Achtzehntes Kapitel
Die ersten Tage auf ihrem Zug nach Westen waren trotz aller Anstrengungen, die sie mit sich brachten, die leichtesten. Der Trail führte durch eine fruchtbare Landschaft mit Wäldern und klaren Bächen, wo sie reichlich Feuerholz, Wasser und Gras für die Tiere sowie gute Lagerplätze fanden. Das erleichterte den Beginn ihrer Reise erheblich, denn dieser Teil der Strecke gab ihnen die nötige Zeit, mit dem Dasein als Overlander vertraut zu werden und sich in die tägliche Routine und Gemeinschaft einzufinden. Das Leben im Treck brachte so viel Neues mit sich, dass sie alle heilfroh waren, sich nicht noch zusätzlich um unwegsame Wegstrecken oder Futter für die Tiere sorgen zu müssen.
Das bedeutete jedoch nicht, dass diese erste Woche ohne Probleme und unangenehme Zwischenfälle verstrichen wäre. So mancher Städter unter ihnen musste im Morgengrauen zu seinem Leidwesen feststellen, dass er sein Pferd oder seine Kuh nicht ordentlich angebunden hatte und das Tier sich in der Nacht auf der Suche nach schmackhaftem Gras weit vom Lager entfernt hatte. Die Suche nach den Ausreißern war oft mühsam und brachte viel Aufregung mit sich. Außerdem hatten die Pechvögel nicht selten unter dem Unmut der anderen Reisenden zu leiden, denn der ganze Wagenzug musste dann warten, bis das entlaufene Vieh wieder eingefangen war.
Und schon am Abend des zweiten Tages geschah der erste Deichselbruch. Das Missgeschick widerfuhr den Larkin-Brüdern, als sich die Wagen zur Wagenburg formierten. Sie hatten die Ochsen beim Einlenken in den Kreis zu einer zu scharfen Drehung nach rechts bewegen wollen. Zu ihrem Glück führten sie nicht nur eine Reserveachse, sondern auch eine zusätzliche Deichsel mit sich, wie es auch viele andere getan hatten, deren Geld noch für diese Ersatzteile gereicht hatte. Beides hatten die Larkins unter dem Boden ihres Wagens festgebunden. Jason und Hiram rauften sich die Haare, weil sie nicht besser aufgepasst hatten, denn zu dem schmerzlichen Verlust einer Deichsel zu einem so frühen Zeitpunkt der Reise kam noch die Arbeit, die mit dem Auswechseln verbunden war.
Als Éanna sah, dass die beiden kaum mehr Zeit haben würden, um Feuerholz zusammenzutragen und sich etwas zu essen zu machen, schickte sie Brendan zu ihnen.
»Sag ihnen, sie sollen zu uns ans Feuer kommen, wenn sie mit dem Auswechseln fertig sind«, trug sie ihm auf. »Wir werden ein paar Maisfladen mehr backen und ihnen auch einen Teller Bohnen und Kaffee anbieten.«
»In Ordnung«, sagte Brendan, fügte dann jedoch hinzu: »Aber zur Gewohnheit darf das nicht werden, wo wir doch unsere Rationen schon reichlich knapp bemessen haben.«
»Wird es schon nicht«, beruhigte ihn Emily.
An den ersten Abenden saßen die Overlander noch länger um die lodernden Feuer herum. Man unterhielt sich über den vergangenen Tag, tauschte Lebensgeschichten und Kochrezepte aus, stellte hoffnungsvolle Spekulationen über das neue Leben an der Westküste an, spielte Karten, ließ den Würfelbecher kreisen und griff sogar zu Fiedel, Banjo, Flöte und Harmonika.
Doch schon bald wurden die geselligen Abende immer kürzer und nahmen schließlich ganz ein Ende. Denn mit den zunehmenden Strapazen dachte bald jeder nur noch daran, nach einem schnellen Essen seine Bettrolle auszubreiten und sich schlafen zu legen.
Über ein ganz besonderes und wenig erfreuliches Gesprächsthema unterhielten sich die Overlander jedoch auch noch nach den mühsamsten Tagen. Schon wenige Tage nach ihrem Aufbruch war an allen Lagerfeuern die Diskussion um den Scout zu hören. Denn wie schnell offensichtlich geworden war, war die durchzechte Nacht in Independence für Jeremiah Fennmore alles andere als eine Ausnahme gewesen. Der Scout war ein hoffnungsloser Alkoholiker, der kaum einmal annähernd nüchtern anzutreffen war.
