Kapitel 12
Königin hatte recht. Es war entsetzlich. Der Türke saß vornübergekippt vor dem Fenster seines Wachpostens an seinem kleinen Tisch. Sein Nacken war mit zwei Axthieben durchtrennt worden und nur mehr ein Loch von Fleisch und Knochen, aus dem noch Blut floss. Die blutige Axt lag neben seinem Kopf auf dem Tisch, der Griff war in einen verschmierten Lappen eingewickelt. Königin stand einen Meter dahinter, rang panisch die Hände.
»Fassen Sie nichts an«, befahl ihr Viviane. »Vielleicht findet man Fingerabdrücke.«
»Wie die Fleischer haben sie ihn hingerichtet. Meinen Türken, meinen armen alten Türken. Ihn, die Unschuld in Person …«
Viviane suchte nach einem idiotischen Trost, nach passenden Worten. Sie fand nur Bullenwörter. »Er hat nicht gelitten. Der erste Schlag hat schon gut gesessen. Er hatte augenscheinlich auch keine Möglichkeit auszuweichen. Erlauben Sie, dass ich mich umsehe?«
Der Raum war kärglich eingerichtet: einige eingerahmte Fotos an den vergilbten Gipswänden, der blutbedeckte Tisch, zwei Stühle, ein Bett, unter das noch eine zweite Matratze geschoben war.
»Die ist von Kerim, seinem Sohn«, erklärte Königin.
Die Kommissarin sah sich weiter um: ein Schrank, eine Glastür, die in einen Hof führte, ein Spülbecken. Auf einer Arbeitsplatte sauberes, nicht abgetrocknetes Geschirr, das zum Abtropfen umgedreht dalag: ein Blechnapf, ein Glas, Besteck. Der Türke hatte sogar die leere Samos-Muscat-Flasche ausgewaschen. »Hat er den Ihrer Meinung nach alleine getrunken oder mit seinem Sohn?«
»Alleine. Kerim ist gläubiger Moslem, er trinkt nie Alkohol. Aber der Vater trank für zwei, er hat locker eine Flasche zum Essen geschafft. Entschuldigen Sie mich, mir ist schlecht.«
Sie ging hinaus und ließ die Tür weit offen stehen. Viviane hörte, wie sie sich übergab. Würggeräusche, die mitleiderregend waren. Als Königin aus dem Toilettenhäuschen hinaustrat, ging sie sich am Wasserhahn im Hof erfrischen, wobei sie auf ihrem Weg Flaschen umrannte, die in der Sonne trockneten.
»Was ist das hier, diese ganzen Flaschen?«, fragte Viviane. »Hat er die gesammelt?«
»Er hat sie eingesammelt, um sie zu verkaufen. Bei dem, was er verdiente, der Arme, war alles nützlich.«
Viviane warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Diese Frau wollte stark wirken, aber ihr ganzer Körper schrie um Hilfe.
