3 Februar

 

 

Als man Vicky ins Zimmer gerufen hatte, da hatte man ihr lediglich das Datum mitgeteilt, hatte sie herzlichst beglückwünscht, der Marquis hatte ihr einen sehr vorsichtigen und entschuldigenden Blick zugeworfen, und dann hatte man großzügigerweise alle übrigen Entscheidungen allein ihr überlassen, so als ob sie die Hauptperson in diesem Spektakel wäre. Trotzig und zugleich gehorsam, ausgeliefert wie sie es ihren grausigen Eltern schon immer gewesen war, hatte sie getan, was man von ihr verlangte. Zudem war sie wild entschlossen gewesen, sich diese eine Sache nicht nehmen zu lassen, wo sie sich schon seit einigen Jahren bereits ausgemalt hatte, was sie wollte an diesem Tag.

Und als sie sich am vierzehntem Februar umblickte, war sie somit durchaus sehr zufrieden mit ihrem Werk, welches sie zugleich doch traurig machte. Oberflächlich war alles sehr wohl perfekt: die Blumengestecke aus Orchideen und Calla, die sie immer hatte haben wollen, hatte sie bekommen in glänzend polierten, silbernen Vasen, die in hohen und schlanken Formationen in den Ecken des Restaurants standen und als kunstvolle Gebilde auf den schlicht weiß eingedeckten Tischen. Es gab einen Pianisten an einem hellen Flügel und Tageslicht, außerdem war ihr teures Kleid ein skulpturelles Kunstwerk, und glücklicherweise gab es nicht viele fremde Gäste. Ihre Hochzeit war eben so geworden, wie sie hatte werden sollen, einzig und allein bekümmerte Vicky die Tatsache, dass sie nicht Hochzeit hatte feiern wollen. Diese Menschen hier zu versammeln und zuvor dem Marquis Doyle, der bei ihren Eltern rücksichtslos um sie angehalten hatte ohne sich ein einziges Mal um ihre Meinung zu bemühen, das Ja-Wort zu geben, dies war niemals ihr Wille gewesen.

Aber sie hatte sich nicht widersetzt, sondern ihre Pflicht erfüllt, denn sie hatte immer gewusst, dass sie dies eines Tages würde tun müssen als einziges Kind und minderwertige Tochter, sie klagte also nicht. Vicky sah sich erhobenen Hauptes um und nahm alle Glückwünsche lächelnd entgegen. Wie entzückt man in London doch war über diese schrecklich prestigeträchtige Verbindung! Sie war auch ein herrlicher Balsam für alle beunruhigten Väter, die nach der schlimmen Rebellion des Hastings-Mädchens gefürchtet hatten um den Gehorsam ihres Nachwuchses, und zudem war sie eine hervorragende Gelegenheit für den neuesten Klatsch, selbst wenn dieser nicht wirklich neu war, bemerkte Vicky etwas missmutig, wobei sie sich wieder einmal beeindruckt zeigen musste von den Fähigkeiten ihrer besten Freundin: seit eineinhalb Monaten war Guinievaire aus der Stadt verschwunden, aber man sprach immer noch fieberhaft von ihr, und es gab zahllose Theorien darüber, was wohl mit ihr geschehen war. Wobei Vickys Hochzeitsfest ein wunderbarer Ort war, wollte man diesem Geheimnis auf die Spuren gehen – so glaubten die meisten zumindest – denn alle Hauptakteure des großen Skandals waren anwesend: da war der Bräutigam, der lange der besten Freundin der Braut den Hof gemacht hatte und der nun derart schnell diesen unvermittelten Bund eingegangen war, um vergessen zu machen, dass er jemals mit den verstoßenen und vermissten Hastings im Bunde gewesen war. Er stand bei Vickys Eltern, sie lachten und sie plauderten nett, und diese drei schienen den Tag sehr zu genießen, wobei der Marquis hin und wieder einen vorsichtigen Blick in Vickys Richtung warf. Manchmal nickte sie ihm zu, aber besonders freundlich konnte sie nicht zu ihm sein. Niemals hatte sie ihn verabscheut wie Guinievaire es getan hatte, aber was er sich erlaubt hatte, das war unverschämt gewesen und verletzend für Vicky. Dies würde sie ihn spüren lassen, bevor sie eine freundschaftliche Beziehung erwog.

Nachdem sie für eine lange Zeit die Gastgeberin und Braut gespielt hatte, setzte sie sich schließlich an einen der gut versteckten, runden Tische und gesellte sich damit zu ihrer beeindruckend betrunkenen Freundin Cecilia, die mit einer kleinen Gabel das exquisite Essen, welches ihr serviert worden war, in winzige Stückchen geteilt hatte. Sie machte einen traurigen Eindruck, wie sie die volle Wange in ihre kleine Hand stützte. Bisher war noch nicht viel Zeit gewesen, um zu plaudern, also entschloss Vicky sich es nun zu tun. Dabei wollte sie vorgeben, sie hätte gerade nicht einem Mann das Ja-Wort gegeben, den sie kaum kannte.

