6 Juli
Tony wollte nicht unhöflich sein und den jungen Mann inmitten der Wildnis mit all seinen Problemen überhäufen, also bat er den Gärtner, dessen Name scheinbar Marion war – was Tony zugegebenermaßen etwas seltsam fand – zunächst einmal um ein ruhiges Treffen im örtlichen Pub, um dort über etwas sehr Wichtiges zu sprechen. Dabei mochte er zunächst noch nicht ansprechen, worum es gehen sollte, immerhin konnte er nicht ahnen, wie viel der junge Mann bereits wusste und wie er überhaupt zu seiner Verlobten stand. Hin und wieder glaubte er eine Gestalt bei Guinievaire in ihrem kleinen Zimmer gesehen zu haben und vermutlich handelte es sich dabei durchaus um den Gärtner, aber selbst wenn er zu Guinievaire durfte und sie auch miteinander gesprochen hatten, deswegen war noch lange nicht klar, welche Meinung er von Tonys Verlobten hatte.
Marion willigte ein, sich mit ihm zu treffen, was zunächst einmal aus purer Neugier geschah: er wollte ganz einfach gerne hören, wie sehr und ob dieser Mensch überhaupt in seine Gefangene verliebt war, er wollte ihn sich ganz genau ansehen können und natürlich wollte er auch hören, was er nun vorhatte, denn vermutlich hatte er sich endlich dazu entschließen können, seine Verlobte aus ihrem Turmverlies zu befreien und nun spekulierte er dabei auf Marions Hilfe – von welcher dieser sich jedoch ganz und gar nicht sicher war, ob er sie ihm auch gewähren wollte.
Der einzige Pub des winzigen Dorfes war nicht eben das, was man unter einem hübschen oder gar einem gemütlichen Ort verstand, weil aber die Konkurrenz weit und breit fehlte, florierte das Geschäft auch ganz ohne großen oder besonderen Aufwand. Der übergewichtige Barmann und Besitzer, der in diesem Augenblick hinter der Theke stand und mit einem zerschlissenen Fetzen milchige Gläser polierte, wobei er genussvoll rauchte und den Raum dadurch noch stickiger und stinkender machte, musste sich keine Mühe geben. Die Fenster waren gelb, staubig und vermutlich noch niemals geputzt worden, und die Luft roch neben dem Rauch auch nach altem Fett, beißendem Alkohol und schwitzenden Menschen, selbst wenn um diese frühe Uhrzeit nur eine einzige, einsame Seele in einer dunklen Ecke saß und tief in ihr leeres Glas starrte. An einem kleinen Tisch für zwei in einer Nische, gleich neben einem der vergitterten Fenster, durch die das hübsche Sonnenlicht von draußen ohnehin nicht dringen konnte, saß Marion nun auf einer unbequemen Bank, während ein schmutziger Lampenschirm aus beigem Glas über seinem Kopf pendelte, in dem ein schwaches Licht flackerte. Marion hatte die Türe im Auge von dort, wo er saß, weswegen er sich zumindest etwas ruhiger fühlte. Außerdem hielt er mit seinen Händen sein Pint Bier umklammert, welches man ihm schon warm serviert hatte, und dabei betrachtete er ausgesprochen interessiert sein Gegenüber: Anthony Ford war unheimlich pünktlich gewesen. Tatsächlich war er sogar schon vor ihm hier gewesen, hatte sich erhoben, als er an den Tisch gekommen war und hatte ihm dann mit schwachem Druck die Hand geschüttelt. Von der ersten Sekunde an hatte Marion dabei eine stechende Feindseligkeit ihm gegenüber empfunden und er verfluchte Guinievaire dafür, dass sie es geschafft hatte, seine unbekümmerten, rein freundschaftlichen Gefühle für sie in etwas derart Unangenehmes zu verwandeln. Was es genau war, das wusste er noch nicht, aber nun, da er beinahe so etwas wie unbegründeten Hass für diesen vollkommen Fremden empfand, befürchtete Marion das Schlimmste.
