Zehntes Kapitel
Keine Zeit mehr, um Mum noch einmal zu sehen. Keine Zeit, um mich von Sadie zu verabschieden. Alles geht viel zu schnell.
Dad hat mir immer gesagt, dass ich nichts für die Zukunft versprechen soll, was ich nicht auch heute tun würde. Manche versprechen dir das Blaue vom Himmel herunter, Sapphy.
Ich schwimme wieder nach unten und gleite durch die Öffnung von Saldowrs Höhle. Zu meiner Verblüffung ist sie jetzt hell erleuchtet, obwohl der Wal immer noch den Eingang blockiert. Meine Augen brennen, weil sie geblendet werden. Kleine funkelnde Lichtpunkte befinden sich überall an den Wänden, an der Decke, sogar um Saldowrs Steinliege herum. Sie erinnern mich an die Punkte, die mich aus dem Tunnel herausgelotst haben, doch diese sind viel, viel heller. Ich kann nicht einmal die kleinen Kreaturen sehen, die das Licht aussenden, weil sie von ihm überstrahlt werden. Es ist ein leuchtend grünes und silbriges Licht, das kalt, aber wunderschön ist.
Während meiner kurzen Abwesenheit hat sich hier alles verändert. Saldowr liegt nicht mehr, sondern sitzt aufrecht, ein paar Kissen aus gewebtem Seegras in seinem Rücken. Ein Mädchen mit langen Haaren beugt sich über ihn und pflegt vorsichtig seine Schulter. Elvira. Conor sieht mich nicht, weil er nur noch Augen für sie hat. Faro hält eine Korallentasse an Saldowrs Lippen. Ein leises Lachen dringt zu mir herüber.
Ich spüre einen Anflug von Empörung. Offenbar verbringen hier alle eine schöne Zeit miteinander, während ich mich darauf vorbereite, dem Monster die Stirn zu bieten. Wenn man Conor so ansieht, sollte man nicht glauben, dass es noch irgendetwas anderes auf der Welt gibt als Elvira. Wie ist sie hierher gekommen? Sie muss durch den Spalt zwischen dem Wal und der Höhle geschwommen sein. Es reicht ihr offenbar nicht, ihm den Talisman gegeben zu haben, jetzt will sie Conor auch noch überallhin begleiten.
Ich will, dass Elvira meinen Bruder in Ruhe lässt. Ich bin zwar nicht eifersüchtig – natürlich nicht, aber sie ist Mellina zu ähnlich. Ich will nicht, dass mir auch noch mein Bruder gestohlen wird.
»Oh, hallo, Elvira«, sage ich beiläufig, als ich zu Saldowrs Lager schwimme. »Ich hatte dich vorher noch gar nicht gesehen. Was machst du hier?«
»Sie versorgt Saldowrs Wunde«, antwortet Conor, ohne den Blick von Elvira abzuwenden. »Sie macht einen Wickel, um die Entzündung herauszuziehen.«
Interessiert es ihn nicht einmal, wo ich gewesen bin? Mir hätte ja auch etwas zustoßen können. Aber er scheint sich überhaupt keine Gedanken darüber zu machen, was vor Saldowrs Höhle passiert ist. Hauptsache, Elvira ist bei ihm.
Früher mochte ich sie, aber das war, bevor ich begriffen habe, worum es ihr wirklich geht. In der Nacht der Flut hat sie sich als Freundin erwiesen und mir geholfen, als ich mein Bein beim Zusammenprall mit der Wand verletzt hatte. Doch inzwischen weiß ich, dass sie ausschließlich an Conor interessiert ist.
Der Talisman hat mir die Augen geöffnet. Eigentlich komisch, dass Elvira nicht gleich einen Schriftzug eingraviert hat: ICH WILL, DASS CONOR NACH INDIGO KOMMT UND EIN MER WIRD, GENAU WIE SEIN VATER.