»Können wir die griechische Polizei da raushalten, Commissaire? Das würde mir großen Ärger ersparen.«
»Unmöglich, Königin.« Blut, Mord, all das machte Viviane ganz heiß darauf, wieder zur Kommissarin zu werden, den eintreffenden Kollegen zuvorzukommen. »Wer ist Ihrer Meinung nach der Letzte, der den Türken lebend gesehen hat?«
»Wir alle, am Tisch, als er mit seinen Flaschen abgezogen ist. Danach weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat er noch seinen Sohn Kerim getroffen, um ihn an der Schranke abzulösen.«
»Demnach wäre Kerim der Letzte gewesen.«
»Natürlich, aber Sie werden ja wohl nicht seinen Sohn verdächtigen? Er ist ein guter Junge, behindert.«
»Welche Gründe hätten sie, sich zu streiten?«
Königin zuckte mit den Schultern. »Wer suchet, der findet. Früher gab es hier diese schwarze Katze, Sixiz, die Kerim gehasst hat. Hier, auf der Insel, sind alle Katzen rot. Eine schwarze Katze ist wie ein Dämon, und Moslems haben Horror vor allem, was Schaitan, den Teufel, heraufbeschwören könnte. Aber Sixiz ist tot, das kann es also nicht sein.«
»Und die Anwesenheit von Wein im Haus?«
»Für so wenig hätte Kerim seinen Vater nicht getötet. Der Türke trank viel, sein Sohn lehnte das gemäß dem Islam ab, mehr nicht.«
»Hätte er ein Interesse daran haben können, seinen Vater zu töten?«
»Es ist weit hergeholt, aber Kerim hätte vielleicht gerne seinen Job gehabt, jetzt wo der Vater einen guten Vertrag bekommen sollte, während der Sohn von einem Job zum nächsten tingelte, morgens Schrankenwärter, nachmittags Tellerwäscher, nachts Kellner. Aber Kerim war es nicht, unmöglich.«
»Tja, wenn es unmöglich ist und Sie keinen Ärger wollen, stellen Sie den Bullen das doch als Raubmord dar …«
»Was soll man denn hier rauben?«
Viviane sah zu den leeren Flaschen, kam wieder in den Raum, öffnete den Schrank, schaute unter dem Spülbecken nach und antwortete: »Eine Flasche Muscat. Sie haben ihm zwei geschenkt.«
Sie stöberte weiter, inspizierte die Schubladen; Königin folgte ihr wie ein kleines Mädchen, besah sich dieselben Möbel, dieselben Wäschestapel.
»Wonach suchen Sie, Viviane?«
In Viviane stieg Unmut auf. Sie ertrug es nicht, wenn man ihr bei der Arbeit über die Schulter sah. »Ich versuche zu verstehen. Kümmern Sie sich nicht um mich, rufen Sie lieber die Polizei und sehen Sie sich im Hof und im angrenzenden Wald ein wenig um, für den Fall, dass die Flasche in der Nähe herumliegt.«
Königin konnte einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken und ging hinaus. Viviane beendete in Ruhe ihre Durchsuchung. Sie hatte ihre routinierten, flinken Handgriffe wiedergefunden, ihren gewissenhaften Blick. Aber Königins Frage beschäftigte sie: Sie wusste nicht, wonach sie suchte. Sie musste schnell machen, bald würden die griechischen Kollegen kommen.
Ein Schrei des Entsetzens ließ sie auffahren. Schon wieder Königin, sie stand etwas weiter weg, vor einem kleinen Grab, am Fuße eines Baumes.
»Kommen Sie, der Mörder ist ein Wahnsinniger! Oder ein Spinner! Sehen Sie, er hat das Grab der Katze verwüstet!«
Oh ja, ein Wahnsinniger, Viviane war ganz ihrer Meinung. Sie ging zu Königin und lächelte sie verlegen an.
»Liegt sie hier begraben? Äh, sieht doch alles normal aus.«
»Ja aber, bemerken Sie denn nicht? Die Grabplatte wurde bewegt und falsch herum wieder aufgelegt, mit dem Kopf nach unten. Die Katze hieß SIXIZ, nicht ZIXIS. Im Hof liegt ein Spaten, ich hole ihn.«
Viviane folgte ihr, peinlich berührt. War noch Zeit, ihr alles zu sagen? Zu spät, Königin hatte schon mit dem Graben begonnen.
Dann hielt sie schließlich inne, zeigte auf das leere Grab. »Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr, man hat den Leichnam gestohlen.«
Sie setzte sich auf den Boden, legte den Kopf in die Hände. Viviane beobachtete sie mitleidig. Königins Schultern wurden von Schluchzern geschüttelt. Der Diebstahl der Katze schien sie noch mehr in Panik zu versetzen als der Tod des Türken.
»Haben Sie gehört?«, sagte sie und hob den Kopf. »Da war ein Geräusch wie von einer Tür, die zuschlägt. Wollen Sie nicht nachsehen, Viviane?«
Genervt leistet Viviane ihrer Bitte Folge. In ihrer Angst wurde Königin wieder ganz die Königin und behandelte sie wie eine Dienstbotin. Viviane fand niemanden, natürlich nicht, und kam zurück, um die junge Frau zu beruhigen, die soeben damit fertig wurde, die Grube wieder zuzuschütten.
