Shropshire nicht zu halten vermochte.

„Nun, wo sollte ich es deiner gelehrten Meinung nach wohl verschwenden?“ erkundigte er sich schließlich etwas gereizt bei ihr, weil dies nun einmal ein wunder Punkt war, den er sich nicht eingestehen mochte: jeden Tag dachte er darüber nach, fortzugehen, Karriere zu machen und ein Vermögen, ein aufregendes Leben zu leben, denn er hasste diesen Ort und die Aussichten, die er ihm bot, aber dennoch tat er es niemals. Immer war er feige und immer hatte er Ausreden, warum er bleiben musste.

„Ich denke, du solltest weit fort gehen,“ schlug sie derweil vor, während Marion unzufrieden mit sich war. „Nach Amerika zum Beispiel und dort kannst du den Menschen erzählen, du wärest ein sehr berühmter Landschaftsarchitekt in England. Glaube mir, Marion, reiche Leute sind unverschämt leichtgläubig, bietet man ihnen eine Gelegenheit, um etwas Geld auszugeben. Du könntest arbeiten und selbst reich werden. Und außerdem, wenn du ohnehin schon gehst, dann könntest du mich auch mitnehmen.“

Wie aus einem plötzlichen Impuls heraus lachte er hohl über diesen Plan und verschränkte die Arme, aber dies tat er vermutlich nur, weil sie ihn unsicher gemacht hatte. Sollte all dies nicht wesentlich abwegiger klingen in seinen Ohren? Das Leben war kaum so leicht, wie sie es ihm ausmalte und dennoch dachte er in diesem verlockenden Moment einzig daran, dass er ein wenig Geld gespart hatte.

„Warum sollte ich dich mitnehmen?“ entgegnete er, wobei er ihren leuchtenden Blick auffing, um abzulenken von ihrem ursprünglichen Plan, indem er sie etwas provozierte. Er verhielt sich ausgesprochen erwachsen, beglückwünschte er sich zugleich.

„Du wirst mich doch nicht in Shropshire verkommen lassen wollen,“ erwiderte sie sofort empört und mit weiten Augen, während Marion sich auf ihrem Bett niederließ, denn nun dachte er doch nach, und all die Gedanken packten ihn so sehr, dass er sich kaum noch aufrecht halten konnte. Immerhin war sie die erste Person, der er jemals begegnet war, die ebenfalls der Meinung war, er solle die Initiative ergreifen und nicht hier bleiben. Beinahe setzte er sich auf ihr silbernes, graviertes Zigarettenetui, als er sich auf ihren unordentlichen Laken gegen die Wand schob. Es lag offen. Etwas war darin eingraviert, vermutlich auf Latein. Marion mochte den Klang der Worte, selbst wenn er sie nicht verstehen konnte: tam bene convenias, quam mecum convenit illi, stand dort. Das Etui war beinahe leer, denn Guinievaire rauchte sehr gerne, trotz der schlechten, stickigen Luft in ihrem Zimmer, und dabei klagte sie stets, wie sehr sie sich ein Bier wünschte zu ihrer Zigarette. Zuweilen war Marion durchaus beeindruckt von ihren unangemessenen Verhaltensweisen.

„Nun,“ seufzte er, als er endlich bequem saß. „Ich denke, wir könnten den Amerikanern erzählen, du wärest meine Schwester.“

Guinievaire war nicht zufrieden mit diesem Entgegenkommen. „Ich möchte nicht deine Schwester sein,“ protestierte sie sofort, dabei hatte sie sich nun ebenfalls erhoben und war langsam hinüber gekommen zu ihrem Bett, wo sie sich auf das weiche Kissen am Kopfende platzierte und selbst nach ihrem Etui griff. Umsichtigerweise bot sie Marion eine ihrer letzten Zigaretten an, bevor sie sich selbst eine entzündete mithilfe eines ebenfalls sehr kostbaren, silbernen Feuerzeugs, das sie unter ihrer aufgeschlagenen Lektüre gefunden hatte. Auch hier gab es eine kryptische Botschaft im Silber: Da mi basia mille. Weil er nicht gerne rauchte, lehnte er ab, aber er sah gerne dabei zu, wie sie den eleganten Dunst ein- und ausatmete. Langsam drückte ihre Brust sich dabei gegen ihr rosa Kleid. Zuvor war ihm dies noch niemals wirklich aufgefallen, oder etwa doch?

„Warum nicht?“ fragte er sie herausfordernd. „Du hättest es gut als meine Schwester, weißt du? Andere Mädchen würden alles darum geben, meine Schwester spielen zu dürfen, glaube mir, das habe ich schon sehr oft zu hören bekommen.“

Fröhlich lachte Guinievaire über seine Scherze, wobei sie den Kopf auf die Seite neigte als sei es offensichtlich, worauf sie abzielte. Dennoch antwortete sie nicht direkt auf seine Frage. „Wir kaufen dir teure, hübsche Anzüge und du lässt dein Haar ein wenig wachsen,“ überlegte sie stattdessen. „Sie alle werden vollkommen verrückt nach dir sein. Ich bin vollkommen verrückt nach dir.“

Als sie eben dieses unerhörte Geständnis machte, streckte sie einen ihrer schmalen Füße in einem dünnen, weißen Seidenstrumpf aus, um ihre Zehen an Marions Bein hinauf und hinab gleiten zu lassen, wobei sie nicht eben subtil in ihrer Vorgehensweise war, aber sie schien sich dessen nicht zu schämen. Sie flatterte die Wimpern und blickte ihm direkt in die Augen.

Nun flirtete sie definitiv mit ihm, beschloss er deshalb und hob die Augenbrauen, abwägend, was er wohl tun sollte. Zum einem wollte er nicht wirklich, dass sie aufhörte, aber es wäre auch dumm, ließe er sie gewähren. Wie sie ihn ansah aus ihren grünen, hübschen Augen, gab sie Marion jeden Grund dazu, zu befürchten, sie habe sich verliebt in ihn, womit sie gefährlich wäre, genau wie er es befürchtet hatte. Was sollte er immerhin anfangen mit einem reichen Mädchen in seinem Alter, das aufrichtige Gefühle für ihn hegte?

„Ich sollte gehen,“ war seine brillante Antwort auf ihre klugen Avancen, weswegen seine kleine Freundin etwas verwirrt dreinblickte. Marion ließ ihr jedoch keine Zeit für eventuelle Proteste, stattdessen erhob er sich sofort mit einem Seufzen und suchte in seiner Tasche nach dem Schlüssel zur Türe. Guinievaire seufzte derweil lediglich, stand ebenfalls auf und gab ihm zum Abschied eine wortlose, feste Umarmung.

 

 

Dies war ein herrlicher Ort, unvorstellbar grün und unendlich weit, ganz anders als London und dabei um so vieles besser. Man konnte atmen hier und man konnte vergessen, was in der Stadt unerträglich schwer auf den Schultern lastete. Stundenlang konnte man die verschlungenen, kleinen Wege durch Wälder und Felder abreiten, während die Sonne beständig und sehr freundlich schien, wobei es noch außergewöhnlich früh war im Jahr für einen derart angenehmen Frühling. Wenn Tony auf der Terrasse von Hatsfield Park stand, dann konnte er all dies sehen, jeden Morgen, die Weite und die Unberührtheit des Landes, und dann fühlte er sich kräftig und zuversichtlich, wo er in London verzweifelt, erschöpft und wie eine Saite angespannt gewesen war. Er hatte sie nicht finden können, sagte er sich jeden Morgen, wenn er die frische Luft genoss, es war unmöglich gewesen, weshalb er sich keine Vorwürfe machen musste. Es war das Beste für sie und für ihn, ganz einfach zu warten bis ihr Vater Gnade walten ließ, und dann würden sie ihr Glück erneut versuchen. Denn natürlich liebte er sie noch immer und er wollte sie noch immer heiraten, er vermisste sie schrecklich, und er sehnte sich nach ihr Tag um Tag, aber diese Gefühle, sie richteten ihn auch zu Grunde, war er ab sofort nicht etwas behutsamer mit ihnen. Denn er konnte sie derzeit nicht sehen und nicht haben, wie sollte er sich also besser fühlen, wenn er sich nach ihr verzehrte? Dieser Urlaub war eine richtige Entscheidung für ihn gewesen, sprach er sich Mut zu, und seitdem er hier war, erschien das Leben ihm wieder heller. Wie die Vögel sangen in den Bäumen, wie die Tannen dufteten, wie lebendig alles war auf dem Lande in der frischen Natur! Dies war es, was Tony gebraucht hatte, um neue Kraft zu schöpfen, und deshalb hatte er sie nicht im Stich gelassen, er machte sich lediglich bereit für die Zeiten, während derer ihr Schicksal wieder in seiner Hand lag. Bis dahin dachte Tony auch mehr über sich und über seine Ziele nach, was er im letzten Jahr, als er andere Prioritäten gehabt hatte, ein wenig vernachlässigt hatte, und während er oft auf Entdeckungsreise ging in jener völlig neuen Umgebung, wo nichts schmerzliche Erinnerungen in ihm auslöste, sponn er dieses aufregende Gefühl des Unbekannten weiter fort in seinem Kopf. Wobei ihm bewusst wurde, dass es tatsächlich noch eines gab, was er gerne tun wollte bevor er auf Ewig sesshaft wurde mit einer Frau und damit zum verantwortungsbewussten Oberhaupt einer Familie: er wollte gerne das Festland sehen und Europa bereisen für einige Zeit, doch wann immer er sich mit dieser Idee auseinandersetzte, wurde er zugleich auch von seinem Gewissen, das er beständig zu beruhigen suchte, gequält. Denn er war sich nicht sicher, ob es rechtens war, was er vorhatte – dass er so weit fort reisen würde, in fremde Länder, während er sie noch vermisste und nicht wusste, wo sie war, wo sie sich doch zugleich allein wegen ihm in ihrer misslichen Lage befand. Würde er fahren, ließe er sie dann damit im Stich? Diese Frage ließ Tony niemals zur Ruhe kommen, wollte er Pläne schmieden, denn er erinnerte sich daran, was er ihr versprochen hatte: dass er einen Weg finden würde für sie, hatte er ihr versichert, die voller berechtigter Zweifel gewesen war. Egal wie sehr er sich befreien wollte, dieses Versprechen hielt ihn noch immer fest und deshalb war er sich weiter unsicher. Hatte er etwa zu früh aufgegeben? Gab es mehr, was er für sie tun sollte, hatte er sich nicht genug bemüht um ihre Rettung? Vielleicht war er ein schlechter Verlobter, dachte er oft und auch heute an diesem Tag, der nicht mehr allein freundlich war, sondern der auch versprach, der erste, wahrhaftig heiße Sommertag des Jahres zu werden.

