Zweites Kapitel

Vignette.tif

Sobald wir die Bucht hinter uns gelassen haben, zieht sich der Meeresboden zurück. Wir tauchen hinab, durchdringen das türkisfarbene Wasser der Oberfläche, bis wir das tiefe Blau erreicht haben, das darunter liegt. Faros Freund schwimmt voraus. Ich sehe, wie die gleichmäßige Bewegung seiner Schwanzflosse ihn durchs Wasser treibt. Manchmal scheint er sich umzudrehen, um sich zu vergewissern, dass wir noch hinter ihm sind, doch genau kann ich das nicht erkennen.

Indigos Kraft pulst durch meinen Körper, während ich hinter ihm hergleite. In der Menschenwelt, nahe der Oberfläche, könnte ich niemals so schnell schwimmen. Mit der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit einer Robbe schneide ich durchs Wasser und bin kein bisschen müde, obwohl wir bestimmt schon eine Meile vom Land entfernt sind.

Im Nu befinden wir uns in der Gewalt einer mächtigen Strömung. Sie umschließt uns mit ihren starken Armen und zieht uns in südliche Richtung. Zunächst nur langsam, dann schneller und schneller, bis das Wasser zu beiden Seiten an uns vorbeischießt und der Meeresboden verschwimmt.

Faros Freund surft auf dem Kamm der Strömung und jagt in einem wilden Ritt vor uns her. Obwohl ich ihn schemenhaft erkenne, lässt er es nicht zu, dass ich ihn einhole. Faro könnte es sicherlich, aber ich bin einfach nicht schnell genug.

»Warum wartet er nicht auf uns, Faro?«

Faro lächelt vielsagend und zeigt mir seine weißen Zähne. »Weil er schüchtern ist und ein wenig Angst vor dir hat, Sapphire.«

»Bitte?«

»Du bist ein Mensch, vergiss das nicht. Morlader ist anders als ich. Er hat noch nie einen Menschen aus der Nähe gesehen und natürlich auch noch nie mit einem Menschen geredet. So ist das bei den meisten Mer. Du machst dir nicht klar, wie speziell ich bin«, fügt er selbstgefällig hinzu.

»Aber warum?«

»Warum was?«

»Warum bist du anders als die anderen?«

Faro runzelt die Stirn. »Das würdest du nicht verstehen, Sapphire. Das ist eine Mer-Sache.« Ein Schwall von Luftblasen verdeckt sein Gesicht. Er ist mir nah und scheint doch weit weg zu sein. Eine Mer-Sache. Seine Worte schmerzen mich, doch mein eigenes Mer-Blut prickelt vor Aufregung, während Indigos Wasser um mich braust. Wie schnell ist die Strömung? Wo trägt sie uns hin? Das Land muss jetzt viele Kilometer entfernt sein. So schnell war ich in Indigo noch nie unterwegs, doch habe ich keine Angst, sondern empfinde eine sprudelnde Vorfreude. Wie kann Faro nur glauben, dass ich ihn nicht verstehe?

»Ich bin nicht nur ein Mensch, Faro. Ich dachte, du wüsstest das.«

Faro dreht sich zu mir um. Seine Haare fliegen nach hinten und werden von der Gewalt der Strömung an seine Haut gedrückt. Sein Blick ruht auf meinem Gesicht, aufmerksam, besorgt – vielleicht sogar ein wenig ängstlich. Jetzt versteckt er sich nicht mehr vor mir. Und plötzlich fällt mir unsere erste Begegnung wieder ein.

»Du hast noch nie Angst vor mir gehabt, Faro.«

»Nein.«

»Und warum nicht? Du bist doch ein Mer.«

Ein seltsamer Ausdruck huscht über Faros Gesicht. »Ja …«, entgegnet er, aber seine Stimme klingt seltsam zögerlich. »Natürlich bin ich ein Mer … Sapphire, pass auf!«

Er greift nach meiner Hand und zieht mich so heftig zur Seite, dass wir aus der Strömung herausfliegen und im letzten Augenblick einem schroffen Felsvorsprung entgehen. Erst als wir uns im ruhigen Wasser befinden, lässt er meine Hand wieder los. Dort, wo sich seine Fingerspitzen in mein Fleisch gebohrt haben, sind weiße Flecken zu erkennen. Allein hätte ich nie genug Kraft gehabt, um die Strömung wieder zu verlassen. Faros Stärke ist manchmal fast unheimlich – doch hat er sie benutzt, um mich zu schützen.

