Kapitel 20
Am anderen Ende der Leitung gurrte der Kriminaldirektor vor Glück. »Sehen Sie, meine kleine Viviane, habe ich es nicht von Anfang an gesagt, ›cherchez la femme – folgen Sie der Frau‹. Sie wollten mir ja nicht glauben. Aber egal, jetzt wo alles klar ist, können Sie Ihre Ferien dort beenden. Übersenden Sie Lieutenant Cruyff meine Glückwünsche.«
Viviane hätte auch gerne eine Streicheleinheit bekommen, traute sich aber nicht, darum zu bitten. »Und wie sollen wir weiter verfahren, Herr Kriminaldirektor? Es war vorgesehen, dass der Schuldige am Hauptsitz befragt und bei seiner Ankunft in Paris festgenommen wird. Königin wird sich nicht täuschen lassen, die Leitung des Esprit-Clubs hatte sie seinerzeit über das Prozedere informiert.«
»Ach«, sagte der Allmächtige. Er gönnte sich ein langes Chef-Schweigen, dicht, voller höherer Ideen. »Ich werde mit dem Minister sprechen. Ich rufe Sie zurück.«
Willy wartete hinter der Tür. Sie ließ ihn eintreten und legte ihm die Situation dar. Er war verblüfft und begriff nicht, warum man die Schuldigen nicht der griechischen Polizei überlassen konnte. »Machen Sie solche Spielchen öfter mit, Sie, als Kommissarin?«
»Ich akzeptiere sie, weil ich Kommissarin bin, Willy.«
Sie ergänzte nicht, »Ich bin Kommissarin, weil ich sie akzeptiere«, das hatte der Lieutenant schon verstanden. Er ging schwimmen.
Kurz darauf rief der Allmächtige zurück. »Da haben Sie uns ja schön reingeritten, mit diesem Fall. Aber wir haben eine Möglichkeit gefunden, die Personen auszuschleusen. Ich nehme an, Sie haben eine Waffe?«
Es war herrlich mit ihm. Er nahm immer das an, was ihm gerade passte. »Man hat mir einen .45-Colt geliehen.«
»Gut. Morgen, nach der Aufführung, werden Sie die beiden Verdächtigen festnehmen, ganz diskret. Sie leihen sich das Dingi vom Club und fahren mit ihnen bis an die Grenze der Hoheitsgewässer, immer nach Osten. Da kommt dann ein Schnellboot der Marine, um die beiden abzuholen. Sie bleiben in telefonischem Kontakt. Und natürlich machen Sie keine Welle vor morgen Abend, damit die Vögelchen nicht ausfliegen. Tags darauf trifft dann der neue Dorfchef ein, und Sie klären mit ihm alles Weitere, um am Sonntag in den Flieger nach Hause steigen zu können. Noch Fragen?«
In seiner Sprache bedeutete diese Frage, dass sie gefälligst keine Fragen mehr zu stellen habe. Viviane bedankte sich beim Allmächtigen, bevor er auflegte – für den Fall des Falles musste man sich immer bei seinem Vorgesetzten bedanken. Das Ende der Geschichte gefiel Viviane nicht: Aus dem Krimi wurde ein Spionagefilm.
Eine Frage hatte sie aber doch noch. Was sollte sie in der Zeit bis zur Verhaftung machen?