„Es wird heute heiß werden,“ teilte Tony also seinen Gastgebern mit, als er durch die grünen Glastüren zurück in den hellen Frühstücksraum von Hatsfield Park trat, wobei der Marquis und Victoria, deren Stimmen er zuvor noch leise hatte hören können, aber nicht darauf geachtet hatte, was sie sagten, sofort verstummten.

Dass sie mittlerweile miteinander sprachen, dies war durchaus als Fortschritt zu bewerten, denn als Tony angekommen war, da hatten die beiden nur über die nötigsten Dinge wenige Worte verloren und hatten ansonsten parallel aneinander vorbei gelebt. Sie hatten viel geschwiegen, und zumeist hatte Vicky sich außerdem auch viel beklagt über ihren unerwünschten Ehemann: warum er sie unbedingt hatte haben wollen, warum sie dumm und schwach genug gewesen war, um dieser Verbindung zuzustimmen, warum sie schrecklich leiden musste. Es war ihr sehr schlecht gegangen für einige Zeit. Tony hatte sich also darum bemüht, sie etwas aufzubauen, denn immerhin hatte sie trotz ihres Unglücks zugleich selbiges für ihn getan und hatte seinen langen Klagen gelauscht. Sie beide waren dadurch Freunde geworden und hatten sehr von der Gesellschaft des anderen profitiert.

Aber auch der Marquis Doyle oder Robert, wie Tony ihn inzwischen nennen durfte, hatte sich durchaus als unterstützende Kraft herausgestellt. Er war freundlich, sehr gebildet, besonnen und ruhig und er mühte sich, obwohl er Tonys früheres Verhalten als moralisch einwandfreier Mensch vielleicht verurteilte, ihn über seinen schlimmen Verlust so gut er nur konnte hinweg zu helfen. Saßen sie ohne Victoria beieinander, dann sprach er niemals schlecht über seine Angetraute. Vielmehr wurde bei ihren abendlichen Gesprächen vor dem Kamin meist recht deutlich, dass Robert seiner Frau ausgesprochen zugetan war, und dies schon lange gewesen war, selbst als er sich eigentlich noch um Guinievaire hatte bemühen müssen. Letztere hatte ihn niemals interessiert, gestand er Tony, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, denn von Anfang an war sie ihm gegenüber absolut und vollkommen grauenhaft gewesen und hatte alles dafür getan – ganz bewusst, so vermutete er – ihm um keinen Preis zu gefallen. Vicky jedoch hielt er für das schönste Mädchen, das er jemals gesehen hatte. Außerdem zeigte er sich stets tief beeindruckt von ihrer ungeheuerlichen Intelligenz, ihrem Witz und ihrem unvergleichlichen Anstand und Pflichtbewusstsein wie man es selten noch bei ihren Altersgenossinnen fand. Während Tony ihm meist stumm lauschte und nickte, fand er dabei nichts in Roberts Reden, dem er widersprechen hätte können.

Und nun, nach einigen Wochen in Shropshire, erweckte es tatsächlich den Anschein, als kämen die beiden zumindest ein wenig voran in ihrer komplizierten Beziehung, denn sie sprachen miteinander, was sie weitaus häufiger als zuvor taten, wobei sie jedoch oft stritten: sie stritten über Literatur und Kunst, sogar über Politik und Wissenschaft. In jeglichem Thema waren sie sich uneins, aber sie diskutierten dennoch alles überaus gerne und manchmal durchaus über einige Stunden hinweg. Dass sie nun plötzlich schwiegen, wo Tony auf einem der eleganten, gewebten Stühle an dem runden Tisch Platz nahm, konnte üblicherweise nur eines bedeuten: eben noch mussten sie ihren liebsten Streitpunkt erörtert haben, der in Tonys Anwesenheit absolut tabu war, denn er mochte es nicht, wurde über sie gesprochen und er mochte es noch nicht einmal, musste er ihren Namen laut ausgesprochen hören. Wann immer dies geschah, löste es in ihm die unangenehmsten Regungen aus. Er wurde dann beunruhigt und quälte sich mit den immer gleichen Fragen, also schwiegen Vicky und Robert nun eilig, wo sie eben noch über sie gesprochen haben mussten.

Tony gab jedoch vor, er habe den Grund für ihre Verschwiegenheit nicht mit Leichtigkeit erraten, lächelte etwas halbherzig und nahm einen Schluck von seinem Tee, während seine Gastgeber für eine kurze Weile die Lippen verschlossen aufeinander pressten, um dann an sein Gespräch über das bemerkenswerte Wetter anzuknüpfen.

Vicky nickte also äußerst zustimmend. „Es ist jetzt schon sehr schön, nicht wahr?“ meinte sie fröhlich und legte dabei entspannt beide Unterarme auf den Tisch. „Sicherlich werde ich später ein wenig in der Sonne lesen.“

„Ich kann nichts tun, wenn es wirklich heiß wird,“ befand Robert weiterhin, während er sich die Hemdärmel zurecht zog. Die beiden hatten scheinbar schon aufgegessen und saßen noch am Tisch, weil sie Kaffee trinken mochten und sich angeregt unterhalten hatten. „Ich vertrage ein solches Wetter nicht.“

Er konnte es nicht ahnen, aber schon diese winzige Bemerkung löste in Tony, während er sich etwas Brot zurecht schnitt, unendliche Erinnerungen aus: daran, dass seine Verlobte niemals hatte in die Sonne gehen wollen, an ihre papierdünne, weiße Haut, an ihr instabiles, ungesundes Wesen und daran, wie sie stets geklagt hatte über die Natur und Sonnenstrahlen, wobei er sowohl liebevoll als auch ausgesprochen ungerne an all diese gemeinsame Erlebnisse zurückdachte. Niemals hatte sie mit ihm ausreiten wollen im Sommer deshalb, sondern immer nur am Bassin im Stall sitzen wollen und dann hatte sie über das Stroh und die Spinnweben geklagt.

„Ich denke, ich werde ins Dorf reiten, heute,“ verkündete er, als er sich mit etwas Gewalt zurück gerissen hatte an den Frühstückstisch. „Mein Pferd braucht dringend neue Hufeisen. Ich habe mir damit schon viel zu lange Zeit gelassen.“ Tony hatte nicht unter fremde Menschen gehen wollen in der letzten Zeit, wenn er ehrlich war, denn er war mittlerweile wohl etwas misanthropisch geworden.

„Es ist nicht weit,“ teilte Robert ihm aufmunternd mit. „Und es ist wirklich ein sehr hübscher Ort.“

„Nun, sonderlich aufregend ist es nicht,“ musste Vicky daraufhin sofort bemerken, wobei sie ihre knochigen Schultern zuckte, aber weiterhin lächelte und Tony mit einem warmen Blick bedachte. „Und man kann es kaum als ein Dorf bezeichnen, es besteht nur aus einigen Häusern, ein paar Höfen, einer Mühle und natürlich einem Pub.“

Wie froh er war, dass er und Vicky inzwischen derart freundschaftlich miteinander umgehen konnten! Sie war ihm eine großartige Gastgeberin und in allen Belangen eine große Hilfe. Zudem hatte sie Roberts Bewunderung dringend verdient, denn sie war klug und humorvoll. Was Tony jedoch derzeit am Besten an ihr gefiel, war die Tatsache, dass sie gänzlich unkompliziert war: wenn die Sonne schien, dann genoss sie es und vermutlich genau deshalb hatte ihre Haut auch einen sehr schönen, warmen Olivton.