Faro sieht mich erschrocken an. »Das wäre fast ins Auge gegangen. Ich muss mit meinen Gedanken ganz woanders gewesen sein. Ich verstehe gar nicht, wie mir das passieren konnte.«

»Puh!«, stoße ich aus, während mein rasendes Herz sich allmählich beruhigt. Normalerweise reagiert Faro so schnell wie ein Fisch und nimmt schon den leisesten Anschein einer drohenden Gefahr wahr. Dieser Felsen, den wir nur um Haaresbreite verfehlt haben, hätte uns umbringen können. Hätte mich Faro nicht zur Seite gerissen, dann läge ich jetzt blutend und mit zerschmetterten Knochen auf dem Meeresgrund. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich wirklich begriffen, dass Leben und Tod nur durch eine Sekunde voneinander getrennt sind und wie schnell man sterben kann. Mein Herz schlägt mir immer noch bis zum Hals.

Faro fährt sich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er einen Albtraum wegwischen. Erneut nimmt er meine Hand und betrachtet sie eingehend. Dort, wo sich seine Nägel hineingebohrt haben, blutet sie ein wenig.

»Ich wollte dich nicht verletzen, kleine Schwester.«

»Ist schon in Ordnung. Wir hätten sterben können, oder? Ich glaube, du hast gerade mein Leben gerettet.«

Faro blickt sich um, als wolle er sich vergewissern, dass uns niemand zuhört. »Dieser Ort könnte uns bei lebendigem Leib verschlingen und wäre immer noch hungrig«, flüstert er. »Hier herrscht ein böser Geist – drokobereth. Wir sollten von hier verschwinden.«

Ich blicke mich angstvoll um. Jetzt sehen die Felsen wie geöffnete Krallen aus, jederzeit bereit, sich ihre Beute zu schnappen.

»Wo ist Morlader?«

Faro zeigt nach vorn, wo sich die Felsen zu einer gewaltigen Gebirgskette auftürmen. Ich dachte immer, das Riff in der Nähe unserer Bucht sei groß, doch diese düsteren, kahlen Felsen hier sind zehnmal größer. Sie sehen aus, als wären sie absichtlich hierher gestellt worden, um uns den Weg zu versperren. Sie wollen uns hier nicht haben.

»Morlader ist schon vorausgeschwommen, zur Versammlung«, sagt Faro.

»Wo findet die statt?«

»Ein ganzes Stück von hier. Aber du brauchst keine Angst vor den Bergen zu haben, Sapphire. Wir müssen in sie hinein, das ist der einzige Weg.«

»Ich habe keine Angst!«

»Natürlich hast du Angst«, widerspricht Faro und sieht mich ernst an. »Auch ich habe Angst.«

»Wenn die Berge so gefährlich ist, warum halten die Mer dann ihre Versammlungen auf ihnen ab?«

»Nicht auf ihnen, in ihnen. Unsere Versammlungshöhle befindet sich tief im Herzen der Berge. Unser Vorfahren haben diesen Ort ausgewählt, weil wir uns dort zur Not ewig vor unseren Feinden versteckt halten könnten. Ein paar wenige Krieger würden schon ausreichen, um uns zu verteidigen.«

»Welche Feinde?«

Faro blickt sich aufmerksam um. »Darüber können wir hier nicht reden. »Komm Sapphire, wir müssen ins Gebirge hineinschwimmen. Eigentlich wäre es sicherer, von Süden her zu kommen, aber wir haben jetzt keine Zeit, um auf die andere Seite zu schwimmen.«

»Kennst du den Weg?«

»Natürlich«, antwortet Faro. Ich höre ganz deutlich den Zweifel in seiner Stimme, aber uns bleibt keine andere Wahl.

»Vorsicht«, flüstert Faro. »Schon der kleinste Kratzer von diesen Felsen kann uns tödlich vergiften.« Ganz langsam schwimmen wir weiter, gleiten behutsam um die messerscharfen Felsvorsprünge.

Im Nu haben sich die Felsen um uns geschlossen. Die steil aufragende Bergkette versperrt uns die Sicht. Nirgendwo kann man sich mehr sicher fühlen. Als würden wir auf schmalen Kanälen durch ein Meer von Gefahren schwimmen. Ich habe in Indigo noch nie gefroren, doch von diesen Felsen geht eine eisige Kälte aus. Weit und breit kein Lebenszeichen, weder schimmernde Fische noch leuchtende Seeanemonen oder anmutige Scharen von Seepferdchen. Nichts, nicht mal ein wenig Seetang, bedeckt die nackten Felsen. Einsame Schluchten und kahle Bergspitzen. Der Sand unter uns ist aschgrau.

Wir gleiten so vorsichtig voran, dass wir kaum das Wasser aufwirbeln. Nun sehen die Felsen zu beiden Seiten so aus, als seien sie von einem gigantischen Hammer gespalten worden.