Auch tagsüber griff er immer wieder zu seiner Feldflasche, die keineswegs mit Wasser gefüllt war, sondern mit irgendeinem billigen Fusel.
Er gab sich nicht einmal Mühe, seine Trunksucht vor den anderen zu verbergen. Regelmäßig füllte er seine Feldflasche an den zwei kleinen Fässern auf, aus denen offenbar ein Großteil seines Reiseproviants bestand. Gegen eine kleine Gebühr wurden sie von zwei Männern mitgeführt, die ihr weniges Geld zum Kauf von Ochsen und Prärieschoner zusammengeworfen hatten. Auf ihrem Wagen hatte auch Captain Palmer seine Vorräte aufgeladen.
Die empörten Vorhaltungen aus den Reihen der Treckteilnehmer, mit ihrem Geld einen Säufer als Scout angeheuert zu haben, beeindruckten ihren Wagenführer nicht im Geringsten.
»Wir sind hier nicht auf einem Baptistenausflug, Leute! Ich weiß schon, warum ich Jeremiah als Scout in meinen Dienst genommen habe«, teilte er ihnen unnachgiebig mit. »Er mag saufen wie ein Loch, aber das ändert nichts an seinen Fähigkeiten als Scout. Er kennt die Wildnis und die Indianer wie kein anderer und allein darauf kommt es an. Außerdem reitet er ja meist voraus und kehrt nur gelegentlich zum Wagenzug zurück. Was interessiert euch also, wie viel er säuft? Und jetzt Schluss mit dem unsinnigen Gerede! Jeder soll sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.«
»Aber was macht es denn für einen Eindruck auf unsere Kinder, ständig einen Betrunkenen vor Augen zu haben«, entrüstete sich eine Quäkerfrau. »Der Himmel mag wissen, welche Schäden das in ihren unschuldigen Seelen anrichtet!«
Captain Palmer bedachte sie mit einem mitleidigen Blick. »Ein abschreckendes Beispiel kann so nützlich sein wie ein Vorbild und es ist Euch überlassen, welche Lehren Ihr Euren Kindern aus dem einen wie dem andern zuteilwerden lasst. Außerdem bleiben junge Seelen meiner Erfahrung nach im Pionierland genauso lange unschuldig, wie eine frisch gestärkte Schürze beim Ausmisten eines Stalls sauber bleibt.« Und damit ließ er sie stehen.
Dass ein Scout sich selten beim Wagenzug blicken ließ, war auf den Trecks in den Westen nicht ungewöhnlich. Éanna und ihre Freunde hegten allerdings den Verdacht, dass sein Vorausreiten wenig damit zu tun hatte, das Gelände vor ihnen auszukundschaften und den besten Weg für die nächste Teilstrecke festzulegen.
»Was gibt es denn da groß auszukundschaften«, sagte Éanna, als sie nach der kurzen Auseinandersetzung mit Captain Palmer wieder an ihrem Feuer saßen. »Bisher ist der Trail doch sogar für einen Städter mit bloßem Auge weithin zu erkennen.«
Brendan nickte. »Das ist ja wohl auch kein Wunder, wo doch schon einige Tausend Wagen vor uns diesen Weg genommen und ihre Spurrillen in den Boden gegraben haben. Frage mich, wozu Palmer diesen Saufbold bloß eingestellt hat.«
»Wird ein Kamerad von ihm sein, dem er ein sattes Einkommen bescheren wollte«, vermutete Liam und zuckte dann die Achsel. »Na ja, mir soll es egal sein.«
»Mir aber nicht«, widersprach Emily. »Denn wenn wir später auf der Prärie und den High Plains sind, muss er dafür sorgen, dass wir sicher durch das Indianerland kommen.«
»Möchte bloß wissen, was der Kerl treibt, wenn er so viele Stunden außer Sicht ist«, rätselte Éanna.
»Vermutlich haut er sich irgendwo in die Büsche, lässt sich die Sonne auf den Pelz brennen und nuckelt an seiner Fuselflasche«, spottete Brendan. »Wenn er so weitermacht, säuft er sich noch mal zu Tode. Hoffentlich aber erst, wenn wir heil drüben an der Westküste angekommen sind!«