Der Lieutenant hatte keine Bedenken. Als sie ihm die Programmänderung ankündigte, sah er sich den Aushang der Aktivitäten an. »Wichtig ist nur, dass man uns den Samstagabend lässt, für das Karaoke. Würde es Ihnen Spaß machen, im Duo mit mir zu singen?«
»Ja, Willy, viel Spaß.« Sie hatte einen Entschluss gefasst. Wenn Sie schon dazu verdammt war, noch sechsunddreißig Stunden im Club zu verweilen, dann wollte sie eine echte Chérie werden. Sie würde lernen, ihre Schwimmsachen gleich morgens an den Pool zu bringen, um sich einen Liegestuhl bis zum Abend zu reservieren, alle Leute zu duzen und ihnen dabei auf die Schulter oder den Bauch zu klopfen. Sie würde vergängliche Freundschaften kennenlernen, die man vor dem Eisstand knüpfte, Oh, wie lustig, du hast dasselbe ausgesucht wie ich, Zitrone und Mango, bestimmt hast du auch dasselbe Sternzeichen. Sie würde mit Begeisterung an den Spielen teilnehmen, an den TV-Satiren, oh ja, wir nehmen »Knack die Nuss«, du stellst die Fragen, ich bin der Kandidat, sie würde sich mit den angetrunkenen Kokos fotografieren und sich küssen lassen, hör auf, das kitzelt, sie würde griechischen Wein trinken bis zum Abwinken, um dann zur Siesta in einen hypnotischen Schlaf zu fallen. Schließlich würde sie Fünfte beim Drei-gegen-drei-Boule-Turnier werden, ha, und erst wollte niemand sie in der Gruppe haben … Sie würde in den Geschäften des Clubs irgendetwas kaufen, also gut, es war vielleicht nicht geschmackvoll, aber dafür war es von hier. Vielleicht würde sie sogar Fredo in seine Lodge begleiten, nein wirklich, am Empfang Kondome zu besorgen ist nicht meine Sache.
Sie würde alles machen wie alle, um sicher zu sein, wie alle zu sein. Und sie tat alles, was sie sich vorgestellt hatte, mit Ausnahme von Fredo, der schon auf Plan B ausgewichen war.
Als die finsteren Stunden zu Ende gingen, wusste sie, dass sie ein Leben lang den Eindruck haben würde, die schrecklich gute Seite des Lebens entdeckt zu haben. Stunden, die einen der besten Momente einer Bullenkarriere nicht verderben durften: die Lösung eines Falls.
Am Abend trat sie an den Tisch der gelben T-Shirts, die gerade ihr Essen beendeten, und neigte sich zu Königin und Animateur-Koko. »Ich muss mit Ihnen beiden sprechen, nach der Aufführung, es ist sehr wichtig. Können wir uns bei Ihnen treffen, Königin?«
Diese sagte sofort zu, ohne ihre Verwunderung zu verbergen.
Zwei Stunden später klopften die Kommissarin und ihr Lieutenant bei Königin an die Tür. Animateur-Koko und Königin empfingen Viviane und Willy mit der höflichen, besorgten Miene, mit der ein Direktor die Elternvertreter empfängt.
»Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten: Könnten Sie Zecher-Koko bitten, das Dingi heute Nacht nicht zu benutzen? Wir werden es brauchen.«
Königin schien überrascht zu sein, deswegen ergänzte sie: »Das ist eine Frage der Sicherheit, mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Rufen Sie ihn gleich an, sobald die ersten Chéris in den Nachtclub kommen, schaltet er sein Handy aus.«
Königin zuckte mit den Schultern und tat, worum sie gebeten wurde. »Zecher-Koko? Du fährst heute Nacht nicht mit dem Dingi raus … So ist das aber … Nein, ich kann es dir nicht erklären … Mal sehen, später, später.« Sie legte auf. Sie lächelte nicht. Man hatte ihre Autorität erschüttert, sie musste sie zurückgewinnen. »Sind Sie deswegen hier, Commissaire?«
»Ich wollte Ihnen noch unsere Glückwünsche übermitteln.« Viviane hatte diese Worte geäußert, während sie auf Königins Bauch schaute, und fuhr sehr freundlich fort: »Wann ist es denn so weit?«
Jetzt musste die Befragung Schlag auf Schlag gehen, damit Königin keine Zeit bliebe, sich zu fassen. Die junge Frau sah sie verwirrt an. »In sechs Monaten. Woher wissen Sie … Haben Sie das erraten?«
»Da war zunächst Ihre Übelkeit, an dem Tag, als der Türke starb. Dann habe ich in Ihrem Büro ein Foto gesehen und mich gefragt, warum eine Frau, die so schöne Backflips macht, seit zwei Monaten kein Wasserski mehr fährt. Ich konnte kaum glauben, dass King Ihnen eine Viertelstunde mit dem Dingi verbietet, während er Zecher-Koko seinen Nachtausflug lässt. Was hinderte Sie also jetzt daran, Ihr Training wieder aufzunehmen? Niemand, außer einem kleinen Ei, das im Bauch seiner Mutter nicht herumgerüttelt werden möchte. Ein kleines Ei, das Ihr Liebhaber befruchtet hat – King konnte schließlich keine Kinder bekommen.«
»Na und? Was geht Sie das an? Eine Frau hat ein Recht darauf, von ihrem Liebhaber schwanger zu werden!«
»Ja, nur dass Ehemänner selten dieser Meinung sind. Ich glaube, dass das das wirkliche Thema des Streits war, den alle Kokos mit angehört hatten. Er hatte endlich begriffen, dass Sie schwanger sind, und wollte wissen, wer der Vater ist, um ihn aus dem Dorf zu jagen, stimmt’s?«
Königin und Animateur-Koko warfen sich ratlose Blicke zu. Viviane wusste, dass sie gleich sprechen würden.
