21

»Ich finde es unglaublich, dass du so etwas vergessen konntest.« Jeff schaute aus dem Fenster und runzelte die Stirn.

»Tja, wir sind schon lange befreundet. Er erzählte mir damals auf der Highschool davon – einmal, und danach kam es nie wieder zur Sprache.« Ron bedauerte das Versehen.

»Also, was genau ist er jetzt?« Sal verstand nicht so recht, was Ron gerade von sich gegeben hatte, während er zurück zum Parkhaus raste. »Ein Geisteskranker?«

»Bill erklärte mir in unserem Abschlussjahr, dass ihm paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden war, weshalb er begonnen hatte, Medikamente zu nehmen. Ich weiß noch, wir waren ziemlich eng befreundet, und er verschwand einfach so knapp drei Monate lang im Herbst. Als er wieder auftauchte, schilderte er mir, was passiert war. Wie dem auch sei, wir haben nie wieder darüber gesprochen.«

»Also ist er wahnsinnig, na wunderbar«, stöhnte Jeff. »Wirklich, ganz toll.«

»Bist du sicher, dass du dich nicht irrst?« Sal neigte sich zwischen dem Fahrer- und Beifahrersitz nach vorne.

»Na ja, ich denke nicht, dass so etwas einfach so von selbst vorübergeht. Bestimmt braucht er Tabletten und war nicht in der Lage, welche zu besorgen. Wir müssen Mary fragen, was das angeht.«

»Richtig, sie müsste Bescheid wissen«, pflichtete Sal bei.

»Gut, aber warum hat sie bloß nichts dazu gesagt? Man sollte doch meinen, seine Ehefrau würde darauf achten.«

»Nicht unbedingt«, entgegnete Ron. »Möglicherweise hat er es ihr vorenthalten – oder er lügt und tut ihr gegenüber so, als nehme er seine Medikamente weiter. Davon abgesehen sind die meisten paranoiden Schizophrenen nicht gewalttätig.«

»Der schon«, bemerkte Jeff. »Wie lange bist du mit dem Kerl befreundet? Wie oft warst du bei ihm zu Hause, ohne seine Gewaltbereitschaft zu spüren?«

Ron blickte verdutzt drein. »Gewaltbereitschaft? Nein, er ist ein mürrischer Typ und …«

»Mürrisch? Bist du schwer von Begriff? Er verprügelt seine Frau!«

»Was?« Ron war entsetzt. »Mensch, du kennst ihn doch gar nicht. Fang bloß nicht an, Unsinn über jemanden zu reden, den du …«

»Ich kenne ihn sehr wohl. Alles, was ich brauchte, um zu erfahren, was ich über ihn wissen musste, waren ein paar Minuten Zeit. Er ist ein Schläger und misshandelt sie. Glaubt mir, ich kenne solche Typen bestens.«

Jeff schob den Ärmel seines Mantels hoch. Sein Arm war übersät mit Narben, die wie verheilte Brandlöcher von Zigaretten aussahen. Nachdem er den Stoff unwirsch zurückgezogen hatte, schaute er wieder nach draußen. »Ich kenne ihn bestens.«

Daraufhin fuhren sie ein paar Minuten schweigend weiter. Jeff hatte noch mehr zu sagen: »Fragt sie nicht, ob sie misshandelt wird, sie wird es leugnen, trägt aber aus gutem Grund einen Rollkragenpullover. Also, ich ahnte, dass er ein Schläger ist, als ich ihn kennenlernte, doch sobald ich seiner Frau begegnete, war mir klar, dass er sie vermöbelt.«

Ron fühlte sich wie ein Idiot. Wie hatte ihm das entgehen können?

Im Parkhaus reagierte niemand auf ihr Lichtzeichen, doch die anderen erwarteten auch nicht, dass sie so früh zurückkehrten. Sie nahmen die Auffahrt in hohem Tempo mit quietschenden Reifen. Als sie oben ankamen, erschraken sie angesichts des Bildes, das sich ihnen dort bot: Bill war nackt und lief schreiend übers Dach des Gebäudes.

Die Männer rannten zu Mary und Donna. Erstere schluchzte, Letztere versuchte, sie zu trösten.

