9. Kapitel

In jeder Geschichte kommt der Punkt, an dem du genau weißt: Es geht dem Ende zu. War es eine Liebesgeschichte, bist du traurig, erschrocken und stumm. Wenn es wie hier eine Geschichte um Brutalität und Totschlag war, fragst du dich, ob du denn am Ende wissen wirst, wer welche Rolle spielte, wie die Motive aussahen, warum das alles so geschah, wer eigentlich was genau getan hat.

Auf der Heimfahrt von Meckenheim in die Eifel geriet ich in Angst, weil es mir plötzlich unmöglich erschien, die Fragen zu beantworten, die diese Geschichte aufwarf. Es war einfach festzustellen, dass das Frettchen die junge Frau Schulze erschossen hatte. Aber würde es möglich sein, jemals das Motiv herauszufinden? Wer hatte diesen gänzlich unsinnigen Auftrag erteilt? Warum war Volker wirklich erschossen worden? Warum Sahmer? Warum hatte dann Lippelt daran glauben müssen? Ausgerechnet Lippelt, der sicher nichts anderes gewesen war als ein Hausmeister und Aushilfsarbeiter, jemand, der nicht wirklich hinderlich sein konnte, jemand, der vom tatsächlichen Hintergrund der Geschichte kaum etwas wissen konnte.

In der Gegend von Ahütte streikte das Käfer-Cabrio und ließ mich mit einem eindeutig verächtlichen Geräusch im Stich. Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, dass die Tankanzeige zwar auf halbvoll stand, aber kein Tropfen Benzin mehr im Tank war. Ich wartete, bis ein Bauer vorbeituckerte und sich bereit erklärte, mir einen kleinen Kunststoffkanister voll Sprit zu bringen.

Auf einer wilden Malve saßen zwei kleine Füchse, und ein Tagpfauenauge taumelte um sie herum. Dann kam ein Bläuling, und etwas abseits schoss ein Kohlweißling durch die Luft. Es war heiß, es war friedlich, und ich hoffte, der Bauer werde nie mehr zurückkehren.

Er kehrte zurück und wollte die fünf Liter nicht einmal bezahlt haben. Er lächelte: »Das nächste Mal erwischt es mich.«

Ich fuhr nach Hillesheim, gab den Wagen zurück und ließ mich dann von einem Taxi auf den Hof bringen.

Anni hockte auf einem Küchenstuhl neben dem Hauseingang in der Sonne und putzte Stangenbohnen. »Es gibt Bohnen, Kartoffeln und Hammelfleisch«, erklärte sie resolut, als gebe es nichts Wichtigeres auf der Welt.

»Wo ist Clara?«

»Sie liegt auf dem Sofa. Sie taugt nichts mehr, sie heult die ganze Zeit. Und selbstverständlich will sie nur von dir getröstet werden.«

»Warum bist du so bissig?«

»Weil ich finde, sie könnte sich entschließen, endlich erwachsen zu werden.«

»Das ist in manchen Fällen sehr schwer.«

»Das schon«, gab sie widerwillig zu. »Was war los? Was hast du erfahren?«

Ich erzählte es ihr.

»Das heißt, du willst diesen Sauter als Lockvogel benutzen, um abzuwarten, was passiert?«

»So in etwa.«

»Und wenn er dir entkommt, oder wenn du ihn verlierst? Und wenn er getötet wird?«

»Hör mit diesen Fragen auf, ich kann sie ohnehin nicht beantworten. Wir müssen es versuchen, wir haben gar keine andere Wahl.«

»Ich frage mich, ob es so wichtig ist, genau herauszufinden, was wirklich war. Fünf Tote reichen doch, oder?«

Ich sah sie an: »Für eine Kriminalkommissarin ist das aber eine merkwürdige Einstellung.«

»Nicht unbedingt«, murmelte sie. »Ich erinnere mich an die Jahre nach 1933. Da hatte ich zuweilen mit sehr merkwürdigen Mordfällen zu tun. Es gab Leichen, aber es gab höchst selten einen Mörder. Und wenn ein Mörder überführt war, gab es keine Leichen mehr. Verstehst du?«

»O ja, ich verstehe dich gut.« Ich ging ins Haus und stellte mich unter die Dusche.

Anni hatte auf Anhieb die schwierigste Frage des Falles angesprochen: Was geschah, wenn die Beteiligten auf der höchsten Ebene einfach schwiegen? Die Darstellung des Falles war ganz simpel: Ein höchst erfolgreicher kleiner Spionagering in der Wirtschaft wird durch das politische Wunder der Wiedervereinigung außer Kraft gesetzt. Irgendeiner aus diesem Zirkel verliert die Nerven und tötet. Das hat zur Folge, dass wiederum ein anderer Mensch ebenfalls die Nerven verliert und seinerseits tötet. War es so?

Warum, lieber Baumeister, ist es denn so wichtig herauszufinden, wer der erste Mörder war, wer der zweite, wer der dritte? Herr Baumeister, wir haben in diesem Fall jede Menge Brutalität, schreckliche Dinge, vor denen wir die Öffentlichkeit bewahren müssen. Jetzt kann wohl niemand mehr morden, weil alle Beteiligten oder fast alle getötet worden sind. Warum, lieber Baumeister, wollen Sie denn weiterwühlen? Ist das denn nicht die Befriedigung der eigenen verdeckten Aggressionen? Es reicht doch wirklich zu wissen, dass jemand mordete, den wiederum ein anderer ermordete. Baumeister, ich mache Sie darauf aufmerksam, dass wir bestimmte definitive, endgültige Aussagen niemals bekommen werden, weil die, die wir fragen müssten, tot sind. Weshalb also diese Dreckwühlerei? Wir leben ohnehin in sehr schwierigen Zeiten. Afrika kocht, der Nahe Osten kocht, die ehemalige Sowjetunion ist kurz vor der Explosion, mit dem Vereinten Europa klappt es vorne und hinten nicht, die fünf neuen Länder im Osten kosten wahnsinnig Geld, die Steuern platzen aus den Nähten. Warum um Gottes Willen, müssen Sie angesichts all dieser Schwierigkeiten weiterhin im Schlamm dieses vergleichsweise kleinen Falles herumwühlen, der sich nur unter extremen Ausnahmebedingungen entwickeln konnte? Dieser Fall, Herr Baumeister, ist doch kein Spiegelbild des zu Arbeit, Anstrengung und Vernunft hoch motivierten deutschen Bürgers. Der Bürger, Herr Baumeister, hätte für so eine journalistische Arbeit auch kein Verständnis. Der Bürger hat ganz anderes im Sinn – seine Familie, sein Vorwärtskommen. Lassen Sie die Toten ruhen, Baumeister, machen Sie stattdessen eine Reportage, wie phantastisch es trotz allem in den fünf neuen Bundesländern aufwärts geht.

