Dreizehntes Kapitel
Vor uns ist ein Licht. Es ist nur ein trüber Schimmer, als hätte man ein Stück Stoff vor eine Lampe gespannt. Das Licht streckt seine gierigen Finger nach uns aus, tastet im Dunkeln nach uns. Jetzt fühlt sich die Finsternis wie ein Freund an. Das hier ist die Sorte Licht, die einem Albtraum zu entspringen scheint.
»Das Licht des Kraken«, flüstere ich.
»Was?«
»Es ist das Licht des Kraken. Der Wal hat mir davon erzählt.«
Die Welle des Wals war so stark, dass sie uns direkt bis zur Höhle des Kraken transportiert hat. Ich drehe mich um, und zum ersten Mal, seit wir die Wälder von Aleph verlassen haben, sehe ich die Gesichter von Conor und Faro. Sie sehen aus, als hätten sie Prügel bezogen, nur dass keine blauen Flecken zu erkennen sind. Faro scheint die Erschöpfung sämtliche Energie geraubt zu haben. Conor sieht geschafft, aber entschlossen aus.
»Glaubst du, dass er da ist?«, flüstere ich.
»Natürlich ist er das …«
»Natürlich natürlich natürlich«, sagt eine weitere Stimme, die leicht wie eine Feder und weich wie Seide, doch von derselben Gier wie das Licht ist. »Natürlich bin ich hier, um dich zu begrüßen, myrgh kerenza.« Die Stimme stößt ein schmeichlerisches Kichern aus. »So nennen sie dich doch, oder? Hab ich das richtig gesagt?«
»Woher weißt du …?«
»Oh, ich habe meine Informanten. Du glaubst, dass der Krake keine Freunde hat? Dass mich alle hassen? Nein nein nein nein nein nein nein. So ist das ganz und gar nicht. Und du hast deine Freunde mitgebracht, damit wir miteinander spielen können? Wie nett von dir.«
Seine Stimme schlängelt sich uns entgegen wie der Tentakel eines Tintenfischs. Ich dränge mich dicht an Conor, doch er schiebt mich sanft zur Seite und schwimmt einen Armzug nach vorn.
»Dann zeig dich uns«, sagt er ruhig. »Wie kannst du unser Freund sein, wenn wir dich nicht sehen können?«
»Oh nein nein nein nein nein nein nein nein. So geht das nicht. Ihr müsst kommen und mich erkennen.«
Faro ist jetzt neben Conor, und auch ich gleite durch das bleierne Wasser. All mein Instinkt rät mir, umzukehren und die Flucht zu ergreifen.
»Ihr müsst nur dem Licht entgegenschwimmen. Es ist ganz leicht«, sagt der Krake.
Leuchtende Finger schlängeln sich uns entgegen, doch ehe sie uns berühren können, werden sie jedes Mal von der Kraft der Tiefe zurückgedrängt. Die Tiefe scheint jetzt auf unserer Seite zu sein und uns zu beschützen. Solange wir nicht mit dem Licht in Berührung kommen, kann uns der Krake vielleicht nicht verletzen.
Aber warum sind wir dann überhaupt hierher gekommen, kleine Schwester? Faro ist jetzt so dicht bei mir, dass nicht einmal die Tiefe seine Gedanken vor mir verbergen kann. Warum haben wir das Risiko auf uns genommen, wenn wir nicht kämpfen werden? Wir werden den Kraken bestimmt nicht zum Schlafen bringen, wenn wir uns vor ihm verstecken. Saldowr hat uns einen Auftrag erteilt.
Faros Kampfgeist flößt auch mir neuen Mut ein. Er hat recht. Wir dürfen nicht vergessen, warum wir hier sind. Wegen der weißen Steine und des roten Steins. Wegen der kleinen Mer-Kinder, die noch nie etwas von dem Kraken gehört haben. Wir sind hier, damit das auch so bleibt.
Ihr müsst nur dem Licht entgegenschwimmen.
Der Krake verspottet uns, aber natürlich dürfen wir uns nicht von dem Licht ins Bockshorn jagen lassen.
Faro hat Haltung angenommen und ist bereit, in Aktion zu treten. Ich wünschte, ich könnte so gelassen und entschlossen aussehen wie Conor. Die Lichter greifen nach mir und ich zucke zurück.
Dem Licht entgegen. Dem Licht entgegen.
Die Entscheidung fällt ohne Worte. Wir setzen uns in Bewegung. Würden wir noch länger nachdenken, kämen wir niemals vom Fleck. Langsam schieben wir uns nach vorn, bis uns der erste Lichtfinger berührt.
Es tut nicht weh. Alles in Ordnung. Wir brauchen nicht solche Angst zu haben.
