Teil 3: Pelagia
Das Haupt der Welt
(663 n. Chr.)
»Bis in unsere Tage erstreckte sich das Gebiet der Römer vom Ozean, das heißt von Schottland, Britannien, Hispanien, Francia, Italien, Griechenland und Thrakien, bis Antiochien, Syrien, Persien, und umfasste den ganzen Orient, Ägypten, Afrika und das Innere von Afrika, und man sieht dort noch die Standbilder ihrer Kaiser in Marmor und Bronze. Denn alle Volker waren durch göttlichen Beschluss den Römern Untertan, doch heutzutage sehen wir Rom erniedrigt.«
Jacob, der neugetaufte Jude, um 640 n. Chr.
Die junge Frau trat aus der Türe, ging zur Brüstung, schloss die Augen und genoss die wärmenden Strahlen der Morgensonne. Über ihr kreischten Möwen, aus der Straße unter ihr drangen die Rufe der Händler, das Rattern von Handkarren und die Schreie eines Kamels, das gegen seine Last aufzubegehren schien. Eine Zeitlang stand sie stumm auf der Terrasse, die Arme auf den noch kühlen Marmor der Brüstung gestützt, versunken in ihre Gedanken. Ein leichter Wind bauschte ihr gelbes Seidengewand und trug das Rauschen des Meeres heran. Sechzehn sorglose Sommer hatte sie in dieser Villa ihres Vaters verlebt.
An ihre Geburtsstadt Leptis Magna waren ihr kaum Erinnerungen geblieben – bis auf die schrecklichen Bilder von der Flucht der Familie. Wie ihre Amme Agnes sie als Fünfjährige nachts aus dem Bett gerissen hatte, das Schluchzen der Mutter, die gebrüllten Befehle des Vaters, die durcheinanderrennenden Sklaven und die Fackeln, in deren flackerndem Schein sie in den Reisewagen gestiegen waren. Die Flucht durch die überfüllten Straßen der Stadt, die ohnmächtigen Wutschreie derjenigen, die von den bewaffneten Dienern ihres Vaters beiseite geprügelt wurden, die endlose Fahrt nach Westen, in das noch sichere Karthago. All das malte ihre Amme immer wieder aus, wobei sie sich jedes Mal zu bekreuzigen pflegte, wenn sie die häretischen Sarazenen schilderte, vor denen sie geflohen waren. Eine Woge von Wüstenkriegern, die das Heer des Exarchen vernichtet, die Küstenstädte überschwemmt und der Provinz Tausende von Goldstücken abgepresst hatte. Doch dann war sie so unerwartet in Richtung Sonnenaufgang zurückgeflutet, wie sie einst herangebraust gekommen war. Seitdem drang die Kunde von den Schlachten des Kaisers gegen die Feinde des Reiches nur mehr wie fernes Donnergrollen in die Hauptstadt der Provinz Africa, in der das Mädchen herangewachsen war.
Pelagia öffnete die Augen. Vor ihr, in Richtung der Sonne, überragten die roten Ziegeldächer der Antoninus-Pius-Thermen die anderen Gebäude, dahinter glitzerte das Meer. Sie streckte sich, schnupperte an ihrer Hand, die sie vorhin mit Rosenwasser benetzt hatte, und beschloss, die Sänfte zu rufen, um sich zu den Thermen bringen zu lassen. Danach könnte sie beim Juwelier fragen, ob neue Perlen eingetroffen waren und anschließend vielleicht beim Buchhändler nach alten, heidnischen Werken stöbern, die sie ungleich unterhaltsamer fand als die erbaulichen Schriften, die heutzutage verfasst wurden. Aber davor würde sie sich noch etwas stärken müssen.
»Blandina, bring mir Pistaziengebäck mit Feigen!«, befahl sie ihrer Dienerin, die einige Schritte hinter ihr wartete.
Wenig später stand ein Teller mit dem Gewünschten vor ihr auf der Balustrade. Das Mädchen nahm eine Feige, doch sogleich verzerrte sich ihr Gesicht vor Ekel.
»Widerlich, die ist ja matschig!« In hohem Bogen flog die Frucht über die Brüstung, von der Straße schallte ein Fluch herauf. Pelagia prüfte ungerührt eine andere Feige. »Die kann man essen. Und jetzt geh und hole mir meinen Spiegel!«, fügte sie an die Dienerin gewandt hinzu, während sie schluckte und sich ein Stück Gebäck nahm.
Als Blandina erneut die Treppe hinab- und wieder emporgehastet war und ihrer Herrin den kleinen Glasspiegel entgegenhielt, musterte Pelagia ihr hübsches Gesicht mit den hohen Wangenknochen, den geschwungenen Augenbrauen und den großen, dunkel umrandeten Augen.
»Mein Haar gefällt mir nicht«, bemerkte sie missmutig mit leicht schief gelegtem Kopf. »Zu dieser Frisur gehören Ohrringe. Das hättest du sehen müssen!« Sie verzog die Mundwinkel. »Warum muss man dir alles sagen? Kannst du nicht mitdenken?«
»Herrin, ich habe …«
»Ach, schweig. Du bleibst dein Lebtag ein Landtrampel. Mein Vater hätte dich nie mit in die Stadt nehmen dürfen.«
»Der Herr wollte euch sprechen, hat er mir eben zugerufen.«
»Ja, warum sagst du mir das nicht gleich?« Pelagia spitzte den Mund, besah sich erneut im Spiegel, steckte eine hellbraune Haarlocke hoch und strich sich über den Hals. »Nachher kannst du mir meine Haut mit Mandelöl einreiben. Ganz sanft, nicht so grob wie das letzte Mal.«
»Ja, Herrin, aber Ihr hattet doch …«
»Widersprich mir nicht!« Pelagia reichte ihr ungeduldig den Spiegel, nahm rasch noch ein Stück Gebäck und schritt kauend auf die Treppe zu. »Ich spreche jetzt mit meinem Vater, danach kannst du mir die Sänfte rufen.«
Wenig später öffnete sie eine Türe, die mit großen Sternen aus dunklem Holz und hellem Elfenbein verziert war. Innen saß ein fünfzigjähriger, bärtiger Mann an einem Tisch, auf dem sich Papyrusblätter stapelten. Daneben reihten sich ein bronzenes Tintenfass und ein Abacus, während eine Wasseruhr in der Ecke monoton tropfte.
Pelagias Vater wies auf einen Sessel. »Bitte setz dich. Ich muss mit dir reden.«
»Gerne.« Das Mädchen schnupperte übertrieben. »Warum riecht es bei dir immer so muffig, wie nach verstaubten Schriften?«
Ihr Vater sah sie ärgerlich an und zog seine braune Tunika zurecht, die seine Schulter bedeckte. »Vermutlich weil das Zimmer voll davon ist.« Er wies auf zwei große Schränke. »Oder glaubst du, die Verwaltung unseres Gutes erledige sich im Singen?« Pelagia lachte. »Das wäre doch einmal eine Abwechslung.« Sie rümpfte wieder die Nase. »Aber trotzdem könntest du öfter mal lüften. Ich wollte übrigens nachher zum Juwelier, um zu sehen …«
»Auch deswegen wollte ich dich sprechen«, unterbrach sie ihr Vater brüsk. »Du wirst da nichts kaufen!«
Pelagia verzog den Mund. »Warum nicht? Bist du mir böse?«
»Nein. Nur haben wir kein Geld für so etwas!«
»Was ist denn in dich gefahren? Seit Wochen habe ich bei Samuel nur Korallen und Steine angesehen. Der letzte Armreif …«
»Und dabei wird es auch bleiben«, brauste ihr Vater auf. »Wir sind am Ende!«
Pelagia verstummte, runzelte die Stirne, stand auf, ging zu dem Tisch und nahm besorgt die Hand ihres Vaters. »Was ist geschehen, Lucius?« Seit Kindertagen sprach sie ihren Vater mit seinem Vornamen an, wenn sie seine Nähe suchte.
Der Mann erhob sich besänftigt und zog sie an sich. »Setz dich wieder. Und höre mir zu.« Er strich sich über den Bart, nahm einen Papyrusbogen und hielt ihn seiner Tochter hin, die erst jetzt betroffen die Tränensäcke unter seinen Augen bemerkte.
»Hier ist die Aufstellung unserer Finanzen. Du bist klug und kannst rechnen. Seit wir unseren Besitz bei Leptis Magna verloren haben, müssen wir von unserem Gut in Thugga leben. Das geht gerade, wenn die Olivenernte gut ist, der Weizen gedeiht und wir nicht wieder den Abzug der Sarazenen erkaufen müssen. Jetzt fordert der Kaiser aber Sonderabgaben für seine Soldaten …«
Pelagia studierte den Papyrus, dann ließ sie ihn langsam sinken. »Und Mutter hat tatsächlich ihren Schmuck verkaufen müssen?«, fragte sie mit stockender Stimme. Ihr Vater nickte stumm. »Aber ohne Geld wird mich kein Mann nehmen«, jammerte Pelagia und wischte sich die Augen, »jedenfalls keiner, den ich mir wünsche!« Sie nahm erneut ihres Vaters Hand. »Lucius, als ich klein war, hast du immer Rat gewusst. Was sollen wir tun?«
Ihr Vater saß eine Weile schweigend da, bevor er antwortete. »Du bist ein ganz besonderes Mädchen.« Sein Daumen strich über die Hand seiner Tochter. »Etwas könntest du tun, aber es erfordert viel Wagemut.«
»Meinst du etwa, dass es mir daran fehlen würde?«
»Nein, natürlich nicht. Wenn ich an deine wilden Ritte denke …« Er lächelte versonnen, bevor sein Gesicht wieder ernst wurde. »Hör mir genau zu. Ich habe von dem Exarchen erfahren, dass Kaiser Konstans in Italien gelandet ist. Er will die Langobarden vertreiben, und man munkelt, dass er sogar die Hauptstadt wieder nach Rom verlegen könnte, wie es schon frühere Kaiser erwogen haben.«
Pelagia runzelte die Stirn. »Er hat Konstantinopel verlassen? Warum das?«
»Er soll dort beim Volk verhasst sein, außerdem stürmen die Sarazenen immer weiter voran. Vor einigen Jahren hat der Kaiser höchstselbst bei einer Seeschlacht eine Niederlage erlitten. Er konnte nur entkommen, heißt es, weil ein treuer Krieger den Purpur anzog und sich an seiner Stelle von den Feinden abschlachten ließ …«
»Und der will die Langobarden besiegen?«, wunderte sich Pelagia.