Clara machte die Badezimmertür auf und fragte: »Wir hatten etwas miteinander, Baumeister. Kannst du mir sagen, ob wir immer noch etwas miteinander haben?«

»Ich weiß es nicht. Ich bin zu, ich bin dicht. Ich kann dazu jetzt nichts sagen.«

»Du weichst aus.« Ihr Gesicht war ganz rot.

»Ich weiche nicht aus. Ich habe einfach keine Luft mehr für Probleme aller Art.«

»Lieber Himmel«, schrie sie fast, »wieso weicht ihr Machos immer aus, wenn man Hilfe braucht?«

»Ich bemühe mich, keiner zu sein. Und ich bin auch nicht ihr Machos, ich bin Baumeister. Du kannst auf meine Hilfe rechnen, wenn diese Geschichte den Bach runter ist, wenn die Akte geschlossen wird.«

»Bis dahin bin ich verrückt geworden«, sagte sie leise.

»Bist du nicht. Vielleicht übersiehst du die Tatsache, dass sehr viele Menschen die kleine Welt, in der wir leben, genausogut zu kennen scheinen wie ihre Hosentasche. Tatsächlich kennen sie die kleine Welt aber nicht, gar nicht. Du bist kein Einzelfall, du hast nur sehr schnell begreifen müssen, dass …«

»Du redest wie ein Pfarrer, Baumeister.«

»Stimmt, entschuldige. Ich kann jetzt nicht helfen, ich muss arbeiten.«

»Schreibst du diese Geschichte?«

»Das kann ich noch nicht. Ich denke, wir erleben jetzt den Endspurt!«

»Kann ich dabei sein?«

»Nein, kommt nicht in Frage, ist zu gefährlich.«

»War es eigentlich Lippelt, der uns im Auto beschossen hat?«

»Das kann sein. Aber der ist tot, er kann uns keine Auskunft mehr geben. Und es gab mindestens zwei von diesen Yamaha Genesis. Mich würde nicht wundern, wenn es sogar drei oder vier gibt!«

»Was machst du jetzt?«

»Nachdenken, ausruhen, etwas essen, gammeln. Eigentlich habe ich die Nase voll, eigentlich will ich den Fall gar nicht mehr.«

»Und was mache ich?«

»Du wirst dich ausruhen, dir einen neuen Job suchen, Erfahrungen mit dir selbst machen, etwas Neues zimmern. Denke ich.«

»Was ist mit uns, Baumeister?«

»Freunde, wir sind auf jeden Fall gute Freunde. Du kannst herkommen und dir die Eifelsonne auf den Bauch scheinen lassen oder im Winter vor dem Kamin hocken.«

»Was ist mit uns, habe ich gefragt?«

»Ich weiß es nicht, Clara, ich weiß es wirklich nicht.«

Sie nickte, drehte sich herum, ging den Flur entlang und hielt den Kopf gesenkt. Mir war sehr elend zumute.

Ich ging zu Anni. Ich fragte: »Sag mal, wenn wir diesen Bauernhof erben, dann kann dort ein anderer so lange nicht glücklich arbeiten, wie er von uns weiß, oder?«

»Richtig, mein Junge. Wir blockieren ihn mit diesen verdammten Erbscheinen.«

»Was schlägst du vor?«

»Na ja, ich dachte, wir fahren mal hin, sehen uns das an, sehen uns vor allem die Leute an, die dort arbeiten. Und wenn sie uns gefallen, schenken wir ihnen den ganzen Quatsch. Wir könnten ja auch darum bitten, dass sie uns ein Zimmer einrichten. Zum Ferienmachen, oder so.«

»Und wenn die Leute uns nicht gefallen?«

»Dann schenken wir ihnen das Ding trotzdem und verzichten auf die Zimmer.« Sie grinste wie ein gutmütiger Drache.

»Du bist ein wahres Schätzchen.«

»Nein, ich bin eine alte Frau mit Rheuma, Gicht und Ischias und vielen kleinen Wehwehchen.«

»Weißt du eigentlich genau, warum mein Vater dich nicht geheiratet hat?«

Sie war eine Weile wie erstarrt. »Genau weiß ich es nicht. Ich nehme aber an, ich war eine viel zu bequeme Frau.«

Ich ging in den Garten und legte mich unter die große Birke, die ich genau vor acht Jahren als ganz kleinen Strauch am Nürburgring ausgegraben hatte. Sie war längst über das Dach hinausgewachsen und rauschte jetzt sanft im Westwind. Krümel kam angesprungen, setzte sich auf meinen Bauch und schnurrte. Das war so meine kleine Welt, und es war mir schnurzegal, ob jemand sie spießbürgerlich oder miefig nannte.

Meine Ruhe währte nur fünf Minuten, dann kam Anni um die Ecke, in der rechten Hand ein mächtiges Stück Schinkenspeck. Sie sagte: »Da will dich jemand am Telefon.« Und mit einem Blick auf den Schinkenspeck: »Das gehört unbedingt zu frischen Bohnen.«

Es war eine Frauenstimme, die kühl sagte: »Moment, ich verbinde.« Dann war Müller da. »Ich denke, es ist das Beste, wenn wir Sven Sauter im Morgengrauen an die frische Luft setzen. Er wird entgegen jeder Regel um Punkt sechs Uhr aus dem Rheinbacher Gefängnis kommen. Dort haben wir ihn nämlich aus Sicherheitsgründen verhört. Soweit ich herausfinden kann, hat er keinerlei erkennbare Probleme, und er scheint auch genau zu wissen, wohin er gehen will. Er sagt, er wollte nichts als ein Taxi. Den Umständen nach wird er zunächst in seine Wohnung nach Leverkusen fahren, um dort etwas frische Wäsche zu holen. Aber er braucht auch Geld, denn er hat keins mehr bei sich. Da er aber über eine Euro-Card verfügt, kann er sich Geld an jedem Automaten ziehen. Selbstverständlich haben wir ihm angeboten, irgendjemanden über seine Entlassung zu informieren. Wir haben gesagt, er kann anrufen, wen er will. Er hat sogar ein eigenes Telefon in seinem Zimmer. Aber: Er benutzt es nicht. Das deutet darauf hin, dass er nicht will, dass jemand davon erfährt.«

»Wie viele Leute setzen Sie selbst auf ihn an?«

»Vier Gruppen. Eine vor ihm, eine hinter ihm, eine in ständiger Rufweite zum Eingreifen. Die vierte Gruppe wird im Hintergrund bleiben. Meine Leute werden jeden persönlichen Kontakt vermeiden.«

»Glauben Sie, dass er seinen eigenen Wagen benutzen wird?«, fragte ich.