»Nehmen Sie es mir nicht übel, Viviane, ich hatte immer Angst vor allem Übernatürlichen, Hexengeschichten, Zauberei. Ich hatte auch Angst vor dieser Katze. Vielleicht ist sie wiederauferstanden oder ein Vampir geworden.« Sie hob den Kopf. Sie sah mitgenommen aus.
Da ertönte eine Hupe, die Polizei traf ein.
»Vermeiden Sie Komplikationen, erzählen Sie ihnen nichts von der Katze«, empfahl Viviane. »Jetzt die Version vom Raubmord. Sie können die Kokos und Kikis informieren, aber bitten Sie sie um Verschwiegenheit.«
»Sie gehen? Wollen Sie nicht bei mir bleiben, um der Polizei die Sache zu erklären?«
»Warum sollte ich? Es betrifft mich nicht, ich kann nichts bezeugen. Hier bin ich nur Drehbuchautorin. Ich gehe jetzt.«
Viviane zog sich erleichtert in Richtung Wäldchen zurück. Es war das erste Mal, dass sie die Verantwortung für einen Fall abgeben konnte. Auch wenn sie das ein wenig bekümmerte: Sie wäre gerne noch kurz in der Baracke geblieben. Irgendetwas stimmte nicht, sie war sich sicher, sie hatte es gefühlt, ohne es zu sehen. Und sie hatte noch anderen Kummer, der schwerer wog, und zwar den, dass es ihr nicht gelang, ihren blödsinnigen Assistenten in den Griff zu bekommen. Sie erinnerte sich an Monots Dummheiten zu Anfang: der weggeschleppte Leichnam, das hinuntergeschluckte Beweisstück, der falsche Scoop an die Medien, das erschien ihr jetzt alles verzeihlich, beinahe süß. Warum musste sie sich mit so einem katastrophalen Lieutenant herumplagen?
Die Kommissarin fühlte eine derartige Wut in sich hochkochen, die sie unbedingt loswerden wollte. Sie musste jetzt eine Gemeinheit von sich geben, aber Willy war noch immer nicht zurück. Sie ging zum Empfang, las an der Tafel die Angebote des Tages durch und beschloss, nur zu sich selbst gemein zu sein. Gerade fing der Kurs »Standardtänze« an.
Walzer-Kiki war eine kleine, alternde Frau, mit grauen, kurzen Haaren, die Lippen so schmal wie ihr Körper, ohne Fettpölsterchen und kantig, eine Frau, die nur aus Knochen bestand. Sie sah den beiden zierlichen Heydudas ähnlich, die sie vorstellte, während sie ihren sechs anwesenden Schülern, ausschließlich weibliche Chéries, einen konsternierten Blick zuwarf. »Heute wenden wir uns dem Tango zu, dem sinnlichsten der Paartänze. Aber ich habe heute nur Manolo und Robert, ein oder zwei Damen müssen also den männlichen Part übernehmen. Wer macht das?«
Viviane besah sich die anderen ohne Begeisterung: zu mollig, zu naiv. Sie hatte keine Lust, mit ihnen zu tanzen, abgesehen von Manolo und Robert.
»Jede kommt der Reihe nach dran«, bestimmte Walzer-Kiki. »Also, wer macht den Anfang?«
Ein fröhliches »Warten Sie, ich komme!«, antwortete ihr. Es war Fredo, der Apfelverführer, der Viviane den Blick eines Eroberers zuwarf.
»Ich mache den Mann!«, kündigte Viviane an und schnappte sich eine Blonde mit wippenden Brüsten.
Die anderen Paare fanden zusammen, das Bandoneon hauchte die ersten Töne.