Tony legte sein Brot auf den Teller und hob ein wenig die Augenbrauen, seufzte und sah von seiner Gastgeberin zu ihrem Ehemann. „Es ist nicht schlimm, dass es dort nicht aufregend ist,“ sagte er mit einem Nicken. „Ich mochte es schon immer, dass es so ruhig ist auf dem Land. Die Menschen hier sind um so vieles glücklicher und gesünder, nicht? In London hasst jeder jeden.“

„Wirst du dann wirklich verreisen, wenn du London nur noch so ungerne sehen magst?“ fragte Vicky neugierig. Tony hatte bereits seine Träume von einer Reise auf das europäische Festland mit ihr besprochen. „Ich denke, es würde dir sehr gut tun.“

Eine einmalige Gelegenheit ergreifend stimmte Robert seinem Gegenüber eilig zu. „Das denke ich auch,“ schloss er sich an, dabei nickte er und seine grauen, nüchternen Augen leuchteten warm und ehrlich. Kein Zweifel konnte daran bestehen, dass diese beiden Menschen sich ernsthaft und aufrichtig um ihn sorgten.

Tony jedoch war weiterhin unentschlossen, weshalb er für einige Sekunden auf die verschlungenen Efeuranken auf der hellen Tapete starrte. Hübsche, sehr moderne Radierungen schmückten die Wände neben den Bücherregalen, ansonsten bestand der Frühstücksraum einzig aus ihrem runden Tisch, mitten im Zimmer, und den weiten Türen und Fenstern, die aus geformtem Glas bestanden und hinaus führten auf die Veranda. Hatsfield Park war ein ausgesprochen offenes und weitläufiges Haus, das stets von Sonne oder herrlichem Wetter durchdrungen schien. Tony war also an den perfekten Ort zu den perfekten Menschen gekommen, um sich zu erholen. Ob er aber nun, nachdem er sich wieder fühlte, als sei er zu sich selbst zurückgekehrt, das Mädchen aufgeben konnte, das er liebte, er hatte sich immer noch nicht entschieden. Außerdem mochte er derzeit noch nicht abreisen, wo er sich doch außergewöhnlich wohl fühlte in Shropshire.

„Ich weiß noch nicht,“ erwiderte er also lediglich sehr vage, wobei man auch diese Antwort zu begrüßen schien.

Vicky hob ihre schlanken Hände. „Nun, was immer du tust, es ist schön, zu sehen, dass es dir endlich wieder besser geht,“ lächelte sie, dann legte sie sanft die Finger um Tonys Unterarm, wo sie sich warm anfühlten, während er unglaublich gerührt war von ihrer herzlichen Umsicht. War sie früher schon so gewesen, so liebenswert und geduldig und voller Verständnis? Tony war es, als lerne er Victoria vollkommen neu kennen. Dankend blickte er ihr in die tiefbraunen Augen hinter jenen langen, schwarzen Wimpern.

Mit einem verhaltenem Räuspern erinnerte Robert Tony schließlich wieder an seine Anwesenheit. „Entschuldigt mich,“ bat er mit gedrückter Stimme, dabei hatte er sich bereits erhoben, um dann mit langen, hastigen Schritten das Zimmer zu verlassen. Etwas beschämt sah Tony ihm hinterher, wobei sein Mundwinkel unweigerlich zuckte. Derweil zog Vicky ihre Hand zurück in ihren Schoß und auch sie blinzelte kurz und strich sich über die Stirne. Welch peinliche Situation dies war und es war alleine seine undankbare Schuld! Wie unsicher sie alle waren und überfordert mit ihren jeweils neuen, unausgereiften Situationen. Robert wusste, was er wollte, aber er schien es nicht bekommen zu können. Vicky machte zugleich einen mehr als verwirrten Eindruck, wo sie doch üblicherweise bestechend klar sah, und Tony quälte sich mit unzähligen Fragen: was wünschte er sich, was wollte er? Wollte er fort, wollte er reisen, wollte er bleiben? Und wollte er Guinievaire überhaupt zurück?

„Ich sollte wohl aufbrechen,“ meinte er nach einiger Zeit tonlos, woraufhin Vicky lediglich nickte und die langen Lippen aufeinander drückte.

Auf dem ausgedehnten Weg in das kleine Dorf hatte Tony einen kühlen, leeren Kopf wahren und schlicht die herrliche Landschaft genießen wollen, die Bauernhäuser, die grünen Wiesen, die alten, knorrigen Bäume, auch die Luft und das Licht, das ihm unendlich viel wärmer erschien als in der Stadt. Aber zu seinem eigenem Unglück konnte er sich nicht von seinen rasenden Gedanken befreien, während er auf dem Rücken seines Pferdes saß.

Denn nun musste er doch immer an sie denken, wobei sein Gewissen laut mit ihm schimpfte, weil sie nur wegen ihm verschwunden war und weil sie vermutlich leiden musste, egal wo sie war, um für die Flucht zu büßen, zu der er sie überredet hatte. Und was tat er, während sie auf ihn vertraute? Was tat er auf Hatsfield Park, was geschah mit ihm, was passierte mit ihm und Vicky, die zweifellos zu einem Problem zu werden drohte? War er denn wahnsinnig geworden? Er hatte Verpflichtungen. Er konnte nicht einfach fortlaufen und doch wollte er es so sehr.

Und er wollte sie vergessen, seine Verlobte, und doch konnte er es nicht. Weiterhin dachte er jeden einzelnen, einsamen Tag an sie, und wenn er sich an ihre schönen Erlebnisse erinnerte, dann wollte er sie um jeden Preis wieder finden, so schnell wie nur irgend möglich. Aber zugleich wünschte er auch, es wäre nicht derart schwer mit ihr. Das war es jedoch, denn es gab keine Spur und kein Lebenszeichen, und außerdem war es auch zuvor schon immer schwierig gewesen – wie sie sich hatten verstecken und wie sie hatten kämpfen müssen, um sich am Ende vollkommen umsonst zu bemühen. Ihm fehlten ihre funkelnden Augen und ihre weiche Haut, ihre Stimme und ihre Haare, vermutlich so sehr, dass er ganz einfach nicht in der Lage sein konnte, sich vernünftig zu verhalten mit einem großem Loch in seiner Brust. Wenn er bewusst an sie dachte, wenn er nicht versuchte, es zu vermeiden, dann war absolut klar, was er wollte. Aber was er wollte, das konnte er nun einmal nicht haben, und wenn er es sich noch so sehr wünschte. Wieso sollte er also verrückt werden vor Sehnsucht?

Nun, während dieser vielen, traurigen Gedanken wurde es tatsächlich schon bald ein sehr heißer Tag, er hatte also recht behalten und er litt mit dem stämmigen Schmied, der in der Hitze des Schmelzofens mit einem donnernden Hammer sein Pferd neu beschlug, als er endlich im Dorf angekommen war. Sicherlich waren es über dreißig Grad in der Sonne und damit außergewöhnlich heiß für Mai, was auch die Frau des besagten Schmiedes bemerkte. Sie war klein und rundlich, hatte aber rosige Wangen und sah damit genau so aus, wie Tony, der naive Städter, sich gerne die Frau eines Schmiedes vorstellte, als sie ihm ein Glas Wasser brachte. Dankend nahm er es entgegen, und sie sah zufrieden dabei zu, wie er die willkommene Erfrischung in hastigen, kühlenden Zügen leerte. Schon zuvor hatten sie ein wenig unverfänglich geplaudert, was Tony sehr genossen hatte. Dabei war unter anderem auch von Hatsfield Park die Rede gewesen, für deren Besitzer sich sein offenes Gegenüber sehr zu interessieren schien, denn reiche Leute im Allgemeinen schienen eines ihrer liebsten Themen zu sein. Dabei war sie jedoch nicht wirklich sicher, ob Tony selbst zu jener glamourösen Gruppe zu zählen war oder nicht. Um also sein soziales Netzwerk zu überprüfen, erkundigte sie sich deshalb höflich, ob er auch bereits in dem anderen großen Haus in der Nähe zu Besuch gewesen war. Als er jedoch erwiderte, dass er von diesem Haus noch niemals gehört hatte, erklärte sie ihm sogleich alle wichtigen Fakten: es läge einen Ritt von ungefähr einer Stunde entfernt vom Dorf und immer in nördlicher Richtung. Außerdem sei es kein sonderlich großes Haus, aber doch sehr teuer eingerichtet und besonders berühmt für seinen herrlichen Garten. Eine Cousine von ihr arbeite dort, erklärte sie weiter, und sie arbeitete für die alte Abigail, wie man die Hausherrin scheinbar gerne nannte, wobei der Name Tony seltsam bekannt vorkam. Nachdem die Frau des Schmiedes ihn nach einiger Zeit in jene oberflächlichen Details eingeweiht hatte, senkte sie schließlich die dunkle, zufriedene Stimme ein wenig, was einzig bedeuten konnte, dass sie ihm nun etwas unerhörten Klatsch erzählen wollte. Eigentlich fühlte Tony sich stets unwohl, ging es um Gerüchte und Halbwahrheiten. Aber in diesem seltenen Falle war er tatsächlich sogar ein wenig neugierig. Diese Abigail interessierte ihn, und außerdem wäre es unhöflich gewesen, sie zu unterbrechen, also lauschte er still weiter. Seitdem ihr Mann gestorben war, wurde ihm berichtet, hatte Abigail alleine in ihrem hübschen Haus gewohnt. Seit Anfang des Jahres hatte sie nun jedoch offenbar Besuch von einem jungen Mädchen, bei dem es sich angeblich um ihre Nicht handelte, so hatte es die dort angestellte Cousine zumindest geschildert. Das Sonderbare an dieser Geschichte war aber nun, dass diese Nichte sich nicht frei bewegen durfte im Haus – sie verließ niemals ein bestimmtes Zimmer im Turm und keiner aus dem Personal hatte sie bisher zu Gesicht bekommen, noch nicht einmal der Gärtner, der damit betraut worden war, ihr morgens und abends das Essen zu bringen. Tony hörte aufmerksam zu und natürlich zog er dabei Schlüsse, von denen er schlicht nicht glauben konnte, dass sie der Wahrheit entsprachen. Derart große Zufälle konnte es ganz einfach nicht geben, weswegen er sich auf keinen Fall auch nur die winzigste Hoffnung machen durfte. Und dennoch konnte er es mit einem Mal kaum noch erwarten, dass der Schmied endlich mit seiner Arbeit fertig war. Solange er aber weiter Tonys Pferd bearbeitete, erkundigte sich dieser noch einmal ausführlich nach dem Weg zu besagtem, mysteriösem Haus. Er wolle der alten Abigail seine Aufwartung machen, beteuerte er, und sein Gegenüber zeigte sich von einem derart galanten Verhalten sichtlich beeindruckt.