»Er ist ein Schlitzohr. Er wird zunächst so tun, als nehme er den eigenen Wagen. Aber er wird darauf verzichten, weil er genau weiß, dass damit seine Identifizierung leichter wird. Aber was er unternimmt, wissen wir nicht.«

»Glauben Sie an andere Beschattergruppen?«

Er lachte. »Das kann sein. In Rheinbach ist ein Auto des BND gesichtet worden.«

»Wie komme ich im Zweifelsfall an Sie heran?«

»Über den Bereitschaftsdienst hier in Meckenheim. Sagen Sie Herbstrose.«

»Ist das Ihr Deckname?«

»Nein, das ist der Code für diese Operation. Hübsch, nicht wahr?«

»Ihr Geheimen seid verrückt. Drücken Sie mir die Daumen.«

Dann rief ich Sauters Frau an. »Ich will wissen, ob Ihr Mann ein Draufgängertyp ist.«

Sie zögerte. »Das kommt darauf an. Wenn es wichtig ist, wird er direkt losgehen, keine Umwege machen. Aber es kommt eben drauf an.«

»Nehmen wir an: Er muss etwas wissen, weil es für seine Existenz wichtig ist. Nehmen wir weiter an, dass nur ein Mann ihm seine Antwort geben kann. Wird er direkt zu diesem Mann fahren? Oder wird er versuchen, sich mit ihm irgendwo zu treffen?«

»Normalerweise wird er direkt hingehen. Aber was ist denn los?«

»Das würde jetzt zu lange dauern. Nehmen wir an, er traut diesem Mann nicht. Wird er dann auch hingehen?«

»Nein, dann wird er versuchen, ein Treffen zu arrangieren.«

»Danke.« Ich rief Müller an. »Noch ein wichtiger Hinweis fiel mir ein. Lassen Sie bitte sofort Dr. Bleibe in Chemnitz und Dr. Kanter in Düsseldorf überwachen.«

Er kicherte. »Sehr gut, mein Lieber. Aber das tun wir bereits. Sie meinen, Sauter wird versuchen, sich mit denen zu treffen?«

»Er wird es nicht versuchen. Er muss es, um zu überleben.«

»Kann ich sonst noch etwas tun?«

»Ja. Aber ich wage kaum, darum zu bitten. Könnten Sie das Frettchen nicht mit irgendeiner Begründung freilassen?«

Er schwieg einen Moment. »Der Mann heißt Hanswalter Jendra. Nein, kann ich nicht. Sie meinen, um herauszufinden, wer den Auftrag gab, Günther Schulzes Frau zu töten?«

»Nein, um herauszufinden, wer den Auftrag geben wird, Sven Sauter zu erschießen.«

»Sie meinen, das wird geschehen?«

»Ja. Unter allen Umständen. Dieses Frettchen, dieser Jendra, war der offiziell Mitglied einer Gruppe?«

»Ja, er gehörte zu den Leibwächtern von Bleibe in Chemnitz. Und nach dem wenigen, was er sagt, ist die Truppe ungefähr acht Leute stark gewesen. Zuweilen hätten sie sogar für Kanter gearbeitet. Vorher für die Stasi. Aber alles legal.« Er lachte.

»Das reicht mir. Ich melde mich.«

»Hoffentlich«, murmelte er, »hoffentlich.«

Ich stellte mir vor, wie es ablaufen könnte: Da kommt Sauter aus Rheinbach, setzt sich in ein Taxi und lässt sich nach Leverkusen fahren. Unterwegs wird er halten, an irgendeinen Geldautomaten gehen. Dann weiterfahren zu seiner Wohnung. Das Taxi warten lassen? Wahrscheinlich nicht. Er wird in seiner Wohnung verschwinden. Um zu telefonieren? Um ein paar Socken, Unterhosen und Hemden einzupacken? Wahrscheinlich.

Ich würde in meinem Wagen warten. Mit mir sicherlich zwei oder drei Wagen des Bundeskriminalamtes, wahrscheinlich auch zwei oder drei Wagen mit Fahndern des Bundesnachrichtendienstes. Zu allem Überfluss wahrscheinlich irgendwelche Leute vom Verfassungsschutz, die sich spätestens jetzt in die Geschichte einklinken. Also eine Karawane von sechs bis acht Fahrzeugen, auf Sven Sauters Spur. Das war nicht mein Weg.

Ich hatte nur den Namen Marga. Es blieb mir nichts anderes übrig, als hundert Prozent auf diese unbekannte Marga zu setzen.

Anni kam herein. »Lass uns essen. Wann musst du weg?«

»Ich fahre bald. Ich muss mich einrichten.«

»Was meinst du damit?«

»Ich muss mich dort, wo ich Sven Sauter zu finden hoffe, erst mal umsehen.«

»Clara! Komm essen, Kind. Du fällst mir sonst vom Fleisch.«

»Ich habe keinen Hunger«, kam es von oben.

»Du kommst jetzt essen. Keine Widerrede!«

Wir aßen schweigend, weil Clara feindselig war, weil Anni sich nichts draus machte, und weil ich überlegte, wie viel Zeit ich brauchen würde, das Gelände zu erkunden.

»Ist der neue Wagen da?«

Anni nickte. »Er steht in der Garage. Der Mann, der ihn abgeliefert hat, sagte, er sei voll getankt. Und du sollst irgendwie, na ja, du sollst die ersten tausend Kilometer nicht gar so schnell fahren, oder irgendetwas in der Art. Der Wagen ist rot.«

»Sagtest du rot?« fragte ich ungläubig. »Ich will keinen roten! Ich will einen smaragdgrünen!«

»Aber der Verkäufer sagt, er hat keinen.«

»Na, macht auch nichts.«

Clara brach ihr Schweigen. »Wohin geht denn die Reise?«

»Wenn ich Glück habe, treffe ich Sauter.«

»Wieso? Weiß er nicht, dass du kommst?«

»Nun frag doch nicht immer, Mädchen«, mahnte Anni. »Halt dich besser raus.«

»Ich gehe morgen nach Düsseldorf«, sagte Clara trotzig.

