8. Kapitel
Journalisten kennen das: Ob der Täter zum Ort seiner Tat zurückkommt, wagen wir zu bezweifeln, aber dass Journalisten an den Ort einer Tat zurückkehren, ist notwendiger Alltag. Wir stehen da, schauen uns um und fragen, ob wir etwas übersehen oder vergessen haben.
So fuhr ich nach Ahrdorf, bog in die Straße nach Ahütte ein, parkte und ging denselben Weg, den der Chef von Clara Gütt gegangen war, als er getötet wurde. Wenn man mich heute fragte, warum ich das mitten in der Nacht tat, so wüsste ich selbst keine Antwort.
Die hässlichen Plastikstreifen, mit denen die Kripoleute den Tatort abgegrenzt hatten, lagen herum wie Reste eines fröhlichen Festes. Ich ging bis zu dem Punkt, an dem ich in den Hof mit Clara Gütts Wohnung sehen konnte. Es war zwar Nacht, aber hell genug, um die Szenerie zu erkennen.
Müllers Männer erledigten ihren Job routiniert und sehr geschickt. Aber zweifellos wusste das ganze Dorf Bescheid, denn niemand, schon gar nicht ein Fremder, kann sich dort aufhalten, ohne gesehen zu werden. Ihr Wagen stand schräg gegenüber der Toreinfahrt zu Clara Gütts Innenhof. Ein Mann saß hinter dem Steuer und rauchte gemächlich eine Zigarette. Der zweite Mann stand im Licht einer Telefonzelle auf der Längsseite des Hauses. Es war wahrscheinlich vernünftig, sich direkt in das Licht zu stellen, denn vermutlich wurde er sowieso von allen Nachbarn beäugt.
Es gab einen toten Winkel von der Ahr her. Von dort konnte jemand sehr leicht an das Haus herankommen. Aber wer sollte das versuchen angesichts dieses Aufmarsches von Beamten? Niemand würde so verrückt sein. Außer Baumeister vielleicht …
Ich überlegte, was sich auf diesen wenigen Quadratkilometern Eifel alles zugetragen hatte: Der Mord an dem Mann namens Volker, der Mord an Dr. Jürgen Sahmer. Harry Lippelt war hier rumgekurvt, in Mirbach hatte die Gruppe eine konspirative Zentrale eingerichtet, wie man das im Geheimdienstlatein nannte. Clara Gütt hatte hier gewohnt, kein Zweifel, dass Vera Grenzow das gewusst hatte; wahrscheinlich war sie dort auch schon zu Gast gewesen. Wenige Kilometer entfernt das Jagdhaus des Dr. Helmut Kanter, Chef von Clara, Chef von Vera Grenzow, Günther Schulze, Jürgen Sahmer, dem Geschäftspartner des Chefs vom Frettchen, das ich mattgesetzt hatte, und Schutzpatron des merkwürdigen Abgeordneten Sven Sauter, der seinerseits offenkundig mit allen anderen zu tun gehabt hatte.
Ich hätte in diesen Sekunden einen Hundertmarkschein für ein Telefon gegeben, um Müller tausend Fragen zu stellen. Dann lief ich den Wiesenhang hinunter. Ich überquerte die Dorfstraße im Dunkel hundert Meter unterhalb des Mannes an der Telefonzelle, ging zwischen zwei kleineren Neubauten hindurch, erreichte den Hof eines Bauunternehmers, kletterte über Stein- und Kieshaufen, drückte mich an Kanalröhren aus Beton vorbei und erreichte einen vergammelten, verrosteten Zaun.
Ich schlich in die Wiese hinein, die ungemäht war, und schlug mich nach links. Als ich weit genug gegangen war, wendete ich und steuerte mein Ziel an. Wenn mich meine Nase nicht trog und ich das Haus erreichte, dann musste dort eine Tür sein. Es gab keinen Eifler Bauernhof, der hinten zur hauseigenen Wiese hinaus keine Tür hatte. Wahrscheinlich wurde sie nicht mehr benutzt.
Die Tür war da, aber die findigen Besitzer hatten immer mehr Bretter darüber genagelt, um sie dicht zu bekommen. Ich stand vor einem ziemlich dicken hölzernen Verhau. Normalerweise schlägt man so etwas mit dem stumpfen Kopf einer Axt ein, aber es war sicher jetzt nicht ratsam, einen derartigen Krach zu veranstalten. Ich stemmte mich also ohne große Hoffnung mit der Schulter dagegen und wäre beinahe in einen uralten steinernen Schweinetrog gefallen. Der hölzerne Verhau öffnete und schloss sich so leicht wie eine gut geölte Tür. Ich stand in einem alten Stall. Es roch jedenfalls so, aber sehen konnte ich so gut wie nichts. Ich wartete einige Minuten, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann machte ich einen Holzstapel aus, alte Kisten, verrottete Regale, Drahtrollen, einen alten Trecker, kurz all das, was Bauern, die keine mehr sind, in Ställe, die nicht mehr benutzt werden, hineinpacken. Ich kam nur langsam vorwärts.
Dann stand ich vor einer weiß gekalkten Mauer, die die Begrenzung zum Wohnhaus sein musste. Es gab zwei alte Türen, die beide verschlossen waren. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wie der Eingangsraum unterhalb von Clara Gütts Wohnung ausgehen hatte. Ich konnte mich nicht mehr erinnern und wählte die rechte Tür. Ich suchte lange nach irgendeinem Werkzeug und fand einen alten Maurerspatel und einen verrosteten Schraubenzieher. Ich fummelte an dem Schloss herum, konnte es tatsächlich lockern und den Schraubenzieher zwischen Tür und Zarge klemmen. Dann gab ich leichten Druck. Es rumpelte etwas vorschriftswidrig, weil zu laut, aber ich habe noch nie behauptet, ein guter Einbrecher zu sein.
Ich sah auf die Uhr und bemerkte durch das Flurfenster eine Bewegung auf dem Hof. Wahrscheinlich war das der Kriminalbeamte aus dem Auto. Ich verharrte einfach fünf Minuten in totaler Stille, dann sah ich, wie er langsam wieder aus dem Hof herausging und auf die Straße trat. Er war vielleicht ein phantastischer Kripomann oder Spion oder was auch immer, aber er war ein elender Beobachter.
Ich ging zur Treppe und kroch auf allen vieren hinauf. Dann öffnete ich die Tür zu einem großen Zimmer und schloss sie hinter mir.
Hier waren die Lichtverhältnisse zwar ein wenig besser, aber ich wartete sicherheitshalber einige Minuten, ehe ich mit der Untersuchung begann. Eine Peitschenlampe, deren Schein durch das rechte Fenster fiel, half mir dabei.
Es gibt Sekunden im Leben, in denen man die Augen zusammenkneift und inständig darum bittet, sie vorerst nicht mehr öffnen zu müssen. Die Frau war zwischen einem Sessel und dem Couchtisch auf den Boden geglitten und lag auf dem Bauch. Ich weiß nicht, warum ich sie erst jetzt sah, wahrscheinlich waren ihr dunkler Pulli und die schwarze Hose schuld. Sie lag vollkommen steif mit ausgestreckten Armen da.
»He!«, sagte ich, weil ich die absurde Hoffnung hatte, sie sei ohnmächtig oder schlafe. Aber sie war kühl. Als ich an ihren Hals tastete, war dort kein Puls.
»Scheiß drauf!«, fluchte ich laut, stand auf, ging zur Tür und machte das Licht an. Dann ging ich zurück und starrte auf sie herunter.
»Lieber Himmel, warum musstest du das hier tun? He? Wie kommst du hierher? Was soll diese Scheiße?« Ich war verwirrt und wütend bis zur Atemlosigkeit.
Unten vor dem Haus war das Getrappel eiliger Schritte zu hören, dann polterten sie die Treppe hinauf und machten mehr Lärm als eine Kompanie Bundeswehr.