Aber das wird nicht geschehen, Elvira. Hübsch zu sein und allen zu helfen und Conor das Gefühl zu geben, dass er die fantastischste Person des Universums ist, reicht nicht aus. Conor wird Mum niemals so verletzen wie Dad es getan hat. Außerdem liebt er die Menschenwelt einfach zu sehr, als dass er sie verlassen könnte. Da sind alle seine Freunde, das Surfen, seine Musik …
Doch auch Dad hatte so vieles, das ihn mit der Menschenwelt verband. Mum und uns, die Peggy Gordon, seine Arbeit, all die Einwohner unseres Dorfes, die ihn ihr Leben lang kannten. Und allem hat er den Rücken gekehrt.
Conor schaut Elvira bewundernd zu, während sie mit federleichten Fingern etwas auf Saldowrs Wunde streicht.
»Ach, natürlich, Elivra ist ja eine Heilerin«, sage ich schnippisch. Die dunkelgrüne Paste, die sie aufgetragen hat, sieht eher nach Gift als nach einem Heilmittel aus. Darauf legt sie ein Päckchen aus Meeresmoos, bevor sie die Schulter fachmännisch verbindet. Widerwillig muss ich einräumen, dass sie offensichtlich weiß, was sie tut.
Als Elvira fertig ist, stößt Saldowr ein Seufzen aus, lehnt sich zurück und dankt ihr.
»Du hast gute Hände, Elvira«, lobt er sie. »Wenn du fleißig bist, kann eines Tages eine große Heilerin aus dir werden.«
Ich unterdrücke ein Lächeln, weil es mich so an das erinnert, was Mum stets zu mir sagt: dass ich mal Karriere machen könnte, falls ich fleißig bin und später die Uni besuche. Erwachsene sind doch überall gleich.
Aber es gibt nichts zu lächeln, sage ich mir streng. Elvira und ihre wunderbaren Hände können mir völlig egal sein. Elvira blickt auf und entgegnet mit nervtötender Bescheidenheit: »Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss.«
Allerdings, denke ich, zum Beispiel, dass du dich geschnitten hast, wenn die glaubst, mein Bruder gehöre zu dir.
»Wollt ihr nicht wissen, wo ich gewesen bin?«, frage ich in die Runde und bereue es sofort. Ich höre mich an wie ein beleidigtes kleines Kind, das die ganze Zeit in seinem Versteck gewartet hat, obwohl die anderen längst etwas anderes spielen. Ich beiße mir auf die Lippen. Sollen sie doch fragen, wenn es sie interessiert.
Conors Augen reißen sich von Elvira los und schauen mich so verklärt an, als sei er gerade aus einem wunderschönen Traum erwacht. »Oh, Sapphy. Saldowr hat gesagt, dass ein Wal dich sehen wollte – derselbe Wal, der dich damals aus der Tiefe mitgenommen hat.«
Trotzdem hast du mich keines Blickes gewürdigt, als ich zurückgekehrt bin, denke ich. Du hast bloß weiter Elvira angegafft.
»Ja.«
Conor wartet darauf, dass ich fortfahre. Faro verfolgt die kleine Szene mit herausforderndem Lächeln. Seiner schnellen Auffassungsgabe entgeht einfach nichts.
»Was wollte der Wal von dir?«, fragt Conor schließlich, weil ich nicht weiterspreche.
»Sapphire wiedersehen natürlich. Das ist doch ganz normal«, antwortet Faro verschmitzt.
»Wale schwimmen doch nicht Hunderte von Kilometern, nur um jemand zu besuchen, Faro«, entgegne ich gereizt. »Es ist ein Walweibchen, und sie weiß über den Kraken Bescheid. Sie will mich mit in die Tiefe nehmen.«
Conor spürt meine Gereiztheit, scheint aber nicht zu verstehen, woher sie kommt, und sagt mit besänftigender Stimme: »Ausgezeichnet, das ist doch genau das, was wir wollen.«
»Es ist vielleicht das, was du willst, Conor. Aber du musst ja auch nicht in die Tiefe.«
»Ich hab doch gesagt, dass ich dich begleite.« Auch seine Stimme ist schärfer geworden. »Tu doch nicht so, als müsstest du alleine gehen.«
»Absolut richtig«, sagt Faro, dessen spöttischer Unterton verschwunden ist. »Ich werde auch mitkommen, kleine Schwester.«
Manche versprechen dir das Blaue vom Himmel herunter, denke ich. Wartet nur ab, bis ihr wisst, was uns erwartet.