Natürlich dachte Tony nicht lange darüber nach, welchen Weg er einschlug, als sein Pferd endlich bereit war, denn was sollte er verlieren, wenn er zumindest einmal einen kurzen Blick riskierte? Wäre sie nicht dort, dann wäre alles wieder wie zuvor und wenn – denn auch dies war eine sehr kleine Möglichkeit – sie aber tatsächlich dort sein sollte, was wäre dies für ein unglaubliches Glück für ihn und sein geschundenes Herz und welch ein Zufall? Ein Zufall, der beinahe schon an Schicksal grenzen würde, wäre es und zudem auch ein Schicksal, welches er kaum verdient hätte, denn er hatte sie bereits aufgeben wollen. Nun, er musste ruhig bleiben, sagte er sich beharrlich. Noch hatte er nichts gesehen und alles war voll und ganz unsicher.

Weil er ein schneller und geübter Reiter war, kam er schließlich unter einer Stunde an sein Ziel. Dennoch war es nun bereits spät am Nachmittag geworden, und die Sonne stand tiefer. Sie brannte jedoch nach wie vor unerbittlich, als er endlich das niedrige Gartentor aus Holz erreichte, das von einigen akkurat getrimmten, frischen und grünen Büschen gesäumt wurde. Das Haus war wirklich nicht sonderlich groß, wie man es ihm berichtet hatte, aber es hatte eine hübsche Farbe, die Guinievaire, die eine Fachfrau war in allen Fragen der Inneneinrichtung, wohl als dunkle Eierschale bezeichnet hätte, und zudem gab es kleine, weiß gestrichene Fensterrahmen. Eine elegante, steinerne Treppe führte zur Eingangstür und hinten links befand sich ein außergewöhnlicher Turm mit einem spitzen Dach, der das Anwesen wie ein kompaktes Märchenschloss erscheinen ließ. Es war also für sich, alles in allem, sehr entzückend. Wirklich spektakulär war jedoch allein der Garten, in dessen Mitte es stand: umgeben von einer niedrigen Steinmauer, an der Tony neugierig entlang ritt, gab es die buntesten Büsche, Kirschbäume, einen Teich und einen Pavillon. Sonnenblumen streckten sich an den Wänden hinauf, hinten lag schließlich eine Terrasse, auf der strahlend weiße Gartenmöbel standen und die von Gardenien, Rosen und hellen, gelben Tulpen gesäumt wurde. Dies hier war unmöglich ein Gefängnis, dachte Tony, dem es recht schwer fiel, zu glauben, dass an solch einem Ort etwas Schlechtes vor sich gehen konnte. Bei einer grauen Weide, die hinter der Mauer außerhalb des Grundstücks stand und von welcher Tony einen sehr guten Blick auf das Türmchen hatte, hielt er schließlich an und saß ab. Was er vorhatte, war albern, aber warum sollte er es nicht tun? Natürlich würde sie nicht dort oben am Fenster stehen als warte sie nur darauf, dass er endlich auftauchte. Vermutlich war sie noch nicht einmal hier, aber warum sollte er nicht sicher gehen? Er musste es wirklich und vollkommen genau wissen.

Im obersten, dritten Stock gab es drei kleine, etwas angewinkelte Fenster in der Wand, welche Tony genauer betrachten wollte. Dazu schirmte er sich die Augen mit einer flachen Hand und hob den Kopf, um seine Sicht etwas zu verbessern und dabei schien es ihm zunächst einfach dunkel zu sein hinter diesen Scheiben. Und außerdem konnte in diesem schmalen Turm wirklich nur ein sehr kleines Zimmer Platz finden, in welches selbst der größte Unmensch seine Tochter nicht schon für mittlerweile fünf Monaten eingesperrt hätte. Tony seufzte, unerfreut über das lächerliche Bild, das er abgeben musste. Dann glaubte er jedoch mit einem Mal Schatten zu sehen in den Fenstern – Schatten, die sich bewegten, also harrte er weiter aus und versank in Gedanken. Sie war hier, fürchtete und hoffte er. Sie war hier und sie hatte auf ihn gewartet, oder etwa nicht? Langsam begann sein Kopf dabei, zu schmerzen, genau wie sein Nacken, aber Tony rühre sich nicht vom Fleck, wofür er schließlich sogar belohnt wurde: gerade als die Anspannung ihm unerträglich zu werden schien, tauchte endlich ein Etwas am Fenster auf. Sein Herz machte ob dieses Anblicks sofort einen Sprung, sank dann aber schon nach wenigen Sekunden ebenso schmerzhaft wieder in sich zusammen. Das konnte sie nicht sein, befand er nämlich enttäuscht, denn diese Gestalt war bei weitem zu groß für seine Verlobte und definitiv auch etwas zu breit. Wenn sie doch nur ein bisschen näher ans Fenster träte! Nun, dies tat sie nach einer weiteren, kurzen Weile auch oder zumindest ein Teil davon – es hatte sich bei dem ersten Gebilde um zwei Personen gehandelt – und der vage Schatten, der nun direkt hinter den Scheiben stand, war unmöglich zu verwechseln, denn ihre weiße Haut setzte sich ebenso leuchtend von dem dunklen Hintergrund ab, wie ihr strahlend rotes Haar. Selbst wenn Tony das Gesicht der Figur nicht wirklich gut erkennen konnte, sie hatte doch die richtige Größe und nun war sie auch entsprechend schmal. Außerdem war ihre Haltung die Guinievaires. Hinter ihr stand jemand, ein zweiter Umriss, aber derjenige oder diejenige war verschwunden, nachdem Tony ein einziges Mal sehr kurz die fassungslosen Lider schloss. Guinievaire verharrte jedoch an ihrem Platz.

Sie war also hier, schloss er nun endlich, bei ihrer einzigen Tante. Es wäre unerhört leicht gewesen, sie zu finden, hätte er es nur gewollt. Was um Himmels Willen hatten die teuren Privatdetektive bloß getan, die er monatelang bezahlt hatte, und wie nur hatte er derart gründlich versagen können? Tonys Brust pochte vor Aufregung und Scham, denn er hatte sie aufgegeben und im Stich gelassen, er war ein Heuchler und ein Feigling. Hatte er ihr nicht in ihrer letzten gemeinsamen Nacht versprochen, er würde immer einen Weg für sie finden? Sie musste vor Wut kochen, während sie nun auf ihn herab sah. Einzig wegen ihm hatte man sie hier eingesperrt, in dieser Einöde weit weg von ihrer geliebten Stadt in einem winzigen Zimmer, während er vorgehabt hatte, nach Europa zu reisen, seine Freiheit zu genießen und sie zu vergessen, um von vorne zu beginnen. Wie grausam er doch war, wo er doch immer restlos davon überzeugt gewesen war, dieses Mädchen zu lieben! Voller Scham fasste Tony in diesen Augenblicken, als er kaum glauben konnte, was er sah, einen Entschluss für die Ewigkeiten: er hatte sie zweifellos enttäuscht, aber er würde alles tun, um seine schlimmen Versäumnisse wieder gut zu machen – von nun an würde er sie niemals wieder im Stich lassen und er würde sie noch mehr lieben als jemals zuvor, und niemals wieder würde er sie aufgeben. Für immer und immer würde er Buße tun für seine Unstetigkeit, wobei er ihr aufs Neue beweisen würde, dass sie sich tatsächlich auf ihn verlassen konnte. Denn Tony vertraute seiner unendlich geliebten Guinievaire, und auch sie sollte ihm schon bald wieder vertrauen können.