Der, der die Tür zuerst erreichte, ließ sie aufknallen und präsentierte seine Waffe so, wie ich es im Krimi im Fernsehen schon zum Kotzen finde. Er hielt sie beidhändig vor seinem Gesicht und ließ sie wildentschlossen durch den Raum kreisen.
Ich sagte: »Nicht das auch noch!«
Sein Gesicht war purpurrot. »Hände hoch!«, schrie er fast hysterisch schrill.
»Ich habe sie doch schon hoch«, murmelte ich. »Nicht nervös werden, bitte.«
Der zweite kam herein. Er war groß und mächtig, und seine Nase machte den Eindruck, als tunke er sie gelegentlich in scharfen Schnaps.
»Das gibt es doch gar nicht«, sagte er atemlos. »Wer sind Sie? Wer ist diese Frau da?«
»Also ich bin der Siggi Baumeister von nebenan. Die Frau ist Dr. Vera Grenzow, und meiner Ansicht nach ist sie mausetot.«
»So«, sagte er hilflos. Dann sah er seinen Kumpan an. Der schüttelte den Kopf. Dann schwiegen sie erst einmal. »Wie kommen Sie denn überhaupt hierher?«, fragte der Massige schließlich zögernd.
»Durch die alte Stalltür, die Sie nicht beachtet haben.«
»Und die Frau da?«
»Das weiß ich nicht. Vermutlich auf dem gleichen Weg.«
»Wir nehmen Sie fest, wir nehmen Sie fest«, drohte der mit dem roten Gesicht. Dann steckte er die Waffe weg.
»Warum denn?«, fragte ich wütend. »Wenn ich nicht das Licht angeknipst hätte, hätte ich ja wohl spurlos verschwinden können. Oder?«
Sie ließen das nachwirken, sie überdachten das sichtbar. Dann nickte der mit der schnapsigen Nase. »Das könnte so sein. Sie sind nicht zusammen mit der Frau reingekommen?«
»Nein. Die muss hier schon eine Weile liegen. Ein paar Stunden, schätze ich mal, die Totenstarre setzt bereits ein. Ich bin gerade gekommen, vor ein paar Minuten. Sie«, ich deutete auf den Massigen mit der Schnapsnase, »standen an der Telefonzelle. Und Sie«, ich meinte den Rotgesichtigen, »saßen im Wagen.«
»Wer sind Sie?«, fragte der Massige sicherheitshalber. »Baumeister, Siggi, dreiundvierzig Jahre alt, Journalist von Beruf, katholisch, nicht verheiratet. Wollen Sie nicht Müller anrufen, Ihren Chef?«
»Sollten wir«, sagte der Rotgesichtige. »Aber Sie bleiben hier.«
»Auf jeden Fall«, sagte ich. »Jetzt ist nämlich alles aus, jetzt ist das Stasi-Chaos erst richtig komplett. Jetzt wird es heiß. Jetzt weiß ich nämlich gar nichts mehr.«
»Wie bitte?«, fragten sie gleichzeitig.
»Macht nichts«, murmelte ich. »Müller ist entweder im Büro oder in Meckenheim oder noch am Tatort in der Gertrudenstraße in Düsseldorf.«
Sie sahen sich an, sagten aber nichts. Der Massige begann zu telefonieren, wobei er vermutlich mit irgendeiner Zentrale sprach, denn das, was er sagte, stammte entweder aus dem Hirn eines Verrückten, oder es war der Inhalt der Vorschriften dieser geheimen Bruderschaft. Aber das ist in diesem Fall wohl deckungsgleich.
Es klang ungefähr so: »Sechs, zwei, vier an Beta sieben. Dringend Blumen an Elsie, zwei, sechs, vierundachtzig. Dunkelblau mit Tupfen.« Ganz wörtlich weiß ich es nicht mehr, aber sinngemäß scheint es mir keinen Deut übertrieben. Dann hängte der Massige ein und starrte auf das Telefon, als könne es ihm die letzten Geheimnisse dieser Welt vermitteln. Endlich klingelte es. Er riss den Hörer von der Gabel und sagte: »Gelb, grün. Wir haben hier eine fünfundsechzig. Mit acht, eins, mit acht, eins. Fünfundsechzig mit acht, eins.«
Er lauschte, gab den Hörer an mich weiter und murmelte: »Der Chef.« Dann brüllte er wütend: »Wie konnten wir diese verdammte Stalltür bloß übersehen?«
»Baumeister«, sagte Müller etwas nervös. »Ist es …«
»Ja, es ist die Dr. Vera Grenzow. Sie liegt zwischen Sessel und Tisch auf dem Bauch. Da liegt auch eine kleinkalibrige Waffe neben ihr, sieht eigentlich ganz niedlich aus. Es sieht so aus, als hätte sie sich selbst umgebracht, obwohl ich daran zweifele. Wahrscheinlich hat sie einen Schuss in der Brust, denn unter ihrem Körper her ist Blut gelaufen. Im Tod sieht sie übrigens genauso arrogant aus wie im Leben.«
»Aber wieso haben die den Schuss nicht gehört?«
»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Ich vermute, es passierte am späten Abend. Ich vermute weiter, dass der Schuss einfach von den Treckern übertönt wurde. Hier ist zur Zeit Heuernte. Die Bauern fahren pausenlos ein. Sie wird wahrscheinlich durch die Stalltür gekommen sein, genauso wie ich. Und mich haben die auch nicht gehört. Wenn es einen Mörder gibt, wird er auch durch die Stalltür gekommen sein und …«
»Verdammt noch mal«, brüllte er, »wieso denn ausgerechnet in der Güttschen Wohnung? Na gut, die kannten sich, na gut, die waren so was wie Freundinnen. Aber was wollte die Grenzow an diesem Abend da?«
»Das weiß ich wirklich nicht«, sagte ich. »Ich frage die Gütt. Wenn ich etwas von Wichtigkeit erfahre, rufe ich an. Kommen Sie jetzt hierher?«
»Na sicher«, sagte er. »Falls ich nicht unterwegs einschlafe oder einen Infarkt kriege. Wissen Sie eigentlich, dass das die fünfte Leiche ist?«
»Ja«, sagte ich, »ich weiß. Ich melde mich. Sagen Sie aber Ihren beiden Männern hier, dass ich kein Mörder bin, oder was auch immer. Sonst nehmen die mich nämlich fest.« Ich reichte dem Massigen wieder den Hörer, und er hörte steinern zu, schloss nur die Augen, weil ihm Müller wahrscheinlich ein schnelles Ende seiner Karriere voraussagte.
Ich hockte mich auf einen Küchenstuhl und versuchte, nicht in Hektik zu fallen. Was war jetzt eigentlich wichtig? Wen konnte es jetzt treffen? Und an wen konnte ich mich wenden, um irgendetwas zu erfragen? Ich hatte etwa zweieinhalbtausend Fragen im Hirn. Aber das ist ziemlich sinnlos, wenn die Menschen, die du fragen kannst, alle tot sind.
Der Massige ging in die Knie und betrachtete die tote Vera Grenzow. Der Rotgesichtige hatte sich auf einen Schemel neben das Bett zurückgezogen und brütete dumpf. »So gepflegte Hände«, sinnierte er vor sich hin. »Die ist doch kein Typ, sich selbst ins Jenseits zu schießen.«
»Sie war eine ziemlich Harte, und wahrscheinlich war sie auch ein bisschen krank«, sagte ich.
»Geisteskrank?«, fragte er schnell.
Ich dachte daran, dass die meisten mit einer solchen Krankheit durch das Leben gehen und nie einem Arzt auffallen. »Ich weiß es nicht genau«, murmelte ich.
Dann fragte ich mich: Was wollte Vera Grenzow ausgerechnet hier in dieser Wohnung? Ausgerechnet bei Clara Gütt? Ausgerechnet bei der Gütt, von der sie längst wusste, dass ich sie unter meine Fittiche genommen hatte und dass sie den Kripoleuten bestens bekannt war? Was hatte sie dazu getrieben, ausgerechnet hier in Ahrdorf in dieser Wohnung aufzukreuzen?