Bei genauerer Betrachtung stellte Marion fest, dass Anthony Ford zunächst einmal tatsächlich eben so besorgniserregend kurz geraten war, wie er schon aus der Ferne immer gewirkt hatte – er musste gerade einmal so groß sein wie Guinievaire, wobei er neben ihr sicherlich noch kleiner und schmaler wirkte, denn seine breiten Schultern ließ er merkwürdig tief hängen und seiner gesamten Erscheinung fehlte die Autorität, die seine Verlobte definitiv verströmte, wenn sie das weiße Kinn hob und den Rücken durchdrückte. Außerdem war er schlecht gekleidet, wobei er nicht etwa billige Stoffe und unpassende Schnitte trug, seine Weste und sein Hemd ließen viel mehr auf einen grauenhaften Geschmack schließen. Und dann war da noch eine Tatsache, die Marion ganz besonders störte – er sah nicht einmal gut aus. Nun, er sah auch nicht schlecht aus, am besten ließe er sich vermutlich mit dem Wort ‚Durchschnittlich‘ beschreiben: man hätte sein Gesicht schlicht sehr schnell wieder vergessen, hätte er nicht einen leicht schiefen Kiefer gehabt und dieses absonderliche, widerspenstige Haar, das in sperrigen Locken in alle Richtungen abstand, obwohl er offensichtlich versucht hatte, es mit einem Kamm zu bändigen. Ein absolutes Nichts war er im Vergleich zu Guinievaire und dieses Nichts wollte sie nun wirklich heiraten? Marion wusste natürlich, dass Guinievaire ausgesprochen selbstbestimmt war und sich gerne durchsetzte, was dieser junge Mann ihr sicherlich vierundzwanzig Stunden am Tag erlaubte, aber sie musste doch einsehen, dass dies keine gute Idee sein konnte, sich für ihr gesamtes, herrliches Leben an diesen Schwächling zu binden. Missmutig lehnte Marion sich auf seiner steinharten Bank zurück und sah den Zwerg mit ernster Miene an.
„Haben Sie eine Idee, warum ich Sie sprechen wollte?“ erkundigte Tony sich in einem sehr geschäftlichen Ton, aber mit einem eindringlichen Blick. Schon zu Beginn ihres Gespräches konnte Marion erkennen, dass er bereit war, zu betteln, damit er ihm dabei half seine Verlobte zurückzugewinnen. Nun, vielleicht würde er dies auch tun müssen.
„Ich schätze, es geht um Ihre Verlobte,“ erwiderte er, wobei er das Wort ‚Verlobte‘ auf eine seltsam spöttische Art und Weise betonte.
„Dann kennen Sie also unsere Geschichte?“ nickte Tony erleichtert. Dies würde ihm glücklicherweise sehr viel Zeit ersparen, die er nicht an diesem grauenhaften Ort würde verbringen müssen, an diesem grauenhaften Ort und vor allem mit diesem zwielichtigen Menschen. Dieser Gärtner war anders als Tony erwartet hatte, das hatte er leider bereits feststellen müssen, als er vor wenigen Minuten etwas verspätet durch die Tür getreten war. Er war groß und blond und wohl ungefähr so alt wie Guinievaire. Und, was das Schlimmste an ihm war und weswegen er Tony, der sich stets um eine gewisse, freundliche Unbefangenheit neuen Bekanntschaften gegenüber bemühte, sofort unsympathisch gewesen war, er erinnerte ihn unglaublich an die jungen Männer, die daheim in London üblicherweise die Gefolgschaft seiner Verlobten bildeten – an jene, die es für das größte Glück der Welt hielten, sich im Dunstkreis von Lord Lovett aufzuhalten und mit denen sie gerne um die Wette trank und auf ungebührliche Art und Weise flirtete. Während Tony zunächst also nicht sonderlich viel hielt von seinem möglichen Komplizen, schien ebendieser ihm gegenüber beinahe etwas feindselig gesinnt zu sein, was natürlich nur zwei Dinge bedeuten konnte: entweder Guinievaire hatte Marion, den Gärtner, so behandelt, wie sie es pflegte, Personal zu behandeln, und deshalb hatte dieser nun aus purer Rachsucht heraus keinerlei Interesse daran, seiner grausamen Gefangenen zur Hilfe zu eilen. Oder aber Guinievaire hatte Marion, ihren einzigen Umgang seit Monaten, so behandelt, wie sie es pflegte, große, junge Männer mit blondem Haar zu behandeln, und der Ärmste war darauf hereingefallen und nun lächerlicherweise auf Tony eifersüchtig. Diesem fiel es jedoch recht schwer, sich vorzustellen, wie Guinievaire mit seinem Gegenüber flirtete und ihm ihr hübsches Lächeln schenkte, denn selbst wenn der Gärtner groß und blond war, er war wohl kaum nach ihrem Geschmack, wo seine Nase doch seltsam gebogen war und dabei etwas schief, seine Haut braun gebrannt und seine Augen eine unattraktive, wässerige Farbe hatten. Er war muskulös auf eine sehr offensichtliche Art und Weise, was Guinievaire nicht gefiel, und zudem waren seine großen Hände rau und seine Fingernägel schmutzig. Alles in allem war er also deutlich zu erdig und naturverbunden für seine Verlobte, und außerdem, warum dachte Tony überhaupt über diese alberne Option nach? Guinievaire liebte einzig und allein ihn und sie hatte ihm noch niemals zuvor Anlass zur Eifersucht gegeben oder einen winzigen Grund dazu, an ihrer ewigen Treue zu zweifeln. Warum sollte er also ausgerechnet nun damit anfangen, ihr zu misstrauen, wo man sie doch endlich von all den gepflegten, aristokratisch bleichen Herren isoliert hatte, die vermutlich stets eine wesentlich größere Gefahr für Tony gewesen waren als dieser Gärtner hier?