Während sie die acht Basisschritte lernten, die salida, hatte Viviane erfahren, dass ihre Partnerin Mireille hieß, den Club für alleinstehende Frauen sehr toll fand, seit ihrer Ankunft keinen Tanzkurs verpasst hatte und schon kubanische Salsa, Mambo und Polka tanzen gelernt hatte: sehr nützlich, um sich im Nachtclub weniger steif zu fühlen, man könne dort leicht Bekanntschaften machen …
»Ich sage Ihnen das nur für den Fall. Der Playboy, den man manchmal an Ihrer Seite sieht – mit dem sind Sie nicht wirklich zusammen, oder?«, fragte sie Viviane.
»Nein, nicht wirklich, ist nur ein Freund.«
»Das dachte ich mir schon …«
Die Kommissarin steckte den Schlag ein. Wie konnte sie, diese fette Qualle, sich erlauben zu sagen das dachte ich mir schon?
Sorglos plapperte Mireille weiter: »Dem ist nicht langweilig im Nachtclub. Der ist ein heißer Feger. Wenn Sie wüssten!«
Viviane wollte nichts mehr von Willy hören, nicht wie er tanzte, und auch nicht, wie er seine Nächte zubrachte.
»Es ist Zeit zu tauschen, oder nicht?«, fragte sie Walzer-Kiki.
Die Paare strebten auseinander. Fredo stürzte sich auf die Kommissarin, aber Robert kam ihm zuvor.
Walzer-Kiki legte La Cumparsita auf, und Viviane spürte, wie ihr Partner sich an sie drückte. Es war nicht unangenehm, aber Roberts Oberkörper war kalt, flach, professionell. Er führte sie entschlossen, hielt manchmal an, um ihr die Schritte zu erläutern. »Das ist wie im Leben, der Mann schreitet voran, die Frau weicht zurück«, kommentierte er mit einem eindringlichen Lächeln. Wie oft hatte er dieses schwerfällige Scherzchen schon gemacht? Der Kommissarin stiegen beinahe die Tränen in die Augen. Ja, so war es in ihrem Leben, die Männer schritten auf sie zu, und sie wich zurück.
Im Laufe der Stunde wechselte sie mehrmals den Partner, die Partnerin, sie kam sogar in den Genuss von Fredo, sie entdeckte die Varianten der salida, die hesitacio corte, die ocho para atrás, die firulete. Vor allem fand sie Gefallen daran. Ihr schien, als stellte sie sich gar nicht schlecht an.
Manolo, der zuletzt zu ihr gewechselt war, ließ die Sequenz mit ihr andauern. Sie ließ sich tragen von den Akkorden der Geigen, von den Bewegungen der Schultern ihres Kavaliers. »Hast du schon mal Tango getanzt? Nein? Hey, dann bist du wirklich talentiert. Hast du einen Trick, oder wie merkst du dir die Schrittfolgen so gut?«
Ja, sie hatte einen Trick. Einen wunderbaren Trick. Sie stellte sich vor, sie würde mit Augustin Monot tanzen. Die warme Hand, die sie zärtlich festhielt, den Oberkörper gegen den ihren gepresst, die Beine, die lasziv ineinanderglitten, das alles war Monot.
Außerdem war der Tango der einzige Fortschritt, auf den sie seit Beginn dieser Ermittlungen stolz sein konnte: Sie hatte einen Tanz entdeckt, der für sie erfunden worden war. Viviane war müde, sie fühlte ein Brennen im Magen – sicher das essigsaure Gemüse –, ihre Füße schmerzten, ihr war speiübel, aber für nichts in der Welt hätte sie aufgehört.
Am Ende der Stunde versammelte Walzer-Kiki ihre Schüler. »Jetzt, wo ihr alle diesen Tanz beherrscht, gibt es für euch die Möglichkeit, eine Erinnerungs-DVD machen zu lassen: Jede kann sich von Robert filmen lassen, wie sie einen langen Tango mit Manolo tanzt. Das kostet 30 Euro, in bar.«
Ein extravaganter Preis, den die Kommissarin leichten Herzens bezahlte, bevor sie sich an Manolo schmiegte. Sie brauchte diese Erinnerung, diese Bilder des Glücks, die sie in den nächsten Monaten in Paris vielleicht die entsetzlichen Bilder des in seinem Blut badenden Türken mit dem gespaltenen Nacken vergessen ließen. Niemals aber würde der Tango das viel schlimmere Bild verscheuchen können, das noch deprimierender war: das Bild von Sixiz’ Grab, dem leeren Grab, in dem nur die Dummheit ihres Assistenten ruhte.