 

 

Guinievaire wurde an eben diesem Morgen von brennend heißen Sonnenstrahlen geweckt, vor denen sie sich eilig in die einzig schattige Ecke ihres Bettes rettete, um etwas missmutig aus dem Fenster zu blicken. Der Himmel war strahlend blau und schon in diesen frühen Stunden konnte man kaum einen Atemzug tun in ihrem Gewächshaus von einem Zimmer. Dies würde also mit großer Sicherheit der erste wirklich heiße Tag in diesem Jahr werden. Übellaunig ob dieser unerfreulichen Aussichten erhob sie sich dennoch, zog sich das dünnste Seidenkleid an, das sie finden konnte, kämmte ihr Haar und schminkte sich schließlich mit besonderer Sorgfalt. Immerhin wollte sie an diesem Tag noch weitaus schöner aussehen als ohnehin schon üblich, denn an diesem besonderen Tag erwartete sie ihren lieben Freund Marion bereits zum Frühstück. Wegen der langen Zeit, die sie deswegen miteinander verbringen konnten und wegen des warmen Wetters, war vielleicht heute endlich jener Tag gekommen, auf den sie schon lange wartete. Hitze brachte immerhin stets auch Erregung mit sich.

Und zudem mühte sie sie sich nun schon seit einigen Wochen vergeblich, weswegen sie sich vor Kurzem endgültig entschlossen hatte, dass sie seine Standhaftigkeit nicht länger hinnehmen mochte und deshalb mit dem heutigen Tage aufhören würde, subtil oder gar zurückhaltend zu sein. Lange hatte sie genug. Sie hatte genug von ritterlichen Männern und dieser Bestrafung war sie ebenfalls vollkommen überdrüssig, also musste sie etwas unternehmen, um nicht noch länger hier gefangen zu sein und bestraft zu werden, wobei sie sich um ihre Befreiung offenbar selbst kümmern musste. Weit und breit schien auch nach beinahe sechs Monaten keine Rettung in Sicht, und um keinen Preis der Welt würde sie sich jemals bei ihrem grausigen Vater entschuldigen.

Also hatte sie sich ganz alleine einen Plan zurecht gelegt, mit dessen Hilfe sie ihrem Verlies entkommen konnte und für den man kein Genie hatte sein müssen, der jedoch ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit erforderte, an der es Guinievaire glücklicherweise ganz und gar nicht mangelte. Länger in Shropshire zu bleiben war keine Option für sie, so hatte sie beschlossen, und es gab nur einen einzigen Weg aus ihrem Zimmer, nicht wahr?

Endlich fertig mit ihren ausgiebigen Vorbereitungen trat sie aus der winzigen Zelle, die sich ihr Bad schimpfte, zurück in ihr Zimmer, um einen letzten, prüfenden Blick aus dem Fenster zu werfen. Im Garten war Marion nicht zu entdecken, was bedeuten musste, dass er sich bereits auf dem Weg zu ihr befand, also eilte Guinievaire hinüber zu ihrem unordentlichen Bett, zog die Laken etwas zurecht, dann legte sie sich nieder, mit dem Kopf in der schattigen Ecke. So positioniert winkelte sie das Bein etwas an und ordnete sich das Haar, drapierte den dünnen Rock korrekt und rückte schließlich das Korsett zurecht, wobei sie heute eines ihrer teuersten und engsten Stücke trug. Sie hatte immerhin nicht vor, halbherzig zu sein. Schließlich streckte sie die Arme und atmete tief ein. Sie schloss die Lider und wartete und sammelte sich, und dann war sie endgültig bereit für ihr kleines Stück in einem Aufzug, welches ihr mit etwas Glück und Können vielleicht schon an diesem unerträglichen Tage die Pforten in die Freiheit öffnen würde.

Anschließend dauerte es nicht mehr lange, da klopfte es vorsichtig an ihrer verhassten Tür. Dann wurde der Schlüssel in das Schloss gesteckt und umgedreht und dann trat endlich Marion ein, das Tablett mit ihrem Frühstück in den langen, etwas schmutzigen Händen, wie sie durch ein neugierig geöffnetes Auge erkennen konnte. „Guten Morgen,“ wünschte er ihr fröhlich, als er sie auf ihrem Bett erblickte.

Guinievaire schlug die Augen nun offiziell auf, dabei lächelte sie sofort ihr strahlendstes Lächeln, so als sei es das Herrlichste auf der weiten Welt, ihn in diesem Augenblick zu erblicken. Dann klopfte sie mit der flachen Hand auf die Matratze neben sich. „Guten Morgen,“ erwiderte sie sogleich und stützte sich auf die Ellbogen. „Komm herüber zu mir, ich kann mich leider keinen Zentimeter bewegen bei diesen grauenhaften Temperaturen.“

Verständnisvoll und bester Laune sah Marion sie daraufhin aus seinen leuchtend hellblauen Augen an, wobei er artig ihren Anweisungen folgte. „Hast du Hunger?“ fragte er voller Umsicht, als er schließlich neben ihr saß. Guinievaire schüttelte jedoch lediglich den Kopf und ließ ihn zugleich nicht aus den Augen.

Welch unverschämtes Glück sie doch einmal wieder mit ihm gehabt hatte, dass sie ausgerechnet in einem Haus in seinem Garten eingesperrt worden war und dass ausgerechnet er mit ihrer Bewachung beauftragt worden war. Gäbe es nicht Marion, überlegte sie, während sie nach dem großem Glas Wasser auf seinem dargebotenen Tablett griff und in langen Schlücken trank, dann wäre ihre Flucht unmöglich. Wie gut er doch aussah für einen Mann seines Standes, für einen Gärtner, selbst wenn er diese schmutzigen, weiten Hemden trug und seine erdigen Hosen. Seine Haut hatte eine gesunde Bräune und spannte sich nicht allein über seine mächtigen Knochen, sondern auch über eine beträchtliche Anzahl an schlanken Muskeln, wie sie Guinievaire zuvor an noch keinem Mann gesehen hatte – vermutlich weil dies der erste Mann war, den sie kannte, der tatsächlich einer körperlich anstrengenden Arbeit nachging. Am besten an ihm gefielen ihr jedoch seine Augen, die so hell strahlten, dass es beinahe übernatürlich zu sein schien. Und außerdem sein blonder, sehr kurz rasierter Schopf, seine ebenso blonden Brauen und der hübsche, kurze Bart von wenigen Millimetern, der sein Kinn und seinen Hals kaum sichtbar bedeckte. Zusammen mit seiner etwas krummen Adlernase und seinen absonderlich großen Händen erweckte er alles in allem einen furchtbar gesunden und lebensfrohen und zugleich auch einen leicht verwegenen Eindruck, den Guinievaire sehr gerne hatte.

Ebenso wie sie ihn sehr gerne hatte und seinen Charakter, zumindest das, was sie bisher von ihm kannte: während der Wochen seiner Gesellschaft hatte sie bereits feststellen können, dass er ihr beinahe unheimlich ähnlich war und zugleich ganz anders als sie – ihre Persönlichkeiten glichen sich, aber ihre Erziehung und ihre Hintergründe waren grundverschieden, wodurch sie sich zumeist einig wurden, einander jedoch immer sehr viel zu erzählen hatten. Meist war ihm langweilig in seinem Leben, ein Sentiment, welches sie selbst nur allzu gut kannte. Außerdem war er restlos von sich überzeugt – vollkommen zurecht, wie sie fand – und schließlich behandelte er sie anders als sie es von männlicher Gesellschaft gewöhnt war: er hatte sie gerne und ganz bestimmt sogar fand er sie attraktiv, aber er bewunderte sie niemals unverhohlen, weswegen ihr Unterfangen heute vielleicht sogar ein wenig schwierig werden könnte. Marion wahrte nämlich stets eine ausgesprochen vernünftige und angemessene Distanz zu ihr, ganz so als ahne er, dass sie etwas Teuflisches im Schilde führte. Manchmal fand Guinievaire es beinahe unheimlich, welch untrügliches Gefühl er für ihre Handlungen und Gedanken zu haben schien.

Als sie ausgetrunken hatte, gab sie ihm das Glas dankend zurück, lehnte aber noch einmal das Essen – ein wenig Brot mit Marmelade und ein glänzend roter Apfel – ab. Dann seufzte sie laut und hob die Augenbrauen. Unerträglich heiß war es inzwischen in ihrem mit Holz verkleideten Zimmer, wo die Luft zitterte und verschwamm, während die alten Planken immer mehr Wärme verströmten, als hätten sie sich genau diesen schlimmen Tag ausgewählt, um all die Sonnenstrahlen, die sie über die Jahre hinweg gesammelt hatten, ohne Gnade auf Guinievaire und Marion zu hetzen. Mindestens vierzig Grad musste es mittlerweile in diesem schrecklich dumm konstruierten Raum messen.

Ihr Gegenüber stellte nun das Tablett beiseite auf den Boden, wobei ihm ein kleiner Tropfen Schweiß die gebräunte Stirne hinab ronn. Währenddessen ließ Guinievaire sich wieder auf ihre Kissen fallen, um erneut die Augen zu schließen und dann sehr tief und beständig ein- und auszuatmen, wobei sie mit voller Absicht den Busen heftig gegen ihren Ausschnitt drückte und einige Sekunden lang ganz einfach wortlos abwartete. Als sie die Lider wieder aufschlug, da ruhte Marions Blick genau dort, wo sie ihn gewollt und vermutet hatte.