Ihr Vater zuckte mit den Schultern und fuhr eindringlich fort. »Nun, mit Gottes Hilfe ist alles möglich. Aber was wichtiger ist: Wenn der Kaiserhof in den Westteil des Reiches verlegt wird, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Vor allem für eine schöne, gebildete, junge Frau wie dich, die ebenso gut Latein wie Griechisch spricht. Verstehst du?«
Pelagia spitzte den Mund und nickte bedächtig. »Ich glaube schon. Nur – wie soll ich da hinkommen?«
»Dafür wäre gesorgt. Der Exarch will ein Schiff mit Weizen nach Rom senden, wenn der Kaiser in die Stadt kommt. Er wird eine Abordnung mitschicken; auch einige Bischöfe und Händler wollen die Gelegenheit nutzen und dem Kaiser ihre Anliegen vortragen. Wenn du willst, könnte ich für einen Platz auf dem Schiff sorgen.« Ihr Vater lächelte wehmütig. »Du liebst das Meer und wolltest schon immer eine Seereise machen.« Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. »Und noch etwas. Letzte Nacht hat deine Mutter im Traum gesehen, wie die Ungläubigen Karthago bestürmten. Geh, meine Tochter, bevor das wirklich geschieht. Ein reisender Händler aus Alexandria hat berichtet, dass der Bruderkampf bei den Sarazenen zu Ende sei. Wenn dem so ist, werden sie bald wieder zum Angriff rüsten.«
»Aber was wird aus Mutter und dir?«
»Alte Bäume verpflanzt man nicht«, entgegnete ihr Vater mit traurigem Blick. »Meine Vorfahren, die Gabinii, leben seit fünf Jahrhunderten in der Provinz Africa. Und die Metusans, die Ahnen deiner Mutter, waren vierhundert Jahre bei Leptis Magna ansässig. Wir wollen nicht nochmals flüchten. Vielleicht hat Gott ja auch ein Einsehen.«
»Und wenn nicht, redet man uns wieder ein, er strafe uns für unsere Sünden«, erwiderte Pelagia zornig. »Vor kurzem predigte das sogar ein schmuddeliger irischer Bettelmönch dem Volk auf dem Forum. Ein großartiger Gott ist das, den wir da verehren. Warum hat er das christliche Reich erst den heidnischen Persern, dann den noch schlimmeren Sarazenen ausgeliefert? Wenn er schon Menschen quälen will, warum lässt er seinen Zorn nicht an diesen Horden aus?«
»Nicht so laut, Pelagia, das grenzt an Gotteslästerung. Wenn solche heidnischen Reden dem Bischof zu Ohren kommen …«
»Dann möge er das gefälligst seinem Herrn weitersagen«, erregte sich das Mädchen. »Ich kann nur an einen Gott glauben, bei dem es den Menschen gut geht. Der seine Gläubigen reich macht, mächtig und angesehen!«
»Ja, ja«, beschwichtigte sie ihr Vater und nahm ein Schreibrohr in die Hand. »Möchtest du nun in Rom dein Glück versuchen? Früher einmal hatten wir Verwandte dort, die Familie der Anicii. Wir haben zwar schon lange nichts mehr voneinander gehört, aber vielleicht könntest du anfangs in ihrer Villa wohnen. Sie sind im Senat vertreten und werden dich sicher dem Kaiser vorstellen …«
»Und wenn nicht, finde ich etwas anderes!«, entgegnete Pelagia entschlossen und erhob sich. »Wann geht das Schiff?«
»In zwei Wochen«, antwortete ihr Vater, stand auf und umarmte sie. »Lass uns diese Zeit zusammen genießen. Vielleicht ist es unsere letzte.«
»Ach was«, lachte Pelagia. »Ich gewinne die Gunst des Kaisers Konstans. Dann überrede ich ihn, seine Provinz Africa zu besuchen und euch zu empfangen!«
Sie lief aus dem Haus, winkte ab, als die Sänftenträger sie fragend ansahen, und durchwanderte die Stadt. Nie zuvor hatte sie so aufmerksam das Leben auf den Straßen beobachtet, dem Stimmengewirr der Händler gelauscht, den Duft der Gewürze geschnuppert und die Waren in den Geschäften betrachtet. Gedankenverloren saß sie auf den überwucherten Stufen des Theaters, das nördlich von ihrer Villa lag, und ließ ihren Blick zu dem Byrsa-Hügel hinüberschweifen, dem Zentrum der Stadt. Danach verbrachte sie einige Stunden in den großen Thermen, deren Mittelkuppel von vier gigantischen Säulen getragen wurde. Zuletzt ging sie zum runden Hafen, beobachtete das Treiben der Seeleute, die schlanken Rümpfe der Schiffe und die mit Lederstreifen verstärkten Segel. Auf dem Rückweg erhob sie erneut ihren Blick zum Byrsa-Hügel, an dessen südlichem Rand sich die halbrunden Bastionen des befestigten Mandracium-Klosters erhoben, das vor über einem Jahrhundert der Präfekt Solomon hatte errichten lassen. All das war ihr vertraut, all das würde sie für eine ungewisse Zukunft aufgeben.
Am Abend vor ihrer Abreise ließ ihre Mutter sie zu sich rufen. Die schlanke Frau in den Vierzigern trug eine rote Stola über der Schulter, ihr braunes Haar war mit Haarnadeln aufgesteckt und die großen, grünen Augen lächelten, als ihre Tochter den Raum betrat. Die beiden unterhielten sich angeregt über allerlei Nachbarschaftsklatsch, dann ging die Mutter zu einem Schrank und kam mit einem kleinen Elfenbeinkästchen zurück.
»Ich würde dir zum Abschied gerne eine Goldkette schenken. Eine, die glänzt und alle Blicke auf sich zieht«, sagte sie betrübt, »aber leider kann ich das nicht mehr …«
»Wenn ich erst einen mächtigen Mann am Hof geheiratet habe«, unterbrach sie Pelagia heftig, »kaufe ich dir viel schönere Geschmeide!«
»Geh bei deiner Wahl nicht nur danach, wie viele Solidi er in seinen Truhen hat«, entgegnete ihre Mutter mahnend. »Achte darauf, was für ein Mensch er ist. Reichtum ist vergänglich. Und wie ich dir schon immer gesagt habe: Wirf vor allem dein kostbarstes Gut, die Jungfernschaft, nicht leichtfertig weg!«
Sie entnahm dem Kästchen eine Kette mit blauen Glasperlen, in deren Mitte ein runder Zylinder hing, dazu ein Stück Bienenwachs, das sie einen Augenblick in der Hand wärmte, bevor sie zu einem Tischchen trat und es dort flachdrückte. Unter den aufmerksamen Blicken ihrer Tochter rollte sie den Zylinder auf dem weichen Wachs ab und hielt Pelagia das Ergebnis hin.
»Ein Löwe, der einen Stier reißt«, staunte ihre Tochter. »Was bedeuten diese seltsamen Zeichen?«
»Das weiß heute niemand mehr. Vor vier Jahrhunderten, so hat es mir meine Mutter erzählt, hat einmal einer meiner Vorfahren dieses Rollsiegel der Frau geschenkt, die er liebte. Das soll in Babylon gewesen sein.« Sie reichte Pelagia die Kette. »Seitdem bekommt sie immer die älteste Tochter unserer Familie. Sie ist von keinem besonderen Wert, aber sie soll Glück bringen, wenn man das Siegel zwischen Daumen und Zeigefinger reibt. Du bist unser einziges Kind – möge sie auch dich auf dem Weg in dein neues Leben beschützen.«
»Danke!« Pelagia hatte Tränen in den Augen, als sie ihre Mutter in die Arme nahm. Dann legte sie sich die Kette um den Hals.
Am nächsten Morgen bestieg sie das Segelschiff, das sie nach Italien bringen sollte.
***
Unter dem rhythmischen Klatschen der Ruder mühte sich die Galeere den Tiber hinauf. Leicht fröstelnd, in einen wollenen Umhang gehüllt, stand Pelagia am Bug und spähte nach vorne, wo sich die Umrisse der Ewigen Stadt aus dem Morgennebel hoben. Es war Juni, doch gestern Nacht hatte ein heftiges Gewitter getobt und die Luft deutlich abgekühlt. Mit Gottes Hilfe war die Überfahrt glatt verlaufen, ohne Stürme oder sarazenische Piraten. In Portus, dem verfallenen Meerhafen, hatte sie das Boot des Exarchen in Empfang genommen, so dass sie nicht auf die Dienste der Fuhrleute angewiesen waren, die sich schreiend und winkend am Ufer drängten.
Jetzt erblickte Pelagia die turmhohen Mauern, die sich zu beiden Seiten an den Fluss heranschoben, dann fuhren sie unter der ersten Brücke hindurch. In der Mitte des Stromes lag eine Schiffsmühle vertäut, die an ein großes Holzhaus erinnerte, an dessen Seiten Räder ins Wasser platschten.
Vor der zweiten Brücke legte das Schiff an. Die Gesandtschaft schritt würdevoll an Land, wo sie schon von Sänften erwartet wurde. Pelagia fand sich plötzlich einsam am Ufer, nur von zwei in Portus angeheuerten Dienern begleitet, die ihr Gepäck geschultert hatten und sie fragend anglotzten.
»Wohin jetzt?«
»Zum Palast der Anicii. Ihr wisst, wo das ist?«
Stummes Kopfschütteln war die Antwort. Einer der Träger setzte sein Bündel wieder ab, um eine brummende Schmeißfliege zu verscheuchen, während ein Bettler erwartungsfroh heranhinkte.
In diesem Augenblick trat ein lockiger, zierlich gebauter Mann zu ihnen.
»Kann ich Euch behilflich sein?«, fragte er in der verdorbenen Volkssprache, die dem Latein der Lehrbücher nur entfernt ähnelte.
Pelagia bedankte sich und erklärte, dass sie zu dem Haus eines entfernten Verwandten wolle. »Ich glaube, es liegt irgendwo bei einem Hügel namens Caelius«, fügte sie vage hinzu und zog ein Stück Papyrus heraus.