„Was ist mit dir?“ begann sie also, um die neuesten Begebenheiten aus dem ebenso chaotischen Leben ihrer besten Freundin zu erfahren. Ein Kellner versorgte sie derweil dankenswerterweise mit klarem, spritzendem Champagner, den Vicky gerne und in langen Zügen trank.

Cici seufzte derweil schwer. „Ich werde wieder geschieden, hat man mir heute morgen liebenswürdigerweise mitgeteilt,“ verkündete sie mit schleppender, ungewöhnlich tiefer Stimme.

„Bist du etwa überrascht davon?“ entgegnete Vicky, die die Augenbrauen gehoben hatte und beinahe etwas zufrieden war. Natürlich durfte sie dies Cici nicht sagen, aber sie hatte schon länger von dieser Entscheidung Alex‘ gewusst.

„Nein,“ murmelte Cici mit einem Schulterzucken. „Eigentlich bin ich sogar froh darüber. Er sagt, er wird mir viel Geld bezahlen, wenn ich ihm keine Mühe mache und wirklich, das habe ich nicht vor. Ich verstehe nicht, wie ich mich in ihn verlieben konnte.“

Auch Vicky hatte dies noch niemals nachvollziehen können, also nickte sie lediglich und machte eine kleine Notiz in ihrem Kopf, dass sie sich um diese eine Sache keine ausführlichen Gedanken mehr würde machen müssen. Denn die Scheidung lag nun in Alex‘ Hand und wenn Alex etwas wollte, dann bekam er es immer. Wer sollte dies besser wissen als Vicky? Ihr lieber Freund saß gemeinsam mit Paul, Ferdinand und Azrael an der Bar und betrank sich ebenso gründlich, wie seine noch angetraute Ehefrau es bereits getan hatte. Manchmal warf er ihr dabei erwartungsvolle Blicke zu und manchmal starrte er voller Hass hinüber zu Tony.

„Glaubst du, er weiß, wo Guinievaire ist?“ fragte Cici mit einem Mal etwas unvermittelt, nachdem sie ihr schlankes Glas geleert hatte.

Vicky fing dabei ihren blauen, trüben Blick voller Verständnis auf. Auch sie musste oft an ihre dritte Freundin denken an diesem großen Tag. Sicherlich fehlte sie sogar Cici, denn als sie noch unzertrennlich und naiv gewesen waren, da hatten sie immer beteuert, dass sie ihre Hochzeiten unbedingt miteinander feiern wollten, um einander zu unterstützen. „Niemand weiß, wo sie ist,“ seufzte sie zur Antwort. „Ihr Vater will es niemandem sagen. Du kennst ihn, er ist ein kranker Mensch.“

Langsam nickte Cici. „Es ist ein bemerkenswerter Zufall, nicht?“ bemerkte sie nachdenklich. „Du und ich und Guinievaire, wir alle haben Väter, die sehr kranke Menschen sind.“

Später, nachdem Cecilia schließlich auf ihren gebräunten Armen eingeschlafen war und Vicky mit Alex getanzt hatte, der derzeit unausstehlich und sehr, sehr wütend war auf alles, was sich bewegte, und nachdem sie den Kuchen angeschnitten hatten und die Toasts ausgebracht worden waren, ruhte die Braut ihre müden Füße auf der Fensterbank aus. Sehnsuchtsvoll blickte sie durch die eisigen Scheiben auf die kalten Straßen herab, dabei wünschte sie sich, zu fliehen und zu verschwinden, wie Guinievaire es getan hatte. Traurig drückte sie die Stirn gegen das beklemmende Glas.

„Das ist für dich,“ sagte dann die zögerliche Stimme ihres Mannes, während ihr ein fahler Umschlag präsentiert wurde in seiner aufgeregten Hand. Als sie ihn musterte, sah er erwartungsvoll und nervös aus, aber er zwang sich zugleich zu einem verhaltenen Lächeln, also griff Vicky nach dem überraschend schweren Geschenk und seufzte, als sie es öffnete. Die grauen Augen des Marquis folgten ihren Fingern, als sie einen schmalen, silbernen Schlüssel entdeckte.

Fragend runzelte sie die Stirne. „Was ist das?“ murrte sie.

Snooze seufzte ob ihres unfreundlichen Tones, derweil nahm Vicky sich fest vor, in Zukunft diesen grauenhaften Spitznamen zu vergessen. Er mochte einmal unterhaltsam gewesen sein, aber ihren Ehemann wollte sie nicht derartig bezeichnen müssen.