»Dann tu das«, meinte Anni unnatürlich sanft. Sie hatten sich nicht gerade zum Fressen gern.

Die Sonne war ein großer roter Ball, und über den Hügeln oben am Sportplatz jubelten noch die Lerchen. Ich dachte daran, dass es gut sein würde, Margas ›Waldeslust‹ bei vollem Betrieb zu erleben. Also flüsterte ich Anni zu: »Ich haue ab«, und verzog mich, nachdem ich zwei Wolldecken in den neuen Wagen geworfen hatte.

Ich fuhr über Ahütte und Adenau in das Ahrtal hinein und ließ mich langsam talwärts treiben, bis ich hinter Altenahr quer über die Kalenborner Höhe auf Bonn zufahren konnte. Es war ein wunderbarer warmer Abend, und vor den meisten Kneipen hockten die Menschen auf der Straße und tranken friedlich ihr Bier.

Südlich von Troisdorf nahm ich die 56 und fuhr über Neunkirchen und Seeischeid nach Much und zur Drabender Höhe. Dann ging es scharf rechts nach Marienberghausen und Hefterath. Dann ein Schild: ›Waldeslust‹. Darunter stand ›Kneipe und Restaurant‹. Mir waren die letzten zehn Kilometer nicht mehr viele Autos begegnet. Umso erstaunter war ich, als ich sah, dass der sehr große Parkplatz vor dem Haus absolut voll war. Ich zählte die Wagen. Es waren sechsundfünfzig, die weitaus meisten mit Bonner und Siegburger Kennzeichen. Es war ein altes Haus, und vermutlich hatten einmal Waldbauern darin gewohnt. Möglicherweise war es auch ein Forsthaus gewesen, über dem Eingang hing jedenfalls das obligate Hirschgeweih. Mit viel Sinn für das Althergebrachte hatte man das Haus renoviert und dabei nicht allzusehr verschandelt. Rechts neben dem Eingang war der Kasten mit der Speisekarte. Bei Marga kostete das Wiener Schnitzel mit Pommes frites nicht mehr als vierzehn Mark, aber wer isst schon Wiener Schnitzel? Auf dem Fuß der Speisekarte stand in winzigen Buchstaben: ›Inhaber: Marga Heimeran‹.

Also auf in den Kampf.

Die Kneipe war groß, die Beleuchtung kam aus sehr intim wirkenden, bis fast auf die Tische heruntergezogenen flachen Keramiklampen. Der Laden dieser Marga war randvoll, und das Gewirr der Stimmen wirkte anregend und fröhlich.

Es fiel sofort auf, dass die Bedienung ausschließlich aus hübschen jungen Frauen bestand, die in sehr züchtig wirkenden, hochgeschlossenen Kleidern steckten. Sie rannten lächelnd mit vollen Tabletts durch die Tischreihen, sie schufteten richtig.

Ich suchte nach Marga und fand sie hinter der voll besetzten Bar an der Kasse. Zumindest tippte ich darauf, dass nur diese Frau Marga sein konnte. Sie war groß und schlank und trug ein enges, golden glitzerndes Kleid, das bis unters Kinn geschlossen war. Ihre fast weißblonden Haare waren hochgetürmt, ihr Gesicht schmal, ein wenig kantig und sicherlich schön zu nennen. Ihre Augen waren hart wie Kieselsteine, aber groß und blau.

Ich ging an die Bar und fragte der Einfachheit halber direkt in ihr Gesicht: »Sind Sie Marga?«

Sie lächelte, nickte und fragte: »Wieso?«

»Weil mir gesagt wurde, Ihr Laden hier sei klasse.«

»Ist er klasse?«

»Das will ich herausfinden«, sagte ich. »Ich hätte gern einen Kaffee.«

»Marschiert schon«, sagte sie und hatte sofort das Interesse an mir verloren. Sie wandte sich einer Gruppe von drei äußerst eleganten jungen Männern zu, die Goldkettchen und Rolex am Handgelenk trugen und sich laut dreckige Witze erzählten. Es geht eben nichts über eine solide berufliche Ausbildung.

Ich bekam meinen Kaffee von einer wesentlich unattraktiveren pummeligen Rotblonden, die affektiert: »Bitte, Sir« sagte.

Ich suchte eine Treppe in das Obergeschoss, sah aber keine. Ich machte einen Ausflug auf die Toiletten. An denen ist immer erkennbar, wie gut ein Restaurant geführt wird. Marga führte ein gutes Haus. Auch auf dem Weg zu den Toiletten sah ich keine Treppe nach oben. Auf einer schmalen Tür stand ›Privat‹. Möglicherweise war das der Weg in das Obergeschoss.

Ich ging zurück, trank meinen Kaffee aus, zahlte und ging hinaus. Ich umrundete das Haus zweimal und prägte mir die Lage der Fenster genau ein. Es musste nach diesen Fenstern zu schließen in einem Raum hinter der Bar eine Treppe nach oben geben.

Ich ging wieder hinein und bat eine Bedienerin um einen Platz an einem Tisch. »Ich möchte essen«, sagte ich.

Sie sah sich um, ging dann auf ein älteres Ehepaar zu, das an einem Vierertisch saß, und sprach leise mit ihnen. Dann sagte sie: »Sie können bei den Herrschaften Platz nehmen.«

»Danke sehr«, sagte ich und setzte mich.

Der Mann lächelte mir freundlich zu. »Wir essen hier oft, es ist prima hier. Mein Sohn und seine Familie kommen auch immer.«

»Unser Sohn ist Regierungsrat in Bonn«, sagte die silberhaarige Dame und lächelte leicht. »Er hat einen schweren Beruf, und er braucht so ein Lokal, in dem man gut und diskret essen kann.«

»Das glaube ich«, sagte ich und versuchte auch zu lächeln. Die Bedienerin legte eine in Leder gebundene Karte vor mich hin.

Ich schlug sie nicht auf, ich sagte: »Ich hätte gern ein Schweinesteak, rosa. Mit grünem Pfeffer und frischer Ananas.«

»Selbstverständlich. Und vorher einen Drink?«

»Kaffee.«

Die silberhaarige Dame sagte immer noch lächelnd: »Man erkennt gleich, wer etwas vom Essen versteht.«

Ich lächelte ihr zu, und ihr Mann sagte: »Mein Sohn sagt immer, er würde die wirklich Gebildeten an dem erkennen, was sie essen.«

»Ihr Sohn hat sicherlich Recht«, meinte ich freundlich.