Ich überlegte, in welches Hotel sich Anni zurückgezogen hatte. Ich kam darauf, dass sie nur bei ›Fasen‹ in Hillesheim sein konnte. Also rief ich dort an. Am Telefon war eine etwas verschlafene Stimme mit dem wenig überzeugenden Anspruch, heiter zu wirken. »Ja, bitte sehr?«
»Baumeister hier. Bei ihnen schlafen vermutlich zwei Frauen aus meinem Haushalt, eine ältere Dame, eine jüngere Dame. Ich brauche die jüngere, und leider verdammt schnell. Und Entschuldigung bitte.«
»Och, das macht doch kaum die Hälfte«, sagte sie, als mache sie das jede Nacht ein paarmal. Dann war es eine Weile still. Claras Stimme klang so, als habe sie keine Minute geschlafen. »Ja, Baumeister?«
»Hör mal, ich habe ein oder zwei Fragen. Und konzentrier dich bitte. War Vera Grenzow jemals in deiner Wohnung in Ahrdorf?«
»Na sicher.«
»Wie oft?«, »Ziemlich oft«, sagte sie schnell. »Ich weiß, ich hätte dir das wahrscheinlich sagen sollen, aber ich habe nicht daran ged…«
»Ja ja, schon gut. Was heißt ziemlich oft?«
»Es war eine Frauensache, weißt du. Wenn sie total abgearbeitet war, ging sie dahin, um sich zu erholen. Wenn sie mal die verdammten Kopfschmerzen loswerden wollte auch. Dann hatte sie manchmal ziemlichen Stress, wenn sie ihre Tage … also sie hatte so eine Unterleibsgeschichte. Und dann zog sie sich dahin zurück. Aber das wusste keiner außer mir und …«
»Lieber Himmel!«, schrie ich wütend. »Du hast jahrelang nicht gemerkt, dass ein Wirtschaftsspionagering um dich herum gearbeitet hat. Okay, das können wir vergessen, das kann passieren in diesem gottverdammten Land, in dem ein Seidenfummel am Arsch wichtiger ist als ein Blick ins Gesicht. Aber dass du mir jetzt nach der Aufdeckung dieser Tatsache kein Wort darüber sagst, dass diese Vera praktisch dauernd in deiner Bude hier in Ahrdorf hockte, verschlägt mir die Sprache. Du warst doch dabei, als Schulze von der heimlichen Behausung in Mirbach sprach. Da musste dir doch ein Licht aufgehen, oder? Da …«
»Baumeister, hör auf zu schreien. Ich kenn’ mich in der Welt nicht mehr aus, ich …«
»Lass es mich sagen, weil ich sonst platze. Die liebe Vera hat dich die ganzen Jahre über beschissen. Sie hatte garantiert niemals irgendeine Unterleibsgeschichte, und ein Migränetyp war sie auch nicht. Sie war dauernd hier, weil sie hier erstens unkontrolliert war und zweitens in fünf Minuten in der konspirativen Wohnung in Mirbach sein konnte. Von hier aus konnte sie nach überallhin starten, ohne beobachtet zu werden. Während du geglaubt hast, deine Chefin kuriert ihren Unterleib, hat sie von hier aus ihre Touren machen können. Und der gute Günther Schulze ist auch nicht auf diesen Campingplatz gekommen, weil du so eine tolle Sekretärin bist, sondern weil er wusste: Wenn Vera abtauchen muss, weil Gefahr droht, kommt sie zuerst in die Wohnung der lieben Clara Gütt. Das ist des Rätsels Lösung, verdammt noch mal. Dass du das alles gewusst hast, macht mich ganz verrückt. War sie oft mit dir zusammen hier, oder meistens allein? Hatte sie einen Schlüssel? Kannte sie die Tür in den Stall von der Wiese aus? Mein Gott, hör doch auf zu weinen, Clara.«
Sie schniefte schon wieder. »Also, was willst du wissen?«
»War sie meistens alleine hier?«
»Ja. Sie hatte natürlich einen Schlüssel. Meistens bezahlte sie auch die dreihundert Mark Miete pro Monat, die das kostet. Aber ich habe sie nicht darum gebeten. Und die Tür aus dem Stall raus haben wir beide immer benutzt. Wir haben uns auf der Wiese gesonnt. Ist doch klar.«
»Überleg einmal ganz genau: Was schätzt du, wie oft sie allein in diesem Jahr hier war?«
»Also ich war Weihnachten, Ostern und Pfingsten kurz hier. Ja, und dann jetzt. Sie war, schätze ich mal, so sechs-, sieben-, nein warte, eher acht- bis zehnmal da. Übers Wochenende meistens.«
»Sie schlief dann in deinem Bett?«
»Natürlich.«
»Und sie hat sich richtig vergraben und sich erholt?«
»Ja, dachte ich zumindest, aber was ist denn überhaupt los? Wo bist du denn eigentlich?«
»Schon gut«, sagte ich und hängte ein.
Dann hockte ich da und starrte die Wände entlang, während mich die zwei musterten, als sei ich eine ihnen vollkommen unbekannte Rasse.
»Mann«, meinte der Massige, »Sie können aber gut brüllen!«
»Manchmal muss man das eben«, murmelte ich. Ich war wütend auf mich, weil ich Clara so beschimpft hatte, obwohl ihre Welt so kläglich zerbrochen war.
»Wer war denn das?«, fragte der Rotgesichtige.
»Clara Gütt«, antwortete ich. »Müller kennt sie bereits. Sie ist unser Kummerkind.«
»Dass die das alles nicht gemerkt hat, will mir nicht in den Kopf«, meinte der Massige und rieb sich nachdenklich die Schnapsnase.
»Es muss hier sein«, sagte ich, als hätte ich ihn nicht gehört.
Der Massige sah mich an und erklärte leutselig: »Das kenne ich. Sie sind überarbeitet. Ich kenn’ das. Die Leiche liegt da hinter dem Sessel. Immer noch. Sonst ist hier nichts. Nichts Auffälliges.«
»Es muss aber da sein«, sagte ich.
»Was muss da sein?«, fragte er im Ton eines Arztes, der einen Irren zu befragen versucht.
»Ich weiß es nicht«, murmelte ich geistesabwesend.
»Vielleicht das Christkindchen«, sagte der Rotgesichtige. Er war sowieso wütend auf mich. »Sieh doch mal unter dem Tisch nach. Vielleicht hockt es da, das Christkindchen.«
Der Massige begann zu begreifen, dass ich es durchaus ernst meinte. Er winkte ab. »Lass ihn doch mal. Was meinen Sie, was muss hier sein?«
»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Diese Tote da ist wahrscheinlich hierhergekommen, um hier etwas zu holen, was ihr gehört, und von dem niemand wusste, dass es ihr gehört. Denke ich.«
»Aha!«, sagte er verständnisvoll. »Das werden wir finden. Wir stellen sowieso die ganze Bude auf den Kopf, wenn die Spurenfritzen erst einmal abgezogen sind.«
»Ja, ja, das weiß ich«, sagte ich.
Im gleichen Moment wusste ich auch, dass die Dr. Vera Grenzow so etwas auch gewusst hatte. Man hatte sie als Spionin geschult, tiptopp geschult. Nichts ausgelassen, von der Geheimtinte bis hin zum Anlegen toter Briefkästen.
»Wir werden das schon finden«, sagte der Massige, der mittlerweile die zehnte Zigarette rauchte. »Ist eigentlich kein Bier hier, oder was?«
»Na, na«, sagte der Rotgesichtige mahnend.
»Man wird doch fragen dürfen«, sagte der Massige.
»Im Eisschrank«, sagte ich. »Im Eisschrank sind Bier und Schnaps.«
»Das dürfen wir nicht, das zerstört Spuren«, sagte der Rotgesichtige.
»Wie Sie wollen«, sagte ich.