»Für eine vornehme junge Dame zu weit, um zu laufen«, entschied der Mann in einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Diensteifer, während er den Bettler wegscheuchte. »Ich besorge die beste verfügbare Sänfte.«
Kurze Zeit später war er mit einem schäbigen Tragestuhl zurück, den Pelagia nur zögerlich bestieg, nachdem sie eingetrockneten Taubenkot weggefegt hatte.
»Seid Ihr das erste Mal in Rom, wenn ich fragen darf?«
»Ja«, entgegnete die junge Frau knapp, während sie die Umgebung musterte, die schwankend an ihr vorbeizog. Die Diener trotteten missmutig mit ihrem Gepäck hinterher.
»Dann braucht Ihr einen Führer für die Wunder der Stadt. Ihr müsst unbedingt die Kirche des Heiligen Laurentius besuchen.«
»Wozu das?«, fragte Pelagia, mehr aus Höflichkeit denn aus Interesse.
»Dort kann man heute noch den Rost sehen, auf dem der Heilige gemartert wurde. Nach einiger Zeit soll er seinen Peinigern gesagt haben, sie könnten ihn jetzt umdrehen, die eine Seite sei durch …«
»Widerlich!«, empörte sie sich. »Wer will denn so etwas sehen?«
»Tausende von Pilgern kommen extra von weit her …«
»Ich nicht! Bring mich einfach zur Villa meiner Verwandten.« Eine Zeitlang verstummte ihr Führer, dann deutete er zaghaft nach rechts, wo sich auf einem Hügel vielstöckige Bauten erhoben, mit Bogenfenstern, säulengeschmückten Nischen und marmornen Balkonen. »Der Palatin. Hier residierten einst die Kaiser. Jetzt ist es der Sitz des Statthalters.«
Pelagia nickte abwesend, während die Sänfte über eine offene Fläche schaukelte, auf der sich eine Säule mit einer vergoldeten Bronzestatue erhob.
»Und was ist das?«, fragte sie, da ihr der Führer Leid tat.
»Die Phokassäule. Der Papst und das Volk von Rom ließen sie auf dem Forum errichten. Zu Ehren des Kaisers, der vor sechzig Jahren dem Papst das Pantheon schenkte. So wurde aus dem Heidentempel die Marienkirche«, erläuterte der junge Mann mit erneutem Eifer. »Wollt Ihr hören, wie Papst Gregor die Dämonen aus dem alten Gebäude vertrieb?«
»Vielleicht ein anderes Mal«, winkte Pelagia ab. »Wie heißt du überhaupt?«
»Urso. Urso de Albina!«, erklärte der Mann in einem Ton, als müsse dieser Name selbst in den fernsten Winkeln des Erdkreises Ehrfurcht erregen. »Und Ihr, wenn ich fragen darf?«
»Pelagia Gabinia. Ich bin mit einem Schiff des Exarchen aus Africa gekommen.«
»Über das Meer? Dann müsst Ihr unbedingt die Kirche der heiligen Maria von Ägypten besuchen!«, rief Urso aufgeregt aus, während die Sänftenträger einen marmornen Triumphbogen durchschritten. »Gebt Acht, das ist der Titusbogen. Seht Ihr, wie Roms Legionäre die Schätze des jüdischen Tempels wegschleppen?«
Pelagia drehte widerwillig den Kopf und erblickte Steinreliefs behelmter Soldaten, die einen siebenarmigen Leuchter trugen.
»Was hat es mit dieser Ägypterin auf sich?«, fragte sie dann spöttisch. »Ist die auch geröstet worden?«
»Oh nein. Sie wollte von Alexandria mit dem Schiff nach Jerusalem, und da sie kein Geld für die Überfahrt hatte, verkaufte sie ihren Körper an die Schiffsleute.« Urso zuckte mit den Schultern. »Nun ja, darin hatte sie gewiss Übung, denn das war schon zuvor ihr leidenschaftlicher Broterwerb gewesen. Sie hoffte wohl, unter den Pilgern viele Kunden zu finden. Am Ziel verwehrte ihr jedoch eine unsichtbare Hand solange den Zutritt zu den heiligen Stätten, bis sie bereute und Einsiedlerin wurde …«
»Und was hat das mit mir zu tun?«, unterbrach ihn Pelagia barsch.
»Nun, ich dachte, da Ihr doch auch eine Frau seid, die mit dem Schiff aus Africa …«
»Jetzt reicht es aber!«, fuhr ihn Pelagia an. »Merk dir: Ich bin wegen der Stadt hier, nicht wegen irgendwelcher Heiligen. Von den Unterschieden im Lebenswandel ganz zu schweigen.« Sie zeigte unwirsch nach vorne, wo sich ein riesiges, ovales Gebäude erhob. »Das Kolosseum?«
Urso nickte stumm, um dann zaghaft zu fragen. »Wollt Ihr wenigstens hören, was das Volk von Rom darüber sagt?«
»Nur, wenn es ohne schauerliche Todesarten oder Beleidigungen abgeht.«
»Keine Angst, nie mehr wird meinem Mund derartiges entfliehen.« Er machte den Trägern ein Zeichen, kurz anzuhalten, so dass Pelagia in Ruhe die drei Bogenreihen betrachten konnte, die sich in den Himmel zu türmen schienen.
»Solange das Kolosseum steht, wird auch Rom stehen«, deklamierte er feierlich.
»Wenn das Kolosseum fällt, wird auch Rom fallen;
wenn Rom fällt, wird auch die Welt fallen!«
»Soso«, bemerkte die junge Frau und betrachtete verächtlich die Risse, die das Mauerwerk durchzogen. An einer Stelle war eine ganze Bogenreihe herabgestürzt, so dass Haufen riesiger Steinquader die Träger zu einem Umweg zwangen. »Dann sollten wir uns lieber beeilen, um vor dem Weltenende anzukommen. Sind wir hier richtig?«
Sie musterte die Anhöhe vor sich, auf der Pinien und Zypressen zwischen efeuüberwucherten Mauern aufragten.
»Nun, das ist der Caelius-Hügel«, entgegnete Urso zögernd. »Ich werde mich nach der Villa der Anicii erkundigen.«
Während die Sänftenträger ihre Last absetzten, sich den Schweiß aus der Stirne wischten und die Diener sich unter vorwurfsvollem Schweigen in den Schatten der Bäume zurückzogen, lief der junge Mann los. Eine Viertelstunde mochte vergangen sein, als er mit verstörtem Gesichtsausdruck zurückkehrte.
»Man hat mir einen Weg gezeigt, aber ich bin mir nicht sicher …«
»Nun, es kann doch nicht so schwer sein, die Villa zu finden? Die Familie ist im Senat vertreten!«, fuhr ihn Pelagia voller Ungeduld an.
»So etwas gibt es in Rom nicht.«
»Trottel!«, brauste Pelagia wütend auf. »Und das will ein Römer sein!«
»Ich bin aus einem Dorf nördlich der Alpen«, entgegnete Urso gekränkt, »aber ich lebe schon zehn Jahre hier. Mein Geld verdiene ich ehrlich mit dem Führen frommer Pilger.« Er kratzte sich hinter dem Ohr. »Früher, so hat man mir erzählt, soll sich tatsächlich ein Senat in der Curia versammelt haben. Aber – heute ist da drin die Kirche St. Hadrianus. Am Forum, wir sind daran vorbeigekommen. Wenn Ihr sie sehen wollt …?«
Pelagias strenger Blick ließ ihn rasch das Thema wechseln. »Wann habt Ihr denn das letzte Mal von euren Verwandten gehört?«
»Nun, das ist schon eine Weile her«, gab das Mädchen widerwillig zu. »Mein Vater hat mir einen Brief von einem Onkel seines Großvaters aus Rom mitgegeben, der auf das zweite Regierungsjahr des Kaisers Maurikios Tiberius datiert ist.«
Urso runzelte die Stirne. »Aber der müsste an die siebzig Jahre alt sein«, gab er zu bedenken. »Rom hat sich seitdem sehr verändert, sagt man.«
»Aber nicht die Anicii! Die gehören zu den ältesten Familien der Stadt!«, fauchte sie ihn an. »Bring mich zu ihrer Villa oder verschwinde!«
»Wie Ihr befehlt!« Urso gab den Trägern ein Zeichen, die Sänfte einen Weg mit grasüberwucherten Steinplatten emporzutragen, der von alten Pinien beschattet wurde. Am Ende machten sie vor einem dreistöckigen Gebäude halt, dessen Fenster mit Holzläden verschlossen waren. Risse durchzogen die Marmorsäulen des Portals, der Mauerputz war abgebröckelt und der Vorplatz mit zersplitterten Dachziegeln und Piniennadeln übersät.
Urso klopfte gegen die Türe, wartete, hämmerte erneut gegen das verwitterte Holz und wollte sich schon achselzuckend abwenden, als innen schlurfende Schritte zu hören waren. Die Riegel fuhren kreischend zurück, die Türe schwang auf und eine grauhaarige, gebeugte Frau musterte sie misstrauisch.
»Was wollt Ihr?«
»Ich bin Pelagia Gabinia aus Karthago und möchte zu meinen Verwandten, den Anicii.«
»Was?« Die Frau verzog das Gesicht und legte die Hand hinter das rechte Ohr.
Pelagia wiederholte laut, was sie gesagt hatte.
»Nicht mehr viele übrig«, entgegnete die Frau. »Nur der Herr Petronius ist noch da.«
»Dann bring mich zu ihm!«, ordnete Pelagia an, entstieg der Sänfte und winkte den Dienern, das Gepäck in das Haus zu schaffen.
»Darf ich an meinen Lohn erinnern?« Urso wartete mit geöffneter Hand. »Eine heimliche Gabe stillt den Zorn und ein Geschenk im Verborgenen den heftigen Grimm!«
»Was faselst du da?«
»Alles aus den Weisheiten Salomos, Herrin.«
Pelagia drückte ihm einige Münzen in die Hand. »Für dich und die Träger.«
»Oh, vielen Dank. Dafür begleite ich Euch morgen gerne noch einen Tag!«
Das Mädchen zögerte kurz, dann nickte sie. »Nun gut. Du bist ganz unterhaltsam und die anderen sind vielleicht noch aufdringlicher …«
»Und ob sie das sind! Ist Euch die vierte Stunde nach Sonnenaufgang Recht?«
Pelagia nickte und verschwand in der Düsternis des Hauses.