Plötzlich kann ich mich nicht mehr daran erinnern, weshalb wir hier sind. Was soll das für einen Sinn haben? Mein Geist und mein Herz sind so schwer wie meine Glieder. Die Dunkelheit dringt in meinen Kopf. Conor … Faro … Sie sind jetzt Tausende von Kilometern entfernt, hinter einer Mauer aus schwarzem, gefrorenem Glas. Ich sehe und höre sie, doch ich fühle nichts. Was mache ich hier? Warum haben wir überhaupt gedacht, dass wir den Kraken aufhalten müssen? Niemand kann den Kraken aufhalten. Der Krake ist real, alles andere ist Einbildung. Selbst Saldowr … Saldowr …
Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Faro versucht, mich zu erreichen. Das kommt vom Licht, Sapphire. Du musst dagegen ankämpfen.
Langsam wird mir die Bedeutung seiner Worte bewusst. Es ist das Licht, das mein Bewusstsein trübt und alle Gedanken tötet, die ihm nicht passen. Doch vielleicht kennt das Licht ja die Wahrheit. Dass ich auf den Delfinen geritten und mit Faro auf dem Felsen gesessen habe, war vielleicht nur ein Traum. Ein Traum, an den man sich klammert, weil man Angst vor der Wahrheit hat.
Finger aus Licht streichen über meine Haut. Sie tasten, drücken …
Faro hat recht. Ich muss gegen sie ankämpfen. Wie gegen die Tentakel eines Tintenfischs. Muss sie von mir losreißen.
Langsam, mit größter Anstrengung, sammle ich meine Kräfte. Ich werde es nicht zulassen, dass die Lichter meine Gedanken töten. Ich will an den Wal denken. Ihren riesigen, rauen Körper. Ihre Güte. Daran, wie sie mich einst in der Tiefe gefunden und gerettet hat. Sie hätte das nicht tun müssen. Sie tat es nur, weil ihr Herz doppelt so groß wie ihr Körper ist.
Nein, höhnt das Licht. Sie ist alt und dumm und mag dich nur, weil sie dich in ihrer Blödheit mit ihren eigenen Gören verwechselt.
Ich denke an Saldowr. An seine Weisheit und sein Vertrauen in uns.
Vertrauen? Der ist nur verzweifelt, das ist alles. Ihr seid keine Mer. Deshalb macht es ihm auch nichts aus, euer Leben zu riskieren, solange eine minimale Chance besteht, dass sein kostbares Indigo gerettet wird.
Die Delfine. Unser berauschender Ritt durch das sprudelnde Wasser. Delfinsprache, Delfinintelligenz und Delfintreue.
Diesmal zögert das Licht für ein paar Sekunden, ehe es zurückschießt. Die Menschen sind ja verrückt nach Delfinen. Das hält sie aber nicht davon ab, sie zu töten, oder? Wie viele Delfine wurden letztes Jahr bei euch an Land geschwemmt? Wie viele erstickten in Netzen, mit denen man Thunfische fing? Wie sehr euch die Delfine hassen müssen!
Meine Gedanken stocken. Mir fällt nichts mehr ein, was ich dem Licht entgegensetzen könnte. Doch in diesem Moment dreht mich Faro zu sich herum, damit ich ihn ansehe. Sein Gesicht ist von Schmerz verzerrt. Das Licht muss tief in sein Bewusstsein eingedrungen sein.
»Wir müssen … uns helfen, Sapphire. Unsere Gedanken … zusammenschließen. Denk ans Riff.«
Meine Gedanken verbinden sich mit seinen. Wir schwimmen im hellen Sonnenlicht, nur knapp unter der Oberfläche, und betrachten die Schönheit eines Riffs auf offener See. Tang wogt sanft hin und her. Ein Schwarm gestreifter Babyfische wird auseinandergerissen, worauf sich die Fische in Spalten und Hohlräume flüchten. Ein Lippfisch schwimmt an leuchtenden Korallen vorbei. Seesterne strecken ihre Arme aus, öffnen sich dem Geschmack des Salzwassers. Am Felsen haften Juwelen-Anemonen. Und auf allem tanzen grüne und türkisfarbene Lichtreflexe. In der Ferne jagt eine Lederschildkröte hinter ein paar Quallen her …
Was für eine lächerliche Vorstellung des Paradieses – alte Steine und ein paar Fische, die hin und her schwimmen, höhnt das Licht.
Doch diesmal höre ich nicht zu. Die Stimme kann reden, was sie will, die Schönheit des Riffs ist viel stärker als sie. In meinen Gedanken ist Faro bei mir. Er lächelt und hält sich mit kräftigen Armbewegungen auf der Stelle, während die Strömung an uns zerrt. Unsere Haare wirbeln um unsere Köpfe. Ich hoffe, ein paar Samt-Schwimmkrabben zu sehen, die sich Faro zufolge in dieser Gegend aufhalten …
Das Licht zieht sich zurück, kichert immer noch boshaft in sich hinein, findet aber keinen Zugang mehr zu mir.
Doch ich habe Conor ganz vergessen. Auch er wird vom Licht bedrängt. Hat es ihn überwältigt?
»Conor, denk an Elvira.«
»An Elvira?« Conor klingt überrascht. Seine Stimme ist ganz normal. »Warum?«
»Damit das Licht aus deinem Kopf verschwindet.«
»Wie meinst du das?«
Faro und ich starren ihn ungläubig an. »Spürst du denn nichts?«
»Nein. Überhaupt nichts.«
»Oh.«
Während ich also mit dem Licht gekämpft und durch seine Kraft fast ertrunken wäre, ging es Conor ausgezeichnet.