Was war hier ein perfekter toter Briefkasten? Hier in diesem Raum? Glatte weiße Raufasertapete, auch an der Decke. Nirgendwo ein Schatten, nirgendwo ein Stück Klinkerwand, aus der ein Stein gelöst werden konnte. Keine Dielenbretter, statt dessen Linoleum, farbloses Grün, darauf einfache Teppiche.
Die Treppe?
Ich ging hinaus und machte mir das Licht an. Es war eine einfache Holztreppe, jede Stufe konnte ein Fach sein. Aber ich dachte daran, dass man den Spionen auch beibringen würde, in alten Bauernhäusern an zundertrockenes Holz und Blitzschlag zu denken. Also auf keinen Fall in der Treppe.
Im Keller? Ich fand keinen Eingang zu einem Keller. Wahrscheinlich war dieser Teil gar nicht unterkellert. Im Stall? Dort galt sicher das Gleiche, was auch für die Treppe galt. Ich musste nach einer Möglichkeit suchen, Unterlagen schnell und trocken und feuersicher so zu verstecken, dass man jederzeit daran konnte – auch dann, wenn Clara Gütt in der Wohnung war.
Natürlich!
Ich ging auf die Wiese hinaus, drehte mich um. Unten am Mauersockel, unmittelbar neben der Tür lag ein schwerer Basaltbrocken etwas wacklig an der Mauer. Ich kippte ihn nach vorn, er rollte ins Gras. Dahinter war eine ganz normale Metallplatte, eingelassen in eine Schiene – dieselbe Vorrichtung, wie sie ein Schornsteinfeger braucht, um in den Kamin zu kommen.
Hier aber war kein Kamin. Ich schob die Platte nach oben, der Hohlraum dahinter war leer – ausgeräumt.
Ich ging zurück zu Clara Gütts Wohnung, wo die beiden saßen und sich tatsächlich ein Bier genehmigten.
»Gefunden?«, fragte der Massige.
»Ja«, sagte ich, »aber leer. Neben der Tür vom Stall zur Wiese.«
»So eine Art toter Briefkasten?«
»Richtig. Vielleicht ergibt der Tod dieser Frau jetzt einen Sinn.«
Plötzlich störte mich die Leiche, plötzlich glaubte ich auch, da liege ein bösartiger Gestank in der Luft. »Ich kann hier nichts mehr tun«, sagte ich. »Ich muss aber schlafen, sonst knicken mir irgendwann die Beine weg. Ich gehe zum Stall raus auf die Wiese.«
»Schlafen? Dort schlafen?«, fragte der Rotgesichtige etwas fassungslos.
»Ja«, sagte ich. »Das Bett ist eine relativ neue Erfindung.« Ich ging also zum Stall hinaus auf die Wiese. Damit ich mich nicht in einen Ameisenhaufen legte, leuchtete ich mit einem Streichholz mein Bett ab, fand aber nichts als ein paar wunderhübsche rotblaue Teufelskrallen und legte mich daneben, um sie nicht zu erdrücken. Natürlich schlief ich nicht, natürlich hatte ich die dumpfe, drängende Vorstellung, tausend Dinge gleichzeitig in Angriff nehmen zu müssen.
Der Rotgesichtige tauchte wie ein Gebirge vor mir auf. »Ich dachte, Sie wollten uns verscheißern. Sie wollen ja wirklich schlafen.«
»Na sicher.«
»Und wenn da Blindschleichen sind und anderes Getier?«
»Na ja, die werden sich kaum gestört fühlen, die Wiese ist groß.«
»Aber es gibt doch so Tiere, die stechen und beißen. Ohrwürmer, oder wie man das nennt.«
»Sie leben im Mittelalter, junger Mann. Ich hatte mal eine Kreuzotter im Garten. Die hieß Cleopatra. Dummerweise habe ich Cäsar nie kennengelernt. Vielleicht war sie auch nur ausgerückt. Cleopatra jedenfalls lag eines schönen Sommertags, als ich im Garten ein Manuskript schrieb, auf meinem rechten, nackten Fuß. Es fühlte sich angenehm kühl an.«
»Igitt!«, sagte er angewidert, aber eindeutig fasziniert. Dann ging er fort.
Ich muss eingeschlafen sein, denn Müller stieß mich vorsichtig an der Schulter und sagte: »Ich stör’ ja ungern, aber Müller ist jetzt da.«
Dumpf erinnerte ich mich daran, dass ich immer noch Bens Wagen fuhr. Wahrscheinlich hatte er ihn längst abgeschrieben. Müller stand ziemlich bedrückt vor mir.
»Hören Sie«, sagte ich beruhigend, »fassen Sie das nicht als Ablehnung auf. Ich habe Ihnen auch garantiert nichts verschwiegen. Ich weiß nicht mehr ein noch aus, dieser Fall ist vollkommen irre. Wer hat da eigentlich wen umgebracht? Gut, das Frettchen die Selma Schulze. Aber das ist auch alles, was ich weiß. Hat der Mann noch etwas gesagt?«
»Bis jetzt nicht. Bis jetzt hat er nicht einmal zugegeben, dass irgendeiner ihm den Auftrag gegeben hat, diese wahrscheinlich vollkommen nichts ahnende junge Frau zu töten. Was fällt Ihnen zu Vera Grenzow ein?«
»Bitte nicht solche Fragen. Dazu fällt mir nämlich gar nichts ein. Hat sie sich umgebracht?«
»Mit ziemlicher Sicherheit nicht. In zwei Stunden weiß ich mehr. Sie gehen also weiterschlafen?«
»Ich muss. Ich muss abschalten, sonst sehe ich gar nicht mehr klar. Erinnern Sie sich an die Leiche Nummer eins? An den geheimnisvollen Volker?«
»O ja, die Identität ist geklärt. Er war Oberregierungsrat, hieß Walter Janzen und war vom Wirtschaftsministerium in den Chemiebetrieb des Dr. Bleibe abgeordnet worden. Er war wohl Stasi-Mann, obwohl er in deren Akten gar nicht auftaucht. Aber er war mit Sicherheit jemand, der die Gruppe hier steuerte. Er war ein Mann ohne Familie, ein idealer Spion. Aber wir haben keine Ahnung, weshalb er hier auftauchte und wen er treffen wollte.«
»Gut, bleiben wir also bei Volker. Erinnern Sie sich, dass die Untersuchung seiner Leiche ergab, dass er ungefähr eine Stunde vor seinem Tod eine Ejakulation hatte, Geschlechtsverkehr mit einer Frau? Und erinnern Sie sich, dass er mit dieser Frau den Mikrospuren nach zu urteilen in einem Bett mit stinknormalen weißen Leinen gelegen haben soll?«
»Ich erinnere mich genau.«
»Erinnern Sie sich auch, dass die Chemiker die genaue Blutgruppe der unbekannten Frau feststellen konnten?«
»O ja, aber auf was wollen Sie hinaus?«
»Es ist nur eine Idee. Aber ich glaube, er hat mit jener Frau da oben in Clara Gütts Bett gelegen. Und ich glaube auch, dass die Frau Dr. Vera Grenzow war. Und wenn ich Recht habe, sagen Sie mir bitte Bescheid.«
»Moment, Moment, wie kommen Sie darauf?«
»Das weiß ich nicht so genau. Aber wenn es so war, könnte ich wahrscheinlich das Motiv des ersten Mordes entdecken.«
»Sagen Sie es doch«, drängte er.
»Kommt nicht in Frage. Ich blamiere mich doch nicht. Rufen Sie mich an.«
Ich fuhr also nach Hillesheim, die Morgensonne brannte schon. Ich fand den weiblichen Teil meines Haushalts bei einem äußerst luxuriös aussehenden Frühstück. Aber mir war nicht nach Frühstück. Ich ließ mir ein Zimmer geben, war knurrig und schlief bald darauf ein. Ich träumte einen Traum, in dem ich ständig das unwiderstehliche Verlangen hatte zu duschen.