»Sie wartet draußen auf mich«, sage ich. »Sie will, dass wir uns jetzt gleich auf den Weg machen. Jetzt oder nie, hat sie gesagt.«
Elvira erstarrt, als sie gerade Saldowrs Umhang wieder über seine Schulter ziehen will. »Jetzt gleich?«, wiederholt sie. »Aber Conor …«
»Der kommt schon zurecht. Er hat ja deinen Talisman«, entgegne ich schroff und sehe, wie Conor unwillkürlich eine Hand um den Talisman schließt.
»Du weißt, wie gern ich mit dir kommen möchte, Conor, aber es geht einfach nicht«, sagt Elvira, die sich ausschließlich an ihn gewandt an. »Ich würde euch nur eine Last sein. Deshalb habe ich auch den Talisman für dich gemacht. Ich kann nicht einmal so tief tauchen wie Faro. Dann schießt mir das Blut in den Kopf, und vor meine Augen schiebt sich ein schwarzer Vorhang«, fügt sie poetisch hinzu, was meine Gereiztheit noch verstärkt.
»Bestimmt eine Mer-Sache«, sage ich und werfe Faro einen vielsagenden Blick zu. Aber er tut so, als wisse er nicht, worauf ich anspiele.
»Ich verstehe das absolut, Elvira«, sagt Conor so sanft und warmherzig, dass ich einen Stich im Herzen spüre, als sei es von dem Splitter durchbohrt worden, der einst Saldowr verletzte. Warum darf Elvira schwach sein, und alle sind voller Verständnis und Mitgefühl, während sie es gleichzeitig völlig normal finden, dass ich mein Leben riskieren werde?
Was ist nur los mit mir? Egal was es ist, ich muss damit aufhören. Ich war noch nie eifersüchtig auf Conor, und ich hasse Selbstmitleid. Ich will stark sein – warum soll ich mich also darüber aufregen, dass andere mich so sehen?
Weil du Angst hast. Natürlich, das ist es. Mein Magen krampft sich vor Angst zusammen. Meine Gedanken springen panisch hin und her, auf der Suche nach einem Ausweg. Einer Entschuldigung. Aber der Wal wartet auf mich. Wir müssen uns beeilen …
»Wir dürfen den Wal nicht warten lassen, Conor.«
»Wale sind Warten gewohnt«, sagt Saldowr. »Aber du hast trotzdem recht: Wir sollten so höflich sein, ihr eine Nachricht zukommen zu lassen.«
Er klatscht sanft in die Hände. Im nächsten Augenblick flitzt ein Makrelenschwarm durch die Öffnung. Mit ihren grünen, blauen und silbernen Streifen sind sie so schön wie Juwelen. Sie schwimmen zu Saldowr und schlängeln sich bunt schillernd um seinen Kopf, während er leise murmelnd zu ihnen spricht – zu leise, als dass wir etwas verstehen könnten. Der Makrelenschwarm ändert seine Formation, wie bei einem Tanz, dessen Musik sich verändert. Faro flüstert mir zu: »Sie prägen sich Saldowrs Botschaft ein. Sie speichern die Erinnerung in ihren Körpern und dann im gesamten Schwarm, nicht in ihren Köpfen.«
Der Tanz der Makrelen geht noch ein paar Sekunden weiter, dann strömen sie aus der Höhle hinaus.
»Sie wird warten«, sagt Saldowr, »dennoch müssen wir uns beeilen. Wir haben eine große Aufgabe vor uns und nicht viel Zeit.« Er macht eine Pause, muss sich ein wenig ausruhen. Seine Hände ballen sich vor Schmerz. Elvira will zu ihm eilen, doch er macht eine abwehrende Handbewegung. »Faro, gib mir noch mal den Becher.«
Faro hält den Becher an Saldowrs Lippen. Ich erhasche einen Blick auf seinen Inhalt. Es ist eine dunkle Flüssigkeit, die so schwer wie Quecksilber aussieht, als sie zum Rand des Bechers fließt. Saldowr schluckt, seufzt erleichtert und lehnt sich zurück. Das Getränk muss eine Art Droge sein. Vielleicht betäubt es die Schmerzen. Saldowr sollte sich ausruhen, sonst wird er nie gesund werden.