»Er wollte, dass ich abtreibe, der Dreckskerl«, seufzte Königin. »Sollte ich mich weigern, würde er mir das Leben zur Hölle machen. Ich wusste auch, dass er niemals einer Scheidung zugestimmt hätte. Er hätte mich lieber tot gesehen, als mit einem anderen Mann.«
Viviane nickte. Manchmal genügte es, die Befragung gut einzuleiten, damit die Verdächtigen die Katze aus dem Sack ließen. Sie beschloss, ihnen unter die Arme zu greifen: »Er war schwer zu identifizieren, dieser Mann. Ich habe lange geglaubt, es sei Gegenwind-Koko, und dass Sie sich am Ufer des Meeres trösten ließen, im Segel-Bungalow, wenn King unterwegs war.«
»Was wissen Sie davon?«
»Neulich, bei Sonnenaufgang, hing Ihr Parfüm noch in der Luft: Shalimar von Guerlain. Gegenwind-Koko hat einen glaubwürdigen Liebhaber abgegeben, er hatte den Schlüssel zum Segel-Bungalow, sprach zärtlich von Ihnen. Nur leider passten die Stundenpläne nicht zusammen, und die Herzenspläne auch nicht: Ich weiß, dass er eine Angetraute hat. Aber gestern, als ich noch einmal vorbeigegangen bin, da war wieder dieses Parfüm und ein sehr schmutziges Papiertaschentuch. Man hatte es dafür gebraucht, einen Pfeifenreiniger abzuwischen, an dem diese sehr besondere Note griechischen Tabaks mit Weihrauch haftete. Da konnte ich beide Enden zusammenführen: Animateur-Koko hat sein Reinigungsritual vollzogen, während er auf Sie wartete. Gegenwind-Koko war eingeweiht, nicht wahr? Die pantheistischen Meditationen am Strand erlaubten ihm, Wache zu halten und bei Gefahr im Verzug einen Heyduda zu schicken. Können Sie mir so weit folgen?«
»Sehr wohl, Commissaire«, antwortete Königin, »aber ich sehe in all dem noch immer nichts, was diese nächtliche Zusammenkunft rechtfertigt. Halten Sie mir eine Moralpredigt?«
Viviane ließ sich nicht ablenken und fuhr fort: »Da beschließen Sie, King umzubringen. Sie haben nichts zu verlieren, nicht einmal die große Erbschaft, denn den im Sterben liegenden marokkanischen Patenonkel gibt es nicht. Schönes Alibi, gut ausgedacht, unmöglich zu überprüfen.«
»Unmöglich zu überprüfen, also unmöglich zu widerlegen«, wandte Animateur-Koko ein.
Viviane wusste, dass der Anschluss jetzt schwierig werden würde. Die beiden Geliebten hörten ihr ruhig zu. Sie durfte nicht bluffen, sie musste erzählen, wie es war. Wer von beiden würde schneller die Nerven verlieren?