***
Sie folgte der alten Frau einen Korridor entlang bis zu einem von Säulen umstandenen Innenhof. Doch anstatt eines gepflegten kleinen Gartens wucherte Gebüsch aus allen Winkeln, das Wasserbecken in der Mitte war mit Schlamm und alten Piniennadeln gefüllt. Unter dem Dach, neben einer Säule, stand ein bronzener Klappstuhl.
»Senator!«, rief die Frau, und Pelagia bedauerte zutiefst, dass dieser verblödete Fremdenführer das nicht mehr hören konnte. »Senator, Besuch ist gekommen!«
Es verging einige Zeit, bis sich ein hagerer Mann näherte, der an die achtzig Jahre alt sein mochte, doch sich noch immer aufrecht hielt. Er trug das volle, schlohweiße Haar kurz geschnitten; gekleidet war er in eine vielfach geflickte Toga mit Resten eines Purpurstreifens, ein Goldring schimmerte an seiner Rechten.
»Mit wem habe ich die Ehre?«, erkundigte er sich.
Pelagia nannte ihren Namen, erzählte von ihrer Familie, dem Grund ihrer Reise und überreichte einen Brief ihres Vaters. Der Mann überflog das Schreiben, dann lächelte er die junge Frau zahnlos an, ließ sich in den Sessel sinken und befahl der Dienerin: »Gratia, ein Zimmer für unsere Besucherin. Sie wird bei uns wohnen.«
»Was soll ich?« Wieder legte die Dienerin die Hand hinter das Ohr.
»Gib ihr den größten Raum im Ostflügel!«
»Herr«, die alte Frau zögerte. »Der Ostflügel war schon lange baufällig. Beim letzten Erdbeben ist er eingestürzt.«
Petronius legte die Hand an die Stirne und wirkte verstört. »Stimmt, wie konnte ich das nur vergessen … Und die Räume hier im dritten Stock, die mit dem besten Blick über die Stadt?«
»Der Sturm hat das Dach abgedeckt und die Scheiben zertrümmert. Alles ist voller Schimmel!«
»Wirklich? Warum sagt mir das niemand?«, murmelte der Mann erschüttert, dann rief er aus: »Wir müssen etwas tun!«
»Das predige ich Euch jeden Tag! Nur fehlt es am Geld. Wir haben bald nichts mehr zum Verkaufen.«
»Irgendein Zimmer für unseren Gast wird sich doch finden«, herrschte sie Petronius nun erbost an. »Gib dir halt ein bisschen Mühe!«
Kopfschüttelnd machte die Alte Pelagia ein Zeichen, ihr zu folgen, und brachte sie zu einem Raum, dessen Türe sich kreischend in den Angeln drehte. Innen tanzten Staubkörner in einem Sonnenstrahl, der durch die Ritze zwischen den geschlossenen Läden fiel. Ein Rascheln in der Ecke ließ Pelagia zusammenzucken, dann nahm sie die Umrisse eines Schrankes, eines Tisches sowie einer Liege wahr, über die eine mottenzerfressene Decke gebreitet war.
»Widerlich!«, sagte sie mehr zu sich selbst, als ihr der Geruch nach Moder in die Nase stieg.
»Lieblich, meint Ihr? Schön, dass es Euch gefallt«, erwiderte Gratia, warf ihr einen seltsamen Blick zu und machte sich daran, die Fenster zu öffnen.
Voll Ekel gewahrte Pelagia die überall herumhängenden Spinnweben, den Mäusekot in den Ecken und die stockfleckigen Wände. Flucht war ihr erster Impuls, doch dann überwand sie sich.
»Gratia, das muss gründlich gesäubert werden!«, befahl sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Vor allem aber gut lüften!«
Befriedigt beobachtete sie, wie die alte Frau zusammenzuckte, jedoch rasch verschwand, um missmutig vor sich hin brabbelnd mit Besen, Wassereimer und Lappen zurückzukehren. Pelagia ging zu Petronius, der sich vergebens abmühte, eine Weinamphore zu öffnen. Die junge Frau half ihm und gemeinsam tranken sie einen Schluck.
»Und du bist meine Nichte Lucilla aus Karthago?«, fragte der Senator schließlich.
»Nein, das war meine Großtante. Ich heiße Pelagia!«, antwortete sie. »Und Ihr seid Mitglied des römischen Senats?«
»Ja, ja«, erwiderte der alte Mann stolz. »Wie mein Vater vor mir. Und dessen Vater …«
»Wisst Ihr schon, dass der Kaiser nach Rom kommt?«
»Kaiser Herakleios? Wann denn?«
»Nein, der ist schon über zwei Jahrzehnte tot«, erwiderte Pelagia irritiert. »Sein Enkel, Kaiser Konstans. Er ist bereits in Italien. Der Senat sollte ihn feierlich begrüßen!«
»Ja, ja, natürlich«, Petronius drehte seinen Goldring. »Das muss er, unbedingt …«
»Wann und wo trefft ihr euch das nächste Mal?«
Der alte Mann sah sie hilflos an. »Was meinst du?«
»Der Senat! Man hat mir erzählt, in dem alten Versammlungssaal sei jetzt eine Kirche.«
»Selbst in der Curia? Wieso hat man mir das nicht gesagt?« Er fuhr sich fahrig mit der Hand durch die weißen Haare. »Überall Kirchen, niemand braucht so viele Kirchen …«
Pelagia merkte, wie sie langsam ungeduldig wurde und fragte misstrauisch. »Wann habt Ihr als Senator das letzte Mal an einer Sitzung teilgenommen?«
»Als Kind«, Petronius wirkte geistesabwesend. »Mein Vater nahm mich mit und sagte, eines Tages würde auch ich zu den weisen Vätern gehören. Doch dann traf Rom viel Unheil. Wer noch Geld gerettet hatte, zog nach Konstantinopel. Der Senat wurde nicht mehr einberufen. Bis heute warte ich …«
»Und wie alt seid Ihr?«, fragte Pelagia fassungslos. »Fünfundachtzig Jahre sind es im nächsten August«, antwortete der Senator stolz und trank einen Schluck.
Sein Blick schweifte ab, nun schien er in einer fernen Welt zu weilen, zu der das Mädchen keinen Zugang hatte. Sie gab es auf, in ihn zu dringen, ließ ihn stattdessen einfach reden. An die Zeit seiner Kindheit konnte er sich mit überraschender Klarheit erinnern, an Langobardenbelagerungen, Hungersnöte und Erdbeben. Lebhaft beschrieb er die Tiberüberflutungen, vor allem das große Hochwasser vor gut sieben Jahrzehnten. »So hoch stand das Wasser auf dem Marsfeld, dass viele alte Tempel einstürzten und die Fluten die Kornvorräte der Kirche wegschwemmten. Ich selbst bin sogar mit einem Boot bis in das Pantheon hineingefahren.«
Doch anschließend sei alles noch schlimmer geworden, als die Pest die Stadt heimsuchte. »Die Abergläubischen erblickten Gespenster, berichteten von Erscheinungen in der Luft, und jeden Morgen glaubte man, an den Häusern die Zeichen des Würgeengels zu sehen«, erzählte er. »Menschen wie Tiere starben im Fieber. Wenn man die Körper öffnete, waren sie innen schwarz, die Eingeweide voller Geschwüre …« Der Senator verstummte, sein faltiges Gesicht mit den buschigen Augenbrauen wirkte noch eingefallener als zuvor. »Ohne die Flüchtlinge vor den Langobarden wäre Rom zu einem menschenleeren Friedhof geworden. Selbst als der Papst von der Seuche hinweggerafft wurde, fuhren die Priester fort zu predigen, all das sei die Strafe für unsere Sünden. Gott prüfe uns im Glauben, so wie einst Hiob.« Der Mann lachte, doch es war ein bitterer Laut. »Wer es noch wagte, sich zum alten Glauben zu bekennen, flüsterte, das ganze Elend sei die Rache der Götter, von denen Rom abgefallen war …« Wieder schwieg er, und Pelagia war nahe daran, zu fragen, welcher Ansicht er denn zuneige, als er von neuem zu sprechen begann. »Dann wurde mein Großonkel Gregor zum Papst gewählt. Ich war damals zwölf und kann mich noch an ihn erinnern. Wie er die Bittprozessionen durch die Stadt anführte, wie alle schrien, als sie auf der Brücke vermeinten, den Erzengel Michael über dem Grabmal Hadrians schweben zu sehen, und wie endlich die Pest aufhörte …«
Noch lange verweilte Petronius in den Jahren seiner Jugend. Was in den letzten zwei Jahrzehnten geschehen war, schien dagegen keine Spuren in seinem Gedächtnis hinterlassen zu haben, und stets erkundigte er sich aufs Neue, wie der Name seiner Besucherin sei und woher sie käme. Dafür konnte er in seinem geschliffenen Latein zahllose alte Autoren rezitieren – etwas, das er, wie er mit Stolz erwähnte, auch öffentlich auf dem Trajansforum vor Gleichgesinnten zu tun pflegte. Gebannt lauschte Pelagia dieser Stimme, die aus einer versunkenen Welt zu kommen schien.
Abends servierte Gratia gebratene Flussfische mit Oliven und Brotfladen. Sie saßen noch etwas im flackernden Schein einer Öllampe beisammen, bis Pelagia so müde wurde, dass sie sich überwand und in ihr Zimmer ging. Zu ihrer Überraschung fand sie es zwar noch immer leicht muffig riechend und mit Wänden, auf denen Wasserflecken seltsame Muster zeichneten, ansonsten aber gereinigt vor. Durch die geöffneten Fenster war der verwilderte Garten zu sehen. Als sie sich besänftigt hinausbeugte, roch sie den süßlichen Duft der Rosen und erblickte eine vom Efeu überwucherte Marmorstatue. Grillen zirpten, bald darauf begann eine Nachtigall zu trällern. Doch als Mücken heransurrten, schloss sie hastig das Fenster, legte sich auf die Liege und sann lange über ihre Zukunft nach, bis der Schlaf sie überkam.