»Hol meinen Spiegel, Faro.«
Saldowr gibt Faro Anweisungen, als wäre er sein Diener. Doch Faro stört das nicht. Er scheint sogar stolz darauf zu sein, wie schnell er Saldowrs Wünsche erfüllen kann. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung schwimmt er auf die andere Seite der Höhle und gleitet an der polierten Granitwand entlang. Da er mir den Rücken zukehrt, sehe ich nicht genau, was er macht. Im nächsten Moment erscheint ein Riss in der Wand, durch den ein helles Licht dringt. Es ist grünlich-blau und erfüllt mich mit Angst. Die Gezeiten! Von Saldowrs Höhle aus muss es einen weiteren Zugang zum Gezeitenknoten geben. Was tut Faro da? Weiß er denn nicht, wie gefährlich es ist, den Gezeiten auch nur ein klein wenig Bewegungsspielraum zu geben?
Ein Anflug von Panik lässt mich ausstoßen: »Aber Saldowr, die Gezeiten werden wieder ausbrechen.«
»Die Gefahr besteht nicht. Alles, was du siehst, ist der Widerschein des Gezeitenknotens, nicht die Sache selbst. Faro bedient sich aus meiner Schatzkammer der Spiegelungen. Die Dinge sind teilweise Hunderte von Jahren alt«, fügt Saldowr nicht ohne Sammlerstolz hinzu. »Ich glaube nicht, dass es eine weitere Schatzkammer gibt, die sich mit dieser vergleichen kann, weder in Indigo noch auf der Erde. Dort bewahre ich auch meinen Spiegel auf.«
Faro greift in den Spalt, zieht etwas heraus und fährt dann mit der rechten Hand über den Riss in der Wand, worauf dieser verschwindet. Er tut es mit einer Selbstverständlichkeit, als habe er große Übung darin.
Faro dreht sich um. In der Hand hält er Saldowrs Spiegel. In ihm haben wir einst das Bild von Mellina mit ihrem Mer-Baby – unserem Halbbruder – und Dad gesehen. Mit den Armen rudernd, gleite ich ein wenig zurück. Ich will nicht noch einmal in diesen Spiegel schauen. Das ist zu schmerzhaft. Auch Conor scheint auf der Hut zu sein.
»Gib ihn mir«, sagt Saldowr. Faro reicht ihm den Spiegel mit der Glasfläche nach unten. »Komm her, Sapphire. Komm her, Conor.«
Er will uns etwas zeigen, das ich nicht sehen will, genau wie letztes Mal. Doch irgendwas hält mich zurück, als würde ich von einer unsichtbaren Strömung gegen die Wand gedrückt.
»Habt keine Angst«, sagt Saldowr. »Der Spiegel kann heute nicht weit in die Zukunft sehen. Schaut.«
Er hält uns den Spiegel entgegen. Das Glas ist zu einem sternförmigen Muster zersplittert. Auch mein Schlafzimmerspiegel hat einmal so ausgesehen, nachdem Conor ihn auf den Boden geschmettert hatte, weil er glaubte, ich könnte Indigo darin sehen. Ja, es ist dasselbe sternförmige Muster. Aus irgendeinem Grund freue ich mich darüber, dass Saldowrs Spiegel seine Macht verloren hat.
»Der Gezeitenknoten ist gebrochen und mit ihm mein Spiegel«, sagt Saldowr. »Er hat viel an Wert eingebüßt und kann nicht mehr alles offenbaren, was in meiner Schatzkammer der Spiegelungen verborgen ist. Aber er kann euch immer noch euer eigenes Gesicht zeigen.«
Das kann jeder Spiegel, denke ich.
»Der Krake erträgt es nicht, sein eigenes Gesicht zu sehen«, sagt Saldowr. »Er hasst seinen Anblick.«
»Woher weißt du das?«, schaltet sich Conor ein.
Saldowr hebt seine Augenbrauen. »Vielleicht hat mir Mab Avalon das erzählt«, antwortet er spöttisch. »Der Krake ist sicher, solange er in der Tiefe bleibt, denn in der Tiefe gibt es keine Spiegelungen. Doch Indigo ist voll davon. Dieser Spiegel könnte also auch eine Waffe für euch sein.«
Langsam, widerstrebend, schwimme ich an Saldowrs Seite. Jetzt, da ich ihm im grünen und silbrigen Wasser so nahe bin, sehe ich, wie geschwächt er aussieht. Er hebt die Hand, die nicht den Spiegel hält, woraufhin ihm Faro sofort einen weiteren Schluck zu trinken gibt. Das scheint ihn zu beleben.