„Ich habe ein Haus auf dem Land gekauft für dich,“ erklärte er ihr etwas unbeholfen. „Es steht in Shropshire, weil ich dachte, es wäre vielleicht gut, weißt du, würden wir für einige Wochen London verlassen. Dies ist ein sehr unruhiger Ort, nicht wahr?“

Als er dann geendet hatte, sah er erwartungsvoll aus, und vielleicht lag sogar eine winzige Spur von Hoffnung auf seinem gleichförmigen Gesicht, die ihm gut stand, musste sie einräumen. Und sie musste auch zugeben, dass sie überrascht war. Eben noch hatte sie daran gedacht, dass sie fliehen wollte, und nun hatte ihr neuer Ehemann ihr einen Ort geschenkt, an dem sie sich vor ihrem Kummer in der Stadt verstecken konnte.

„Danke,“ musste sie also anerkennend sagen. „Ich denke, das wäre eine gute Idee.“

Snooze nickte daraufhin und er lächelte sogar, dabei strahlte seine Miene merkwürdig, als er ihr wieder den Rücken zukehrte und sie sich selbst überließ. Vermutlich wusste er, dass er ihr nicht zu viel seiner nach wie vor unerwünschten Anwesenheit zumuten durfte, was sehr vernünftig von ihm war. Robert, dachte Vicky, als sie ihn in seinem grauen Anzug zwischen den Tischen verschwinden sah. Sein Name war Robert. Sie wollte es in Zukunft nicht mehr vergessen.

Ein letztes Gespräch führte Vicky an diesem langen Tag schließlich mit Tony, den sie zum einen aus Mitleid und zum anderen aus strategischen Gründen eingeladen hatte. Der arme Junge, der ohnehin einen schrecklich niedergeschlagenen Eindruck machte, hatte dabei heute viel ertragen müssen, denn seitdem seine Verlobung mit Guinievaire publik geworden war, interessierte man sich in London mit einem Mal brennend für seine bisher unscheinbare Person, wodurch er stets unter strenger Beobachtung stand. Immerhin wollte ein jeder wissen, was hinter diesem jungen Mann steckte, den die Eiskönigin Londons tatsächlich ehelichen wollte. Wie hatte er dieses Kunststück vollbracht, fragte man sich überall.

Während Vicky ihn ansah, der seine schäbige Jacke bereits aus der Garderobe geholt hatte, um schon bald nach Hause aufzubrechen, stellte sie sich die absolut gleiche Frage: er sah grausig aus mit seinen tiefen, braunen Ringen unter den Augen und seinem unordentlichen Haar, das er hatte wachsen lassen, seitdem seine Verlobte fort war. Wie schlecht er in dieses glatte, perfekte Interieur passte, zwischen die Tafelaufsätze und die geschwungenen Lüster! Dabei war sein Anblick nicht nur erschreckend, er war auch ein klein wenig befriedigend für sie und zugleich ein klein wenig schmerzhaft. Tony hatte sie schon immer sehr verwirrt, wo sie doch sonst alles stets stechend deutlich sah.

Eben hatte er sich sehr förmlich für die Einladung bedankt, und Vicky hatte achtlos abgewunken und erklärt, dass diese Hochzeit nichts anderes gewesen war als eine ausgesprochen kostspielige Lüge. Nun warf Tony jedoch einen erschöpften, aber wachsamen Blick nach beiden Seiten hin, wobei deutlich wurde, dass er der Meinung war, zu genüge höfliche Phrasen mit ihr ausgetauscht zu haben. Nun wollte er sich wieder verschwören, denn scheinbar hielt er Vicky nach wie vor für seine Verbündete. Nun, wenn er es wünschte, dann sollte er dies glauben.

„Drei Privatdetektive habe ich mit der Suche nach ihr beauftragt und keiner von ihnen konnte sie bisher finden,“ teilte er ihr leise mit, wobei er sich durch die matten Locken fuhr. „Sie könnte überall sein, Vicky. Wusstest du, dass sie entfernte Verwandtschaft in Indien hat?“

Tatsächlich hatte Vicky dies nicht gewusst, zudem war sie sich ganz und gar nicht sicher, ob dies der Wahrheit entsprach oder aber ob Tony absichtlich mit falschen Informationen versorgt wurde, was immerhin keine abwegige Idee wäre. Wie seine schwachen Augen manisch glänzten, sprach er von ihr! Er war ein kleiner, dummer Junge, was Guinievaire betraf. Konnte er denn nicht verstehen, dass er Glück gehabt hatte, weil sie ihm genommen worden war? Das Herz hätte sie ihm aus der Brust gerissen, hätte sie die Gelegenheit dazu gehabt.

„Tony,“ seufzte sie also, die wusste, was nun das Beste für ihn war. „Du wirst sie nicht finden, glaube mir. Ich will sie ebenso gerne zurück haben wie du, aber wenn ihr Vater nicht will, dass sie gefunden wird, dann wird es auch nicht geschehen. Du verschwendest deine Zeit und du machst dich unglücklich damit.“

„Ich kann sie nicht aufgeben, Vicky,“ beharrte er jedoch fieberhaft. „Ich habe es ihr versprochen, dass ich nicht aufgeben werde. Du musst mir helfen.“

„Ich kann nicht,“ erwiderte sie mit einem schnellen Kopfschütteln. „Ich und der Marquis, wir werden die Stadt für eine Weile verlassen. Ein neues Leben beginnt, Tony, für uns alle. Alex und Cici lassen sich scheiden. Ich habe geheiratet. Guinievaire und du, ihr wurdet getrennt. All diese Dinge sind nicht schön, aber sie sind auch eine Chance.“

Enttäuscht blickte Tony daraufhin auf seine alten, bedenklich schmutzigen Schuhe. „Ich kenne dich nicht so bitter,“ bemerkte er dabei niedergeschlagen.