Als ich aufwachte, stand Anni neben meinem Bett und sagte sehr ernst: »Ich muss einmal mit dir reden.«
»Die nächste Katastrophe also«, sagte ich.
»Na ja, das weiß ich nicht«, sagte sie etwas zurückhaltend. »Also es ist so, dass ich mir gestern deinen Garten genau angeguckt habe. Und an der großen Steinmauer, wo du die alten versteinerten Korallenstämme eingebaut hast, da ist eine Kröte. Und die ist so was von hässlich und so was von groß!«
»Das ist Fritz. Und Fritz ist mein Untermieter«, sagte ich schnell.
»Na ja«, murmelte sie, »aber eklig ist er schon.«
»Ich verstehe das nicht. Soll ich dem Fritz kündigen?«
»Wenn du das so ausdrücken willst. Also, ich würde das Tier … irgendwie entfernen.«
»Nur, weil du es hässlich findest?«
»Du willst mich nicht verstehen«, sagte sie vorwurfsvoll.
»Fritz bleibt«, stellte ich fest.
»Die Clara ekelt sich aber auch. Da sitzt man in der Sonne und denkt nichts Böses. Und dann sieht man ins Gras runter, und was sieht man da? Da linst einen so ein dickes, ekelhaftes Geschöpf an. Außerdem wollte ich noch fragen: Fauchen Frösche?«
»Durchaus. Wenn sie merken, dass du was gegen sie hast, fauchen Kröten. Du fauchst ja auch, wenn ich was gegen dich habe.«
»Also das Ding bleibt?«
»Das Ding bleibt.«
»Da kann man nichts machen«, seufzte sie. Als Beamtin besaß sie die erstaunliche Fähigkeit, in Sekunden ein nicht zu erledigendes Problem zu akzeptieren. »Und wie steht unser Fall?«
»Beschissen, um es einmal einfach auszudrücken. Wir haben mehrere Tote, die irgendwie mit einem scheinbar gut funktionierenden Agentenring zu tun haben. Das würde eigentlich schon reichen. Aber eigentlich ist das wohl nur eine halbe Geschichte. Ich habe eine Aufgabe für dich.«
»Welche?«
»Du musst Clara freundlich beibringen, dass ihre Freundin und Chefin, die Vera Grenzow, ebenfalls umgelegt wurde. Und zwar in Claras Wohnung. Dann musst du dich mit Clara hinsetzen. Frag sie, ob sie als gute Sekretärin so etwas wie ein Tagebuch oder ein Arbeitsbuch geführt hat. Wir werden sie dazu zwingen müssen, weit in die Vergangenheit zurückzugehen. Wir müssen ab dem 9. November 1989, also dem Tag der Maueröffnung, genau feststellen, was für Reisen ihr Chef, dieser Dr. Kanter, gemacht hat. Sie muss sich an jeden kleinen Fliegenschiss erinnern. Verstehst du, was ich meine?«
»Ja.« Sie nickte. »Dann sollen wir vermutlich noch herausfinden, wohin sämtliche Dienstreisen dieser Dr. Grenzow führten, nicht wahr?«
»Genau.«
»Dann ist da noch etwas. Da hat gestern ein Mann angerufen. Die Polizei hat dein Auto freigegeben, und der Mann, der dir das verkauft hat, sagte am Telefon, das wäre nur noch Schrott. Und da es ja Vollkasko versichert wäre, bietet er dir an, sofort einen neuen Wagen in der gleichen Farbe und mit allem Drum und Dran anzumelden.«
»Ruf ihn bitte an und sage, das geht klar. Hast du darüber nachgedacht, wer eigentlich der Chef dieses Agentenringes gewesen ist? Ich meine, wer das alles gesteuert hat?«
»O ja«, sagte sie eifrig. »Meiner Meinung nach sieht das so aus, als wäre das alles aus der ehemaligen DDR gesteuert worden. Aber wenn man lange genug darüber nachdenkt, könnte man auch auf die Idee kommen, dass alles ein wenig anders war.«
»Du bist eine kluge Frau«, sagte ich.
»Das weiß ich«, sagte sie.
»Wir gehen wieder zurück in mein Haus«, erklärte ich. »Es hat keinen Sinn mehr, sich zu verkrümeln.«
Sie nickte. »Glaubst du übrigens, dass die Grenzow irgendwelche Leute erschossen hat?«
»Ich weiß es nicht. Es könnte sein, dass sie ausflippte.«
»Dann wäre sie krank gewesen.«
»Genau das.« Ich schob sie aus dem Zimmer und stellte mich unter die Dusche. Dann nahm ich das Telefon und rief Bierich in Hamburg an, Wolfgang Bierich. Er war ein Kollege, der vor Lachen explodieren konnte, er war der Mann mit der richtigen Sorte Neugier, und er war der Mann, der mir sagen konnte, ob ich auf einer guten Geschichte hockte, oder ob sie nichts taugte. Er war ein Mann, der bemerkenswert wenig sagte, aber das, was er sagte, konnte man drucken.
»Ich habe vielleicht einen Beitrag«, meinte ich. »Und falls ich so klinge, als sei ich unsicher, dann ist das auch so.« Ich berichtete in groben Zügen.
»Das hört sich verdammt sauber an«, antwortete er. »Aber ich muss das Ding erst auf dem Schreibtisch haben.«
»Das weiß ich. Aber ich kriege durchaus nicht das Geld zusammen, um alles zu recherchieren.«
»Wie viel brauchen Sie?« Er hatte eine schlimme Art, direkt zu fragen.
»Ein paar Tausender«, sagte ich. »Es kann nicht mehr viel schiefgehen.«
Er lachte sanft. »Selbstverständlich kann etwas schiefgehen. Sie können zum Beispiel … na ja, Sie wissen selbst, was Ihnen passieren kann. Also wie viel?«
»Fünf, als Anzahlung«, sagte ich. »Und ich schmeiße Ihnen die Geschichte binnen vierzehn Tagen auf den Schreibtisch. Aber, bitte, per Fax und sofort an meine Bank.«
»Geht klar«, sagte er. »Behalten Sie die Nerven und Ihre Extremitäten.« Dann legte er auf.
Clara kam herein. Sie war verweint und fragte: »Stimmt das mit Vera? Ist sie tot?«
»Ja, tut mir Leid, ja. Jemand hat sie erschossen, oder aber sie hat sich selbst erschossen. In deiner Wohnung in Ahrdorf. Vielleicht kannst du mit jemandem die Wohnung tauschen?« Ich versuchte, ihr irgendwie Mut zu machen, und wusste doch, dass es nutzlos war.
»Ja, ja«, murmelte sie abwesend und marschierte wieder hinaus.
Ich rief Müller in Meckenheim an und fragte, ob die Untersuchung der Leiche der Vera Grenzow irgendetwas erbracht habe.