»Schwimm zurück«, sagt er zu Faro und winkt mich näher heran. »Jetzt sieh in den Spiegel.«
Es ist ein ganz normaler Spiegel. Er zeigt mir mein eigenes Gesicht. Nichts Besonderes. Außer … außer meinem Ausdruck. Die Augen im Spiegel sind unruhig und bedrückt. Die Lippen schmal. Ich sehe Zorn, Neid und Angst in meinem Gesicht. Mir schießt die Röte ins Gesicht, ehe ich mich Saldowr zuwende.
»So sehe ich doch nicht aus, oder?«, flüstere ich, damit die anderen mich nicht hören.
»Normalerweise reinigen die Leute ihr Gesicht, ehe sie in den Spiegel schauen.«
»Aber mein Gesicht ist nicht schmutzig.«
»Ich meine damit, dass die Leute selbst wählen, wie sie sich sehen wollen. Sie wollen immer nur das Beste von sich sehen, aber das erlaubt dieser Spiegel nicht. Ich weiß nicht, was dir der Spiegel zeigt, Sapphire, denn du bist die Einzige, die etwas erkennen kann.«
Ich riskiere einen weiteren Blick. Der Spiegel zeigt mir dasselbe Gesicht.
»Gib Conor den Spiegel.«
Ich reiche ihn an Conor weiter. Auch er blickt in den zersprungenen Spiegel, und auch sein Gesicht mit dem dunklen Teint färbt sich rot. Ich frage mich, was der Spiegel ihm gezeigt hat, aber ich will ihn nicht fragen. Schließlich will auch ich von niemand gefragt werden.
»Bin ich jetzt dran, Saldowr?«, fragt Faro unbeschwert. Saldowr sieht ihn prüfend an.
»Wie du willst, mein Sohn. Hast du immer noch vor, die Tiefe zu besuchen?«
»Natürlich. Wann hätte ich je ein Versprechen gebrochen?« Faro strafft seine Schultern und hebt stolz den Kopf.
»An deinem Mut zweifle ich nicht«, sagt Saldowr.
Ich auch nicht. Sein Mut reicht von seinen wallenden Haaren bis zur Spitze seiner kraftvollen Schwanzflosse. Ich weiß, dass er alles riskieren würde, um sein Versprechen zu halten. Doch er sollte das nicht tun. Die Mer können dort unten nicht überleben, das sagt jeder. Saldowr darf nicht zulassen, dass Faro sein Leben wegwirft, weil er etwas Unmögliches will.
Zu meiner Erleichterung scheint Saldowr dasselbe zu denken. »Die Mer können in der Tiefe nicht existieren«, warnt er.
»Aber Sapphire hat auch Mer-Blut, und sie war in der Tiefe.«
»Ihr Blut ist gemischt, wie das ihres Bruders. Sie gehören genauso zu Erde und Luft wie zu Indigo. Deshalb können sie Dinge tun, zu denen alle, die ausschließlich Mer-Blut besitzen, nicht in der Lage sind. Zumindest haben sie die Chance, diese Dinge zu tun. Verstehst du, was ich sage? Willst du sie immer noch begleiten? Glaubst du immer noch, dass du dazu fähig bist? Diese Fragen solltest du dir selber stellen, mein Sohn. Es geht nicht darum, was du glauben möchtest. Suche die Wahrheit in deinem Herzen.«
Ich frage mich, was Saldowr ihm mitteilen will. Er sollte Faro die Entscheidung nicht selbst überlassen. Das hat doch keinen Sinn. Doch ich habe das Gefühl, dass hinter Saldowrs Worten eine geheime Bedeutung verborgen liegt.