Ein triumphales Lächeln zuckte sofort über ihr Gesicht. „Marion,“ sagte sie gespielt empört. „Wie du mich ansiehst, das ist ganz und gar ungebührlich. Ich hoffe, du bist dir darüber im Klaren.“

Unschuldig hob er daraufhin die Brauen. „Du kannst mich kaum belehren,“ konterte er mit einer Geste seiner rechten Hand. „Dieses Kleid ist ganz und gar ungebührlich. Sicherlich hast du Nachthemden, die züchtiger sind.“

„Wie du vielleicht bemerkt hast, ist es in meinem Zimmer ausgesprochen heiß. Ich bin also einzig und allein pragmatisch,“ erwiderte sie ebenso schnell und unbeeindruckt, dabei neigte sie den Kopf und grinste sehr zufrieden.

Marion schüttelte derweil etwas müde den Kopf. „Du bist nur halb so subtil, wie du glaubst, Guinievaire,“ meinte er nüchtern.

„Ich bemühe mich noch nicht einmal mehr um Subtilität, Marion,“ entgegnete sie jedoch zielstrebig. „Du weißt ohnehin, was ich will.“ Herausfordernd zuckte sie dabei eine Schulter und blickte ihrem Gärtner lange und erwartungsvoll ihn die Augen, wobei er lediglich zögerte und ein wenig die schlanken, blassen Mundwinkel fallen ließ.

Dies tat er leider immer und immer wieder, dass er so zögerlich war, seitdem Guinievaire damit begonnen hatte, ganz offen und ohne Scham mit ihm zu flirten. Und mit diesem unmöglichen Verhalten raubte er ihr unglücklicherweise den letzten Nerv. Es wäre sinnlos von ihm, zu leugnen, dass er sie anziehend fand und dass er sie wollte, immerhin war er ein zwanzig Jahre alter Mann, der sich bisher einzig der Bekanntschaft von einigen zahnlosen Dorfmädchen hatte erfreuen dürfen. Wieso also musste er beständig vorgeben, er sei nicht interessiert an ihr? Er hatte sie gerne, das hatte sie gesehen, und sie verstanden sich hervorragend, außerdem, welche Gefahren hatte er zu fürchten? War er am Ende etwa ein Kavalier und ritterlich, hatte er gar moralische Bedenken? Einen solchen Wesenszug traute Guinievaire ihm im Grunde nicht zu.

Anders als zuvor blieb Marion heute doch zumindest an ihrer Seite, wo er doch sonst gerne geflohen war vor ihren offensichtlichen Anspielungen, um sehr eilig das Thema zu wechseln. Nun sah er sie zutiefst skeptisch an. „Das ist eine sehr dumme Idee,“ erklärte er ihr überraschend direkt.

Guinievaire griff rücksichtslos nach einer seiner Hände, die neben der ihren auf der warmen Matratze ruhten. „Warum?“ fragte sie leichtfertig und betont sorglos, um ihn endlich für ihren Plan zu gewinnen. „Was kann passieren, Marion? Denk nicht darüber nach.“

Immerhin gab es doch nichts, was er fürchten musste oder zumindest sollte er dies glauben. Natürlich hatte Guinievaire versteckte Absichten bei ihrem Verführungsversuch, aber wie sollte er davon wissen oder ihre Ziele erahnen? Sie war sehr vorsichtig damit gewesen, was sie ihm über sich selbst und ihre Vergangenheit erzählt hatte.

„Deine Hände sind kalt,“ bemerkte Marion tonlos, während Guinievaire sich etwas aufgesetzt hatte und nun seine Finger drückte und streichelte, wobei sie sehr langsam ihre engelsgleich Geduld strapaziert sah.

„Alles an mir ist angenehm kalt,“ gab sie mit tiefer Stimme daraufhin zurück, dann reckte sie den Hals und hoffte, denn sie konnte sehen, dass er dachte und zweifelte. Sie spürte, dass er es wollte. Er musste ihr doch in diese hübsche Falle gehen können ohne dass sie auch die letzte Initiative noch ergreifen musste!

Er musste mit ihr schlafen, weil er eine neue Art von Beziehung zu ihr aufbauen sollte. Marion sollte glauben, sie sei in ihn verliebt, und mit der Zeit sollte er sich ebenso in sie verlieben, wenn er nicht bereits Gefühle für sie hegte. Denn je mehr sie ihm an sein ahnungsloses Herz wuchs desto unerträglicher würde es für ihn sein, sie weiterhin in diesem kleinen Raum eingesperrt zu sehen, besonders nachdem Guinievaire bereits deutlich gemacht hatte, dass sie an seiner Seite seinen großen Traum erfüllen wollte. Deswegen hatte sie ihm jene Vision ausgemalt von Amerika und von unendlichem Reichtum, damit er an diese Zukunft glaubte und sie schließlich erfüllen wollte. Er hatte den Schlüssel zu ihrem Zimmer, es war also vollkommen logisch, was sie beabsichtigte. Und zudem war es notwendig, weshalb Guinievaire kein schlechtes Gewissen hatte. Grundsätzlich fehlte es ihr oft an Umsicht und Reue, auch bei Marion, den sie gerne hatte, aber den sie verlassen würde, sobald er ihr die Flucht ermöglicht hatte, um ihren eigenen Visionen zu folgen. Dies war ihr Ziel, aus dem Gefängnis zu entkommen, um wieder selbst entscheiden zu können, was sie tun wollte und was nicht. All dies hatte sie sich fest vorgenommen und nun drohte sie bereits an dem ersten Punkt auf ihrer langen Liste von Rücksichtlosigkeiten zu scheitern. Wieso war er mit einem Mal stumm? Üblicherweise war Marion niemals um eine schnelle, kluge Antwort verlegen.

Er betrachtete sie für eine weitere Sekunde und dachte allzu offensichtlich nach dabei, dann seufzte er schließlich als würde er sich ergeben. Endlich streckte er eine seiner langen Hände nach ihrem Gesicht aus, wo sie sich ebenso heiß anfühlte, wie die Luft es war, während er die andere um ihre Taille wickelte. Als er ihren ungeduldigen Körper gegen sich zog, da wirkte er unzufrieden mit dieser Entscheidung, aber er tat es dennoch und er küsste sie auch, als sie ihm nahe genug war. Marion küsste sie, er legte die lauen Lippen auf die ihren und keine weitere Sekunde verschwendete er damit, behutsam zu beginnen oder gar weiterhin zurückhaltend zu sein. Vielmehr war seine Vorgehensweise sofort leidenschaftlich und heftig, was Guinievaire begeistert begrüßte. Sie drückte sich gegen ihn und schlang dabei die Arme um sein hohes Kreuz, während Marion ihren Schenkel griff. Nun geschah es endlich. Von nun an würde es leicht sein für sie. Sie sollte erfreut sein, dass der erste Schritt getan war und sollte weiter planen in ihrem Kopf, so hatte sie es beabsichtigt, und dabei hatte Marion tun sollen, was ihm gefiel, aber mit einem Mal verschwammen ihre vielen Ziele doch in ihrem berechnenden Kopf. Sie wollte es auch, stellte sie dabei fest, dies war der Grund: ihr Körper, der so lange vernachlässigt und schimpflich behandelt worden war, wollte endlich wieder Zuwendung erfahren. Sie wollte berührt werden von ihrem Gärtner und sie wollte den Sex und sie wollte ihn genießen. Dies war nicht länger ein kalkulierter Schachzug. Nun, sie konnte sich wohl ein wenig Vergnügen erlauben, immerhin war das weitere Vorgehen durchaus klar: zunächst einmal war es dringend notwendig, dass sie Marion auszog, also begann sie, die sich selbst und ihren Bedürfnissen ein Zugeständnis machen wollte, damit, sich mit geübten Fingern an den Knöpfen seines Hemdes zu schaffen zu machen. Sie würde es genießen und sie genoss es bereits und mit dem Denken würde sie also erst fortfahren, wenn es vorüber war. Dringlich seufzte Guinievaire und schob ihren Körper noch näher an Marions.

Dieser, der eben noch herrlich unvorsichtig ihren Rock aus dem Weg geschoben hatte, ließ jedoch schrecklich plötzlich von ihr ab, um sich aus ihrer Umarmung zu befreien, sich dann ebenso eilig zu erheben und einige, lange Schritte durch den Raum zu machen. Dabei fuhr er sich aufgeregt über sein kurzes Haar und starrte ratlos gegen die Wand bis er schließlich den durchdringenden Blick wieder auf Guinievaire richtete, die empört und verwirrt auf ihren Laken zurückgeblieben war und deren pochender Mund etwas offen hing. „Marion,“ klagte sie voller Ungeduld. „Was ist mit dir?“

„Bist du verliebt in mich, Guinievaire?“ fragte dieser sofort und ohne Umschweife. Dabei hob er zweifelnd die Hände, während sie schrecklich hingerissen war von ihm in diesen Sekunden. Machte er sich etwa Sorgen darum, ihre kindlichen Gefühle zu verletzen, wenn er mit ihr schlief, nur weil er sie wollte und nicht weil er sie liebte? Am Ende war er doch beinahe ritterlich, aber er musste sich nicht mit Rücksicht quälen in ihrem Falle. Sie war eine erwachsene Frau.