»Mein Sohn«, sagte die silberhaarige Dame, »ist der Meinung, dass nur der in der Welt herumgekommen ist, der Fleisch grundsätzlich mit Früchten isst. Wenn es Ananas ist, liebt er frischen Geschmack, wenn es Avocados sind, mag er lieber Herbes und Wild. Mein Sohn sagt …«

»Entschuldigen Sie«, sagte ich, »aber dürfte ich um Pfeffer und Salz bitten?« Wahrscheinlich arbeitete ihr Sohn im Ernährungsministerium. Gibt es so etwas?

Der ältere Mann reichte mir das Set. Ich schüttete ein wenig Salz auf die Hand und leckte daran. »Meersalz«, sagte ich. »Wer etwas vom Essen versteht, nimmt grundsätzlich Meersalz.«

»Köstlich«, sagte der Mann, »wirklich köstlich.«

»Amüsant!«, pflichtete ihm die Frau bei.

»Notfalls kann ich ein Eifelschwein von Hunsrückschweinen unterscheiden«, sagte ich.

»Wie machen Sie denn das?«, fragte der Herr verblüfft.

»Ich schaue nach den Stempeln auf ihren Arschbacken«, sagte ich mit ernster Miene.

Er hatte plötzlich das Gesicht eines Karpfens und prustete dann los. »Köstlich. Meine Liebe, hast du das gehört? Das erzähle ich meinem Sohn.« Er war mit Sicherheit der Typ, dem ich auch eine runterhauen konnte und der sich trotzdem dafür entschuldigen würde, dass er mir zu nahe gekommen war. So ergab ich mich in mein Schicksal und ließ ihr freundliches Geplapper über mich ergehen, bis ich fertig war.

Dann zahlte ich und behauptete, meine Frau warte auf mich. Ich fand Margas Laden wirklich gut, aber ich floh und wartete auf dem Parkplatz, bis die beiden herauskamen und ging dann wieder hinein, wieder an die Bar. Soweit ich mich erinnere, trank ich dann das sechste Kännchen Kaffee.

Ich beobachtete Marga, registrierte genau, dass sie keine unnötige Bewegung machte, immer genau wusste, wo welche Flasche mit welchem Inhalt stand. Und wie sie unermüdlich mit den Männern flirtete.

Es wurde Mitternacht, es wurde ein Uhr, es wurde halb zwei. Der Raum mit den Tischen hatte sich geleert, er wurde abgedunkelt. Irgend jemand drehte an vielen Schaltern, und draußen vor dem Haus gingen alle Lichter aus. Marga sagte abrupt: »Jungens, ihr wisst gar nicht, wie sehr ich diese verdammten Spießer hasse.« Dann lachte sie explosiv und setzte hinzu: »Aber ich liebe ihr Geld, mein Gott, ich finde ihren Zaster richtig geil.«

Sie lachten alle mit ihr.

Ein Mann sagte: »Kannst du die Mäuse nicht tanzen lassen?«, und sie schaute in die Runde und fragte: »Wollt ihr?« Sie grölten alle begeistert, und Marga sagte etwas in ein Telefon, das hinter ihr zwischen den Flaschen stand. Wenig später kamen die Mädchen, die vorher bedient hatten, kichernd in den Raum. Sie trugen Bademäntel. Einer von den Männern sagte: »Blues!«, und sie warfen die Bademäntel ab. Marga schob eine CD in den Apparat. Die Mädchen tanzten fast nackt, und sie tanzten sehr gut. Es wurde richtig gemütlich.

Ich bezahlte artig, verabschiedete mich und ging hinaus. Ich fuhr den Wagen zweihundert Meter weiter auf die Straße in Richtung Hefterath und parkte zwischen dichten Bäumen. Ich wartete geduldig, bis alle Lichter ausgingen. Es war vier Uhr.

Ich versuchte zu schlafen. Ich döste, aber schlief nicht. Um sechs Uhr, als die Sonne schon spürbar wurde, fuhren drei weitere Wagen vom Parkplatz der Waldeslust weg. Wahrscheinlich waren es die letzten und besten Gäste dieser Nacht.

Um diese Zeit etwa verließ Sven Sauter das Gefängnisgebäude in Rheinbach. Ich hatte ausgerechnet, dass er eine Stunde bis Leverkusen brauchen, dann etwa eine halbe Stunde in der Wohnung verbringen würde, und weitere anderthalb Stunden benötigte, um hierher zu kommen. Das bedeutete, dass er um halb zehn ankommen konnte. Vorausgesetzt, er hatte überhaupt vor hierherzukommen.

Um neun Uhr fuhr ich in den Ort und kaufte mir vier Rosinenbrötchen. Dann rief ich Müller in Meckenheim an, und schon bei seinem ersten Wort wusste ich, dass etwas grundsätzlich schief gelaufen war.

»Gott sei Dank, dass Sie anrufen. Wo sind Sie denn?«

»Auf Sauters Spuren.«

»Aha«, das klang fast triumphierend, »Sie haben ihn also auch verloren?«

»Nein, nein, durchaus nicht. Ich habe mich erst gar nicht an ihn rangehängt. Was ist passiert?«

»Wir haben ihn wie besprochen um sechs Uhr rausgelassen. Er ist dann in sein Taxi gestiegen und schnurstracks zum nächsten Geldautomaten gefahren. Dann zu seiner Wohnung in Leverkusen. Er hat, und das ist sehr seltsam, mit niemandem telefoniert, er hat das Telefon nicht einmal angerührt. Das war ungefähr um sieben Uhr. Vor einer Stunde sind meine Leute dann unruhig geworden. In der Wohnung lief ein Radio. Eine halbe Stunde später haben sie geschellt und, als sich nichts rührte, die Wohnung gewaltsam geöffnet. Er war verschwunden. Wir wissen noch nicht einmal, wie der das gemacht hat, denn das Haus war auch auf der Rückseite abgesichert. Jedenfalls ist er weg. Und wo sind Sie jetzt?«

»Ich spiele Roulette. Ich bin an einem Punkt, an dem er auftauchen kann, aber nicht notwendigerweise auftauchen muss. Haben Sie Bleibe und Kanter unter Kontrolle?«

»Haben wir. Also raus mit der Sprache, wo sind Sie?«

Ich sagte es ihm, und er dachte eine Weile nach und meinte dann: »Wissen Sie, ich denke, das ist eine Kneipe unter vielen. Sauter hatte sehr viele Lieblingskneipen und eine Menge Lieblingswirtinnen. Melden Sie sich, wenn sich etwas tut?«

»Natürlich.«

Draußen zog ein kleiner Mercedes-Lieferwagen vorbei. Auf der Tür stand ›WALDESLUST‹. Ich rannte zu meinem Auto und fuhr hinter dem Laster her, der es offensichtlich gar nicht eilig hatte. Er schaukelte über Retscheroth und Herrnstein direkt auf Hennef zu. Der Verkehr war schon sehr dicht, und ich konnte ihm folgen, ohne aufzufallen. In Hennef bog der Kleinlaster auf einen Parkplatz ein und hielt. Der Fahrer stieg aus, es war eine Sie – Marga.