„Du kennst mich überhaupt nicht,“ antwortete sie finster. Inzwischen mochte sie nicht mehr mit ihm sprechen, denn nun hatte er sie aufgeregt mit dieser winzigen Bemerkung, wie nur er es vermochte, aber Vicky hatte auch eine Aufgabe, erinnerte sie sich. Sie hatte einen Auftrag, den sie ausführen musste, obwohl sie ihn verabscheute, zum größeren Wohle aller und deshalb musste sie dafür sorgen, dass Tony nicht weiter nach Guinievaire suchte, ganz egal wie sehr er sie dabei quälte und was sie dafür tun musste, dies war ihr unmissverständlich klar gemacht worden. Wie dumm von ihr, dass sie sich für eine kurze Weile auf ihre Flucht nach Shropshire gefreut hatte!

„Wenn du nicht mehr kannst und wenn du müde bist, dann kannst du uns jederzeit besuchen,“ versprach sie ihm nun, dabei zwang sie sich dazu, sanft und freundlich zu klingen. „Mach dir keine Sorgen um sie.“

Es mochte kühl erscheinen, aber Vicky machte sich ganz bestimmt keine Sorgen um ihre beste Freundin, selbst wenn sie nicht wusste, wo sie sich derzeit befand und wie lange sie fortbleiben würde. Ihre Zukunft war dennoch beschlossen und sicher, und die Pläne, die für sie gemacht worden waren, waren allein zu ihrem Besten. Könnte sie Tony doch all dies erklären! Leider musste sie ihm jedoch Zeit lassen, um es selbst herauszufinden.

 

 

Miss Abigails Garten war außergewöhnlich. Und nicht nur das, er war sogar mehrfach preisgekrönt: vor ungefähr einem Jahr zuletzt war er zum Beispiel zum geschmackvollsten englischen Garten in ganz Shropshire erklärt worden und dafür hatte er einen kleinen, silbernen Pokal erhalten, der inzwischen kaum beachtet auf dem Kaminsims im Wohnzimmer des großen Hauses stand. Wenn man genau war, dann hatte sie ihn gar nicht verdient, denn immerhin war es nicht Miss Abigail, die Tag für Tag die Hecken stutzte, die Rosen schnitt, den Teich säuberte, den Rasen mähte und die Tulpen pflanzte. Marion tat dies alles. Marion war der einzige Sohn der Haushälterin und er war im Umgang mit Pflanzen mehr als nur ein Naturtalent. Was er berührte, das spross, und all die schönen Blumen, die er setzte, entfalteten ihre strahlenden Blätter allein unter seiner Fürsorge voll und ganz. Marion liebte dabei seine Arbeit, vielleicht war er deshalb auch so gut darin, aber manchmal wünschte er sich doch, er bekäme ein wenig mehr Bewunderung für seine grünen Wunderwerke. Die einzige, die scheinbar zu schätzen wusste, was er vollbrachte, war seine alte Mutter und die war gewissermaßen dazu verpflichtet, ihn zu loben. Marion wollte jedoch Anerkennung, er wollte angesehen und beneidet werden und er wollte, dass man erkannte, dass er etwas Besonderes war. Dabei musste es nicht allein um das Gärtnern gehen. Es wäre nur einfach schön, dachte er sich oft, wenn er sich mit erdigen Händen mutterseelenallein den Schweiß von der Stirne wischte, würde jemand von seiner nicht allzu enttäuschenden Existenz Kenntnis nehmen, denn oft fühlte er sich einsam unter den zahllosen alten Damen, die sich für die alte Herrin um den Haushalt kümmerten, während er alleine und unentdeckt blieb und außerdem schrecklich gelangweilt.