„Offensichtlich,“ antwortete dieser unhöflich. Tony verspürte den Drang, die Augen zu verdrehen, wusste aber, dass er bescheiden und freundlich bleiben musste. Egal was diese Person von Guinievaire hielt, er würde ihm nicht einfach und bereitwillig helfen wollen, machte Tony nicht einen guten Eindruck auf ihn und brachte gute Argumente vor. Bevor er also die Verhandlungen begann, nahm er einen letzten Schluck aus seinem schalen Bier.
„Ich hätte sie sehr gerne wieder bei mir und ich wäre Ihnen sehr verbunden, würden Sie mir dabei helfen,“ sagte Tony dann mit einem aufrichtigen Blick und hoffte das Beste.
Dies wollte er aber nicht, war Marions erster Gedanke, und er musste sehr mit sich kämpfen, um eben dies seinem Gegenüber nicht sofort und in einem kalten Tonfall in sein leidenschaftsloses Gesicht zu sagen. Glücklicherweise gelang es ihm jedoch, sich zurück zur Ordnung zu rufen, denn er wollte sich nicht sofort die Freude verderben. Vielmehr wollte er noch ein wenig mit Anthony spielen und sehen, wie weit er bereit war für Guinievaire zu gehen.
„Warum sollte ich das tun?“ entgegnete er also etwas weniger direkt. „Wenn ich Ihnen helfe, verliere ich meine Anstellung und meine Mutter vermutlich auch die ihre.“
Über dieses Problem hatte Tony bereits nachgedacht, der natürlich nicht egoistisch genug war, um zu wollen, dass andere unter seinem heftigen Wunsch, Guinievaire zurückzubekommen, zu leiden hatten. Er verstand natürlich die Bedenken des Gärtners. „Ich bin durchaus dazu bereit, Sie gut zu entlohnen,“ bot er also an. „Ich kann Ihnen mehr bezahlen, als Sie in einem oder zwei Jahren verdienen würden.“
Marion hätte am liebsten leise gelacht, darüber dass er glaubte, ihn mit einer derart kleinen Summe ködern zu können. Sicher, er war gierig, er wollte Geld, aber ebenso sehr musste das Angebot stimmen, immerhin wog er in seinem Kopf Guinievaires Gesellschaft gegen einen Scheck auf. Es war also keineswegs zu viel erwartet, wenn Marion so viel Geld sehen wollte, dass er niemals wieder arbeiten würde müssen. Er wollte nach London ziehen und sich teure Anzüge kaufen können, wenn er dafür seine liebe Freundin an diesen Idioten weiterreichen sollte, und außerdem – dies war eine komplizierte Angelegenheit – selbst wenn er sein Angebot erhöhte, wollte Marion wirklich sein Geld? Vielleicht war dies hier eine Grundsatzfrage und vielleicht war es sogar auch eine noble Geste. Denn egal wie viel er dafür bekam, Marion konnte es vermutlich nicht wirklich verantworten, dass Guinievaire zu diesem lächerlichem Mann zurückkehrte, wo er doch auch an ihr Wohl denken musste und nicht allein nur an das seinige.