Sie ging an die Ladetür, öffnete sie und schloss sie dann wieder. Dann setzte sie sich hinter das Steuer und zündete sich eine Zigarette an. Sie rauchte viel und hastig – etwa eine Stunde lang.

Dann kam ein Taxi mit Kölner Kennzeichen auf den Parkplatz. Der Mann neben dem Fahrer war Sven Sauter. Er sah genauso aus wie auf dem Porträtfoto im Handbuch des Bundestages. Er trug eine große, prall gefüllte Segeltuchtasche und schlenderte davon. Er schlenderte an Margas Wagen vorbei.

Das Taxi setzte sich in Bewegung, wendete und fuhr davon. Sauter drehte sich um, kam zu Margas kleinem Lastwagen, öffnete die hintere Ladetür, warf die Tasche hinein und sprang dann schnell hinterher. Er schloss die Tür hinter sich. Ich sah, wie Marga befriedigt mit der rechten Hand an das Blech zum Lastwagen schlug. Dann fuhr sie los, den gleichen Weg wieder zurück. Der Fuchs war auf dem Weg zu seinem Bau.

Ich suchte in Ruhe nach einem Abstellplatz für mein Auto. Es sollte nicht an der Straße stehen, nicht auf einem offiziellen Parkplatz. Ich suchte eine unlogische Stelle. Ich fand eine, ungefähr zweihundert Meter von der ›Waldeslust‹ entfernt, zwischen einer Schonung und einem Hochwald auf einem gut befestigten Weg.

An der Tür hing ein Schild ›Heute Ruhetag‹, es gab keine Klingel, die Tür war verschlossen. Ich klopfte an die Glasscheibe, nichts rührte sich. Dann setzte ich mich auf die Stufe vor der Tür und klopfte pro Minute einmal kräftig an die Scheibe. Man hat ja schließlich gelernt, den Leuten auf die Nerven zu fallen.

Nach dem zwölften Versuch öffnete ein Mann die Tür und starrte vorwurfsvoll auf mich herunter. Er war vielleicht dreißig Jahre alt, und er sah aus, als habe er sich bisher im Wesentlichen durch freiberufliches Prügeln ernährt.

»Hören Sie zu«, sagte er mit einer sehr heiseren Stimme, »Sie sehen doch, dass wir Ruhetag haben. Heute läuft hier nichts. Falls Sie es ohne nicht aushalten können, schenke ich Ihnen gern eine Flasche Bier. Aber dann muss Ruhe sein.«

Ich stand auf und sagte freundlich: »Geben Sie bitte Herrn Sauter meine Visitenkarte und sagen Sie ihm, ich möchte ihn sprechen. Erzählen Sie mir nicht, dass er nicht im Hause ist. Das weiß ich besser, ich habe ihn schließlich in eurem Laster hierherfahren sehen. Sagen Sie ihm einen schönen Gruß von seiner Ehefrau und den Kindern. Sagen Sie ihm auch, dass ich das Meiste ohnehin schon weiß. Sagen Sie ihm, er hätte nur noch eine knappe Chance, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.«

»Und was ist, wenn er nicht will?«, fragte er einfach.

»Dann bleibe ich hier hocken, bis die Bullen kommen. Die kommen nämlich todsicher.«

»Ach du Scheiße!«, sagte er heftig und verschwand im Haus. Es dauerte gute zehn Minuten, ehe die Tür sich wieder öffnete und Marga erschien. Sie sagte wütend: »Als ich Sie gestern abend sah, wusste ich, dass Sie nicht sauber sind.«

»Aha«, meinte ich trocken.

Sie war hübsch, wenngleich sie in der vergangenen Nacht keine Minute geschlafen haben konnte.

»Was wollen Sie eigentlich von Herrn Sauter? Er hält sich hier privat auf. Und was heißt das: Grüße von seiner Frau und den Kindern? Sven ist längst geschieden. Was wollen Sie von ihm?«

»Mit ihm reden«, sagte ich.

»Ja, ja«, sagte sie zornig. »Aber bitte, über was denn? Er kennt Sie nicht mal. Wollen Sie ihm vielleicht eine Versicherung andrehen?«

Der Gedanke erheiterte mich. Ich murmelte: »Die könnte er möglicherweise im Moment gut gebrauchen. Wenn er mir eine Minute zuhört, wird er mit mir sprechen wollen.«

»Schön, dann sagen Sie mir, um was es gehen soll. Das sage ich ihm, und er kann entscheiden.«

»Sagen Sie ihm, es geht um fünf Leichen. Die erste hieß Volker, die zweite war Sahmer, sagen Sie ihm nur das.«

»Fünf Leichen?« Sie war sichtbar erschrocken. Sie wiederholte: »Fünf Leichen. Und das ist alles?«

»Das ist alles.«

Sie ging hinein und schloss die Tür wieder ab.

Da hockte ich nun schwitzend in der Sonne und wusste nicht einmal, ob ich überhaupt fünf Minuten Zeit haben würde, um mit Sauter zu sprechen. Die Frage war einfach. Welche Verfolgergruppe würde die erste sein? Die Polizei oder die Freunde mit den bösen Absichten?

Die Tür wurde erneut aufgeschlossen. Der Mann, der zuerst geöffnet hatte, sagte: »Also, komm rein.« Er ließ mich vorbei.

Im Restaurant brannten nur die kleinen Lampen über der Bar. Es war nach der grellen Sonne fast stockdunkel. Hinter der Bar hockten drei Männer und tranken Kaffee.

Der Mann hinter mir knurrte: »Du gehst durch die Tür, auf der ›Privat‹ steht, und dann nach oben. Aber keine Fisimatenten, sonst bist du ganz schnell krank.«

»Schon gut.« Ich sah mir die Gesichter der Männer ganz genau an, um sie nicht zu vergessen. Sie hatten sehr harte, ausdruckslose Gesichter, und sicher waren sie allesamt hervorragende Rausschmeißer.