»Das ist ungerecht«, murmele ich.
»Was?«
»Ach, nichts.«
»Dem geht’s einfach zu gut, das ist sein Problem«, brummt Faro.
»Was für ein faszinierender Gedanke«, wiederholt die höhnische samtene Stimme des Kraken. »Euch gefällt mein Licht also nicht. Das ist aber schade. Jammerschade. Manche Leute können ohne das Licht nicht mehr leben. Dennoch seid auch ihr von ihm angezogen worden. Und hier bin ich wieder – hallihallo!«
Ich zucke zusammen. Das zähe Wasser fließt wie Öl um mich herum. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich eine Bewegung. Ein Mann? Nein, es sieht aus wie die Flosse einer Robbe, die so kräftig wie Faros ist. Ein Mer? Aber die Mer können hier unten nicht existieren. Die Flosse verschwindet, dafür windet sich im nächsten Moment eine Seeschlange durch das Wasser und kommt auf mich zu. Zu meiner Linken reißt ein Hai sein Maul auf und entblößt mehrere Reihen spitzer, braun umrandeter Zähne. Ich weiche automatisch nach rechts zurück, aber dort ist eine violette Portugiesische Galeere, die ihre Tentakeln nach mir ausstreckt. Vor mir macht sich ein Piranhaschwarm über ein Stück verrottetes Fleisch her. Als ich mich nach hinten wende, erblicke ich einen Mer, der in einen Umhang gehüllt ist, der Saldowrs Umhang gleicht. Aber es ist nicht Saldowr. Es ist Ervys, der spöttisch lächelnd die Arme verschränkt hat.
Conor und Faro sehen die Gestalten auch. Faro legt seine gekreuzten Finger an die Stirn, um sie abzuwehren. Conor hechtet zu mir und ergreift meine Hand.
Doch dann kommt das Schlimmste von allem, das mich panisch aufschreien lässt. Ich sehe die riesige Nacktschnecke, die stets in meinen Albträumen auftauchte, als ich noch klein war, und mich zitternd aufwachen ließ. Sie stößt ein leises, verräterisches Kichern aus. Es ist diese Art Kichern, die man hört, wenn man von jemand einen Streich gespielt bekommt, den man nicht versteht.
»Das ist er«, zischt Faro mit zusammengebissenen Zähnen. Das ist immer nur er. Er kann verschiedene Gestalt annehmen.«
Die Gestalten schwirren um uns herum, bis uns schwindelig wird.
»Sie sind nicht echt«, sagt Conor und verstärkt seinen Griff um mein Handgelenk. Fast beschwörerisch fügt er hinzu: »Sie können uns nichts anhaben, Saph. Schau mich an, nicht sie.«
Ich tue, was er sagt, und obwohl ich die Reflektion meiner Angst in seinen Augen sehe, fühle ich mich ein bisschen ruhiger. Wir drei sind zusammen. Wir haben einander. Der Krake mag so oft seine Gestalt verändern, wie er will, er bleibt immer derselbe. Und als ich Conors Gesicht betrachte, sehe ich noch etwas anderes. Es ist der Talisman, der um seinen Hals hängt. Vielleicht war es der Talisman, der ihm geholfen hat, in die Tiefe vorzudringen. Vielleicht hat sich damit seine Kraft erschöpft … vielleicht ist er aber auch zu mehr in der Lage. Für einen Moment glaube ich, im Licht des Kraken die Gesichtszüge der Figur zu erkennen.
»Conor, schau, dein Talisman.«
Seine Hand wandert automatisch zu der Figur. Seine Finger schließen sich um den Talisman. Als er die Hand wieder öffnet, sehe ich, dass Conor die ganze Zeit recht gehabt hat. Er hat von Anfang an gesehen, was ich erst jetzt erkenne. Die Figur hat Conors Gesicht, obwohl sie einen Mer darstellt. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber es macht mir Angst. Ist es ein Porträt meines Bruders, wie er heute ist oder wie er sein wird?
Meine Gedanken werden unterbrochen. Conor sammelt seine Kraft. Energie fließt ihm zu, wie damals, als er den Wächterrobben begegnete oder als er die Runen las, die dem Schlussstein halfen, sich selbst zu heilen. Trotz des enormen Wasserdrucks hebt er die Hände empor, als wolle er jemand herbeirufen.
Ein Schauder geht durch mich hindurch. Dies ist mein Bruder, doch zugleich ist es nicht der Conor, den ich kenne, sondern jemand, der Fähigkeiten hat, die sich mein Alltagsbruder nicht mal vorstellen könnte.
»Im Namen unseres Mer-Blutes«, sagt er, als stimme er einen Choral an. »Im Namen unseres menschlichen Bluts. Mer und Menschen, ich rufe euch an.«
Alles kommt zum Stillstand. Die Gestalten verschwinden. Die Welt beruhigt sich. Die boshafte Krakenstimme verstummt.
Er hat es getan, denke ich. Er hat den Kraken zum Schweigen gebracht.