»Ja«, sagte er, »sie hat sich nicht selbst erschossen, sie ist erschossen worden. Eindeutig.«
»Da wir dieses Frettchen schon vorher hatten, kann man fast damit rechnen, dass ein weiterer Mensch herumläuft, der Leute abknallt.«
»So ist es«, sagte er. »Wir haben Kanter übrigens entlassen müssen. Die Handelskammer hat einen Riesenstunk gemacht, das Institut der Deutschen Wirtschaft auch.«
»Was haben die Vernehmungen des Günther Schulze ergeben?«
»Nichts, außer einem kleinen, fein funktionierenden Apparat. Irgendwie rührend, wenn Sie mich fragen, aber hocheffizient.«
»Hat das Frettchen irgendetwas gesagt?«
»Bisher kein Wort, nur die Personalien. Und die checken wir jetzt mit den bei uns vorhandenen Unterlagen über die Stasi gegen. Dann werden wir weitersehen. Sie können in Ihr Haus zurück, Plastik scheint nicht mehr im Spiel zu sein.«
»Was sagte denn Sven Sauter?«
»Nichts. Wir können kein Verhör führen, wir haben nicht die geringste Handhabe. Angeblich weiß er von nichts.«
»Eine merkwürdige Art, die Wähler zu vertreten.«
»Hm. Er ist eigentlich nicht mal schlecht. Er ist der typische aus der Gewerkschaftsbewegung stammende Parlamentarier. Er ist verdammt basisnah, er weiß immer genau, was in seinem Wahlkreis gedacht wird. Und irgendwie verzeihen seine Kumpels alles. Wahrscheinlich ist er bestechlich und in hohem Maße bigott, aber das sind die letztlich alle. Haben Sie nicht Lust, mit seiner Exfrau zu sprechen?«
»Habe ich. Wo hockt die?«
»In Dernau an der Ahr, da, wo der Regierungsbunker ist.«
»Weiß ich. Ich besuche sie.«
Ich machte mich landfein, besorgte mir erneut ein Auto. Diesmal von einem jungen Mann, dessen Namen ich nicht einmal kannte. Aber so sind die Eifler: Wenn die dich mögen, teilen sie alles, sogar das Auto, das man nicht verleiht. Es war ein uraltes Käfer-Cabrio, dessen Motor auf eine höchst eigenwillige Art zuweilen abstarb, zuweilen selbständig auf Vollgas ging. Mit dem Auto musste man ständig reden.
In einer Telefonzelle unterwegs holte ich aus dem Telefonbuch die Adresse der Frau E. Sauter. Als ich vorfuhr, spielte in dem schmalen Vorgarten des zweistöckigen Villenhaues eine Horde unglaublich dreckiger, glücklicher Kinder in einer mit Sand, Schlamm und Wasser gefüllten Grube. Ein ganz kleiner, etwa drei Jahre alter Junge nahm eine Plastikschippe, schaufelte kräftig in der Matsche und sagte: »Hau ab, du!«
Und schon war ich getauft, sah aus wie eine Wildsau nach dem Suhlen, und eine Frau bemerkte scheinbar erschreckt, aber erkennbar ungeheuer belustigt: »Oh, verdammt noch mal, Peter! Entschuldigen Sie, aber er meint es nicht so.«
Ich griff mir den Kleinen, hob ihn ein wenig hoch und sagte: »Sind Sie Frau Sauter?«, und als sie misstrauisch nickte, fuhr ich fort: »Ich bitte um ein paar Minuten.«
»Presse?«
»Ja und nein. Zunächst will ich absolut nichts schreiben, zunächst bitte ich nur um Befriedigung meiner ungeheuren Neugier. Ich fürchte, Ihr Exmann steckt knietief im Dreck.«
»Komisch«, sagte sie und fummelte an einem blühenden Rittersporn herum, »ich habe mich neulich noch gefragt, wann das wohl sein wird, wann er endlich auf die Nase fällt. Sind Sie von der BILD?«
»Oh, nein.«
»Sind Sie … von wem sind Sie denn?«
»Freiberuflich. Ich komme sozusagen in persönlichem Auftrag. Aber das geht hier im Vorgarten schlecht.«
»Wir gehen rein«, sagte sie rasch. »Kinder, benehmt euch.«
Drinnen herrschte das gleiche liebenswerte Chaos wie draußen, nur ein Schlammloch fehlte.
»Wollen Sie einen Tee?«
»Gerne. Ich setzte mich auf einen uralten Ledersessel.«
»Ich muss von Beginn an sagen, dass ich nicht hier bin, um Punkte gegen Ihren Mann zu sammeln. Ich bin eher hier, um herauszufinden, was er ist und was er nicht ist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich komme auch nicht mit einem Skandal, ich komme mit einer ziemlich leisen Geschichte, von der die meisten Menschen bisher nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Aber sie kann Ihren Mann Amt und Würden und Bargeld kosten. Wenn Sie nichts dagegen haben, erzähle ich zunächst die Geschichte, wie ich sie erlebt habe. Dann können wir sprechen. Okay so?«
Sie war eine mollige, sehr fraulich hübsche Blonde mit strähnigen Haaren in einem vollkommen formlosen Kleid und nackten Füßen in Gesundheitslatschen. Sie war der Typ, der ohne Rücksicht auf das eigene Aussehen ständig den Mund spitzt und leicht zur Seite durch die Zähne bläst, um die Haarsträhnen aus dem Gesicht zu pusten. Sie war mit Sicherheit der Typ, der einfach zur Papierschere griff und sich die widerspenstigen Strähnen abschnitt, wenn sie das Pusten leid war.
Ich berichtete also, ich ließ nichts aus, ich zeigte ihr meine Hilflosigkeit, ich demonstrierte Abscheu, Neugier, Wut und sämtliche großen Fragezeichen, die sich angesammelt hatten. Ich machte ihr nichts vor.
Anfangs rauchte sie ruhig, hörte mir zu, schlürfte von dem Tee, starrte aus dem Fenster, lauschte ihren Kindern. Dann wurde sie unruhig, drückte die Zigarette aus, zündete sich eine neue an, zündete sich eine zweite an, war verwirrt über die zwei brennenden Zigaretten, sagte aber kein Wort.
Als ich geendet hatte, murmelte sie. »Ich brauche einen Kognak«, und goss sich einen ein. Dann fragte sie: »Wo werden Sie das veröffentlichen?«
»Mit ziemlicher Sicherheit im ›Spiegel‹«, antwortete ich. »Ich kann nichts schreiben, noch nichts. Ich stochere herum, weil ich wie immer bei solchen Geschichten die Hoffnung nicht aufgebe, dass ich einem Menschen begegne, der die Zusammenhänge einigermaßen befriedigend erklären kann.«
»Die Geschichte klingt so, als ob einer wahnsinnig ausgeflippt ist«, überlegte sie, wieder ganz gefasst. »Und es ist gar nicht erkennbar, dass Sven irgendetwas damit zu tun hat. Sie sagen doch selbst, er hat behauptet, er habe keine Ahnung von den Hintergründen.«
»Genau das glaube ich nicht«, widersprach ich. »Es kann sogar sein, dass Ihr Mann den ganzen Hintergrund kennt, ohne zu wissen, was er da eigentlich weiß. Ihr Mann wird als jemand beschrieben, der dauernd um Kanter herum kreist, man nennt ihn sogar dessen Satelliten. Das bedeutet zwangsweise, dass er sehr viel von Kanter weiß …«
»Das klingt ja so, als verdächtigen Sie Kanter?«, fragte sie schnell.