***
Am nächsten Morgen war Urso pünktlich zur Stelle und hatte zwei Maultiere mitgebracht. Den ganzen Tag ritten sie durch Rom, und allmählich begann Pelagia zu begreifen, wie es um die Stadt tatsächlich stand. Aus der Ferne schienen die Prunkbauten unversehrt, aber je näher man ihnen kam, umso deutlicher wurden die Zeichen des Verfalls. Nicht weit von des Senators Haus erhob sich die mit Säulen und Nischen verzierte Fassade der Caracallathermen, doch schon seit einem Jahrhundert waren die Feuer erloschen, in deren Wärme sich einst täglich Tausende von Besuchern geräkelt hatten. Innen gähnten leere Marmorbecken, in denen Haufen alter Blätter verrotteten, die der Wind durch zerbrochene Fensterscheiben hereingeweht hatte. Sie schritten über staubbedeckte Mosaike und hoben ihre Blicke zu den leeren Gewölben, in denen verirrte Spatzen tschilpend herumflatterten.
Am Kolosseum ragte der Venus- und Roma-Tempel empor, dessen offengelegte Dachsparren verfaulten, seit der Papst mit kaiserlicher Billigung die bronzenen Dachziegel zur Bedeckung der Peterskirche hatte abnehmen lassen. Noch immer krönte der Jupitertempel, verschlossen und von Gebüsch überwuchert, den Kapitolshügel – allein, selbst hier schlichen nachts Diebe herum, um Marmorteile herauszubrechen und sie zu Kalk zu brennen. Zwar floss noch immer Wasser durch einige Aquädukte in die Stadt, doch tropfte und rieselte es aus zahllosen Lecks, unter denen weiße Kalkbärte hingen.
Weite Bereiche, vor allem im Norden und Osten, schienen gänzlich entvölkert zu sein. In den einstigen Parks der herrschaftlichen Villen wuchsen jetzt Weinstöcke, Obstbäume und Beerensträucher, grasten Kühe und meckerten Ziegen, so dass die Stadtmauer dort eher ein Landgut als das Haupt der westlichen Christenheit zu umschließen schien.
Doch noch immer traf sich das Volk auf dem Forum Romanum, auch wenn es meist ärmliche Gestalten waren, deren nackte Füße über die Marmorplatten patschten. Zu Füßen der Kaiserbauten fanden Märkte statt, auf denen Töpfe, Amphoren mit Olivenöl aus Africa, Äpfel, Käselaibe und Stoffe feilgeboten wurden; dort traf man sich, schacherte, stritt und lauschte gelegentlich den Predigten frommer Männer. Pilger aus Britannien, Francia und Hispania zogen durch die Stadt, von Führern begleitet, die ihnen Kirchen, Katakomben und vor allem Märtyrergräber anpriesen. Deren Heilkraft, so versicherten sie, könne man durch das Herablassen von Tüchern auf die Sarkophage zum eigenen Nutz und Frommen mit nach Hause nehmen. Dazwischen erschallten die Stimmen der Händler, die Fläschchen wundertätigen Öls hochhielten, das – wie Dokumente versicherten – aus den Lampen der heiligen Stätten stammte. Bettler säumten die Straßenränder und reckten ihre Holzschälchen; Wirte, Huren und Bartscherer warben um Kunden, während vor den Diakoniehäusern Schlangen zerlumpter Armer auf die kirchliche Speisung warteten, denen sie ihr Überleben verdankten.
Ende Juni, als sie Rom mehrere Tage lang durchstreift hatten, wurde Pelagia immer einsilbiger. Zuletzt unterbrach sie Urso, der ihr gerade die Reliefs der Trajanssäule erklärte.
»Ich glaube, mir reicht es. Ich habe genug von dieser sterbenden Stadt gesehen.«
»Aber wir waren noch nicht einmal bei den Thermen des Diokletian, in der Kirche des heiligen Paulus außerhalb der Mauern oder …«
»… worauf ich verzichten kann. Ich möchte, dass du mich zu etwas ganz Anderem bringst, falls das möglich ist.«
»Natürlich, zu was denn?«
»In eine Bibliothek. Ich möchte lesen, was früher gedacht wurde, bevor uns die Kirche den Blick verengte.«
Urso sah sie erschrocken an. »Die Weisheit der Frauen baut ihr Haus, aber ihre Torheit reißt's nieder mit eigenen Händen«, seufzte er leise.
»Was murmelst du da?«, fragte sie argwöhnisch.
»Nichts, nur aus den Weisheiten Salomos«, beschwichtigte der Lockenkopf. »Lasst mich überlegen.« Dann hellte sich sein Gesicht auf. »Hier ganz in der Nähe gibt es eine. Kommt mit!«
Nach kurzem Suchen machten sie vor einem Gebäude mit hohen Bogenfenstern halt. Viele der quadratischen Scheiben waren zerbrochen, so dass wilde Tauben ein- und ausflogen. Der Eingang war mit Brettern verschlossen, doch ein Teil der Bohlen abgefault, so dass es möglich schien, sich unten hindurchzuzwängen. Pelagias Augen blitzten. »Los, hilf mir, da will ich hinein!«
Urso schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich weiß nicht, ob das klug ist. Die Bibliothek wurde unter Papst Gregor versperrt. Ich würde das nicht tun …«
»Brauchst du auch nicht. Warte einfach draußen auf mich.«
»Wie Ihr wünscht«, nickte der Führer ergeben und wandte sich dann in Richtung des nahen Forums. »Ich werde mal hinübergehen. Irgendetwas geht da vor. Vielleicht eine fremde Gesandtschaft.«
»Gut, aber sei spätestens in einer Stunde zurück.« Sie zeigte auf die Sonnenuhr an der Fassade, brach mit seiner widerwilligen Hilfe einige morsche Bretter ab und zwängte sich durch die Öffnung. Innen umfing sie zuerst Finsternis, doch als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte sie einen langen Gang ausmachen, von dem seitlich hohe Portale abgingen. Ihre Schritte hallten auf dem Steinfußboden, aufgeschreckte Fledermäuse flatterten Geistern der Unterwelt gleich durch die Gewölbe, aus Nischen starrten ihr staubbedeckte Statuen nach.
Zuletzt gelangte Pelagia in einen Saal mit großen Fenstern. Sonnenstrahlen, die durch die quadratischen Scheiben fielen, zeichneten ein Gittermuster auf den Boden und die langen Regalreihen. Manche waren zusammengebrochen und leer, in anderen stapelten sich noch, mit Fledermauskot befleckt, die Lederfutterale, die in alten Zeiten zum Schutz von Schriftrollen gedient hatten. In einer rußgeschwärzten Ecke erblickte sie die Reste eines Feuers, eine Amphore lehnte an der Wand, daneben war Stroh zu einer Lagerstätte angehäuft. Es stank nach Urin. Pelagia sah sich um, konnte jedoch keine Menschenseele entdecken. In der Nähe waren die Regale teilweise zerstört, schien jemand Bretter herausgebrochen und Schriftrollen zerrissen zu haben.
Sie bückte sich, hob ein Fragment auf und las, bis sie auf einen ihr wohlbekannten Satz stieß: »Die Städte selbst meiden sie wie mit Netzen umspannte Gräber.« Nachdenklich ließ sie den Papyrusfetzen fallen. »Ammianus Marcellinus über die Alamannen«, murmelte sie gedankenverloren. »Vielleicht finde ich hier auch die Bände seiner frühen römischen Geschichte, die ich schon so lange suche!« Mit klopfendem Herzen ging sie zu dem Regal, zerrte Schriftrollen heraus, ließ sie nach kurzem Blick auf die angehängten Pergamentschildchen achtlos fallen. »Plinius' Naturgeschichte, Tacitus' Germania – kenne ich alles …« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, zog schwungvoll an einer besonders dicken Rolle und hätte beinahe einen Freudenschrei ausgestoßen. »Ammianus Marcellinus. Römische Geschichte, Bücher sieben bis dreizehn!«
In diesem Augenblick wurde sie durch ein Rascheln und Fiepen aufgeschreckt. Sie blickte zu Boden: Ratten liefen zwischen ihren Füßen herum. Fette Tiere mit schwarzen Knopfaugen, langen Tasthaaren und nackten Schwänzen. Pelagia stieß einen Schrei aus, trat hastig zurück, glitt aus, stürzte und schlug mit dem Kopf auf den Boden. Sterne tanzten vor ihren Augen, bevor sie schwarze Nacht verschlang.
***
Flackernder Schein, Knistern eines Feuers. Stroh kratzte an ihrem Genick, Rauch ließ sie husten. Sie schlug die Augen auf. Ein brauner Umriss bewegte sich neben ihr, richtete sich auf, gab das bärtige Gesicht eines Mannes frei. Dunkle Augen starrten unter verfilzten Haarsträhnen hervor.
»Wer bist du?«, fragte Pelagia benommen, richtete sich auf und griff sich an den Hinterkopf, an dem sie eine schmerzende Beule fühlte. »Was treibst du hier?«
»Ich bin Georgios«, antwortete der Mann mit griechischem Tonfall. »Ein Narr Gottes, der an diesen Ort haust, um ihn von dem Schmutz des Heidentums zu reinigen. Was willst du hier?«
»Ich heiße Pelagia«, erwiderte die junge Frau, »und suche nach alten Schriften.« Sie wischte sich den Staub vom Gewand. »Wo ist meine Römische Geschichte?«
Das Gesicht des Mannes zuckte, seine Rechte mit schwarz geränderten, verkrümmten Nägeln wies auf das Feuer. »Da!«, kicherte er. »Wo solch heidnischer Unrat hingehört!«
Pelagia schrie auf, als sie das verkohlte Ende des Lederfutterals erblickte, das am Rande der Flammen aus der Asche ragte. Sie sprang auf, stürzte sich wie eine Furie auf den Mann und wollte ihm die Augen auskratzen. Doch zwei knochige Hände packten sie mit unerwarteter Kraft, so dass sie nur schreien und spucken konnte.