Stille. Mein Körper ist taub. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Sollte Conor wirklich stark genug sein, um den Kraken mit wenigen Worten zu besiegen? Ich würde es ja gern glauben, doch irgendwie kommt mir das zu einfach vor. Faro und ich treiben reglos im Wasser, warten und hoffen. Conors Arme sind immer noch erhoben. Die Stille zieht sich in die Länge, wie ein Tropfen Öl, der jeden Moment von einem Löffel fällt.
Dann höre ich ein leises Kichern. Verdammt. Das ist der Krake, wer sonst. Niemand sonst könnte ein so unscheinbares Geräusch mit so viel Bosheit aufladen. Der Krake kichert erneut, bevor er seine Stimme wiederfindet. Zunächst ist es nur die Ahnung einer Stimme, doch sobald ich sie höre, weiß ich, dass der Krake sich nicht verändert hat. Wie sollte Conor auch einem Monster den Garaus machen, das schon seit über fünfzig Lebensaltern die Tiefe beherrscht? So ist das Leben nicht.
Der Krake ist zurück und so großmäulig wie zuvor. »Netter Versuch«, frotzelt er. »Und da bin ich wieder – hallihallo!«
Seinem ganzen Mut zum Trotz lässt Conor die Arme fallen. Wir drei werden von Verzweiflung ergriffen. Der Albtraum geht wieder von vorn los. Die Figuren kreisen uns ein, verspotten uns, geben keine Ruhe.
»Ich hab mein Bestes getan«, brummt Conor.
»Das weiß ich doch.«
Unsere Stimmen erzeugen in der Tiefe ein hohles Echo. Wir werden den Kraken niemals besiegen. Wir werden hier sterben und der Krake wird über uns lachen.
Ich war so naiv. Ich bin stets davon ausgegangen, dass andere mich schon retten würden: der Wal, Faro oder Conor. Aber das wird nicht geschehen.
»Lasst uns Verstecken spielen«, sagt der Krake kichernd und ist im nächsten Moment verschwunden. Er ist nicht mehr zu sehen, doch ich weiß, dass uns dies nur eine kurze Atempause beschert.
Fieberhaft denke ich nach. Ich muss endlich die tastenden Lichtfinger loswerden, die mich immer noch bedrängen. Niemand wird uns helfen. Wir müssen uns selbst helfen. Das ist unsere einzige Chance.
Ich dachte schon, die Lichter wären verschwunden, doch sie sind immer noch in meinem Kopf. Ich muss sie verscheuchen und dann kann ich vielleicht einen Plan aushecken.
Ich unternehme eine große Anstrengung. Mit äußerster Konzentration denke ich daran, wie ich durch ein smaragdgrünes Meer schwimme. Ich denke an die Stimmen der Delfine. Und an Saldowr, der mich anlächelt und sagt: »Gut gemacht, myrgh kerenza.« All das ist ganz real.
Meine Gedanken klären sich, als würde die Sonne die Wolken beiseiteschieben. Dann sehe ich ihn. Den Spiegel.
»Conor! Der Spiegel! Wir haben den Spiegel ganz vergessen.«
Der Tentakel einer Qualle legt sich über mein Gesicht. Ich schreie auf. Im nächsten Moment sehe ich eine Klaue, die sich abwechselnd schließt und öffnet, während sie in einem Lichtstreifen auf mich zukommt.
»Conor!«
»Schnell!«, flüstert Conor und fummelt am Seegras und Tang herum, mit dem er den Spiegel an seinem Bein festgemacht hat. »Hilf mir, Saph.«
Hektisch versucht er, den Spiegel freizubekommen. Seine plumpen Finger kämpfen gegen die Langsamkeit der Tiefe an. Ich reiße und zerre und breche mir an den harten Stängeln die Nägel ab. Die metallene Rückseite des Spiegels wird sichtbar, dann sein Griff. Ich umfasse ihn und ziehe ihn mit aller Kraft heraus. Hier unten ist er zehnmal so schwer wie in Indigo. Ich kann ihn kaum heben.
Selbst im trüben, diffusen Licht des Kraken glänzt er hell und strahlend. Obwohl ich ihn nicht ansehe, fühle ich mich von ihm geblendet. Doch Faro trifft sein helles Licht mitten ins Gesicht, sodass er sich die Hände vor die Augen schlägt.
»Hab doch gesagt, dass der Spiegel verflucht ist«, brummt er.
»Faro, bist du verletzt?«
»Hat mich geblendet, warte …«
Faro nimmt eine Hand herunter und stößt mich weg. Seine Schwanzflosse peitscht vor Schmerz das Wasser auf. Bitte, bitte, er darf nicht blind sein, flehe ich im Stillen.
»Geht schon wieder. Ich kann dich sehen. Guck nicht so erschrocken, kleine Schwester.«
»Lass dich anschauen.«
Ich blicke ihm in die Augen. Sie sind blutunterlaufen, doch das Leben ist in sie zurückgekehrt. »Oh, Faro, ich habe mir solche Sorgen gemacht.«
Faro sieht zufrieden aus. »Der Spiegel ist wirklich verflucht«, sagt er und schüttelt den Kopf, als versuche er die Angst abzuschütteln, die uns beide ergriffen hat, als wir dachten, der Spiegel habe ihn vielleicht blind gemacht.