Genau deshalb war er vermutlich auch ausgesprochen aufgeregt, als man ihn eines Tages mit einer neuen Aufgabe betraute, die ganz und gar nichts mit dem Garten zu tun hatte: mitten in einer dunklen Nacht hatte man ein Mädchen aus der Stadt, scheinbar die Nichte der alten Abigail, in das Zimmer im Turm im dritten Stock gesperrt, wobei Marion unglücklicherweise ihre Ankunft verpasst und sie nicht gesehen hatte. Seine Mutter hatte ihm jedoch die wichtigsten Fakten erläutert, bevor sie an ihn weitergegeben hatte, was er in Zukunft als Wärter der Gefangenen zu tun hatte: der neue Hausgast kam direkt aus London, sie war die Tochter von Abigails jüngerem Bruder und scheinbar war sie hierher in die Einöde von Shropshire gebracht worden, weil sie sehr dringend vor allem eines brauchte: strenge Disziplin. Marion konnte sein Glück kaum fassen, als er den abfälligen Worten seiner Mutter lauschte und dabei bereits Pläne machte. Obwohl man ihm den kleinen, rostigen Schlüssel zur Türe für Notfälle ausgehändigt hatte, war es ihm streng verboten worden, der Wildkatze im Käfig Besuche abzustatten. Er sollte noch nicht einmal mit ihr sprechen durch das klaffende, rechteckige Loch, welches er persönlich in die Türe gesägt hatte, um ihr morgens und abends Essen hindurch reichen zu können. Es wurde also viel Aufhebens gemacht, bedachte man, dass es sich bei dem Gast um ein junges Mädchen in Marions Alter handelte und nicht etwa um einen Schwerverbrecher.

Nun, ganz egal was man ihm sagte, Marion wollte sie sehen. Er hatte schon immer nach London gewollt und dass sie von diesem verderbten Ort stammte, war ganz einfach brennend interessant. Wie sie dort wohl lebte, reich geboren, im Grunde unnütz, aber bewundert von allen, Marion stellte es sich gerne vor und beneidete sie zugleich darum, um die Parties und die teure Kleidung, das exotische Essen und den Alkohol in Strömen. Ob es tatsächlich genauso fabelhaft war wie in seiner Phantasie? Deshalb musste er sie sehen und sie fragen, weil dieses Mädchen im Turm wie eine kleine Flucht war, heraus aus dem öden Shropshire.

Dennoch, zwei lange Monate vergingen bis Marion einen geeigneten Tag gefunden hatte, an dem er es tatsächlich wagte, das Schloss an ihrer Türe zu öffnen. Denn heute war die alte Abigail endlich ausgegangen und die meisten der Angestellten waren deshalb längst zu Hause und genossen ihren ausgedehnten Feierabend, nur für Marion und seine Mutter gab es wie immer noch viel zu tun.

„Vergiss die Büsche am Vordertor nicht. Sprich nicht mit ihr. Und sei pünktlich zum Abendessen daheim,“ wurde er strikt angewiesen.

Ein Tablett mit Wasser, Brot und kaltem Schweinefleisch, zusammen mit einigen, wenigen Scheiben Tomaten wurde ihm gereicht, wobei die alte Dame üblicherweise kaum einen derart simplen Geschmack hatte. Der Gefangenen ließ man jedoch stets nur sehr einfache Kost zukommen. Scheinbar waren ihre Tante und ihr unsichtbarer Vater der Meinung, sie habe nichts Besseres verdient.

Marion nickte lediglich abwesend auf die Befehle seiner Mutter hin, denn er hörte im Grunde nur selten zu, wenn sie sprach, was wiederum daran liegen mochte, dass sie ausgesprochen anstrengend war in ihren Verhaltensweisen und zuweilen – Marion hatte unglücklicherweise kein besseres Wort dafür – war sie sogar ein wenig verrückt, weswegen er durchaus ab und an verstehen kannte, warum sein Vater schon sehr bald geflohen war ohne den Sohn aufwachsen sehen zu wollen. Auch er hielt seit Jahren bereits vorsichtigen Abstand zu ihr, was sie meist nicht kümmerte und dann wurde sie wiederum panisch und wollte von jedem Schritt wissen, den er tat. Etwas stimmte ganz einfach nicht mit ihr, dies war leicht zu erkennen, daran wie sie ihn zuweilen ansah mit stumpfen Augen als sehe sie ihn gar nicht, als hinge ein unsichtbarer Schleier in ihrem Schädel, der alles fremd und bedrohlich für sie machte. Manchmal konnte sie deshalb fast ein wenig unheimlich sein.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“ fragte er nun, während er aus dem Fenster sah. Der Schnee war noch immer nicht vollkommen geschmolzen, was ihm seine Arbeit ganz und gar nicht erleichterte. Missmutig zuckte ihm deshalb ein Mundwinkel.

„Nein, das habe ich nicht,“ entgegnete seine Mutter, die heute bemerkenswert aufmerksam schien, derweil räumte sie mit ihrem typisch plumpen Schritt die Utensilien auf, die sie zum Kochen benutzt hatte. Der Herrin hatte sie das Essen heute kalt gestellt, denn ab und an blieb die alte Frau merkwürdig lange aus, und dann wusste eigentlich niemand, wohin sie verschwand, und wenn Marion es recht bedachte, dann wollte er dies auch überhaupt nicht wissen. „Und das möchte ich auch nicht. Sie ist sicherlich ein grauenhaftes Mädchen, wo sie der ganzen Familie doch so viel Kummer bereitet.“

Sie war sicher ein fantastisches Mädchen, befand er absolut überzeugt. Marions Mutter gönnte sich gerne jenes Privileg ländlicher Arroganz und hielt alle Menschen aus der großen Stadt für hochmütige Ungeheuer, die faul waren und verweichlicht und eindeutig viel zu dekadent für ihr ewiges Seelenheil, und leider war dies eine Meinung – das hatte er schon oft feststellen müssen – die in seiner unerfreulichen Umgebung durchaus vorzuherrschen schien. Was dabei nur ein weiterer Beweis dafür war, dass Marion im Grunde nicht hierher gehörte.