»Halt ein, Sünderin!« Der Mann zwang sie entschlossen zu Boden. »Hör auf mit deinem Treiben, ehe es zu spät ist! Das Ende aller Zeiten steht bevor, denn es hat sich erfüllt, was bei Johannes über diese Stadt geschrieben steht: ›Sie ist gefallen, die große, und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller üblen Geister und ein Ort der unreinen und verhassten Vögel. Denn von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken, und die Könige auf Erden sind reich geworden von ihrer großen Üppigkeit.‹«
Schwer atmend gab Pelagia den Versuch auf, sich aus den Klauen des Mannes zu befreien. »Wieso kommst du widerlicher Schmutzhaufen dazu, mir meinen …«, keuchte sie wütend, doch weiter kam sie nicht, denn eine Klauenhand verschloss ihr den Mund. »Lästere nicht, Gott hat mich berufen«, zischte der Mann, »ganz wie es bei Johannes heißt: ›Und ich hörte eine andere Stimme vom Himmel, die sprach: Gehet aus von ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden, auf dass ihr nicht empfanget etwas von ihren Plagen! Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel, und Gott denkt an ihre Frevel. Bezahlet ihr, wie sie bezahlt hat, und tut ihr zwiefältig nach ihren Werken; und mit welchem Kelch sie euch eingeschenkt hat, schenket ihr zwiefältig ein! Wie viel sie sich herrlich gemacht und ihren Übermut getrieben hat, so viel schenket ihr Qual und Leid ein!‹«
Georgios nahm seine Hand von Pelagias Mund und glotzte sie an. Es war ein Blick, der sie schaudern machte: Begierde mischte sich mit Abscheu, fiebriges Glänzen mit Weltabgewandtheit. Ehe die junge Frau es sich versah, hatte der Mann sie auf den Bauch gedreht, um ihr die Hände hinter dem Rücken zu verschnüren, worauf er der heftig Widerstrebenden auch die Beine zusammenband.
»Du bist schön, Sünde Roms«, flüsterte er ihr heiser ins Ohr, und Pelagia roch seinen zwiebeldunstigen Atem. »Vielleicht hat dich der Teufel geschickt? Oder der Herr will meine Standhaftigkeit prüfen?« Der Mann wuchtete sich auf sie, so dass sie die Knochen seines Körpers spürte. »Doch ich stehe fest im Glauben …« Krallenfinger wühlten sich in ihr Haar und lösten es, sein Gewicht nahm ihr fast den Atem.
Unter Anspannung aller Kräfte hob Pelagia das Kinn vom Boden. »Verschwinde, du Abschaum!«, schrie sie. »Ich bin eine freie Römerin! Mit deinem Wahn habe ich nichts zu schaffen!«
»Nicht?«, fragte er mit unerwarteter Ruhe und ließ von ihr ab. »Dann bist du vielleicht die fleischgewordene Hoffart dieser Stadt, von der es in der Offenbarung Johannis heißt: ›Denn sie spricht in ihrem Herzen: Ich sitze da und bin eine Königin und keine Witwe, und Leid werde ich nicht sehen.‹« Wieder verfiel der Mann in diesen getragenen Ton, als habe er eine Gemeinde vor sich. »Doch das hilft dir nichts, Sünde, denn die Schrift sagt: ›Darum werden ihre Plagen auf einen Tag kommen, Tod, Leid und Hunger, und mit Feuer wird sie verbrannt werden, denn stark ist Gott der Herr, der sie richtet …‹« Die Stimme sank herab zu einem Gemurmel. »Ja, das ist es. Die Sünde austilgen, mitsamt ihrem heidnischen Unrat. Ein großes Feuer, ein reinigendes Feuer, ein Gott gefälliges Feuer …«
Sie hörte, wie er zu den Regalen ging und begann, Bretter abzureißen. Verzweifelt drehte sie sich auf den Rücken, schrie so laut um Hilfe, dass das Echo durch die Gänge hallte.
Aber Georgios warf ihr nur verächtliche Blicke zu, während seine Predigerstimme den Raum erfüllte. »Und es werden sie beweinen und sie beklagen die Könige auf Erden, die mit ihr Unzucht und Frevel getrieben haben, wenn sie sehen werden den Rauch von ihrem Brand; und werden von Ferne stehen aus Furcht vor ihrer Qual und sprechen: Weh, weh …«
Nach und nach wuchs der Haufen aus Brettern und Schriftrollen neben der jungen Frau, die sich vergeblich in ihren Fesseln wand. Ihr wütender Protest war inzwischen zu einem unkontrollierten Schluchzen geworden. »Bitte, tu mir nichts. Ich bin nicht die, für die du mich hältst …«
Doch der Mann beachtete sie nicht. Mit geistesabwesendem Blick musterte er den Scheiterhaufen und wiederholte: »… mit Feuer wird sie verbrannt werden, denn stark ist Gott der Herr, der sie richtet …«
Da vernahm Pelagia auf einmal Füßegetrappel. Aus den Augenwinkeln konnte sie eine zierliche, lockenköpfige Gestalt erkennen, die sich im nächsten Augenblick auf Georgios stürzte. Wildes Gepolter, Gestöhne, die Geräusche eines Kampfes, danach der dumpfe Aufprall eines Körpers. Schritte näherten sich, angsterfüllt hob Pelagia den Kopf. »Urso, bist du es? Binde mich los!«
Schwerer Atem, Zwiebelgestank. Zu ihrem Entsetzen spürte sie die knochige Hand des Einsiedlers, der ihren Kopf anhob. »Bereue und mache deinen Frieden mit Gott, Sünde!«, hörte sie ihn keuchen. »Die Zeit des Gerichts ist da. Sei bereit für den Tag der Pein, für den Tag des reinigenden Feuers!«
Wie gelähmt starrte Pelagia in das verzerrte Gesicht. Das rechte Auge tränte, während das Zottelhaar einem Vorhang gleich über die Wangen hing. Doch plötzlich änderte sich der Ausdruck. Die Lippen, zuvor zusammengekniffen, verzogen sich zu einem Ausdruck der Verwunderung, der in Schmerz überging, während die Augen sich in ungläubigem Staunen weiteten. Von einer unsichtbaren Kraft wurde der Kopf zur Seite geschoben, gedreht, auf den Boden gedrückt. Pelagia spürte, wie ihre Fesseln gelöst wurden, richtete sich mühsam auf und blickte in Ursos Gesicht, auf dessen linker Wange ein Bluterguss prangte.
»Seid Ihr unversehrt?«, erkundigte er sich besorgt.
Sie nickte stumm. Ein Scharren und Stöhnen, gefolgt von einem Schlag ließ sie auffahren. Neben ihr lag der leblose Körper des Einsiedlers, über den sich ein großer, kräftiger Mann beugte, die Rechte noch zur Faust geballt. Er lächelte sie gewinnend an und reichte ihr die Hand, wobei sie bemerkte, dass Mittel- und Ringfinger gleich lang waren. Schwankend kam sie auf die Beine. Seiner Kleidung nach musste der Fremde ein Priester sein. Unter rotblondem Haar musterten sie blaue Augen, das regelmäßig geschnittene Gesicht wirkte freundlich, dabei zugleich jedoch energisch und anziehend.
»Meine Name ist Patricius«, hörte sie ihn sagen.
»Und meiner Pelagia«, antwortete sie, wobei sie lächelte und unwillkürlich versuchte, ihr zerzaustes Haar zu ordnen. »Danke für die Rettung. Wie kommt Ihr, ein Mann Gottes, dazu, Euch für mich zu schlagen?«
Patricius zuckte mit den Schultern. »Wo Milde nichts fruchtet …«
»Warum hat er auch nicht auf Salomo gehört, der da sagt: ›Trachte nicht nach Bösem gegen deinen Nächsten, der arglos bei dir wohnt‹«, warf Urso forsch mit einem Seitenblick auf Georgios' leblosen Körper ein.
»Oh Gott«, seufzte der Mann, der sich Patricius nannte. »Nach zehn Jahren noch immer diese Sprüche?«
Urso nickte zufrieden. »Wo sie passen … aber eigenmächtig getauft habe ich nie wieder!«
Als Pelagia ihn verständnislos ansah, erzählte er kurz, wie die beiden sich kennengelernt hatten und gemeinsam nach Rom gereist waren.
»Als dann Patricius im Gefolge des Papstes nach Konstantinopel verschleppt wurde, saß ich alleine in dieser Stadt voll toter Heiliger und lebender Pilger. Da habe ich bei einem alten Fremdenführer angeheuert, der einen Gehilfen suchte, der die Bajuwarensprache verstand. Drei Jahre lang habe mir alles gemerkt und bin jetzt der Beste, den man für Geld finden kann!«
»Soso«, meinte Pelagia und wandte sich an den Priester. »Und wieso seid Ihr jetzt wieder in Rom?«
»Ich kam nach Italien im Gefolge des Basileus Konstans, der …«
»Ihr kennt den Kaiser?«, unterbrach ihn Pelagias mit leuchtenden Augen. »Wo ist er?«
»Nördlich von Neapolis. In wenigen Tagen wird er mit seinem Heer in Rom einziehen. Ich kam mit einer Gruppe, die seinen Besuch vorbereiten soll.«
»Und da erblickte ich ihn zu meiner Überraschung und Freude auf dem Forum«, warf Urso, auf eine Holzlatte gestützt, stolz an Pelagia gewandt ein. »Ich konnte ihn überreden, mitzukommen, um Euch aus der Bibliothek zu holen.«
»Gerade noch rechtzeitig …«, entgegnete Pelagia schaudernd mit einem Blick auf Georgios, der bereits aus seiner Bewusstlosigkeit zu erwachen schien.
»Urso!«, rief da Patricius.
Der hatte die Holzlatte in der Hand und war dabei, auszuholen.
»Dafür!«, sagte er und zeigte auf den Bluterguss in seinem Gesicht.
»Nein!«, fuhr ihn der Priester an. »Lass das, er kann uns nichts mehr tun. Du solltest lieber beherzigen, was dein geliebter Salomo gesagt hat: ›Geh weg von dem Toren, denn du lernst nichts von ihm.‹«
Urso ließ mit sichtlichem Bedauern den Prügel fallen und sie verließen die Bibliothek.