Doch der Krake ist wieder da. Diesmal kommt er uns in Gestalt einer Garnele entgegen. Ich lasse meine Hand sinken und verstecke den Spiegel hinter meinem Rücken.
»Ich bin’s nur«, sagt die Garnele. Sie klingt schüchtern und liebenswürdig, doch das aufgepeitschte Wasser verrät den ganzen Hass, die Bosheit und Wut des Kraken. »Ich kriege so selten Besuch, deshalb versuche ich, eine gute Show abzuliefern. Erinnert mich noch mal daran, warum ihr gekommen seid.«
Er scheint auch weiterhin eine Garnele zu bleiben. Und wer will schon einer Garnele etwas antun?
Hör auf damit, Sapphire. Konzentrier dich auf deine eigenen Gedanken und lass den Kraken nicht in deinen Kopf.
Ich halte immer noch den Spiegel hinter meinem Rücken. Sein Gewicht zieht meine linke Hand nach unten. Es wäre so leicht, ihn loszulassen. Das ist es, was der Krake will. Warum soll ich ihm nicht seinen Willen lassen? Er ist doch nur eine harmlose Garnele mir zitternden Härchen und einem süßen Schwanz – was sollte die uns schon tun?
Er ist ein Krake. Ein Monster. Er verschlingt Kinder.
»Du bist der Krake«, sage ich laut. »Du tötest Mer-Kinder.« Die Garnele schüttelt sich vor Lachen. »Ich töte Kinder? Wo hast du bloß diesen Unfug her? Natürlich sind sie umgekommen. Aber was kann ich denn dafür, wenn die Eltern ihre Kinder bis an die Grenze der Tiefe bringen und dann sich selbst überlassen? Immer wird der arme alte Krake dafür verantwortlich gemacht. So ist es schon immer gewesen. Sobald jemand wie ich versucht, die Welt zu verbessern, wird er beschuldigt, ein Mörder zu sein.«
In all ihrer Selbstgerechtigkeit wirkt die Garnele nicht mal unglaubwürdig. Ich werfe Conor einen unsicheren Blick zu.
»Er lügt«, sagt Faro. »Hörst du nicht die schleimige Verlogenheit in seiner Stimme?«
Für den Bruchteil einer Sekunde türmt sich die Klauenkreatur vor mir auf, dann hat sich der Krake wieder in eine Garnele verwandelt. »So ist das eben«, sagt sie kleinlaut. »Ich werde immer falsch eingeschätzt.«
»Richtig eingeschätzt«, widerspricht Conor. Für eine Tausendstelsekunde erscheint erneut die bedrohliche Klauenkreatur, dann hat der Krake seine Selbstbeherrschung wiedererlangt. Ich tue so, als hätte ich nichts bemerkt.
»Wir sollten nicht so hart über den Kraken urteilen. Conor«, sage ich. »Vielleicht stimmt es ja, was er sagt, und wir tun ihm unrecht. Denkt nur daran, was man uns alles über ihn erzählt hat, was für ein schreckliches Monster er angeblich ist. Aber wie soll denn so eine kleine Garnele den Meeresgrund zum Beben bringen und halb Indigo zerstören? Wie könnte so ein harmloses Wesen einem Kind etwas antun? Schaut es nur an. Das ist doch völlig unmöglich.«
Faro und Conor drehen sich schockiert um und starren mich ungläubig an. Die Garnele macht einen Freudensprung.
»Endlich mal jemand, der mich versteht.«
Ich schaue ihn an und kann nur mit äußerster Anspannung verhindern, dass ich am ganzen Körper zu zittern beginne. Ich bin jetzt auf einer Wellenlänge mit dem Kraken. Ich verstehe ihn. All seine unterdrückte Wut und Grausamkeit sickert nun durch das Licht direkt in mich ein und bereitet mir Übelkeit. Doch ich schlucke den Brechreiz hinunter und fahre mit fester Stimme fort: »Ich bin sicher, dass der Krake den Mer wirklich helfen will, aber sie verstehen ihn einfach nicht.«
Faro zischt mir durch die Zähne etwas zu, als könne er nicht glauben, was er da hört. Conor sieht mich prüfend an.
»Saldowr tut, als wäre er so weise«, fahre ich fort, »aber er weiß gar nichts. Na, egal, die Leute sagen sowieso schon, dass es mit Saldowr zu Ende geht.«
Ich warte auf einen Ausbruch von Faro, doch nichts passiert. Conor hat ihm eine beruhigende Hand auf die Schulter gelegt, aber das wäre gar nicht nötig. Faro hat begriffen, was ich vorhabe. Seine Augen glühen vor Aufregung.