„Nein,“ winkte Marion also ab und entschloss sich dabei jedoch, über seine wahren Motive zu lügen. „Ich arbeite sehr gerne bei Abigail und das ist es mir nicht wert.“
„Ich bin mir sicher, ich könnte Ihnen auch eine andere, ebenso zufriedenstellende Anstellung verschaffen, wenn sie das möchten,“ schlug der Verlobte generös vor. In einem seiner zahlreichen Häuser vielleicht? Dieser Gedanke gefiel Marion, selbst wenn er sich auch darauf nicht einlassen würde, dennoch wesentlich besser. Während dieser kleine Mensch dann Tag für Tag zu seinen Pferden fuhr, würde Marion sich nicht nur um seinen Garten kümmern, sondern auch ebenso zufriedenstellend um seine Frau. Schließlich war dies eine geradezu klassische Situation, nicht wahr, der Gärtner und die Dame des Hauses? Marion musste sich sehr bemühen, um nicht verräterisch zu grinsen.
„Hören Sie, Mr Ford, es tut mir wirklich leid, aber ich bin glücklich hier und ich sehe keinen Anlass dazu, mein Glück für einen vollkommen Fremden aufs Spiel zu setzen,“ wehrte er weiter ab, wobei er wohl die unverschämteste Lüge des Jahrhunderts erzählt hatte: er war ganz bestimmt nicht glücklich hier und wenn er es sich recht überlegte, so wurde es sogar mit jedem Tag ein wenig schlimmer, was er allein Guinievaire zu verdanken hatte, die ihm für eine Welt stand, die Marion immer verschlossen sein würde. Dieser Mann aber war ein weiterer, glücklicher Teil von ihr und deshalb hasste er ihn für alles, was er besaß: sein Haus in London, sein Geld, sein scheußliches, aber teures Hemd und am meisten hasste er ihn für die Tatsache, dass er der arme, unglückliche Mann war, der die launische, untreue, unberechenbare, wunderschöne, hinreißende Guinievaire heiraten sollte. Sie war es, die Marions Leben noch elender gemacht hatte. Zur Strafe würde er sie also nicht derart mühelos aus seiner eigenen, ganz persönlichen Hölle in Shropshire befreien.
„Ich weiß, Sie kennen mich nicht, aber was ist mit Guinievaire? Möchten Sie ihr nicht helfen?“ sagte Anthony mit einer sehr weichen und behutsamen Stimme, wobei er langsam zu verzweifeln schien, was Marion ausgesprochen gut gefiel. Zugleich hatte es jedoch nicht ausstehen können, wie er Guinievaires Namen aussprach. Er, mehr als jeder andere Mensch auf dieser Erde, sollte doch wissen, dass das verfluchte U stumm gesprochen wurde.
„Ich sehe sie jeden Tag,“ murrte Marion. „Sie können mir glauben, es geht ihr gut. Sie hat mich noch niemals um Entlassung gebeten.“
Tonys Kopf zuckte ein wenig gegen seinen Willen, denn er verlor nun immer mehr seine in letzter Zeit ohnehin sehr strapazierte Geduld mit diesem Gärtner. Lange hatte der Barmann damit begonnen, ihrem Gespräch wenig subtil zu lauschen, weswegen Tony unruhig wurde und zugleich beinahe unfreundlich: für wen hielt dieser Mensch sich überhaupt und was war es, das er wirklich wollte? Was er soeben hatte verlauten lassen, dies konnte nicht mehr sein als eine mehr als unverschämte Lüge.
„Guinievaire vermisst mich ebenso sehr, wie ich sie,“ gab Tony daher etwas säuerlich zurück. „Ich bitte Sie inständig, was auch immer sie Ihnen angetan hat, helfen Sie mir und ich verspreche Ihnen, dass für Sie daraus keinerlei Nachteile entstehen werden.“
Marion lehnte sie nach vorne, sah ihn missmutig an und stellte beide Ellbogen auf die Tischplatte. „Also schön,“ seufzte er schließlich, wobei er klang, als ersticke er an diesen wenigen Worten. „Ich helfe ihnen.“
Tony verspürte den dringenden Wusch, zu jubeln und die Hände vor Freude in die Luft zu werfen, sah zugleich jedoch ein, dass ihm dies wohl kaum mehr von dem dringend nötigen Respekt von seinem Gegenüber verschaffen würde. Stattdessen nickte er also lediglich sehr würdevoll und bemühte sich, angemessen dankbar auszusehen.
„Ich danke Ihnen. Ich nehme an, Sie können mir nicht etwa sofort den Schlüssel geben?“ erkundigte er sich mit einem plötzlich heftig schlagenden Herzen. Bald, wenn er Glück hatte schon sehr bald, würde er seine Verlobte endlich wieder haben.