Zugleich war sie jedoch auch wild entschlossen, weswegen sie die Hände verschränkte und auf ihre Fingernägel blickte, während sie zögerte und heftig blinzelte. „Ein wenig,“ log sie, weil er eben dies glauben sollte, damit auch er zuließ, was zweifellos in ihm schlummerte.

„Ich will nicht, dass du dir Hoffnungen machst,“ sagte Marion ihr daraufhin, nachdem er enttäuscht die Arme verschränkt hatte.

Guinievaire zuckte jedoch lediglich etwas unbeeindruckt mit ihren Schultern. „Marion, du wirst mir das kleine Herz nicht brechen,“ versicherte sie ihm nach wie vor erzwungen geduldig. Ließe er doch endlich all diese albernen Bedanken fahren! Niemals zuvor hatte sie sich besonders um Ritterlichkeit geschert – tatsächlich ermüdete sie diese altmodische Eigenschaft wie kaum eine andere und dies schon seit Monaten und nicht nur bei Marion. „Ich werde den Verstand nicht verlieren, ich werde dieselbe bleiben.“

Während sie ihm diese Versprechen machte, erhob sie sich zugleich, um wieder zu ihm aufzuschließen und die Arme um seine schlanke Mitte zu legen. Dabei war er heiß, ebenso wie sie, deren Blut sonst nur mehr als schwerlich kochte. Einen halben Kopf größer als sie war Marion, weswegen sie den ihren ein wenig in den Nacken legte und dabei lächelte sie sanft und voller Zuversicht. Weiterhin rührte er sich nicht und starrte voller Misstrauen zurück, also bemühte Guinievaire sich, indem sie damit begann, seinen nassen Hals zu küssen, der ihr salzig schmeckte und der etwas rau war, auf eine angenehme Art jedoch, durch die blonden Stoppeln, die dort ausgesprochen gepflegt wuchsen. Wieder aufs Neue begann sie dabei, mit einer freien Hand die vielen, kleinen Knöpfe seines schmutzig weißen, dünnen Hemdes zu öffnen, und endlich leistete er keinen Widerstand mehr. Er seufzte lediglich zum wiederholten Male, dann nahm er Guinievaires Gesicht in seine großen Hände und küsste sie so stürmisch, wie er es schon zuvor getan hatte. Nach einiger Zeit versuchte er sich an dem komplizierten Verschluss ihres Kleides. Er schien jedoch mit den Mechanismen nicht vertraut zu sein, also zog Guinievaire ihn bestimmt an seinem Gürtel wieder in Richtung ihres Bettes, wobei sie nach seinen unbeholfenen Fingern griff und die Häkchen und Knöpfe auf ihrem Rücken schließlich selbst löste. Dankbar öffnete Marion daraufhin die Schleife auf ihrer Hüfte und half ihr aus den dünnen Ärmeln, bis das seidene Etwas lautlos auf den Boden glitt, in genau jenem Moment, in dem Guinievaire ihn auch von seinem überflüssigen Hemd befreite. Daraufhin ließen sie beide sich auf die sonnige Matratze fallen, wo Marion jedoch kurz pausierte, um einen langen, zufriedenen Blick auf sie zu werfen. Guinievaire lächelte hochmütig, während sie etwas Farbe von seinen begnadeten Lippen wischte und zugleich ebenfalls nicht sonderlich enttäuscht war von ihrem Gegenüber. Stets war sie der Meinung gewesen, sie lege keinen großen Wert auf Muskeln bei einem Mann, aber Marions fester, langer Oberkörper war nicht nur ein ausgesprochen angenehmer Anblick, er fühlte sich auch mehr als faszinierend an, auf die beste erdenkliche Art. Wie die Linien zuckten unter ihren Fingerspitzen und seiner feuchten Haut, wie empfindlich sie auf ihre Berührungen reagierten! Sie konnte nicht aufhören damit, ihn anzufassen, fest und stark wie er war. Währenddessen hatte Marion damit begonnen, ihre Strümpfe aus deren Halter zu lösen und dabei küsste er sie beständig und stürmisch weiter, ihre Lippen, ihren Hals und ihre verschnürte Brust bis Guinievaire schließlich Gnade mit ihm hatte und die Ösen vorne an ihrem Korsett eigenhändig öffnete, wohl auch weil die stählernen Stäbe sich inzwischen tief in ihren Brustkorb bohrten. Als sie sich des eisernen Käfigs schließlich entledigt hatte und ihn mit einem dumpfen Schlag auf den Boden neben dem Bett fallen ließ, hatte Marion gerade ihre Strümpfe beiseite geworfen und ließ die erdigen Finger an ihren Beinen hinauf gleiten, bis er einen Kuss auf die Innenseite von Guinievaires linkem Oberschenkel platzierte und dann wieder damit begann, ihren schnell atmenden Mund zu küssen und ihre Brüste zu streicheln. Keine Minute länger konnte sie nun noch warten, also öffnete sie eilig Marions Gürtel und warf ihn zu den anderen unachtsam entsorgten Kleidungsstücken. Während er sich daraufhin sehr schnell aus den noch übrigen Stücken Stoff befreite, tat Guinievaire es ihm gleich und schlang dann, nachdem sie sich endlich beide ihrer störenden Bekleidung entledigt hatten, sofort die Beine um ihn. Marion verlagerte sein Gewicht, küsste ihren Hals und es war schlicht und einfach das beste Gefühl der Welt, wenn auch gleichzeitig merkwürdig fremd, als er schließlich begann, sich langsam in ihr auf und ab zu bewegen.

Guinievaire war sich dabei und auch während der ganzen Zeit zuvor der Tatsache durchaus bewusst, dass sie mit jeder Bewegung und jedem Atemzug ihren Verlobten betrog, dem sie vor Monaten die Treue geschworen hatte. Zugleich war sie jedoch auch der Meinung, dass man ihr kaum Vorwürfe machen konnte, weil sie mit Marion schlief in diesen Sekunden, denn immerhin hatte sie zahlreiche gute Gründe, um ihre Vorgehensweise zu rechtfertigen. Vorrangig war es nun einmal eine Tatsache, dass sie ein Mensch war und nicht mehr. Und als eben solcher brauchte Guinievaire nun einmal von Zeit zu Zeit etwas Sex, wie er ihr schon seit unzähligen Monaten verwehrt geblieben war. Außerdem, warum sollte sie Tony mit ihren Taten verletzen, wenn er doch niemals davon erfahren würde? Ganz bestimmt würde sie ihm nicht davon erzählen, sollte sie ihn wiedersehen und wiedersehen würde sie ihn zu guter Letzt nur, wenn sie Marion davon überzeugen konnte, sie aus ihrer Zelle zu befreien. Das Prinzip der Treue, das über all jene Argumente erhaben war, war ihr außerdem schon immer fremd gewesen. Sie hatte nur den Willen und die Bereitschaft und die Hingabe gekannt, die sie dazu bewegt hatten, ihren Liebsten nicht hintergehen zu wollen, aber in Notsituationen wie diesen, da musste sie nun einmal flexibel sein, weswegen am Ende doch ihr ältestes und wichtigstes Motto zu greifen schien: der Zweck heiligte die Mittel in Guinievaires Augen.

All diese selbstgerechten Gedanken wurden schließlich unterbrochen, als Marion und vor allem Guinievaires Körper wieder ihre volle Aufmerksamkeit forderten. Noch fester schlang sie also ihre Arme um seinen Nacken, heftig und unregelmäßig atmend. Die Füße ließ sie seine Waden angestrengt hinab gleiten, während sie den Kopf nach hinten in die Matratze drückte, und er küsste währenddessen ihren Kiefer und ihr Kinn, wobei Guinievaire sein heißes Schnaufen auf ihrer dünnen Haut spüren konnte. Mit einer Hand presste er ihre Mitte gegen die seine und das Bett machte mittlerweile bedrohliche Geräusche bis sie gerade als sie hastig seine Unterlippe küsste, ein letztes Mal im Einklang zuckten, und dann war es schließlich vorbei. Sie sahen einander in die Augen und Guinievaire konnte nicht leugnen, dass sie ein wenig überrascht war, denn es war gut gewesen, mehr als das sogar. Für einige, wenige Sekunden hatte sie alles vergessen und nun, wo sie Marion in seine zufriedenen, blauen Augen blickte, da klopfte ihr Herz sogar ein einziges Mal und verräterisch. Nun, dies konnte nichts weiter sein als eine körperliche Reaktion auf die Anstrengung und die Hitze, schloss sie eilig und blinzelte.