Sie wandte sich Animateur-Koko zu. »Um King zu töten, nutzten Sie die Tatsache, dass er die kleinen Nebenverdienste der Kokos konfiszieren wollte. Das würde alle gegen ihn aufbringen, alle würden sich verdächtig machen. Sie würden sich seiner also entledigen, aber nicht irgendwie. Er hat Sie beide immer wieder aufs Neue erniedrigt, von Jahr zu Jahr, weil er mit Ihnen umgesprungen ist, als wäre der eine von Ihnen ein serviler Kriecher und die andere ein Mädchen für alles. Sie wünschen sich, dass er stirbt, noch während er seine nackte Frau entdeckt und herauszufinden versucht, wer ihr Liebhaber ist – dabei steht der schon da, genau unter ihm, bereit, ihn zu töten! Welch ein Genuss! Sie standen auf der Leiter, nicht wahr, Animateur-Koko? Und King genau über Ihnen, am Rand des Rads. Sie haben ihn mit ihrem langen Pfeifenreiniger ermordet, den Sie für Ihren Knösel brauchen. Täusche ich mich?«
Animateur-Koko antwortete nicht, konnte aber ein kurzes stolzes Lächeln nicht unterdrücken. Viviane war auf dem richtigen Weg. Jetzt kam der schwierigere Teil. »Sie haben ihn geschärft und an Sixiz ausprobiert. Sie haben einen zerbrochenen Spieß in die Wunde gesteckt, um davon abzulenken, dann haben Sie ihn aufgehängt, um falsche Fährten zu legen. Der aufgebrachte Türke würde King beschuldigen, was aus ihm den ersten Verdächtigen machen würde, aber womöglich könnte er beweisen, dass er unschuldig war. Sehr wichtig, die Sache mit dem Türken, ich komme darauf zurück. Sie haben bewusst alles kompliziert gemacht: Kings Tod allein genügte Ihnen nicht, Sie wollten die Figur, seine Rolle, den König ausschalten. Ihn dem Mob ausliefern, wie einen Hund, den man totprügelt. Hierfür überzeugen Sie ihn davon, seine Unterredungen im Königskostüm abzuhalten, das würde Ihnen das Umziehen ersparen, nachdem Sie ihn erstochen hätten. Ein wundervoll in Szene gesetzter Mord, ein kunstvoller Plan, der nur durch einen Makel ins Wanken geriet, durch Brigadier Vermeulen, stimmt’s?« Sie lächelte Animateur-Koko zu, er lächelte zurück. Nur jetzt nicht den Blick abschweifen lassen, wenn er sich zu Königin drehte, riskierte Viviane, dass er wieder unter ihre Kontrolle geriet. Viviane lächelte noch mehr, ermunternd, freundschaftlich.
»Ja«, seufzte Animateur-Koko. »Nachdem ich King getötet hatte, habe ich auf dem Thron einen handgeschriebenen Zettel entdeckt. Darauf standen die Uhrzeiten der Unterredungen, als Letztes war noch ein Name hinzugekommen, der des Bullen. Das brachte all unsere Pläne durcheinander. Wir hatten vorgesehen, King ab jenem Moment dort hängen zu lassen und das Amphitheater zu verschließen, bis das Fest anfing. Aber der Bulle hätte sicher Theater gemacht, wenn er King entdeckt hätte. Er kannte das Ritual mit der Puppe nicht, er hätte ihn bestimmt abknüpfen lassen. Es wäre so schade gewesen, wir wollten ihn unbedingt verprügeln lassen.«
»Haben Sie gar nicht befürchtet, in Verdacht zu geraten?«, fragte Willy.
»Wir hatten uns ein Alibi zurechtgelegt: Der Türke sollte bestätigen, dass King noch da war, mit Königin, um ihm mitzuteilen, dass er die Kündigung rückgängig gemacht habe, nachdem wir gegangen waren.«