»Zu Ende geht!«, kreischt die Garnele mit einer Mischung aus Freude und Verachtung. »Zu Ende geht zu Ende geht zu Ende geht. Ich wusste, dass es geschieht. Saldowr glaubt, dass er so groß ist, doch wurde er mit dem Gezeitenknoten fertig? Wurde er wurde er wurde er?«
»Nein«, antworte ich und versuche, möglichst kleinlaut zu klingen. »Wir dachten, dass er zu allem in der Lage wäre, aber wir haben uns geirrt. Und ich glaube, er hat sich auch in dir geirrt. Er wollte nur nicht dein Freund sein, weil du mächtiger bist als er. Aber wir möchten deine Freunde sein.«
»Ihr wollt meine Freunde sein? Wirklich wirklich wirklich wirklich? Oder sagt dein kleines Plipper-Plapper-Mäulchen das nur, damit ihr heil von hier davonkommt? Worte Worte Worte Worte Worte. Vielleicht wollt ihr den armen kleinen Kraken ja nur reinlegen.«
Die Garnele läuft im Zickzack hin und her, bis mir schwindelig ist. »Vielleicht vielleicht vielleicht vielleicht«, brabbelt sie, nur wenige Zentimeter von meiner Nase entfernt. Ich runzele die Brauen und schlage mir dann mit der Hand gegen die Stirn, als sei mir plötzlich etwas eingefallen. Die Garnele schießt davon, immer noch sirrend wie ein Moskito.
»Hör zu, wir können beweisen, dass wir als Freunde gekommen sind. Freunde geben sich doch Geschenke, nicht wahr?«
»Geschenke!«, schreit die Garnele.
Und bevor sie dieses Wort ewig wiederholt, fahre ich rasch fort: »Ja, ein Geschenk. Wir haben etwas aus Saldowrs Schatzkammer mit in die Tiefe gebracht. Er weiß nicht, dass wir es einfach genommen haben – nun, wahrscheinlich wird er es gar nicht merken. Wir haben es nicht gestohlen oder so. Aber egal, er kann sowieso nichts mehr dran ändern.« Ich ringe mir ein schmeichlerisches Lächeln ab. »Und weil es so viele Missverständnisse zwischen uns gegeben hat, möchte ich, dass du es bekommst. Als Geschenk.«
»Aus seiner Schatzkammer!« Die Garnele kann ihren Triumph kaum verbergen. »Das hättest du nicht tun sollen, mein liebes Mädchen. Tun sollen tun sollen tun sollen.« Die Garnele stößt ein helles Kichern aus. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, die furchtbare Freude des Kraken oder seine abgrundtiefe Bosheit.
»Conor hat ihn an seinem Bein festgebunden, damit Saldowr nichts sieht. Schau, hier ist er. Wir haben ihn den ganzen Weg bis in die Tiefe mitgenommen.«
Mit all meiner Kraft hebe ich den Spiegel und halte dem Kraken die Rückseite entgegen. Diesmal glänzt er nicht. Trotzdem schießt die Garnele sofort durch das Wasser, entfernt sich vom Licht und verschwindet in der Tiefe.
»Es ist ein Spiegel«, sage ich mit sanfter, lockender Stimme. »Saldowrs Spiegel. Einen solchen Spiegel gibt es kein zweites Mal in der Welt. Niemand darf in ihn hineinsehen. Typisch Saldowr. Die besten Dinge will er immer für sich selber haben.«
Stille. Keine Reaktion. Der Krake hat mich durchschaut. Er weiß, dass dies ein Trick ist.
Ich bekämpfe einen Anflug von Verzweiflung. Der Wal ist verschwunden. Conors Kraft hat nicht ausgereicht, der Krake ändert ständig seine Gestalt und lacht uns aus, ehe er irgendwann seine Rache ins Werk setzen wird. Nichts hat geklappt. Was sollen wir jetzt noch tun?
Nein, ich will mich vom Licht nicht zu solchen Gedanken verführen lassen. Wir müssen kämpfen. Wir haben nichts mehr zu verlieren.
»Halt den Spiegel hoch, Saph, damit er ihn sehen kann«, murmelt Conor.
Erneut hebe ich den schweren Spiegel. In der Strömung des Wassers ist es noch schwieriger, ihn zu halten. Mein Handgelenk schmerzt, während ich ihn langsam hin und her bewege. Ich versuche, den Kraken zu locken, halte die Spiegelfläche aber nach unten, damit er sie nicht sehen kann.
»Saldowrs Spiegel«, sage ich versonnen, als spräche ich zu mir selbst. »Er wird so wütend sein, wenn er merkt, dass wir ihn gestohlen und in die Tiefe gebracht haben. Er hält ihn immer in seiner Schatzkammer versteckt, weil jeder, der hineinschaut, von der Macht des Spiegels erfüllt wird – ohne diese Macht hätten wir natürlich niemals in die Tiefe kommen können. Dieser Spiegel zeigt dir nicht, wie du heute bist – sondern, wie du einmal sein könntest.«
»Das hättest du nicht sagen sollen!«, raunt Conor.
»Ist okay, Con, hat keiner gehört.«
Die Stille hat sich verändert. Jetzt ist es eine wartende, lockende Stille. Der Krake ist gierig, aber durchtrieben. Vielleicht ahnt er, dass auch wir durchtrieben sein können.