Faro runzelt die Stirn. Eine gewisse Unruhe huscht über sein Gesicht. »Was sagst du da, Saldowr?«, fragt er empört. »Ich bin doch dein scolhyk und holyer. Mit jedem Tropfen meines Blutes gehöre ich zu Indigo. Ich würde mein Leben für Indigo lassen.«
»Daran zweifle ich nicht, mein Sohn«, erwidert Saldowr. »Es ist deine Entscheidung, wohin du gehören willst, genau wie bei mir. Bist du bereit, in deinen Spiegel zu schauen? Er wird dir deine Frage beantworten, wenn du ihn lässt. Er wird dir sagen, ob die Tiefe dich abweist oder ob sie es zulässt, dass du in ihr dunkles Herz eindringst.«
Faro verschränkt die Arme. Für einen Moment sieht es so aus, als wollte er sich gegen Saldowr auflehnen, doch dann lässt er die Arme sinken. »Ich will schauen.«
»Dann nimm den Spiegel.«
Faro streckt den Arm aus und greift so hektisch nach dem Griff des Spiegels, als wäre er eine Schlange, die herumfahren und ihn beißen könnte. Der Spiegel schimmert matt. Mehr kann ich nicht erkennen.
Die Farbe weicht aus Faros Gesicht, bis es aschgrau ist. Er starrt unverwandt in den Spiegel und fängt am ganzen Körper an zu zittern. Dann sinkt der Spiegel langsam zu Boden und bleibt auf dem Grund der Höhle liegen.
Faros Gesicht ist eingefallen, als er murmelt: »Der Spiegel lügt.«
»Mein Spiegel kann nicht lügen.«
»Er muss lügen.«
»Dann, Faro, kannst du nicht in die Tiefe vordringen.«
Faro sieht gepeinigt aus. Er schaut sich verzweifelt um, als sei er in eine Falle geraten. Ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Ich weiß, wie es ist, wenn man seine größten Ängste in diesem Spiegel sieht. Damals habe ich meinen Vater gesehen, glücklich im Kreis seiner Mer-Familie. Saldowr sollte den Spiegel in seiner Schatzkammer verstecken und niemandem zeigen. Das ist viel zu gefährlich.
»Faro«, sage ich ruhig, um ihm mein Mitgefühl zu zeigen. Er soll wissen, dass er nicht allein ist. Doch er beachtet mich nicht. Ich strecke meine Hand aus, aber er fegt sie beiseite. Voller Trotz wirft er seinen Kopf zurück, als wäre Saldowr nicht sein bewunderter Lehrer, sondern ein Feind wie Ervys. »Ich werde in die Tiefe vordringen!«, sagt er mit erzwungener Entschlossenheit. »Was habe ich denn für eine Wahl, wenn Indigo mich um Hilfe ruft? Aber ich will den verdammten Spiegel nicht mitnehmen. Ich will ihn nie wieder anfassen.«
Saldowr bäumt sich auf seinem Lager auf, mit fließenden Haaren und loderndem Blick: »Kein Wort mehr!«, herrscht er Faro an. »Du weißt nicht, was du sagst! Du wirst meinen Spiegel noch segnen, statt ihn zu verfluchen. Du nennst dich meinen scolhyk? Dann hör zu! Lerne! Was du jetzt weißt, lässt sich nicht mehr rückgängig machen.«
Die Worte schießen wie Kugeln aus seinem Mund. Saldowr sinkt erschöpft zurück und Faro ist sofort bei ihm, kniet sich hin und ergreift seine Hand, als wolle er ihn um Entschuldigung bitten.
Armer Faro, denke ich. Was auch immer der Spiegel ihm gezeigt haben mag – das hat er nicht verdient. Er ist so mutig, und ganz offensichtlich hat ihn der Spiegel mitten ins Herz getroffen. Faro will doch nur seinen Leuten helfen. Warum kniet er jetzt vor Saldowr? Er liebt ihn so sehr. Vielleicht zu sehr.
Saldowr legt ihm eine Hand auf die Schulter. »Erkenne dich selbst«, fährt er mit sanfterer Stimme fort. »Das ist alles, was ich von dir will.« Plötzlich hält er inne. Zieht seine Hand zurück. Aufmerksam lauschend, blickt er zum Eingang der Höhle hinüber.
»Offenbar haben wir einen weiteren Besucher«, sagt er gelassen. »Aber dieser wird nicht draußen warten. Komm herein, Ervys.«