»Durchaus nicht, oder einfacher: Das ist mir wurscht. Ich versuche nur, Klarheit zu bekommen. Frage also: Hat Ihr Mann Kanter oft auf dessen Geschäftsreisen begleitet, und wenn, wohin?«
»Sven war eigentlich dauernd dabei. Mal hierhin, mal dorthin, vor allem aber zu den Wirtschaftsgesprächen im Ostblock. Kanter, sagte er immer, ist meine Lokomotive. Das heißt: Kanter musste diese Ostblock-Bosse treffen und nahm Sven als seinen persönlichen Berater mit. Natürlich wusste jeder, dass Sven tatsächlich Bundestagsabgeordneter war. So kamen politische Verbindungen über den Umweg der Wirtschaft zustande. Als zum Beispiel die Mauer fiel, hatte Sven in der Ex-DDR bereits jede Menge Verbindungen.«
»Also mit anderen Worten: Wenn dort etwas ist, was zu verschweigen wäre, dann müsste Ihr Mann es wissen. Oder soll ich besser Ex-Mann sagen?«
»Müssen Sie nicht«, sie lächelte ein wenig müde. »Wir haben uns getrennt, weil unsere Ehe sinnlos geworden war. Er war Bundestagsabgeordneter und hatte so viel zu tun, dass keine Zeit blieb für die Kinder und für mich. Ich trage ihm nichts nach, er hat sich so entschieden, er kommt seinen Verpflichtungen nach, uns geht es gut. Er versorgt mich großartig. Aber er mischt weiter in der Politik mit, und das wird erst aufhören, wenn er irgendwo in einer Kneipe einen Herzinfarkt kriegt, oder was weiß ich.« Sie sah mich an, blinzelte, schloss die Augen und setzte hinzu: »Die ganze furchtbare Geschichte, die Sie erzählen, klingt so, als könnte sie eine Geschichte von Sven sein. Das muss ich zugeben. Er hat immer schon einen Hang zu Geheimdiensten gehabt. Bei aller Arbeit hatte er es immer mit diesen Geheimen. Er war so als würde ihm seine normale Arbeit nicht reichen. Er suchte den Kick, wissen Sie, er fuhrwerkte andauernd mit irgendwelchen Geheimdienstmenschen herum. Das machte ihm Spaß, das war das Salz in seiner Suppe.«
»Was ist mit diesem Dr. Kanter, diesem Industrieboss?«
»Das ist so die übliche Verbindung von Wirtschaft und Politik. Das ist ein parasitäres Verhältnis. Jeder braucht jeden, und jeder benutzt jeden, und jeder weiß, dass er benutzt wird. Mein Mann hat zum Beispiel dieses Haus hier für mich und die Kinder gekauft. Der frühere Besitzer ist eben jener Dr. Helmut Kanter, den ich übrigens nicht ausstehen kann, weil er mir irgendwie glitschig vorkommt. Aber dieser Hauskauf war normal, alles ist irgendwie normal und gleichzeitig immer die Ausnutzung von Verbindungen, Kreditmöglichkeiten, Sonderkonditionen. Es gibt immer irgendwelche Banker, die alles mitmachen, irgendwelche Kreuz- und Querverbindungen. Mein Mann kann ja nicht mal ein Auto auf die ganz normale Tour kaufen. Da ist immer einer, der das Auto zu besonders günstigen Konditionen verkauft, weil er diesem oder jenem einen Gefallen tun muss, und so weiter und so fort in Ewigkeit, Amen.«
»Waren denn Leute von den Geheimdiensten jemals in Ihrem Haus?«
»Das kam vor, wobei ich meist gar nicht wusste, dass die vom Geheimdienst waren.«
Sie begann unterdrückt zu lachen. »Ich glaube, es ist das Beste, ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Eines Tages, das war so 1987 oder 1988, hatte er abends Besuch. Er hatte mir gesagt, er würde mit einem Herrn in seinem Büro im Dachgeschoss zusammenkommen, und ich müsste unter allen Umständen dafür sorgen, dass ich das Telefon, den Anrufbeantworter, das Radio und das Tonbandgerät aus dem Raum entferne. Ich hatte mich schon an eine Menge komische Sachen gewöhnt und achtete nicht weiter darauf. Ich habe das dann aber vergessen. Also, die kamen zusammen mit meinem Mann, gingen auf den Dachboden und kamen nach ein paar Minuten wieder runter. Mein Mann sagte säuerlich: ›Der Raum ist ja nicht sauber!‹ Ich habe ihn angeguckt, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. Sie sind dann in den Keller gegangen, in dem meine selbstgemachte Marmelade auf einem Regal stand. Da haben sie bei geschlossenem Fenster miteinander geredet. Aber es gab keine Sitzgelegenheiten, also habe ich ihnen Stühle angeboten. Aber sie wollten keine. Ob Sie es glauben oder nicht, die haben zu viert vier Stunden in diesem Keller gestanden und sich irgendetwas erzählt.« Sie schüttelte den Kopf und lachte hell auf.
»Können Sie sich daran erinnern, was vorher los war? Und können Sie sich daran erinnern, von welchem Geheimdienst diese Leute waren?«
»Also, ich denke, es war der Bundesnachrichtendienst. Sven war vorher mit seinem Kumpel Dr. Kanter in Wien gewesen. Vierzehn Tage lang. Und sie hatten, das weiß ich sicher, irgendwelche Wirtschaftsbosse aus dem Ostblock getroffen. Sven war damals ganz begeistert von den Geschäften, die sie angeleiert hatten.«
»Wissen Sie, ob unter den östlichen Wirtschaftsbossen, die sie trafen, auch ein Doktor Bleibe aus Chemnitz war?«
»Aber ja. Das weiß ich deshalb, weil Sven irgendwann aus dem Keller heraufkam und ganz nervös nach einer kleinen Tonbandkassette suchte, die Dr. Bleibe ihm in Wien gegeben hatte. Er fand sie und verschwand wieder im Keller.«
»Kamen solche Treffen häufig vor?«
»In unserem Haus nicht. Vielleicht zwei-, dreimal im Jahr. Aber ich weiß, dass Sven diese Leute relativ oft traf. Glauben Sie denn, dass er irgendetwas Unrechtes angestellt hat?«
»Nein, das glaube ich nicht, dazu gibt es bis jetzt keinen Anlass. Ich glaube eher, dass Ihr Mann von allen möglichen Seiten ausgenutzt wird. Wahrscheinlich ist er der ideale Wasserträger.«
»Was ist das?«
»Nun, das ist jemand, der Botschaften übermittelt, Akten transportiert, immer genau die Hälfte weiß und ständig eingetrichtert bekommt, dass das, was er tut, höchst wichtig für den Erhalt des Staates ist.«
»Also auch jemand, den man schnell opfern kann, nicht wahr?«, fragte sie hellsichtig.
»Ja. Und ich glaube, die Zeit des Opfers ist jetzt gekommen.«
»Kann man das verhindern?« fragte sie schnell.
»Sie lieben ihn noch, nicht wahr?«
»Na sicher.« Sie begann zu weinen. »Wissen Sie, ich glaube, er liebt uns auch. Und immer denke ich: Lieber Gott, lass Schluss sein mit dieser gottverdammten Arbeit für Vater Staat. Lass ihn zurückkommen! Er kann von mir aus eine Kneipe aufmachen oder Versicherungen verkaufen oder was weiß ich. Er kann alles machen, nur nicht diese scheißpolitischen Spielchen.« Sie stand auf, suchte herum, fand ein Taschentuch und schnäuzte sich geräuschvoll.
»Haben Sie ein Tagebuch geführt?«, fragte ich.
»Nur die Zeit, in der die Ehe kaputtging. Das war so 1986 bis 1988. Wir konnten nichts mehr dagegen machen. Er war so erschöpft, dass er sechs Monate lang nicht zu mir ins Bett kam. Er war kaputt. Na sicher, die anderen kannten ihn als den, der immer scharf auf hübsche Blondinen war. Aber das war seine Maske. Ich weiß noch, dass wir mal neu anfangen wollten und er sagte: ›Neuanfang ist nicht, ich bin impotent!‹ Er war es wirklich.«
»Wir müssen jetzt schnell sein«, sagte ich. »Werden Sie Zeit haben, sich über das Tagebuch zu setzen und genau aufzulisten, wo Ihr Mann wann mit wem war? Glauben Sie, dass Sie das rekonstruieren können? Schnell?«
»Wie schnell?«
»Schlafen Sie jetzt nicht mehr. Machen Sie sich literweise Tee und Kaffee, benutzen Sie die Nächte, schreiben Sie alles auf, erinnern Sie sich an Szenen, an Geheimdienstfritzen, an Verfassungsschützer. Machen Sie eine Liste. Haben Sie jemand, der sich um die Kinder kümmern könnte?«
»Da ist eine Abiturientin im Nebenhaus«, sagte sie zögernd.