Es gab da natürlich keinen Zusammenhang, aber je länger die Kommissarin auf Willy wartete, desto mehr quälte sie ihr brennender Magen. Sie ging zur Krankenstation.
Spritzen-Kiki hatte das Gesicht einer Madonna von Raphael, das fälschlicherweise auf einen beleibten Botero-Körper aufgeklebt worden war. Sie begrüßte Viviane mit einem sanften Lächeln, hörte sich ihre Leiden an und holte eine Kiste mit Tütchen aus ihrer Schublade. »Hier ist etwas in der Art von Omeprazol, nur wirksamer. Das macht dann 18 Euro.«
»Sodbrennen ist aber teuer bei Ihnen«, wunderte sich Viviane.
»Na hören Sie mal, ich fahre in die Stadt, um Medikamente zu kaufen, ich verwalte die Bestände, ich stehe für alles gerade, was ich nicht verkaufen kann, ist doch normal, dass ich eine Marge einkalkulieren muss. Wenn Sie lieber nach Lindos in die Apotheke fahren möchten, halte ich Sie nicht davon ab. Aber dafür bräuchten Sie dann ein Rezept.«
Resigniert bezahlte Viviane. Bei dem Preis wollte sie aber noch ein Interview als Zulage haben. »Animateur-Koko hat mir von Ihrer Diskussion an dem Abend erzählt, als King gehängt wurde, als er zum Amphitheater ging. Schade. Wenn Sie mit ihm gegangen wären, hätten Sie, als Krankenschwester, sicher bald bemerkt, dass die erhängte Puppe eine echte Leiche ist.«
»Animateur-Koko war nur auf einen Sprung dort, er war keine drei Minuten weg, ich erinnere mich, es hat gerade für einen ›Sorbas‹ gereicht.«
»Eben, Sie hätten ihn begleiten können.«
»Nein, meine Kilos und ich, wir klettern die Stufen nur hoch, wenn es nicht anders geht.« Spritzen-Kiki sah Viviane an, als wäre ihre Bemerkung abwegig gewesen, dann ergänzte sie: »Sie können das sicher nachvollziehen, denke ich.« Sie sah sie noch durchdringender an, als suche sie eine Lösung für ein geheimnisvolles Problem. »Wenn es Sie übrigens interessiert, ich habe Appetitzügler auf Algenbasis. Die kosten 32 Euro, aber Ihnen gebe ich sie für 30.«
Viviane seufzte stoisch. Sie hatte schon viele Befragungen in ihrer Karriere durchgeführt, hatte Geständnisse erhalten oder durch Überraschungseffekte, Drohungen, Schmerzen oder Kumpelei neue Erkenntnisse gewonnen. Aber mit Geld hatte sie es noch nicht versucht. Sie kaufte die Pillen.
Spritzen-Kiki war einem Plausch nicht mehr abgeneigt. Sie bestätigte die Aussage von Animateur-Koko. Kings Entscheidungen seien für sie eine Katastrophe gewesen. Nicht nur weil ihrem Mann, Clown-Koko, gekündigt worden sei, sondern weil diese Schnapsidee, ein medizinisches Versorgungszentrum im Club zu eröffnen, ihr Einkommen halbieren würde.