Hinter der Tür führte tatsächlich eine Holztreppe nach oben. An ihrem Ende war ein langer Flur. Links an einer offenen Tür stand Marga. Sie sagte: »Hier geht es lang. Ich bleibe dabei, damit eine Zeugin da ist.«

»Ist mir recht«, sagte ich.

Das Zimmer war erstaunlich groß, geräumig und hübsch möbliert. Sauter saß in einem kleinen Sessel an einem niedrigen Tisch und hatte ein Kännchen Kaffee vor sich stehen.

»Nehmen Sie Platz«, sagte er zittrig. Er war ein großer schlanker Mann, er war der Typ silberhaariger Macho, der so gut ankommt. Er war unter einer gesunden Bräune sehr blass, und seine Kiefer mahlten unentwegt. Er war aufgeregt, und er zeigte Furcht. Seine Hände zitterten, als er sich eine Zigarette ansteckte.

Marga nahm in dem Sessel neben ihm Platz, ich setzte mich gegenüber auf ein kleines Zweiersofa.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er geschäftsmäßig.

Ich zog die Lederweste aus und stopfte mir eine Pfeife. Ich sagte: »Das wissen Sie doch längst. Auskunft geben.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel. Aber wieso soll ich Auskunft geben? Über was, über wen? Und fünf Leichen? Ist das nicht ein bisschen wild?«

»Es ist verdammt wild«, bestätigte ich. »Der Kriminalrat Müller vom BKA hat Sie aus seinem Schutz entlassen. Heute morgen um sechs. Ich weiß nicht, wie Sie Ihren Beschattern entwischen konnten, aber Sie haben es geschafft. Ich gehörte nicht zu Ihren Beschattern, ich habe seit gestern abend hier auf Sie gewartet.«

Das wusste er schon, er warf einen schnellen Blick auf Marga. »Na schön, nehmen wir mal an, dass das stimmt. Mit welchem Recht fordern Sie Auskunft von mir?«

»Ich bin Journalist. Nicht die Sorte, vor der Sie Angst haben müssen. Ich bin durch einen merkwürdigen Zufall in die Geschichte hineingeraten. Ich bin der Mann, der den toten Volker in der Eifel fand.«

Er leckte sich über die Lippen. »Wieso sind Sie darauf gekommen, ausgerechnet hier auf mich zu warten?«

»Ich war bei Ihrer geschiedenen Frau. Ich habe sie gefragt, wo Sie sich verstecken werden, wenn Sie sich verstecken müssen. Sie sagte: ›Bei Marga!‹ Die beiden mögen sich, sagte sie. Hier bin ich also.«

»So was!«, sagte Marga, und sie klang ehrlich verblüfft.

»Nun gut. Und was soll ich Ihnen erzählen?« Er leckte sich beständig über die Lippen.

»Sauter, machen Sie es sich nicht so schwer.« Ich wurde langsam wütend. »Sehen Sie: Hinter Ihnen sind das BKA und der BND her. Aber außerdem sind Ihre Freunde hinter Ihnen her. Ich erwähne nur Dr. Bleibe in Chemnitz und Dr. Kanter in Düsseldorf. Sie haben nicht mehr viel Zeit, denn Müllers Leute wissen schon, wo ich stecke. Der BND und das BKA können nur versuchen, Sie abzuschirmen. Verhaften wird Sie kein Mensch. Aber die Leute um Bleibe und Kanter, besser gesagt, die alten Freunde, werden nicht damit einverstanden sein, Sie am Leben zu lassen. Deshalb sind Sie doch auch hierhergekommen, oder? Und ist es nicht auch eine Überlegung wert, dass auch die Leute vom BND sich möglicherweise heftig nach Ihrem Ableben sehnen?«

»Mal ehrlich: Wie viel wissen Sie?« Er setzte sich sehr aufrecht hin.

»Das kommt auf den Standpunkt an. Von Ihrem Standpunkt aus weiß ich wenig oder nichts. Aber von meinem Standpunkt aus weiß ich eine ganze Menge. Sie müssen sich auch nicht damit aufhalten, mir die langweilige Geschichte des Wirtschaftsspionagerings zu erzählen, der direkt unter Kanters Augen operiert hat. Ich spreche von Vera Grenzow, Jürgen Sahmer, Günther Schulze. Volker aus Chemnitz hat sie geführt. Das alles ist eine lahmarschige, betuliche, richtig deutsche Spionagerie, und es ist nur ein Viertel der Geschichte. Ich will die anderen drei Viertel.«

»Und was machen Sie damit?«

»Sie aufschreiben, was sonst?«

»Wie geht es meiner Frau und den Kindern?«

»Gut, ausgesprochen gut.«

»Und wenn ich nichts erzählen will?« Seine Backenmuskeln waren weiß und verkrampft.

»Ich kann ungefähr sagen, was dann passieren wird, Müller versucht lediglich, Sie zu schützen. Für ihn sind Sie aber vor allem ein Köder. Was der BND unternehmen wird, wissen wir noch nicht. Aber wir wissen eines: Sie können möglicherweise heil aus diesem Haus herauskommen. Aber nur, um sich woanders schleunigst zu verkriechen. Das hat etwas damit zu tun, dass Sie selbst nicht genau wissen können, wie Ihre Mörder aussehen, nicht wahr?«

»Das ist alles so unwirklich«, murmelte er.

»Stoßseufzer nutzen nichts«, sagte ich schnell.

»Das sind alte Stasi-Seilschaften«, sagte er.

»Da bin ich gar nicht so sicher«, widersprach ich. »Es wimmelt auch von Demokraten, die Sie abschießen wollen.«

Er lächelte schmal. »Gut ausgedrückt. Mir geht es beschissen, ich bin ausgepowert.«

»Marga, machen Sie ihm einen leichten schwarzen Tee. Lassen Sie den zehn Minuten ziehen. Ist es nicht besser, Sie legen sich auf das Bett?«

Er nickte langsam, stand auf, ging zu dem Bett, legte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme unter dem Kopf. Er schloss die Augen. »Haben Sie so etwas wie ein Tonbandgerät?«

»Mag ich nicht, ich frage, wenn etwas unklar ist.«

Jetzt ging Marga hinaus, sie rief nach irgendjemandem, dann wurde geflüstert, und sie kam wieder herein und setzte sich. Sie wirkte plötzlich sehr weich. Sie erklärte: »Wenn es dir peinlich ist, dass ich hier bin, musst du es nur sagen.«

»Nein«, sagte er erschöpft. »Bleib nur. Du hast ja ein Recht. Mit was fangen wir eigentlich an?«