Die Sonne brannte nach wie vor durch die Scheiben, und nun war es wirklich Mittag, als Guinievaire sich schließlich sehr zufrieden aus Marions festem Griff löste, um den unerträglichen Strahlen zu entkommen. Sie kroch in die schattige Ecke ihres Bettes, in ihr dünnes Bettleinen gewickelt, und Marion tat es ihr gleich, stapelte einige ihrer Kissen gegen die Wand und lehnte sich dann zurück. Guinievaire legte den Kopf auf seine Brust und spürte, wie sie sich hob und sank, während sie sich die Haare aus dem Gesicht zog. Marions Finger glitten dabei ihre Taille und Hüfte auf und ab, zugleich legte Guinievaire eine flache Hand auf seinen festen Bauch und eine beträchtliche Zeit lang saßen sie einfach still und stumm da. Guinievaire hätte nun sehr gerne geraucht, wusste aber, dass Marion das nicht leiden konnte.

„Weißt du, ich habe oft darüber nachgedacht, was du gesagt hast,“ begann Marion dann nach einer langen Pause.

„Über Amerika?“ murmelte Guinievaire gegen seine warme, braune Haut, wobei sie bereits ahnte, was Marion nun sagen würde.

„Ja,“ erwiderte er und küsste ihren Scheitel. „Ich hasse es hier, also denke ich, ich sollte wirklich gehen.“

„Natürlich solltest du,“ pflichtete Guinievaire ihm bei und drückte ihren Kopf fester gegen seinen Hals. In diesem Moment wurde sie zugleich mit einem Mal etwas wehmütig, denn egal wie heftig sie sich an ihn presste, sie fühlte sich nach wie vor alleine, und dieser Umstand stimmte sie unendlich traurig, weil sie sich nach wie vor nur wirklich geborgen fühlte bei einer einzigen Person auf der ganzen Welt, und sie hatte keine Ahnung, was er in diesem Moment tat oder dachte und wo er sich aufhielt. Ob er sie auch vermisste? Ob er auch jeden Tag an sie dachte? Warum kam er nicht zu ihr, warum rettete er sie nicht? Ob er sie vergessen hatte?

„Und ich denke außerdem, ich sollte dich mitnehmen,“ fügte Marion derweil hinzu. „Du kennst dich besser mit reichen Menschen aus und zweifellos werden sie ohnehin beeindruckt sein, wenn sie sehen, dass ich eine derart hochwohlgeborene und schöne Frau erobern konnte.“

Guinievaire hob daraufhin den Kopf und lächelte ihn dankbar an. Er küsste sie, bevor er ihr erlaubte zu antworten. „Weißt du, ich wäre wirklich auch mit der Rolle deiner Schwester zufrieden,“ meinte sie plötzlich sehr bescheiden, woraufhin Marion grinste.

„Ich wäre es aber nicht, Guinievaire, denn ich habe durchaus vor, dies hier in Zukunft noch viele weitere Male zu wiederholen und ich wäre wirklich absolut verrückt, würde ich mich mit der Zeit nicht auch in dich verlieben,“ verkündete er.

„Natürlich wirst du das tun,“ gab sie zurück. „Den meisten Männern ergeht es so mit mir, früher oder später.“ Guinievaire log nun und sie spielte, denn in Wirklichkeit fühlte sie sich langsam doch etwas schlecht ob ihres hinterhältigen Planes, wo Marion sich doch so leicht und so schnell ergeben hatte und sie in diesen merkwürdigen Momenten so liebevoll und zärtlich in den Armen hielt. Es tat ihr leid, aber es blieb zugleich auch weiterhin notwendig, also küsste sie seine Brust und schwieg dann.

Marion lachte derweil über ihre unendliche Arroganz, von der er bereits gestanden hatte, dass er sie charmant fand. Er ließ sich etwas tiefer in ihr gemeinsames Lager sinken. „Wir sollten so bald wie möglich verschwinden, nicht? Vielleicht fangen wir besser an, unsere Sachen zu packen. Ich könnte dich im Grunde schon heute Nacht holen,“ überlegte er währenddessen.

„Ich bin müde,“ sagte Guinievaire daraufhin und hatte dabei keine Ahnung, warum sie dies tat. „Später,“ beharrte sie dennoch, küsste Marion und schon wenig später schliefen die beiden in der kochenden Hitze fest ein.

Als sie nach langen Stunden wieder aufwachten, war es bereits später Nachmittag geworden. Marion küsste Guinievaire, als diese eben die Lider aufschlug, dann setzte er sich auf und begann sofort damit, sich anzuziehen, wobei er es mit einem Mal doch merkwürdig eilig zu haben schien. Guinievaire beobachtete ihn hingegen reglos einen Augenblick lang. Dann warf sie ihr dünnes Nachthemd, das zwischen den Laken lag, hastig über und stand auf, um sich ein wenig die Füße zu vertreten. Heute Nacht schon würde sie sich endlich befreit haben aus dieser grauenhaften Zelle, dachte sie dabei, während sie sich darum bemühte, etwas frische Luft zu atmen, in dieser Umgebung jedoch scheitern musste. Es war nun wohl an der Zeit, über ihre nächsten Schritte nachzudenken: wo sollte sie hin, hatte Marion sie erst einmal befreit? Bei wem würde sie Zuflucht finden, und wie sollte sie an ihr schmerzlich unterbrochenes Leben anknüpfen? Wo befanden sich Vicky oder Tony oder Alex und wer würde ihr beistehen? Tony, natürlich, befand sie sofort, denn auf Tony hatte sie sich immer verlassen können, selbst wenn sie schon seit mittlerweile fünf Monaten auf ein Lebenszeichen von ihm wartete. Wo konnte sie jedoch nach ihm suchen? Marion hatte sich derweil angekleidet und kam nun zu ihr herüber, wo er seine mächtigen Arme um sie legte.

„Packe nicht zu viel ein,“ sagte er mit sanfter Stimme, während seine Hände auf ihre Hüften und tiefer glitten. Guinievaire nickte ihm lediglich etwas abwesend zu, wobei er langsam ihren Hals und ihre Schultern küsste. Warum nur fühlte sie sich plötzlich so merkwürdig schuldig, während er dies tat und während sie die Hand auf seinen Schopf legte und sich bemühte, seine Berührungen aufs Neue zu genießen? Sie war albern, das wusste sie, aber zugleich musste sie auch unvermeidbar an ihn denken, denn nun fühlte sie sich, als hätte sie ihn betrogen und schrecklich hintergangen. Seit Monaten hatte sie ihn nicht mehr gesehen, aber er saß ihr tief unter der Haut und in jeder einzelnen Zelle.

„Nein,“ antwortete sie Marion artig und dann, weil sie das Gefühl hatte, es nicht mehr länger zu ertragen, löste sie sich aus seinem Griff, ging ein paar Schritte und sah aus dem Fenster. „Verdammt,“ platzte es dort sofort mehr als unversehens aus ihr hervor. Ihre Augen weiteten sich zugleich. Wie zum Teufel konnte dies sein?

Marion war ihr zu ihrem großen Unglück gefolgt. „Was ist los?“ fragte er etwas verwirrt, dabei folgte er ihrem Blick und sah ihn deshalb wohl ebenfalls unter dem krummen Baum stehen.

Guinievaire trat eilig noch näher an die Scheiben, um sich wirklich sicher sein zu können, aber natürlich war er es, es war ganz und gar unverkennbar: er trug seine glänzenden Reitstiefel, die engen Hosen, die er sonst für die Arbeit benötigte und ein Hemd, von dem Guinievaire ihm nicht gestattet hätte, in ihm vor die Türe zu gehen. Was zum Teufel tat er bloß hier?

„Wer ist das?“ wunderte Marion sich, wobei er wieder hinter ihr stand und wieder platzierte er dort einen kurzen, warmen Kuss auf Guinievaires Schulter.

„Das darfst du nicht,“ zischte sie daraufhin eilig und stolperte ein wenig zurück. In ihrem Kopf fluchte sie ununterbrochen: Verdammt, dachte sie immer wieder, verdammt, was tat er hier? Wie war er hierher gekommen? Hatte er sie gesehen?

Marion sah sie vorwurfsvoll an und hob dabei die Augenbrauen. Was für ein Jammer war es doch in diesem Moment, dass er nicht etwas dümmer war. „Wer ist das?“ wiederholte er noch einmal ungeduldig, während er bestimmt dafür sorgte, dass sie ihn ansah. „Guinievaire, du kennst ihn.“

Nun, an diesem Punkt musste sie sich wohl eingestehen, dass ihr Vorhaben gescheitert war. Sie hatte ganz umsonst mit ihm geschlafen. „Das ist Tony,“ murmelte sie kleinlaut, dabei sah sie schuldbewusst auf den Boden.

„Wer ist Tony?“ erkundigte Marion sich weiter streng.

Guinievaire zog die nackten Schultern zusammen. „Mein Verlobter,“ erwiderte sie schließlich.

Als sie Marion wieder ansah, hatte er einen Mundwinkel missbilligend nach oben gezogen. Er warf ihr einen hässlichen Blick zu, dann drehte er sich wortlos und kopfschüttelnd um und verschloss die Türe hinter sich, zweimal. Guinievaire fand, dass dies eine ausgesprochen eifersüchtige Reaktion war für einen Mann, der angeblich nichts für sie empfand. Als sie nach seinem Verschwinden tief eingeatmet hatte und dann wieder aus dem Fenster blickte, war Tony immer noch da.