Die Augen des Gärtners weiteten sich jedoch schockiert. „Auf keinen Fall kann ich das,“ keuchte er fassungslos. „Ich bin immerhin nicht die einzige Sicherheitsmaßnahme, die wegen Ihrer Verlobten getroffen wurde. Wir müssen den richtigen Tag abwarten.“
Nun, es wäre wohl ganz einfach zu schön gewesen, um wahr zu sein, dachte Tony enttäuscht, und natürlich war alles wie immer um unendlich vieles komplizierter als es hätte sein müssen, weswegen er erschöpft seufzte. Dann aber richtete er tapfer die Augen wieder auf das Ziel. „Wann wird dies sein, was glauben Sie?“
„Hören Sie, Mr Ford,“ erwiderte Marion in einem strengen Tonfall und sah zur Türe. „Ich kann nicht länger bleiben, ich habe nicht viel Zeit, aber in ungefähr zwei Wochen habe ich einen ganzen Tag frei, dann können wir einen richtigen Plan machen.“
Tony nickte einsichtig, war zugleich aber schmerzhaft erschrocken über diese unerträglich lange Zeit. Wie nur sollte er diese zwei grausamen Wochen ertragen? Nun, er musste wohl oder übel ein wenig Rücksicht nehmen auf seinen Gehilfen, denn er war nun einmal viel zu sehr auf ihn angewiesen, er konnte keinesfalls Ansprüche an ihn stellen. Lediglich eine winzige Bitte hatte er deshalb an ihn, die ihn ein wenig trösten sollte: „Würden Sie Guinievaire bitte erzählen, dass Sie sich mit mir getroffen haben? Sie sollte wissen, dass ich sie bald retten werde.“
Der letzte Satz hatte vielleicht etwas selbstgefällig geklungen, dachte Tony, aber was sollte er tun? Diese Vorstellung, dass er dieses eine Mal in der Lage sein würde, Guinievaire Hastings zur Rettung zu eilen, sie gefiel ihm ausnehmend gut.
Der Gärtner drückte die feinen Lippen kurz aufeinander, wobei Tony sich inzwischen sicher sein konnte, dass dieser Mann seine Verlobte keineswegs hasste, wie er zu Beginn noch vermutet hatte oder er wäre schlicht wesentlich erfreuter über die Aussicht, sie endlich loszuwerden. Vielmehr schien er sie tatsächlich gerne zu haben, aber selbst dies war Tony in diesen Augenblicken vollkommen egal. Schließlich würde er seine Guinievaire bald zurück haben und dann würden sie sich niemals mehr um irgendwelche Dritten scheren.
„Sobald ich sie wiedersehe, werde ich ihr gerne die frohe Botschaft überbringen,“ versicherte Marion ihm. Bildete Tony sich dies bloß ein oder klang er dabei ein wenig sarkastisch? „Es wäre wohl weniger verdächtig, würden Sie in Zukunft nicht mehr an ihr Fenster kommen,“ fügte er dann hinzu, womit er natürlich recht hatte, weswegen Tony nickte. Er würde alles tun, nur um sich dieses Mal wirklich sicher sein zu können, und solange sie wusste, warum er nicht mehr zu ihr kam, wäre es ohnehin kein sonderliches Problem, selbst wenn er allein ihren verschwommenen Umriss hinter dem Glas schrecklich vermissen würde. Hoffentlich war es nicht für eine allzu lange Zeit, denn einige, wenige Wochen konnte er sich durchaus noch gedulden, nun wo die Aussichten um so vieles besser waren, alleine dank dieses Marions, dem Tony ausgesprochen dankbar war. Vielleicht hatte er ihn falsch eingeschätzt, dachte er, als sie sich höflich verabschiedeten und er nach Hause ritt um Vicky und Robert stolz die guten Nachrichten zu überbringen.