Mary wandte sich an Ron. »Was hat er bloß? Was ist los mit ihm?«

Ron antwortete ihr mit gedämpfter Stimme: »Weißt du nichts von seiner Krankheit?«

Sie schaute ihn völlig verständnislos an. »Welche Krankheit?«

»Er leidet unter paranoider Schizophrenie, hat er dir das nie gesagt?«

»Was, er ist schizophren? Nein, er meinte nur, er sei depressiv, mehr nicht.«

»Aber er nahm Medikamente und tut es seit jüngster Zeit nicht mehr.«

»Richtig, wir mussten fliehen. Er konnte seine Tabletten nicht finden.«

»Wir müssen ihn ruhigstellen – herausfinden, was er braucht, und zu einer Apotheke fahren.« Ron schaute besorgt zu Bill.

Mary fürchtete sich. Sie rang ihre Hände und wusste keinen Rat. Noch nie hatte sie Bill in diesem Zustand erlebt. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ehe sie dazu kam, brüllte ihr Mann auf und stürzte sich auf Sal.

Sal wusste nicht, wie er reagieren sollte, und wollte ihm den Rücken zudrehen, wie er es früher in Auseinandersetzungen getan hatte, hielt dann aber inne. Stattdessen schlang er die Arme um Bills Oberkörper, sodass dieser sich nicht mehr bewegen konnte. Der Wüterich wehrte sich ein paar Augenblicke lang, bevor er erschlaffte und zu wimmern anfing.

»Du Schwein.« Er meinte Sal. »Du mieses Schwein, du hast sie mir gestohlen. Sie gehört mir, du Wichser.«

Sal ließ los, Bill brach zusammen und rollte sich auf dem Betonboden ein. Mary eilte zu ihm.

»Bill, Bill, bist du in Ordnung?« Als sie neben ihm kniete, sprang er auf, packte sie am Hals und würgte sie so erbittert, dass sie sich innerhalb weniger Sekunden verfärbte. Sie kam nicht einmal zum Schreien.

Sal sprang ihr zu Hilfe, doch er konnte Bills Hand nicht lösen. Mary lief blau an, ihre Augen traten hervor. Sal schlug Bill ins Gesicht, doch auch das bewirkte nichts. Sal wusste weder ein noch aus, während er hektisch an Bills Fingern zog, ohne auch nur einen von ihrer Kehle lösen zu können.

Plötzlich fing Bill an zu zucken, ließ von ihr ab und sackte wieder auf den Boden. Unter ihm breitete sich eine Blutlache aus. Mary fiel rücklings und rang in lauten, stoßartigen Zügen nach Luft. In ihrer rechten Hand hielt sie einen blutverschmierten Bleistift. Bill hatte drei Löcher im Brustkorb, einer ihrer Stiche war anscheinend ins Herz gegangen.

Sal kniete neben Mary nieder. »Was kann ich tun? Was kann ich für dich tun?« Sie hechelte immer noch. Aus ihrer geballten Faust ragte der Stift zwischen Mittel- und Ringfinger hervor.

Ron brachte Mary mit Donnas Hilfe eine Ebene tiefer, während Sal Bills Leichnam in einen Schlafsack wickelte. Er schloss die Nähte mit Klebeband und legte ihn in ein Treppenhaus.

Als Sal nach unten kam, saßen alle auf Gartenmöbeln und stierten vor sich hin. Etwas weiter hinten im selben Stockwerk hatte Jeff mehrere Tische aufgestellt und bergeweise elektronische Geräte zusammengetragen.

Ron ging zu Sal. »Danke, dass du dich darum gekümmert hast.«

Sal nickte bloß.

»Vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, das anzusprechen, aber wir müssen uns dringend um das Parkhaus kümmern. Vielleicht kann sich jemand von uns selbst beibringen, wie man den Bagger bedient. Wir müssen die Auffahrten unbedingt niederreißen.«

»Ich habe mich bereits darum gekümmert.« Das war Jeff. »Die erste Auffahrt ist gleich hinüber.«

Ron und Sal schauten einander an. Sie wollten Jeff gerade fragen, als es erschütternd laut ächzte – ein metallisches Schrillen, dann Stille. Der Junge befand sich schon wieder auf dem Weg zum Treppenhaus. Ron und Sal folgten ihm.

»Warte«, rief Ron. »Was hast du gemacht? Was zur Hölle hast du angestellt?«