„Denk an die Büsche!“ rief seine Mutter noch einmal, als er sich schließlich mit einem gezielten Tritt gegen die helle Türe auf den Weg machte zu der schrecklichen Nichte. Verflucht, die Büsche, dachte er dabei, jeder lag ihm immer mit den Büschen in den Ohren. War er nicht der Gärtner und der Experte und machte er seine Sache nicht offensichtlich hervorragend? Trotzdem behandelte man ihn wie ein dummes Kind.

Drei Treppen galt es zu erklimmen und durch drei Korridore musste er gehen, die allesamt in heiteren Farben gestrichen waren. Am Ende des gelben Flures im dritten Stock lag dann schließlich ihr Zimmer hinter einer hell lackierten Türe, ein Zimmer, welches früher wohl so etwas wie ein Gästezimmer gewesen war oder ein Raum für spezielles Personal, denn auch ein kleines Badezimmer grenzte daran, wodurch es beinahe so etwas war, wie eine kleine, eigenständige Wohnung. Inzwischen wurde der Raum jedoch nicht länger benutzt, vielleicht weil er komplett mit Holz verkleidet war und dabei derart ungünstig lag, dass es im Sommer darin unerträglich heiß werden konnte, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel durch die Fenster fiel. Stattdessen verwendete man ihn als Stauraum – unter diesem Namen war er auch im ganzen Haus bekannt. All den alten Plunder, an dem Abigail sich satt gesehen hatte, brachte man hoch in den dritten Stock und nun war auch die Nichte der Hausherrin ausgerechnet dort gelandet. Was auch immer sie getan hatte, es musste schlicht grauenhaft gewesen sein.

Jedes einzelne Mal, wenn Marion ihr das Tablett brachte, klopfte er zunächst warnend an ihre Türe, aber niemals folgte daraufhin auch nur das leiseste Geräusch. Hätte sie nicht auch immer wieder das benutzte Geschirr – meist trank sie, aber aß nur sehr wenig – heraus gereicht, Marion hätte befürchtet, sie sei schon längst verendet und tot. Noch nie hatte sie bisher versucht, mit ihm zu sprechen. Vielleicht war sie krank, hatte er überlegt, oder einfach nur unfassbar stur. In wenigen Minuten würde er die Antwort kennen.

Auch diesmal folgte er wieder seiner bereits etablierten Routine, und auch heute gab sie kein Lebenszeichen von sich. Dann wartete er jedoch kurz ab, sah sich noch einmal prüfend nach allen Seiten um, was natürlich vollkommen überflüssig war, zugleich aber auch herrlich geheim, und dann steckte er schließlich den alten Schlüssel in das ebenso alte Schloss, das sich leicht und mit einem sehr leisen Klicken öffnen ließ. Vorsichtig trat er ein.

Der Stauraum trug seinen Namen nicht zu unrecht: er quoll beinahe über mit altem, unnützem Plunder, den man über die vielen Jahre stets ausgesprochen sorglos über den Boden verteilt hatte. Links von der Türe fanden sich einige splitternde, teils zerbrochene Bilderrahmen, eine Armorstatue, der jedoch der entscheidende Arm mit Bogen fehlte, ein staubiger Kristalllüster, drei oder vier Bahnen von mottenzerfressenen, hellblauen Damastvorhängen und schließlich zwei alte Stühle, die nicht zusammenpassten – der eine war dunkel und rot gepolstert, der andere ein halb verrotteter Gartenstuhl. Rechts von Marion stand ein großes Bett, das nicht gemacht worden war. Zwei Bücher lagen dort mit aufgeschlagenem Rücken zwischen der unordentlichen, karierten Bettwäsche und noch weiter rechts führte auch die kleine Tür in das angrenzende Badezimmer. An der frontalen Wand wiederum standen viele Koffer zerstreut, in deren Mitte, direkt vor den drei kleinen, aber klaren Erkerfenstern, ein alter, zerschlissener Ohrensessel thronte. Und dort saß sie. Zuerst bemerkte sie ihn nicht, erst als Marion ungeschickt mit dem Fuß gegen das Glas Wasser stieß, welches er soeben erst höchst persönlich direkt vor seine Zehen platziert hatte, und es daraufhin seinen Inhalt über das zerkratzte, dunkle Parkett verteilte, wirbelte ihr Kopf herum.