»Das haben die Gezeiten getan, als sie sich losgerissen haben«, sagt Faro, indem er mich an einem geborstenen Korallenriff vorbeilotst. Wir verringern unsere Geschwindigkeit noch mehr, sodass wir durch dieses Labyrinth hindurchgleiten können, ohne irgendwo eingeschlossen zu werden. Ich frage mich beklommen, was wohl passiert, wenn wir jemand aufschrecken.

»Warum können wir nicht weiter oben schwimmen, wo das Wasser klarer ist?«, flüstere ich.

»Wir müssen diesen Weg nehmen«, antwortet Faro. »Und pass auf deine Hände auf, Sapphire! Hier gibt es jede Menge Seeaale.«

Ich ziehe schaudernd meine Hände zurück. Es gibt also doch Lebewesen in dieser Gegend. Roger hat mir mal erzählt, dass Taucher sich vor den Seeaalen in Acht nehmen müssen. Sie leben in Felsspalten wie diesen hier. Wenn sie mit ihren Zähnen deinen Arm zu fassen kriegen, lassen sie ihn nicht mehr los. Was mag sich noch in den Höhlen und Spalten verbergen?

»Vorsicht ist besser als Nachtisch«, murmele ich.

»Was?«

»Es heißt ›Vorsicht ist besser als Nachsicht‹, aber Conor hat immer ›Nachtisch‹ gesagt, als er noch klein war.«

»Wieso Nachtisch? Hast du Hunger?«

»Vergiss es, Faro, ist nicht so wichtig.«

Als wollte man auf einer Beerdigung einen Witz erzählen. Die Stille ist unheimlich. Der gespaltene Felsen schimmert ölig. Aus dem Augenwinkel heraus nehme ich eine Bewegung wahr.

»Faro!«

Doch als ich meinen Kopf drehe, sehe ich nichts.

»Faro, da war irgendwas.«

Ein besorgter Ausdruck huscht über sein Gesicht.

»Schwimm einfach weiter«, flüstert er mir ins Ohr. »Tu so, als hättest du sie nicht gesehen.« Er nimmt meine Hand und zieht mich mit sich fort. »Schau nicht zurück.«

Ich werde auch nicht zurückschauen, ganz bestimmt nicht, aber dann dreht sich mein Kopf wie von allein, und dort, wo ich eben eine Bewegung wahrgenommen hatte, sehe ich jetzt eine Gestalt …

»Faro, schau mal. Die Frau da vorn!«

»Nein, Sapphire!«

»Aber sie ist wunderschön!«

Sie sitzt auf der schroffen Kante eines Felsens, was ihr überhaupt nichts auszumachen scheint. Ihre glänzenden Haare umspielen ihre Schultern wie ein gläserner Umhang. Ihr strahlendes Lächeln heißt uns willkommen und ihre Arme sind weit geöffnet, als wolle sie uns umarmen.

»Das ist doch eine Mer, Faro. Eine von deinen Leuten. Warum willst du sie nicht ansehen?«

Ihre Augen sehen mich durchdringend an. Sie sind groß und hungrig. Sie will etwas von mir. Sie will, dass ich zu ihr komme.

»Sie ist keine Mer!«, sagt Faro. Seine Stimme ist voller Abscheu.

»Aber sieh doch nur, wie wunderschön sie ist«, wiederhole ich.

»Okay, Sapphire, dann schau sie dir an, wenn du unbedingt willst. Schau genau hin!«

Ich sehe ihr sanftes Gesicht, ihre geschwungenen Schultern, ihre …

»Schau hin, Sapphire!«

Sie löst sich vom Felsen, stößt sich mit den Händen ab und gleitet uns entgegen.

Wo die Mer eine Schwanzflosse und die Menschen Beine haben, befindet sich bei ihr eine Klaue. Eine einzige, leuchtend blaue Klaue. Sie schnappt auf und zu, während sie näher kommt …

Faro hebt beide Hände, überkreuzt die Finger und legt sie sich an die Stirn. Das Wesen erstarrt.

»Bleib direkt hinter mir«, murmelt Faro, »und schau es auf keinen Fall noch mal an.« Er weicht langsam zurück, wobei er die Hände an ihrem Platz hält und mich durch seinen Körper abschirmt. Mit zitternden Händen treibe auch ich zurück, meine Augen starr auf Faros Rücken geheftet. Es wird mich nicht dazu bringen, einen weiteren Blick zu riskieren. Aus der Ferne dringt ein Geräusch zu uns herüber. Klack. Klack. Die Klaue, denke ich. Sie öffnet und schließt sich, jederzeit bereit, uns zu …

»Hab keine Angst«, murmelt Faro. »Taste mit den Fingern hinter dich.« Unmittelbar hinter meinem Rücken befindet sich eine Felswand. Eine glatte, leuchtende Steinmauer, die uns den Weg versperrt.