Schließlich tastet sich eine Antenne der Garnele langsam und vorsichtig aus dem Dunkel heraus. »Ich komme, ob ihr wollt oder nicht«, kichert der Krake.
Und da ist er. Er sieht immer noch wie eine Garnele aus. Ich frage mich, warum er die Gestalt nicht mehr wechselt. Vielleicht hat es mit dem Spiegel zu tun – oder dem Kraken gefällt es, als Garnele durch die Gegend zu laufen.
»Aber ich weiß nicht, was passiert, wenn jemand in den Spiegel schaut, der so mächtig ist wie der Krake«, sage ich. »Er ist doch schon so stark. Vielleicht sollte man das lieber nicht riskieren.«
»Gib ihn mir.« Die Stimme klingt plötzlich gierig, hat ihre Zurückhaltung aufgegeben.
»Du bist zu leicht«, entgegne ich. »Der Spiegel würde dich zerquetschen. Ich könnte ihn für dich halten, wenn du willst.«
»Wenn ich will. Wenn ich will. Oh nein nein nein nein nein nein nein. Ich will absolut nicht. Ich tue nicht, was andere mir sagen. Dann frage ich mich nämlich, warum sie das tun. Warum warum warum warum warum? Du schaust zuerst in den Spiegel, myrgh kerenza, dann sehen wir, was passiert. Und ich schaue dir über die Schulter, sicherheitshalber, bevor ich selbst einen Blick riskiere.«
Ich schaue den Kraken erschrocken an. Ich soll hier in den Spiegel schauen, in der Tiefe, ohne Saldowrs Schutz? Und der Krake blickt mir über die Schulter? Das kann und will ich nicht tun. Saldowr sagt, der Blick sei nur für eine einzige Person bestimmt, und niemand sonst kann an ihm teilhaben. Und was ist, wenn der Spiegel wieder einen Lichtblitz ausstößt und mich blendet, vielleicht mein Augenlicht zerstört?
»Ich mach das«, sagt Faro beiläufig, »wenn dich das beruhigt.«
»Du! Du … du Mer-Junge. Warum sollte mich irgendwas interessieren, das du im Spiegel siehst?«, fragt die Garnele hochmütig.
»Ja, das verstehe ich. Es wird bestimmt nicht sehr interessant sein«, sagt Faro, dessen Stimme immer noch so leicht und unbeschwert ist, als würde er mich an einem Sommertag im sonnigen Wasser necken. »Auf den Anblick werde ich sicher nicht stolz sein. Das hätte ich auch nicht verdient. Ich bin ja nur ein ganz gewöhnlicher Mer-Junge, der in seinem Leben noch nichts Besonderes zustande gekriegt hat. Aber dann weißt du jedenfalls, wie der Spiegel funktioniert.«
Der Krake ist immer noch misstrauisch. »Dieses ganze Gerede über Spiegel«, grummelt er. »Ich hätte euch schon vor Stunden töten sollen. Ihr raubt mir nur meine Zeit, und das gefällt mir nicht. Oh nein nein nein nein nein.«
»Ach, wenn ich doch nur zusehen dürfte, wie der Krake in den Spiegel schaut«, sage ich zu Conor. »Stell dir vor, was eines Tages aus ihm werden könnte!« Der Krake beißt an.
»Zuerst der Mer-Junge. Zuerst der Mer-Junge. Er darf ruhig in den Spiegel schauen, damit er weiß, was ihn erwartet. Erst schaut er und dann stirbt er.«
Oh, Faro. Ich habe das Gefühl, dass mein Herz vor Kummer zusammengedrückt wird. Wir sind in der Tiefe und es gibt keine Rettung. Warum sind wir hierher gekommen? Warum haben wir je geglaubt, etwas gegen den Kraken ausrichten zu können?
Faro schwimmt mit solcher Leichtigkeit zum Spiegel, als warte er nur auf eine passende Strömung, um sich an ein fernes Ziel tragen zu lassen. Er presst die Lippen aufeinander. Nichts sonst verrät seine Anspannung, und ich glaube auch nicht, dass der Krake dies bemerkt. Er kennt Faro nicht, weiß nicht, wie mutig er ist und dass er sein Leben riskiert hat, um hierher zu kommen …
»Faro!« Ich wollte das eigentlich nicht laut sagen. Das Wort kam mir unwillkürlich über die Lippen. Sein Stirnrunzeln bringt mich zum Schweigen.
»Halte den Spiegel, kleine Schwester.«
Es ist die schlimmste Aufgabe, die ich je zu erfüllen hatte. Während ich langsam den Spiegel hebe, kommt es mir so vor, als würde ich Faros Todesurteil unterschreiben. Hat er erst mal in den Spiegel geschaut, wird der Krake kurzen Prozess mit ihm machen. Warum habe ich nur damit angefangen?
Faro blickt in den Spiegel. Selbst im trüben Licht des Kraken sehe ich, dass die Farbe aus seinem Gesicht weicht. Ich versuche, Kontakt mit ihm aufzunehmen, doch er hat seine Gedanken abgeschottet, und so komme ich nicht an sie heran. Ich weiß nicht, was er sieht, doch es besteht kein Zweifel, dass ihm der Anblick schwer zu schaffen macht.