Viviane nahm den Faden wieder auf: »Angesichts dieses Zwischenfalls beweisen Sie ein außerordentliches Improvisationstalent. Sie beschließen, die Leiche bis zum Abendessen unter den Planen zu verstecken. Zuerst bereiten Sie den Strick vor. Wie könnte man, sobald der Henkersknoten am Hals gut sitzt, den Körper schnell und unauffällig hinunterfallen lassen, ohne die Leiter aufstellen zu müssen? Sie befestigen ein dünnes Seil an seinem Fußgelenk, mit einem Anbindeknoten, bevor sie es unauffällig am Mast vertäuen. Sie haben so viel Zeit im Segel-Bungalow verbracht, um auf Königin zu warten, da mussten Sie den Knoten ja gut kennen! Man müsste nur an dem einen Ende ziehen, um den Körper fallen zu lassen, und an dem anderen, um das Seil zu lösen, denn das Fußgelenk befindet sich immerhin in einigen Metern Höhe. Sie lassen Clown-Koko kommen, sodass beide, er und Brigadier Vermeulen, Kings Verschwinden bemerken. Nach dem Essen gehen Sie dann mit Spritzen-Kiki beim Amphitheater vorbei. Die würde die Stufen ganz bestimmt nicht mit Ihnen hochgehen, aber bezeugen können, dass Sie nur drei Minuten im Amphitheater geblieben sind.«
Königin und Animateur-Koko folgten den Ausführungen ihrer Taten interessiert. Fühlten sie sich schuldig? Viviane holte Luft. Was folgte, war weniger glorios. »Diese Alibis hatten Sie nur ›für den Fall, dass‹ vorbereitet. Normalerweise hätte jeder an einen Selbstmord geglaubt. Aber falsch gedacht: Brigadier Vermeulen hat das nicht geglaubt. Und als ich hier eintreffe und später den Türken befrage, überkommen Sie erste Zweifel: Wenn ich nun auch nicht daran glauben würde? Da kommt zum Glück der Henker mit seiner spitzen Mütze und entlastet Sie. Sagen Sie, Königin, wie heißt diese Mütze mit den Augenschlitzen auf Türkisch?«
»Woher soll ich das wissen, er hat das Wort wahrscheinlich gesagt, und ich habe es nicht gehört, er hat mehr mit den Händen gestikuliert als geredet.«
»Nein, er hat mit seinen Händen nichts bedeutet, das so eine Mütze beschreiben sollte, ich habe das genau gesehen. Also, wissen Sie, wie Mütze auf Türkisch heißt?«
Königin kniff die Lippen zusammen und schwieg.
Viviane lächelte sie an. »Kukuleta, ein Wort, das man nicht vergisst, oder? Es gab niemals eine Kukuleta, und auch keinen Henker. Sie haben sich diese Figur ausgedacht, um uns zu täuschen, und das ist Ihnen weiß Gott gelungen. Was hatten Sie den Türken damals übrigens wirklich gefragt? Wie haben Sie ihm diese Beschreibung des Henkers abgerungen?«
»Ich habe ihn gebeten, mein weißes Kleid, meinen roten Schal und den Türstock zu zeigen, ganz einfach.«
»Und damit dachten Sie, dass die Sache geregelt sei. Aber ich wollte noch einen richtigen Dolmetscher beauftragen. Ihre Erfindung mit dem Henker würde alles auffliegen lassen, und Sie mit dazu. Also mussten Sie improvisieren.«
Viviane beschrieb daraufhin die Ermordung des Türken, wie sie es schon für Willy getan hatte, nur mit mehr Details, mehr Effekten. Ihre Ausführungen galten nicht mehr den beiden Angeklagten, sondern ihrem Lieutenant. Er hörte ihr mit großen Augen zu. Königin nickte immer wieder, senkte den Kopf. Ja, es stimme, diese zweite Flasche habe sie in Panik versetzt. Und ja, die Sache mit der Katze habe ihr den Rest gegeben.
»Genau da kamen mir erste Zweifel«, erklärte Viviane, »die verschwundene Katze hat Sie mehr mitgenommen als der tote Türke. Ich habe mich gefragt, wann Sie mir wirklich etwas vorgespielt haben.«
»Ich war wie von Sinnen. Ich fürchte mich wirklich schrecklich vor übernatürlichen Phänomenen. Aber wer hat denn die Katze verschwinden und wieder auftauchen lassen, im Pool und im Amphitheater, Sie?«
Jämmerlich gestand Willy seinen Besuch beim Tierpräparator. »Aber das mit dem Pool und der gehängten Katze«, versicherte er, »das war ich nicht. Mein Mitbewohner hat es mir gestanden. Kumpels von ihm, allesamt Trinker, die ständig zugedröhnt sind, sind in unserer Lodge vorbeigekommen. Sie haben Sixiz gefunden, als sie Eiswürfel aus dem Kühlschrank holen wollten und ihn einfach mitgehen lassen. Dann haben sie ihn wieder aus dem Müll geangelt und sich einen Spaß damit gemacht.«
Königin und Animateur-Koko hörten zu und nickten.