Klack. Klack.

Das Geräusch ist leiser geworden.

»Ist es verschwunden, Faro?«

»Warte!«

Wir verharren reglos an der Felswand und warten ab.

»Schau nicht hin, Sapphire! Wir sind noch nicht in Sicherheit.«

Klack. Klack.

Jetzt ist es kaum noch zu hören. Schließlich lässt Faro erleichtert die Schultern sinken.

»Es ist in seine Höhle zurückgekehrt«, sagte er. »Aber wir müssen uns beeilen. Hier gibt es noch mehr von diesen Klauenkreaturen, und ich kann immer nur eines zur selben Zeit aufhalten.«

»Können wir nicht einfach die Felswand hochschwimmen?«

»Nein, wir müssen durch sie hindurch. Irgendwo in der Nähe muss es eine Passage geben. Früher wusste ich genau, wo sie sich befindet, doch seit der Gezeitenknoten sich aufgelöst hat, ist alles anders geworden. Sogar die Routen, die wir seit tausend Jahren benutzen, haben sich geändert. Komm hier entlang, Sapphire. Quetsch dich hier rein. Ja, so ist es gut. Hier kann die Klauenkreatur nicht hineinkommen.«

Wir befinden uns in einer engen Höhle, zu der es keinen weiteren Zugang gibt.

»Hier können wir uns ein bisschen ausruhen«, fügt Faro hinzu und schließt die Augen.

In der Höhle ist es düster, dennoch kann ich erkennen, wie mitgenommen Faro aussieht.

»Jetzt weißt du jedenfalls, dass man diese Klauenkreaturen niemals ansehen darf«, sagt er leichthin.

»Wenn du nicht da gewesen wärst …«

»Soll ich dir erzählen, was dann passiert wäre, kleine Schwester?«

»Nein, lieber nicht. Ich kann es mir denken.«

Für eine Weile spricht keiner von uns ein Wort. Ich frage mich, wie weit der Weg ist, den wir noch zurücklegen müssen. Faro sagt, dass Indigo völlig verändert ist, seit der Gezeitenknoten sich aufgelöst hat.

»Aber die Gezeiten sind doch zurückgekehrt«, sage ich laut.

»Indigo heilt nur sehr langsam.«

Genau wie die Menschenwelt, denke ich. Die Erinnerung an St. Pirans ist im Moment nur sehr vage, aber ich kann nicht vergessen, welche Verwüstung die Flut angerichtet hat.

»Indigo er kommolek«, sage ich plötzlich, ohne zu bemerken, dass ich überhaupt den Mund öffne. Dann erinnere ich mich blitzartig, wie ich darauf komme. Die Delfine hatten das gesagt, als sie letzten Herbst in unsere Bucht gekommen und wir gemeinsam mit Mals Dad hinausgefahren waren. Aber es hatte ein bisschen anders geklungen … Indigo er lowenek … waren das ihre Worte gewesen?

Mein Gehirn weiß nicht, was diese Worte bedeuten, doch tief in meinem Innern verstehe ich sie. Über Indigo hat sich ein Schatten gelegt. Trauer und Zerstörung durchziehen Indigo wie mächtige Strömungen.

»Indigo er kommolek … kommolek … trist Indigo … trist, trist Indigo …«

Faro starrt mich verblüfft an.

»Woher kennst du diese Wörter, Sapphire?«

Ich werde erneut von einer seltsamen Kraft erfüllt, wie vorhin, als ich in unserer Bucht auf den Felsen stand.

»Ich habe sie von den Delfinen gelernt.«

»Du machst Fortschritte, kleine Schwester«, sagt Faro mit seinem typisch spöttischen Unterton. »Du wirst immer mehr eine Tochter von Indigo.«

Seine Worte jagen mir einen wohligen Schauer über den Rücken.

»Manchmal glaube ich, dass das nie passieren wird. Immer, wenn ich das Gefühl habe, ein Teil von Indigo zu sein, werde ich wieder zurückgestoßen.«

»Ich stoße dich nicht zurück.«

Aber es gibt einige Dinge, von denen du nie sprichst, denke ich. Ich weiß so wenig über Faros Geschichte, doch habe ich immer noch das Gefühl, ihn viele ganz normale Dinge nicht fragen zu können. Wo er geboren wurde, wer seine Eltern sind …

»Sapphire!«

»Äh … was?«

»Wach auf. Wir müssen weiter.«