Marion ging ebenfalls nach Hause und auch er war ausgesprochen zufrieden mit dem Verlauf dieses Zusammentreffens. Zum einen hatte er nämlich endlich erfahren, dass Guinievaires Verlobter tatsächlich ein schlimmer Idiot war, was eine Tatsache war, die ihm eine grimmige Bestätigung eingebracht hatte, und zudem hatte er sich nun auch eine hübsche Beschäftigung für die kommenden Wochen verschafft. Dabei hatte er natürlich nicht vor, Guinievaire auch nur das winzigste Detail von diesem Treffen oder gar von dem Plan ihres Verlobten zu erzählen. Er wollte lediglich sehen, ob er ein wenig von seiner kläglichen Bezahlung schon im Voraus bekommen konnte. Selbstverständlich war Marion sich dabei durchaus bewusst, dass er dieses Spiel nicht ewig spielen konnte, aber dies war kaum seine Absicht. Irgendwann würde Guinievaire ihn schließlich doch langweilen und dann würde er damit aufhören, gerne bei ihr sein zu wollen. Sobald es also soweit war, würde er schrecklich froh sein, sie wieder mühelos loswerden zu können, selbst wenn der Gedanke, dass er sie dann an den unmöglichen Zwerg abgeben musste, weiterhin bitter war.
Bei ihrem zweiten und zugleich wesentlich freundlicheren Treffen im Juli machten Marion und Tony einen Plan. Marion erzählte ihm dabei sehr viele und hübsch geschliffene Lügen darüber, dass zwei kräftige Männer das Haus bewachten und Guinievaires Vater, ein Mann vor dem Anthony ausgesprochene Angst zu haben schien, sogar hin und wieder vorbei kam, um nach dem Rechten zu sehen. Er machte ebenso sehr Versprechungen darüber, dass jene stämmigen Männer manchmal auch Abigail auf ihren Reisen begleiteten und dass Marion geheime Schleichwege durch das Haus kannte, und so gelang es ihm, seinen Geschäftspartner eine Weile lang zu vertrösten. Zugleich kämpfte er jedoch an anderer Front ebenso dringlich, denn Marion musste zu seinem großen Schrecken feststellen, dass er Guinievaires scheinbar niemals überdrüssig wurde, und er erinnerte sich daran, was sie einmal zu ihm gesagt hatte: dass jeder Mann sich früher oder später in sie verliebte. Obwohl dies zu diesem Zeitpunkt zweifellos lediglich arrogante Reden gewesen waren, hatte Marion mittlerweile durchaus die Befürchtung, dass dieser Sinnspruch auf ihn leider sehr wohl zutraf, und weil er ihren Verlobten gesehen hatte, der in jeglicher Hinsicht ein enttäuschendes Exemplar war, war Marion sogar mit der Zeit dumm genug, um sich Hoffnungen zu machen, die zunächst natürlich kleine Phantasien blieben. Was, wenn er Geld hätte, mehr Geld als die lächerliche Entlohnung, die Anthony ihm versprochen hatte? Was, wenn er ein Haus in London hätte und sich in denselben Kreisen bewegte wie sie? Marion wollte sie nicht länger aus dem Haus haben und er wollte auch nicht weiter seine Spielchen mit ihrem Liebsten treiben. Im Grunde wollte er eigentlich nur noch gleiche Grundvoraussetzungen und eine echte Chance unter fairen Bedingungen.
Zu seinem großen Glück und seiner großen Überraschung wurde ihm schließlich eben dies versprochen, als er ein Angebot erhielt, das um so vieles besser war als alles, was er sich von Anthony Ford hatte erhoffen können. Man versprach ihm eine riesige Summe Geld, man versprach ihm zwei Häuser, eines in der Stadt und eines auf dem Land, und man versprach ihm, und dies war das Beste, dass Guinievaire nicht ihren Verlobten heiraten würde und dennoch schon bald aus ihrem Verlies befreit und nach London zurückkehren würde. Marion konnte kaum glauben an diese unfassbare Fügung des Schicksals, aber er musste noch nicht einmal sonderlich viel dafür tun: er wurde lediglich angewiesen, Guinievaire auch weiterhin nichts von dem Plan ihres Verlobten zu erzählen und er sollte eben diesen Verlobten noch bis mindestens Mitte September von dem Haus ihrer Tante fernhalten, wie auch immer er dies anstellte. Nun, Tony würde vermutlich recht aufgebracht über seinen Betrug sein, aber an dieser Zukunftsvision störte Marion sich ganz und gar nicht. Er musste immerhin an sich denken und er sollte nun wirklich alles bekommen, was er sich in seinen wildesten Träumen gewünscht hatte: Geld, Status, Ansehen, Rache und vielleicht sogar seine liebreizende Gefangene. Was für ein Glück er doch hatte! Und dies alles, diese unvorstellbare Chance, hatte er nur einem einzigen Mann zu verdanken, der eines Tages in einem sehr teuren, hellblauen Anzug vor seiner Türe stand.