»Mit diesen schrecklichen Morden«, sagte ich. »Wieso traf es Volker? Warum war er überhaupt in der Eifel?«

»Dieser kleine Ring arbeitete sehr effizient«, meinte er. »Und plötzlich fiel die Mauer, die Wiedervereinigung war da. Ich hatte erwartet, dass Grenzow, Sahmer und Schulze einfach ihren Tagesjob weitermachen würden, ohne weiterhin wichtige Wirtschaftsdaten zu sammeln. Aber sie sammelten weiter, als sei nichts geschehen. Anfänglich war nicht zu erkennen, warum das so war, aber dann stellte sich heraus, dass eine bestimmte japanische Gruppe sie komplett übernehmen wollte. Gegen ganz erhebliche Honorare. Volker muss davon Wind bekommen haben. Er fing an, wie ein Verrückter mit der Grenzow, Sahmer und Schulze zu telefonieren. Er sagte dauernd: ›Hört auf! Hört endlich auf!‹«

»Moment, woher wissen Sie das eigentlich?«

»Aus Mitschnitten der Telefonate«, seufzte er gegen die Zimmerdecke. »Volker hatte einfach Angst, dass seine Vergangenheit als Steuermann in der Spionage dazu führen würde, ihn fristlos zu feuern. Er hörte nicht auf, die Gruppe anzurufen, sogar privat, zu Hause. Da fassten sie den Plan, Volker in die Eifel zu locken.«

»Moment, wer fasste den Plan?«

»Vera, sie war am geldgierigsten. Sie sagte: ›Wir müssen Volker ausschalten.‹ Also rief sie ihn zu einer Besprechung. Volker kam. Und weil er Vera immer schon verehrte und heimlich liebte, tappte er wie ein wahnwitziger Idiot in die Falle. Sie ging sogar soweit, mit ihm zu schlafen, bevor sie ihn umbrachte. Wirklich krank.«

»Die Grenzow hat ihn erschossen? Mit dem Plastik? Woher hatte sie das?«

»Von ihm, von Volker. Er hatte ihr zur Spielerei bei irgendeinem der vorherigen Treffen eine ganze Schachtel mit dieser Munition gegeben.«

»Und wieso Sahmer?«

»Sahmer und Schulze wollten sich absetzen. Sie waren der Meinung, jetzt erst einmal eine Pause von einem oder anderthalb Jahren würde gut tun. Schulze verschwand als Erster, ohne jede Vorahnung. Er war einfach weg, und das war seine Rettung. Sahmer wartete zu lange, wahrscheinlich fünf Minuten zu lange. Als er mit einem Taxi zur Gütt fuhr, war Vera schon hinter ihm her.«

»Aber wieso um Himmels willen Schulzes Frau? Das ist doch vollkommen hirnrissig.«

Er schüttelte den Kopf. »Durchaus nicht. Sie war gar nicht gemeint, sie war eine Panne. Sie müssen sich einfach den Zustand der Gruppe in Chemnitz vorstellen: Da war nach Volkers Tod das Chaos ausgebrochen. Wir kennen Volkers Gruppe genau. Grenzow, Sahmer und Schulze kannten nur ihn, er war der einzige, den sie von Angesicht zu Angesicht kannten. Aber er hatte zwanzig Leute. Beschatter, Babysitter, Auswerter, Programmspezialisten. Zwanzig Existenzen samt Familien. Und die drehten alle durch. Denn: Wenn Volker in der Eifel ermordet worden war, konnte es ja durchaus sein, dass irgendwelche Abgesandten von hier kamen, um andere Leute aus der Gruppe zu töten? Sie waren in heller Panik. Da nichts so diszipliniert verlief wie in alten Tagen, sind mindestens zehn von ihnen hierher gekommen, um hektisch nach Schulze zu suchen. Heimlich. Bei Selma Schulze werden es also die Todesboten aus der alten DDR gewesen sein.«

»Aber wieso wurde Selma Schulze auch mit dem Plastikmaterial getötet?«

»Wir stellen uns die Sache so vor: Sie schickten Trupps von zwei oder drei Leuten nach Düsseldorf, um systematisch nach Schulze zu suchen. Sie konnten sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass Schulze so ein eiskalter Profi war, dass selbst seine Frau nicht einmal etwas ahnte. Sie brachen also in den Keller ein, kamen hoch in das Erdgeschoss und standen plötzlich vor der Frau. Weil sie nicht riskieren konnten, identifiziert zu werden, schossen sie.«

»Und Harry Lippelt, warum ausgerechnet der? Kannte der den Hintergrund?«

»Nein, vermutlich nicht. Aber das war wieder Vera Grenzow. Sie ist ausgeflippt, verstehen Sie? Richtig verrückt geworden. Sie muss gedacht haben, dass Lippelt für sie eine Bedrohung ist.«

»Und wer hat dann die Grenzow erschossen?«

»Boten aus Chemnitz«, murmelte er. »Boten.«

»Was bitte soll das heißen? Soll ich raten?«

»Wenn ich richtig verstanden habe, dann sind Sie es doch gewesen, der Jendra schachmatt setzte. Jendra hat das erledigt.«

»Das Frettchen also! Wurde er von Dr. Bleibe geschickt?«, fragte ich schnell.

Er drehte sich auf die Seite und stützte seinen Kopf in die Handfläche. »Das mag schon sein«, sagte er plötzlich ruhiger. »Aber beweisen Sie das mal.«

Jemand klopfte an die Tür. Einer der Männer kam schweigend mit einem Tablett herein und stellte es auf dem Tischchen ab. Er ging sofort wieder. Marga stand auf und goss Sauter eine Tasse voll Tee, tat Zucker hinein, rührte um und brachte sie ihm dann. »Mach langsam«, sagte sie zärtlich.

»Na ja«, sagte ich, »Bleibe war der größte Nutznießer der Erkenntnisse, die der kleine Ring lieferte. Also muss der Mörder von Bleibe geschickt worden sein.«

Er starrte irgendwohin, dabei neigte sich die Tasse in seiner Hand, und etwas Tee floss auf die Decke. Er zuckte zusammen. »Sie haben etwas immer noch nicht verstanden, Baumeister«, sagte er fast freundlich. »Der Spionagering war eine Erfindung des Dr. Helmut Kanter.«

»Wie bitte? Wollen Sie etwa sagen, dass …«

»Richtig.« Er nickte. »Kanter hat sich die Truppe ins Haus geholt. Gezielt. Es war eine brillante Idee.«