»Hätten Sie nicht Königin bitten können einzugreifen?«
»Mit ihr hätte ich nicht den Schimmer einer Chance gehabt, sie ist schlimmer als King.«
»Ihre Tischrunde am Abend des 14. Juli war wohl nicht sehr feierfreudig.«
»Wir waren alle aufgebracht, nicht nur Clown-Koko und ich, auch die anderen Kokos und Kikis. Wissen Sie, wir haben alle unsere kleinen Arrangements, um das Monatsende aufzurunden, aber King hatte entschieden, alles in den Clubumsatz einfließen zu lassen. Wir waren ziemlich sauer, haben viel getrunken, und dabei kam dann eine merkwürdige Stimmung auf.«
Eine vorrevolutionäre Stimmung, lag Viviane auf der Zunge. Sie stellte sich vor, wie die Gruppe sich in Stimmung brachte … »Wer war an dem Abend eigentlich noch mit am Tisch?«
Spritzen-Kiki zählte an den Fingern auf. »Clown-Koko und ich, natürlich, Walzer-Kiki mit ihren Heydudas Manolo und Robert, Muskel-Kiki, Platsch-Kiki, Küchen-Koko, der ständig draußen war, um das Essen zu überwachen, Gegenwind-Koko und einer seiner Heydudas, Zecher-Koko und Schraubenzieher-Koko. Eigentlich alle Kokos und Kikis, nur Königin und Animateur-Koko nicht.«
Bei jedem Namen rief sich Viviane die Nebentätigkeiten desjenigen auf: die Medikamente von Spritzen-Kiki, die Schusterei von Clown-Koko, die DVDs von Walzer-Kiki, Platsch-Kikis Schwimmkurse, das Geister-Lager von Schraubenzieher-Koko. Es fehlten nur noch die Nebenverdienste von Küchen-Koko, Gegenwind-Koko und Zecher-Koko. King hatte ihnen das alles abknöpfen wollen und es teuer bezahlt.
»An so einem geschichtsträchtigen 14. Juli kann man schon mal ein Todesurteil für einen König in Betracht ziehen. Vielleicht sogar das für King. Wenn Sie hätten abstimmen können, hätte es dafür eine Mehrheit gegeben?«
»Sogar eine einstimmige.«
»Eine einstimmige, sind Sie sicher?«
»Ob Sie es glauben oder nicht, die Abstimmung hat stattgefunden. Clown-Koko hat das aus Spaß in die Runde geworfen. Alle waren betrunken, nur ich nicht, ich trinke nicht.«
Es gibt bei Ermittlungen immer einen Moment, in dem man ein Puzzleteil richtig legen kann, wodurch auch die anderen leichter an ihren Platz finden. Auch hier fanden die Teile nach und nach ihren Platz, aber es fehlten noch die beiden in der Mitte. Wer unter den Tischnachbarn hatte abgestimmt und gewusst, dass das Urteil schon vollstreckt worden war? Und wie hatte er es gemacht? Ein drittes noch fehlendes Teil brachte nun alles durcheinander, der Tod des Türken. Animateur-Koko konnte Viviane entlasten, er hatte an diesem Tag mit ihr gegessen, und Königin hatte den Tisch erst lange nach allen anderen verlassen. Wie sollte sie aber unter den anderen den oder die Schuldigen ausfindig machen? Sie konnten es alle gewesen sein. Alle, oder alle zusammen? Man konnte nichts ausschließen.
»Brauchen Sie noch etwas?«
Die Kommissarin war so in Gedanken, dass sie Spritzen-Kiki vergessen hatte, die gerade dabei war, ihren Schrank wieder zu schließen. »Und Zecher-Koko, was für ein Arrangement hat der?«, fragte sie.
Spritzen-Kiki brach in Lachen aus. »Waren Sie noch nie im Nachtclub? Gehen Sie mal hin und bestellen Sie einen Papagallo!«
Diese Frau plapperte alles so schnell aus, wie ihr ein Lachen über die Lippen kam. Sie schuf eine vertrauensvolle Atmosphäre der guten Verständigung, und die Kommissarin begriff plötzlich, weshalb. Im Gegensatz zu den anderen Kokos und Kikis trachtete sie nicht danach, nett zu wirken, sie hatte das nicht nötig.
Viviane hätte die Unterhaltung gerne fortgesetzt, ohne recht zu wissen, welche Fragen sie noch stellen sollte – aber in dem Moment klopfte es. Ein Chéri hatte sich an einem Felsen ein Knie aufgeschlagen. Für die Kommissarin war es Zeit, ihren Platz den echten Patienten zu überlassen.