Obwohl er ihrer Spezies durchaus recht zugetan war, hatte Marion in seinem Leben noch nicht viele Mädchen gesehen. Einzig jene aus dem Dorf waren ihm bekannt, bei diesen war er definitiv beliebt, und es gab dort sogar einige recht hübsche Exemplare, aber im Vergleich zu diesem hier? Ein Mädchen wie dieses hatte Marion tatsächlich noch niemals gesehen. Denn zunächst einmal war sie weiß wie Elfenbein: ihre Haut war nicht fleischfarben, sie war nicht relativ hell oder creme, sie war definitiv weiß bis auf die Sommersprossen, die auf ihren Armen und Wangen verteilt waren. Sie trug ein teures, ebenfalls weißes Kleid, das mit roten Mohnblumen und einer blauen Schleife um ihre Mitte verziert war, ihre Schultern waren nackt, und um ihre Handgelenke baumelten teure Steine in bunten Farben. Ihre Fingernägel waren lackiert, ebenso wie ihre Zehnnägel. Sie trug keine Schuhe und ihre Füße, die lang und dünn waren, lugten unter ihrem fleckenlosen Saum hervor. Ihr Haar war hoch gesteckt und hatte eine spektakuläre Farbe irgendwo zwischen Rosen- und Erdbeerrot, und aus einem Paar moosgrüner Augen unter geradezu durchsichtigen Lidern sah sie ihn skeptisch an. Ihre bleichen Augenbrauen zuckten und ihre rosafarbenen Lippen öffneten sich leicht, dahinter saß eine Reihe gerader, winzig kleiner Zähne.

„Ich dachte, niemand dürfe zu mir,“ sagte sie verwirrt. Ihre Stimme war tief, nicht sehr hübsch und sie schien nicht zu ihr zu passen, aber den Gesamteindruck konnte sie dennoch nicht zerstören.

Durchaus leicht beeindruckt steckte Marion die schmutzigen Hände in die Hosentaschen. „Ich dachte, du könntest etwas Gesellschaft gebrauchen,“ meinte er unbekümmert. „Also, hier bin ich,“ fügte er dann mit einer weiten Geste hinzu, während er sich ungefragt auf ihrem dunklen Bett niederließ. Missfallen sprach deshalb aus ihren schönen Augen, aber Marion ließ sich nicht von ihr verängstigen. Sicherlich war sie hübsch, aber sie war zugleich auch bloß ein Mädchen, bloß ein Mensch und sie war nichts Besseres als er. Sollte sie das glauben, dann konnte er sie in diesem Zimmer verrotten lassen, wenn er es wünschte.

„Und wer bist du?“ verlangte sie zweifelnden Tones zu wissen. Dabei neigte sie den Kopf und ihre teuren Ohrringe klimperten.

„Ich bin der Gärtner,“ eröffnete er ihr einfach. Meistens mochte er es nicht, wie dieser Satz aus seinem Munde klang, und auch diesmal erging es ihm nicht anders, denn Marion fand, er war im Grunde vieles mehr als nur die Arbeit, der er nachging, aber für sie spielte seine Persönlichkeit keine Rolle. Sicherlich hatte sie sich in ihrem ganzen Leben noch nicht einmal einen einzigen Gärtner aus der Nähe ansehen müssen. Sie verdrehte die Augen.

„Ich hatte eigentlich nach deinem Namen gefragt,“ stellte sie klar.

„Marion,“ antwortete Marion also. Sie grinste.

„Das ist ein Mädchenname,“ befand sie gut amüsiert. Um ihren Hals baumelte eine kleine, silberne Kette mit einem Anhänger, der sich bei näherer Betrachtung als ein mit Diamanten besetztes Hufeisen entpuppte. So simpel wie dieses Schmuckstück war, wollte es nicht ganz zum Rest ihrer schönen Erscheinung passen, aber es lenkte den Blick bequemerweise in ihr Dekolleté, welches wiederum ein absolut erfreulicher Anblick war. Verdammt, sie war hübsch. Sicherlich hatte sie die unartigsten Dinge in London angestellt.

„Ist dein Name denn besser?“ konterte er schnell, woraufhin sie ihn kurz ansah, dann blickte sie durch die Fenster auf den Garten herunter, wo es bereits dämmerte.

„Ist es schon warm draußen?“ wechselte sie dabei urplötzlich das Thema und Marion fand sie derweil ausgesprochen interessant. Er würde wohl definitiv öfter kommen müssen von nun an.

„Im Moment ist es das noch nicht besonders,“ erklärte er mit einem Nicken. „Aber wir werden trotzdem einen frühen Frühling bekommen.“

„Woher willst du das wissen?“ wunderte sie sich, während sie sich erhob. Sie war recht groß für ein Mädchen, ließ sich dabei feststellen, aber sie war nicht größer als er. Langsamen Schrittes ging sie nun auf und ab, und während er ihre kleinen, wiegenden Schritte beobachtete, dachte er, dass es im Grunde genommen ein Verbrechen war, so etwas Hübsches einzusperren.