Ohne dass sie sagen konnte, warum, fühlte sich Pelagia zu dem großen, gut aussehenden Priester hingezogen. Urso dagegen dankte sie für seine Dienste und drückte ihm einen jener kleinen, dicken Solidi in die Hand, die sie aus Karthago mitgebracht hatte – worauf sie den jungen Mann mühsam davon abhalten musste, ihr um den Hals zu fallen. In den nächsten Tagen richtete sie es so ein, dass sie möglichst oft in Patricius' Gesellschaft sein konnte und er schien nichts gegen ihre Begleitung zu haben – sofern er es nicht gerade mit Mönchen, anderen Priestern oder den Vertretern des Papstes zu tun hatte.
Pelagia war besonders an allem interessiert, was den Kaiser betraf, und Patricius beschrieb ihr bereitwillig den Prunk des Palastes in Konstantinopel, den Glanz der Mosaiken an den Wänden, die golddurchwirkten Stoffe, das steife Zeremoniell, erwähnte aber auch die Intrigen am Hofe, die hitzigen Debatten um die Natur Christi und das Elend der Flüchtlinge, die aus den von den Sarazenen verheerten Provinzen in die Stadt am Bosporus strömten. Doch als Pelagia wissen wollte, was damals auf seiner Reise nach Konstantinopel geschehen war, verstummte er abrupt und schüttelte abwehrend den Kopf. »Darüber möchte ich nicht sprechen …«
***
Eines Sonntags gingen sie gemeinsam zum Nachmittagsgottesdienst in die Kirche der Heiligen Cosmas und Damianus, da Patricius einen berühmten Prediger hören wollte. Die Innenwände des Baus, einst die Halle des Stadtpräfekten, schmückten farbige Marmorplatten. Da sie noch etwas zu früh waren, wagte Pelagia es, nach einigen unverfänglichen Sätzen wieder einmal das Thema anzusprechen, das ihr besonders am Herzen lag.
»Wenn der Kaiser kommt, was wird er in Rom tun? Wen wird er empfangen?«
»Den Papst, den Exarchen, Militärs, Würdenträger der Stadt«, antwortete Patricius ohne zu zögern. »Warum interessiert dich das?«
Pelagia berichtete offen von dem Gespräch mit ihrem Vater, von der finanziellen Notlage ihrer Familie und ihren Hoffnungen, fragte dann voller Zuversicht. »Will Konstans wirklich die Hauptstadt des Reiches zurück nach Rom verlegen?«
»So heißt es bei Hofe«, erwiderte Patricius zurückhaltend. »Schon sein Großvater Herakleios hatte diesen Gedanken gehabt. Seitdem der Basileus, wie man munkelt, seinen Bruder, den Diakon Theodosius, aus dem Weg geräumt haben soll, ist er beim Volk von Konstantinopel verhasst.«
»Willst du sagen, dass er ihn ermorden ließ?«, fragte sie entsetzt. »Das kann ich nicht glauben!«
Patricius zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Es wäre wohl nicht das Einzige, das er auf dem Gewissen hat.«
In diesem Augenblick begann der Gottesdienst. Nachdem der alte, weißhaarige Priester die Gemeinde begrüßt hatte, rief er mit lauter Stimme: »Was gibt es, was in dieser Welt noch erfreut? Überall sehen wir Trauer, überall hören wir Geseufz; die Städte sind zerstört, die Burgen geschleift, die Äcker verwüstet, die Erde zur Einöde gemacht. Auf den Feldern blieb kein Bauer, in den Städten kaum ein Bewohner zurück, und doch werden selbst noch die kleinen Reste des Menschengeschlechts täglich getroffen, nehmen die Geißelschläge der himmlischen Gerechtigkeit kein Ende, weil nicht einmal unter solchen Strafen die Sündenschuld getilgt wird!«
Pelagia blickte sich verstohlen um, sah die müden Augen der Männer, die abgehärmten Gesichter zu früh gealterter Mütter, die hungrigen Blicke der Kinder, und fragte sich dabei, welche Sünden diese Menschen wohl auf ihr Gewissen geladen haben mochten, dass Gott sie so unbarmherzig züchtigte.
»In welchem Zustande aber Rom, einst die Herrin der Welt, zurückgeblieben ist«, hallte die Stimme durch den Raum, »das ist uns deutlich genug: von unermesslichem Schmerz, von Entvölkerung der Bürger, vom Sturm der Feinde, vom Schutt der Ruinen ist sie daniedergebeugt, so dass in ihr erfüllt zu sein scheint, was einst der Prophet Ezechiel über Samaria vorausgesagt hat: ›Stelle den Topf auf, gieße Wasser hinein, und tue darin ihre Stücke. Häufe die Knochen zusammen, dass ich sie mit Feuer entzünde, es soll das Fleisch aufgezehrt, und ihre ganze Masse verkocht werden, und die Knochen sollen zergehen.‹ Ja, damals ward uns der Topf aufgestellt, als Rom gegründet wurde …«
Die unbarmherzige Stimme, die immer weiter in düsteren Vergleichen schwelgte, machte Pelagia Angst. Hilfe suchend wanderte ihr Blick über die flackernden Öllampen, die ihren Schein auf unzählige Ikonen warfen. Ihre Augen verweilten an dem vor goldenem Zierrat strotzenden Altar, um sich zuletzt zu dem großen Bogen zu erheben, den Mosaiken mit Engeln und den Symbolen der vier Evangelisten zierten, doch nirgends fand sie Trost.
»Aber siehe, nun sind schon von ihr alle Mächtigen dieser Welt genommen, die Knochen sind verkocht, die Völker sind abgefallen, das Fleisch also ist zergangen«, donnerte der Prediger jetzt. »Denn wo ist der Senat? Wo ist das Volk? In ihr ist aller Glanz weltlicher Würden ausgelöscht. All ihre Masse ist geschwunden, und doch bedrängen selbst uns wenige, die wir übrig blieben, täglich das Schwert und unzählige Plagen!« Der Mann schwieg erschöpft, sah sich um, und glich einer der Heiligenfiguren, die hoch oben im Apsismosaik den thronenden Christus flankierten und in unnahbarer Strenge auf das Elend der Gläubigen herabblickten, während darunter noch immer die Darstellung der römischen Wölfin mit den Zwillingen prangte.
»Denn weil der Senat fehlt, das Volk unterging, und weil sich dennoch bei den wenigen, die noch leben, Schmerzen und Seufzer täglich mehren, so brennt schon das leere Rom. Was aber sagen wir von den Menschen, da wir durch wiederholten Einsturz selbst die Gebäude zerstört sehen? Wo sind diejenigen, die sich einstmals an dem Ruhm derselben entzückten? Wo ist ihr Pomp? Wo ist ihr Stolz? Wo die häufige und maßlose Lust? Es ist an ihr erfüllt, was wider das zerstörte Ninive vom Propheten gesagt wird: ›Wo ist die Wohnung der Löwen, und die Atzung der Löwenkinder?‹ Waren nicht ihre Feldherren und Fürsten die Löwen, welche durch die Länder der ganzen Welt rannten und mit wütender Mordlust die Beute entführten? Hier fanden die Jungen der Löwen ihre Speise: weil doch die Knaben und Jünglinge, die Kinder der Weltlustigen, hierher von allen Seiten zusammenliefen, wenn sie in dieser Welt ihr Glück machen wollten!«
Als der Prediger erneut pausierte, um seine Worte wirken zu lassen, berührte Pelagia Patricius am Arm. »Ich muss hier raus«, flüsterte sie, »mir ist schwindelig. Ich warte draußen auf dich.«
Er sah sie erstaunt an, nickte aber, und sie drängte sich durch die Menge der Gläubigen. Endlich hatte sie die runde Vorhalle erreicht, verfolgt von Worten, die sie wie Geißelhiebe trafen: »Doch siehe, nun ist die Stadt verödet, nun ist sie zerstört, und von Gestöhne niedergedrückt. Nun eilt niemand mehr zu ihr, in dieser Welt sein Glück zu machen …«
Schwer atmend lehnte sie sich draußen an die riesige Bronzetüre, bis sie langsam Ruhe fand. Niemand sollte hier mehr sein Glück machen … Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so einsam und verlassen gefühlt, und sie sehnte den Augenblick herbei, in dem Patricius aus der Türe treten würde. Als er kam, war sie ihm dankbar für seinen Vorschlag, einen Spaziergang über das Forum zu machen, und stieg mit ihm zu einem Halbrund empor, das östlich in der Abendsonne aufragte. Urso hatte erzählt, dass dies einst die Märkte des Trajan gewesen seien, doch jetzt reihten sich hinter der Bogenfassade nur noch leere Räume. Ihnen gegenüber lag der Kapitolshügel, weiter links erstreckte sich der Palatin, überwuchert von den Palästen der einstigen römischen Kaiser.
Pelagia sah Patricius verstohlen von der Seite an, bevor sie sich schließlich einen Ruck gab.
»Du kommst aus einem irischen Kloster und bist aufgebrochen, die Heiden zu missionieren.«
»Woher weißt du das?«
»Von Urso. Aber jetzt bist du kein Mönch mehr, oder?«, fragte sie scheu.
»Nein, Papst Martin hat mich von dem Gelübde entbunden«, er sah sie nachdenklich an. »Er meinte, ein Priester könne als Diener der Kirche mehr für den Glauben bewirken als ein Einsiedler.«
Ohne sich den wahren Grund einzugestehen, freute sich Pelagia. Eine Weile standen sie schweigend beisammen und sahen zum Forum hinüber, das bereits im Schatten versank, während ein Stück rechts von ihnen die Kaiserstatue auf der Trajanssäule in der Abendsonne glänzte.
