Siebtes Kapitel
Ich sitze mit einem Becher Tee auf den Stufen vor der Haustür. Die Sonne ist noch nicht herausgekommen, doch Sadie hält mich warm. Alle anderen schlafen noch.
Ich habe schlecht geschlafen und bin früh aufgewacht. Mein Kopf ist immer noch schwer von den Träumen über den Kraken. Ich träumte, ich würde immer tiefer und tiefer hinabtauchen. Ich konnte den Kraken zwar nicht sehen, wusste jedoch die ganze Zeit, dass er da ist – wie ein riesiger Schatten, der auf mich wartete. Das Wasser wurde allmählich kälter und dunkler, während ich in die Tiefe vordrang, dem Schlund des Kraken entgegen …
Mit einem Ruck war ich aufgewacht. Mein Herz hämmerte. Ich glaubte, ein lautes Geräusch zu hören, wie das Schnauben eines Bullen, doch es war nur das Meer. Ich war im Haus von Rainbow und Patrick, darum war die Brandung so laut. Danach hatte ich nicht mehr einschlafen wollen.
Mir ist immer noch kalt. Sadie spürt das anscheinend, denn sie rückt näher an mich heran und legt ihren warmen, schweren Kopf auf meine Knie.
»Es war doch nur ein Traum, oder, Sadie?«
Sadie hebt den Kopf und sieht mich mit wachen Augen an. Soll ich dir die Wahrheit sagen?
»Ja, Sadie, sag mir, was du denkst.«
Das Winseln kommt tief aus Sadies Kehle. Ihre kurzen Nackenhaare haben sich aufgestellt, als hätte sie einen Blick auf meinen Traum erhascht und gesehen, wie der Krake mir auflauerte.
»Das gefällt dir nicht, oder? Du würdest den hässlichen, alten Kraken beißen, wenn du könntest, stimmt’s?«
Plötzlich sehe ich vor mir, wie Sadie wütend hinabtaucht, ihre Zähne in den Kraken schlägt und meinen Beifall erwartet. Ich muss lachen. Sadie sieht mich empört an.
»Ich lache nicht über dich, meine Kleine. Du bist der beste Hund der Welt. Komm her.«
Ich umarme Sadie und sie kuschelt sich an mich. Offenbar hat sie mir vergeben. Ich verscheuche den Traum. Im Moment ist Ebbe, und die Wellen brechen schäumend jenseits der Insel. Sadie und ich waren bereits spazieren, aber sie darf sich jetzt nicht mehr am Strand aufhalten, weil es bereits nach Ostern ist. Keine Hunde am Strand nach Ostersonntag. Wer hat Menschen nur das Recht gegeben, so etwas festzulegen?
Es ist so warm und gemütlich bei Sadie. Ich glaube, sie wird gleich einschlafen. Ich will nur kurz meine Augen schließen. Conor und ich sind letzte Nacht erst nach eins zurückgekehrt, trotzdem war ich schon um halb sechs wieder wach …
»Sapphire?«
Ich zucke zusammen und Sadie springt bellend auf.
»Roger!«
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Na, Sadie, wo ist das Feuer?«
Sadie liebt Roger. Vermutlich weiß sie, dass Roger es war, der Mum in der Hundefrage überredet hat. Sie weiß auch, dass sie an Roger nicht hochspringen darf, also bleibt sie ruhig stehen und zittert vor Wonne, während er sie streichelt.
»Ich hab nicht geschlafen. Ich hab mich nur …«
»Mit geschlossenen Augen ausgeruht? Ist schon okay. Ich wollte nur mal nach dem Rechten sehen, weil eure Mutter heute Nacht plötzlich Angst um euch bekommen hat. Auf einmal konnte sie nicht mehr weiterschlafen.«
»Uns geht’s gut, Roger. Ist gestern Abend bloß ein bisschen spät geworden.«
Roger sieht mich durchdringend an.
»Ja, das scheint mir auch so«, entgegnet er schließlich. »Schläft Conor noch?«
»Ja, die schlafen alle noch.«
»Tja, alle außer dir, Sapphy. Das schlechte Gewissen hält einen ja bekanntlich wach.«
Ich schaue ihn mit gespielter Unschuld an. »Wie meinst du das?«
Er kneift die Augen zusammen. »Du kannst vielleicht deiner Mutter was vormachen, aber nicht mir. Irgendwas hast du doch vor, Sapphire.«
»Ich weiß nicht, wovon du redet.« Wenn ich nichts zugebe, hat er keine Beweise, sondern ist auf Mutmaßungen angewiesen. Er kann doch unmöglich wissen, wo ich gewesen bin. Was ihn betrifft, so war ich die ganze Zeit mit Conor in St. Pirans.