»Ah«, fiel Viviane noch ein, »beinahe hätte ich Ihr letztes Manöver vergessen, die Zeichnung mit der gehängten Königin. Das haben Sie sich während der Versammlung mit den Kokos ausgedacht, um mich glauben zu machen, es handle sich um eine Drohung von einem von ihnen, weil er seinen kleinen Nebenverdienst nicht verlieren wollte. Außerdem haben Sie sehr hinterhältig meinen Verdacht auf Clown-Koko, Küchen-Koko und Schraubenzieher-Koko gelenkt, die ein paar hübsche Verdächtige abgaben. Aber der Lieutenant ist Ihnen nicht in die Falle getappt: Ein normaler Mann schaut sich die Ohrringe einer Frau nicht an.« Sie atmete kurz durch. Ihre Ausführung war lang gewesen, jetzt wurde es Zeit, Schlüsse zu ziehen. »So, der Fall wäre aufgeklärt. Bravo! Noch nie bin ich in einem Fall so oft auf die falsche Spur geschickt worden.«
Königin zuckte mit den Schultern und erklärte der Kommissarin: »Sie haben nicht den kleinsten Beweis, auch kein Geständnis. Sie haben nur eine schöne Geschichte. Wir haben Ihnen ein bisschen dabei geholfen, sie sich auszudenken, mehr nicht.«
»Das erklären Sie dann dem Richter.«
Animateur-Koko bremste sie mit einer Geste aus. »Königin hat recht, Ihre Version ist brillant, aber wo sind die Beweise? Mit einem guten Anwalt wird man uns aus Mangel an Beweisen freisprechen. Letzten Endes hätten wir unseren Job verloren. Und Ihnen wird man schludrige Ermittlungen vorwerfen, die allein auf Mutmaßungen basieren. Schlecht für Ihre Karriere. Am besten, Sie lassen uns gleich gehen, das wäre einfacher. Und wir würden uns auch erkenntlich zeigen.«
Er war erstaunlich gefasst, als handelte er einen Vertrag aus. Jetzt war er es, der Viviane fest in die Augen schaute.
»Der Mord am Türken ist ein Verbrechen, stimmt. Aber wen stört das, mal abgesehen von seinem Sohn? Wir sind bereit, ihm eine Schadensersatzrente zu bezahlen. Und über den Tod von King vergießt niemand eine Träne. Das könnte man doch dem Türken anhängen. Alle würden zufrieden sein, inklusive Gericht. Kein Aufsehen, das Leben geht weiter. Für Sie beide sogar um einiges bequemer.«
Viviane wusste, dass sie ihn unterbrechen sollte, aber die Neugier überwog, sie hörte ihn weiter an.
»Wir sind einverstanden, Ihnen jeden Monat ein zweites Gehalt zu überweisen, auf Lebenszeit. Ihnen und Ihrem Lieutenant.«
»Sehr gut. Einen Moment bitte.« Sie zog Willy vor die Tür.
Eisig raunte er ihr zu: »Beamtenbestechung. Das können Sie nicht annehmen, Viviane. Zählen Sie jedenfalls nicht auf mich.«
»Ich zähle auf Sie«, sagte sie, »aber um die beiden zwei Minuten zu bewachen. Ich habe die Waffe bei mir vergessen. Ich vertraue sie Ihnen an.« Sie rannte zu ihrer Lodge, fuhr mit der Hand über den Schrank, ganz hinten, rechts, links, aber da war nur Staub. Sie stieg auf einen Stuhl und musste der Tatsache ins Auge sehen. Man hatte ihren .45-Colt gestohlen.
Hinten im Schubfach fand sie die Kugeln, was sie kaum tröstete. Man hatte ihr nur den Colt samt Schalldämpfer gestohlen, allerdings war das Magazin fast voll gewesen: Darin befanden sich sechs Kugeln.
Sie steckte ihr Handy ein, das sie für die Auslieferung auf dem Meer brauchen würde. Das Display zeigte ihr eine Nachricht auf der Mailbox an. Sie hörte sie ab, dann noch einmal, sie war am Boden zerstört: Es war der Allmächtige.
Aufgrund eines Impediments würde die ganze Sache um vierundzwanzig Stunden verschoben.
Viviane hatte noch nie etwas von einem Impediment gehört. Das musste eine Art seltener und edler Krankheit sein, die nur den Ranghöchsten einer Hierarchie vorbehalten war. Sie fand, es war eine äußerst schmerzhafte Krankheit.