»Wenn in drei Tagen der Kaiser nach Rom kommt …«, Pelagia nahm ihren ganzen Mut zusammen, »… wäre es möglich, ihm vorgestellt zu werden? Mein Urgroßonkel zweiten Grades, oder was Petronius auch immer sein mag, wird das wohl kaum zuwege bringen.«
Patricius sah sie prüfend an und lächelte. »Der Basileus hat seine Familie in Konstantinopel zurückgelassen. Er wird fast nur von Höflingen, Staatsbeamten, Soldaten und Priestern begleitet. Eine schöne junge Frau kann er nicht übersehen.«
Pelagia errötete, dann entgegnete sie unwirsch. »Ich will aber nicht als Zierrat oder gar noch Schlimmeres angesehen werden. Ich bin aus vornehmer Familie, spreche Griechisch und Latein, kann aus der Ilias und der Äneis rezitieren, sogar Kithara spielen …«
»Natürlich, so habe ich das nicht gemeint«, beschwichtigte sie der Priester und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. »Der Exarch wird gewiss ein Bankett auf dem Palatin veranstalten, zu dem die Großen der Stadt geladen werden. Vielleicht kann ich dafür sorgen, dass Petronius eine Einladung erhält und dich mitbringen kann. Hab Geduld.«
***
Zwei Tage später, am fünften Juli, strömte schon morgens eine unübersehbare Menge aus dem südlichen Stadttor. Bald war die gesamte Via Appia von Menschen gesäumt, die sich am Straßenrand drängten. Mütter hielten ihre Kinder im Arm, Greise stützten sich auf ihre Stöcke, Männer hatten ihre besten Tuniken angelegt, Bettler forderten zu christlicher Freigiebigkeit auf und fliegende Händler boten mit Wasser verdünnten Wein feil. Die Spitze der Menschenmenge bildeten der Papst und die Würdenträger der Stadt, die ihre besten Roben angelegt hatten, um am sechsten Meilenstein den Kaiser zu erwarten.
Pelagia saß mit Patricius einige Dutzend Schritt entfernt auf dem grasbewachsenen Dach eines Grabtempels, den sie mit Ursos Hilfe erklommen hatten. Der junge Mann war bereits weitergezogen, um die Dienste seiner Leiter – selbstverständlich gegen einige Kupfermünzen – auch anderen Wagemutigen anzubieten, die das große Ereignis von einem der verfallenen Grabmonumente zu beiden Seiten der Straße beobachten wollten. Den Vorschlag, gemeinsam den Festzug anzusehen, hatte Pelagia gemacht, und sie war ebenso überrascht wie erfreut gewesen, als Patricius zugestimmt hatte.
»Da vorne, sieh!« Die Stimme des Priesters riss sie aus ihren Gedanken. Eine halbe Meile südlich schwebten Standarten über der Straße, blinkten Helme in der Sonne, waren Reiter in glänzenden Rüstungen auszumachen. Langsam kroch ein Heerwurm heran, an dessen Spitze ein bärtiger Mann ritt. Er trug einen vergoldeten, runden Helm mit einem Kreuz, über dem bunte Federn wippten; seinen massigen Körper verhüllte ein in Falten gelegtes Gewand aus golddurchwirktem Brokat. Doch am auffälligsten war sein Gesicht, das die Beobachter erst erkennen konnten, als er die wartenden Würdenträger erreichte: Kantige, herrische Züge, leicht hervortretende Augen und eine wulstige Nase. Besonders ins Auge fiel der ausladende Schnurrbart, dessen Spitzen zu beiden Seiten über die Wangen ragten. Der Mund darunter wirkte hart, ein schmaler Strich, der kaum mehr als spöttische Verachtung für das ganze Treiben auszudrücken schien. Ein langer Vollbart wallte bis zur Brust und bewegte sich leicht, als der Kaiser sein Pferd zum Stehen brachte.
Papst Vitalianus trat aus dem Kreis der Kleriker, die Kreuze, Fahnen und brennende Kerzen emporhielten. Er kniete nieder, während die umstehenden Würdenträger in laute Rufe »Heil dir, Imperator und Beschützer der Stadt!« ausbrachen. Der Kaiser runzelte die Stirn, bis ihm ein Begleiter übersetzte, dann ließ er sich zu einem huldvollen Lächeln herab, bedeutete dem Papst, sich zu erheben und ließ ihm ein golddurchwirktes Gewand überreichen. Dazu sagte er einige Worte, die Pelagia auf die Entfernung nicht verstehen konnte.
»Er spricht nur Griechisch, kein Latein!«, flüsterte Patricius ihr zu, »was nicht immer von Nachteil sein muss.«
Was er mit dieser seltsamen Bemerkung meinte, wurde Pelagia klar, als der Herrscher in Begleitung der Sänften des Papstes, des Exarchen und der Honoratioren der Stadt langsam die Via Appia entlangritt. Sie hatten Urso mit seiner Leiter herangewunken, und Patricius war es gelungen, sie mit dreister Selbstverständlichkeit in den Zug zu drängen, so dass es schien, als gehörten sie zum Gefolge. Zwar erschallten vereinzelte Hochrufe aus den Reihen der Zuschauer, doch meist herrschte nur ein grimmiges Schweigen, das gelegentlich sogar von halblauten Ausrufen wie »Mörder von Papst Martin!« unterbrochen wurde. Doch blieb es bei diesen Bemerkungen, die nicht für die Ohren der Soldaten bestimmt waren, die mit ihren Kettenpanzern wie eine silberne Schlange den Zug beschlossen. Nach drei Stunden hatten sie die Stadt erreicht, die Caracallathermen passiert, waren am Circus Maximus in Richtung des Kolosseums abgebogen und zogen jetzt durch den Titusbogen in Richtung Forum. Immer wieder ließ der Kaiser halten, sah sich um, wies auf das eine oder andere Monument und hörte sich die Erklärungen eines Begleiters an. Bei der Phokassäule gab es eine erregte Diskussion, der Kaiser zeigte auf die vergoldete Bronzefigur und schien Befehle zu erteilen, bevor es weiterging.
»Er lässt die Statue herunterholen!« Die Neuigkeit machte unter den Zuschauern rasch die Runde. Einige nickten verständnisvoll, war doch Phokas, ein grausamer Tyrann, von Herakleios, dem Großvater des Kaisers gestürzt worden, um das Reich zu retten. Doch andere sahen darin ein schlechtes Omen, denn Phokas war zugleich ein Freund Roms gewesen, und schüttelten den Kopf, als der Kaiser weiterzog, um der Messe in der Peterskirche beizuwohnen.
Auch Pelagia und Patricius standen ganz vorne in der Menschenmenge, die sich in der großen Basilika drängte. Als der Gottesdienst begann, Weihrauchschwaden und Chorgesang den Raum erfüllten, Leuchter mit flackernden Kerzen hereingetragen wurden und der Papst zu dem erhöhten, durch gedrehte Säulen abgetrennten Altarbereich schritt, verspürte Pelagia zum ersten Mal seit ihrer Jugend wieder das Gefühl, etwas Großartigem, Unbegreiflichem beizuwohnen. Ihre Augen wanderten empor zu dem Mosaik in der halbrunden Apsis, das den siegreichen Christus vor goldglänzendem Hintergrund zeigte, und in diesem Augenblick war sie sich gewiss, dass Gott ihr gewähren würde, was sie sich ersehnte.
***
Die nächsten Tage bemühte sich Pelagia, möglichst oft dabei zu sein, wenn der Kaiser durch Rom zog, um wie ein gewöhnlicher Pilger eine Kirche nach der anderen aufzusuchen. Doch bald bemerkte sie irritiert, dass Konstans keineswegs nur von frommem Eifer erfüllt war. Mit geiergleichem Blick musterte er die Umgebung, und wenn seine Augen eine bronzene Figur bemerkten, die noch irgendwo zwischen den Trümmern aufragte, so genügte ein Wink, dass die Soldaten ausschwärmten, sie von ihrem Sockel rissen und zu einem Lagerhaus am Tiber schafften. Selbst die Reiterstatue des großen Konstantin vor dem päpstlichen Lateranpalast reizte seine Gier. Nur die flehentlichen Bitten des Papstes, zusammen mit den Zornesrufen und den geballten Fäusten der Volksmenge, ließen ihn von seinem Vorhaben zurückschrecken.
Dafür betrachtete Konstans umso eingehender die Kirche der Heiligen Maria zu den Märtyrern, das vormalige Pantheon, ging um den Rundbau und zeigte zuletzt auf das Dach. »Für die Bronzeziegel dort oben«, verkündete er und strich sich über den Bart, »haben wir eine bessere Verwendung. Holt Leitern und nehmt sie herunter!« Dann betrat er mit spöttischem Siegerlächeln die Kirche, gefolgt von dem gebeugten Papst, der genauso wenig zu protestieren wagte wie die umstehenden Kleriker, Mönche und Vornehmen der Stadt.
Am Samstag, als der allerchristlichste Herrscher schon zehn Tage in der Stadt weilte und sie, wie das Volk grollte, gründlicher ausgeraubt hatte als all die Barbaren zuvor, sollte am Abend ein großes Festbankett in der Vigiliusbasilika des Lateranpalasts stattfinden. Der Kaiser, so hieß es, wolle Rom bald wieder verlassen, um seine Residenz in Syrakus aufzuschlagen. Pelagia hatte diese Nachricht mit gemischten Gefühlen aufgenommen, lag doch Sizilien näher an ihrer Heimatstadt Karthago. Und da sie noch immer nicht dem Kaiser vorgestellt worden war, wuchs ihre Verzweiflung und sie bedrängte Patricius, der sie morgens im Haus des Senators besuchte, unbedingt einen Weg zu finden, an dem Bankett teilnehmen zu können.
»Willst du wirklich an den Kaiserhof?«, fragte der Priester, die Hände verschränkt. »Allem zum Trotz, was du gesehen hast?«
»Ja«, antwortete die junge Frau heftig und griff nach dem Siegel, das sie an der Kette aus blauen Glasperlen um den Hals trug. »Ich muss auf mein Glück bauen. Das ist meine einzige Möglichkeit.« Sie seufzte. »Wenn ich nur kostbaren Schmuck hätte, wenigstens ein Perldiadem oder goldene Ohrringe …«
»Deine Schönheit macht das wett!«, entfuhr es Patricius, der sich gleich darauf verlegen das Kinn rieb und zu Boden blickte.
Doch Pelagia strahlte ihn nur an. »Meinst du? Was könnte ich tun, um den Kaiser zu beeindrucken?«
»Es ist ein feierliches Bankett. Ich könnte dich als Übersetzerin einführen, denn kaum ein Römer spricht mehr Griechisch und der Kaiser versteht, wie schon gesagt, kein Latein. Lass mich nachdenken …« Patricius legte die Stirn in Falten, dann hellte sich seine Miene auf. »Sei eine Stunde vor Sonnenuntergang am Lateranpalast, zusammen mit Petronius.«
»Danke!!« Es fehlte nicht viel, und das Mädchen hätte ihn umarmt. »Du machst mich überglücklich!«