»Ich bin Gloria heute Morgen begegnet«, fährt Roger fort. »Sie war auch sehr früh wach, weil ihr Bein schmerzte. Sie rechnet damit, dass sie nicht mehr lange um die Hüftoperation herumkommt, ob sie will oder nicht. Übrigens hat sie nach dir gefragt, weil sie dich gestern Abend gesehen hat, als du von der Bucht kamst. Sie hat auch nach dir gerufen, aber du hast sie anscheinend nicht gehört. Sie meinte, du hättest es sehr eilig gehabt, deshalb hat sie sich erkundigt, ob alles okay ist.«
»Hm, hat sie noch was gesagt?« Zum Beispiel etwas über klatschnasse Jeans und tropfende Haare an einem kalten Abend im April?
Roger schüttelt den Kopf, schaut mich aber immer noch prüfend an. »Nein, sonst nichts.«
Gloria hat mich also nicht verraten. Sie hat Roger nicht erzählt, dass ich so aussah, als käme ich direkt aus dem Meer.
»Das Entscheidende ist aber, junges Fräulein, dass du in diesem Moment ganz woanders hättest sein sollen. Conor hat uns nämlich erzählt, dass du die ganze Zeit hier warst. Oder hat sich Gloria alles nur eingebildet? Oder gibt es noch ein anderes Mädchen, das genauso aussieht wie du und sich beim besten Willen nicht von der Bucht fernhalten kann?«
Wenn ich doch nur wüsste, was wirklich in Rogers Kopf vorgeht.
»Irgendwas verschweigst du uns, Sapphy. Und leider bin ich auch davon überzeugt, dass Conor gelogen hat, um dich zu decken. Das hätte ich wirklich nicht von ihm erwartet.«
»Conor hat nicht gelogen, um mich zu decken!« Was der Wahrheit entspricht. Conor wollte Mum schützen, nicht mich. Würde sie von der Tiefe und dem Kraken erfahren, hätte sie keine ruhige Minute mehr. Warum sieht Roger nicht ein, dass es manchmal besser ist, nicht alles zu wissen? Keine Fragen zu stellen? Uns einfach in Ruhe zu lassen? Er kann uns sowieso nicht helfen. Er ist ein Mensch – viel zu sehr ein Mensch. Er wäre uns nur im Weg.
»Weißt du, Sapphy, ich dachte, wir beide würden Freunde werden. Ich wünschte, du könntest mir vertrauen«, sagt er. Seine Stimme klingt gepresst und enttäuscht. Er glaubt, dass Conor und ich ihn von unserem Leben ausschließen wollen. Vielleicht stimmt das sogar, aber er versteht nicht, dass wir einen guten Grund dazu haben.
»Okay, ich geh dann wieder. Ich werde deiner Mutter sagen, dass es euch gut geht. Vielleicht kann sie dann ja noch ein bisschen schlafen.«
Seine Worte machen mich traurig und zornig zugleich. Außerdem fühle ich mich schuldig. Warum sagt er so etwas? Ich will mir nicht vorstellen, wie Mum schlaflos im Bett liegt, weil sie sich solche Sorgen um uns macht.
»Wenn Conor aufwacht, kommen wir gleich nach Hause.«
»Das will ich auch hoffen.«
Der helle Morgen trübt sich ein. Am Horizont ist eine scharfe Linie zu erkennen: Wahrscheinlich wird es Regen geben. Mit einem plötzlichen Gefühl der Reue sehe ich Roger den Strand hinaufgehen.
Roger denkt, ich sei eine Lügnerin, die auf Mums Gefühlen herumtrampelt und Conor zum Lügen anstiftet.
Mum glaubt, wir hätten zwei Nächte in St. Pirans verbracht und wären dort in Sicherheit. Doch glaubt sie das nur tagsüber. In der Nacht überfällt sie die Angst. Dann spürt sie, dass wir in Gefahr sind. Ihr Unterbewusstsein weiß Dinge, über die sie sich nicht im Klaren ist – so wie Conor damals die Inschrift auf dem Schlussstein lesen konnte.