»Heuern Sie sie an. Hauptberuflich. Ich bezahle. Ist das okay?«
»Und werden Sie nichts gegen ihn schreiben? Und werden Sie nicht morgen in irgendeinem Scheiß-Revolverblatt …«
»Werde ich nicht. Ich kann Ihnen schriftlich geben, dass Sie das Manuskript vorher lesen. Ich muss weg, ich habe viel zu tun.«
»Was kann ich der Kleinen anbieten?«
»Wie bitte?«
»Na ja, ich meine die Abiturientin …«
»Ach so. Bieten Sie ihr zehn Mark die Stunde rund um die Uhr, und zeitlich unbegrenzt, bis Sie fertig sind. Ich lasse Ihnen das Geld für zwanzig Stunden hier. Okay?«
»Okay. Und glauben Sie, er wird …«
»Wir schaffen es, wenn wir schnell sind. Jetzt zum Abschluss die wichtigste aller Fragen. Stellen Sie sich vor, Ihr Mann wird von den Untersuchungsbeamten entlassen. Stellen Sie sich vor, dass er genau weiß, wie gefährdet er ist. Wir wissen zwar nicht, durch wen ihm Gefahr droht, aber nehmen wir an, da läuft jemand herum, der nach ihm sucht, um ihn zu töten. Ihr Mann kann also nicht in seine Wohnung gehen, er kann auch nicht hierher kommen. Wissen Sie, wo Sie persönlich ihn in diesem Fall suchen würden?«
Sie kratzte sich an der Stirn und verzog das Gesicht. »Auf Anhieb würde ich sagen: Bei Marga. Aber das ist wahrscheinlich doch zu gewagt. Oder nein, warten Sie, Marga ist wahrscheinlich richtig.«
»Und wer bitte ist Marga?«
»Eine Puffmutter, oder sagen wir mal eine Gastwirtin. Also Marga ist eine Frau mit Haaren überall, den meisten davon auf den Zähnen. Sie sagt von sich selbst, sie sei eine ganz wilde Pflaume. Wenn die Gäste dann schockiert sind, sagt sie hämisch: ›Meine Haarfarbe heißt wilde Pflaume!‹ Sie hat mal einen Puff in Köln geführt, und sie hat genug Geld gespart, um sich eine Kneipe zu kaufen. Die liegt im Naturpark Bergisches Land. Sie fahren über Bonn, St. Augustin auf die 56 nach Much. Von Much aus geht es zur Drabenderhöhe. Dann rechts Richtung Herferath. Und an dieser Straße steht ein Schild, ein Riesenschild mit einem schwarzen Pfeil. ›Waldeslust‹ steht drauf. Dann sind Sie bei Marga. Sven hat mit Marga nie etwas gehabt, die mögen sich einfach, das sind richtige Kumpel. Ich wette, er geht dorthin. Die hat nämlich auch ein paar Zimmer für harte Jungens, die mal Urlaub machen müssen, wenn die Bullen ins Haus stehen. Natürlich weiß kein Mensch von den Zimmern, außer denen, die drin leben. Und … können Sie ein bisschen auf Sven aufpassen? Er ist doch so ein verrückter Typ.«
»Ich versuche es«, versprach ich.
Ich stand auf und ging hinaus in die Sonne. Die Kinder spielten noch immer in ihrem Sumpf und waren selig darin versunken, im Matsch und in ihren Träumen.
Ich fuhr weiter nach Meckenheim und versuchte, den Pförtner in dem Glaskasten vor dem Bundeskriminalamt dazu zu überreden, Müller anzurufen.
Der Pförtner zierte sich und sagte, dazu habe er so ohne weiteres keine Befugnis. Ich ließ mich nicht auf einen Streit ein und fuhr nach Meckenheim hinein. Dort rief ich Müller aus einer Telefonzelle an:
»Kann ich Sie sofort sprechen?«
»Wir machen einen Spaziergang«, entschied er schnell. »Seien Sie in fünf Minuten auf der Fußgängerbrücke über die Autobahn. Wir besichtigen den deutschen Wald.«
Er kam in einem Fiat-Sportwagen, der feuerrot und voller Beulen war. Er fragte: »Waren Sie bei Sauters Frau?«
»Ja. Und sie sagt, Sauter habe dauernd etwas mit Geheimdienstleuten gehabt.«
»Das deckt sich mit meinen Erfahrungen und Vermutungen. Sie haben ja schon einmal darauf hingewiesen, dass möglicherweise der Bundesnachrichtendienst in dem Fall steckt. Ich konnte das nicht glauben. Jetzt glaube ich es fast, weil die uns erstens geraten haben, Sauter schnellstens wieder in die freie Wildbahn zu entlassen. Ferner haben sie behauptet, Sauter sei ungeheuer wichtig für sie, also unantastbar. Ich habe genug gegen gefragt, wieso er wichtig ist, aber sie verweigern jede Auskunft, sie werden schwammig. Er muss irgendetwas mit dem BND zu tun gehabt haben.«
»Jahrelang, behauptet seine Frau. Jahrelang und dauernd. Glauben Sie denn, dass der BND mit der Sprache rausrücken wird, wenn Sie die Sache auf höchster Chefebene angehen?«
Er schüttelte den Kopf. »Nicht zum Verrecken. Die werden zuklappen wie eine Auster. Sie werden sich schon deshalb tot stellen, weil es für sie peinlich werden könnte.«
»Will Sauter denn fortgeschickt werden?«
»Natürlich. Und wir haben ja auch eigentlich kein Recht mehr, ihn zu behalten. Er schreit schon Zeter und Mordio.«
»Hat das Frettchen ausgesagt?«
»Nein. Aber einer der besten Strafverteidiger der Bundesrepublik hat bereits Laut gegeben. Wer ihn bezahlt, wissen wir nicht, noch nicht.«
»Mit welchem Kaliber ist denn Vera erschossen worden?«
»Damenkaliber, ganz klein und herzig. Und sie war es tatsächlich, die mit dem toten Volker geschlafen hat. Und sie haben auch im Bett der Gütt gelegen. Jetzt raus mit Ihrem Motiv. Sie haben es versprochen.«
»Ich erinnere mich, dass Günther Schulze gesagt hat, auch Amerikaner, Japaner und Schweizer hätten Wirtschaftsgeheimnisse kaufen wollen. Erinnern Sie sich? Nehmen wir einmal an, die Gruppe wollte weiterarbeiten, ihren Markt ausdehnen. Nehmen wir weiter an, dass Volker als Steuermann der Gruppe damit nicht einverstanden war. Nehmen wir an: Er kam aus Chemnitz hierher, um die Gruppe schlafen zu legen, auszuschalten. Nehmen wir an, die Gruppe war nicht einverstanden, denn sie wollte endlich viel Geld verdienen. Sie musste ihn also umlegen. Die Frage ist nur: Wer legte ihn um?«
»Na, die Vera schlief mit ihm und tötete ihn«, sagte er.
»Falsch«, widersprach ich. »Vera hätte die Leiche niemals in den Windbruch tragen können. Sie brauchte dazu einen kräftigen Mann.«
»Dann half ihr eben Sahmer«, sagte er.
»Das ist möglich. Aber wer erschoss dann Sahmer? Und vergessen Sie nicht: Eigentlich kann Vera diesen Volker gar nicht erschossen haben, und sie kann eigentlich auch vorher gar nicht mit ihm geschlafen haben.«
»Wieso denn …« Er war erschöpft, er wollte nicht mehr denken.
»Ganz einfach«, sagte ich. »Vera war zum Zeitpunkt des Todes von Volker auf einem Physiker-Kongress in Wiesbaden. Erinnern Sie sich? Da Sie jedoch, sehr geehrter Herr Kriminaldirektor, beweisen können, dass Vera eben doch mit Volker schlief, und da Sie sogar beweisen können, dass das im Bett der Clara Gütt passierte, muss man die Dinge ein wenig hin und her schieben, um Klarheit zu erlangen. Lassen Sie Sven Sauter laufen.«
»Ungern«, brummte er.
»Können Sie ihn zu dem Zeitpunkt auf die Straße schicken, wenn ich es sage?«
»Sie wollen sein Babysitter sein, nicht wahr?«
»Genau.«
»Baumeister, ich habe eine Bitte: Zeigen Sie mir das Manuskript, bevor es gedruckt wird?«
»Sowieso. Lassen Sie ihn dann raus, wenn ich pfeife?«
»Gut«, sagte er. »Aber Sie wissen: Wenn jemand Sven Sauter töten will, kann er locker nebenbei auch Sie erwischen.«