„Ich erkenne es an den Pflanzen,“ sagte Marion sehr professionell. Beeindruckt hob sie daraufhin die etwas bleichen, perfekt geschwungenen Augenbrauen. „Willst du nichts essen?“ erkundigte er sich, immerhin hatte seine Mutter sich allein wegen ihr die Mühe eines weiteren Mahles gemacht, was ihr jedoch vermutlich vollkommen egal war. Denn dieses Mädchen kannte nur jenes Essen, das bereits fertig angerichtet für sie auf teurem Porzellan lag, und die Menschen, die es für sie zubereitet hatten, bekam sie niemals zu Gesicht, und sie interessierten sie auch nicht. Wie Marion sie beneidete!

„Nein,“ winkte sie sorglos ab. „Ich esse nur, wenn ich es nicht länger ertragen kann. Das ist ein Teil meines stummen Protests, verstehst du?“ Nun war sie sarkastisch geworden und damit noch weitaus interessanter für ihn, denn sie musste wohl ebenfalls unzufrieden sein und bitter und frustriert. Und zugleich war sie hilflos, ein dummes Kind, genau wie er.

„Es war nett von dir, mich zu besuchen,“ bemerkte sie nach einer kleinen Weile, dabei blieb sie endlich ruhig stehen und verschränkte die langen Hände vor sich. Dabei empfand Marion mit einem Mal sogar etwas Mitleid mit ihr, als kenne er sie und als bedeute sie ihm etwas. Die Luft in diesem Zimmer war alt und verbraucht, und sollte sie tatsächlich bis zum Sommer bleiben, dann würde sie leiden unter der Hitze, die sich unter der niedrigen Decke schnell sammelte. Was auch immer sie getan hatte, sicherlich hatte sie diese beengte Haft nicht verdient.

„Ich war sehr neugierig,“ räumte Marion ein. „Ich wollte dich sehen.“

Auf diese Bemerkung hin warf sie ihm mit ihren strahlend grünen Augen nun einen bemerkenswert finsteren Blick zu. Scheinbar ließ sie sich nicht gerne bewundern wie einen Panther im Zoo, was wohl durchaus verständlich war, dachte Marion bei sich. Dennoch, sein Ausflug in den Turm war das Risiko, das er damit eingegangen war, mehr als wert gewesen: das Mädchen aus der Stadt zwischen all dem Unrat war tatsächlich ein Spektakel.

„Und gefalle ich dir auch?“ fragte sie gereizt.

„Sehr sogar,“ verkündete Marion. Warum sollte er lügen?

Zudem schien die Antwort ihr zu gefallen. Sie lächelte etwas beschwichtigt, aber Marion fand, dass sie schöner war, wenn sie es nicht tat. Es passte nicht recht zu ihr.

„Dann darf ich mit mehr bewundernden Besuchen in der Zukunft rechnen?“ sagte sie, wobei dieser Satz weniger nach einer Frage und sehr viel mehr nach einer Anordnung klang. Nun, diese würde Marion sicherlich gehorsamer befolgen als den Befehl, sie vollkommen zu ignorieren, er grinste also und nickte einverstanden. Sie setzte sich derweil auf die Armlehne ihres Sessels.

„Ich werde kommen, so oft ich kann,“ versprach er.

Sie lächelte schwach. „Das wäre nett von dir, Marion,“ nickte sie und daraufhin seufzte sie dann, und ihr Gespräch war nun augenscheinlich beendet. Marion durfte nicht zu lange bleiben, immerhin stand das Abendessen stets sehr pünktlich auf dem Tisch in seinem kleinen Zuhause, wollte er also keinen nervösen Anfall seiner Mutter riskieren, dann musste er gehen. Er hatte bereits zum Abschied einmal kurz genickt und war an der Türe, als ihm noch eine letzte Frage einfiel.

„Was ist mit deinem Namen? Wie heißt du? Es kann doch nicht schlimmer sein als Marion?“ erkundigte er sich.

Während sie lachte, was ein tiefes, zufriedenes Geräusch war, ebenso wie das Schnurren einer Katze, zogen sich ihre Schultern ein wenig zusammen „Mein Name ist Guinievaire,“ antwortete sie ihm dann.

Marion lachte mit ihr, verließ das Zimmer mit einem Kopfschütteln und verschloss die Türe pflichtbewusst hinter sich. „Guinievaire,“ wiederholte er. Nun, dies war typisch für Stadtmenschen, nicht wahr? Nur in London kam man auf die brillante Idee, ein kleines Baby nach einer sagenumwobenen Königin zu nennen und dachte nicht eine Sekunde darüber nach, dass die Kleine den Namen vermutlich erst mit sechs korrekt aussprechen und erst mit neun korrekt schreiben können würde. Guinievaire, dies war ein alberner Name, aber er klang hübsch, sprach man ihn laut aus, und somit passte er wohl zu ihr. Marion hatte ein gutes Gefühl nach diesem Besuch, denn sie hatte einen guten Eindruck auf ihn gemacht, ganz so als fände man im Lexikon ihr Bild, wenn man nach dem Gegenteil von Langweile suchte. Sicherlich würden sie gute Freunde werden.