Conor denkt … Was denkt Conor? Er glaubt, der Talisman sei eine Botschaft von Elvira, die ihn verleiten soll, in die Tiefe vorzudringen. Sich in Gefahr zu begeben. Conor glaubt, er müsse auf mich aufpassen.
Rainbow glaubt, ich sei ihre Freundin. Dabei verberge ich so viel vor ihr. Ich habe jede Menge Geheimnisse, die ich weder mit Rainbow noch mit irgendjemand sonst in der Menschenwelt teile. Kann ich mich da wirklich ihre Freundin nennen?
Gloria Fortune weiß, dass ich im Meer war, behält dies aber für sich. Warum? Normalerweise erzählen sich Erwachsene so etwas. Vielleicht hält sie – ohne das selbst zu wissen – Indigo die Treue.
Faro … Faros Gedanken sind nicht zu fassen. Sie entgleiten mir wie bunte tropische Fische, die aus Felsspalten hervorschießen und im nächsten Moment wieder verschwunden sind. Es ist so anstrengend, ständig hinter ihnen herzujagen. Manchmal ist Faro mir so nah, dass wir dieselben Gedanken und Träume zu teilen scheinen. So nah, dass wir keine Worte brauchen. Er nennt mich seine kleine Schwester, und manchmal habe ich wirklich das Gefühl, ihn schon immer gekannt zu haben, mit ihm aufgewachsen zu sein. Aber dann ist er mir plötzlich fremd und in einer Welt zu Hause, von der ich nicht weiß, ob ich ihr wirklich angehöre. Faros Loyalität zu Indigo ist grenzenlos. Er würde mich nicht davon abhalten, in die Tiefe zu schwimmen, wenn es den Mer nutzen würde. Ich frage mich, ob er mein Leben riskieren würde, um seine Leute zu retten.
Granny Carne wusste sofort, dass der Talisman nicht von Menschenhand gemacht war. Ihre Sinne reagieren genauso schnell und präzise wie die von Sadie. Du kannst Granny Carne nichts vormachen, selbst wenn du es noch sosehr versuchst. Die Geschichte, die sie mir erzählt hat, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. All die Leute, die sich aufgereiht hatten, um einen Stein aus dem Korb zu nehmen. Die eine Hand unter das Tuch steckten und beteten, dass sie einen weißen Stein erwischten. Doch irgendjemand hatte schließlich den roten Stein in der Hand. Wenn Granny Carne von diesen Leuten sprach, dann schien mir deren Geschichte und deren Leid nicht weit entfernt, sondern immer noch gegenwärtig zu sein.
Ich sah sie deutlich vor mir. Ihre Gesichter waren von Angst verzerrt. Ihre Finger zitterten. Die Kinder schauten ihnen zu. Die Jüngeren waren zu klein, um zu verstehen, was geschah, doch die Älteren hatten nicht weniger Angst als ihre Eltern. Der Bulle unter der Erde verlangte brüllend nach einem Opfer. Was für ein Gefühl muss es gewesen sein, zu den möglichen Opfern zu gehören?
Irgendjemand muss den roten Stein nehmen. Irgendjemand muss den roten Stein nehmen.
Die Wörter hallen durch meinen Kopf, lauter und lauter, doch als es fast unerträglich wird, meldet sich Sadie zu Wort. Ein sanftes, tiefes Knurren dringt aus ihrer Kehle. Es klingt nicht aggressiv, ist aber doch eine Warnung. Es ist dasselbe Knurren, das sie stets ausstößt, wenn ein Unbekannter an unserem Haus vorbeigeht. Es sagt zu mir: »Ich bin hier und beschütze dich. Ich lasse nicht zu, dass dir jemand etwas antut.«
Ich schlinge die Arme um sie und spüre ihren warmen, weichen Hals. Das Knurren kommt immer noch aus ihrer Kehle. Ich reibe mein Gesicht an ihrer Schnauze. Man braucht sich niemals Sorgen zu machen, was Sadie wohl durch den Kopf geht. Sadie würde niemals jemand im Stich lassen, den sie liebt. Ihre Liebe kennt keine Zweifel oder Komplikationen. Sie ist so selbstverständlich und stark wie das Sonnenlicht.
»Ich bin so froh, dass ich dich habe, mein Mädchen.«