Der Krake gleitet näher an Faro heran. Er versucht, sein Gesicht im Spiegel zu erkennen, ohne sein eigenes sehen zu müssen. Der Krake späht seitwärts durch das Wasser und ist vor boshafter Schadenfreude schier aus dem Häuschen.
»Oh, Mer-Junge. Oh, dummer, kleiner Mer-Junge, der ein anderer ist, als er zu sein glaubt! Wie schrecklich! Wie außerordentlich schrecklich! Aber mach dir keine Sorgen, kleiner, dummer Mer-Junge, du musst dich nicht mehr lange quälen. Bald wirst du tot tot tot tot sein, dann musst du dir keine Sorgen mehr über dein Blut machen, weil du dann keins mehr haben wirst.«
Mir ist übel. Der Krake ist nicht zu bezwingen. Egal, was wir versuchen, er behält am Ende doch wieder die Oberhand. Er muss einfach in den Spiegel schauen. Doch warum sollte er das tun, nachdem er gesehen hat, was für schreckliche Wahrheiten der Spiegel bereithalten kann? Ich muss ihn irgendwie überreden. Ihn in Versuchung führen. Ihn davon überzeugen, dass er im Spiegel etwas ganz Wunderbares zu sehen bekommt.
»Armer, alter Faro«, sage ich kaltherzig und zwinkere dem Kraken zu. »Der Spiegel hat dir anscheinend nichts Nettes gezeigt. Wie sollte er auch!« Der Krake kichert.
»Saldowr wird furchtbar wütend sein«, fahre ich fort und gebe meiner Stimme einen ängstlichen Klang. »Ihm graute davor, dass …«
»Dass was?«
»Ach, nichts. Er wusste, dass du sowieso nicht in den Spiegel schauen würdest. Er sagte, du könntest den Anblick deines eigenen Spiegelbilds nicht ertragen.«
»Das hat er gesagt? Gesagt gesagt gesagt gesagt«, brabbelt der Krake. »Angst vor meinem Spiegelbild? Angst vor meinem Schatten – hat er das gesagt?«
»Ach, nein, ich hätte dir das gar nicht erzählen sollen.«
»Aber du hast es erzählt. Ihr Menschen seid kleine Plipper-Plapper-Mäulchen. Saldowr will nicht, dass ich in seinen kostbaren Spiegel schaue? Ha! Er hat Angst gehabt. Angst angst angst angst angst. Will seinen kostbaren Spiegel unbedingt für sich behalten. Für sich für sich für sich. Er ist so egoistisch. Versucht dem Kraken das vorzuenthalten, was rechtmäßig sein ist …«
Er gleitet näher an den Spiegel heran. Der Spiegel lockt ihn zu sich. Der Krake will seine ganze Pracht und Herrlichkeit sehen. Seine Eitelkeit ist noch größer als seine Furcht und sein Misstrauen. Er ist fest davon überzeugt, seine eigene Größe betrachten zu können.
»Hässlicher Mer-Junge«, murmelt er. »Hässlicher, hässlicher, kleiner Mer-Junge. An deiner Stelle würde ich mir nicht mal wünschen zu leben. Aber keine Sorgen, bald wirst du tot sein. Tot tot …«
Er hält inne und gleitet noch näher an den Rand des Spiegels heran. »Doch bevor ich mir die Mühe mache, euch zu töten«, fährt er mit einer Stimme fort, die leiser, sanfter und bedrohlicher ist als je zuvor, »werde ich Saldowr eins auswischen. Jetzt bin ich dran mit dem Spiegel.«
Der Krake stellt sich in Positur – und fährt herum.
Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Der Krake schaut tatsächlich in den Spiegel.
Für einen langen Moment herrscht absolute Stille. Ich warte darauf, dass er geblendet oder von seinem Spiegelbild getroffen wird wie der Blitz. Aber der Moment zieht sich in die Länge. Der Krake schaut und schaut … Er hat immer noch die Gestalt einer Garnele – doch nicht nur das. Trugbilder wachsen aus ihm hervor und bewegen sich in Richtung des Spiegels. Die Klauenkreatur, die Seeschlange, die Portugiesische Galeere, der gefräßige Hai und der Piranhaschwarm. Sie prallen auf den Spiegel und werden von ihm zurückgeworfen. Mit jeder Spiegelung scheinen sie größer und realer zu werden. Der Spiegel verleiht ihnen Stärke. Er vervielfacht die Dämonen, die der Krake aus sich selbst erschafft. Mit jeder Verwandlung seiner Gestalt gewinnt er an Macht.
Mein Blut gefriert zu Eis. Was habe ich nur getan? Wir alle werden sterben, und für die Mer besteht keinerlei Hoffnung mehr.
»Oh ja ja ja ja ja ja ja«, dringt die unpassend helle Garnelen-Stimme aus der Masse der Monster heraus. »Wie stark ich bin! Wie mächtig ich bin!«
Dann schießt ein Blitz aus dem Spiegel hervor.